Archive for the ‘Anne Lenk’ Category

Verunglückte Ethikrecherche und starres Authentizitätsdogma – Das Deutschen Theater Berlin versucht sich an den Zehn Geboten und einem Fest

Sonntag, Januar 29th, 2017

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10 Gebote – Der verunglückte Versuch einer zeitgenössischen Ethik-Recherche in der Regie von Jette Steckel am Deutschen Theater Berlin

DT-Schaukasten – Foto: St. B.

Waren die Zehn Gebote einmal von Gott auf zehn Steintafeln an den Propheten Moses übergegebene Verhaltensregeln zum Ausdruck des Bundes seines Volkes mit ihm, so sind diese Gebote heute meist nur noch lästige Benimmregeln, an denen nicht erst der moderne Mensch tagtäglich scheitert. So jedenfalls kann man es am kleinen Sünder wie auch im großen Weltgeschehen beobachten. Ob die Zehn Gebote als Grundlage theologischer wie weltlicher Ethik heute überhaupt noch Bestand haben oder komplett neu gedeutet werden müssen, das will nun die Regisseurin Jette Steckel in ihrer groß angelegten, zeitgenössischen Theaterrecherche 10 Gebote am Deutschen Theater Berlin untersuchen.

Sie hat dazu 15 AutorInnen, FilmerInnen und MusikerInnen gebeten kurze Beiträge zum Thema zu liefern. Entstanden ist ein Konglomerat aus insgesamt 12 Werken, bestehend aus kurzen Monologen, kabarettistischen Einlagen, zwei Kurzfilmen und auch drei Minidramen, die sich alle lose um die zehn Gebote drehen, aber v.a. eine selbstbefragende Sicht auf das freigeben sollen, was uns heute diese Ge- oder Verbote im Rahmen unseres abendländisch-christlich-jüdischen Wertekanons noch zu sagen haben. Sich selber in Frage stellen, ist das weit gesteckte Ziel des Abends.

Zu Beginn herrscht allerdings erst einmal ein großes Stimmengewirr. Auf die schwarzen Wände eines raumgreifenden Drehbühnenturms zu Babel werden mit Kreide die Gebotstexte geschrieben. Dann macht sich das Ensemble locker zum Song „Immer muss ich alles sollen“ von Gisbert zu Knyphausen. Allzu hochtrabend und düster, scheint es, soll es dann doch nicht werden. Aber Clemens Meyer legt mit einem für ihn typisch kraft-Meyernden Text die Selbstbefragungslatte zunächst mal gar nicht allzu niedrig. Benjamin Lillie schafft sich zu Gebot 1: „Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“ als junger Glaubenssucher („Ich bin ein Binnenmeer“) im Schlafstrampler an den auf ihn einstürzenden Erkenntnissen über den großen „Wolkenmäcki“ („Es kann nur einen geben.“), die Welt und manch andere Ideologie. Credo: „Wie man sich betet, so lügt man.“

Dagegen ist das kleine Dialogdrama von Sherko Fatah zum Gebot: „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht mißbrauchen.“ ein eher zähes Fabulieren über die traditionelle Rolle der Frau in der Familie und einen begangenen Ehrenmord zwischen dem jungen Delinquenten (Natali Seelig) und seiner Verhörerin (Lorna Ishema). Felicia Zeller liefert zum Gebot: „Du sollst nicht lügen.“ den satirischen, hier chorisch gesprochenen Monolog eines von seiner eigenen Wahrheit Besessenen, der in Cafés Zeitungsartikel korrigiert, wobei das Ensemble im Takt auf Steintafeln herumhämmert.

 

Foto (c) Arno Declair

 

Als die coolen Zyniker des Unterfangens fungieren der Journalist, Autor und Migrationsforscher Mark Terkessidis und der Rap-Musiker Maxim Drüner (K.I.Z.) gemeinsam mit dem Dramatiker Juri Sternburg. Ersterer hat einen gesellschaftskritischen Popdiskurs (Text im Programmheft) über die allgemeine Neiddebatte („Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.“), die Luxus-Probleme der Mittelschicht und deren Vorurteile über das Prekariat geschrieben, den Jette Steckel als völlig überdrehtes Gespräch zweier Partygäste (Wiebke Mollenhauer und Ole Lagerpusch) inszeniert. Drüner und Sternburg gefallen sich als schwarzhumorige Kapitalphilosophen (Lagerpusch und Lillie), die sich wie Zwillings-Antipoden über das Prinzip Stehlen als gesellschaftliche Alternative austauschen. Was auch mal in dem nicht gerade p.c.-tauglichem Statement: „Du sollst keinen Laster stehlen und in einen Weihnachtsmarkt fahren.“ mündet. Hier schifft man zwar unterhaltsam zwischen Gorki-Sound, Pollesch-Diskurs und Pop-Literatur, allerdings ohne besonderen politischen Tiefgang. Wie alles andere bleibt auch das auffallend an der gerade noch mainstreamtauglichen Oberfläche.

