Archive for the ‘Anton Tschechow’ Category

Wiener Festwochen 2014 – Teil 1

Mittwoch, Juni 4th, 2014

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Tararabumbia – Ein verrückter Tschechow-Bilder-Reigen am laufenden Band

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Wiener Festwochen 2014

Gebannt schauen die Besucher der Halle E im Museumsquertier auf ein großes Portal an der einen Seite eines über 30 Meter langen Laufbandes, an dem sie links und rechts davon aufgereiht sitzen. Aber ein kleiner Junge läuft genau von der anderen Seite her über das Band, stolpert und schüttet einen Kasten mit Karten und bunten Steinen vor sich aus. Mühsam sammelt er die Sachen wieder in sein Kästchen ein und verschwindet…

Und so geht es 75 Minuten lang bei diesem Gastspiel des Theaters Schule für Dramatische Kunst Moskau unter der Leitung von Dmitry Krymov weiter. Der russische Bühnenbildner und Regisseur schüttet in Tararabumbia einen Kasten voller fantastischer Figuren und szenischer Bilder vor uns aus. Diese Träume und Visionen des 60jährigen und aus einer Theaterfamilie stammenden Künstlers drehen sich im weitesten Sinne um die Theaterwelten des russischen Schriftstellers und Dramatikers Anton Tschechow, zu dessen 150. Geburtstag 2010 die Performance in Moskau uraufgeführt wurde, aber auch um Personen und Ereignisse der russisch/sowjetischen Geschichte.

Es handelt sich hier aber keineswegs um einen Zusammenschnitt von Spielszenen aus Tschechow-Stücken, sondern eher um einen assoziativen, bunten und zuweilen tragikomischen Bilder-Reigen, der sich da am laufenden Band vor uns abspult. Am Anfang steht eine vorbeidefilierende Soldatenkapelle aus der Zeit der Drei Schwestern Olga, Mascha und Irina, die sehnsuchtsvoll auf ihre Zeit in Moskau zurückblicken. So überhöht wie die zu dramatischen Ikonen der schwermütigen Melancholie stilisierten Dramenfiguren Tschechows laufen die Frauen auf Stelzen sowie ein ganzer Pulk strohbehüteter Trigorins über das Band. Der vom Leben gelangweilte, die Ruhe des Landes suchende Schriftsteller aus der Möwe tritt als Rudel russischer Sommerfrischler mit Angelruten auf. „Das Leben ist interessant, hell und prall“ schwadronieren sie im Vorbeieilen, der Takt dazu wird auf Eimern geschlagen.

Tararabumbia_4_Foto (c) Natalia Cheban

TararabumbiaFoto (c) Natalia Cheban

Die Reisegesellschaft aus dem Kirschgarten erscheint mit Koffern. Onkel Gajew hält seine Ode an den hundertjährigen Schrank und kriecht in ihn hinein. Die drei Schwestern führen ihren Bruder Andrej als große Puppe (ein Ebenbild des Theatermacher Krymov) vor sich her, und Schwägerin Natascha preist ihr Söhnchen Bobik. Ein ironischer Vorbeimarsch von Tschechow-Figuren, wie sie Krymov selbst jahrelang inszenierte, die kaum dass sie am Ende hinter der Tür scherbelnd vom Band fallen, auf der anderen Seite fröhlich Urständ feiern. Als Running Gag ziehen zwei Soldaten immer wieder den soeben im Duell erschossenen Baron von Tusenbach aus den Drei Schwestern, dessen Beine dabei immer länger werden, über das Band.

Breiten Raum gibt Krymov Tschechows Drama Die Möwe. Hier bekommt der Abend seinen dramatischen Höhepunkt. Jungautor Konstantin zerfetzt sein Theatermanuskript, bevor er sich theatralisch im vorbeifahrenden Glaskasten erschießt. Dann rennt er wieder, in seinen Kopfverband verwickelt, hinter seiner angebeteten Schauspieler-Mutter her. Die titelgebende Möwe wird als kreischende Braut mit weißen Schwingen als flatternder Drache mit Jonglierkeulen auf rotem Teppich über das Band geführt. Eine nimmermüde Wandertheatertruppe aus Akrobaten, Gauklern, Schaustellern und auch modernen Breakdancern. Wie zufällig feiert auch in Wien am Samstag Die Möwe im Akademietheater in der Regie von Jan Bosse Premiere. Man wird dabei an Krymov denken.

Tararabumbia - Foto (c) Natalia Cheban

TararabumbiaFoto (c) Natalia Cheban

Nachdenkliche Bilder lässt der Regisseur dann auch mit einem Güterwagen der Geschichte an uns vorbeifahren, aus dessen Innerem der Geist Tschechows entweicht und von einem langen Zug Weißgewandeter zu Grabe getragen wird. Fotos von Tschechow werden an die Gewänder der Vorbeiziehenden projiziert. Eine neue Zeit bricht an. Figuren der sowjetischen Politik, Sport- und Kulturgeschichte wie kühne Flieger, Synchronschwimmerinnen, Matrosen und Budjonnyreiter (der sowjetische Schriftsteller Furmanow) bestimmen nun das Geschehen auf dem Band. Eine Delegation des Bolschoi-Theaters mit roten Aktenmappen und in Tutus hüpft über den Laufsteg. Eine karnevaleske Truppe Venezianer in einer Gondel und auch eine Abordnung aus dem norwegischen Helsingör mit Prinz Hamlet an der Spitze komplettieren die theatrale Repräsentanz der kulturellen Welt Krymovs.

Am Ende kommt die Blaskapelle vom Anfang wieder, nun in den Uniformen der Roten Armee und mit allen der 80 Darstellern in ihren Kostümen, die winkend noch einmal an uns vorüberziehen. Man kann Tararabumbia als sentimentale Liebeserklärung an Tschechow, das Theater oder Mütterchen Russland allgemein sehen. Wenn man Tschechows Dramen nicht so genau kennt, lässt sich der Abend aber auch als ironisch gefärbtes, russisches Geschichts-Defilee interpretieren, an dessen Ende man noch lange nicht in der Gegenwart angekommen ist und bei dem das unaufhörlich immer schneller rauschende Band in eine ungewisse Zukunft weist.

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Tararabumbia
Konzept und Inszenierung: Dmitry Krymov
Musik: Alexander Bakshi
Musikalische Leitung: Ljudmila Bakshi
Bühne: Maria Tregubova
Licht: Olga Ravvich
Puppen: Viktor Platonov
Choreografie: Vladimir Belyaykin
Sound: Sergey Alexandrov
Video: Alexander Shaposhnikov
Computer-Support: Sergei Chernyshov
Maske: Anastasiya Mishenkova
Leitung: Brass-Band Armen Pogosyan

Mit: Vadim Andreev, Ivan Barakin, Vladimir Belyaikin, Natalia Gorchakova, Maria Gulik, Alexey Gumeniuk, Valery Gurianov, Igor Danilov, Irina Denisova, Vadim Dubrovin, Sophia Yefimova, Oleg Yeliseev, Ivan Yerishev, Nikolay Zhigoulin, Alexander Ignatov, Arkady Kirichenko, Paul Kravets, Vicktoria Kamayeva, Ekaterina Kuzminskaya, Alexander Laptei, Igor Lesov, Maria Lesova, Maxim Maminov, Sergei Melkonyan, Natalia Maslova, Olga Malinina, Varvara Mishina, Oksana Mysina, Varvara Nazarova, Sergei Nazarov, Boris Opletaev, Oleg Ohotnichenko, Vera Romanova, Julia Syomina, Anna Sinyakina, Anastasia Smirnitskaya, Anton Telkov, Irina Teplukhova, Anna Sirotina, Nikita Seledtsov, Mihail Umanets, Maria Chirkova, Vladimir Churkin, Igor Yatsko
Chor Svetlana Anistratova, Ludmila Belyavskaya, Nicholas Babich, Anna Bukatina, Dmitry Vlasenko, Elena Gavrilova, Elena Yershova, Gulnara Zakirova, Irina Ivashkina, Konstantin Isayev, Inna Mishenkova, Dmitry Ohrimenko, Pjotr Ostapenko, Olga Penina, Vyacheslav Prikhodkin, Ekaterina Serebrinskaya, Dmitry Chadov, Dmitry Shishliannikov, Anna Yashchenko
Breakdance: Dmitry Egorov, Alexander Kornilov, Andrey Makarov, Sergey Seryogin, Vilen Syrenov
Brass Band: Hachatur Ambartsumian, Basil Denyushin, Sergey Kryukovtsev, Mikhail Naydin, Dmitry Ryzhov

Produktion: Internationales Tschechow-Festival, Moskau; Schule für dramatische Kunst, Moskau

Russisch mit deutschen Übertiteln
Dauer: 75 Min.

Spieltage:

  • Mi. 28.05.14 19:30 Uhr
  • Do. 29.05.14 16:00 Uhr
  • Do. 29.05.14 21:00 Uhr
  • Fr. 30.05.14 19:30 Uhr

Infos: http://www.festwochen.at/programmdetails/tararabumbia/

Zuerst erschienen am 01.06.2014 auf Kultura-Extra.

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Die Kiste im Baumstamm – Der Japaner Kuro Tanio begibt sich bei den Wiener Festwochen mit seinem symbolträchtigen Bildertheater tief in die Psychoanalyse und Traumdeutung nach Sigmund Freud

„Wir sind sehr stolz, das Stück hier präsentieren zu dürfen, aber ich bin auch sehr aufgeregt.“ wird Regisseur Kuro Tanio im Programmheft der Wiener Festwochen zu seinem Gastspiel Die Kiste im Baumstamm zitiert. Tanio war zuerst Psychiater, bevor er zum Theater kam; und in der Heimatstadt des Begründers der Psychoanalyse Sigmund Freud dessen Theorien in dieser Form auf die Bühne zu bringen, kann auch schnell mal als Sakrileg aufgefasst werden. Selbst Sohn eines Psychiaters beschäftigt sich der Liebling der Tokioter Avantgarde-Szene in seinem Stück nämlich mit einer übermächtigen Vater-Sohn-Beziehung, Traum und Traumatisierung.

Die Kiste im Baumstamm - Foto (c) Aki Tanaka

Die Kiste im BaumstammFoto (c) Aki Tanaka

Der in seinem Studium bereits etwas zurückhängende Kenji (Ikuma Yamada) sitzt in seinem selbst für japanische Verhältnisse recht beengten Zimmerchen und versucht sich an mathematischen Formeln, obwohl er doch lieber einen Roman schreiben würde. Durch seinen herrischen alten Vater an seine Pflichten erinnert, beugt sich Kenji wieder über seine Arbeit, verliert sich aber bald in den wirren Gedankenwelten seiner Kindheitserinnerungen und schläft in seiner Koje ein. Nachdem sich die kleine Guckkastenbühne gedreht hat, zeigt sie einen niedrigen Raum, in dem zwei Baumstämme durch Decke und Boden wachsen und sich zwei seltsame Gestalten mit Schweinsrüssel und Schafshörner vom Saft der Stämme ernähren, von denen der eine bereits am vertrocknen ist. In diese wundersam abstruse Traumwelt gerät nun der unter den Baumwurzeln im Keller erwachte Kenji.

Man kann dies als Symbol für die versiegende Manneskraft des alternden Vaters und die erwachende Sexualität des Sohnes deuten. Kuro Tanio macht daraus einen kuriosen Bilder-Albtraum, indem der junge Kenji auf den Spuren seines verdrängten Kindheitstraumas wandelt, in dem der Vater mit seinem überwältigenden Penis die Hauptrolle spielt. Im Restaurant „Limbus“ werden Kenji ekelige Gürteltiermenus, Kakerlakenlarven und ein dickflüssig weißer Cocktail serviert. Vermeintlich in den Himmel geraten, verschlägt es den Umherirrenden in immer weitere Zimmer und Kämmerchen, in denen Kuckucksuhren tote Vögel ausspucken, Hirschgweihe an den Wänden hängen, schweigsame Wesen Klavier spielen und deutliche Abdrücke im Sessel auf den alles überlagernden Gedanken an den Vater verweisen.

Die Kiste im Baumstamm - Foto (c) Aki Tanaka

Die Kiste im BaumstammFoto (c) Aki Tanaka

Nachdem Kenji ihn endlich gefunden hat, entspinnt sich alsbald eine Lektion in Sachen Männlichkeit, die nichts zu wünschen übrig lässt. Der immer neugierig und ehrfürchtig vor dem Schlafgemach des Vaters erstarrte Junge wird nun endlich in das Reich seiner Träume und Fantasien vorgelassen. Hier ist nun wirklich alles mit überdimensionalen Penissymbolen vollgestellt. Auf elfenbeinfarbenen Penisflöten übt man gemeinsam erst im Duett, und nachdem sich Kenji der Anerkennung des Vaters sicher ist, hebt bei einem fröhlichen Quartett mit Schwein und Schaf der Jungmann auf den Flügeln der frisch erlangten Freiheit ab. Nun kann auch er endlich auf dicke Hose machen.

Das ist nun weniger ein ausgemachter Ödipuskomplex, der hier verhandelt wird, als vielmehr ein in Teilen recht witziger aber auch schlüpfrig feuchter Jungmännertraum, der aber auch selbstironisch in einen anschließenden Kastrationsangsttraum mündet. Wieder in seiner Studentenbude erwacht, stellt Kenji erschrocken das Fehlen seines besten Stückes fest. Verzweifelt durchkriecht er bei sich drehender Bühne noch einmal auf der Suche danach alle Stationen seiner wundersamen Traumreise. Das Publikum, fasziniert, amüsiert und abgestoßen gleicher maßen, zollte den japanischen Performern jedenfalls reichlich Beifall.

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Die Kiste im Baumstamm

im brut im Künstlerhaus (01.06.2014)

Text und Inszenierung: Kuro Tanino
Regieassistenz: Yui Matsumoto
Konzept: Junichiro Tamaki, Yukiko Yamaguchi, Mario Yoshino
Bühne: Michiko Inada
Requisite: Kotaro Yokosawa, Kenichiro Okonogi (GaRP)
Inspizienz: Hisashi Mitsu
Licht: Masayuki Abe (LICKT-ER)
Sound: Koji Sato (Sugar Sound)
Musik: Yu Okuda
Mit: Ikuma Yamada, Ichigo Iida, Momoi Shimada und Taeko Seguchi.

Japanisch mit deutschen Übertiteln.

Dauer: 1 Std. 30 Min., keine Pause

Termine bei den Festwochen:

30.5, 31.5., 1., 2. und 3.6., jeweils um 20 Uhr.

Infos: www.festwochen.at

Zuerst erschienen am 02.06.2014 auf Kultura-Extra.

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Die Möwe schreit – In Jan Bosses Inszenierung am Akademietheater Wien klagen Tschechows Figuren lautstark über die Unerträglichkeit des Seins

Dienstag, Juni 3rd, 2014

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Die Möwe im Akademietheater Wien Foto: St. B.

Es wird viel geredet in Tschechows melancholisch angehauchten Tragikomödien. Beredter Müßiggang, Geldnöte, unerfüllte Sehnsüchte nach Leben und Liebe. Die Protagonisten sind mit ihren Tagträumen und der allgemeinen Langeweile beschäftigt. Jedoch leiden die Figuren nirgends so schön an ihren vergeblichen Liebesbemühungen, der Unerträglichkeit des Lebens und der Tatsache, nicht das geworden zu sein, was sie sich einst erträumt hatten, als in der Möwe. Und sie beschweren sich auch ein ums andere Mal darüber.

Gekommen um sich zu beschweren.

In der Inszenierung von Jan Bosse am Wiener Akademietheater tun sie das nun mit einer Intensität, die man bisher in diesem Stück noch nicht vermutet hatte. Allen voran der hoffnungsvolle Nachwuchsdramatiker Konstantin Gawrilowitsch (Daniel Sträßer), der sich als Künstler missverstanden fühlt und dem etablierten Kunstbetrieb in Gestalt seiner Mutter, der großen Schauspielerin Irina Nikolajwena Arkadina (Christiane von Poelnitz) und deren Liebhaber, dem nicht minder erfolgreichen Schriftsteller Trigorin (Michael Maertens), aufs tiefste misstraut. Sein eigens Stück, ein düstere Weltuntergangsklage, aufgeführt vor See-Kulisse, fällt durch. Keine Handlung oder lebendige Figuren – wie selbst seine Hauptdarstellerin, die junge Nina (Aenne Schwarz im weißen Möwenfederkleid mit Taucherflossen an den Füßen) – werden vom anderen Seeufer bemerkt. Kostjas erfolgsverwöhnte Mutter langweilt sich, und Trigorin interessieren nur die Fische im See und das aufstrebende Naturtalent Nina.

