Archive for the ‘Anton Tschechow’ Category

In Berlin läuft derzeit das 54. Theatertreffen – Es begann mit einer modernen Tschechow-Überschreibung von Simon Stone und einem medialen Totaltheater von Kay Voges

Mittwoch, Mai 10th, 2017

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Drei Schwestern – Eine modernisierte aber recht banale Tschechow-Überschreibung von Simon Stone eröffnete das 54. Berliner Theatertreffen

The same procedure as every year. Am Samstagabend wurde das 54. Berliner Theatertreffen mit salbungsvollen Worten der Kultusstaatsministerin Monika Grüters und durchaus ernsteren vom Direktor der Berliner Festspiele Thomas Oberender eröffnet. Und während vor dem Haus der Berliner Festspiele Claus Peymann, ein alter Theater-Stratege vergangener Tage, seine Erinnerungs-Bücher verkauft, propagiert man innen mal wieder eine „Zeitenwende“: das postfaktische Zeitalter der Fake-News. Die bürgerliche Gesellschaft scheint angesichts des medialen Overkills und des Voranschreitens rechts-nationaler Kräfte zu tiefst verunsichert. Das spiegelt sich auch in den eingeladenen Inszenierungen. Die zehn bemerkenswertesten sollen es immer sein, die von einer siebenköpfigen Jury aus deutschsprachigen Theaterraum ausgewählt wurden. Zwei können nicht kommen. Die technisch aufwendigen Münchner Räuber von Regisseur Ulrich Rasche aus dispositionellen Gründen und der Hamburger Schimmelreiter von Altmeister Johan Simons wegen plötzlicher Krankheit im Ensemble. Dafür wird es eine 3sat-Screening und eine szenische Lesung geben. Ein leider nur schmaler Ersatz für zwei wirklich bemerkenswerte Bühnenleistungen.

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„Kunst ist eine Lüge, die uns die Wahrheit begreifen lehrt“, so zitierte Monika Grüters in ihrer Rede den bildenden Künstler Pablo Picasso. Das Theater ist ein Meister der verabredeten Lüge, die auf eine oder mehrere Möglichkeiten verweist oder neue Realitäten schaffen kann, die, wie auch die alten, oft nicht so einfach zu durchschauen sind. Man wünscht sich Einfachheit im modernen Leben, das unerträglich ist, wie es die Olga aus der Basler Eröffnungsinszenierung Drei Schwestern vom australischen Film- und Theaterregisseur Simon Stone beklagt. Das Klagen liegt den Tschechow-Figuren. Sie reden viel von dem, was sein könnte, und tun dennoch meist nicht viel dafür. Stone, der letztes Jahr schon mit einem modernen John Gabriel Borkman in Berlin zu Gast war, spielt seinen Tschechow allerdings nicht im Original, sondern überschreibt ihn mit eigenem Text, der die Geschichte konsequent ins Heute holt.

Das Setting ist ein zweistöckiges Glashaus, in dem fast alle immer anwesend sind, einige Handlungsstränge parallel laufen, in denen immer viel geredet und getrunken wird. Tschechow halt, möchte man sagen. Aber denkste. In den ersten zwei Akten, die am Geburtstag der jüngsten Schwester Mascha und kurz vor Weihnachten im Ferienhaus der Familie in den Schweizer Bergen spielt, lernen wir die ProtagonistInnen als komplett neurotischen Haufen überdrehter Städter kennen, deren Sehnsucht sich nicht nach dem Leben in der Stadt richtet, sondern eher an dem Überangebot der Möglichkeiten scheitern lässt. Stone zeigt eine Horde von Sprechblasen absondernder Partypeople hinter Glas. Die gehobene Mittelschicht im Terrarium zur allseitigen Beäugung freigegeben.

 

Drei Schwestern vom Theater Basel – Foto (c) Sandra Then

 

Olga (Barbara Horvath) ist auch hier eine gestresste Lehrerin, allerdings mit versteckter lesbischer Neigung. Mascha (Franziska Hackl) wirft sich in eine Beziehung zum verheirateten Alexander (Elias Eilinghoff), der hier Pilot und Nachbar mit suizidgefährdeter Frau ist und schon mit verletztem Pulsadern auftaucht. Später spricht er über den Mars als Alternative für eine glücklichere Menschheit. Maschas Mann Theodor (Michael Wächter) ist ein großer Schwätzer, von dem sie sich trennen will. Aber wie bei Tschechow schafft hier niemand den Absprung, nur die Problemchen sind ganz heutiger Natur. Irina wird von ihrem Engagement für Flüchtlinge von einer amerikanischen TV-Serie abgehalten. Bruder Andrej (Nicola Mastroberardino) ist verhinderter Computerspezialist, verkokst und verzockt das Erbe und sucht Ablenkung in den Armen der quakigen Natascha (Cathrin Störmer), die ihn nach der Scheidung schröpfen wird. Sie kauft das Haus. Ein wenig Kirschgarten im Abgang.

Komplettiert wird das Neurosenteam von Onkel Roman (Burgtheaterschauspieler Roland Koch), der seine verpasste Liebe zur Mutter der Schwestern im Alkohol und Jugendwahn ersäuft. Nikolai (Max Rothbart) ist ein planloser Hipster mit adliger Abstammung und schwerer Kindheit, dessen Kumpel Viktor (Simon Zagermann) zuviel Kierkegaard liest und psychopathisch veranlagt ist. Sidekick Herbert (Florian von Manteuffel) spielt den erotomanischen Schwulen mit Neigung zu Explosivem. Ihre verbalen Entgleisungen, Verletzungen und peinlichen Geständnisse treffen pointensicher im Minutentakt. So läuft dann auch alles ziemlich erwartbar ins Chaos. Allerdings brennt nur das Nachbarhaus von Alexander, der am Ende doch wieder zu seiner Frau zurückkehren wird.

Nikolai will mit Irina nach New York, was natürlich auch nichts wird. So jammern und bereuen dann auch alle ihr Schicksal in wehmütigen Monologen. Dazu dreht sich der Glaskasten enervierend wie die ganze Chose ohne Unterlass. Wirklich Neues bekommt man hier trotz behaupteter Aktualität mit Trump-Verweis und lascher Kapitalismuskritik nicht zu sehen. Das Ausstellen der Neurosen des Bürgertums im Glaskasten haben schon andere Theatermacher vorgeführt, u.a. die diesmal nicht vertretene Karin Beier in Hysteria – Gespenster der Freiheit am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Und knallt im ersten Akt eine Pistole, wird sie es auch im letzten tun. Eine alte Tschechow‘sche Bühnenweisheit, die von Simon Stone ebenfalls beherzigt wird. Ein schöner Theaterselbstmord. Weiter so.

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Drei Schwestern (Haus der Berliner Festspiele, 06.05.2017)
Schauspiel von Simon Stone nach Anton Tschechow
Übersetzung aus dem Englischen von Martin Thomas Pesl
Regie: Simon Stone, Bühne: Lizzie Clachan, Kostüme: Mel Page, Licht: Cornelius Hunziker, Musik: Stefan Gregory, Dramaturgie: Constanze Kargl.
Mit: Barbara Horvath, Franziska Hackl, Liliane Amuat, Nicola Mastroberardino, Cathrin Störmer, Michael Wächter, Elias Eilinghoff, Simon Zagermann, Max Rothbart, Roland Koch, Florian von Manteuffel.
Olga: Barbara Horvath
Mascha: Franziska Hackl
Irina: Liliane Amuat
Andrej: Nicola Mastroberardino
Natascha: Cathrin Störmer
Theodor: Michael Wächter
Alexander: Elias Eilinghoff
Viktor: Simon Zagermann
Nikolai: Max Rothbart
Roman: Roland Koch
Herbert: Florian von Manteuffel
Premiere war am 10.12.2016 im Schauspielhaus Basel
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

Infos: http://www.theater-basel.ch

Zuerst erschienen am 07.05.2017 auf Kultura-Extra.

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Das Prinzip Borderline – Kay Voges, Schauspieldirektor am Theater Dortmund, steckt die mediale Welt in ein bürgerliches Vorstadt-TV-Setting mit bombastischem Soundtrack

Mit Wohn-Settings hat es das Theatertreffen in seinen Auftaktinszenierungen. Erst eine übersteuerte Hipsterblase im Glashaus bei banalem Partytalk zur Eröffnung im Haus der Berliner Festspiele und einen Tag später eine ganze bürgerliche Wohnlandschaft, bestehend aus Küche, Bad, Schlaf-, Wohn- und Studierzimmer. Sogar einen SM-Raum gibt es. Angelegt ist das Bühnenbild der Borderline Prozession, das im Original im ehemaligen Megastore von Borussia Dortmund und nun in den Treptower Rathenau-Hallen aufgebaut ist, als Innen- und Außensicht, vor der je eine Zuschauertribüne steht. Wer sich zuerst für die hintere Seite entscheidet, sieht auf eine kleine Trinkhalle, einen Parkplatz mit PKW, eine Bushaltestelle und eine Mauer mit Nato-Stacheldraht und Gitterpforte. Man denkt sofort an so etwas wie Gated Communities. Hin und wieder öffnet sich das Fenster zum SM-Raum, und man sieht entsprechende Szenen. Das räumlich Trennende und doch Gleichzeitige ist Prinzip.

Um das Setting herum bewegt sich schon beim Einlass eine kleine Prozession des Dortmunder Ensembles aus 23 SchauspielerInnen zur Musik des 80er-Avantgarde-Hits In A Manner Of Speaking der amerikanischen Rockband Tuxedomoon. Regisseur und Dortmunds Schauspieldirektor Kay Voges zelebriert und dirigiert eine rituelle Prozession, begleitet von einer beständig das Bühnenbild von Michael Sieberock-Serafimowitsch auf einer Elipsenbahn umkreisenden Livekamera, die ihre Bilder auf jeweils drei Videoscreens überträgt. Per Headset gibt Voges Anweisungen an die Technik.

 

Die Borderline Prozession vom Schauspiel Dortmund
Foto (c) Marcel Schaar

 

Die Zuschauer bekommen also je nach Platzwahl eine unterschiedliche Perspektive auf das nun folgende Geschehen in und vor den Räumen geboten. Nach ca. einer Stunde erfolgt die Aufforderung zu wechseln. Eine mediale Grenzerfahrung durch den gleichzeitigen Einsatz von Echt- und Kamerabildern, gesprochenem und auf den Screens eingeblendetem Text sowie eingespieltem Soundtrack. Aber auch eine Grenzüberschreitung gewohnter Sichtweisen soll es sein. Theoretischen Background liefern Zitate und Textausschnitte aus Literatur, Philosophie und Psychologie. Der Begriff Borderline ist hier also durchaus doppeldeutig zu verstehen, auch wenn es, wie zu Beginn versichert wird, nichts zu verstehen gibt, aber dafür viel zu erleben. Der totale mediale und theatrale Overkill.

Voges und seine dramaturgischen Mitstreiter betreiben nach eigener Erklärung mit ihrem Bilder- und Musiktheater eine Art „Meditation über Grenzen und ein Mash-Up der Ikonographien. Ein Abend mit weit über 30 beteiligten Künstlern über die Komplexität der Welt und die provozierende Einfachheit von Geburt und Tod – zwischen Bildender Kunst, Theater, Film und Liturgie.“ Das trifft es dann auch ziemlich gut. Die Inszenierung sampelt Teile aus so ziemlich allen Kunstgattungen, ist Installation, Aktion, Standbild und Kunstfilm zugleich. Sie spielt mit der Wahrnehmung der Zuschauer und der „Komplexität der Welt“, die durch eine „Gleichzeitigkeit des Ungleichen“ bestimmt zu sein scheint.

 

Die Borderline Prozession vom Schauspiel Dortmund
Foto (c) Marcel Schaar

 

Recht meditativ geht es noch im ersten, Alltag genannten Teil zu. So sieht man im Loop den DarstellerInnen bei der Verrichtung alltäglicher Handlungen zu – wie Morgentoilette, Verabschiedung zur Arbeit und Warten auf den Bus. Die Trinkhalle öffnet und schließt, ein Mann steigt aus dem Auto und wieder ein. Eine Mutter holt ihr Kind (Schauspieler mit Maske) vom Bus ab, und ein Tourist sucht mit Stadtplan nach dem Weg. Dazu hört man die Genesis aus der Bibel oder den Text vom verschwundenen Pfad aus Dantes Göttlicher Komödie. Die Suche nach dem „rechten Weg“ wird kombiniert mit philosophischen Erörterungen über Wahrnehmung, Bilder und Klischees, Texten über Oberfläche und inszenierte Bilder, von Goethe über Originalität, Werner Schwab aus Übergewicht, Unwichtig, Unform oder Allan Ginsbergs Prosagedicht Howl. Aktuell-politisch werden live erste Statements zur französischen Präsidentenwahl eingeblendet oder aus dem AfD-Programm gelesen.

Im zweiten Teil Krise nimmt die Sache Fahrt auf und Bilder- und Textdichte zu. Es kommt auf der Bühne zu Kriegshandlungen mit Soldaten, Geschützdonner, und MPi-Salven sind zu hören. Waterboarding und eine Vergewaltigung finden statt. Es tritt die Heilige Familie auf und Napoleon, den Hegel als „Weltgeist zu Pferde“ bezeichnete. Ein Mann in SS-Uniform zeigt den Hitlergruß, in der Küche werden Zwiebeln geschnitten, und im Bett des Schlafzimmers stirbt langsam eine Frau. Es geht um die Gleichzeitigkeit von Geburt und Tod, von Schönheit und Zerstörung, Freiheit und Unfreiheit, oft nur durch die räumliche Distanz getrennt. Wir hören und lesen Brechts Verse von den finsteren Zeiten, Zitate von Machiavelli, André Breton, Hannah Arendt und Alexander Kluge. Charles Bukowski sinniert über alltägliche kleine Katastrophen. Jemand bittet die Welt um Entschuldigung oder vergleicht Parteiprogramme. Verwirrung, Schuld und Abbitte – bis alles im Stillstand erstarrt.

Die Welterklärungs- und Erkenntnisproblematik verknüpft Voges mit dem experimentellen Gebrauch verschiedener Kunstformen, der Problematik aus vierter Wand, von Originalität und Authentizität. Rein ästhetisch scheint das in diesem durchaus bemerkenswerten Kunstwerk aufzugehen. Allerdings bringt die Inszenierung kaum den propagierten echten Überforderungsfuror und bleibt trotz der Fülle an Informationen in ihren Einzelteilen doch deutbar. Intellektuell gesehen ein philosophisches Schmankerl mit gut gewählter, pathetischer Sounduntermalung von Talk Talk über David Bowie bis zu Gustav Mahlers Auferstehungssinfonie-Finale, in der, die Diktatur der Populisten karikierend, mit Jonathan Meeses Text vom Lolitatum das Diktat der Kunst gefeiert und in einer slapstickartigen Prozession der große Korse mit dem Zweispitz von lauter Lolitas zu Grabe getragen wird.