Sich gekonnt lustig machen ist ja nicht grundsätzlich falsch, wenn man Religion kritisch hinterfragen will. Nur scheint das gar nicht das Hauptthema des Abends zu sein. Aber außer dem erklärten Willen zur Befragung wird hier nicht wirklich klar, was Jette Steckel sonst noch so umtreibt? Nichts hält diesen schier berstenden Abend irgendwie zusammen. Ein recyceltes Libretto von Dea Loher zur 2015 in Hamburg in der Regie von Jette Steckel uraufgeführten Oper Weine nicht, singe schleppt sich in einem fürchterlich pathetischem Sing-Sang schier unendlich bis zur Pause. Eine Art Endzeitstory über Grenzkriege, Flucht und schicksalhafte Verstrickungen im Gewand einer antiken Tragödie.

Was eigentlich zum Gebot „Du sollst nicht töten.“ passen würde, läuft hier unter dem Sammelgebot: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was dein Nächster hat.“ Lediglich schräg wirkt da, das Thema Töten mit der Obsession von Männern, die geschlachtet und verspeist werden wollen, zu verbinden. Filmemacher Jan Soldat hat einen seiner ungewöhnlichen Interviewfilme über seltsame menschliche Fetische beigesteuert. „Die Idee ist Ewigkeit.“ heißt es da. Was an anderer Stelle sicher interessant wäre, geht hier kopfschüttelnd unter wie ein kleiner, sicher metaphorisch gemeinter Monolog des bekanntlich zu großen transzendenten Gedanken durchaus fähigen Schriftstellers Navid Kermani über einen Vater (Andreas Pietschmann), der seinen Sohn töten will, um ihm die Enttäuschungen des Erwachsenseins zu ersparen. Lediglich Dramatik von der Stange ist ein Kurzdrama der Schriftstellerin Nino Haratischwili zum Gebot: „Du sollst nicht ehebrechen.“, was von der Regisseurin in bunten Cocktails und Discokugellicht ertränkt wird.

Wir sehen also vier Stunden fröhliche Blasphemie mit einigen versuchten Einschüben pathetisch-heiligen Ernstes, die so deplatziert wirken, wie ein echtes Schaf auf einer Theaterbühne, das Ole Lagerpusch im weißen Zottelfell als bedauernder „Créateur“ (sprich Lebensdesigner) Gott zum Ende dann noch am Strick vorführt. Rocko Schamoni hat sich die Option auf ein 11. Gebot gesichert. Enttäuscht bezeichnet Gott in seinem Monolog die Menschheit als „maximale Sackgasse“ und bittet zu den Klängen eines bekannten französischen Chansons um Pardon. Darin steckt nicht nur Ironie, sondern auch ein wenig die Sehnsucht nach dem Göttlichen zumindest in der Kunst. Lieber Bühnen-Gott, verlass mich nicht. Die Unternehmung ist da aber längst von allen guten Geistern verlassen.

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10 Gebote (UA am 21.01.2017 am Deutschen Theater)
Eine zeitgenössische Recherche von 15 Autor_Innen, 9 Schauspieler_Innen und 1 Schaf
Mit Texten und Videos von Maxim Drüner (K.I.Z)/Juri Sternburg, Sherko Fatah, Nino Haratischwili, Navid Kermani, Bernadette Knoller/Anja Läufer/Claudia Trost, Dea Loher, Clemens Meyer, Rocko Schamoni, Jochen Schmidt, Jan Soldat, Mark Terkessidis, Felicia Zeller
Regie: Jette Steckel
Bühne: Florian Lösche
Kostüme: Pauline Hüners
Musik: Mark Badur
Licht: Matthias Vogel
Ton: Marcel Braun, Matthias Lunow
Dramaturgie: Anika Steinhoff
Mit: Markus Graf, Judith Hofmann, Lorna Ishema, Ole Lagerpusch, Benjamin Lillie, Wiebke Mollenhauer, Helmut Mooshammer, Andreas Pietschmann, Natali Seelig
Dauer: ca. 4 Stunden, eine Pause
Termine: 12.02., 26.02.2017

Infos: http://www.deutschestheater.de

Zuerst erschienen am 23.01.2017 auf Kultura-Extra.