Zu Beginn noch ganz enthusiastisch dem Publikum den Einsatz der am Eingang verteilten roten Lämpchen erklärend – wir müssen den Widersacher der Weltseele, den bösen Teufel darstellen – ist Kostja schnell wegen des aufkommenden Desinteresses beleidigt und ergeht sich in einer Tirade über das konventionelle Theater der reinen Routine, gegen die Priester der heiligen Kunst mit ihrer ganz kleinen Moral. Die Arkadina hält das alles nur für manierierten Schwachsinn und ist hier selbst die Manieriertheit in Person. Die Poelnitz produziert sich beständig an der Rampe, stets Aufmerksamkeit erheischend. Der windelweiche Dichter Trigorin plädiert für gleiches Recht den neuen und den alten Formen und geht der Jungschauspielerin, inspiriert durch ihre frische Naivität, sogleich an die Wäsche. Lauthalts klagt Maertens in seiner gewohnten Manier über künstlerische Not, Getriebenheit und die Unsicherheit, auch wirklich das Richtige zu tun. Sein offensichtliches Kokettieren mit dem Zweifel macht Eindruck bei seinem weiblichen Fan und verleiht ihm so die lang vermisste Selbstgewissheit zurück.

Jan Bosse setzt hier voll auf körperlichen Einsatz und Lautstärke. Seine Spielführung verblüfft mit einer Körperlichkeit, wo doch eigentlich nur lauter Jammerlappen am lamentieren sind. Der Bruder der Arkadina, Pjotr Nikolajewitsch (Ignaz Kircher mit Rollator), klagt über vergebene Chancen und ein verpfuschtes Leben, an dem er aber bis zum letzten Zigarettenzug hängt. Der Arzt Dorn (Martin Reinke) glänzt dagegen mit einem Schuss Zynismus sowie dem Hang zum Jugendversteher und melancholischen Chansonier. So manch zwanghafter Gag geht dabei allerdings nach hinten los – besonders in der Figur des Gutsverwalters Samrev (Johann Adam Oest), der in Ermangelung neuer, immer wieder seine alten Provinztheaterschnurren zum Besten geben muss.

Die Möwe im Akademietheater Wien - Foto: St. B.

Die Möwe im Akademietheater Wien – Foto: St. B.

Liebe und Liebesleid der Jungen wie der Alten und v.a. der furchtbare und doch sehnsuchtsvolle Drang zur Kunst sind es, die Bosse in seiner daraufhin gekürzten Inszenierung interessieren. Neben Nina und Kostja, die sich ohne Rücksicht in ihr Künstlerdasein stürzen und sich darin leidvoll verfangen, ist das die stets in schwarz gehende Mascha (Mavie Hörbiger als hässliches Entlein), die sich mit ebenso dunkel gefärbter Stimme ihre Liebe zu Kostja ausredet und den blassen, ständig vom nicht vorhandenen Geld schwadronierenden Lehrer Medwedjenko (Peter Knaack im grauen Norwegerpullover) heiratet und hernach wie einen lästigen Schatten behandelt. Mutter Polina Andrejewna (Barbara Petritsch), bereits leidgeübt an der Seite ihres Langweilers Samrev und Gelegenheitsgeliebte des Arztes, empfiehlt ihrer Tochter, schlicht als Trost, die Kopie ihres eigenen Lebens.

Kunst oder Kopie, echtes Leben oder nur die Illusion dessen, diese Misere spiegelt dann auch das Bühnenbild von Stéphane Laimé. Erst wird vor einer Stellwand mit der Fotokopie der leeren Rückwand der Akademietheaterbühne gespielt, dann vor einem Bild mit leeren Tribünensitzen, bis sich im dritten Akt eine Wand mit großer Festmahlstafel davorschiebt. Ein Ausdruck der unerreichbaren Wünsche der Jungen und Illusionen der scheinbar so satten Alten. Mascha stapelt davor immer wieder leere Stühle, trinkt mit Trigorin, der alles um ihn zu Literatur machen muss, und die sich vor dem Alleinsein fürchtende Arkadina wirft sich dem schwankenden Dichter vor die Füße. Wenn sich hier zwei treffen, lauert immer auch die Eifersucht in Form der Verlustangst eines Dritten im Hintergrund. Was sich liebt, verletzt sich oder schmachtet still und verletzt dafür andere.

Das ist in Teilen gut gedacht, erliegt aber sehr bald der gewöhnlichen Betriebsroutine. Das Theater in der selbstgestellten Ironiefalle. Nach der Pause kehrt dann so etwas wie Ruhe ein. Kostja gibt auf der Gitarre „Dear Darkness“ von PJ Harvey und verfällt seiner Depression. Dazu wird eine vierte Wand als Verbindung von Leben und Kunst heruntergelassen. Die erste Wand ist hier im Video mit den Darstellern auf Reise durch Wien. Im Wiedersehen von Kostja mit seiner einstigen Liebe Nina bekommt die Inszenierung dann endlich so etwas wie Tiefe. Beide sind nun genau in den gleichen Rollen wie ihre Hasslieben Arkadina und Trigorin gefangen. Für Nina gehört auf ihrer Tingeltour durch die Provinz das Leiden bereits zum Leben dazu. Und auch Kostja weiß nicht mehr, wofür das alles noch gut sein soll. Zum finalen Schuss wird die Wand einfach weiß. „Ein Engel flog durch den Raum“ sagt einmal schwärmerisch der Arzt Dorn. Mit geknicktem Flügel, möchte man hinzufügen. Im Akademietheater war leider nur eine ausgestopfte Möwe zu sehen.

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Die Möwe
von Anton Tschechow

Deutsch von Andrea Clemen
Premiere am 31.05.14 im Akademietheater Wien
Regie: Jan Bosse
Bühne: Stéphane Laimé
Kostüme: Kathrin Plath
Musik: Arno P. Jiri Kraehahn
Licht: Felix Dreyer
Fotografie: Reinhard Werner
Video: Anna Bertsch, Sophie Lux
Dramaturgie: Gabriella Bußacker

Mit:
Irina Nikolajewna Arkadina, Schauspielerin
Christiane von Poelnitz
Konstantin Gawriloowitsch Trepjow, ihr Sohn
Daniel Sträßer
Pjotr Nikolajewitsch Sorin, ihr Bruder
Ignaz Kirchner
Nina Michailowna Saretschnaja, junges Mädchen
Aenne Schwarz
Ilja Afanasjewitsch Schamrajew, Gutsverwalter bei Sorin
Johann Adam Oest
Polina Andrejewna, seine Frau
Barbara Petritsch
Mascha, seine Tochter
Mavie Hörbiger
Boris Alekajewitsch Trigorin, Schriftsteller
Michael Maertens
Jewgeni Sergejewitsch Dorn, Arzt
Martin Reinke
Semjon Semjonowitsch, Lehrer
Peter Knaack

Weitere Termine:

  • Samstag, 07.06.2014
  • Dienstag, 17.06.2014
  • Samstag, 28.06.2014

Infos: http://www.burgtheater.at/Content.Node2/home/spielplan/event_detailansicht.at.php?eventid=963131709

Zuerst erschienen am 01.06.2014 auf Kultura-Extra.

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Mit seinem Stuttgarter „Onkel Wanja“ will uns Regie-Jungstar Robert Borgmann den Tschechow gänzlich austreiben.

Mittwoch, Mai 7th, 2014

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© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

Bei jedem Theatertreffen gibt es mindestens eine Inszenierung, die etwas aus dem Rahmen der üblichen Einladungspraxis fällt und mit der sich die Jury vermutlich beweisen will, dass sie nicht nur einfach ein Best-of des deutschsprachigen Theaters nach Berlin bittet. Nach welchen Gesichtspunkten man da aber genau vorgeht, weiß allerdings nur das hohe Gremium selbst. Zumindest stellt man die Begründung der Jury online, und lässt sie dann später auch noch durch eines ihrer Mitglieder beim Publikumsgespräch persönlich vertreten. Im Fall der Stuttgarter Inszenierung von Tschechows Onkel Wanja in der Regie von Robert Borgmann ist das der Münchner Kulturjournalist und Theaterkritiker Christoph Leibold. Um diesen Job ist er gerade nicht zu beneiden.

Die Ablehnung der Zuschauer war schon bei der Premiere im Oktober im Rahmen des Stuttgarter Eröffnungsreigens des neuen Intendanten Armin Petras nicht zu überhören. Die Kritik schwankte zwischen totaler Ablehnung und eher zaghaften Wohlwollensbekundungen. Auch unter den geläufigen Berliner Kritikern findet der Stil des jungen, unter Sebastian Hartmann in Leipzig erstmals aufgefallenen Regisseurs Borgmann spätestens nach seinem Macbeth-Debakel zum Ende der Intendanz Petras am Maxim Gorki Theater eher wenig Zustimmung. Der Klassiker Tschechow ist wie Shakespeare oder Ibsen Dauergast auf dem Theatertreffen, man kommt nicht umhin Borgmanns Inszenierung mit denen anderer Jahre zu vergleichen.

Die Jury des TT bescheinigte Robert Borgmanns Onkel Wanja „Mut zur Entschleunigung“. Die Inszenierung laufe dennoch nie Gefahr zu langweilen. Lethargie und lähmende Hitze inszeniere Borgmann mit „zirpenden Grillen und einem suggestiven Soundteppich“. Grillen waren zwar neben dem benebelnden Elektrosound nicht zu vernehmen, dafür aber ausgiebig die Pfeifkünste des Hauptdarstellers Peter Kurth zu bewundern. Damit besitzt der Regisseur aber noch lange kein herausragendes Alleinstellungsmerkmal. Seine Inszenierung bewegt sich höchstens etwas neben der gängigen Aufführungspraxis, die schon länger versucht, Tschechow aus der melancholisch psychologisierenden Ecke herauszuholen. Man denke da nur an die kraftvolle Inszenierung von Lensing/Hein mit Josef Ostendorf als Wanja, Devid Striesow als Astrow und Ursina Lardi als Jelena 2008 in den sophiensaelen. Hier war die Luft von Anfang an gewittrig dick und die Wut der von ihrer Verzweiflung Gezeichneten förmlich greifbar.

Peter Kurth als Onkel Wanja Foto: Julian Röder

Peter Kurth als Onkel Wanja
Foto: Julian Röder

Auch Borgmann zeige laut Jury „wie Trauer in Depression und Trägheit in Aggression umschlagen“. Das führe er gänzlich unsentimental vor. „Ein erstaunlich dynamisches Stillstandszenario.“ Was da wie ein Widerspruch in sich klingt, verbreitet dann auch ganz bewusst und entschieden lähmende Langeweile. Borgmann füllt sie lediglich an mit den Mätzchen kindischer Männer, die aus Mangel an Gelegenheit um eine zickige Großstadt-Trulla (Sandra Gerling als Jelena) kreiseln. Aggressives Verhalten zeigen diese beiden Kraftpakete lediglich beim Slapstick mit dem Auto, beim sich kurz mal Gegen-die-Wand-Werfen oder in einem Wutanfall, der Peter Kurths Wanja ergreift, als der hypochondrische Familientyrann (und des öden Landlebens müde) Professor im Ruhestand (Elmar Roloff) das ihm verhasste Gut verkaufen will – die einzige Aufgabe, die Wanja noch am Leben hält. Die Depression ist alles, was ihm bleibt. Aus dem Dämmerschlaf seines Lehnstuhls erwacht, dämmert ihm nun die Vergeblichkeit seines bisherigen Lebens und die Kläglichkeit seiner Bemühungen, dieses zu ändern.

Auch Thomas Lawinkys Arzt Astrow hat sich eigentlich schon innerlich aufgegeben. Die Gefühle sind abgetötet, der Alkohol tut sein Übriges. Sein Bemühen um die Natur und seine Hoffnung auf eine bessere Zukunft erscheinen ihm angesichts der Schönheit von Jelena plötzlich vollkommen sinnlos. Der Verstand rutscht in die Hose, und sein Vortrag vor der an diesen Dingen völlig Desinteressierten wird zur Posse mit albernen Froschflossen. Die ihn anhimmelnde Sonja (Katharina Knap) sieht Astrow nicht, auch wenn sie ihm immer wieder auf roten Pumps ungeschickt vor die Füße fällt. Der grobe Klotz, der keine Samoware oder russische Seufzerseligkeit mag, torkelt durch die Gegend, schleppt eine Kaffeekanne mit sich herum und zerschmeißt die Tassen. Hier macht sich jeder so gut er kann zum traurigen Hans Wurst.

Das russische Landgut, auf dem sich das abspielt, ist bei Borgmann eine leere Bühne mit Gartenstühlen und einem im Zeitlupentempo um die Szenerie kreisenden Autowrack ohne Räder. Hier kommt niemand mehr weg. Das ganze Spiel, jede angedeutete Bewegung oder jegliches Aufbegehren der Figuren bleiben ohne Konsequenzen. Als brächte man sie und somit das komplette Geschehen konsequent auf null. Aber auch das kennen wir schon aus den leergeräumten Kastenbühnen der Tschechow- und Gorki-Inszenierungen von Jürgen Gosch, aus denen sich keine der Figuren zu befreien vermochte und kaum sichtbare Bewegungen von Bäumen oder Wänden die unendlich langsam dahinziehende Zeitachse und perspektivlose Enge symbolisierten. Bei Borgmann fährt eine neonhelle Lichtdecke rauf und runter, erscheinen Figuren aus der Vergangenheit oder nestelt der Professor zahllos ineinander verschachtelte Matrjoschkafiguren auseinander.

Peter Kurth und Katharina Knap vor Riesenglücksrad – Foto: Julian Röder

Peter Kurth und Katharina Knap vor Riesenglücksrad – Foto: Julian Röder

Alles in allem verlängert Borgmann nur Tschechows bleierne Melancholie ins Unendliche. Eine einzige Figur aus dem Tschechow-Kosmos scheint hier unermüdlich in ihrem Glauben an Gnade und Mitgefühl. Sonja nimmt das Leid der anderen fast begierig in sich auf. Borgmann lässt sie ganze Sätze der sich ins Autowrack Geflüchteten als Monolog an der Rampe halten. Vor einem riesigen sich drehenden Leuchtrad spricht sie dann noch den Abgesang auf das Hier und Jetzt. Keine Chance auf Glück in dieser Welt. Erst im Himmel werden sie und Wanja Ruhe finden. Man kann Borgmann sicher nicht Desinteresse an seinen Figuren vorwerfen. Als einziges Fazit für fast 3 Stunden 30 Minuten ist das aber bedeutend zu wenig. Eine Tschechow-Inszenierung muss sicher nicht zwingend unterhalten. Muss sie deshalb aber dem Publikum Depression in Echtzeit vorführen? Zudem ist das Gebotene leider auch aus darstellerischer Sicht nicht besonders ergiebig.

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Onkel Wanja
Szenen aus dem Landleben in vier Akten von Anton Tschechow

Regie und Bühne: Robert Borgmann
Kostüme: Janina Brinkmann
Musik: webermichelson
Licht: Sebastian Isbert
Dramaturgie: Jan Hein.
Mit: Elmar Roloff, Sandra Gerling, Katharina Knap, Susanne Böwe, Peter Kurth, Thomas Lawinky, Michael Stiller, Gina Bartel/Nora Liebhäuser.
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

Premiere im Schauspielhaus Stuttgart: 27. Oktober 2013

Weitere Infos: http://www.schauspiel-stuttgart.de/spielplan/onkel-wanja/

Zuerst erschienen am 06.05.2014 auf Kultura-Extra.

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Russen, Tussen, Türken, Birken – Kunst, Culture Clash und Klischees. Hoch her ging‘s beim GOЯKI-Neustart in Berlin.

Freitag, Dezember 20th, 2013

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Es schlug wie eine Bombe ein, als kurz vor Ende des Berliner Theatertreffens im Mai 2012 bekannt wurde, dass Shermin Langhoff, langjährige Leiterin des Ballhaus Naunynstraße in Kreuzberg, die Nachfolge des nach Stuttgart wechselnden Armin Petras am Maxim Gorki Theater antreten würde. Der regierende Bürgermeister, Kultur- und Partysenator Klaus Wowereit hatte die deutsche Theatermacherin mit türkischen Wurzeln kurz vor den Toren Wiens abgefangen. Jetzt könnte man sich in dem Witz ergehen, dass die Türken bereits 1529 und 1683 vor Wien gescheitert sind. Was allerdings die Tatsache negieren hieße, dass sie mittlerweile längst in der Mitte Europas leben, und mit ihnen so manch andere Nationalität. Shermin Langhoffs Entscheidung für Berlin und das Maxim Gorki Theater war letztendlich eine ganz persönliche und bescherte der deutschen Hauptstadt dazu nun endlich auch das erste interkulturelle Schauspielensemble im deutschsprachigen Raum. Die Wiener Festwochen müssen sich mit der Belgierin Frie Leysen begnügen, die bereits das Festival Theater der Welt und 2012 das Berliner Theaterfestival Foreign Affaires kuratierte. Einer weiteren Internationalisierung der Festwochen werden also auch die Wiener nicht entgehen können.