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Die Borderline Prozession. Ein Loop um das, was uns trennt
(Rathenau-Hallen, 07.05.2017)
von Kay Voges, Dirk Baumann und Alexander Kerlin
Regie: Kay Voges
Director of Photography: Voxi Bärenklau
Bühne: Michael Sieberock-Serafimowitsch
Kostüme: Mona Ulrich
Komposition / Live-Musik: Tommy Finke
Video-Art / Live-Schnitt: Mario Simon
Live-Sound: Joscha Richard
Dramaturgie: Dirk Baumann, Alexander Kerlin
Licht: Sibylle Stuck
Ton: Gertfried Lammersdorf
Coding: Lucas Pleß
Inspizienz: Tilla Wienand
Soufflage: Ginelle Lindemann
Mit: Andreas Beck, Ekkehard Freye, Frank Genser, Caroline Hanke, Marlena Keil, Bettina Lieder, Eva Verena Müller, Christoph Jöde, Uwe Rohbeck, Uwe Schmieder, Julia Schubert, Friederike Tiefenbacher, Merle Wasmuth, Raafat Daboul
Studierende des 3. Studienjahrgangs der Folkwang Universität der Künste: Paulina Alpen, Amelie Barth, Carl Bruchhäuser, Thomas Kaschel, Nils Kretschmer, Anja Kunzmann, Lorenz Nolting, David Vormweg, Michael Wischniowski
Live-Kamera: Jonas Schmieta
Dolly Grib: Tobias Hoeft
Die Uraufführung war 14.06.2016 im Theater Dortmund
Dauer: 3 Stunden 15 Minuten, zwei Pausen

Infos: http://www.theaterdo.de

Zuerst erschienen am 09.05.2017 auf Kultura-Extra.

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Zwischen Tragik und Komik, Quatsch und Langeweile – Zweimal Tschechows IWANOW in Wien und München

Dienstag, Juni 14th, 2016

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Iwanow_Volkstheater Wien

(c) Volkstheater Wien

Anton Tschechows Stück Iwanow stellt die typische Frage des Theaters nach Komödie oder Tragödie des Lebens. Der Autor konnte sich damals irgendwie selbst nicht recht entscheiden und hat seinen ersten Komödienentwurf, dessen Uraufführung 1887 eher floppte, zwei Jahre später zur Tragödie umgeschrieben. Wie die Episode um den tief melancholischen, depressiv die eigene Nutzlosigkeit beklagenden Mitdreißigers Nikolai Alexejewitsch lwanow, der alles um sich her mit einem Mehltau aus Misslaunigkeit und Langeweile überzieht, zu deuten ist, daran scheiden sich auch heute noch die Geister, sprich Regisseure. An der Volksbühne hatte 2005 Dimiter Gotscheff die Ödnis der müßigen Tschechow-Figuren im ländlichen Russland auf leerem Bühnenrund in viel Nebel aufgehen lassen.

Zum anschaulichen Vergleich bieten sich nun zwei relativ neue Interpretationen an. Zum einen die Inszenierung des vielgelobten ungarischen Regisseurs Victor Bodo am Volkstheater Wien und zum anderen die des Intendanten des Münchner Residenztheaters Martin Kušej:

Die Grundstimmung und szenische Atmosphäre ist in beiden Fällen zumindest sehr ähnlich. Dazu kommt, dass man sich im Bühnenbild für das etwas heruntergekommene Heim des Gutsbesitzers Iwanow und das wesentlich luxuriösere der Lebedews, wo Iwanow, die Leere seines Alltags fliehend, die Abende verbringt, in beiden Inszenierungen mit leicht abgewandelten Kopien ein und desselben Raums bedient. Während im Wiener Volkstheater immer wieder leicht umdekoriert wird, bewegt sich im Münchner Residenztheater einfach die Drehbühne weiter.

Leer ist die Bühne also keineswegs. In Wien ist sie ein Raum mit sich auflösendem Fischgrätparkett, einer Reihe Sesseln und Nebenräumen mit Veranda, Bad und Küchenzeile, die in den Lebedew-Akten mit einem Regal voll Gläsern der legendären Konfitüre der geizigen Hausherrin ergänzt wird. In München sitzt man auf lose gestellten Stühlen, die bei Iwanow dick mit Staub überzogen sind. Hier kauert er bei schwerer Lektüre und will nicht gestört werden. Martin Kušej hat ihm als Prolog ein paar existentielle Gedanken des düsteren Philosophen Søren Kierkegaard in den Mund gelegt. „Wer bin ich? Wie bin ich in die Welt hineingekommen…“ Er kann sich für seine Klagen allerdings an keinen „Verhandlungsleiter“ wenden und muss sich mit dem vorhandenen Personal zufrieden geben.

 

Iwanow im Residenztheater München - Foto (c) Matthias Horn

Iwanow im Residenztheater München – Foto (c) Matthias Horn

 

Thomas Loibl gibt den Münchner Iwanow als personifiziertes Fragezeichen mit hängenden Schultern, immer schon kurz vorm Äußersten, zu dem es aber erst am bitteren Ende kommt, dass Kušej auch bis zum nämlichen mit Duellfarce und anschließendem Selbstmord Iwanows ausspielt. „Iwanow ist erschöpft, er begreift sich selbst nicht, aber das Leben geht das nichts an.“ schrieb Tschechow in einem Brief an seinen Verleger. Man hält ihn für einen Schuft und Betrüger, der seine an Typhus erkrankte Frau Anna sterben lässt, die für ihn den Glauben und Namen gewechselt hat und dafür von den jüdischen Eltern enterbt wurde. Iwanow plagen Schulden und Schuldgefühle, aber er kann sich weder zu Anna bekennen, noch glaubt er an die „tätige Liebe“ Saschas. Nadine Quittner und Genija Rykova überbieten sich in der Rolle der Tochter der Lebedews an jugendlicher Naivität.

Iwanow fühlt sich unverstanden, von den Leuten verleumdet und den Alltagssorgen aufgefressen. Das ist das ganze Dilemma des „nutzlosen Menschen“, dass sich nun in beiden Inszenierungen über drei Stunden hinwälzt ohne tatsächlichen Erkenntnisgewinn. Gibt sich Victor Bodo in Wien noch ein wenig Mühe, das Publikum mit Livemusik, ein paar Gags und feucht fröhlichen Slapsticks bei Laune und der Stange zu halten, so sackt das Tempo des Münchner Iwanows schon zu Beginn erschreckend gegen Null. Krönung ist die wie eingefroren auf ihre Spielkarten schauende Gesellschaft bei den Lebedews. Heute würde man sie wohl Smartphone-Zombies nennen. Sie brabbeln nur hin und wieder leise von Langeweile und ernten dafür vom Publikum entsprechende Unmutsbekundungen.

 

Iwanow - Foto © www.lupispuma.com / Volkstheater

IwanowFoto © www.lupispuma.com / Volkstheater

 

Einzig Oliver Nägele als stämmiger Lebedjew kann in München noch ein paar wortgewaltige Akzente setzen. Und Spaßkanone Mischa Borkin (gleichermaßen ranschmeißerisch Thomas Frank in Wien wie Marcel Heuperman in München) sorgt für etwas Auflockerung. Ein kurzes Tänzchen in Wien steht gegen ein Totalbesäufnis in München. Nach der Entdeckung der Liebelei Iwanows mit Sascha durch seine ihm zu den Lebedews nachgefahrene Frau folgt die Pause, nach der sich in beiden Theatern die Sitzreihen etwas lichten.

Verpassen würde man in München nicht mehr viel – und in Wien immerhin ein versoffenes Dreigestirn (Günter Franzmeier als Lebedew, Stefan Suske als Graf Schabelskij und Thomas Frank als Borkin), das sich an Wodka-Mix und Kochrezepten berauscht. Der moralisch überkorrekte Arzt Lwow (Gábor Biedermann in Wien und Till Firit in München) stellt Iwanow wegen dessen Frau zur Rede, und der sichtlich Genervte eröffnet wiederrum Anna, dass sie bald sterben wird. In der Rolle der Kranken überzeugt vor allem die von der Wiener Burg ans Volkstheater gewechselte Stefanie Reinsperger, die noch als gespenstische Heimsuchung auf Iwanows verpatzter Hochzeit mit Sascha auftaucht, während in München sich Sophie von Kessel mit tief dunklem Kajal durchs Stück hüstelt.

Höhepunkt ist in Wien wie in München der berühmte Monolog des depressionsgeschüttelten Iwanow, in dem er über sich selbst Gericht hält. Dabei steigt ein zitternder Jan Thümer in Wien aus der Eiswanne, reißt das Parkett aus dem Boden und kotzt sein Leben buchstäblich aus, während Thomas Loibl in München nur in Selbstmittleid auf dem Stuhl zerfließt. Der Rest ist hier wie dort konventionelles, zuweilen etwas rührseliges Konversationstheater. Lediglich Victor Bodo kann stellenweise mit ein paar interessanten Bildern überzeugen und stellt die Komik gleichberechtigt neben die Tragik des Iwanows. Martin Kušej scheint dagegen jegliche Idee, was die Haltung zum Stück und seinem Titelhelden betrifft, abhandengekommen zu sein.

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IWANOW (Volkstheater Wien, 30.05.2016)
Regie: Victor Bodo
Bühne: Lőrinc Boros
Kostüme: Fruzsina Nagy
Musik: Klaus von Heydenaber
Sound- und Tondesign: Gábor Keresztes
Licht: Tamás Bányai
Dramaturgie Angela Heide, Anna Veress
Mit: Gábor Biedermann (Jewgenij Konstantinowitsch Lwow), Thomas Frank (Michail Michajlowitsch Borkin), Günter Franzmeier (Pawel Kirillytsch Lebedew), Steffi Krautz (Sinaida Sawischna), Nadine Quittner (Sascha), Stefanie Reinsperger (Anna Petrowna), Claudia Sabitzer (Marfa Jegorowna Babakina), Martina Spitzer (Awdotja Nasarowna), Stefan Suske (Matwej Semjonitsch Schabelskij), Jan Thümer (Nikolaj Alexejewitsch Iwanow), Luka Vlatkovic (Jegoruschka), Günther Wiederschwinger (Dmitrij Nikitsch Kossych), Klaus von Heydenaber (Musiker) und Loukia Loulaki/Maria Probst (Musikerinnen)
Premiere im Volkstheater Wien war am 18. März 2016
Weitere Termine: 15., 23. 6. 2016

Infos: http://www.volkstheater.at

IWANOW (Residenztheater München, 08.06.2016)
Regie: Martin Kušej
Bühne: Annette Murschetz
Kostüme: Heide Kastler
Musik: Bert Wrede
Licht: Tobias Löffler
Dramaturgie: Götz Leineweber
Mit: Thomas Loibl (Nikolai Alexejewitsch lwanow), Sophie von Kessel (Anna Petrowna), René Dumont Matwej (Semjonowitsch Schabjelski), Oliver Nägele (Pawel Kiriljitsch Lebedjew), Juliane Köhler (Sinaida Sawischna), Genija Rykova (Sascha), Till Firit (Jewgeni Konstantinowitsch Lwow), Hanna Scheibe (Marfa Jegorowna Babakina), Paul Wolff-Plottegg (Dmitri Nikititsch Kosich), Marcel Heuperman (Michail Michailowitsch Borkin), Ulrike Willenbacher (Awdotja Nasarowna), Arnulf Schumache (Jegoruschka), Alfred Kleinheinz (Gawrila/Piotr), Max Koch (Erster Gast), Jeff Wilbusch (Dritter Gast) und Pauline Fusban (Erstes Fräulein)
Premiere war am 4. Juni 2016
Weitere Termine: 21., 30. 6. / 5., 16., 20. 7. 2016

Infos: http://www.residenztheater.de

Zuerst erschienen am 13.06.2016 auf Kultura-Extra.

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Oscar Wildes „Ein idealer Gatte“ und Anton Tschechows „Drei Schwestern“ – Zwei starke russische Inszenierungen bei den Wiener Festwochen 2016

Freitag, Juni 3rd, 2016

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Ein idealer Gatte – Der russische Regisseur Konstantin Bogomolov verschneidet Oscar Wildes Komödie mit dessen Roman Dorian Gray, Tschechows Drei Schwestern und Shakespeares Romeo und Julia

Es geht nichts über gutes Timing bei den Wiener Festwochen im Museumsquartier. Während im Hof bei sommerlichen Temperaturen der Soundcheck für das Festival der russischen Kultur FEEL RUSSIA über die Bühne geht, laufen in der Halle E und G zwei russische Inszenierungen parallel. Draußen organisiert das russische Kulturministerium das Line Up für gute kulturelle Beziehungen zwischen Russland und Österreich, drinnen zeigen zwei eher skandalträchtige Regisseure, gegen die vor allem die russisch-orthodoxe Kirche Front macht, ihre von der Schauspielchefin der Wiener Festwochen Marina Davydova eingeladenen Produktionen. Die vom Moskauer Theaterfestival NET (Neues Europäisches Theater) nach Wien gewechselte Theatertheoretikerin und -kritikerin hat mit Theaterproduktionen u.a. aus Kroatien, Litauen, Polen, Rumänien, Russland und Ungarn ein sehr Ost-affines Schauspielprogramm zusammengestellt. Und der in Kroatien lebende bosnische Regisseur Oliver Frljić, der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó sowie die beiden russischen Regisseure Konstantin Bogomolov und Timofej Kuljabin stehen auch für eine eher kritische künstlerische Auseinandersetzung mit den politischen Verhältnissen in ihren Heimatländern.

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Konstantin Bogomolov ist in Wien und auch in Deutschland kein ganz Unbekannter mehr. Bei den Festwochen zeigte er 2014 seine trashige, lettische Produktion Stavangera (Pulp People). Nun ist der russische Regie-Star mit dem Tschechow Künstlertheater Moskau und einer sehr freien Inszenierung der Komödie Ein idealer Gatte von Oscar Wilde zurück. Und was Frljić für den Balkan ist, scheint Bogomolov für das russische Theater zu sein: ein mehr oder weniger rotes Tuch! Die orthodoxe Organisation „Gottes Wille“ hat laut Programmheft zumindest in Moskau versucht seine Inszenierung am Künstlertheater abzusetzen. Und auch der stellvertretende russische Kulturminister Schurawskij bat den Intendanten Oleg Tabakow, alle Bogomolov-Inszenierungen aus dem Spielplan zu nehmen.

 

Ein idealer Gatte durch das Tschechow Künstlertheater Moskau – Foto (c) Ekaterina Tsvetkova

 

Aber Bogomolovs Idealer Gatte zieht die Moskauer förmlich magisch an. Und auch in Wien hat der Regisseur leichtes Spiel. Das Museumsquartier scheint fest in russischer Hand. Gleich zu Anfang geht unter großem Beifall der European Songcontest klar an Russland. Bogomolov hat Wildes englische Gesellschaftssatire auf russische Verhältnisse getrimmt. Der ewige Junggeselle Lord Goring ist hier der schmalzige Schlagerstar Lord (Igor Mirkurbanow), der zu Ehren seines Freunds Robert Ternew (Alexej Krawtschenko), Minister für Gummiwaren, ein Konzert im Kreml gibt. Er singt von weißen Birken und russischem Himmel, und auf Videoleinwänden sieht man die passenden Naturbilder dazu.