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Starres Authentizitätsdogma – Anna Lenk inszeniert auf der Hinterbühne der DT-Kammerspiele eine intime Version des Dogma-Films Das Fest von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov

DT-Schaukasten – Foto: St. B.

Auch in der zweiten Inszenierung des vergangenen Premierenwochenendes am Deutschen Theater Berlin spielt zumindest eines der zehn Gebote eine gewisse Rolle. „Das vierte Gebot lautet: Du sollst Vater und Mutter ehren“, sagt am Ende die Großmutter (Katharina Matz) der Klingenfeld-Hansenschen Familie trotzig, nachdem die Feier zum 60. Geburtstag ihres Sohnes Helge, der gemäß der Altmänner-Tischrede seines senilen Vaters (Jürgen Huth) eigentlich schon eine Geschichte von den sieben Meeren vertragen kann, etwas aus dem Ruder gelaufen ist. Mit dem Gebot meint die starrköpfige Großmutter allerdings nicht etwa ihren des Kindesmissbrauchs überführten Sohn, sondern dessen Kinder, die in dem berühmten Dogma-Film Das Fest von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov erst für die Offenlegung dieses unangenehmen Familiengeheimnisses kämpfen müssen.

Tischgesellschaften zu runden Geburtstagen eignen sich immer vorzüglich, um in alten Erinnerungen zu schwelgen. So ließ auch Jette Steckel in ihrer Inszenierung der 10 Gebote das Ensemble eine große Tafelrunde mit Geschichten von Vater und Mutter garnieren. Anne Lenk lässt in ihrer Bühnenadaption des Dogma-Klassikers Das Fest die Tische weg, gruppiert aber das Publikum dennoch recht eng und intim um eine kleine Spielfläche auf der Hinterbühne der DT-Kammerspiele. Die Großeltern und der mit Altherrenwitzen glänzende Onkel Leif (Michael Gerber) sitzen mit unter uns. Wir nehmen also direkt teil am Geschehen, bekommen vom Toastmaster des Abends (Bernd Moss) Sekt und Wasser gereicht und sollen auch noch ein Ständchen für den Jubilar einüben.

Wer solche Art von Peinlichkeiten weder im eigenen, größeren Familienkreis noch im Theater mag, sollte lieber daheim bleiben, allerdings ist diese unangenehm vertrauliche Atmosphäre von Anfang an Teil des Regie-Konzepts und muss vom Publikum als solches auch bis zum Ende mit durchlitten werden. Es geht nicht nur um ein jahrelang unter den Familienteppich gekehrtes Geheimnis, sondern auch um die verschiedenen Arten und Wahrnehmungen von Scham und Schuld, deren Auswirkungen auf das Familiengefüge, sowie um Macht und Schuldkomplexe der Ohnmächtigen.

 

Foto (c) Arno Declair

 

Und das soll uns nun hier auf engstem Raume möglichst hautnah und authentisch vorgefügt werden. Es beginnt mit der Ankunft der wichtigsten Gäste, die sich plötzlich aus dem Publikum schälen oder wie zufällig hereinschneien. Ungelenke Begrüßungsszenen, möglichst improvisierter Smalltalk, man hat sich lange nicht gesehen und doch nicht allzu viel zu sagen. Es herrscht bei aller bemühten Vertrautheit eine peinliche Distanz und über allem schwebt da immer auch etwas Unausgesprochenes.

