Archive for the ‘Arthur Miller’ Category

Arthur Millers „Hexenjagd“ und Heinrich von Kleists „Michael Kohlhaas“ – Fanatismus und Extremismus in zwei Inszenierungen am Staatstheater Cottbus

Mittwoch, Mai 31st, 2017

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Höllenfeuer und Verdammnis in Salem – Andreas Nathusius inszeniert Arthur Millers Hexenjagd  als Vernunft-Stück gegen fanatischen Glauben, Ideologien und politisch motivierte Verleumdungsszenarien

Nachdem das US-Justizministerium wegen der Russland-Affäre erst kürzlich einen Sonderermittler ernannte, twitterte US-Präsident Donald Trump in gewohnter Manier seinen Unmut darüber heraus. Es handele sich um „die größte Hexenjagd auf einen Politiker in der amerikanischen Geschichte“. Der Mann ist wahrlich ein Kuriosum in der US-amerikanischen Geschichte, mit der er es scheinbar aber auch nicht so genau nimmt. Der Untersuchungsausschuss des republikanischen Senators McCarthy, vor den man zwischen 1947 und 1956 Künstler, Politiker und andere Intellektuelle zitierte und ihnen kommunistische und antiamerikanische Umtriebe vorwarf, ist nach wie vor beispiellos als eine der größten politischen Hetzkampanien des Kalten Krieges. Antikommunistische Verschwörungstheorien und Schwarze Listen sorgten damals für eine Atmosphäre der Angst vor gegenseitiger Denunziation.

Der ebenfalls betroffene Dramatiker Arthur Miller hat 1953 als unmittelbaren Kommentar darauf das Stück Hexenjagd geschrieben, das immer noch hochaktuell ist. Gerade Verschwörungstheorien aller Art haben momentan Hochkonjunktur. Miller berief sich in seinem Stück auf einen historischen Fall aus dem Jahr 1692 in einer puritanischen Gemeinde in Neuengland. Bei den Hexenprozessen von Salem (Salem witch trials) wurden 150 Menschen wegen des Verdachts der Hexerei angeklagt, weitere 200 beschuldigt und letztendlich sogar 21 Verurteilte hingerichtet. Der Fall ist als eine der größten Hexenhysterien bekannt. Die Erklärungen dafür gehen selbst schon wieder in den Bereich der Verschwörungstheorien. Man kann aber davon ausgehen, dass schon länger schwärende Streitigkeiten in der Gemeinde eine der Ursachen waren.

Diesen Grund lässt auch Miller im Stück anklingen, wenn sich die Bauern untereinander des Landdiebstahls bezichtigen und schließlich Kinds- und Viehsterben auf Hexerei der Widersacher zurückegführt wird. Auslöser für den Hexenprozess war allerdings ein vom Gemeindepfarrer Parris entdeckter nächtlicher Tanz mehrerer Mädchen im Wald. Aus Angst vor der Strafe der puritanischen Gemeinde, in der Tanzen als anzüglich streng verboten war, beginnen die Mädchen sich krank zu stellen und nach der Herbeirufung des mit den Riten der Hexerei bewanderten Reverend John Hale wahllos Gemeindemitglieder zu beschuldigen, sie verhext zu haben. Anführerin der Gruppe ist die Nichte und Ziehtochter von Reverend Parris, Abigail Williams, die ein heimliches Verhältnis mit ihrem Dienstherren John Proctor hatte, woraufhin sie von dessen Frau Elisabeth entlassen wurde und nun eine Möglichkeit zur Rache sieht.