Dass die beiden auch ein Liebespaar sind, erfährt man erst später, als die Gummifabrikantin Misses Cheavley (Marina Sudina) ein verfängliches Video als Erpressungsversuch vorlegt, um als Siegerin aus einer Staatsausschreibung hervorzugehen, deren Auftrag Ternew lieber seiner eigenen Frau Gertruda (Daja Moros) zuschustern wollte. Homophobie, Bigotterie und Korruption sind die Themen von Bogomolows Inszenierung, mit denen er konkret russische Probleme geißeln will. Nationalismus, Vetternwirtschaft und Staatsnähe von Künstlern mal anders herum. Dazu eine schwadronierende und koksende High Society von Business People, Modedesignern und Partygirls. Und auch die orthodoxe Kirche bekommt ihr Fett weg als Betreiber eines Waisenhauses, in dem Lord sich einen blonden Waisenknaben (Pawel Tschinarew) adoptiert, wie aus einem Bordell für zahlungskräftige Pädophile.

 

Ein idealer Gatte durch das Tschechow Künstlertheater Moskau – Foto (c) Ekaterina Tsvetkova

 

Das klingt schärfer als es letztendlich ist. Die bösen Klischees sind fein ironisch verpackt und kommen nicht gerade mit dem Holzhammer, außer in den Sätzen von Lords Vater (Alexander Semtschew), einem alten Kriegsveteran, bei dem Putin schon mal vor den Toren Wiens steht. Über einige Witze kann hier im Westen aber nur lachen, wer die genauen Hintergründe kennt. Und doch ist Bogomolovs Farce bis zur ersten Pause sehr unterhaltsam, wenn man konventionelles Konversationstheater im stylischen Bühnenambiente mit Doppelbett und Sanitärtrakt wie in der Berliner Schaubühne mag.

Im zweiten Teil wird es dann schon etwas schärfer, wenn auch im Gewand einer Parabel, die sich Bogomolov ebenfalls bei Oscar Wilde borgt und mit Elementen aus Goethes Faust I kombiniert. Nun tritt der Schauspieler Sergej Tschonischwili als Dorian Gray auf und lässt sich sein Portrait von einem idealistischen jungen Künstler am TV-Bildschirm kreieren. Der bekommt Orden an die Brust und hängt später, nachdem er das Bildnis zurückgefordert, wie Jesus am Seil. Dorian Gray, den man sich hier unschwer als Politiker vorstellen kann, geht derweil einen Pakt mit der Kirche ein. Ein Pope (Maxim Matweew) mutiert zum Mephisto und beseitigt alle Mitwisser. Zwischendurch fährt man zum Ski nach Sotschi, Sinatra singt „Let it snow“, und der Rubel rollt. Die Welt ist die Hölle, denn wo brächte man sonst so viele Sünder unter.

Im letzten Teil wird wieder Komödie gespielt. Und wie schon zuvor covert sich Bogomolov durch die russische Literaturgeschichte mit Anspielungen an Puschkin, Turgenjew und natürlich Anton Tschechow, dessen Drei Schwestern nun als Edelnutten im Moskauer Café Vogue mit ihren Handys spielen, während sie vom Leben und Arbeiten sinnieren und auf solvente Freier warten. Es gibt noch ein bisschen Medienschelte bei einer Live-TV-Übertragung von Lords und Cheavleys Hochzeit mit Werbeeinblendungen. Das verhinderte schwule Paar stirbt zur Schlussszene von Shakespeares Romeo und Julia. Tot sind auch die Staatsschauspielerin Nina Zarečnaya (Die Möwe) sowie der letzte russische Intellektuelle, und Regisseur Bogomolov scheint sich hier selbst auch ein wenig als neuer Bulgakow zu gefallen. Vieles in seiner Inszenierung erinnert vom Aufbau her an dessen Roman Der Meister und Margarita. Das sind durchaus starke Bilder, die in Russland sicher verstören und somit ihre Berechtigung haben. Das Publikum dankt es dem aus Moskauer Team jedenfalls mit viel Beifall.

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Ein idealer Gatte (27.05.2016, Halle E im Museumsquartier)
Text nach der Komödie von Oscar Wilde
Textadaption: Konstantin Bogomolov
Regie: Konstantin Bogomolov
Bühne: Larisa Lomakina
Kostüme: Natalja Kanewskaja
Licht: Damir Ismagilow
Musik: Natalja Trichleb
Choreografie: Julia Kawezkaja
Regieassistenz: Olga Rosljakowa
Mit: Nadjeschda Borisowa, Andrej Burkowsky, Rosa Chairullina, Swetlana Kolpakowa, Alexej Krawtschenko, Maxim Matweew, Igor Mirkurbanow, Darja Moros, Wassili Nemirowitsch-Dantschenko, Jana Osipowa, Artjom Pantschik, Wladimir Pantschik, Alexander Semtschew, Marina Sudina, Pawel Tschinarew, Sergej Tschonischwili, Pawel Waschchilin u.a.
Eine Produktion des Tschechow Künstlertheaters Moskau
Dauer: 3 Stunden 50 Minuten, zwei Pausen
Termine bei den Festwochen: 25.-28.05.2016

Infos: http://www.festwochen.at/

Zuerst erschienen am 30.05.2016 auf Kultura-Extra.

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Drei Schwestern stumm bewegt – Regisseur Timofej Kuljabin inszeniert den Tschechow-Klassiker ohne Worte nur in russischer Gebärdensprache

Keine Festwochen ohne Anton Tschechow. Der russische Schriftsteller und Dramatiker gehört in Wien fast schon zum festen Inventar, so auch in diesem Jahr. Während in Konstantin Bogomolovs Oscar-Wilde-Verschnitt die Drei Schwestern als Edelnutten in Moskau angekommen sind, wollen sie in der Inszenierung von Timofej Kuljabin noch immer an den Ort ihrer großen Sehnsucht. Nur können sie es in der Produktion des Teatr Krasnyi Fackel aus Nowosibirsk nicht in Worten ausdrücken. Die jüngste der drei Prosorow-Schwestern, Irina (Linda Achmetsjanowa), schreibt es daher mit den von Unterleutnant Fedotik (Alexej Meschow) in der Moskowskaja-Straße für sie gekauften Buntstiften auf Papier: „Nach Moskau! Nach Moskau! Nach Moskau!“

Das Publikum in der Halle G des MuseumsQuartiers liest das in den eingeblendeten deutschen Übertiteln, während das Schauspielensemble der Inszenierung von Tschechows Drei Schwestern sich in russischer Gebärdensprache untereinander verständlich machen muss. Timofei Kuljabin hat sie ihrer Muttersprache beraubt. Was verschwindet, ist allerdings nicht der Text, sondern seine „Vertonung“, wie es der Regisseur nennt und für eine „Intonierung des Schauspielers“ hält.

 

Drei Schwestern vom Teatr Krasnyi Fackel, Nowosibirsk
Foto (c) Frol Podlesny

 

Der 32jährige Kuljabin wird als einer der prominentesten Regisseure Russlands gehandelt. Bekannt geworden ist er im Westen durch seine viel gelobte Tannhäuser-Inszenierung, in deren Venusberg-Szene Tannhäuser als Jesus Christus dargestellt wurde. Dafür bekamen er und der Intendant des Nowosibirsker Theaters, Boris Mesdritsch, im März 2015 eine Anzeige wegen des Vorwurfs der Schändung religiöser Symbole. Das Bezirksgericht sprach die beiden zwar vom Vorwurf der Blasphemie frei. Mesdritsch wurde allerdings trotzdem aus seinem Amt entlassen.

Mit seiner Gehörlosen-Variante des Tschechow-Klassikers dürfte Kuljabin kaum Probleme mit der orthodoxen Kirche bekommen, wohl aber mit den Tschechowpuristen, von denen einige schon nach der ersten der drei Pausen in Wien verständnislos das Weite suchen. Sie werden Einiges vermisst, aber am Ende des erstaunlichen Abends auch Wesentliches verpasst haben.

Die Stimmung der Inszenierung lässt sich so ziemlich auf die Anfangssequenz des Abend verdichten, in der die junge Irina an ihrem Namenstag zu einem Miley-Cyrus-Video tanzt, in dem die Sängerin nackt auf einer Abrissbirne schwingend, den gleichnamigen Song intoniert, und das ziemlich laut. „I came in like a wrecking ball / I never hit so hard in love“. Später wird Irina verzweifelt feststellen, noch nie geliebt zu haben, obwohl sie doch so oft davon geträumt und darauf gehofft hatte. So wie das Ziel Moskau, werden die drei Schwestern die Erfüllung ihrer Träume nicht erreichen. Davon handelt dieses Stück – und das ändert auch nicht, dass die Tschechow-Figuren hier ihre Wünsche und Gefühle nicht in die Worte fassen können, die der Zuschauer doch ständig als Text vor Augen hat.

 

Drei Schwestern vom Teatr Krasnyi Fackel, Nowosibirsk
Foto (c) Frol Podlesny

 

Denn selbst in Tschechows höchst melancholisch angelegtem Stück vermögen die ProtagonistInnen nicht das, was sie ständig so wortreich von sich geben. Dafür knallen hier die stummen Gefühle Aller wesentlich heftiger und oft ziemlich ungebremst aufeinander. Das macht vor allem, dass man sich zum Verständnis der Gebärdensprache immer direkt zum Angesprochenen wenden muss, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Ungewohnt und komisch wirkt das schon, aber man hat sich schnell eingesehen, denn besonders der erste Teil mit der Namenstagfeier im Hause Prosorow funktioniert immer auch als Komödie recht gut. Wer das Stück nicht kennt, wird trotzdem intuitiv alles verstehen.

Die SchauspielerInnen sind fast immer in den auf dem Boden markierten, möblierten Zimmerzellen anwesend. Wenn jemand neu dazu kommt, leuchten an der Decke zwei Lampen als Türklingel auf. Man sitzt an der Tafel, gebärdet durcheinander oder unterhält sich zu zweit abseits. Gebannt legen alle das Ohr auf die Tischplatte, als der von Fedotik mitgebrachte Brummkreisel auf dem Tisch summt. „Sie mag Musik nur, wenn sie laut ist“, sang einst Herbert Grönemeyer. Hier wird die brüllende Lautsprecherbox auf den Fußboden gestellt und barfuß zu den Vibrationen getanzt.

Es sind nur die alltäglichen Geräusche, an die sich das an Konversationstheater gewöhnte Publikum hier halten kann. Das nervöse Klopfen des Doktors (Andrej Tschernych) beim Schachspielen, das Klappern von Geschirr oder Schuhen, das Knarren der Dielen, Vogelgezwitscher und der Wind, der ums Haus streicht. Ansonsten geben die DarstellerInnen nur Laute von sich. Einzig der Gemeinderatsdiener Ferapont (Sergej Nowikow), der dem Bruder der drei Schwestern, Andrej (Ilja Musyko), immer Papiere zur Unterschift bringt, kann sprechen. Dafür hört er bekanntlich schwer. Und so reden die Beiden auch hier munter aneinander vorbei. Der Inner Circle einer abgeschirmten Intellektuellenwelt, in die sich das unaufhörlich Plappernde einer neuen Zeit drängt.

Kuljabins Regie überzeugt mit einer sparsamen Dramatik, die sich aber von Akt zu Akt steigert und ihren Höhepunkt in der Brandnacht findet, wo sich alle Gefühle Bahn brechen wollen. Was Kuljabin immer wieder mit Lichtausfällen erschwert, in denen alle umherirrend mit ihren Handys leuchten, während der betrunkene Doktor wortlos stöhnend sein Zimmer zerlegt. Vertrieben werden die stumm Gestikulierenden auch hier von Andrejs ehrgeiziger und lebenstüchtigen Frau Natascha (Claudia Kachussowa), die sie erst noch verspotteten und die nun das Regime der Nutzlosen an sich reißt.

Zuvor tragen sie aber alle noch ihre gewohnten Kämpfe aus. Sprachlos aber mit einer körperlichen Intensität, die fast schon choreografiert wirkt, wenn der Batteriekommandeur Werschinin (Pawel Poljakow) seine Rede an die neue Zeit wie ein Dirigent vor seinem aufmerksamen Orchester hält. An seiner Hand hängt am Ende die verzweifelte Mascha (Darja Jemeljanowa), wenn die Brigade zur Marschmusik abzieht. Auch hier wird die strenge Olga (Irina Kriwonos) sich müde ihrer Pflicht ergeben und der linkische, zu spontanen Gewaltausbrüchen neigende Soljony (Konstantin Telegin) den redlichen Baron Tusenbach (Anton Woynalowitsch) im Duell um Irina erschossen haben. Das ist dann nochmal hochemotionales, ergreifendes und auch aktuelles Theater ganz ohne Worte.

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Drei Schwestern (28.05.2016, Halle G im MuseumsQuartier)
von Anton Tschechow
Regie: Timofej Kuljabin
Bühne: Oleg Golowko
Licht: Denis Solntsew
Mit:
Andrej Sergejewitsch Prosorow… Ilja Musyko
Nikolai Lwowitsch Tusenbach… Anton Woynalowitsch
Natalja Iwanowna… Claudia Kachussowa
Olga… Irina Kriwonos
Mascha… Darja Jemeljanowa
Irina… Linda Achmetsjanowa
Fjodor Iljitsch Kulygin… Denis Frank
Alexej Petrowitsch Fedotik… Alexej Meschow
Alexander Ignatjewitsch Werschinin… Pawel Poljakow
Wassili Wassiljewitsch Soljony… Konstantin Telegin
Iwan Romanowitsch Tschebutykin… Andrej Tschernych
Wladimir Karlowitsch Rode… Sergej Bogomolow
Ferapont… Sergej Nowikow
Anfissa… Elena Drinewskaja
Eine Produktion des Teatr Krasnyi Fackel, Nowosibirsk
Dauer: 4 Stunden 15 Minuten, drei Pausen
Termine bei den Festwochen: 27.-30.05.2015

Infos: http://www.festwochen.at/

Zuerst erschienen am 30.05.2016 auf Kultura-Extra.

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Drei Schwestern am Berliner Ensemble – Leander Haußmann fällt nicht viel ein in seiner sentimentalen, historisierenden Inszenierung von Anton Tschechows Tragikomödie

Freitag, Januar 8th, 2016

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Foto: St. B.

Foto: St. B.

Die Figuren aus Anton Tschechows Tragikomödie Drei Schwestern sind, obwohl sie ständig über die Zukunft reden, hoffnungslose Nostalgiker. So hängen die Schwestern Olga, Mascha und Irina an ihrer schönen Kindheit in Moskau und wünschen sich ständig wieder dahin zurück, da die Gegenwart auf dem Land, wohin der jüngst verstorbene Vater und Brigadegeneral Prosorow vor elf Jahren versetzt wurde, alles andere als Glück verheißt. Und Glücklichsein ist das, was hier alle um jeden Preis wollen, aber einfach nicht können. Dass das trotz allem auch komisch sein kann, liegt wohl gerade auch in der Tragik des Unabänderlichen und an der Diskrepanz von dem, was die Figuren sagen und dem, was sie tatsächlich tun. Ansonsten schaut man ihnen nur beim schmerzvollen Vergehen von Zeit zu. Der sehnsüchtige Blick in eine bessere Zukunft bleibt da immer auch ein Rückblick in die Vergangenheit.