Man läuft sich warm mit Sprüchen und Kinderspielen. Beim Einmarsch von Helge (Jörg Pose) und seiner Frau Else (Barbara Schnitzler) erhebt sich alles zum Kanon mit Knicklichtern, und es gibt eine Diashow mit alten Fotos der Familie. Das ist nun für diejenigen, die Film und Geschichte kennen, insgesamt doch etwas langatmig. Bei aller gespielten Improvisation bleiben Text und Handlung immer recht nah am Original. Für die nötige Fallhöhe muss natürlich als Helges Gegenspieler, sein Sohn Christian, sorgen, den Alexander Khuon als sichtlich grübelnden Zauderer anlegt, der dann irgendwann auch zu seiner „Wahrheitsrede“ über den reinlichen Vater, der mit den Zwillingen Christian und Linda immer ins Bad wollte, ansetzt. Was folgt, sind Momente lähmenden Schweigens.

Helge sitzt die erste Attacke locker aus. Selbst Christians jüngere Geschwister, die überdrehte Helene (Lisa Hrdina) und der laute, gern übergriffig pöbelnde Bruder Michael (Camill Jammal), der mit Frau (Anita Vulesica) und eigenen Kindern angereist ist, stellen sich zunächst noch vor den Vater. Die Mechanismen der Verdrängung und des Familienzusammenhalts funktionieren hier noch recht gut. Christian steht da außen vor, während sich Michael mit peinlichen Geburtstagsständchen am Klavier sogar die Liebe und Aufmerksamkeit des Vaters erspielen will. Es gilt ein trotziges Weiter-So.

Doch das Fest verläuft unerfreulich, wie Onkel Leif sichtlich angeödet bemerkt. Die gute Stimmung lässt sich auch mit Singen und Tanzen nicht wirklich auf Dauer aufrecht halten. Geradezu perfide wirken die Versuche der Eltern, ihrerseits Christian zu diskreditieren. Aber Christian bleibt hartnäckig zusammen mit seiner Jugendfreundin Pia (Franziska Machens), die als gutes Gewissen ansonsten hier relativ blass bleibt. Man kann hier sehr schön die üblichen Abwehrmechanismen und Machtspiele der getroffenen Eltern beobachten, die Schuldzuweisungen und Schamgefühle für sich nutzen, bis das Lügengebäude durch den wiedergefundenen Abschiedsbrief Lindas zum Einsturz gebracht wird.

Allerdings krankt das Ganze auch an seiner unmittelbaren Deutlichkeit. Wilde Handgemenge, Gebrüll und viele Tränen am Ende samt Demütigung des nun überführten Vaters. Nichts wird ausgelassen. Weder die peinlichen Ausländerwitze Michaels über den arabischen Freund (Thorsten Hierse) seiner Schwester, noch die ständigen Wortmeldungen der Alten, die weiter in ihren alten Vorstellungen von Heim und Familie verharren. Nach zum THEATERTREFFEN eingeladenen Inszenierungen von Michael Thalheimer (2001) und Christopher Rüping (2015) hat Anne Lenk nach 20 Jahren Dogma dem Thema nichts Neues hinzugefügt. Das Theater unterwirft sich ohne Not einem starren Authentizitätsdogma.

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Das Fest (DT-Kammerspiele, 27.01.2017)
von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov
Regie: Anne Lenk
Bühne: Halina Kratochwil
Kostüme: Sibylle Wallum
Musikalische Leitung: Leo Schmidthals
Dramaturgie: David Heiligers
Mit: Michael Gerber, Thorsten Hierse, Lisa Hrdina, Jürgen Huth, Camill Jammal, Alexander Khuon, Franziska Machens, Katharina Matz, Bernd Moss, Jörg Pose, Barbara Schnitzler und Anita Vulesica
Die Premiere war am 20.01.2017 in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin
Weitere Vorstellungen am 12., 15., und 25.02.2017

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 28.01.2017 auf Kultura-Extra.

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Das kleine Menschel Singer – Anne Lenk adaptiert den Roman „Hiob“ von Joseph Roth für die große Bühne des Deutschen Theaters Berlin

Montag, April 4th, 2016

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„Birth – Love – Death“ stand auf einem in drei Kabinen unterteilten Karussell auf der von Bert Neumann zu Johan Simons legendärer Hiob-Inszenierung 2008 an den Münchner Kammerspielen gestalteten Bühne. Ein Sinnbild auf den ewigen Reigen des Lebens – from the cradle to the grave – in einer grandiosen Adaption von Joseph Roths gleichnamigem Bestseller. In dessem 1930 veröffentlichten Roman über den Leidensweg des einfachen, orthodoxen Tora-Lehrers Mendel Singer aus dem fiktiven jüdischen Schtetl Zuchnow in Russland verarbeitete der Autor nicht nur eigene harte Schicksalsschläge wie die bei seiner Frau diagnostizierten Schizophrenie, sondern reagierte auch auf die Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs sowie die Widersprüche zwischen technischem Fortschritt in der Moderne und jüdischer Tradition.