Dass eine Schar pubertierender Mädchen eine ganze Gemeinde in die religiöse Hysterie treibt, ist für heutige Verhältnisse schwer zu begreifen. Das Stück wird vermutlich daher eher selten aufgeführt, ist es doch von Miller auch sehr didaktisch angelegt und relativ schwer zu modernisieren. Verlegt man sich nun auf religiösen Wahn oder institutionelle Machtwahrung, führt man ein Liebes- und Eifersuchtsdrama auf, oder spielt man es einfach stumpf vom Blatt, es bleiben immer ein paar ungeklärte Fragen. Besonders die jungen Frauen kommen hier nicht besonders gut weg, allen voran Abigail, die von John Proctor, um seine Frau vor dem Galgen zu retten, schließlich als Hure und Lügnerin bloßgestellt wird und dadurch nur noch mehr in ihren Eifersuchts- und Rachewahn verfällt. Proctor, am Staatstheater Cottbus dargestellt von Gunnar Golkowski, ist hier vor allem der standhafte Mann im weißen Hemd, der sich seiner Gefühle zwar nicht ganz klar ist, letztendlich aber standhaft Wahrheit und eigene Würde verteidigt und dafür selbst an den Galgen geht.

Die Mädchen sind bei Maja Lehrer als Mercy Lewis, Lucie Thiede als Betty Parris, Ariadne Pabst als Mary Warren und schließlich Lisa Schützenberger als Abigail ganz in schwarz gekleidete, verführbare und selbst verführende Wesen, die ihren Platz in der bigotten Erwachsenenwelt noch suchen, sich dabei aneinander klammern und eine eigene Allianz des Schutzes bilden. Ihnen ist im Prinzip nichts vorzuwerfen. Gegen die erwachende Sexualität der jungen Frauen, die in den Szenenübergängen immer wieder in Mikros stöhnend und chorisch Kirchenlieder singend in einem Bühnenbild aus geschlitzten Holzpaneelwänden wandeln, steht die Macht der Erwachsenen, denen wie dem feigen Reverend Parris (Thomas Harms) aus Angst selbst angeklagt zu werden, oder dem reichen Thomas Putnam (Oliver Seidel) und seiner Frau Ann (Susann Thiede), um Widersacher aus dem Weg zu räumen, die gespielten Wahnvorstellungen der Mädchen ganz recht kommen. Oder die wie Ezekiel Cheever (Henning Strübbe) einfach nur opportunistisch mitlaufen. Dazu gesellt sich das starre Beharren auf einmal gefassten Beschlüssen des stellvertretenden Gouverneurs und Richters Danforth (Dirk Witthuhn), um die eigene Autorität zu waren.

Die Zeichnung der Charaktere muss hier nicht überspitzt oder krampfhaft ins Heute gezogen werden, sie ist auch so klar erkennbar. Standhaft streitbar und mit ehrlichem Gottvertrauen sind die Angeklagten Giles Corey (Michael Becker) und Rebecca Nurse (Heidrun Bartholomäus) ausgestattetet. Das Vernunftzentrum versucht Regisseur Andreas Nathusius um John Proctor und dessen Frau Elisabeth (Sigrun Fischer) aufzubauen, die sich beide vergeblich gegen die anhaltende Selbsthysterisierung der Gemeinde zur Wehr setzen. Etwas hilflos zwischen den Parteien hangelt der bibelfeste John Hale (Alexander Höchst), dessen zunehmende Zweifel am Gericht ihn auch nicht zu einer klaren Haltung dagegen bewegen können.

Andreas Nathusius, der zum ersten Mal in Cottbus Regie führt, ist mit seiner zwar recht konventionellen Inszenierung aber dennoch ein recht eindrucksvoller Ensembleabend geglückt. Ein Stück der Stunde gegen fanatischen Glauben, Ideologien und politisch motivierte Verleumdungsszenarien.