Und so inszeniert denn Leander Haußmann seinen ersten Tschechow fürs Berliner Ensemble auch in einem stark historisierenden Bühnenbild (von Lothar Holler), in dem der Putz abblättert. Das erinnert etwas an die sehr naturalistische Platonov-Inszenierung des lettischen Regisseurs Alvis Hermanis, dem Haußmann jüngst in einem Artikel in der WELT beisprang, als man ihn im deutschen Feuilleton für seine ablehnenden Äußerungen zum Umgang mit Flüchtlingen an hiesigen Theatern geißelte. Wohlgemerkt stellte sich Leander Haußmann nicht inhaltlich an die Seite von Hermanis. Er nutzte seine solidarische Note aber für eine Philippika auf das gute alte Theater als Ort, „an dem die Gegenwart auch mal Hausverbot hat“. Nun ja, so in etwa wird am Haus von Claus Peymann schon seit Längerem inszeniert. Nur hatte man nach den letzten Regiearbeiten Haußmanns nicht unbedingt den Eindruck, dass er sich stilistisch da einreihen wollte. Das ist ihm nun aber, muss man konstatieren, mit seiner Inszenierung der Drei Schwestern [Premiere war am 17. Dezember 2015] bestens gelungen.

Tatsächlich gibt es sogar mal wieder einen Vorhang. Nur dass der hier nicht, wie Haußmann eigentlich meint, „den Blick für das andere, das Abgehobene, das Undenkbare freigibt“, sondern eher auf eine Welt von gestern, auf die der Regisseur mit heutigem Wissen, viel Verständnis und milder Ironie schaut. Man fühlt sich zu Beginn in den Namenstag-Szenen sogar wie in eine Schaubühnen-Inszenierung von Peter Stein versetzt, in der es noch nach Birken riechen durfte und man den SchauspielerInnen die Gefühle buchstäblich von den Lippen ablesen konnte. Nur übertreiben es hier am BE die Damen ein wenig mit der Gestik und scheinen die Herren Offiziere allesamt einen Stock verschluckt zu haben. Es wird angestrengt geplaudert, die Uhr schlägt laut, und ein Kreisel brummt, während die Gesellschaft kurz erstarrend zuschaut. Über allem hängt eine künstliche Melancholie.

 

Drei Schwestern am BE - Foto (C) Lucie Jansch

Drei Schwestern am BE – Foto (C) Lucie Jansch

 

Nun muss man der Fairness halber noch erwähnen, dass es in der rezensierten Vorstellung eine nicht unerhebliche Umbesetzung gab. Für den kurzfristig erkrankten Uwe Bohm (Darsteller des Oberstleutnant Werschinin) sprang mutig in voller Montur der Regisseur selbst ein. Leander Haußmann gibt den neuen Batteriechef zunächst ein wenig nachdenklich zurückhaltend. Dessen vollmundige Sätze von der Zeit in 200 bis 300 Jahren wirken da so, als wenn er selbst nicht wirklich daran glauben würde. Den zerknirschten Ehemann hat er dann wieder ganz gut drauf. Und in den schließlich recht leidenschaftlichen Szenen mit Mascha (Antonia Bill), in denen auch mal das Bild des Generals von der Wand fällt, scheint er dann endlich in die Figur hinein gefunden zu haben. Ob es Uwe Bohm anders oder gar besser machen würde, ist da reine Spekulation.

Haußmanns Interesse als Regisseurs liegt dann auch eher bei den Schwestern. Das Dreigestirn ist in Schwarz für die beiden Älteren und Weiß für die Jüngste (Irina) geteilt. Während die Männer schwadronierende (Matthias Mosbach als Baron Tusenbach), dumpfe (Georgios Tsivanoglou als Hauptmann Soljony) oder komische (Raphael Dwinger und Luca Schaub als Unterleutnants Fedotik und Rode) Staffage bleiben, bekommen Irina (Karla Sengteller), Mascha und Olga (Laura Tratnik) immer wieder ein paar kurze Ausbruchsszenen aus der allgemeinen Lethargie. Wobei Olga viel am Jammern ist und Irina zwischen Trotzköpfchen und Heulsuse schwankt. Minutenlang muss sie ins Publikum starren. Mascha neigt dagegen zu besonders spontanen Gefühlsregungen und küsst dabei auch mal leidenschaftlich ihren Mann, den langweiligen Lehrer Kulygin (Boris Jacoby). Als Haußmanns Werschinin zum Abschied wie John Wayne mit dem Sattel in der Hand auftaucht, beginnt Mascha verzweifelt zu klammern. Der Blick der drei Frauen geht am Ende wieder zurück. Ein Kinderkarussell dreht sich mit ihnen. Ein Klavier klimpert sanft.

 

Drei Schwestern am BE - Foto (C) Lucie Jansch

Drei Schwestern am BE – Foto (C) Lucie Jansch

 

Der aufkommende Sturm der Zukunft, den der Hobbyphilosoph Werschinin herbeireden will, kommt hier nur zwischen den Akten durch die Seitentüren mit der Windmaschine und ein paar frischen russischen Akkordeonklängen von Musiker Atanas Georgiev. Der Rest bleibt laues Lüftchen – wie auch die darstellerischen Leistungen des Ensembles, das man noch nie so verloren gesehen hat. Besonders auffällig ist das bei Peter Miklusz als Bruder Andrej und Anna Graenzer als seine Frau Natascha, die hier reine Witzfiguren geben müssen. Sehr eindimensional auch der Doktor Tschebutykin von Axel Werner, dem nur ein kurzer Verzweiflungsausbruch im Suff gegönnt ist. Geradezu verschenkt sind Gudrun Ritter als alte Kinderfrau Anfissa und Martin Seifert als schwerhöriger Bote Ferapont. Leander Haußmann ist erstaunlich wenig eingefallen. Er ist so unentschlossen wie seine Tschechow-Figuren. Der Abend fällt, wohl auch gewollt, weit hinter andere heutige Inszenierungen des Stücks zurück. Da kommt doch leider auch viel Langeweile auf.

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DREI SCHWESTERN (Berliner Ensemble, 04.01.2016)
von Anton Tschechow
Deutsch von Thomas Brasch
Regie: Leander Haußmann
Bühne: Lothar Holler
Kostüme: Janina Brinkmann
Dramaturgie: Steffen Sünkel
Licht: Ulrich Eh
Mit: Peter Miklusz (Andrej Sergejewitsch Prosorow), Anna Graenzer (Natalja Iwanowna, seine Verlobte, später seine Frau), Laura Tratnik (Olga, seine Schwester), Antonia Bill (Mascha, seine Schwester), Karla Sengteller (Irina, seine Schwester), Boris Jacoby (Fjodor Iljitsch Kulygin, Lehrer, Maschas Mann), Uwe Bohm (Alexander Ignatjewitsch Werschinin, Oberstleutnant, Batteriechef), Matthias Mosbach (Nikolai Lwowitsch Tusenbach, Baron, Leutnant), Georgios Tsivanoglou (Wassili Wassiljewitsch Soljony, Hauptmann des Stabes), Axel Werner (Iwan Romanowitsch Tschebutykin, Armeearzt), Raphael Dwinger (Alexej Petrowitsch Fedotik, Unterleutnant), Luca Schaub (Wladimir Karlowitsch Rode, Unterleutnant), Martin Seifert (Ferapont, Bote der Landverwaltung, ein alter Mann), Gudrun Ritter (Anfissa, Kinderfrau, 80 Jahre alt)
Atanas Georgiev (Akkordeon)
Premiere war am 17.12.2015
Dauer: ca. 3h 30 Min (eine Pause)

Termine: 14., 20., 27.01 und 07.02.2016

Infos: http://www.berliner-ensemble.de

Zuerst erschienen am 07.01.2015 auf Kultura-Extra.

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Wiener Festwochen 2015 (Teil 2): Bobo Jelčić vom Zagreb Youth Theatre schießt mit seiner unsentimentalen Kurzadaption von Anton Tschechows Möwe den Vogel ab.

Dienstag, Juni 2nd, 2015

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Man kann Anton Tschechows Stücke heute als ironische Komödie, oder wie ehedem eher melancholisch anlegen, psychologisch überfrachten, oder man kann einfach drauflos spielen. Für Letzteres scheint sich der kroatische Regisseur Bobo Jelčić vom Zagrebačko Kazalište Mladih (Zagreb Youth Theatre) bei seiner Inszenierung von Tschechows wohl bekanntestem Drama Die Möwe entschieden zu haben. Das Setting auf der Bühne wirkt hier zu Beginn, als befände man sich gerade noch in den Endproben. Während es aus dem Off hämmert und bohrt, immer wieder Bühnenarbeiter und ein aufgeregt gestikulierenden und telefonierender Jungregisseur in den Kulissen umherlaufen, sitzt sich schon mal eine der Darstellerinnen in der an der Rampe stehenden, recht abgeranzten Sitzgruppe mit geflicktem Sofa und zwei alten Sesseln warm. Sie schaut ins Publikum, tritt ab, um wenig später erneut wieder dort Platz zu nehmen.

Die_Moewe - Foto (c) Mara Bratoš-ZKM

Die MöweFoto (c) Mara Bratoš-ZKM

Es ist Mascha (Katarina Bistrović-Darvaš), die unglücklich verliebt Tochter des Gutsverwalters Schamrajew, der bei Tschechow mit seinen unentwegt dargebrachten Anekdoten über Theatergrößen aus der Provinz nervt. Bobo Jelčić hat ihn gestrichen, wie auch einige andere Personen des Stücks, und verortet seine mit 80 Minuten recht kurz geratene Adaption der Möwe gleich ganz in die Welt der Künstler und Schwadroneure. Einen von ihnen muss sich dann auch Mascha vom Hals halten. In einer vollkommen unromantischen Schnellsprechvariante rattert der Lehrer Medwedenko (Pjer Meničanin) seinen aus der Vernunft heraus begründeten Heiratsantrag, dem sich Mascha erst durch Winden auf dem Sofa und dann durch eine vergebliche Flucht durch die Kulissentür zu entziehen versucht. Diesen langweiligen Scheißkerl wird sie so schnell nicht mehr loswerden, soviel steht fest.

Die andere vergeblich Hoffende ist Maschas Mutter Polina Andrejewna (Nataša Dorčić), die hier einen ausgeprägten Putzfimmel hat, und dem angebeteten aber ziemlich teilnahmslosen Arzt Dorn (Goran Bogdan) ständig mit dem Staubtuch hinterherwedelt. Dann entern aus dem Zuschauerraum die restlichen Schauspieler und Gäste des nun folgenden Stücks im Stück, das der aufstrebende Jungautor mit seiner geliebten Darstellerin Nina (Jadranka Đokić) einstudiert hat, die Bühne und beginnen einen angeregten Smalltalk, der nicht weiter übersetzt wird. Natürlich geht auch hier die Vorführung des etwas überinspirierten, nicht ganz fertig gewordenen Werks (sozusagen einem typischen „Work in Progress“) schief. Sogar die recht forsch als „Häschen aus der Zukunft“ auftretende Nina, versteht das Stück ohne Menschen nicht, und schon gleich gar nicht die Mutter und voluminöse Starschauspielerin Irina Nikolajewa (Ksenija Marinković).

Die Möwe - Foto (c) Mara Bratoš-ZKM

Die MöweFoto (c) Mara Bratoš-ZKM

Regisseur Jelčić karikiert hier witzig die herrschenden Moden am Theater, wenn er Nina aus ihrem Plot austeigen lässt, sie sich zu den Gästen auf das Sofa setzt und alle Darsteller immer wieder die Plätze und Perspektiven wechseln. Schließlich bemerken sie auch das Publikum im Saal und schauen bedeutungsvoll in die Runde. Die vierte Wand scheint gefallen, die neuen künstlerischen Formen Konstantins am Tempel der Kunst aber noch nicht ganz durchgesetzt. Jedenfalls gebärdet sich die große Diva Arkadina dementsprechend wie eine Furie und verlässt schreiend den Saal. Die sich anschließende Debatte dreht sich um die prekäre Situation der Bühnen, Künstlergagen und die Lage des kroatischen Nationaltheaters. Hier tut sich besonders der Schriftsteller Trigorin (Sreten Mokrović) hervor, der schier endlos aus seinem Sessel heraus referiert, der Arkadina lobhudelt und das letzte Geleit der darstellenden Kunst bildet. Nur der Arzt klopft dem kurzzeitig geflohenen Nachwuchsregisseur beiläufig auf die Schulter und textet ihn mit guten Ratschlägen zu.

Natürlich geht es hier auch um das langweilige Leben, Sehnsüchte und unerfüllte Liebe, die man sich auch hin und wieder gesteht. Allerdings sind die Reaktionen eher Ignoranz oder kalte Ablehnung, wenn der wütende Konstantin die schmachtende Mascha an den Haaren zerrt und kurzerhand in den Teppich einwickelt. Wir befinden uns immer noch im ersten Akt des Schauspiels als Konstantin eine Plastikmöwe aus dem Bühnenhimmel schießt, mit der Pistole posiert und sich wenig später in den Kulissen fast selbst damit erlegt. Der zweite Akt ist komplett gestrichen, und aus technischen Gründen, wie eine Assistentin verrät, müssen nun drei Leute aus dem Publikum erstmal die Bühne aufräumen, damit es weiter gehen kann.

Nachdem Mascha mit einer langen Leiter ihre Schnapsvorräte aus dem Versteck geholt hat, säuft sie sich ihre Entscheidung für den Lehrer schön, während Trigorin weiter im Sessel sinniert und der Arkadina schließlich gesteht, in Nina verliebt zu sein. Nun wird nochmal overacted was das Zeug hält, wenn sich die Actrise wieder in Pose wirft und die Betrogene mimt, die ihren Schriftsteller nicht verlieren will.Wenn du mein Leben brauchst, komm und nimm es“, heißt es im Buch Trigorins. Die Menschen berühren mit einer geschrieben Zeile. Er wird sich das Leben Ninas, der Möwe, nehmen und es wieder wegwerfen. Doch das ist es letztendlich nicht, was den Regisseur interessiert. Es ist die Tragikomik gewonnen aus den verzweifelten, zwischenmenschlichen Dialogen der Figuren, die Bobo Jelčić konzentriert und radikal verknappt, aber mit viel Körpereinsatz, Witz und Slapstick ganz unsentimental immer wieder auf den Punkt bringt. Nachdem die Versöhnung der Arkadina mit Konstantin fehl schlägt und die übereilte Abreise alle aufgeregt durcheinanderlaufen lässt, setzt man sich noch einmal hin für ein sehnsuchtsvoll gesungenes „Ich werde dich nicht vergessen.“ Und dem alleingelassenen, gescheiterten Konstantin bleibt nichts, außer sich aus der abgelegenen Landschaft voller langweiliger Möwen zu schießen. Vierter Akt gestrichen. Mehr braucht es auch nicht.