 

Spielzeitmotte „Der leere Himmel“ am DT – Foto: St. B.

 

Der gottesfürchtige Jude Mendel Singer fühlt sich durch den Tod seines Sohnes, seiner Frau und dem Wahnsinn seiner Tochter wie der biblische Hiob von Gott über Gebühr geprüft, bis er als alter Mann im fremden, Glück verheißenden Amerika einsam und gebrochen den Glauben verliert und seinen grausamen Gott verflucht. Trost und neue Hoffnung bringt ihm am Ende nur die Wiederkehr seines verloren geglaubten Sohns Menuchim, den die Familie einst wegen dessen Epilepsie in Russland zurücklassen musste. Roth stellt hier in fast biblischer Sprache natürlich auch sehr existentielle Fragen an den Sinn des Lebens und den Glauben des Einzelnen an Gott in einer Welt des Leids.

Das passt natürlich sehr gut ins Spielzeit-Motto des Deutschen Theaters „Der leere Himmel“. Dass es dabei in einer Berliner Theatersaison voll von epischen Stoffen schon wieder eine Romanadaption sein muss, zeigt nur erneut die Ratlosigkeit von Theaterschaffenden und ihr Unvermögen, auf die Suche nach zeitgenössischer Dramatik zu gehen. Nachdem man an den Kammerspielen des DT mit der spielfreudigen Romanadaption von Turgenews Väter und Söhne in der Regie von Daniela Löffner einen veritablen Coup gelandet hatte und damit sogar zum Theatertreffen eingeladen wurde, hoffte man mit der Hiob-Inszenierung von Anne Lenk (in eigener, gemeinsam mit der Dramaturgin Sonja Anders entstandenen Fassung) natürlich auf einen ähnlichen Erfolg.

Diese Hoffnung hat sich leider nicht ganz erfüllt. Große Theaterwunder sind eher selten im Doppelpack zu haben. Und wie dem vorher als Leidensmann stoisch alles wegsteckenden und nun plötzlich vor Wut zu schäumen beginnenden Bernd Moss in der Rolle des vom Glauben abfallenden Mendel Singer im großen Amerika geraten wird, doch besser an kleinere Wunder zu glauben, so backt man am DT mal wieder nur kleine Brötchen auf großer Bühne. Und das beginnt zunächst auch sehr spartanisch mit einem sich in die Länge ziehenden Prolog an der hölzernen Bühnenrampe, die durch einen kleinen Graben von einem stahlumrahmten dunklen Gaze-Vorhang abgetrennt ist.

Edgar Eckert, Camill Jammal und Lisa Hrdina als Geschwister Jonas, Schemarja und Mirjam, die älteren Kinder Mendel Singers, performen die Vorgeschichte im Schtetl als szenischen Romanvortrag. Dazu gibt es Videobilder, Licht- und Schattenspiele hinter dem Vorhang; und der als kranker Bruder Menuchim (gedoppelt als kleine Stoffpuppe) zunächst stumm am Rand sitzende Alexander Khuon wird, anstatt man ihn in eine Regentonne steckt, mit Wasser bespuckt und den leeren Plastikflaschen verprügelt. Menuchim ist aber nicht totzukriegen. „Er lächelte und lebte.“ Und sagt irgendwann Mama. Das geht so ein Weile, bis sich aus dem Dunkel hinter dem Vorhang Almut Zilcher als Mutter Deborah und Bernd Moss als Mendel Singer dazugesellen. Auch sie erzählen mehr als das sie spielen. Die Handlung schreitet so voran, die Spannung tritt eher auf der Stelle.