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Der Kirschgarten von Anton Tschechow in einer Inszenierung von Nurkan Erpulat

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Berliner Herbstsalon des GOЯKIFoto: St. B.

Zurück nach Berlin. Mit einem Herbstsalon der Kunst eröffnete Shermin Langhoff Anfang November ihre Intendanz am Maxim Gorki Theater. Für zwei Wochen wurde das angrenzende Palais am Kupfergraben mit Objekten, Installationen und Performances in Berlin lebender Künstler von internationaler Couleur bespielt. Ein gelungener Einstieg und Vorgeschmack auf den eigentlichen Start, der vom 17. bis 19. November mit drei Premieren gefeiert wurde. Mit Anton Tschechows Kirschgarten und zwei Inszenierungen von Gegenwartsstoffen der jungen Schriftstellerin Olga Grjasnowas und der jungen Dramatikerin Marianna Salzmann fiel das erste Wochenende im neuen GOЯKI recht russischlastig aus. Was natürlich nur auf den ersten Blick über die eigentliche Intension dieses vielbeachteten Neustarts hinwegtäuschte. Zum Auftakt präsentierte sich nämlich der nicht nur in Berlin bereits recht bekannte deutsch-türkische Theaterregisseur Nurkan Erpulat, der mit Verrücktes Blut gemeinsam mit dem neuen Gorki Chefdramaturgen Jens Hillje bereits einen Achtungserfolg für das postmigrantische Theater auf dem Berliner Theatertreffen 2011 feiern konnte. Die Inszenierung des Ballhaus Naunynstraße wurde übrigens auch ins Programm des Maxim Gorki Theaters übernommen.

Tschechows Kirschgarten interpretierte Erpulat nicht als Widerspruch Alt gegen Neu, Oben gegen Unten, sondern, ganz im Sinne des Leitmotivs des neuen Gorki, als Kampf der mittlerweile in der dritten Generation im Lande lebenden Migranten gegen die Alteingesessenen. Da wird der alte Sehnsuchtsort Kirschgarten, der ja schon bei Tschechow in jeder Enzyklopädie stand, zu einer Art überkommenen Leitkultur, die der junge Migrant Lopachin (Taner Sahintürk), dessen Vater noch als Leibeigener für die Familie der Ranjewskaja (Ruth Reinicke als letzte Verbliebene – im doppelten Sinne – des alten Gorki-Ensembles) ackern musste, am liebsten abholzen möchte. Er will Parzellen mit Ferienhäusern statt schöne Phrasen der deutschen Aufklärung, für die sich heute eh keiner mehr etwas kaufen kann. Taner Sahintürk liest aus Immanuel Kants Was ist Aufklärung? und lässt das Buch wie einst Tschechows Lopachin verständnislos sinken.

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Das neue GOЯKI. – Foto: St. B.

Die Unterschiede zur verrottenden und schwafelnden Intelligenzija der Ranjewskaja, ihres Bruders Gajew (Falilou Seck, noch bekannt aus Lukas Langhoffs Volksfeind-Inszenierung beim Theatertreffen 2012) oder dem Studenten Trofimow (Aram Tafreshian) werden hier an rein kulturellen Differenzen festgemacht. Da geht doch einiges verloren. Anja (Marleen Lohse), Warja (Sesede Terziyan), oder gar die Ranjewskaja selbst bleiben hier bei allem darstellerischen Können relativ vage. Den Nebenfiguren bzw. Bediensteten bei Tschechow wird in Erpulats Kirschgarten dagegen klar ihre Entsprechung in der heutigen deutschen Einwanderungsgesellschaft zugewiesen. Neben Lopachin trifft das vor allem auf Charlotta, Dunjascha, Firs und Jascha zu. Allen scheint irgendetwas zu fehlen. Sei es die Identität, Liebe, Zugehörigkeit oder gar so etwas wie Heimat.

Während Lopachin zumindest ein Ziel verfolgt, wirken die anderen doch recht orientierungslos. Çetin İpekkaya als Firs verfällt immer wieder in die türkische Sprache und wird von den anderen nicht ernst genommen. Der ersten Generation fehlt der Zugang zur neuen Gesellschaft, in der auch die anderen kaum ihren Platz finden oder nur mit Mühe behaupten können. Tamer Arslan als Jascha spielt den coolen Macho im Trainingsanzug. Pitschick (Mehmet Yilmaz) und Dunjascha (Mareike Beykirch) sind Karikaturen der Anpassung im deutschen Trachtenlook. Die Travestiekünstlerin Fatma Souad bringt als Charlotta mit ihrer ganz speziellen Geschichte (schwul, lesbisch, türkisch, berlinerisch) etwas Kreuzberger Lokalkolorit nach Mitte. Die schon bei Tschechow alters- und heimatlose Gouvernante als transidentisch darzustellen, ist natürlich schlüssig, aber auch nicht ganz neu.

Tschechows differenzierte Figurenzeichnung tritt hier hinter die klare Absicht des Regisseurs zurück. Die Widersprüche im Kirschgarten sollen so einen aktuellen Anstrich erhalten. Nur das dieser bisweilen etwas zu plakativ ausgemalt erscheint. Immer wieder werden deutsche Volkslieder gesungen und eine Musikerin (Sinem Altan) im schwarzen Hidschab spielt Klavier. Spätestens wenn Lopachin sich seine neue Heimat gekauft hat und beginnt die alten Tapeten abzureißen, schlägt auch bei ihm die unaufgearbeitete Vergangenheit durch. Tradition und Moderne geben sich auf der Bühne die Hand. Man tanzt zu türkischer Musik und spricht vom Aufbruch in eine neue Zeit. Zumindest tut man so. Und da ist man wieder ganz bei der Sehnsucht der Tschechow‘schen Figuren.

Gorki5

Berliner Herbstsalon des GOЯKIFoto: St. B.

Ob der gute Vorsatz nur ein Lippenbekenntnis bleibt, sei dahingestellt, genau wie die These, dass die deutsche Gesellschaft wie das Gut der Ranjewskaja am Ende ist, wenn sie sich nicht den Problemen der Migration, wie auch den Vorzügen der kulturellen Diversität öffnet. Dass Hochkulturen zur Dekadenz und Fäulnis neigen, wenn sie sich allzu lang um sich selbst gedreht haben, dafür gibt es genügend Beispiele in der Geschichte. Ein neuer Pfropf wirkt da mitunter Wunder. In der Beziehung funktioniert die Metapher des alten Kirschgartens, mit dessen Früchten niemand mehr etwas anfangen kann, doch sehr gut. Am neuen Gorki wird man jedenfalls weiter darauf hinweisen, dass die Menschen mit dem sogenannten Migrationshintergrund hierhergekommen sind, um einen Anspruch auf Mitgestaltung einzufordern. Und bereits im Januar bringt dann Nurkan Erpulat seine vielbeachtete Wiener Inszenierung von Maxim Gorkis Kinder der Sonne neu auf die Bühne des Gorki Theaters. Man darf weiterhin gespannt sein.

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Olga Grjasnowas Roman Der Russe ist einer, der Birken liebt, inszeniert von Yael Ronen und Schwimmen lernen von Marianna Salzmann – Ein Lovesong am neuen Studio Я, inszeniert von Hakan Savaş Mican

In den anderen beiden Inszenierungen ist man dann doch etwas näher dran, an der Lebenswirklichkeit junger Migranten in Deutschland. Die junge Jüdin Mascha (Anastasia Gubareva) aus Olga Grjasnowas Roman Der Russe ist einer, der Birken liebt ist Kontingentflüchtling aus der ehemaligen Sowjetrepublik Aserbaidschan. Sie ist kriegstraumatisiert und daher nicht gerade auskunftsfreudig, was ihre Vergangenheit angeht, die sich ihr deutscher Freund Elias (Knut Berger), mit Hang zum Zuschreibungswahn, entsprechend zusammenreimt. Da gibt es dann genug Platz für altbekannte Klischees und Missverständnisse. Zwischen die beiden schiebt sich der in Deutschland gestrandete und auf ein Visum für die USA wartende Palästinenser Sami (Thomas Wodianka). Er ist einer, der keine Milch von Kühen im Kaffee mag und auch ansonsten nicht viel auf Traditionen gibt. Cem (Dimitrij Schad) ist Türke, schwul, spielt Gitarre und mimt den Conférencier.

Armes Deutschland, kann da Elias Vater Horst (Tim Porath) nur noch von sich geben. Der Deutsche ist hier entweder provinziell verknöchert und stink konservativ oder hyperaktiv um Verständnis heuchelnd. Zumindest muss alles seine Ordnung haben und sich entsprechend einsortieren lassen. Elias kommt mit seinen Fragen allerdings nicht mehr weit. Er erliegt nach der Hälfte des Stücks den Folgen eines blöden Sportunfalls, und mit ihm auch die Lebenslust Maschas. Nach einem traumatischen Besuch in der ostdeutschen Provinz bei Elias Vater, der den Sinn des Lebens darin sieht, die vielen Kuckucksuhren seines Vaters aufzuziehen, über den er sonst auch nicht viel mehr weiß, als über seinen Sohn Elias, verkriecht sich Mascha erstmal für Wochen mit dessen Spotshirt ins Bett. Dass sie da nicht ranzig wird, hat sie Cems Hartnäckigkeit und seinem Sinn für aufbauende Geschichten zu verdanken.

Über schlüpfrige Umwege kommt die sprach- und anderweitig begabte Mascha an ein Auslandsstipendium und damit schließlich nach Israel. Neues Land, neue Liebe, neues Leben. Erinnerungen an früher und allzu feste Wurzeln sind da nur noch hinderlich. Grjasnowas Roman ist ein schöne Beschreibung der bindungsarmen, zwischen den Welten switchenden Jugendlichen, die sich eigentlich nicht viel Gedanken über ihre eigentliche Identität und Heimat machen, diese aber trotzdem immer im Hintergrund mit sich herumschleppen und auch von der Gesellschaft hinterfragt bekommen. Die Inszenierung von Yael Ronen ist frisch, witzig, mit viel Situationskomik und macht definitiv Lust auf mehr.

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Gorki-Studio

Gorki-Studio Я

Ganz ähnlich geht es der jungen Protagonistin im Stück Schwimmen lernen der Dramatikerin Marianna Salzmann. Die Russin Lil (Marina Frenk) fühlt sich einsam in Deutschland. Sie träumt vom Meer in ihrer Heimat. Feli (Anastasia Gubareva) und Pep (Dimitrij Schad) dagegen sind ein Paar und halten sich für die beste Idee. Diese will aber auf Dauer nicht so recht zünden. Feli lernt Lil kennen und lieben. Angesteckt von Lils Idee vom Meer gehen beide schließlich nach Russland. Aber das Leben dort birgt andere Schwierigkeiten. Lil ist schnell genervt von den Kuchennachmittagen und Fragen der Verwandten und Feli fügt sich schwer in ihren neuen Job ein. Der Alltag ist Gift für die junge Liebe und das Meer nur eine ferne Projektion.

Wieder ein schönes Stück über Sehnsüchte Jugendlicher nach Freiheit und Geborgenheit gleichermaßen. Vereinbar scheinen beide auf Dauer nicht zu sein. Irgendwann ist Feli wieder weg und Lil im fremden Land auf sich allein gestellt. Hakan Savaş Mican inszeniert diesen zwischen Aufruhr der Gefühle und Melancholie schwankenden Lovesong auch als solchen. Die Darsteller singen immer wieder von Heimweh, Liebe und Liebesleid. Sie spielen dazu begnadet auf der Gitarre, dem Klavier, oder trommeln sich die Seele aus dem Leib. Heiß her geht es, bis zum Schluss die Fenster geöffnet werden und die jungen Leute auf die Straße ausbrechen. Ganz großes Theater im kleinen neuen Studio Я, das in Zukunft auch unter der Leitung von Marianna Salzmann stehen wird.

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Es sagt mir nichts, das sogenannte draußen – Sebastian Nübling inszeniert Sibylle Berg

Sibylle Berg im Oktober 2013, Foto: Katharina Lütscher (www.sibylleberg.ch) wikimedia commons

Sibylle Berg im Okt. 2013
Foto: Katharina Lütscher (www.sibylleberg.ch) wikimedia

Ganz ohne Migrationshintergrund kommt dagegen das extra fürs neue Gorki geschriebene Stück der Schriftstellerin, Dramatikerin und Spiegel-Online-Kolumnistin Sibylle Berg aus. Jugendlich sind die Protagonistinnen des lockeren Fünfundsiebzig-Minüters Es sagt mir nichts, das sogenannte draußen aber schon. Regisseur Sebastian Nübling, den Shermin Langhoff überraschender Weise fürs Gorki verpflichten konnte, besetzt das Stück für eine Person und mehrere Stimmen dann auch mit den vier jungen Schauspielerinnen Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler, Rahel Jankowski und Cynthia Micas. Deren vierstimmigen Wutschwall, von Berg als ununterbrochener Fließtext geschrieben, inszeniert Nübling als stampfendes, dampfendes Körperballett auf ansonsten leerer Bühne. In Schlabberlook und Nerdbrille zieht das Quartett dabei chorisch und unkorrekt über den heutigen Zeitgeist mit seinem Jugend-, Mode- und Körperwahn her.

Aus der Sicht der namenlosen Hauptprotagonistin hört dieses Rumgeleide aus Liebeskummer, Partystress und Identifikationdruck wahrscheinlich nie auf. Aber ob da einfach nur Älterwerden die Lösung bringt, darf bezweifelt werden. Vorerst bedient frau noch weiter bestens alle möglichen Ziel- und Randgruppen-Klischees. Dass es hier vor allem immer wieder die heteronormative Männlichkeit trifft ist durchaus beabsichtigt. „Schräger Pony, verdeckt beginnende Geheimratsecken, enge Hose, korrekter BMI, Nerd-Brille … und tschüss!“ Aber auch trendige Fitness-Beautys bekommen ihr Fett weg. „Wie werde ich überflüssige Pfunde am schnellsten los?“ Zuviel Hormone oder überhaupt Gefühle sind da einfach nur zum Kotzen. Zwischendurch rufen immer mal wieder die Schwestern Minna und Gemma oder die angehimmelte Freundin Lina an, während Stiefpapa Paul, das Opfer, im imaginierten Kellerverließ sitzt.

So trampeln sich die vier Darstellerinnen den Frust vom Leib und übertragen mit viel Coolness ihren We don’t give a shit-Storm aufs mehrheitlich jugendliche Publikum. Nur, wer die Radikalität der Bücher von Sibylle Berg kennt und weiß mit welcher oft auch moralischen Keule sie die Leser ihrer S.P.O.N.-Kolumnen traktieren kann, wird hier an manchen Stellen auch schon mal verstohlen gähnen. Ihre sonst recht böse Ironie kommt zuweilen doch recht nett daher. Und während Frau sich noch so ihren Teil denkt, schläft Mann vielleicht schon fest.

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Gorkilogo

Der Kirschgarten
eine Komödie von Anton Tschechow

Mit:
Jascha: Tamer Arslan
Dunjascha: Mareike Beykirch
Firs: Çetin İpekkaya
Anja: Marleen Lohse
Ranewskaya: Ruth Reinecke
Lopachin: Taner Şahintürk
Gajew: Falilou Seck
Trofimov: Aram Tafreshian
Warja: Sesede Terziyan
Simeonow-Pischtschik: Mehmet Yılmaz
Charlotta: Fatma Souad
Musiker: Özgür Ersoy
Musikerin: Sinem Altan

Regie: Nurkan Erpulat
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Ulrike Gutbrod
Musik: Sinem Altan / Tobias Schwencke
Licht: Norman Plathe
Dramaturgie: Daniel Richter

Weitere Informationen: http://www.gorki.de/spielplan/der-kirschgarten/

Der Russe ist einer, der Birken liebt (UA)
von Olga Grjasnowa in einer Bühnenfassung von Yael Ronen

Mit: Mehmet Ateşçí, Knut Berger, Anastasia Gubareva, Orit Nahmias, Tim Porath, Dimitrij Schaad, Thomas Wodianka

Regie: Yael Ronen
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Esther Krapiwnikow
Video: Benjamin Krieg
Musik: Yaniv Fridel / Dimitrij Schaad
Dramaturgie: Irina Szodruch.

Weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/der-russe-ist-einer-der-birken-liebt/

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Schwimmen lernen. Ein Lovesong
von Marianna Salzmann

Mit: Marina Frenk, Anastasia Gubareva, Dimitrij Schaad.

Regie: Hakan Savaş Mican
Bühne und Kostüme: Sylvia Rieger
Musik: Enik
Video: Benjamin Krieger
Licht: Daniel Krawietz
Dramaturgie: Irina Szodruch.

Weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/schwimmen-lernen/

Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen (UA)
von Sibylle Berg

Mit: Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler, Rahel Jankowski, Cynthia Micas.

Regie: Sebastian Nübling
Choreographie: Tabea Martin
Raum: Magda Willi
Kostüme: Ursula Leuenberger
Mitarbeit Raum/Kostüme: Moïra Gilliéron
Licht: Jan Langebartels
Dramaturgie: Katja Hagedorn.

Weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/es-sagt-mir-nichts-das-sogenannte-draussen/

siehe auch Kultura-Extra vom 12.12.2013

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Hunde-Elend – Maxim Gorkis „Sommergäste“ streunen an der Berliner Schaubühne scheinbar ziel- und seelenlos durch eine Inszenierung von Alvis Hermanis.

Samstag, Dezember 22nd, 2012

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„Es ist zu erwarten, dass in nächster Zukunft irgendein beherzter ehrlicher Mann das traurige Buch „Die Zerstörung der Persönlichkeit“ schreiben und uns in diesem Buch den unaufhaltsamen Prozeß der geistigen Verarmung des Menschen, die unvermeidliche Einengung des „Ichs“ deutlich vor Augen führen wird.“ Maxim Gorki (1868 – 1936), aus dem Aufsatz „Notizen über das Kleinbürgertum“, veröffentlicht 1905 in der Zeitschrift „Nowaja shisnj“ (Das Neue Leben); entnommen dem Programmbuch „Sommergäste“ nach Gorki, eine Inszenierung der Schaubühne am Halleschen Ufer, Premiere am 22.12.1974, Textfassung: Peter Stein und Botho Strauß, Regie: Peter Stein

Gorki Portrait, 1916maxim-gorki_2.jpg
Holzstich von Jelisaweta Kruglikowa aus dem Kupferstichkabinett Berlin

„Die Verkümmerung der Seele“ überschrieb Maxim Gorki diesen Abschnitt seines Aufsatzes über die Abrechnung mit dem seiner Meinung nach psychologisch kranken Kleinbürgertum. Diesen „Aristokraten des Geistes“, denen das Proletariat kein Almosen seiner Aufmerksamkeit schenken will, wofür es die Kleinbürger aufrichtig hassen. Weiter heißt es bei Gorki dazu: „ Geistig verarmt, verwirrt im Dunkel von Widersprüchen, immer lächerlich und kläglich in ihren Versuchen, ein behagliches Eckchen zu finden und sich darin zu verbergen, fährt die Persönlichkeit ständig fort, sich zu zersplittern, und wird psychisch immer unbedeutender. Sie spürt das und jagt, von Verzweiflung gepackt, …, von einem Winkel in den anderen, sucht Rettung, versenkt sich in Metaphysik, stürzt sich in Ausschweifungen, sucht Gott, ist bereit an den Teufel zu glauben – (…) Die Grundstimmung des moderne Individualisten ist eine ruhelose Sehnsucht; er hat den Kopf verloren, spannt alle seine Kräfte an um sich irgendwie ans Leben zu klammern, und hat keine Kraft – (…) Der Individualist beginnt hysterisch das zu negieren und zu verbrennen, was er gestern noch angebetet hat und auf dem Höhepunkt seiner Negation gerät er unausbleiblich in jenen psychischen Zustand, der an Rowdytum grenzt …“

Das liest sich schon wie eine ziemlich genaue Regieanweisung zur Umsetzung von Gorkis „Datschniki“, die er 1904 als Szenen einer verfallenden Gesellschaft von Egoisten, sich selbst und andere hassenden und in Langeweile erstickenden Kleinbürgern und Intelligenzlern angelegt hatte. Peter Stein hat das seinerzeit mit einem hochkarätig besetzten, in sich homogenen Schauspielensemble eher wie einen traditionellen Tschechow inszeniert. Eine Verfilmung aus dem Jahre 1975 bezeugt dies und lässt die hochgelobte Bühnenfassung noch erahnen. Der junge Maxim Gorki war in seiner frühen Schaffensphase auch sehr von Anton Tschechows Dramen beeinflusst. Und er versuchte seinem Vorbild auch möglichst nahe zu sein. In mehreren Briefen beschrieb Gorki seine Eindrücke beim Besuchen von Tschechow-Aufführungen und teilte dem Bewunderten auch die Reaktionen auf die Inszenierungen seiner eigenen Stück mit. Gorki suchte in der Korrespondenz mit Tschechow auch Anregung und Bestätigung für sein Werk. Im großformatigen Programmbuch der legendären Schaubühneninszenierung von 1974 sind einige dieser Briefe abgedruckt. Auch das Programmheft der jüngsten Inszenierung von Alvis Hermanis an der Schaubühne am Lehniner Platz greift auf Auszüge dieser Korrespondenz zurück. Allerdings ist die Herangehensweise des sehr genau beobachtenden und die ausgewählten Stücke bis in Kleinste analysierenden Letten doch etwas weniger subtil und mehr an der von Gorki zitierten negativen Analyse über das vor sich hin rottende Kleinbürgertum angelegt.

schaubuhne_sommergaste_dez-2012.jpg Foto: St. B.

„Nach manchem Gespräch mit einem Menschen hat man das Verlangen, einen Hund zu streicheln, einem Affen zuzunicken und vor einem Elefanten den Hut zu ziehen.“ Maxim Gorki (1868 – 1936)

Dem Manne kann geholfen werden, hat sich Alvis Hermanis wohl gedacht, als er beschloss seinen menschlichen Karikaturen aus Gorkis eher herbstlich ersterbenden Sommerfrische einen lebendigen Hund zum Streicheln bei zu stellen. Dieser knuffige Golden Retriever bekommt dann auch an diesem Abend an der Berliner Schaubühne so manche Streicheleinheit, die den meisten auf der Bühne versammelten, abgerissen Gestalten jedoch versagt bleibt. Und so zieht der Hund unermüdlich seine Runden durch das Bühnenbild von Kristine Jurjäne, Hermanis’ detailversessenen Ausstatterin, sucht Leckerlie, knabbert hörbar an etwas herum, schlabbert Wasser und lässt ansonsten die Runde der Leidenden, die meist wie begossene Pudel im Bühnenbild herumhängen, wenn sie nicht gerade träge aneinander klammern oder übereinander herfallen, weitestgehend außer acht. Er beschnuppert höchstens einmal einen besonders penetrant lamentierenden Verschmähten, bekommt prompt einen Klaps und rettet sich zu ein paar angestrengt in einer räudigen Badewanne grillenden Picknickern. Die Wurst hatte es ihm sichtlich angetan. Wirklich angetan kann der Zuschauer dann allerdings nicht gerade von dem ansonsten doch recht bizarren Treiben auf der Bühne sein.

Das Interessanteste ist noch das Bühnenbild. Kristine Jurjäne hat die Ruine der verlassenen Moskauer Fabergé-Villa nachgebildet. Abblätternde Farbe und zersprungene Glasscheiben kennzeichnen den Verfall. Die Natur holt sich sichtbar ihr altes Terrain zurück. Es wuchert und grünt aus dem Vorgarten herein. Schutt, einige Bücherhaufen, alte Stühle, etliche Liegegelegenheiten und eine verkeimte Badewanne stehen herum. Im Halbdunkel räkelt sich die Hausherrin Warwara Michailowa (Ursina Lardi) in feuchten Träumen auf einer Art ranzigem Diwan und ihr Mann Sergej Bassow (Ingo Hülsmann) versucht sich ungeschickt an ein paar aus einem Sicherungskasten hängenden Kabeln aufzuknüpfen. Die Kabel reißen natürlich. Es zischt und blitzt, und plötzlich ist die Bühne hell erleuchtet. Wie durch den Stromstoß elektrisiert versucht Bassow nun seiner gelangweilten, desinteressierten Frau in gymnastischen Verrenkungen näher zu kommen. Was ihm aber letztendlich doch misslingt. Schuld an den überspannten Stimmungen seiner Frau sind nicht die defekten Stromkabel, sondern die zahlreichen, ihr Bettgelage umgebenden Bücher. Auf Bassow wirken diese nur narkotisierend, und die modernen Schriftsteller hält er für nervlich zerrüttete Menschen. Für sein Schwätzchen muss er sich jedenfalls einen anderen suchen. Er findet ihn im bodenständigen Ingenieur Suslow (Urs Jucker), mit dem er gerne bei einem Glas Wein Schach spielt, während sich Warja die hysterischen Klagen der gestressten Mutter und Frau des Arztes Dudakow (Cathlen Gawlich und Robert Beyer) anhören muss.

Foto: St. B. schaubuhne_sommergaste_buhne_dez-2012.jpg
Maxim Gorkis „Sommergäste“ an der Schaubühne am Lehniner Platz. Bühne von Kristine Jurjäne.

So bevölkern nun nach und nach alle weiteren Sommerfrischler die Bühne, leiden mal allein, mal miteinander und labern aneinander vorbei. Man versucht sich näher zu kommen und lagert sich doch immer nur wieder in den Ecken ab oder brütet bis zum nächsten Auftritt im Obergeschoss still vor sich hin. Es scheint so, als wären hier alle nur, wie der Räterevolutionär Eugen Leviné 1919 vor dem Münchner Gericht sagte, Tote auf Urlaub. Der 1886 in St. Petersburg geborene jüdische Kommunist Leviné hatte bereits an der gescheiterten russischen Revolution von 1905 teilgenommen. Im Gegensatz zum russischen Kleinbürgertum und der Intelligenzija, der Gorki auch die Schuld an der Niederlage gab, setzte Leviné aber sein Leben entschlossen für Veränderungen ein. Hier geschieht nichts mehr, ist nie etwas geschehen. Die Sommergäste haben nie wirklich gelebt. Ihre Sehnsüchte nach Leben und Glück sind reine Attitüden der Langeweile. Und diese Stimmung fängt Hermanis bis zur Pause auch haargenau ein. Diesmal sind es nicht nur das detailgenaue, naturalistische Bühnenbild oder die originalgetreuen Kostüme, wie im Wiener „Paltonov“, Hermanis hat den Figuren Gorkis genauestens in die Seele geschaut. Und sein Befund ist niederschmetternd. Da gibt es nichts zu sehen. Die Schauspieler stellen hohle, tönerne Gefäße dar, die, einmal angeschlagen, aber nicht zu klingen vermögen. Man verkeilt sich, wie das ewig streitende Ärztepaar, mit vorgehaltenen Stühlen in einander, nur zu einem statisch entleerten Geschlechtsakt fähig, oder sucht Aufregung und Befriedigung wie Julia (Luise Wolfram), die junge Frau Suslows, in einer enthemmten, schnellen Affäre mit dem sabbernden Schwachkopf Samyslow. David Ruland muss ihn als spastisch Behinderten mit dicker Hornbrille spielen, was nur eines von vielen Fragezeichen in Hermanis’ Inszenierung bleibt.

„Mit zwanzig Jahren ist der Mensch ein Pfau, mit dreißig ein Löwe, mit vierzig ein Kamel, mit fünfzig eine Schlange, mit sechzig ein Hund, mit siebzig ein Affe, mit achtzig – nichts.“  Baltasar Gracián y Morales, aus „Handorakel und Kunst der Weltklugheit“

Nach der Pause gibt es noch eine sexuell aufgeladene Szene auf Warwara Michailownas Diwan. Alle Frauen umkreisen sich, zärtlich ertastend und führen eine geradezu schwärmerische Choreografie auf, während sie von den Männern beobachtet werden, die schließlich mit lauten Balzgeräuschen wie Pfauen die Szene stören. Eine Anspielung auf Bassows Bitte an seinen Freund den Schriftsteller Schalimow (Thomas Bading) für Warja den Pfau zu spielen. Sie hat in ihrer Jugend für den Dichter geschwärmt und ist immer noch von ihm beeindruckt. Muss aber bald erkennen, dass dessen Brillanz mit Jahren nachgelassen hat und Schalimow lieber seine Ruhe haben will. Er heuchelt gelegentlich Interesse und ist ansonsten von der Welt und seinen Lesern, die er nicht mehr versteht, angewidert. Dem anderen Schwärmer und selbsterklärten Schöngeist Rjumin (Niels Borman), weist Warja ihrerseits die kalte Schulter. Borman, im abgerissen Frack, muss seine Liebesanträge in einer Art peinlichem Slapstick vorführen und gibt so seine Figur schließlich vollends der Lächerlichkeit preis.

schaubuhne_maxim-gorki_sommergaste_programm2.jpg Reproduktion eines Fotos aus dem Moskauer Gorki-Haus: Die Schauspielerin Marja Fjodorowna Andrejewa sitzt – in Begleitung von Maxim Gorki – dem Maler Ilja Jefimowitsch Repin Modell. – entnommen dem Programmbuch Sommergäste nach Gorki der Schaubühne am Hallesches Ufer (Dez. 1974)

Überhaupt zeigen schon die Kostümierungen den inneren abgewrackten Seelenzustand an. Eva Meckbach als verhinderte Dichterin Kaleria, kommt düster, somnambul im schwarzen Kleid, mit tiefem Kajal und Schleier daher und Marja Lwowa, die bei Gorki noch die eigentlich große Anklagereden schwingen darf, steckt bei Judith Engel im gouvernantenhaften Kleid und ist mit einer Grauhaarperücke ausgestattet. Zur Abwehr ihres jungendlichen Verehrers Wlas (Sebastian Schwarz) führt sie zum Beweis ihres Alters sogar ihr ergrautes Schamhaar vor. Der Bruder von Warja, den Gorki eigentlich als zynischen Komiker angelegt hatte, wirkt bei Sebastian Schwarz eher wie ein tapsiger, melancholischer Teddybär. Selbst die Jugendlichen, Marjas Tochter Sonja (Jenny König) und der Student Simin (Moritz Gottwald), die Stein damals einfach weggelassen hatte, dürfen hier nur kurz aufmucken, und werden dann schnell von der Lethargie um sie herum angesteckt. Schließlich ist man dann vollends auf den Hund gekommen und brät Würstchen in der Badewanne. Die Inszenierung driftet damit in der zweiten Hälfte immer mehr in die groteske Klamotte ab. Das Ganze kulminiert schließlich in angestrengter, kollektiver Heiterkeit beim absurden Selbstmordversuch von Rjumin, der sich mit Wlas’ nicht losgehenden Pistole fast wie aus versehen in die Brust schießt. Ein recht sinn- und blutlosen Unterfangen, wie die ganze zweite Hälfte der Inszenierung. Man denkt unweigerlich an die Düsseldorfer Inszenierung des ebenfalls tschechow-erprobten Jürgen Gosch, die 2004 zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde. Die für ihre Leistungen mehrfach ausgezeichneten Schauspieler Constanze Becker als Warwara Michailowa und Devid Striesow als Wlas zeigten wunderbar die Verzweifelung und angestaute Wut ihrer Figur über das unabänderliche Hängen in der Zeit.

Bei Hermanis hängen alle die ganze Zeit etwas träge auf der Bühne herum, sind wie schicksalhaft aneinander gekettet und stellen somit eine andauernde Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen dar, wie sie nach Ernst Bloch dem Kleinbürger zu eigen ist, der jegliche Modernität ablehnend in seinem eigenen Universum verharrt. Der „verschlungene Kontrapunkt“ der historischen Stimmen wird so zum Ruf der Protagonisten aus dem Jenseits. Als ewiger Anachronismus streift der reiche Onkel des Ingenieurs Samislow, der ehemalige Industrielle Doppelpunkt (Ernst Stötzner), mit einem Einkaufswagen durch die Szenerie, in dem er sein Geld in Plastiktüten aufbewahrt. Ein alter Mann ohne Ideale und inneren Antrieb. Ein gesellschaftlich Verwahrloster ohne Plan, der sein Geld verschenkt, da er nichts anderes mehr damit anzufangen weiß. Nutzen bringt das hier aber niemandem, da nicht wirklich klar ist wohin man eigentlich damit ausbrechen könnte. Der Blick nach draußen ist den um sich selbst Kreisenden verstellt. Alvis Hermanis hat ihnen jeglichen Glauben an eine zukünftige Gesellschaft weginszeniert. Mit dem Wissen des Scheiterns von Gorkis Utopie traut Hermanis diesen Wiedergängern des vorrevolutionären Russlands scheinbar nicht mehr über den Weg und glaubt wohl auch selbst nicht an ihre utopische Kraft. Dass Warja schließlich ihre herumliegenden Plünnen zusammenrafft, in einen schäbigen Einkaufstrolley packt und durch die einzige offene Tür mit den Worten: „Ich will leben!“ entschwindet, scheint hier auch nur eine weitere flüchtige Laune. Und obwohl ihr einige sehnsüchtig hinterher starren, verspürt hier keiner den Drang ihr zu folgen. „Nein, kein Mensch wird sterben.“ sagt da nur Dudakow, wie abwesend. Bei Peter Stein stellt Schalimow am Ende fest: „Das ist alles bedeutungslos – die Menschen und was mit ihnen geschieht, das bedeutet alles nichts…“ Und vielleicht dreht ja Warja auch nur eine Runde über den weihnachtlichen Kudamm und ist zur nächsten Vorstellung von ihrer kurzen Shoppingtour wieder zurück.