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Die Möwe
30.08.2015, Theater Akzent
Text von Anton Tschechow
Textadaption: Bobo Jelčić
Inszenierung, Bühne und Kostüme: Bobo Jelčić
Licht: Aleksandar Čavlek
Sound: Kruno Miljan
Stage-Management: Milica Kostanić
Besetzung:
Irina Nikolajewna Arkadina: Ksenija Marinković
Boris Alexejewitsch Trigorin: Sreten Mokrović
Konstantin Gawrilowitsch Treplew: Krešimir Mikić
Nina Michailowna Saretschnaja: Jadranka Đokić
Jewgenij Sergejewitsch Dorn: Goran Bogdan
Polina Andrejewna: Nataša Dorčić
Mascha: Katarina Bistrović-Darvaš
Semjon Semjonowitsch Medwedenko: Pjer Meničanin
und mit Hrvoje Svečnjak, Igor Mandić

Produktion: Zagrebačko Kazalište Mladih (ZEKAEM), Zagreb

Dauer: 80 Minuten, keine Pause

Termine bei den Wiener Festwochen: 31.05., 01.06. und 02.06.2015

Infos: http://www.festwochen.at/programmdetails/die-moewe/

Zuerst erschienen am 31. Mai 2015 auf Kultura-Extra.

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Hühnerdreck und Visionen – Nurkan Erpulat inszeniert Anton Tschechows „Onkel Wanja“ als Fall von permanenter Arbeitsmigration.

Mittwoch, Mai 6th, 2015

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Nurkan Erpulat ist der Experte für das Abklopfen von klassischen Theaterstoffen auf postmigrantische Spuren. Das hat er schon bestens mit Kafkas Schloss am DT oder dem Kirschgarten von Anton Tschechow bewiesen. Mit letzterem eröffnete er das neue Gorki Theater unter der Intendanz von Shermin Langhoff. Nun greift er wieder auf den russischen Dramatiker zurück und unterzieht dessen Onkel Wanja einer genaueren Untersuchung. Dass er da fündig werden könnte, hätte man auf den ersten Blick nicht vermutet. Es ist dann auch eher der zweite, aber selbst dieser hat es dann durchaus in sich.

Maxim Gorki Theater Berlin - Foto: St. B.

Maxim Gorki Theater Berlin – Foto: St. B.

Zitat Programmzettel: „Wie oft endet der Aufbruch in ein vermeintlich besseres Leben mit unermüdlicher Arbeit, die der Natur des Aufgebrochenen widerspricht und ihn deshalb jeden Tag ein Stück mehr zerstört – nicht die Arbeit an sich widerstrebt der Natur, sondern die aus Zwang verrichtete Arbeit in einer Gesellschaft, die alle Türen zu mir selbst versperrt.“ (Deniz Utlu, Onkel Wanja lesend) – Eine Adaption  des Romans Die Ungehaltenen von freitext-Herausgeber Deniz Utlu wird Ende Mai im Gorki  Studio uraufgeführt werden.

Damit ist dann auch tatsächliche nicht nur der Migrant gemeint, der in Deutschland oder anderswo nicht in dem Beruf Fuß fassen kann, der seiner Berufung entspricht, sondern jeder, der außerhalb seiner kreativen Möglichkeiten auf einen Broterwerb angewiesen ist oder aus anderen Gründen nicht das Leben führt, zu dem es ihn eigentlich hinzieht. Also wann bin ich in ein Leben verstrickt, was nicht meins ist? Nun, wenn sich jeder diese Frage ehrlich beantworten würde, hätten wir vermutlich ein Land voller Arbeitsmigranten, die im Grunde nicht das tun, was sie eigentlich wollen. „Ein Beruf fern meiner Berufung“, wie es Deniz Utlu bezeichnet. Steile These, die man erstmal verdauen muss. Schaut und hört man dann aber bei Tschechows Onkel Wanja genau hin, kann man diese unfreiwillig Verstrickten überall finden.

Onkel Wanja - Foto © Esra Rotthoff

Foto © Esra Rotthoff

Es beginnt mit einem wortlosen Gartenfest an einer Tafel mit Lichterkette vor der Videoprojektion eines Waldes. Das Ensemble schaut irgendwann lange in den Zuschauerraum. Was dann meist auch bedeuten soll: Achtung, jetzt seid ihr gemeint. Dann aber geht es auch schon los mit den Klagen. Der Arzt Astrow (Dimitrij Schad) hat keinen Spaß mehr an seinem Beruf, fühlt sich abgestumpft und ergibt sich gelangweilt dem Suff. Seine Leidenschaft, die Erhaltung der Natur, interessiert niemanden, besonders nicht seinen einzigen Freund Wanja (Tim Porath), der ebenfalls säuft, seiner Jugend nachtrauert und bedauert nicht gelebt zu haben. Das Buch, das der verhinderte Dostojewskij bei Tschechow noch schreiben wollte, schleppt er hier irgendwann seitenweise an, ohne jegliches Interesse damit zu erwecken.

Als Katalysator und Hoffnungsträgerin, dass es da in der Tristesse des Alltags noch etwas geben könnte, was einem Mut zum Weitermachen gibt, fungiert die schöne Jelena (Anastasia Gubareva), die den Männern den Kopf verdreht, aber an den alten Professor Serebrjakow (Falilou Seck) gebunden ist. Jelena hat für den Professor ihre Gesangskarriere aufgegeben und übt sich nun im Müßiggang und Aushalten der Launen des alternden Mannes. Dass sie dabei wirklich glücklich ist, glaubt ihr eigentlich von Anfang an niemand.

Im Sich-etwas-Vormachen sind hier übrigens alle Meister, allen voran die alte Wojnizkaja (Ruth Reinecke), Mutter von Wanja, die den Professor und Mann ihrer verstorbenen Tochter noch immer verehrt. Wanja und sie haben alle seine Texte gelesen, abgeschrieben und jeden Rubel aus dem Landgut, auf das der Professor nun zurückgekehrt ist, weil er kein Geld für das Stadtleben hat, für ihn aufgespart. Falilou Seck spielt ihn als gescheiterten Menschen, der in der Nachtszene, in der er bei Tschechow über seine Schmerzen klagt, noch einen angstverzerrten Monolog eines alternden Schauspieler hält und verzweifelt nach der Tapetentür in der Rückwand sucht. Dazu fährt die Technik einen großen Scheinwerfer herunter wie zur Demonstration der Künstlichkeit dieses Lebens.

Sonja (Mareike Beykirch), die Tochter des Professors aus erster Ehe, hat es noch schwerer getroffen. Sie schleppt neben der unerfüllten Liebe zum Arzt Astrow auch das Trauma eines Kofferkindes mit sich rum. Diese Besonderheit vieler Kinder türkischer Arbeitsmigranten, die ihre Eltern nur im Sommer in den Ferien zu Gesicht bekamen, baut Regisseur Erpulat zusätzlich ein. Es hätte ihrer zur Beglaubigung der Eingangsthese nicht bedurft. Mareike Beykirch macht aus ihrer Rolle aber eine beeindruckende Performance.

Überhaupt liefern die Gorki-Schauspieler wieder eine gute, geschlossene Ensembleleistung ab, die noch von Sema Poyraz als alte Nanja und Marina Frenk als grün gekleideten, kauzigen Telegin am Klavier ergänzt wird. Zwischen den obligatorischen Wutausbrüchen Wanjas mit der Pistole in der Hand, wodkaseligen Schwüren und dem Schwadronieren über Visionen singt das Ensemble immer wieder schön-melancholisch russische und türkische Lieder. Und die Saufkumpane Wanja und Astrow suchen ihre verlorenen Visionen im Hühnerdreck bei echten Hühnern, die ihnen freundlich zugackern. Bei den langen Verabschiedungen und den elegischen Abschlussworten Sonjas fügt sich alles wieder in die Ablenkung der ungeliebten Arbeit wie in eine traurige „Liebkosung“ des Unvermeidbaren. Diese Inszenierung wirkt damit fast schon klassisch. Nurkan Erpulat scheint endgültig angekommen im bürgerlichen Stadttheater.

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Onkel Wanja
von Anton Tschechow
Übersetzung aus dem Russischen von Peter Urban
Regie: Nurkan Erpulat, Bühne: Alissa Kolbusch, Kostüme: Elke von Sivers, Musik: Sinem Altan, Lichtdesign: Hans Leser, Dramaturgie: Ludwig Haugk
Darsteller:
Alexandrowna (Sonja): Mareike Beykirch, Ilja Iljitsch Telegin: Marina Frenk, Jelena Andrejewna: Anastasia Gubareva, Iwan Petrowitsch Wojnizkij (Onkel Wanja): Tim Porath, Marina: Sema Poyraz, Maria Wassiljewna Wojnizkaja: Ruth Reinecke, Michail Lwowitsch Astrow: Dimitrij Schaad, Alexander Wladimirowitsch Serebrjakow: Falilou Seck

Dauer: ca. 2 Stunden, keine Pause

Premiere war am 02.04.2015 am Maxim Gorki Theater Berlin

Termine: 10.05., 17.05., 26.06. und 30.06.2015

Infos: http://www.gorki.de/spielplan/onkel-wanja/1481/

Zuerst erschienen am 05.05.2015 auf Kultura-Extra.

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Onkel Wanja – Karin Beier inszeniert am Deutschen Schauspielhaus Hamburg Anton Tschechows Szenen aus dem Landleben fein nuanciert als kleines Tänzchen über der Abraumhalde.

Montag, Januar 19th, 2015

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Manchmal kommt es einem so vor, als hätte Anton Tschechow nur ein einziges Theaterstück geschrieben und dieses dann immer wieder klug variiert, um die eine oder andere Person ergänzt und einige wenige Nuancen bereichert. Die Grundstimmung bleibt fast immer die gleiche. Die Figuren ringen allesamt in unablässigen Lamentos mit ihren unerfüllten Sehnsüchten sowie einer unüberwindbaren, alles lähmenden Antriebslosigkeit und der inneren Verzweiflung darüber. Tschechow hat mit allen seinen Stücken einzigartige Klassiker der ironisch gebrochenen Melancholie entworfen. Er nannte sie darum selbst auch meist Komödien. Dem trägt dann neuerdings die Regie auch immer mehr Rechnung, indem das Komische der Figuren fast bis zur Lächerlichkeit herausgekehrt und die allem innewohnende leise Melancholie weginszeniert wird. Was die allgemeine Inszenierungstradition im deutschsprachigen Raum betrifft, ist man da schon versucht zu behaupten, dass dem auch nicht mehr allzu viele neue Facetten in der Kunst der Darstellung abzugewinnen wären.

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Und so scheint es dann auch zunächst mit der neuen Inszenierung der Intendantin des Deutschen Schauspielhauses Hamburg, Karin Beier, zu sein. Sie hat sich innerhalb des schon in die zweite Runde gehenden Russen-Schwerpunkts an ihrem Hamburger Theater – nach Stücken von Fjodor Dostojewskij und Maxim Gorki – nunmehr Anton Tschechows Tragikomödie Onkel Wanja angenommen. Die Grundstimmung ist auch hier zu Beginn eher düster. Auf der von Johannes Schütz gestalteten Bühne ist ein langer, schmaler Holzsteg gebaut, der über ein den Boden komplett ausfüllendes, wüstes Feld von torfähnlicher Erde führt. Auf dieser öden Abbruchhalde mit vereinzelter Baggerschaufel im Hintergrund sammelt ein einzelner Arbeiter (Alexej Mir), die gesamte Zeit über auf dem Boden liegend, Müll in einen Sack. Ab und an schlägt er an zwei metallene Klangstäbe, was wie die Glockenschläge der unablässig verstreichenden Zeit wirkt. Die alte Kinderfrau Marina (Juliane Koren) wandelt wie im Wachtraum mit einem Samowar erst von links nach rechts über den Steg, dann in die umgekehrte Richtung, dabei Unverständliches auf Russisch vor sich hin murmelnd.

Onkel Wanja_DSH-Plakat_Jan. 2015

Onkel Wanja am Deutschen Schauspielhaus Hamburg – Foto: St. B.

Die Zeit auf dem Landgut der Serebrjakows ist aus den Fugen geraten. Unermüdliche Betriebsamkeit ist in lähmende Lethargie umgeschlagen. Man sitzt am Rand des Stegs, lässt die Beine mit den klobigen Gummistiefeln und die Seele baumeln. Es wird über das sinnlos vergangene Leben schwadroniert, bis sich die Langeweile breit macht. Der emeritierte Professor Serebrjakow (Oliver Nägele) hat die streng strukturierten Tagesabläufe der Landgemeinschaft an sein intellektuelles Stadtleben angepasst. Schlafen bis Mittag, der Tee ist schon fast kalt, und zu Mittag isst man erst am Abend. Nachts verlangt der launische, schlaflose Alte dann wieder nach Tee. Die Angst vor dem Alter lässt ihn ständig das russische Wort für Tod (Smert) stammeln.

Nur Sonja (Lina Beckmann), die noch unverheiratete Tochter des Professors, erhält das Gut noch am Leben. Ihr Onkel Wanja (bärbeißig: Fernsehkommissar Charly Hübner), Bruder der verstorbenen ersten Frau Serebrjakows, hat sich mit dem Arzt Astrow (Paul Herwig) dem Suff ergeben. Seine Lebensenergie scheint am Ende. Um die Karrierepläne des Professors zu unterstützen, hat er sein Leben nicht gelebt. Sich selbst einst als angehenden Schopenhauer oder Dostojewskij wähnend, sieht sich Wanja nun um die Früchte betrogen und gibt dem Alten die ganze Schuld an seinem Dilemma. Die drückend schwüle Stimmung scheint hier jederzeit in ein Donnerwetter umzuschlagen.

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Charly Hübner ist Onkel Wanja – Foto: Schaukasten des DSH

Nun ist Onkel Wanja eines der wenigen Stücke Tschechows, in dem niemand zu Tode kommt. Die Schüsse Wanjas – eine Verzweiflungsreaktion auf das Ansinnen des Professors, das Gut als Altersvorsorge zu verkaufen – gehen daneben. Und doch ist die Bühne hier zweifelsohne von lauter Scheintoten bevölkert. Vampirartige Zombies, die verzweifelt nach Leben gieren. Sie bewegen sich zumeist wie in Zeitlupe über die Bühne, schleifen Möbel auf den Steg, erschlaffen in allen möglichen Stellungen, um dann angesichts des Objekts ihrer Begierde kurzzeitig zu neuem Leben zu erwachen. Und dieses Objekt ist für die männlichen Schlaffis die schöne Elena, die zweite wesentlich jüngere Frau des Professors. Anja Laïs spielt sie mal nicht als elitäres, dummes Modepüppchen, sondern durchaus selbstbewusst, manchmal sogar etwas berechnend und sich den Launen ihres Gatten widersetzend. In jedem Fall erwehrt sich Elena mit aller Kunst den Übergriffen der lechzenden und tatschenden Männerriege, die auch schon mal ein kleines Rampenballett für sie aufführt.