 

Hiob am DT Berlin - (c) Arno Declair

Foto (c) Arno Declair

 

Das ist das große Problem des nacherzählten Romans. Beschreibungen, Gedanken und Reflexionen lassen sich kaum wirkmächtig darstellen. So entsteht hier mehr eine szenisch bebilderte Aneinanderreihung des Erzählten. Erst letztens war das sehr gut in Matthias Hartmanns Adaption des Dostojewski-Romans Der Idiot am Staatsschauspiel Dresden zu beobachten. Gepaart mit Ironie und Spiellaune schlägt das im besten Fall noch ins Unterhaltsame um, ansonsten macht sich schnell Langeweile breit. Am DT menschelt es zudem sehr oft und übertrieben. Besonders Almut Zilcher hat hier ein paar Szenen als treusorgende und einfallsreiche Mutter, die den kranken Menuchim zum prophezeienden Rabi schleppt, oder versucht ihre Söhne vom Militär freizukaufen.

Im Gegensatz zum still duldenden Mendel, der sich ins Unabwendbare fügt und auch das schwindende körperliche Begehren in seiner Ehe wie von Gott gewollt hinnimmt, setzt Deborah zumindest einige resolutere Worte á la „Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott“ entgegen. Viel hilft das allerdings nicht. „Gegen den Willen des Himmels gibt es keine Gewalt.“ Und so redet sich Mendel Singer das Unglück geradezu selbst herbei, weil er das Glück, das er in Händen hält, nicht erkennen will. Das Paradox: Die schmale Welt des Schtetls vor dem Vorhang verstellt zwar den Blick über den Tellerrand, aber schützt auch vor Identitätsverlust und Entfremdung, wie sie sich schnell in der neuen Welt Amerika einstellen.

Krass bunt und weit nimmt sich die große Stadt New York aus, wohin Sohn Schemarja, der sich nun Sam nennt, vor der Armee geflohen ist, und die Eltern samt Schwester Mirjam, die den sexuellen Umtrieben mit den Kosaken entrissen werden soll, nachholt. Der dunkle Vorhang fährt nach hinten und gibt eine Bühnenschräge frei, auf der alle wie fremdgesteuerte Zombis in rot-weiß gestreiften Kostümen herumrennen, englisch radebrechen und von Geld, Geschäften oder dem Kino schwärmen. Mendel geht aber von Lärm und fremden Gerüchen überwältigt schnell auf die Bretter. Hier klingt durchaus auch etwas Kapitalismuskritik an, aber vor allem das Thema der jüdischen Entwurzelung im Exil wie bereits im kürzlich am Gorki Theater adaptierten Roman Feinde von Isaac B. Singer.

Der in Europa ausgebrochene Krieg nimmt Mendel die Söhne, lässt die Frau sterben und die Tochter dem Wahnsinn anheimfallen. Nur passiert das hier alles so en passant – wie der Wutausbruch Mendels, der sich gerade noch an den Schuhen seines Sohns festhielt, während ein als Onkel Sam verkleideter Pfleger Tochter Mirjam in die Anstalt abholt. So bleibt nur der ständig auf der Bühne präsente Menuchim als Erzähler übrig. Mit ihm trudelt die Inszenierung ins mit Gott versöhnende und tröstende Ziel und verliert dabei doch alle wirklich existentiellen und spirituellen Fragen des Lebens aus den Augen. Man sieht die Bilder und hört Roths klare, aneinandergereihte Sätze, allein es fehlt der Glaube.

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Hiob
nach dem Roman von Joseph Roth
Fassung von Anne Lenk und Sonja Anders
Regie: Anne Lenk, Bühne: Halina Kratochwil, Kostüme: Silja Landsberg, Musik: Leo Schmidthals, Video: Clemens Walter, Dramaturgie: Sonja Anders.
Mit: Bernd Moss, Almut Zilcher, Edgar Eckert, Camill Jammal, Lisa Hrdina, Alexander Khuon.
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

Premiere war am 31.03.2016 am Deutschen Theater Berlin

Termine: 09. und 24.04. / 03., 14. und 24.05.2016

Infos: http://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 03.04.2016 auf Kultura-Extra.