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Die nächsten Termine an der Berliner Schaubühne:

  • 25.12.2012, 19.30 Uhr
  • 08.01.2013, 19.30 Uhr
  • 09.01.2013, 19.30 Uhr
  • 20.02.2013, 19.30 Uhr
  • 21.02.2013, 19.30 Uhr
  • 22.02.2013, 19.30 Uhr
  • 23.02.2013, 19.30 Uhr

Foto: St. B. schaubuhne-kudamm-lichter.JPG

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Zweimal Tschechow am Thalia Theater Hamburg – Luc Perceval inszeniert den „Kirschgarten“ für Barbara Nüsse als entschleunigten Todesreigen und Jan Bosse lässt Jens Harzer als „Platonow“ in schönster, tragigkomischer Ironie scheitern.

Mittwoch, Oktober 10th, 2012

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„Das Tragische und das Komische, das Katastrophische und das Mitfühlende sollten zusammengehen. … doch wo Shakespeare auf das Tragische beschränkt bleibt, liegt Tschechows Genie darin zu sagen, dass wir gegen jegliche Form des Bösen nichts tun können als ausharren, weitermachen, weiterkämpfen, weiterlieben, weiterlachen.“ Cornel West (geb. 1953 in Tulsa, Oklahoma, USA), Professor für afroamerikanische Studien in Princton und Religionsphilosophie in New York, in einem Interview mit dem Philosophie-Magazin (Nr. 6 / 2012)

Eine Aufführung von Anton Tschechows posthum veröffentlichtem namenlosem Erstling, der außer „Die Vaterlosen“ meist eher nach seinem Titelhelden „Platonow“ benannt wird, benötigt bei seiner kompletten Spielzeit von fast 8 Stunden und etlichen Nebenfiguren vor allem einen Schauspieler, der die Figur des Frauenhelden wider Willens die nötige Präsens verleiht, oder man hat anderweitig triftige Gründe für die Aufführung dieses überbordenden Stücks. Ansonsten dürfte sich der Regisseur schnell dem Vorwurf der vorsätzlichen Langeweile ausgesetzt sehen. Alvis Hermanis musste sich bei seiner knapp fünfstündigen detailgetreuen Kostüm- und Bühnenbildversion zumindest derlei anhören. Das er allerdings das Geschehen zeitlich sehr stark verdichtete und ganz bewusst auch auf seinen Titelhelden abstimmte, den er kongenial mit Martin Wuttke besetzen konnte, war letztendlich der Grund für den Erfolg dieser außergewöhnlichen Inszenierung. Ähnlich starke Inszenierungen sind selten, erwähnenswert aus der jüngsten Vergangenheit vielleicht nur noch Luk Percevals Version mit Thomas Bading an der Schaubühne Berlin oder Karin Henkels Inszenierung mit Felix Goeser als Platonow am Staatsschauspiel Stuttgart. 2006 wurde diese Inszenierung zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen, und Felix Goeser erhielt für seine kraftvolle Darstellung des Platonows den Alfred-Kerr-Preis, übrigens, wie der Zufall so will, vorgeschlagen von Martin Wuttke. Thomas Bading ging als zaudernder Antiheld leer aus und Luk Perceval ging 2010 von Berlin ans Thalia Theater nach Hamburg.

Jan Bosse inszeniert Anton Tschechows Erstling „Platonow“ mit Jens Harzer in der Hauptrolle.

Foto: St. B. platonow_thalia-theater-hamburg_okt-2012.jpg

Hamburg hat nun geradezu eine Tradition für ungewöhnliche Tschechow-Inszenierungen. So stellte Andreas Kriegenburg in „Onkel Wanja“ lauter melancholische Clowns auf die Bühne und Christiane Pohle verbannte die „Drei Schwestern“ auf einen Dachboden. Nun schickt sich der Meister der gesättigten Ironie Jan Bosse an, Tschechows „Platonow“ in einem russischen Trailerpark spielen zu lassen. Das ist dann aber auch schon der einzigste Verweis auf die Geldnöte der stetig klammen Wohnwageninsassen, die an der Nadel des Emporkömmlings und Geldverleihers Bugrow hängen, ihn dafür abgrundtief verachten und ansonsten so weitermachen wie eh und je. Tschechow hat die Story in seinem letzten Stück „Der Kirschgarten“ dementsprechend verdichtet. Alle Figuren seines Schaffens sind im Grunde genommen im „Platonow“ bereits skizziert, wenn nicht sogar schon detailliert ausformuliert. Der Platonow ist somit durchaus als Rough Version des Kirschgartens zu bezeichnen. Ein rauer, leicht verschliffener Rohdiamant sozusagen. Ein Rätsel bleibt dabei, und das lässt natürlich nach wie vor Raum für Interpretationen, die Hauptfigur des zynisch an sich und der Welt verzweifelnden Schwadroneurs und Frauenschwarms Platonow.

Für diese Rolle hat nun Jan Bosse mit Jens Harzer eigentlich die Idealbesetzung gefunden. Harzer schafft spielend die Bandbreite zwischen Arroganz, beißendem Spott, Zynismus und großer Verzweifelung. Der Intellektuelle Platonow zeichnet sich einerseits durch einen notwendigen, zynischen Witz aus, den er sich zugelegt hat, um sich so das Weiterleben zu ermöglichen und anderseits schafft er es dabei dennoch von außen kritisch auf sich selbst zu blicken, um sich einzugestehen, sein Talent verschwendet zu haben. Harzer vermag seiner Figur diese ironische Ambivalenz zu verleihen. Das macht ihn auch für die Frauen des Stücks so interessant, weil er ohne offensiv zu werben, sich allein schon durch seinen provokanten Geist von den anderen langweiligen Schwätzern abhebt. Das sie es hier mit einem selbstzerstörerischen Nihilisten zu tun haben, wollen oder können die Protagonistinnen, die sich mit ihm einlassen, in ihrem Drang aus der eigenen Lebenskrise zu entrinnen, nicht erkennen. Platonow ist nicht in der Lage, ihre Gefühle adäquat zu erwidern, schwankt weiter unentschlossen, wie in seinem bisherigen Leben, zwischen den Frauen hin und her, bis er schließlich in Suff und Selbstmitleid versinkt. Und wie Harzer das hier zelebriert ist schon ansehenswert. Im ersten Teil, wenn alle Beteiligten noch gegen die Hitze und Langeweile ihres Daseins ankämpfen, oder einfach auf das Essen warten und sich mit Sprüchen und Sticheleien die Zeit vertreiben, schafft es Harzers Platonow nur durch einige lakonische Handbewegungen, und beiläufige Worte die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und das Interesse seiner Jugendliebe Sofja (Patrycia Ziolkowska) wieder zu erregen. Die junge völlig ironiefreie Marja Grekowa (Marie Löcker) ist ihm ein leichtes, willkommen Opfer für seine Unterhaltung. Der liebessehnsüchtigen Generalswitwe Wojnizewa (Victoria Trauttmansdorff) versucht er sich so charmant wie möglich zu entziehen. Harzer trumpft dabei nie übertrieben auf. Derber Witz, feine Ironie und schlaksige Melancholie halten sich bei ihm stets die Waage.

Natürlich kann Bosse seinen Drang nach Komik auch bei den anderen Figuren nicht ganz unterdrücken, und so schaut er ihnen ebenfalls mit viel Ironie beim Umkreisen Platonows zu, als dem eigentlichen Zentrum dieser herrlich tragikkomischem Inszenierung. Bruno Cathomas lässt den alten Glagoljew erst von alten Zeiten schwärmen, bevor er sich in Verzweiflung der Generalin vor die Füße wirft. Ein jämmerliche Gestalt, die sich vom schmierigen Kaufmann Bugrow (Matthias Leja) nur noch durch die alberne Aufrechterhaltung grotesk vornehmer Umgangsformen unterscheidet. Die Glagoljew dann aber schnell fahren lässt, als er von der Liebe der Generalin zu Platonow erfährt, und mit seinem Sohn (Sven Schelker) zum Sündigen nach Paris aufbricht. Ein spießiger Weichling und Muttersöhnchen ist der Stiefsohn der Generalin Sergej (Sebastian Zimmler). Paroli kann Platonow nur noch sein dauerbetrunkener, nicht minder an Zynismus leidender Schwager und Landarzt Nikolaj Triletzkij (Jörg Pohl) bieten. Und was in Alvis Hermanis „Platonov“ Martin Wuttke vorbehalten blieb, darf hier Jürgen Pohl abliefern, einen herrlich akrobatischer Trunkenheitsslapstick. Einen geschickten Kontrapunkt zur dekadent umhertobenden Menge setzt Bosse aber mit der Figur des Pferdediebs Ossip (Rafael Stachowiak), der von außen die Szenerie genau beobachtet und deren moralische Verkommenheit erkennt. Stachowiak ist dabei fast die ganze Zeit auf der Bühne anwesend und umschleicht eifersüchtig den Wohnwagen. Einerseits umweht den ganz in schwarz gekleideten Außenseiter ähnlich wie Platonow eine interessante, dunkle Aura, anderseits vermag er nicht in die vornehmen Kreise seiner geliebten Generalin aufzusteigen und nimmt sich nach seinem missglückten Mordversuch an Platonow das Leben.

platonow_thalia-theater-hamburg1_okt-2012.jpg Foto: St. B.
Verloren und ausgebrannt in einem Meer aus Asche. Erst piefiger Wohntrailer dann Platonow’sche Behausung. (Bühne: Stéphane Laimé)

Diese kleine spießige Gesellschaft aus lauter Gestrigen, Vergessenen und Ausgebrannten haben Jan Bosse und sein Bühnenbildner Stéphane Laimé ganz bewusst in einen kleinen Wohnwagen mit Hirschgeweihen, Blümchentapeten und Orgelmusik gesperrt, verlorenen in der Weite der Bühne. Hier glucken sie aufeinander und machen sich das Leben gegenseitig zur Hölle. Man belauert sich förmlich. Bosse reduziert so alle auf ihre zwischenmenschlichen Schwächen. Emotionale Ausbrüche, melancholische Sehnsuchtsmonologe, gelangweilter Smalltalk, alles findet auf engstem Raum statt. Ein Mikrokosmos der verzweifelten Lächerlichkeit. Die Figuren versuchen sich immer wieder in die Komik oder melancholische Ironie zu retten. Niemand fürchtet sich dabei vor dem Abrutschen ins Peinliche. Es werden russische Klagelieder angestimmt oder man setzt sich lustige Hüte auf und tanzt dazu. Nach der Pause wird der Wohnwagen gedreht und stellt jetzt die Behausung und Trinkhöhle von Platonow dar, wo dieser vor sich hin philosophiert und am liebsten nur noch seine Ruhe haben will. Statt dessen sieht er sich aber unaufhörlich und machtlos dem ausgesetzt, was er unter den liebeshungrigen Damen angerichtet hat. Das wird zum großen Solo für Jens Harzer, der nun seinen Platonow langsam aber zielsicher in die Katastrophe treibt. Seine treue Sascha, bei der er immer den Kopf in den Schoss legen konnte, ist nun auch weg. Letzter Halt ist der derangierte Wohn-Trailer, den irgendwann Bukrow einfach abtransportieren lässt. Er hat das Gut der Generalin ersteigert und räumt auf. Übrig bleibt der handlungsunfähige Platonow, der sich für keine der möglichen Auswege entscheiden kann, umringt von den Frauen. Das Ende ist bekannt.

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Tschechows Kirschgarten gibt es auch in Berlin. Zum Beispiel am BE und DT.

Foto: St. B. deutsches-theater-2012.jpg

Am Ende seines Lebens hat Anton Tschechow, wie schon erwähnt, dann doch noch einmal Bezug zu seinem Erstling „Platonow“ genommen. Und momentan ist sein letztes Werk das Stück der Stunde zur Finanzkrise. Dreimal hatten wir nun schon den „Kirschgarten“ von Anton Tschechow in der letzten Spielzeit an den Berliner Theatern gesehen. Rückschauend resignativ war die Inszenierung des kürzlich verstorbenen Thomas Langhoff im Oktober 2011 am Berliner Ensemble. Laut und kraftvoll entluden sich dagegen aufgestaute Emotionen beim Regie-Team Lensing/Hein im Dezember in den sophiensaelen. Stephan Kimmig kitzelte im März am Deutschen Theater Berlin noch einmal die Komödie aus Tschechows letztem Stück. Und da es auch das sogenannte Stück der Stunde ist, in der das alte Europa kriselt, ist es auch als eine Komödie der Wirtschaft brauchbar. So steht es zumindest im Programmheft. Das Unvermögen der Kirschgartenbesitzer mit Geld umzugehen und dabei wissend in den Untergang zu rennen, wirkt heute auf uns grotesk und genauso lässt es Regisseur Kimmig auch angehen. Da man bei Tschechow bekanntermaßen nicht immer genau weiß, ob man nun lachen oder weinen soll, da alles immer irgendwie an der Grenze zum emotional Überspannten steht, läßt uns Kimmig bei seiner Inszenierung diesmal nicht im Unklaren. Immer wenn etwas ins melancholisch Gefühlige zu kippen droht, retten sich seine Figuren schnell in den Klamauk. Felix Goeser tobt als lustig, poltriger Lopachin über die Bühne. Nina Hoss gibt ihre Ranjewskaja als melancholisch Kühle mit leichtem Hang zu theatralischen Gefühlsausbrüchen und Christoph Franken ist ein ganz der tapsig, plumpe Märchenerzähler Gajew. Alles muss irgendwie immer etwas deutlicher sein als bei Tschechow. Sogar an die oft genannten Geldsummen werden immer noch ein bis zwei Nullen mehr angehängt. Ein durchaus kurzweiliger aber wenig nachdenklicher Abend, der schließlich in einigen merkwürdigen Tableaus erstarrt.

„DIE BILDER VERSCHWINDEN AUTOMATISCH UND ÜBERMALEN SICH SO ODER SO! ERINNERN HEISST: VERGESSEN! (Da können wir ruhig unbedingt auch mal schlafen!)“ Christoph Schlingensiefs letzter Eintrag auf seinem Schlingenblog (07.08.2010) – Zitat aus dem Programmheft zum „Kirschgarten“ am Thalia Theater

„Der Kirschgarten“ in der Regie von Luc Perceval am Thalia Theater Hamburg.

Die Nähe zur Finanzkrise scheint Luc Perceval nun an Tschechows Stücken nicht wirklich zu interessieren. Genau so wenig wie ihn am „Platonow“, den er 2006 an der Berliner Schaubühne inszenierte, die Hauptfigur Platonow interessiert hatte. Trotzdem war damals in seinen Schauspielern auf weiter Bühne weitaus mehr Leben, als er ihnen derzeit einräumen will. So ist denn auch seine Fassung des „Kirschgartens“ am Thalia Theater in Hamburg, die ebenfalls im März Premiere hatte, sehr viel schlanker ausgefallen. Luc Perceval hat es hier tatsächlich geschafft, Tschechow auf schlappe 100 Minuten einzudampfen. Schon der vierte „Kirschgarten“ in Folge und man kann doch noch überrascht werden. Allerdings nicht immer im positiven Sinne. Man muss das Stück hier schon sehr gut kennen, um es überhaupt in diesen fragmentarischen Fetzen wiederentdecken zu können, die uns Perceval hinwirft. Er sollte zumindest seine eigenen Stückübersetzungen machen. Wie schon im „Macbeth“ bleibt eh nicht viel von Thomas Braschs Text übrig. Man dämmert also so vor sich hin und alles ist auch schön anzuschauen, mit den vielen Lampen und Lämpchen, die Katrin Brack dort über die Bühne gehängt hat, allein ein Licht will irgendwie nirgends aufgehen. An Tschechow würde ich hier nicht einmal im Traum denken. Das ist einfach kein Theater, nicht mal Tanztheater, obwohl man da auch schon viel Stuhlstand bzw. Stillgang gesehen hat. Perceval redet ja viel von Buddhismus und Leid, aber hier übertreibt er es etwas mit der fernöstlichen Gelassenheit. Leiden muss aber nur der Zuschauer, dem es im Zeitlupentempo die Schuhe auszieht und sich ganz langsam schmerzvoll die Fußnägel hochrollen. Und warum muss Tilo Werner als dauertelefonierender Lopachin immer Ungarisch sprechen, weil er mal in Budapest Theater gespielt hat? Biodiesel statt Datschen! Aber es ist eigentlich auch egal, was er mit dem Kirschgarten anstellt, interessiert hier eh keinen mehr.

thalia-theater-hamburg_kirschgarten.jpg Foto: St. B.