Zurück zu den feinen Nuancen bei Tschechow: Karin Beier versteht es in ihrer Inszenierung ganz gekonnt die Stimmung leicht zu nuancieren. Hier kippt es mal ins Komische, dann gibt es wieder Momente der Tragik, die durchaus zu rühren vermögen. Mal poltert es, dann greint man wieder. Gegen den Phantomschmerz gibt es Lindenblütentee oder einen Wodka von der alten Njanja. Die Szenen werden von Yorck Dippe als Telegin mit melancholischen Klaviermelodien untermalt, es klingen russische Chansons vom Plattenspieler, und das gesamte Ensemble stellt sich auf zum Blasmusikkonzert. Was aber nie zu russisch oder gar zu volkstümelnd wirkt. Auch bei der Charakterzeichnung der einzelnen Figuren übertreibt die Regisseurin nicht. Lediglich Paul Herwig lässt den einstigen Idealismus des Arztes Astrow etwas zu sehr ins Zynische fallen. Der Gag mit dem überlangen Schnauzbart bleibt nicht aus.

Die Sympathie von Karin Beier liegt an diesem Abend jedoch eindeutig bei den Frauen. Lina Beckmann spielt die nicht gerade mit Schönheit verwöhnte Sonja voller kindlich schwärmerischer Naivität. Zärtlich versucht sie Astrow von hinten zu umarmen, während der nur Augen für Elena hat. Anja Laïs wird für ihn sogar körperlich zum fauchenden und Männer verschlingenden Raubtier. Ihr Auftritt ist betont gesetzt. Sie läuft Slalom um die nach ihr Grapschenden. Es grummelt zwar beständig im Hintergrund, jedoch das wirklich reinigende Gewitter bleibt trotz Wanjas Wutanfall aus. Die aufkeimende Begierde endet abrupt. „Finita, la commedia!“ Schaumig flockt der Schnee vom Schnürboden und beginnt alles zu überdecken. In schwere Pelzkappen gehüllt fliehen Elena und der Professor das Land. Wanja bleibt erstarrt zurück. Wie soll man nur weiterleben? Trotz vergeblicher Liebe versenken er und Sonja sich wieder in die Arbeit. Ihre letzten Worte sind die traurige Hoffnung auf das Leben danach. Nackte, waidwunde Seelen, die Karin Beier hier für kurze Zeit barfuß über den Mulch tanzen ließ. Ein kleines, feines Schauspielfest. Dafür viel Beifall und einige Bravorufe.

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Onkel Wanja
Szenen aus dem Landleben
von Anton Tschechow
Deutsch von Angela Schanelec
nach einer Übersetzung von Arina Nestieva
Premiere am 16.01.2015 im SchauSpielHaus
Regie: Karin Beier, Bühne: Johannes Schütz, Kostüme: Greta Goiris, Musikalische Leitung: Jörg Gollasch, Choreografie: Valenti Rocamora i Tora, Licht: Annette ter Meulen, Dramaturgie: Christian Tschirner
Mit: Lina Beckmann, Marlen Diekhoff, Yorck Dippe, Paul Herwig, Charly Hübner, Juliane Koren, Anja Laïs, Alexej Mir, Oliver Nägele
Dauer: ca. 2 Stunden, keine Pause

Termine:
19/01/, 31/01/, 11/02/, 20/02/, 26/02/ und 27/03/2015

Info: http://www.schauspielhaus.de/de_DE/kalender/onkel_wanja.12288309

Zuerst erschienen am 17.01.2015 auf Kultura-Extra.

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Drei Schwestern – Tilmann Köhler inszeniert Anton Tschechows Tragikomödie am Staatsschauspiel Dresden als Lebensdrama nutzlos Wartender.

Dienstag, Oktober 7th, 2014

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Anton Tschechows 1901 uraufgeführtes Drama Drei Schwestern ist eine Tragikomödie über die vergebliche Sehnsucht nach einem glücklichen und erfüllten Leben von Menschen, die in der Vergangenheit hängend über ihre Zukunft schwadronieren und dabei die Gegenwart vergessen. Die drei Töchter des verstorbenen Batteriekommandeurs Prosorow, Olga, Mascha und Irina, seit Jahren in der russischen Provinz gefangen, wünschen sich zurück in ein neues, interessantes Leben nach Moskau. Der dreifache Ausruf Irinas: „Nach Moskau! Nach Moskau! Nach Moskau!“ ist zum geflügelten Wort für unerreichbare Ziele und das Scheitern hehrer Vorsätze geworden. Er darf in keiner Inszenierung fehlen. Und auch Tilmann Köhler verzichtet nicht darauf, bevor es zur Pause seines dreieinviertelstündigen Abends geht.

Drei Schwestern am Staatsschauspiel Dresden - Foto: St. B.

Drei Schwestern am Staatsschauspiel Dresden – Foto: St. B.

Am Anfang steht aber das vielleicht schönste Bild der Inszenierung. Ein in Wellen geräuschvoll flatternder Papiervorhang füllt die gesamte Bühne und dient als riesige weiße Projektionsfläche, auf die sich die sehnsüchtigen Blicke der drei Schwestern (Ina Piontek, Yohanna Schwertfeger und Lea Ruckpaul), die zunächst noch mit dem Rücken zum Publikum davor stehen, fokussieren. Diese Papierwand wird dann im Anschluss bei der Namenstagfeier Irinas von allen Darstellern mit fettem Edding ausgemalt. Es entstehen so Körpersilhouetten und Schattenrisse ihrer „schönen Gedanken“ und Vorsätze.

Köhler, bisher recht erfolgreicher Hausregisseur des Staatsschauspiels Dresden, transportiert in seiner neuesten Inszenierung viel über dieses Bild des fragilen, papierenen Vorhangs, der den Schwestern zunächst ein träumerisches Ziel verheißt, sie aber auch von der Verwirklichung ihres Traums abzuhalten scheint. Durch den aus Moskau kommenden, ihre Sehnsüchte wieder nährenden neuen Batteriekommandeur Werschinin (Matthias Reichwald) wird er sogar durchsprungen, bis ihn Irina, wenn sich im zweiten Teil die Träume langsam zerschlagen haben, vollends abreißt und zu einem Haufen zusammenträgt, in dem sich die Schwestern noch kurzzeitig gut verstecken können, bis das Knäuel schließlich vom schlaffen Bruder Andrej (Thomas Braungardt) und seiner das Regime im Haus übernehmenden Frau Natascha (Antje Trautmann) von der Bühne geräumt wird.

Drei Schwestern am Staatsschauspiel Dresden Foto (C) Matthias Horn

Drei Schwestern am Staatsschauspiel Dresden
Foto (C) Matthias Horn

Dazwischen haben die für gewöhnlich an unabänderlichem Weltschmerz leidenden Protagonisten viel Zeit zum Schwärmen, Palavern und Lamentieren über den ermüdenden Alltag. Sie tun dies hier zumeist monologisierend an der Rampe. Ein andauerndes Aneinander-vorbei-Reden, das im Programmheft auch treffend als ein „Lautwerden innerer Monologe“ bezeichnet wird. Allerdings bringt das vor der Pause nicht allzu viel Neues in die gut 100jährige Aufführungspraxis (z.B. in der Volksbühne oder im Thalia Theater) des Stücks. Köhler bemüht sich zwar um eine Zuspitzung der inneren Konflikte der Figuren durch körperlich angestrengtes Agieren seiner Darsteller und ein Spiel der deutlichen Zeichen, hält sich aber doch ziemlich getreu an die Tschechow’sche Dramaturgie des langsamen Zeittotschlagens.

Tische und Stühle, die mal zur großen Tafel oder wieder zu Einzelgruppen arrangieren werden, bilden im ersten Teil das Setting auf der Bühne. Die Schwestern fallen allein schon durch ihre Kostüme aus dem Rahmen des unscheinbaren, alltäglichen Einheitslooks aus Schlabberpullis, Sweatshirts, Jeans und Arbeitshosen. Ihre Typen sind damit gesetzt. Irina, die Jüngste, trifft es optisch noch am besten. Olga, die stets pflichtbewusste Älteste der Schwestern, kommt wie ihre Ansichten in relativ unmodischen Kleidern daher. Die unglückliche Mascha spielt nur scheinbar die Coole und steckt mit dauerqualmender Fluppe im Mundwinkel in existentiell depressivem Schwarz.

Bunt und rosig im Gesicht ist dagegen Schwägerin Natascha, die sich nicht lange ziert und die anfängliche Unsicherheit bald ablegt, wobei das ständige Bobik hier und Bobik da nicht nur die Schwestern rasch zu nerven beginnt. Der weiche Bruder Andrej ist ganz der verhinderte Künstler mit Gitarre, fügt sich aber immer mehr in die eintönige Laufbahn des Kreisangestellten und flieht doch ständig vor dem ihm Akten nachtragenden Diener Ferapont (Jochen Kretschmer). Aus Frust und Langeweile verspielt er das Erbe und redet sich die Beziehung zu seiner untreuen Natascha schön. Schließlich setzt er sich selbst in den Kinderwagen und beklagt lautstark sein Schicksal.

Auch die anderen Männerfiguren neben den drei titelgebenden Schwestern sind bloße Typen, die aus der grauen Masse lediglich durch den verzweifelnden Drang nach Lautstärke hervorzustechen versuchen. Da bekommt jeder seine kleine Nummer. Maschas ungeliebter Mann, der Gymnasiallehrer Kulygin (Holger Hübner), ist ein schmierig schwafelnder, unangenehm übergriffiger Widerling, Baron Tusenbach (Jonas Friedrich Leonhardi) ein für seine idealistischen Ideen schon mal auf den Tisch springender Brausekopf und sein Widersacher Stabshauptmann Soljony (Kilian Land) ein unsicherer aber ebenfalls laut tönender Psychopath, der sich ständig zwanghaft die Hände mit Parfum bestäuben muss. Der alte Militärarzt Chebutykin (Albrecht Goette) zerfließt völlig in Selbstmitleid, wogegen der Unterleutnant Fedotik (Lukas Mundas) einen überflüssigen Witzbold gibt und dauergrinsend Fotos macht.

Drei Schwestern am Staatsschauspiel Dresden Foto (C) Matthias Horn

Drei Schwestern am Staatsschauspiel Dresden
Foto (C) Matthias Horn

Die Inszenierung ist mit einem live eingespielten, dauerklimpernd melancholisch stimmenden Soundteppich unterlegt, der nicht gerade zur Stimmungsaufhellung beiträgt. Es sind immer wieder Einzelaktionen, die die Figuren kurz aus ihrer Lethargie reißen. Die Auftritte erfolgen meist aus der ersten Reihe des Parketts, eine von Jürgen Gosch übernommenen Praxis einer improvisierten Probensituation. Nach der Pause versucht es Köhler dann noch zusätzlich mit etwas Gefühl und Emphase. Der emotional hochdramatische Zusammenbruch Maschas nach dem Abrücken der Soldaten und dem damit verbundenen Scheitern ihrer Liebe zu Werschinin bilden zugleich den Höhepunkt dieser recht illusionslosen Inszenierung.

Dem Ganzen liegt auch ein wenig die Idee des in kapitalistischen Zeiten nutzlos gewordenen Menschen zu Grunde, dem einen Platz einzuräumen der Dramaturg Carl Hegemann im Gastbeitrag fürs Programmheft empfiehlt. Theater als Überfluss. Der Luxus der Kunst gegen die Effizienz der Marktwirtschaft. Eine kleine sozialkritische Komponente fügt auch Köhler in seine Inszenierung ein. In der Nacht des Wartens auf die Karnevalsmasken, die kurz in eine alkoholschwangere Fete mündet, klingelt es draußen im Foyer und rüttelt plötzlich an den Türen – wie als Zeichen des Einbruchs der realen Welt in der Künstlichkeit des Theaters. Man kann dies auch als eine Art Geisterbeschwörung verstehen, die Ankündigung des Weltenbrands, der in seiner Folge die nutzlosen Träumer hinwegfegen wird.

Aus Olgas „Wenn wir’s doch wüssten“ am Ende wird in der Übersetzung von Angela Schanelec (2005 für die legendäre Inszenierung von Jürgen Gosch in Hannover erarbeitet) ein Beckett’sches „Man weiß es nicht.“ Man könnte da sicher noch über so einiges nachdenken. Köhlers Inszenierung bietet allerdings selbst wenig Ansatz dazu.

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Drei Schwestern
von Anton Tschechow
Deutsch von Angela Schanelec
Regie: Tilmann Köhler
Bühne: Karoly Risz
Kostüm: Susanne Uhl
Musik: Jörg-Martin Wagner
Licht: Michael Gööck
Dramaturgie: Janine Ortiz
Besetzung:
Andrej Sergejewitsch Prosorow: Thomas Braungardt
Natalja Iwanowna, Prosorows Braut, später seine Frau: Antje Trautmann
Olga: Ina Piontek
Mascha: Yohanna Schwertfeger
Irina: Lea Ruckpaul
Fjodor Iljitsch Kulygin, Gymnasiallehrer, Maschas Mann: Holger Hübner
Alexander Ignatjewitsch Werschinin, Oberstleutnant und Batteriekommandeur: Matthias Reichwald
Nikolai Lwowitsch Tusenbach, Leutnant: Jonas Friedrich Leonhardi
Wassilij Wassiljewitsch Soljony, Stabshauptmann: Kilian Land
Iwan Romanowitsch Chebutykin, Militärarzt: Albrecht Goette
Alexej Petrowitsch Fedotik, Unterleutnant: Lukas Mundas
Ferapont, Bote der Landesverwaltung: Jochen Kretschmer
Anfissa, Kinderfrau: Brigitte Wähner
Musiker: Florian Lauer, Georg Wieland Wagner

Weitere Infos: www.staatsschauspiel-dresden.de

Die nächsten Termine: 09.10., 14.10., 26.10., 03.11., 21.11., 03.12. und 28.12.2014

Zuerst erschienen am 06.09.2014 auf Kultura-Extra.

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Zweimal Diskurstheater zum Spielzeitbeginn an der Berliner Schaubühne und Volksbühne mit NEVER FOREVER von Falk Richter und HOUSE FOR SALE von Rene Pollesch

Freitag, September 12th, 2014

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Das Leben als Hashtag – NEVER FOREVER, das neue Text- und Tanzprojekt von Falk Richter und TOTAL BRUTAL an der Berliner Schaubühne behandelt die Probleme der zwischenmenschlichen Beziehungen im Zeitalter der digitalen Kommunikation.

Sie sitzen eingesperrt in flexible, aus Metallstangen bestehende Raumgebilde, mal monologisierend, mal miteinander redend, wenn überhaupt nur per Telefon. Es geht wiedermal um die sogenannten disconnected people in der Schaubühne am Lehniner Platz. Die Vereinzelung des modernen Großstadtmenschen durch die Möglichkeit der Nutzung digitaler Nachrichtendienste und sozialer Netzwerke ist nicht mehr nur ironische Beschreibung des Zeitgeists, sie ist mittlerweile bittere Realität. Die hauptsächliche Kommunikation erfolgt heute meist über Twitter, Facebook, Instagram oder WhatsApp. Ein oder mehrere Schlagworte für 140 Zeichen Information. Was sind die Highlights? Fasse dich kurz! Für mehr reicht oft nicht die Zeit. Das Leben funktioniert als Hashtag.

Never Forever an der Schaubühne - Foto: St. B.

Never Forever an der Schaubühne – Foto: St. B.