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Phosphoros von Nis-Momme Stockmann – Ein Gastspiel des Münchner Residenztheaters in der Regie von Anne Lenk bei den ATT 2015 im Deutschen Theater Berlin

Montag, Juni 22nd, 2015

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(c) Deutsches Theater Berlin

(c) Deutsches Theater Berlin

In seinem, 2014 als Auftragsarbeit für das Residenztheater München in Koproduktion mit den Ruhrfestspielen entstandenem Theaterstück Phosphoros schließt Autor Nis-Momme Stockmann unmittelbar an sein letztes Stück Die Kosmische Oktave an. Das Prinzip der kosmischen Harmonie auf das menschliche Leben übertragend entwarf der Autor ein in zeitlichen Dekaden immer wiederkehrendes Generationenbild als eintönigen Gleichklang. Daneben setzte er in Anlehnung an Goethes Roman Die Wahlverwandtschaften das Wirken von Naturgesetzen auf zwischenmenschliche Beziehungen. In Phosphoros nimmt Stockmann nun Bezug auf den kosmischen Morgenstern (in der Antike Phosphoros genannt), der auch Abendstern, also gleichzeitig Licht- und Schattenbringer ist. Und auch Wissenschaft und Musik spielen hier wieder eine Rolle.

Die Hauptfiguren im Stück, der Physikprofessor Lew Katz (Johannes Zirner) und der Kontrabassist Basil (Lukas Turtur), stecken in einer Lebenskrise, die man zumindest beim Lew getrost auch eine faustische nennen könnte. Ihn plagen Kopfschmerzen, gedankenlose Studenten und Neuerungen an seiner Fakultät, die seine Liebe zur Physik auf eine harte Probe stellen. Im Privaten läuft es ähnlich schlecht. Lews Egozentrik und seine hypochondrischen Anfälle belasten die Beziehung zu seine Frau Anne (Katrin Röver), die es lieber etwas einfacher hat und auch die banalen Dinge des Alltags wie die Reparatur des Daches für wichtig hält. Lew sieht die Sache dagegen etwas komplexer, weiß aber auch nicht wie er seine Probleme lösen soll, wo überhaupt das Problem ist, und flüchtet sich so in die fixe Idee krank zu sein. Er wartet auf einen Krebstest und geht regelmäßig zur Psychologin Schäfer-Werle (Juliane Köhler), um sich seinen Traum deuten zu lassen, in dem er als Clown vor lauter bekannten Leuten im Publikum eine Jonglage-Nummer aufführen soll und Angst vor dem Versagen hat.

Ähnlich geht es dem Musiker Basil, der einst großes Talent nun auf Dauertournee in einem Provinzhotel gestrandet ist und auf seine Assistentin Eva (wieder Juliane Köhler) wartet, die ihm seit Jahren den Bass hinterherträgt. Im Hotelrezeptionisten Schröder (Thomas Gräßle) trifft er auf einen zynischen Lebensphilosophen, der ihm derweil ein paar ungeschönte Wahrheiten verkündet. Der Katalysator für den Wandel in Lews Leben ist die prekär beschäftigte DB-Service-Kraft Marlene (Genija Rykova), die ohne Abi in Physikseminare geht und Lew durch ihr kluges, unorthodoxes Denken aufgefallen ist. Marlene steckt aber ebenfalls in einer Krise, die einerseits eine rein monetäre ist, sie aber ähnlich wie Lew auch an der Welt und der denkfaulen Masse Mensch verzweifeln lässt. Damit es schön kompliziert bleibt, schmückt Autor Stockmann sein Stück mit jeder Menge wissenschaftlich-philosophischer Vorträge und Diskurse um physikalische Begrifflichkeiten sowie weiteren Randfiguren aus, und lässt alles immer wieder aufs schönste miteinander kollidieren.

Phosphoros - (c) Andreas Pohlmann

Phosphoros vom Residenztheater – Foto (c) Andreas Pohlmann

Der wissenschaftlichen Theorie von Zeit und Raum, dem scheinbar vorbestimmten Gang des Menschen von der Geburt bis zum Tod und der alles entscheidenden Lebensfrage: Warum das alles? setzt Stockmann noch das hier immer wieder chorisch angekündigte metrologische Natur-Ereignis eines aufkommenden Sturms entgegen, dessen Urgewalt die Figuren nun im doppelten Sinne auf sich zurück wirft. Bei 200 Seiten Text birgt das natürlich auch die Gefahr der Überforderung des Publikums. Es ist der Regisseurin Anna Lenk zu danken, dass sie Stockmanns Textkonvolut klug gerafft und mit einem Ensemble von 9 Schauspielern in immerhin 20 Rollen frisch und über 3 Stunden immer spannend zu inszenieren vermag.