Die Zeit steht nicht nur still, sie läuft rückwärts. Der Firs von Alexander Simon zählt die quälenden Minuten und wirkt wie ein Eintänzer beim Rentnerball. Er ist aber eigentlich eher ein Todesengel, der seine Herrin in sanftem Französisch zu sich hinüberzieht, während sich das Personal in irgendeinem südöstlichen Balkandialekt unterhält und nur widerwillig zum Tanzen zu den Orgelklängen von Lutz Krajewski animieren lässt. Dass die bei Tschechow immer alle aneinander vorbeireden und sich wiederholen ist bekannt, aber sie haben wenigstens noch ganze Sätze und keine Banalitäten zu sagen. Perceval wollte die inneren Monologe der Protagonisten an die Oberfläche bringen, hat dabei aber ihre große Verzweiflung und Ambivalenzen einfach weggestrichen, wie auch die Figuren der Charlotta und des Pischtschik. Ein paar Textbrocken verteilt Perceval einfach auf die Figuren der Dunjascha (Oana Solomon) und des Jepichodow (Rafael Stachowiak). Desorientiert und Verloren wirken hier alle und um Geld geht es auch nicht mehr. Diener Jascha (Matthias Leja) ist ein eitles Schoßhündchen in Pumps, das sich unter dem Stuhl seiner Herrin verkriecht. Sebastian Rudolph als Student Trofimow darf sich ein- zweimal aufregen, was etwas ungewollt prollig wirkt und wird dann von Anja zum Tanzen abgeführt und wieder ruhig gestellt. Die Frauenrollen sind ansonsten jedoch größtenteils zu vernachlässigen. Warja (Oda Thormeyer), Anja (Cathérine Seifert) und Dunjascha sind Totalausfälle. Die Jugend als nichtssagende Nullnummern.

Alles ist auf die alternde Diva Ranjewskaja (Barbara Nüsse) und ihre Erinnerungsschleifen ausgerichtet. Wo sie und ihr Bruder Gajew am DT in Berlin etwas zu jung besetzt sind, stehen sie hier kurz vorm Rollator. Gajew (Wolf-Dietrich Sprenger) kommt von seinem Stuhl schon gar nicht mehr hoch und lallt nur die immer gleichen Textbrocken. Zu einer Versteigerung braucht der nicht mehr zu gehen und konstatiert auch am Ende, dass er gar nicht weg war, nur eben weggetreten. Eine geriatrische Sitzung am Theater, das ist einfach nur plemm plemm und mit Sicherheit keine neue Lesart. Perceval hat schon einmal 2001 Tschechows „Kirschgarten“ am Schauspiel Hannover inszeniert. Laut, schwatzhaft und unsentimental versammelte er eine unverbesserliche Partygesellschaft um einen Billardtisch (Bühne ebenfalls Katrin Brack). Der Kirschgarten ein Birkenstrunk, mehr nicht. Hier macht Perceval nun die Rolle rückwärts. Er kommt auch weiterhin ohne Kirschgarten aus, fährt dazu aber auch noch das Personal emotional runter und nivelliert die Charaktere glatt. Das Recht seine Meinung zu ändern hat ein jeder, und auch aufs Nichtstun, auf die totale Entschleunigung seines Lebens. Aber bitte nicht unbedingt am Theater, da wirkt es meist tödlich. Und so hängt Perceval Tschechows Figuren ganze Mühlsteinladungen künstlicher Melancholie an den Hals. Daran müssen sie zwangsläufig niedersinken und mit ihnen das gesamte Stück. Aber ist auch schon egal, Hauptsache schön langsam und mit Stil. Im Mai gab es eine weitere Fassung von Tschechows „Kirschgarten“ am Residenztheater München. Der spanische Skandalregisseur Calixto Bieito, der sich eigentlich bisher um die Neuinterpretation klassischer Opernstoffe bemühte, hatte mit seiner knalligen Version auch kein allzu großes Glück. Der Reigen der Kirschgarteninszenierungen geht aber auch in dieser Spielzeit weiter. Nun ist Tschechow endlich auch in der Provinz angekommen. Am Anhaltischen Theater Dessau gab es schon am 06.10.12 die erste Premiere. Das Staatstheater Cottbus wird im März 2013 folgen.

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Die nächsten Termine im Thalia Theater Hamburg:

Platonow:

  • Do. 15.11.2012, 19:00 – 23:00 Uhr
  • So. 09.12.2012, 19:00 – 23:00 Uhr
  • Mi. 02.01.2013, 19:30 – 23:30 Uhr
  • Mo. 07.01.2013, 19:30 – 23:30 Uhr

Der Kirschgarten:

  • So. 11.11.2012, 20:00 – 21:40 Uhr
  • Sa. 08.12.2012, 20:00 – 21:40 Uhr
  • Mi. 19.12.2012, 20:00 – 21:40 Uhr
  • Di. 22.01.2013, 20:00 – 21:40 Uhr

Der Kirschgarten in Berlin:

Termine am Deutschen Theater:

  • 13.10.2012, 20.00 – 22.30 Uhr
  • 20.10.2012, 20.30 – 23.00 Uhr
  • 21.10.2012, 20.00 – 22.30 Uhr
  • 03.11.2012, 20.00 – 22.20 Uhr
  • 25.11.2012, 20.30 – 22.50 Uhr

Termine am Berliner Ensemble:

  • So. 21.10.2012 um 19:00 Uhr
  • Mi. 31.10.2012 um 20:00 Uhr
  • Dauer: 2 h 10 Minuten (ohne Pause)

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Ein sanfter Schuss im Haus der Berliner Festspiele und ein mächtiger Paukenschlag in der Berliner Theaterlandschaft – Mit Martin Wuttke als „Platonov“ endet das Theatertreffen 2012 und mit Shermin Langhoff als neue Intendantin am Maxim Gorki Theater beginnt der postmigrantische Alltag im deutschen Stadttheater

Dienstag, Mai 29th, 2012

Foto: St. B. theatertreffen-2012.jpg

Der letzte Schuss des Berliner Theatertreffens 2012 hatte sich am vergangenen Montag im Saal des Festspielhauses an der Schaperstraße noch nicht gelöst, da schlug schon eine unglaubliche Nachricht wie eine Bombe bei den Theaterinteressierten ein. Bereits am Nachmittag war das von der Berliner Kulturpolitik lang gehütete Geheimnis über die Neubesetzung des Intendantenpostens des Maxim Gorki Theaters mit einem großen Paukenschlag gelüftet worden. Die eigentlich ab 2014 von den Wiener Festwochen als Doppelspitze zusammen mit Markus Hinterhäuser engagierte Shermin Langhoff wird nun im Doppelpack mit dem Dramaturgen Jens Hillje, der bereits mit Nurkan Erpulat an Langhoffs Ballhaus Naunynstraße zusammengearbeitet hatte und mit „Verrücktes Blut“ zum Theatertreffen 2011 eingeladen war, ab der Spielzeit 2013/14 das Haus am Berliner Festungsgraben leiten. Wow, das hatte gesessen, denn damit dürfte wohl kaum jemand wirklich gerechnet haben. Doch bevor sich die Neuigkeit wie ein Lauffeuer in der Berliner Presselandschaft verbreiten würde, galt es noch fünf Stunden Tschechow vom Akademietheater der Wiener Burg abzusitzen. Der lettische Regisseur Alvis Hermanis hatte mit dessen radikalem Frühwerk „Platonov“ vor ca. einem Jahr seine naturalistische Phase eingeläutet und sich dafür von der Kritik nicht nur Nettigkeiten anhören müssen. Von Publikumsfolter, Verbrechen und Langeweile war gar die Rede. Andere waren von Hermanis „Hyperrealismus“ geradezu begeistert und bescheinigten der Inszenierung trotz ihres konsequenten Traditionalismus sogar eine gewisse Modernität. Da in diesem Jahr Ambivalenz der Theatertreffen-Jury fast schon als sicherstes Auswahlkriterium galt, passte die Inszenierung natürlich bestens ins Programm.

Auf der Bühne (Monika Pormale) ist das Landhaus der Generalin Vojniceva mit Salon, Esszimmer und einer Veranda, die in einen Garten mit Birken führt, historisch detailgetreu nachgestellt. Es tickt die Wanduhr, zwitschern Vögel und zirpen die Grillen. Man spielt Dame, liest seitenraschelnd Zeitung und schwatzt mit- und übereinander, vorzugsweise in seinen Bart oder meistens möglichst vom Publikum weg. Dies scheint für die Schauspieler auch gar nicht vorhanden zu sein. Sie bewegen sich im Verlauf des Stückes in den verschieden Bereichen des Bühnenbilds und sprechen ihre Dialoge ohne Rücksicht auf Verständlichkeit, was sie im Esszimmer sogar zu einem murmelnden Hintergrundgeräusch werden lässt. Hermanis schafft tatsächlich eine fast authentische Alltagssituation in den Zeiten des zaristischen Russlands, inklusive Kostümen und passendem Interieur. Für sein Experiment scheint diese 1880 geschriebene Komödie in vier Akten auch bestens geeignet, hat der junge Tschechow doch hier ausführlich die typische Beschäftigung des damaligen Landadels bis ins Detail beschrieben. Die komplette Aufführungsdauer würde fast acht Stunden betragen. Hermanis hat, sicher auch um das Bühnenbild nicht wechseln zu müssen und somit jede Andeutung von künstlicher Theaterhaftigkeit zu vermeiden, das Geschehen auf die Szenen in und um das Haus beschränkt und den Ablauf der Handlung auf einen Abend, die Nacht und den darauffolgenden Morgen verdichtet. Das funktioniert Dank einer ausgeklügelten Lichttechnik und einer bestechend genauen Dramaturgie fast ohne auffallende Brüche. Lediglich das Absenken eines schwarzen Vorhangs verdeutlicht kurze Zeitsprünge in den einzelnen Akten.

Foto: St. B. wien_akademietheater-juni-2011-75.JPG „Platonov“ im Akademietheater Wien (Juni 2011)

Es ist alles bereits enthalten, was Tschechow später berühmt machen wird, nur sehr viel radikaler, wuchtiger, ungeschliffener. Es geht um den nutzlosen, verschuldeten Landadel ohne Antrieb, lauter Schmarotzer, sich selbst auffressend. Unter ihnen der Dorfschullehrer Platonov (Martin Wuttke), der bereits mit 29 seine Zeit des Sturm und Drangs hinter sich gelassen hat und zum Zyniker geworden ist. Aus lauter Langeweile gibt er den Don Juan und ist doch eher ein Hamlet, den die Zweifel und der Alkohol zerstören. Er weiß das und trotzdem ist die dekadente Salongesellschaft der Vojnicewa das Einzigste, was ihn noch am Leben hält. Hier sind alle bereits wesentlich älter und noch gelangweilter als bei Tschechow, Hermanis hat ihnen zwanzig Jahre mehr angehängt, und Wuttke spielt diese zynische Abgeklärtheit erst in allen Facetten aus, bis er schließlich zum Häufchen Elend gerinnt und die letzte Courage fahren lässt. Die Frauen, allen voran Dörte Lyssewski als resolute Generalin, Johanna Wokalek als schwärmerische Sofja, Platonovs Geliebte und Frau des Sohns der Generalin, Yohanna Schwertfeger als junge emotionale Marja, die Platonov liebt, von ihm aber nur geneckt wird und schließlich Sylvie Rohrer als Platonovs naive aber feinfühlige Frau Sascha, sie alle scheitern an Platonov und sind ihm doch an Lebenslust und Leidenschaft überlegen. Die Männer dagegen sind eitle, verlogene Poser wie die jungen Vojnicev und Glagoljev (Philipp Hauß und Dietmar König), moralisieren wie der alte Glagoljev (Peter Simonischek) oder schwadronieren wie der Arzt Trileckij (Martin Reinke), sind geldgierig wie Petrin (Franz J. Csencsits) und verachten den reichen Juden Abram Abramovic (Michael König). Noch erbärmlicher oder auch sentimental sind sie nur noch im Suff. Für einen herrlich langen Couch-Slapstick, lässt Hermanis den volltrunkenen Platonov mit dem jungen Isaak Abramovic (Fabian Krüger) zusammenprallen, der im Rausch seinen ganzen Stolz fahren lässt und Platonov seine Liebe zur Generalin gesteht und ihm sein Leid klagt, als Jude und Mann nicht anerkannt zu sein.

Man könnte sich natürlich fragen, was gehen mich diese fehlgeleiteten und unentschlossenen Menschen da vorne an, die an ihrem Leiden kaputt gehen und einer Sehnsucht nachhängen, dem Leben etwas mehr an Bedeutsamkeit zu geben und dabei doch immer nur sich selbst meinen. Eigentlich sehr viel sogar, indem Hermanis sie einfach agieren lässt, nichts hineindeutelt und so ganz ungekünstelt wirkende Charaktere erschafft, sind sie uns vielleicht näher, als die abstrakt verfremdeten oder mit jeder Menge Bedeutungskontexten aufgeladenen Figuren des Regietheaters von Karin Henkel, Lukas Langhoff oder sogar Nikolas Stemann. Dass sie sich nicht vordergründig in die Wahrnehmung des Zuschauers drängen, ist Distanz genug, um sich nicht völlig kritiklos in sie hinein zu fühlen, nicht mit ihnen leiden zu müssen, sondern ihr Handeln um so klarer reflektieren zu können. Bei meinem ersten Besuch der Inszenierung im letzten Juni in Wien habe ich noch angestrengt versucht alles zu erfassen und zu verstehen. Aber im Wissen, dass das hier gar nicht notwendig ist, kann man sich eigentlich entspannt zurücklehnen und das mal mehr und minder muntere Treiben wirklich genießen. Auch oder vor allem wegen der hervorragenden Schauspieler ist dies eine bemerkenswerte Aufführung. Und in Hermanis` komprimierter, hochkonzentrierter Form wird dieser „Platonov“ zum Erlebnis. Ja, so schön kann Theater auch sein, so einfach und doch schwierig zugleich. Es ist das sicher keine zukunftsweisende Leistung wie Stemanns „Faust-Projekt“, aber es ist eine andere Möglichkeit Klassiker im alten Gewand wieder ganz neu zu entdecken.

wien_platonov_juni-2011.JPG Foto: St. B.
„Platonov“ im Akademietheater Wien (Juni 2011)

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Es ist viel geunkt worden, dass Berlin das Theatertreffen dominieren würde. Tatsache ist, dass zwar fünf der zehn eingeladenen Produktionen aus Berlin kommen bzw. von Berliner Theatern mit produziert wurden, dabei aber doch eher dem allgemeinen Trend folgend, durch internationale Theaterfestivals kofinanziert sind. Besonders Longplayer wie „Faus I+II“ und „John Gabriel Borkman“ wären wohl sonst kaum zu realisieren gewesen. Das sich das Theatertreffen diesen internationalen Projekten geöffnet hat, trägt den veränderten Produktionsbedingungen und neuen Finanzierungsmodellen der Theater Rechnung und ist auch ein weiterer Schritt in Richtung Öffnung zur freien Szene, die längst international vernetzt agiert. Umso bedeutender ist es, dass neben der Belgierin Annemie Vanackere, die im September das HAU des scheidenden Geschäftsführers Matthias Lilienthal übernimmt, nun ein weiteres Berliner Theater sich in der Leitung entsprechend neu orientiert. Am 22.05.12 präsentierte Berlins Kulturstaatsekretär André Schmitz auf einer Pressekonferenz das neue Identanteteam für das Maxim Gorki Theater. Trotzdem die Theatertreffen-Jury Nicolas Stemanns Faust-Produktion als herausragende Leistung mit dem 3sat-Preis würdigte, werden nicht er, sondern Shermin Langhoff und Jens Hillje ab 2014 das kleinste der fünf Berliner Stadttheater leiten. Ob das letztendlich allein eine Frage des Geldes war, tritt angesichts des Enthusiasmus mit dem Schmitz in der „Zeit“ den Wandel in der Leitung der Berliner Kulturinstitutionen durch quotengesteuerte Diversität propagiert, vollkommen in den Hintergrund.