Der Hashtag (#) dient der praktischen Verschlagwortung und vor allem natürlich der bestmöglichen Selbstdarstellung. Das Ganze folgt dabei einem einfachen, logischen Prinzip. Je mehr Schlagworte, desto größer die Chance auf mehr Follower. Das Internet generiert in kürzester Zeit eine wachsende virtuelle Gemeinschaft mittels des Schneeballprinzips. Nur was ist, wenn es plötzlich zum menschlichen Systemausfall kommt? Wenn die Angst vor und die Sehnsucht nach körperlicher Nähe sich unterbewusst und schmerzhaft überlagern? Davon erzählt das neue Theaterprojekt von Autor und Regisseur Falk Richter.

NEVER FOREVER ist eine konsequente Fortsetzung und Weiterentwicklung seiner letzten Inszenierungen an der Berliner Schaubühne von Trust über Protect Me bis hin zu For the Disconnected Child. Richter folgt dabei über die Jahre einem ganz bestimmten Themenkatalog, etwas redundant zwar, aber immer weitestgehend stringent durcherzählt, in locker gebundenen Szenenfolgen mit Musik- und Tanzbegleitung. Im Mittelpunkt der geplagte, durch die Segnungen der Moderne deformierte, globale Großstadtmensch, beziehungsgestört, heimatlos, und vom eigentlichen Leben abgetrennt.

Auch in NEVER FOREVER sind die Figuren lose über Eck miteinander verbunden. Da ist die Psychologin (Regine Zimmermann), die einerseits die Nähe zu ihrer Mutter (Ilse Ritter) sucht, einer alternden Schauspielerin, die nie die Mutterrolle übernehmen wollte. Anderseits aber klagt sie über den Distanzverlust zu einer Patientin, die selbstgefilmte Videos von sich auf ihren YouToub-Channel mit weit über 1.000 Followern stellt. Ein Ex der Psychologin (Tilman Strauß) folgt dieser Frau zwanghaft im Internet, will alles über sie erfahren und sich mit ihr treffen.

Die Leute sind vom Internet besessen und pflegen das Ich-Projekt bis zum Exzess. Sie haben Angst vor körperlicher Nähe, aber das Bedürfnis nach Beziehungen, die allerdings nur kurz und nie zweckfrei sein dürfen. Die Angst nicht gewollt zu werden, die Anforderungen des anderen nicht zu erfüllen, führt zur maximalen Selbstoptimierung im Netzt. Das Internet ist zur Plattform ihres Lebens geworden, die Festplatte zum Speichermedium aller Kontakte. Bei deren Absturz droht der Rückfall in die analoge Daseinsform, in der aber schon alle Erinnerungen vernichtet sind. Die scheinbare Freiheit im Netz wird zur Krise der Freiheit in Beziehungsfragen. Man will keinerlei Verbindlichkeiten eingehen, sich alle Optionen offenhalten.

Never Forever an der Schaubühne Foto (c) Arno Declair

Never Forever an der Schaubühne – Foto (c) Arno Declair

Die Schauspielerin vergleicht ihr Leben mit dem ihrer Rollen, in denen sie Fehler machen und sich ausprobieren konnte. Sie hat die Texte für ihre Abschiede immer auf Kassette gespielt. Auf die Frage eines von seiner Frau vor die Tür gesetzten Mannes (Florian Bilbao), wie man eine Sprache finden könnte, um seine Gefühle auszudrücken, weiß sie aber keine Antwort. Verzweifelt ringt ein anderer Mann (Kay Bartholomäus Schulze) nach Worten, probt vor leerem Stuhl ein Gespräch mit seiner Freundin, lässt es aber wieder bleiben. Diese disparaten Menschen befinden sich auf der anderen Seite der Wirklichkeit. Wer keine Spuren mehr wie Selfies auf Facebook oder in den Kommentarspalten der Online-Magazine hinterlässt, wird zum Rätsel, ist irgendwann nicht mehr existent.

Wie untote Dämonen, digitale Zombies bewegen sie sich in Nebelschwaden zu treibenden Elektro-Sounds von Malte Beckenbach über den Boden. Zwanghaftigkeit und Aggression spiegeln sich in den dynamischen Tanzchoreografien Nir de Volffs, die neben seiner Kompagnie TOTAL BRUTAL auch die Schauspieler des Schaubühnenensembles mit einbeziehen. Die Figuren hasten über die Bühne, drehen, winden sich oder hängen verloren in den Gestängen des Bühnenbilds. Solistisch und paarweise werden Anziehung und Abstoßung zelebriert. Dass sich Falk Richter für diese Produktion wieder einen professionellen Choreografen geholt hat, wirkt sich sehr positiv auf die Gesamtästhetik des Abends aus.

Auch die Textparts sind nicht nur auf die Schauspieler beschränkt. Falk Richter hat seine Notizen auf alle verteilt, und im Probenprozess erst zum fertigen Text umgearbeitet. Das wird auch von Regine Zimmermann für eine schöne ironische Einlage genutzt, in der sie aus der Rolle heraus die Probensituation für eine romantische Liebeszene mit vorgestelltem Partner beschreibt. Sie will aber das echte Gefühl und dass der Mann sich für sie interessiert. Für diesen Fall ist der gewünschte Partner im Stück aber wieder zu müde, zu busy oder beides. Das rutscht zwar knapp am Klischee vorbei, mündet aber in einen wunderbar verlorenen Monolog von Ilse Ritter als Fausts Gretchen am Spinnrad.

Das Gebet der verzweifelt Liebenden: „Meine Ruh ist hin / Mein Herz ist schwer / Ich finde sie nimmer und nimmermehr“ leitet eine fast schon spirituelle Wende und Rückbesinnung zu den eigentlichen Werten zwischenmenschlicher Beziehungen hin. Die alternde Schauspielerin bildet mit ihren Worten einen imaginären Raum – wie ihn das Theater auch darstellt – , in dem alles Vergangene, Gefühle wie Menschen, Platz haben und weiterleben. Bis auch sie sich schließlich als Demenzkranke verliert: „Mein armer Kopf / Ist mir verrückt / Meiner armer Sinn / Ist mir zerstückt“. Eine große emotionale Szene.

Never Forever - Premierenbeifall an der  Schaubühne Foto: St. B.

Never Forever – Premierenbeifall an der Schaubühne – Foto: St. B.

Falk Richters Text ist philosophisch grundiert mit dem passenden Überbau im Programmheft. Selbstoptimierung, Neoliberalismus, Psychoanalyse, soziologische Fragen, Einsamkeit, Angst vor Krankheit, Alter und Tod, alle Gedanken dazu finden sich irgendwo im Stück wieder. Was bei aller Kunst aber auch nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass Falk Richter mal wieder an den bekannten Symptomen herumdoktert und dem Internet vielleicht mehr Bedeutung zumisst, als ihm als Versucher der eigentlichen Probleme zukäme. Es wirkt mit Sicherheit potenzierend. Als aktuelle Gesellschaftskritik des Kapitalismus und seiner Auswirkungen ist NEVER FOREVER aber nur bedingt tauglich.

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NEVER FOREVER
Schaubühne am Lehniner Platz
Uraufführung am 09.09.2014
Text und Regie: Falk Richter
Choreographie: Nir de Volff / TOTAL BRUTAL
Bühne: Katrin Hoffmann
Kostüme: Daniela Selig
Musik: Malte Beckenbach
Dramaturgie: Nils Haarmann
Licht: Carsten Sander
Mit: Florian Bilbao, Katharina Maschenka Horn, Johanna Lemke, Ilse Ritter, Chris Scherer, Kay Bartholomäus Schulze, Tilman Strauß, Regine Zimmermann

Dauer: ca. 2 Stunden, keine Pause

Termine:
10.09.2014, 20.00 Uhr
11.09.2014, 20.00 Uhr
12.09.2014, 20.00 Uhr
22.10.2014, 20.00 Uhr
23.10.2014, 20.00 Uhr
24.10.2014, 20.30 Uhr

Weitere Infos: http://www.schaubuehne.de/de/produktionen/never-forever.html/ID_Vorstellung=806

Zuerst erschienen am 10.09.2014 auf Kulura-Extra.

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House for sale – René Pollesch sucht in seinem neuen Stück an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz den subversiven Kern der christlichen Erfahrung.

Das zum Ende der letzten Volksbühnensaison abgesagte Stück Cruel to be Kind von René Pollesch eröffnete gestern Abend – nun unter dem Titel House for Sale – die neue Spielzeit am Rosa-Luxemburg-Platz. Von der ursprünglichen Inszenierung zum Shaekespeare-Zitat „I must be cruel only to be kind” (lt. Schlegel zu deutsch: „Zur Grausamkeit zwingt bloße Liebe mich.“), was aus dem Hamlet stammt, ist nur der Song „Cruel to Be Kind“ des englischen Singer-Songwriters Nick Lowe aus dem Jahr 1979 übriggeblieben.

House for sale an der Berliner Volksbühne - Foto: St. B.

House for sale an der Berliner Volksbühne – Foto: St. B.

René Pollesch hat seine Inszenierung in neuer, rein weiblicher Besetzung geprobt und mit den Drei Schwestern von Anton Tschechow verschnitten. Es ist ein Abend mit dem üblichen philosophischen Pollesch-Mix aus Liebe und Leben in Zeiten des Kapitalismus geworden. Hinzugekommen ist der Glaube und mit ihm der Verrat und die Gewalt. (Zitat: „Mir scheint, der Mensch muss gläubig sein oder muss nach einem Glauben suchen, sonst ist sein Leben leer, leer…“)

Ziemlich leergeräumt ist auch die Bühne – bis auf einen roten Vorhang im Hintergrund. Herbstliches Laub bedeckt passend zur anbrechenden Jahreszeit den Boden. In die Mitte hat Bühnenbildner Bert Neumann ein kleines Holzhaus gestellt, wie es einige Besucher bereits von René Polleschs Münchner Inszenierung Gasoline Bill (Autorentheatertage im DT) her kennen. Zu Beginn überfallen die beiden bewährten Pollesch-Darstellerinnen Sophie Rois und Christine Groß zusammen mit der Schauspielerin Mira Partecke, die auch schon über Pollesch-Erfahrungen verfügt, als Cowgirls in Weiß die Bühne. Volksbühnenurgestein Bärbel Bolle nimmt dagegen erstmal auf einem weißen Gartenstuhl Platz und harrt der Dinge, die da kommen…

House for sale - Bert Neumanns Bühne - St. B.

House for sale. Die Bühne von Bert Neumann Foto: St. B.

Was folgt, ist eine herrlich schräge Persiflage auf eine Szene aus der US-Serie Starsky & Hutch, in der Hutch (in diesem Fall: Sophie Rois) dem finsteren Knastbruder Big Earl (herrlich knarzig: Bärbel Bolle) für Informationen erst den Bauchnabel zeigen und dann auch noch den Drachen machen muss. Ansonsten verfallen die Schauspielerinnen immer wieder in die Rollen von Tschechows Drei Schwestern, von denen wir hier aber zunächst nur zwei zu sehen bekommen. Sophie Rois mimt die überforderte, ständig müde Olga und Christine Groß die Mascha (klänge irgendwie schwul, wie Big Earl aus seinem Stuhl vermeldet). Als fiese Schwägerin Natalja tritt Mira Partecke in Erscheinung, und Bärbel Bolle sitzt als scheinbar nutzlose alte Kinderfrau Anfissa weiterhin im Lehnstuhl.

Gemeinsam beschwören sie als in der Vergangenheit lebende Tschechow-Figuren das Reich ihrer Kindheit, machen Jokes über slawisches Klima, Déjà-vus um das Geld, das man nicht hat. Das Haus ist schlecht eingerichtet und die Bildung auch nicht mehr das, was sie mal war. Trotz Marx‘ Das Kapital blieb die Revolution aus. Folglich ist Bücherschreiben wohl auch keine Lösung mehr. Sie hängen in der Zeitschleife fest und wiederholen sich. Motto: Wiederholung erfordert die größte kreative Kraftanstrengung. Die Schwestern beschließen irgendwas Subversives zu tun, entweder zu heiraten oder sich zu radikalisieren. Man träumt von der Grenzüberschreitung als marodierende Schauspieler.

House for sale an der Berliner Volksbühne Foto: St. B.

House for sale an der Berliner Volksbühne – Foto: St. B.

Pollesch kommt hier wieder vom Hölzchen aufs Stöckchen und zu Naziaufmärschen in New Jersey, gegen die nur Baseballschläger helfen. Gewalt kommt besser als Satire. Es gibt schließlich auch genug schlechte Konzerte gegen Rechts. Das Haus dreht sich, und es ertönt „I Live on a Battlefield“, ein weiterer Song von Nick Lowe. Pollesch vermengt nun geschickt Gewalt, Liebe und die subversive Kraft des Glaubens miteinander. Und zwar nicht die intolerante Gewalt der Liebe der Kirche, sondern die eines ihrer Gründerväter, wenn man soll will, des Apostels Paulus. Hieraus drehen die gut aufgelegten Diskutantinnen schließlich die Schleife hin zu Alain Badiou und dem postkommunistischen Philosophen Slavoj Žižek mit seinen Ausführungen zum Christentum zwischen Perversion und Subversion. Paulus als ersten Leninist sozusagen.

Das sind so Weiterentwicklungen zu Walter Benjamins Theologieansatz aus seinen Thesen über den Begriff der Geschichte. Es geht um den subversiven Kern der christlichen Erfahrung. Dazu wird das Gleichnis vom ungerechten Verwalter eines reichen Herrn aus dem Evangelium Lukas, Kapitel 16, herangezogen, der in Anbetracht seiner Schuld die Schuldscheine der Gläubiger seines Herrn um den von ihm zu Unrecht erhöhten Betrag mindert. Das Fälschen der Schuldscheine wäre hier sozusagen das Subversive. Daraus ergibt sich aber als Grundlage des Christentums nicht die Gerechtigkeit, sondern der Betrug. Umschluss, Kurzschluss, wie man will: Liebe und Religion sind schließlich auch nur Betrug. „From my cold dead hands“ – der Gottesbeweis mündet in einen kleinen Ringkampf zu Countrymusik.

Das Haus und die Diskursschleifen drehen sich noch ein wenig weiter mit blindem Automatismus, Bindung an singuläre Objekte etc. etc. – Buzzword-Bingo, um sich auch mal umständlich auszudrücken. Überhaupt wird wieder einiges an theoretischen Nebelgranaten gezündet. Man meint manchmal, Pollesch nehme sich hier tatsächlich mal selbst auf die Schippe, wie schon die Nabelschau vom Anfang zeigt. Die Kostüme (Tabea Braun) wechseln vom Westernoutfit passend zur Musik zum Batikgewandt. Zum Schluss gibt es noch einen weiteren 70er-Jahre-Hit zur Gitarre. Elvis Costellos „Peace, Love and Understanding“, ein Song aus der Zeit, als man noch auf der Suche nach Licht in der Dunkelheit des Wahnsinns war. „What’s So Funny ‚bout?” Ja, es wird viel gelacht, und man fühlt sich die 90 Minuten hindurch gut unterhalten. Aber – außer bei Bärbel Bolle natürlich – wirkt in diesem neuen Pollesch alles etwas zu handzahm.