Auf der kahlen Bühne von Judith Oswald dient nur ein riesiger Scheinwerfer als Requisit, unter dessen Licht sich die Figuren immer wieder drängen, in die Dunkelheit der Bühne oder in die erste Reihe des Parketts flüchten. So lassen sich auch wunderbar die Physikvorlesungen Lews oder die Vorträge des Literaturgurus Lindenblatt (Franz Pätzold), der seine Schreibgruppe examiniert, darstellen. Die im Stück angedeutete Gleichzeitigkeit von Raum und Zeit nutzt die Regisseurin geschickt, in dem sie die einzelnen Szenen immer schneller in einander verschränkt und schließlich fast parallel ablaufen lässt, wobei sich die Figuren immer wieder selbst von der Bühne verdrängen müssen. Das schafft eine durchgehende Dynamik und viel Raum für Figurenspiel und Slapstick.

Phosphoros vom Residenztheater - (c) Andreas Pohlmann

Phosphoros vom Residenztheater – Foto (c) Andreas Pohlmann

Die Ambivalenz der einzelnen Figuren oder gar Austauschbarkeit ihrer Charaktere und Egotrips verdeutlichen die farblich akzentuierten Kostüme von Silja Landsberg, die auch beim Rollenwechsel von den Schauspielern nicht getauscht werden. Letztendlich kranken hier alle auch an ähnlichen Symptomen des modernen Menschen. Nur unterschieden durch die Art und Weise diese je nach Mentalität zu beklagen, sich mit ihnen einzurichten oder gar an einer Änderung zu arbeiten. Die Suche nach Regel für das Leben wird hier immanent sichtbar. Bei Lew ist es der Glauben an die Physik „als Werkzeug das uns gegen die Unwegsamkeit der Urkräfte des Kosmos schützt und uns hilft uns selbst in ihm zu begreifen und zu verstehen.“. Anna sucht ihren Halt in den alltäglichen Dingen und in Lebenshilfeseminaren. Basil dagegen flüchtet sich in vergangene Karriereträume, Affären und Alkohol. Nur Marlene rebelliert vehement wütend gegen ihre Umwelt, während Lebenszyniker Schröder und Zugbegleiter Jörg (Arthur Klemt) sich damit abgefunden haben, nichts ändern zu können.

Mensch oder Dachpappe, Chaos oder Ordnung – Es läuft was mit dem Denken schief. Das ist die recht stimmige Quintessenz von Stockmanns Stück. Das Leben selbst in der Hand zu haben, es zu gestalten und die Liebe freizusetzen, kostet die Figuren zu viel an Lebenszeit und Lebenssaft. Anna wird ihr plötzlich neu gewonnenes Zutrauen zu Jörg schließlich sogar zum Verhängnis. Aber gemeinsam mit Eva werfen die beiden Frauen ihre Lebenspäckchen aus dem ICE. Das ist zumindest ein Anfang. Liebe, Glücklich sein, oder seine Ruhe haben, das ist eine Entscheidung, die sich für Lew, Basil und Anna so eindeutig nicht finden lässt, auch wenn der Physiker in einem nachgeschobenen Epilog endlich das Ende seines Traumes bei einer Rede zur Verleihung der Heisenbergmedaille erzählen kann. Ob es ein glückliches ist, vermag man nicht wirklich zu sagen. Aber wir stehen am Anfang großer Ereignisse, wie es in Stockmanns Text so schön heißt. Na dann…

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Phosphoros (20.06.2015)
von Nis-Momme Stockmann
Uraufführung bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen war am 31. Mai 2014
Gastspiel des Residenztheaters München am Deutschen Theater Berlin zu den ATT 2015
Regie: Anne Lenk
Bühne: Judith Oswald
Kostüme: Silja Landsberg
Musik: Jan Faszbender
Licht: Uwe Grünewald
Dramaturgie: Andrea Koschwitz
Mit:
Johannes Zirner… Lew Katz
Juliane Köhler… Schäfer-Werle, Eva
Katrin Röver… Anne Katz
Genija Rykova… Marlene
Franz Pätzold… Boris, Frank Seibl, Lindenblatt, Alte Frau
Lukas Turtur… Basil, Jonas
Thomas Gräßle… Schröder, Martin
Katharina Pichler… Berle, Frau Kadow, Sprechstundenhilfe
Arthur Klemt… Jörg, Dekan
Vorstellungsdauer ca. 3 Stunden, eine Pause

Infos: http://www.residenztheater.de/inszenierung/phosphoros

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