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HEXENJAGD (Staatstheater Cottbus, 20. Mai 2017)
Schauspiel von Arthur Miller Deutsch von Hannelene Limpach und Dietrich Hilsdorf Mitarbeit: Alexander F. Hoffmann
Regie: Andreas Nathusius
Bühne und Kostüme: Annette Breuer
Musik: Felix Huber
Video: Konrad Kästner
Dramaturgie: Sophia Lungwitz
Regieassistenz: Jens Dierkes
Besetzung:
Reverend Parris: Thomas Harms
Betty Parris: Lucie Thiede
Abigail Williams: Lisa Schützenberger
Mrs. Ann Putnam: Susann Thiede
Thomas Putnam: Oliver Seidel
Mercy Lewis: Maja Lehrer
Mary Warren: Ariadne Pabst
John Proctor: Gunnar Golkowski
Rebecca Nurse: Heidrun Bartholomäus
Giles Corey: Michael Becker
Reverend John Hale: Alexander Höchst
Elisabeth Proctor: Sigrun Fischer
Francis Nurse: Rolf-Jürgen Gebert
Ezekiel Cheever, Gerichts-Beisitzender: Henning Strübbe
Danforth, stellv. Gouverneur: Dirk Witthuhn
Marshall Herrick: Statist
Die Premiere war am 20. Mai 2017 im Staatstheater Cottbus
Dauer: 2 Stunden, 15 Minuten, eine Pause
Termine: 28., / 17., 27.06.2017

Weitere Infos siehe auch: http://www.staatstheater-cottbus.de/

Zuerst erschienen am 23.05.2017 auf Kultura-Extra.

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„Und natürlich kann geschossen werden.“ – Moritz Peters stellt Kleists Michael Kohlhaas als Scherenschnittspiel zwischen Medien- und Terrordrama auf die Cottbuser Kammerbühne

In Zeiten von zunehmender Radikalisierung fanatischer Gotteskrieger, selbsternannten Bewahrern der Werte des Abendlandes oder auch Zweifeln an staatlicher Gewalt und sozialer Ungleichheit wird immer wieder die Frage von Recht und Gerechtigkeit laut, ob man für das Erreichen seiner Ziele das Heft des Handelns selbst in die Hand nehmen und gar zur Selbstjustiz greifen sollte. Die Privatfehde des Rosshändlers Michael Kohlhaas mit dem Junker Wenzel von Tronka um einen zu Unrecht verlangten Passierschein und zwei zu Schanden gekommene Rösser aus Kohlhaas Besitz ist bekannt und steht nicht zum ersten Mal als Beispiel für eine Radikalisierung auf der Theaterbühne (z.B. im TuD und Gorki Theater). Heinrich von Kleist hat sie 1808 in seiner Novelle Michael Kohlhaas niedergeschrieben. Aber wer war dieser Mann? Für Kleist war er „einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“, der „bis in sein dreißigstes Jahr für das Muster eines guten Staatsbürgers haben gelten können.“ Durch eine korrupte Adelsclique im Glauben an sein Recht erschüttert, griff Kohlhaas zum Schwert und kam schließlich, nachdem er blutig sein Recht selbst erstreiten wollte, durch selbiges um.

Kleist lässt seinen zunächst noch recht braven Rosskamm aus der Zeit der Reformation „Es soll Gerechtigkeit geschehen, und gehe auch die Welt daran zugrunde!“ rufen. Regisseur Moritz Peters bringt Kleists Novelle zu Beginn als ebenso braven und sachlichen Lichtbildervortrag auf die Cottbuser Kammerbühne. Pferde, Menschen, Städte und Burgen werden als Schattenrisse auf einen Overheadprojektor gelegt. Ebenso erscheinen Ausschnitte aus dem Originaltext auf der Projektionsfläche an der Bühnenrückwand. Kristin Muthwill, Michael von Bennigsen und Mathias Kopetzki schlüpfen wechselnd in die Rolle des Erzählers oder der handelnden Personen. Sie tragen dabei mausgraue Gefangenenkleidung. Lediglich etwas Lippenstift oder weiße Schminke benutzen die drei, wenn z.B. Kristin Muthwill Kohlhaas‘ Frau Elisabeth darstellt, oder sich die drei etwas später, wenn Kohlhaas‘ sämtliche Bittschriften an die Kurfürsten von Sachsen und Brandenburg abgelehnt wurden, als eine Art Terrorzelle der Rote Armee Fraktion zu radikalisieren beginnen.