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House for Sale
von René Pollesch
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
Uraufführung: 10.09.2014
Regie: René Pollesch, Bühne: Bert Neumann, Kostüme: Tabea Braun, Licht: Lothar Baumgarte, Musikarrangement: Roman Ott, Lars Gühlcke, Soufflage: Tina Pfurr, Dramaturgie: Anna Heesen.
Mit: Bärbel Bolle, Christine Groß, Mira Partecke, Sophie Rois, Tina Pfurr.

Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Termine:
12.09., 13.09., 16.09., 16.10., und 31.10.2014

Infos: www.volksbuehne-berlin.de

Zuerst erschienen am 11.09.2014 auf Kulura-Extra.

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Wiener Festwochen 2014 – Teil 1

Mittwoch, Juni 4th, 2014

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Tararabumbia – Ein verrückter Tschechow-Bilder-Reigen am laufenden Band

Logo Wiener Festwochen

Wiener Festwochen 2014

Gebannt schauen die Besucher der Halle E im Museumsquertier auf ein großes Portal an der einen Seite eines über 30 Meter langen Laufbandes, an dem sie links und rechts davon aufgereiht sitzen. Aber ein kleiner Junge läuft genau von der anderen Seite her über das Band, stolpert und schüttet einen Kasten mit Karten und bunten Steinen vor sich aus. Mühsam sammelt er die Sachen wieder in sein Kästchen ein und verschwindet…

Und so geht es 75 Minuten lang bei diesem Gastspiel des Theaters Schule für Dramatische Kunst Moskau unter der Leitung von Dmitry Krymov weiter. Der russische Bühnenbildner und Regisseur schüttet in Tararabumbia einen Kasten voller fantastischer Figuren und szenischer Bilder vor uns aus. Diese Träume und Visionen des 60jährigen und aus einer Theaterfamilie stammenden Künstlers drehen sich im weitesten Sinne um die Theaterwelten des russischen Schriftstellers und Dramatikers Anton Tschechow, zu dessen 150. Geburtstag 2010 die Performance in Moskau uraufgeführt wurde, aber auch um Personen und Ereignisse der russisch/sowjetischen Geschichte.

Es handelt sich hier aber keineswegs um einen Zusammenschnitt von Spielszenen aus Tschechow-Stücken, sondern eher um einen assoziativen, bunten und zuweilen tragikomischen Bilder-Reigen, der sich da am laufenden Band vor uns abspult. Am Anfang steht eine vorbeidefilierende Soldatenkapelle aus der Zeit der Drei Schwestern Olga, Mascha und Irina, die sehnsuchtsvoll auf ihre Zeit in Moskau zurückblicken. So überhöht wie die zu dramatischen Ikonen der schwermütigen Melancholie stilisierten Dramenfiguren Tschechows laufen die Frauen auf Stelzen sowie ein ganzer Pulk strohbehüteter Trigorins über das Band. Der vom Leben gelangweilte, die Ruhe des Landes suchende Schriftsteller aus der Möwe tritt als Rudel russischer Sommerfrischler mit Angelruten auf. „Das Leben ist interessant, hell und prall“ schwadronieren sie im Vorbeieilen, der Takt dazu wird auf Eimern geschlagen.

Tararabumbia_4_Foto (c) Natalia Cheban

TararabumbiaFoto (c) Natalia Cheban

Die Reisegesellschaft aus dem Kirschgarten erscheint mit Koffern. Onkel Gajew hält seine Ode an den hundertjährigen Schrank und kriecht in ihn hinein. Die drei Schwestern führen ihren Bruder Andrej als große Puppe (ein Ebenbild des Theatermacher Krymov) vor sich her, und Schwägerin Natascha preist ihr Söhnchen Bobik. Ein ironischer Vorbeimarsch von Tschechow-Figuren, wie sie Krymov selbst jahrelang inszenierte, die kaum dass sie am Ende hinter der Tür scherbelnd vom Band fallen, auf der anderen Seite fröhlich Urständ feiern. Als Running Gag ziehen zwei Soldaten immer wieder den soeben im Duell erschossenen Baron von Tusenbach aus den Drei Schwestern, dessen Beine dabei immer länger werden, über das Band.

Breiten Raum gibt Krymov Tschechows Drama Die Möwe. Hier bekommt der Abend seinen dramatischen Höhepunkt. Jungautor Konstantin zerfetzt sein Theatermanuskript, bevor er sich theatralisch im vorbeifahrenden Glaskasten erschießt. Dann rennt er wieder, in seinen Kopfverband verwickelt, hinter seiner angebeteten Schauspieler-Mutter her. Die titelgebende Möwe wird als kreischende Braut mit weißen Schwingen als flatternder Drache mit Jonglierkeulen auf rotem Teppich über das Band geführt. Eine nimmermüde Wandertheatertruppe aus Akrobaten, Gauklern, Schaustellern und auch modernen Breakdancern. Wie zufällig feiert auch in Wien am Samstag Die Möwe im Akademietheater in der Regie von Jan Bosse Premiere. Man wird dabei an Krymov denken.

Tararabumbia - Foto (c) Natalia Cheban

TararabumbiaFoto (c) Natalia Cheban

Nachdenkliche Bilder lässt der Regisseur dann auch mit einem Güterwagen der Geschichte an uns vorbeifahren, aus dessen Innerem der Geist Tschechows entweicht und von einem langen Zug Weißgewandeter zu Grabe getragen wird. Fotos von Tschechow werden an die Gewänder der Vorbeiziehenden projiziert. Eine neue Zeit bricht an. Figuren der sowjetischen Politik, Sport- und Kulturgeschichte wie kühne Flieger, Synchronschwimmerinnen, Matrosen und Budjonnyreiter (der sowjetische Schriftsteller Furmanow) bestimmen nun das Geschehen auf dem Band. Eine Delegation des Bolschoi-Theaters mit roten Aktenmappen und in Tutus hüpft über den Laufsteg. Eine karnevaleske Truppe Venezianer in einer Gondel und auch eine Abordnung aus dem norwegischen Helsingör mit Prinz Hamlet an der Spitze komplettieren die theatrale Repräsentanz der kulturellen Welt Krymovs.

Am Ende kommt die Blaskapelle vom Anfang wieder, nun in den Uniformen der Roten Armee und mit allen der 80 Darstellern in ihren Kostümen, die winkend noch einmal an uns vorüberziehen. Man kann Tararabumbia als sentimentale Liebeserklärung an Tschechow, das Theater oder Mütterchen Russland allgemein sehen. Wenn man Tschechows Dramen nicht so genau kennt, lässt sich der Abend aber auch als ironisch gefärbtes, russisches Geschichts-Defilee interpretieren, an dessen Ende man noch lange nicht in der Gegenwart angekommen ist und bei dem das unaufhörlich immer schneller rauschende Band in eine ungewisse Zukunft weist.

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Tararabumbia
Konzept und Inszenierung: Dmitry Krymov
Musik: Alexander Bakshi
Musikalische Leitung: Ljudmila Bakshi
Bühne: Maria Tregubova
Licht: Olga Ravvich
Puppen: Viktor Platonov
Choreografie: Vladimir Belyaykin
Sound: Sergey Alexandrov
Video: Alexander Shaposhnikov
Computer-Support: Sergei Chernyshov
Maske: Anastasiya Mishenkova
Leitung: Brass-Band Armen Pogosyan

Mit: Vadim Andreev, Ivan Barakin, Vladimir Belyaikin, Natalia Gorchakova, Maria Gulik, Alexey Gumeniuk, Valery Gurianov, Igor Danilov, Irina Denisova, Vadim Dubrovin, Sophia Yefimova, Oleg Yeliseev, Ivan Yerishev, Nikolay Zhigoulin, Alexander Ignatov, Arkady Kirichenko, Paul Kravets, Vicktoria Kamayeva, Ekaterina Kuzminskaya, Alexander Laptei, Igor Lesov, Maria Lesova, Maxim Maminov, Sergei Melkonyan, Natalia Maslova, Olga Malinina, Varvara Mishina, Oksana Mysina, Varvara Nazarova, Sergei Nazarov, Boris Opletaev, Oleg Ohotnichenko, Vera Romanova, Julia Syomina, Anna Sinyakina, Anastasia Smirnitskaya, Anton Telkov, Irina Teplukhova, Anna Sirotina, Nikita Seledtsov, Mihail Umanets, Maria Chirkova, Vladimir Churkin, Igor Yatsko
Chor Svetlana Anistratova, Ludmila Belyavskaya, Nicholas Babich, Anna Bukatina, Dmitry Vlasenko, Elena Gavrilova, Elena Yershova, Gulnara Zakirova, Irina Ivashkina, Konstantin Isayev, Inna Mishenkova, Dmitry Ohrimenko, Pjotr Ostapenko, Olga Penina, Vyacheslav Prikhodkin, Ekaterina Serebrinskaya, Dmitry Chadov, Dmitry Shishliannikov, Anna Yashchenko
Breakdance: Dmitry Egorov, Alexander Kornilov, Andrey Makarov, Sergey Seryogin, Vilen Syrenov
Brass Band: Hachatur Ambartsumian, Basil Denyushin, Sergey Kryukovtsev, Mikhail Naydin, Dmitry Ryzhov

Produktion: Internationales Tschechow-Festival, Moskau; Schule für dramatische Kunst, Moskau

Russisch mit deutschen Übertiteln
Dauer: 75 Min.

Spieltage:

  • Mi. 28.05.14 19:30 Uhr
  • Do. 29.05.14 16:00 Uhr
  • Do. 29.05.14 21:00 Uhr
  • Fr. 30.05.14 19:30 Uhr

Infos: http://www.festwochen.at/programmdetails/tararabumbia/

Zuerst erschienen am 01.06.2014 auf Kultura-Extra.

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Die Kiste im Baumstamm – Der Japaner Kuro Tanio begibt sich bei den Wiener Festwochen mit seinem symbolträchtigen Bildertheater tief in die Psychoanalyse und Traumdeutung nach Sigmund Freud

„Wir sind sehr stolz, das Stück hier präsentieren zu dürfen, aber ich bin auch sehr aufgeregt.“ wird Regisseur Kuro Tanio im Programmheft der Wiener Festwochen zu seinem Gastspiel Die Kiste im Baumstamm zitiert. Tanio war zuerst Psychiater, bevor er zum Theater kam; und in der Heimatstadt des Begründers der Psychoanalyse Sigmund Freud dessen Theorien in dieser Form auf die Bühne zu bringen, kann auch schnell mal als Sakrileg aufgefasst werden. Selbst Sohn eines Psychiaters beschäftigt sich der Liebling der Tokioter Avantgarde-Szene in seinem Stück nämlich mit einer übermächtigen Vater-Sohn-Beziehung, Traum und Traumatisierung.

Die Kiste im Baumstamm - Foto (c) Aki Tanaka

Die Kiste im BaumstammFoto (c) Aki Tanaka

Der in seinem Studium bereits etwas zurückhängende Kenji (Ikuma Yamada) sitzt in seinem selbst für japanische Verhältnisse recht beengten Zimmerchen und versucht sich an mathematischen Formeln, obwohl er doch lieber einen Roman schreiben würde. Durch seinen herrischen alten Vater an seine Pflichten erinnert, beugt sich Kenji wieder über seine Arbeit, verliert sich aber bald in den wirren Gedankenwelten seiner Kindheitserinnerungen und schläft in seiner Koje ein. Nachdem sich die kleine Guckkastenbühne gedreht hat, zeigt sie einen niedrigen Raum, in dem zwei Baumstämme durch Decke und Boden wachsen und sich zwei seltsame Gestalten mit Schweinsrüssel und Schafshörner vom Saft der Stämme ernähren, von denen der eine bereits am vertrocknen ist. In diese wundersam abstruse Traumwelt gerät nun der unter den Baumwurzeln im Keller erwachte Kenji.

Man kann dies als Symbol für die versiegende Manneskraft des alternden Vaters und die erwachende Sexualität des Sohnes deuten. Kuro Tanio macht daraus einen kuriosen Bilder-Albtraum, indem der junge Kenji auf den Spuren seines verdrängten Kindheitstraumas wandelt, in dem der Vater mit seinem überwältigenden Penis die Hauptrolle spielt. Im Restaurant „Limbus“ werden Kenji ekelige Gürteltiermenus, Kakerlakenlarven und ein dickflüssig weißer Cocktail serviert. Vermeintlich in den Himmel geraten, verschlägt es den Umherirrenden in immer weitere Zimmer und Kämmerchen, in denen Kuckucksuhren tote Vögel ausspucken, Hirschgweihe an den Wänden hängen, schweigsame Wesen Klavier spielen und deutliche Abdrücke im Sessel auf den alles überlagernden Gedanken an den Vater verweisen.

Die Kiste im Baumstamm - Foto (c) Aki Tanaka

Die Kiste im BaumstammFoto (c) Aki Tanaka

Nachdem Kenji ihn endlich gefunden hat, entspinnt sich alsbald eine Lektion in Sachen Männlichkeit, die nichts zu wünschen übrig lässt. Der immer neugierig und ehrfürchtig vor dem Schlafgemach des Vaters erstarrte Junge wird nun endlich in das Reich seiner Träume und Fantasien vorgelassen. Hier ist nun wirklich alles mit überdimensionalen Penissymbolen vollgestellt. Auf elfenbeinfarbenen Penisflöten übt man gemeinsam erst im Duett, und nachdem sich Kenji der Anerkennung des Vaters sicher ist, hebt bei einem fröhlichen Quartett mit Schwein und Schaf der Jungmann auf den Flügeln der frisch erlangten Freiheit ab. Nun kann auch er endlich auf dicke Hose machen.

Das ist nun weniger ein ausgemachter Ödipuskomplex, der hier verhandelt wird, als vielmehr ein in Teilen recht witziger aber auch schlüpfrig feuchter Jungmännertraum, der aber auch selbstironisch in einen anschließenden Kastrationsangsttraum mündet. Wieder in seiner Studentenbude erwacht, stellt Kenji erschrocken das Fehlen seines besten Stückes fest. Verzweifelt durchkriecht er bei sich drehender Bühne noch einmal auf der Suche danach alle Stationen seiner wundersamen Traumreise. Das Publikum, fasziniert, amüsiert und abgestoßen gleicher maßen, zollte den japanischen Performern jedenfalls reichlich Beifall.

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Die Kiste im Baumstamm

im brut im Künstlerhaus (01.06.2014)

Text und Inszenierung: Kuro Tanino
Regieassistenz: Yui Matsumoto
Konzept: Junichiro Tamaki, Yukiko Yamaguchi, Mario Yoshino
Bühne: Michiko Inada
Requisite: Kotaro Yokosawa, Kenichiro Okonogi (GaRP)
Inspizienz: Hisashi Mitsu
Licht: Masayuki Abe (LICKT-ER)
Sound: Koji Sato (Sugar Sound)
Musik: Yu Okuda
Mit: Ikuma Yamada, Ichigo Iida, Momoi Shimada und Taeko Seguchi.

Japanisch mit deutschen Übertiteln.

Dauer: 1 Std. 30 Min., keine Pause

Termine bei den Festwochen:

30.5, 31.5., 1., 2. und 3.6., jeweils um 20 Uhr.

Infos: www.festwochen.at

Zuerst erschienen am 02.06.2014 auf Kultura-Extra.

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