Das wird Shermin Langhoff aber hoffentlich nicht weiter tangieren, bei der Planung ihrer ersten Spielzeit am Maxim Gorki Theater, die im Herbst 2013 beginnen wird. Die Herausforderung liegt hier eher in der Bildung des ersten interkulturellen Stadttheaterensembles in Berlin, dem vorwiegend Schauspieler mit Migrationshintergrund angehören sollen, die dann Theater in einem Umfeld mit einem Publikum machen, dass aus einem vorherrschend deutsch bzw. westlich geprägtem Bildungsbürgertum besteht. Eine dauerhafte Akzeptanz wird sich letztendlich nicht allein mit ausschließlich migrationsbestimmten Themen erreichen lassen. Shermin Langhoff ist daher auch gut beraten, den Kontakt zum scheidenden Intendanten Armin Petras nicht abreißen zu lassen. An sein Konzept des „Gegenwarts-, Ensemble- und Autorentheaters“ soll angeknüpft und Petras sowie Jungstar Antú Romero Nunes als Gastregisseure gehalten werden. Weiter will Langhoff auf ihre Verbindungen zur interkulturellen Szene bauen, die bereits am Ballhaus Naunynstraße einige Erfolge erzielen konnte und die freie Szene in ihre Planungen mit einbeziehen. All das wird nötig sein, um nicht nur als große Filiale der Kreuzberger Naunynstraße in Mitte dazustehen und auch nicht als kostengünstigere Variante zu Nikolas Stemanns Experimentiertheatergedanken zu gelten, dessen Verpflichtung für eine Intendanz am zu engen Budget des Gorki Theaters gescheitert war. Der Migrant wird noch oft genug nur als Fremder oder als Exot wahrgenommen, dies nachhaltig zu ändern ist die große Chance von Shermin Langhoffs Intendanz. Und wir können alle mit dabei sein, um zu sehen, wie sich das auf die gesamte Theaterlandschaft und nicht nur auf den Kiez auswirkt, wie ein Stück gelebte kulturelle Vielfalt ganz selbstverständlich in die Berliner Mitte einzieht, mit all ihren noch bestehenden Problemen versteht sich.

Shermin Langhoff shermin-langhoff.jpg auf einer Podiumsdiskussion der Heinrich-Böll-Stiftung über Integration, Chancengerechtigkeit und Teilhabe in Deutschland – Foto: Stephan Röhl, unter CC-Lizens der Heinrich-Böll-Stiftung (flickr.com)

Wie das aussehen könnte, hat geradeerst beim Berliner Theatertreffen Langhoffs Gatte Lukas Langhoff gezeigt. In seiner Version von Ibsens „Ein Volksfeind“ gibt der schwarze Schauspieler Falilou Seck vom Bonner Theaterensemble den Badearzt Dr. Stockmann zwischen allgemeinem Anpassungsdruck und eigenem übertriebenem Integrationswillen. Dabei rennt er vergeblich gegen Ignoranz, Opportunismus und den alltäglichen Rassismus seiner Mitmenschen an und steigert sich schließlich in den bei Ibsen mit harschen Worten gegen die moralisch verrottete Mehrheit beschriebenen Größenwahn eines einsamen Individualisten. Für die Identitätsprobleme eines Migranten in der weiß dominierten Welt findet Lukas Langhoff immer wieder knalligen Bildern, wie z.B. einen überdimensionalen weißen Styroporfuß, vor dem sein Protagonist ehrfürchtig in die Knie geht, aber beim Versuch ihn zu erklimmen, letztlich nur abrutschen kann. Das Falilou Seck hier zu Beginn noch Heiner Müllers Texte aus „Landschaft mit Argonauten“ zitieren („Ich wer / Von wem ist die Rede wenn / Von mir die Rede geht…) und dabei den schwarzen Klischee-Entertainer mimen muss, stößt aber ebenso ungut auf, wie das Chargenhafte der weißen Gegenspieler, kabarettartig dargebrachte Gegenwartsbezüge oder die FDJ-Singebewegungs-Parodie mit der Stockmanns Tochter das Publikum zum Mitsingen animieren will. Das eigentliche Thema, um das es bei Ibsen geht, der Besitz der Wahrheit und das Verhältnis Mehrheit gegen Minderheit, wird hier ziemlich simpel als Diskriminierung von Minderheiten gedeutet, viel mehr kommt aber nicht. Das unsägliche Gefasel Stockmanns von „freien vornehmen Männern“ ist zwar gestrichen und den altruistischen, unpolitischen Kapitän Horster lässt Langhoff gleich ganz weg, er würde auch nicht ins Regiekonzept passen. Das trotzige Ende, bei dem sich die Familie auf eine DDR-Fahne setzt und Peter Lichts „Lied vom Ende des Kapitalismus“ singt, wirkt dann aber leider wieder etwas eindimensional. Das Alles ist über die Dauer von zwei Stunden nur enervierendes Politkabarett, dass uns Lukas Langhoff wie so oft mit dem Holzhammer serviert.

Nun war das am Gorki Gezeigte in der letzten Zeit auch nicht gerade sehr subtil. Das für die 60. Spielzeit gewählte Motto „Plan Berlin – Geschichtsräume“ verlor sich mehr und mehr im reinen Erzähltheater, das nur brav einen Mythos an den anderen reihte. Besonders der sonst mit sicherem Gespür für Komik und unkonventionelle Schauspielführung agierende Milan Peschel enttäuschte mit seiner Dramatisierung des Kreuzberg-Romans von Sven Regener „Der kleine Bruder“. Die Vorgeschichte zum Bestseller „Herr Lehmann“, in welcher der später so genannte Protagonist (Paul Schröder) auf der Suche nach seinem Bruder in die abgedrehte Künstlerszene der 80er Jahre in Kreuzberg gerät und schließlich seine wahre Bestimmung erfährt, verkam nach vielversprechendem Beginn trotz vorwiegend guter Schauspielleistungen (u.a. Ronald Kukulies, Peter Kurth, Holger Stockhaus, Regine Zimmermann und Michael Klammer) zur Typenparade und Endlosparodie auf die gängigen Kreuzbergklischees einer längst verschwundenen Künstlerboheme. Einen weiteren Genie-Streich wie „Sein oder Nichtsein“ wird es wohl von Milan Peschel am Gorki Theater nicht mehr geben. Er hat sich jedenfalls für die nächste Spielzeit bereits umorientiert und will nun am Deutschen Theater Berlin mit „Juno und der Pfau“ von Sean O’Casey künstlerisch reüssieren.

maxim-gorki-theater-3.jpg Foto: St. B.
Maxim Gorki Theater. Hier soll ab der Spielzeit 2013/14 das erste interkulturelle Schauspielensemble Berlins auftreten.

Zu Robert Borkmanns Zerschredderung des DDR-Klassikers „Die Legende vom Glück ohne Ende“ von Ulrich Plenzdorf muss man nicht mehr all zu viele Worte verlieren. Die Liebesgeschichte von Paul (Thomas Lawinky) und Paula (Julischka Eichel) gegen alle Konventionen, tritt bei Borkmann hinter eine selbstreferentielle DDR-Abrechnung mit Stasi, Autoritäts- und Anpassungsdruck zurück. Es bleiben nur ein paar alberne Regieeinfälle, ein Paul im Clownskostüm und das resignative Gefühl, das hier nicht konsequent zu Ende gedacht wurde. Daran konnte auch eine tolle Soloeinlage von Albrecht Abraham Schuch als Hilfsschüler Abl aus der Plenzdorf-Erzählung „Kein runter kein fern“ nicht mehr viel ändern. Das war mit Sicherheit der Tiefpunkt der sonst sehr ausgewogenen Spielzeit am Gorki, die aber vor allem durch die unerwartete Meldung des Weggangs von Intendant Petras im nächsten Jahr nach Stuttgart, den damit aufgezeigten Finanzierungsproblemen und die viel zu lange Suche nach einem Nachfolger gekennzeichnet war. Ob das ernsthafte Auswirkungen auf die letzte Spielzeit von Armin Petras am Gorki Theater haben wird, kann erst nach der Bekanntgabe des neuen Spielplans gesagt werden. Man wird Shermin Langhoff im Jahr darauf auch besonders daran messen, ob sie die eingefahrenen Strukturen des Stadttheaters aufzubrechen vermag, um damit die notwendig neuen künstlerischen Akzente am Maxim Gorki Theater setzen zu können.

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Vorbei! Ein dummes Wort. Warum vorbei?
Vorbei und reines Nichts: Vollkommnes Einerlei!
Was soll uns denn das ewge Schaffen?
Geschaffenes zu Nichts hinwegzuraffen?
„Da ists vorbei!“ Was ist daran zu lesen?
Es ist so gut, als wär es nicht gewesen.

 J. W. Goethe, Mephisto, Faus II, V, Großer Vorhof des Palasts

Foto: St. B. theatertreffem-2012.jpg

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Tschechows „Kirschgarten“ inszeniert von Thomas Langhoff am Berliner Ensemble und Lensing/Hein in den Sophiensaelen

Donnerstag, Dezember 15th, 2011

„Der Kirschgarten“ von Anton Tschechow scheint mal wieder das Stück der Stunde zu sein. Die dekadenten Besitzer einer Schrottimmobilie, mit nur noch rein ideellem Wert, stellen sich als dem realen Markt nicht mehr gewachsen heraus und verlieren ihren hoch verschuldeten Grund und Boden samt enzyklopädischem Kirschgarten an einen neureichen Emporkömmling, dessen Eltern sie früher nicht einmal in die Küche vorgelassen hatten. Tschechow sezierte ziemlich genau einen Querschnitt durch die russischen Landbevölkerung um die Jahrhundertwende und beschrieb den Niedergang des alten Landadels und die Geburt der neuen Schicht des aufstrebenden Kleinbürgertums. Heute geht es der Mittelschicht immer mehr an den Kragen, der monetäre Hintergrund ist dabei größtenteils gleichgeblieben. Und auch am Leben auf Pump hat sich seither nicht viel geändert.

In Berlin gab es in diesem Jahr für Tschechowliebhaber bereits mehrmals die Gelegenheit den „Kirschgarten“ mit mehr oder minder Geschick auf dem Theater abgeholzt zu bekommen. Bereits beim Theatertreffen im Mai lieferte Karin Henkel in einer Kölner Inszenierung eine recht lahme Zirkusvorstellung ab. Dauermüde Clowns in einer Manege der Langeweile. Nur Lina Beckmann als Warja sorgte noch für etwas Stimmung, was sie dem Fernsehkommissar auf Theaterurlaub Charli Hübner als Neukapitalist Lopachin aber stückbedingt auch nicht näher brachte. Keine neuen Erkenntnisse konnten vermittelt werden, für die Lebensweisheiten des Dieners Firs kein Platz mehr, die Schlussszene gestrichen. Mit abgespecktem Personal und gerade mal zwei Stunden Spieldauer, war das im wahrsten Sinne des Wortes zum Vergessen.

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Tschechow am BE. Foto: St. B.

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K und K aus K – Ein Chorisches Wasserwerk und ein Zirzensischer Kirschgarten vom Schauspiel Köln beim Theatertreffen 2011

Donnerstag, Mai 12th, 2011

KKK könnte auch Kölner Karnevals Klub heißen, steht hier aber für die beiden Karins, Regisseurinnen vom Schauspiel Köln, die mit ihren Inszenierungen „Das Werk / Im Bus / Ein Sturz“ und „Der Kirschgarten“ zum diesjährigen Theatertreffen eingeladen wurden. Zum zweiten Mal hintereinander ist das Schauspiel Köln unter Karin Beier mit zwei Stücken beim Theatertreffen vertreten. Jeweils ein Stück inszenierte die Intendantin selbst. Im letzten Jahr war es die fast stumm in einem Glascontainer spielende Filmadaption von Ettore Scolas „Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen“. Dieses Jahr kam sie mit der wortschwallenden Inszenierung gleich dreier Texte von Elfriede Jelinek nach Berlin. 3 ½ Stunden wird der Zuschauer in „Das Werk / Im Bus / Ein Sturz“ sozusagen zugetextet und mit einer Bilderflut überschüttet, die ihres Gleichen sucht. „Die Rede versiegt über bald 160 Seiten nicht und wartet vergeblich auf einen Zuchtmeister, einen Staudamm, der ihr Einhalt gebietet.“ stellt Joachim Lux im Programmheft zu „Das Werk“ in der Inszenierung von Nicolas Stemann 2003 im Wiener Akademietheater in einem Gespräch mit der Autorin fest. Die ersten „Zuchtmeister“ Jelinekscher Texte von Einar Schleef über Christoph Schlingensief bis zu Nicolas Stemann, haben immer versucht die kaum zuordenbaren Textgebirge auf ganze Chöre abzuladen. Auch in der besagten Inszenierung von Nicolas Stemann treten die Heidis und Peters in Gruppen auf und Hänsel steht ein ganzer Arbeiter-Chor von Tretels zur Seite. Es scheint fast nur so möglich zu sein, diese unglaublichen Textmassen zu schultern.
Es geht um das Verhältnis Mensch zur Natur, das immer mehr zu einem Missverhältnis gerät. Der Mensch, „Weil wir es können!“, greift seit jeher bändigend in die Naturgewalten ein, baut Staudämme zur Energiegewinnung und trotzt dem Wasser mit Deichen neues Land ab. Er selbst löst die Götter ab und erhebt die Technik zum neuen Götzen. Die Natur, hier das Wasser, schlägt immer wieder zurück, dabei Bauwerke und Menschen verschlingend. Technik kann sich nun sogar gegen den Menschen wenden, „Was fallen kann, das wird auch fallen“. An die Massen von Menschen, die schon bei der Errichtung solcher naturbändigender Werke als Zwangsarbeiter unfreiwillig ihr Leben verloren haben, will Elfriede Jelinek in dem Stück „Das Werk“ erinnern, gegen das allgemeine Vergessen anschreiben. Ein hoch moralischer Anspruch der Autorin, den Karin Beier gleich mit zwei weiteren Texten von Elfriede Jelinek noch erweitert. „Im Bus“ handelt von einem Unglück bei dem ein Bus in einer Baugrube für den U-Bahnbau in München verschwindet und drei Tote fordert. Im neusten Stück „Ein Sturz“ geht es um den Einsturz des Stadtarchivs von Köln infolge von Schlamperei beim Bau der innerstädtischen U-Bahn. Das Gebäude „stürzt hin über zwei Jungenleichen“, da sich eintretendes Wasser mit dem Baugrund vermischt und die Standfähigkeit unterminiert, denn „sicher ist hier nichts mehr“. „Und wer ist jetzt schuld?“, es ist vor allem die offene Frage nach der Schuld, die dieses Stück durchzieht.
Karin Beier nimmt den Text von „Das Werk“ als Einführung für den Abend. Die Vorstellung des Menschen als Bezwinger der Naturgewalt in Gestalt eines Ingenieurs (Thomas Loibl), der am Beginn vor dem Vorhang das Hohelied auf die Tatkraft des Menschen preist. Diesem Peter wird nach dem Öffnen des Vorhangs Bewunderung zuteil von seiner Heidi. Das Bühnenbild ist relativ einfach gestaltet mit mehreren Holztischen, an denen das Werk entworfen wird. Hier wird das Wasser gebändigt, es fließt noch relativ kontrolliert aus einer Vielzahl von Flaschen und wird getrunken. Das Wasser als Genussmittel und Lebensspender. Erste Zweifel werden gesät durch eine ständig singende Putzfrau (Rosemary Hardy) die stört, es wird das Solidaritätslied von Brecht gesungen, als ironischer Verweis auf gescheiterte Utopien und schließlich mit Heidi- und Petermasken ein Robotterballett der gesunden Körper aufgeführt, „ganz natürlich“ dem Biowahn verfallen, bis sich dann ein kompletter Gesangschor aufbaut und lautstark „Eine neue Welt fordert ihre Rechte“ skandiert.
Die Männer von Kaprun in Gestalt des Chors „Die Zauberflöten e.V.“ stehen für die große Aufbautat nach dem Krieg mit dem Wasserkraftwerk Kaprun. Die offiziell bekannte Zahl der beim Bau Verunglückten wurde mit 160 angegeben. Diesen Mythos will Elfriede Jelinek zerstören. Hänsel (Michael Weber) und Tretel (Manfred Zapatka) treten aus dem Chor hervor und berichten von den Menschen aus ganz Europa die für den Bau des Staudamms aus ihrer Heimat deportiert wurden, als „Frischfleisch“ für die Baustelle. Die eben noch Goethes Faust für das Größte hielten, stehen nun vor dem Unfassbaren. Der Chor singt dazu immer wieder Goethes „Gesang der Geister über dem Wasser“ zu der Musik von Franz Schubert. „Des Menschen Seele gleicht dem Wasser“, eine Metapher für den Glauben an das Göttliche in allen Dingen der Natur, das in diesem Werk mit den Massen von Toten pervertiert ist. Die antike tragische Wucht des vielstimmigen Sprechchores gegen die Harmonie der Schubertschen Vertonung von Goethes Gedicht, das auch ein Zeichen für den ewigen Fluss von Werden und Vergehen ist.
Eine Sirene beendet den starken Auftritt des Chors und die Schauspieler fallen um, das Unglück ist geschehen. Lina Beckmann als eine der „Mütter auf der Dammkrone“ ruft nach ihrem Kind und versucht einen der liegenden Männer auf einen Tisch zu hieven. Karin Beier will auch hier mit einigen Slapsticknummern die Ernsthaftigkeit aufbrechen, das Übermoralische des Textes relativieren. Das kulminiert schließlich in einem regelrechten Karnevalsspaß von Thomas Loibl, Michael Weber und Manfred Zapatka als grell geschminkte Bauarbeiterkarikaturen, die den Text „Im Bus“ vortragen. Drei zynisch, satyrische „Totenführer“ der Münchner Unterwelt „…aber sterben Sie nicht! Machen Sie, was Sie wollen, aber sterben Sie nicht!“ Der Text befindet sich auf der Website: http://www.elfriedejelinek.com/ unter Tod-krank.Doc für Christoph Schlingensief.

