Archive for the ‘Anja Hilling’ Category

Wien, die „Stadt der Künstler und Kellner“ – Zwischen Kaffeehaus, runden Geburtstagen, Marillenknödeln und poetisch gefärbten Theatergewächsen

Freitag, Januar 13th, 2012

„ ‚Ein anständiger Gast stellt beim Verlassen des Kaffeehauses seinen Sessel selbst auf den Tisch.‘ – hat also, anders formuliert, das Kaffeehaus als einer der letzten zu verlassen.“ Zitat des Wiener Kaffeehaus-Stammgasts Gustav Grüner aus „Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten“ von Friedrich Torberg (1975)

wien-silvester-2011-13.JPG Foto: St. B.
Das Café Leopold Hawelka in der Wiener Dorotheergasse

Was mir kurz vor Silvester als erstes in der Fly „Niki“, wo der legendäre Formel-1-Pilot Lauda, welch Ironie, immer noch selbst die Sicherheitsanweisungen verliest, tatsächlich Lesbares in die Hand fiel, war ausgerechnet der Kurier. Eine andere Legende hatte sich in den Himmel über Wien verabschiedet. „Kaffeehaus-Legende Hawelka gestorben“ titelte das Wiener Blatt. Auch Presse und Standard kondolierten und sogar die deutschen Großzeitungen hatten einen Tag später Nachrufe auf Den Wiener Cafetier überhaupt im Feuilletonteil. Leopold Hawelka starb am 29.12.11 im 101. Lebensjahr. Noch im April 2011 hatte er in dem von ihm 1939 in der Dorotheergasse eröffneten „Café Hawelka“ seinen 100. Geburtstag begangen. Die FAZ erhob das Hawelka nun sogar zum „wahren Café Europa“, denn es hat mit Sicherheit dem „Central“ in der Herrengasse, wo immerhin Leo Trotzki in den Jahren seiner Wiener Emigration Schach zu spielen pflegte, den Rang als Prominentencafé abgelaufen. Im Hawelka gaben sich nach dem Krieg österreichische und internationale Größen aus Kunst und Politik die Klinke in die Hand. Heute lebt das Hawelka immer noch von seiner Tradition als Künstler- und Intellektuellen-Café. Nachdem diese allerdings so nach und nach weggestorben sind, drängen sich nun dort die Touristen und halten bei einer Melange oder internationalisiertem Caffé Latte vergeblich Ausschau nach den Stars und Sternchen. Dabei sitzt man nun sogar in besonders geschützten Räumen, denn die UNESCO hat die Wiener Kaffeehäuser im November 2011 zum Weltkulturerbe erklärt.

(mehr …)

Schwarzes Tier Traurigkeit von Anja Hilling am DT Berlin

Freitag, Juni 11th, 2010

Eine Inszenierung von Jorinde Dröse in den Kammerspielen

Eine Gruppe von Leuten um die Dreißig bis Vierzig bei einem gemeinsamen Picknick im Wald, es ist Sommer und es knistert zwischen den einzelnen Personen und nicht nur im Unterholz des Waldes. Trotzdem kein Weltenbrand, nirgends. Das Stück will dennoch nicht nur bloße Behauptung sein, es ist einfach im ersten Teil willentlich banal. Es werden beim Picknick im Wald Allgemeinplätze belegt, die alle kennen und die man nicht näher erklären muss.

Dann wirft plötzlich der Brand alle Figuren auf sich selbst zurück. Hier entstehen sehr eindrückliche Bilder. Die Figuren in den Videoeinspielungen bekommen durch die Projektion auf die erst schön farblichen Blumenwaldtapeten, plötzlich in schwarz-weiß, wunde Gesichter wie mit Brandblasen gezeichnet. Hier ist der Text wirklich poetisch, auch in all seinen schlimmen Schilderungen des Infernos.

Doch ach, was passiert dann? Nach dem Brand fallen alle, bis auf den Künstler Oskar, wieder in den alten Trott der Banalität. Der einzige Mensch, der vorher gelebt hat, ist nun tot, und mit Miranda ihr Kind. Das Paul daran zerbricht ist noch erklärbar, aber was sagt uns das weiter so der anderen? Hat es diese Katastrophe für sie überhaupt gegeben, hätten sie ohne diese nicht genau so versagt? Ihr Leben ist schon vor dem Brand fest zementiert. Will uns Anja Hilling das als Lebensdrama schlechthin verkaufen? Der Künstler verarbeitet alles in einem Kunstwerk, na was sonst.

Hier haben wir sie wieder, die Dramatik der kleinen Anzeichen, deutlicher geht es nicht mehr. Schade. Über die Regie von Jorinde Dröse muss man da nicht mehr reden. Die eigentlich durchweg guten Schauspieler können einem nur noch leid tun.