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Das Bühnenbild zur Pause: noch nicht geflutet, aber bereits mächtig unter Dampf (Foto: St.B.)

Nach der Pause wird dann aber mit „Ein Sturz“ erst das wirkliche Satyrspiel aufgeführt. Die Männer und Frauen des Schauspielensembles hacken in ihre Laptops, geschäftiges Bürotreiben, der Text kommt verfremdet vom Band oder wird von hinten per Mikro eingesprochen. Das Telefon klingelt und eine Radio tönt immer wieder, bis es in die Mülltonne fliegt. Es werden Politiker karikiert und deren Ausreden persifliert. „Wir haben Menschen gerufen und Banken sind gekommen.“ Die Schuld die sich nicht personifizieren lässt will Karin Beier damit darstellen. Der ausufernde, dahinmeandernde Textschwall ist wieder voller Anspielungen und Kalauer. Caroline Peters liest ihn immer wieder pathetisch aus einem Buch. Der Text konzentriert sich auf die Erde, die es zum Wasser drängt, trotz Pumpen und Brunnen, für viel Geld, die Baukosten verdoppelnd. Die Erde muss den Zoll zahlen und wenn die Erde nicht zum Wasser kommt, kommt das Wasser eben zur Erde, heißt es im Text. Da kein Mensch Schuld sein will, sind es die Elemente, die Erde personifiziert in einem kleinen Erdteufel, Kathrin Wehlisch wälzt sich in lehmbraunem Sand, und Krzysztof Rackowski begießt sich als Wasser mit blauer Farbe.
Es beginnt ein Körperkampf, voll sexueller Anspielungen, Erde und Wasser die in wilder Vereinigung der Elemente, den Einsturz provozieren. Die Erde begeht Selbstmord im Wasser. Ein Becken ist im Bühneboden eingelassen, der sich stetig mit Wasser füllt. Es lässt sich auch nicht mit den Schuh verstohlen wieder zurückschieben, es überflutet aus einem langen Rohr fließend die Bühne. Erst noch in unschuldiger Karnevalslaune tanzend wird nun ausgerutscht und hingestürzt, einer Stadt wird der Boden entzogen. Man schlägt sich und wirft das geduldige Papier in die Luft. Die Gottgleiche Macht der Baukonzerne wird angerufen, die ihre Kinder (Subunternehmen) wie aus „Zeus` Stirne“ gebären. Hinter Masken versteckt lamentieren die Stadtoberen und weisen alle Schuld von sich. Es treten die Drei heiligen Könige auf, beleheren und verteilen Absolution. Das Wasser lässt sich nicht beaufsichtigen und da es nichts kostet ist es auch nichts wert und hat keine Stimme. „Das Wasser trägt alles, wir müssens ertragen, und Schweigen breitet sich aus.“ Karin Beier hat dem übermächtigen Text von Elfriede Jelinek eine bildgewaltige Interpretation entgegengesetzt. Ein fulminanter Auftakt für das Theatertreffen und verdienter, erlösender Beifall für das großartige Ensemble beschließt den Abend.

DAS WERK/IM BUS/EIN STURZ, Videotrailer des Schauspiels Köln bei YouTube

Die zweite Karin aus Köln, Karin Henkel, besitzt auch schon Theatertreffenerfahrung, bereits vor 5 Jahren hat sie einen fulminanten Tschechow auf die Drehbühne der Berliner Festspiele geknallt. Das Publikum wurde fast von einer Dampflok überrollt und der überragende Felix Goeser, derzeit am Deutschen Theater in Berlin engagiert, erhielt für die Rolle des völlig hemmungslos von der Leine gelassenen „Platonow“ in der Regie von Karin Henkel den Alfred Kerr Darstellerpreis und wurde von Theater Heute zum Schauspieler des Jahres 2006 gewählt. Sie kann es also, die Komödie bei Tschechow zum Leben erwecken und das über die üblichen 2-3 Stunden Normspielzeit. In ihrer Inszenierung von Tschechows „Kirschgarten“, dem letzten Stück Tschechows ist sie allerdings dem Einfall erlegen, die Komödie gleich komplett in den Zirkus zu verlegen.
Auf einem mit Erde aufgefüllten Geviert steht ein kleiner runder Podest, der sich drehen kann und wie für Zirkustiere gemacht scheint. An der Decke hängt eine mit leuchtenden Glühbirnen bestückter Sperrholzbaldachin. Die nutzlose und nicht von dieser Welt scheinende Truppe um die  Gutsbesitzerin Ranjewskaja (Lena Schwarze) ist ständig dauermüde, fällt gern einfach um, verrenkt sich dabei sämtliche Glieder und kann nur noch mühsam wieder aufgerichtet werden. Ihr Geschäft ist das Fabulieren vom Gestern und das Wegwerfen von Geld, das niemand wirklich besitzt. Der Haufen ist völlig antriebslos und auf sich bezogen, dass da bereits der sprichwörtliche Kuckuck an den geliebten Kirschbäumen klebt, realisiert niemand ernsthaft. Man feiert Partys, macht Musik und erfreut sich an den Zauberkunststücken der französischen Gouvernante, dargestellt von der Volksbühnendame Brigitte Cuvelier im Reitkostüm und auch mal mit Jagdgewehr. Wie bei richtigen Clowns knarren die Schuhe oder es bricht ein Tisch mit abgesägtem Bein ein. Der Hausherr Leonid Gajew (Matthias Bundschuh) ist ein ständig jammernder Schöngeist und Traumtänzer, der Rest einfach so lala. Das alles erinnert stark an die lebensuntüchtige Dachbodengesellschaft der Hamburger „Drei Schwestern“ von Christiane Pohle.
Der ehemalige Bauernsohn Lopachin (von Fernsehkommissar Charly Hübner verhaftet), hat es durch Geschäfte zu viel Geld gebracht und scheint zunächst der einzigste, der hier irgendwelche Ideen für die Zukunft hat. Aber er erliegt ebenso dem schönen Schein der Partygesellschaft und kann sich nicht von den Traumtänzern lösen, die da übereinander stolpern und sich gegenseitig nerven. Seine Entscheidungskraft erschöpft sich auch nur auf das Anhäufen von Besitz und so kauft er schließlich den Kirschgarten selbst und verwirklicht seinen materiellen Traum, anstatt seinen Gefühlen zur spröden Warja (Lina Beckmann) nachzugeben. Er säuft nun Champus ohne wirklich da angekommen zu sein, wo er gerne wäre. Der Baldachin senkt sich nach unten und besiegelt so das Ende der Show. Die Regieeinfälle reichen gerade für die angesetzten zwei Stunden, mehr ist nicht drin. Die Zirkusbagage reist einfach ab, einem neuen Gastspiel entgegen und stürzt kreischend über die Bühne. „Willkommen, neues Leben!“ Nur, dass die hier alle nicht mal ein altes hatten.

DER KIRSCHGARTEN, Videotrailer des Schauspiels Köln bei YouTube

Die Dachbodengesellschaft – Christiane Pohle hat Die drei Schwestern von Tschechow am Thalia Theater Hamburg in einer Rumpelkammer abgestellt und vergessen.

Dienstag, Mai 3rd, 2011

Der Mensch ist von Natur aus ein Nostalgiker und Verklärer der Vergangenheit. Er ist dabei ein Meister beim Verdrängen der Realität. Anton Tschechows „Drei Schwestern“ sind ein theatrales Sinnbild für diesen Zustand. Nicht Melancholie, sondern Sehnsucht nach dem Gestern heißt ihre Krankheit. Sie sind nutzlos in der Gegenwart, nicht lebensfähig und ohne Entscheidungskraft für die Zukunft. Regisseurin Christiane Pohle sperrt daher diesen Haufen Schwätzer und Jammerer auf einen Dachboden (Bühnenbild: Annette Kurz), dort wo im Allgemeinen Sachen stehen, die man nicht mehr braucht, irgendwann vergisst und die dann vielleicht mal bei ebay unter der Rubrik „Dachbodenfund“ wieder auftauchen. Manchmal verirrt sich der eine oder andere aber dennoch auf den Dachboden und stöbert in diesen Sachen aus einer vergangenen Zeit, spürt nach deren Geschichte und fängt an von Vergangenem zu schwärmen. In der DDR gab es eine Fernsehsendung dazu, die „Willi Schwabes Rumpelkammer“ hieß. Ein netter grauhaariger Herr mit Laterne und Schlüsselbund, der bekannte Schauspieler Willi Schwabe, stieg einmal im Monat auf seinen Dachboden, entstaubte alte Schallplatten, zeigte Ausschnitte aus alten Filmen und erzählte liebevoll Anekdoten von den Stars der 30er bis 50er Jahre. Ein Publikumsrenner versteht sich, man fühlt sich geborgen in der Umgebung von Sachen die man kennt.
Die Idee Christiane Pohles ist es nun, mit diesem Bild der Geborgenheit eines Dachbodens, den Stillstand und die Weltabgewandtheit der Figuren Tschechows zu illustrieren. Alte Möbel und Radiogeräte stehen hier, deren Musik oder Rauschen man lauscht. Auf dem Spitzboden hockt bereits zu Anfang Bruder Andrej (Sebastian Zimmler), bastelt alles ums sich herum vergessend und spielt traurig schön auf einer Ätherwellengeige, auch Theremin genannt. Später will er nur noch seine Ruhe haben. Es scheint die Zeit still zu stehen. Das Warten darauf, dass es endlich wird, wie es nie war, beherrscht die Szenerie und das Handeln bzw. Nichthandeln der Protagonisten. Es kommt zwangsläufig Langeweile auf und artikuliert sich verschiedenartig, je nach Gemütslage der Person. Jeder bekommt dabei sein Fünf-Minuten-Solo, ein Gefühlsausbruch der sich meist schreiend Bahn bricht, danach fällt man wieder in Agonie und allgemeines Lamento.
Die Geschichte der Drei Schwestern ist allgemein bekannt und immer wieder verschieden interpretiert worden. Frank Castorf hat im letzten Jahr an der Berliner Volksbühne den Figuren Tschechows die falsche Melancholie ausgetrieben und ihnen in seiner überdrehten Farce „Nach Moskau! Nach Moskau!“ das Komödiantische wiedergegeben. Pohle hält sich auch nicht mit dem Versuch der großen Einfühlung auf. Die Dialoge und Monologe der Darsteller gleichen einer Aneinanderreihung von Nummern. Es treten keine Menschen auf, sondern lauter Entertainer, deren gewollt unbeholfenes Agieren das Stück vollkommen entschleunigt und letztendlich mit aufgesetzten Slapsticknummern das genaue Gegenteil von Castorfs Vaudevillestil erreicht. Totale Larmoyanz und ein lähmender Manierismus machen sich breit, es weht gähnende Langeweile bis hinunter ins Parkett. Das nervt zunehmend, was wohl auch die Absicht der Regie zu sein scheint. Es wird die Übersetzung von Thomas Brasch gespielt. Warum ist nicht so recht klar, man zitiert Brasch im Programmheft mit dem Finden eigener Transportwege, im Gestern die Wurzeln des Heute kenntlich zu machen. Dieser behauptete Tanz auf dem Rand des Vulkans, die im Absturz befindliche Gesellschaft ist aber nirgends erkennbar. Die Bodenluke des Dachs bleibt meistens geschlossen und lässt nur wenig rein und raus. Man sieht nur was man will. Das erinnert etwas an Volker Brauns „Übergangsgesellschaft“ über die Stagnation und Agonie der späten DDR, ein aktueller Bezug ist aber nicht auszumachen.
Die Schwestern Olga, Mascha und Irina, dargestellt von Victoria Trautmansdorff, Cathérine Seifert und Lisa Hagmeister übertreiben das Lamentieren auf höchstem Niveau. Erst mobben sie Natalja, die Verlobte ihres Bruders, bis sie dann später unter deren Regime zusammen zu brechen drohen. Birte Schnöink fällt als besonders aasiges Biest auf, das in einer Kreischarie Olga und die alte Anfissa (Ute Zäpernick) niederbrüllt. Niemand hat hier irgendeine Idee oder etwas Entscheidendes zu sagen. Tschechow ist wohl noch nie so ernst genommen worden. Er hatte sicher nicht sehr viel übrig für die russische Intelligenz und deren Selbstmitleid und Entscheidungsarmut, sie aber nie derart ausgestellt und lächerlich gemacht, wie es nun Christiane Pohle tut. Der Werschinin des Alexander Simon schwadroniert was das Zeug hält und Mascha kichert dazu. Thomas Niehaus als Tusenbach ist ein farbloser, schwärmender Tropf am Klavier, sein Gegenpart Soljony ein Irrer, Hans Kremer als Arzt Tschebutykin zerfließt in Selbstmitleid und trägt einen Birkenstrunk als Namenstagsgeschenk für Irina auf den Dachboden. Die Krönung des Abends aber ist Josef Ostendorf, der sich als Lehrer Kulygin besonders lächerlich machen darf und sich selbst eine Torte ins Gesicht drückt. War er in Lensing und Heims (Theater T1) sehr körperbetontem „Onkel Wanja“ von 2008 noch ein wütender Verzweifelter, ist er hier nur noch Witzfigur. Es werden Masken und Pappnasen aufgesetzt und dazu der Dachboden in einem spontanen Ausbruch verwüstet. Das Feuer ist für alle ein völlig unwirklicher Einbruch des Draußen in ihre kleine Dachbodenwelt. Man spricht immer wieder nur von oben und unten.
Christiane Pohle hat keine zündende Idee, das Verhalten der Figuren wirklich zu erklären. Im Programmheft müssen Sloterdijk und Heidegger für das Metaphysische des Wartens herhalten. „Ernten und sich ernten lassen“, Lust und Leid der „Warte-Wesen“. Man zerredet die Revolution in der heutigen Gesellschaft in endlosen Begriffserklärungen. Was für eine große Erkenntnis. Die ersten Zuschauer gehen nach der Pause. Es wird auch im zweiten Teil des Abends nicht besser, nur noch etwas surrealer. Auf dem Spitzboden stehen nun eine Vielzahl von alten Radiogeräten, die die Worte der Protagonisten wiederholen, Musik erklingt und es beginnt eine nicht enden wollende Abschiedsarie. Die Figuren durchschreiten immer wieder das nun völlig leergefegte Erinnerungsgebilde des Dachbodens. Werschinin fotografiert und schwadroniert, Tusenbach träumt weiter von der Zukunft und Kulygin schwätzt vom ut consecutivum. Mascha bekommt einen Zusammenbruch und dazu säuseln die Radiogeräte von Abschied und dass es Zeit sei zu gehen. Man kann dieser freundlichen Aufforderung irgendwann einfach nicht mehr widerstehen.

Warum spielen?

Um diese Frage überflüssig zu machen | um eine Gegenwelt herzustellen | um die Träume von Angst und Hoffnung vorzuführen einer Gesellschaft, die traumlos an ihrem Untergang arbeitet | um die Toten nicht in Ruhe zu lassen | um die Lebendigen nicht in Ruhe zu lassen | um Wurzeln zu schlagen | um Wurzeln auszureißen | (…) | um die Frage überflüssig zu machen: Warum spielen | Um zu spielen |

Thomas Brasch (1983)