Als Spielfeld hat Lisa Marie Wehrle einen Parcours aus aneinandergereihten roten Holzquadern gebaut, auf denen man wie auf Wegen entlanglaufen, sie auseinanderreißen oder zu Podesten neu zusammenbauen kann. Das lässt das zunächst recht statische Erzählspiel im Lauf der Handlung immer dynamischer werden. Dazu kommt nun der Einsatz einer Livekamera, vor der sich die drei wie bei einem Bekennervideo mit dem Kohlhaas’schen Mandat und Ultimatum an den Staat wenden. Dazu hören wir aus Ulrike Meinhofs 1970 auf Tonband gesprochenem politisches Pamphlet das berühmte Zitat: „…und natürlich kann geschossen werden.“ Zur Musik der Pixies Where Is My Mind entspinnt sich nun sogar eine Art Medienkrieg mit Livesendungen des Fernsehsenders K1 „Politik am Morgen“ und „Talk in Dresden“. Ein Scherenschnittmob fordert Freiheit für Kohlhaas auf Plakaten. Und auch Kohlhaas´ Mitstreiter Nagelschmidt bekommt seine Auftritte mit ultimativen Forderungen.

Etwas anachronistisch wirken da die Auftritte des wetternden Luther und der beiden Kurfürsten im schwarzen, innen rotgefütterten Mantel. Selbst die magische Kapsel mit der Zigeuner-Prophezeiung um den Namen des letzten sächsischen Kurfürsten spielt noch ihre Rolle. Das ist meistenteils gut und engagiert gespielt. Der Abend kommt aber dennoch nicht über ein bloßes Bebildern der Kleistnovelle mit einer halbherzigen Aktualisierung hin zu Medienkritik und Terrordrama hinaus. Aktuelle Fragen um Staatsgewalt, Terror, Recht und Gerechtigkeit muss sich natürlich jeder selbst stellen.

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MICHAEL KOHLHAAS (Kammerbühne, 26.05.2017)
Von Heinrich von Kleist
Fassung von Moritz Peters
Regie: Moritz Peters
Bühne und Kostüme: Lisa Marie Wehrle
Dramaturgie: Bettina Jantzen
Mit: Kristin Muthwill, Michael von Bennigsen und Mathias Kopetzki
Premiere am Staatstheater Cottbus: 26. Mai 2017
Weitere Termine: 15., 24.06.2017

Weitere Infos siehe auch: http://www.staatstheater-cottbus.de/

Zuerst erschienen am 27.05.2017 auf Kultura-Extra.

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„Niemand“ von Ödön von Horvath und „Tod eines Handlungsreisenden“ von Arthur Miller – Junger Regiezugriff bei alten Stücken am Deutschen Theater Berlin

Freitag, Mai 19th, 2017

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Schattenspiele am DT – Bastian Kraft inszeniert Arthur Millers Erfolgsstück Tod eines Handlungsreisenden mit einem großartigen Ulrich Matthes auf fast leerer Bühne

Tod eines Handlungsreisenden am DT Berlin – Foto (c) Arno Declair

Arthur Millers Tod eines Handlungsreisenden gilt als das Stück zum „amerikanischen Traum“ schlechthin. Es ist eines der meistgespielten Theaterstücke, unzählige Schulklassen wurden mit dem Stoff traktiert und – leider, es ist mit den Jahren auch etwas angestaubt. Um dem Stück wieder Leben einzuhauchen, muss man allerdings nicht unbedingt einen echten Thunderbird auf die Bühne fahren, wie in der Inszenierung von Stefan Pucher mit Robert Hunger-Bühler als 50th-Ikone am Schauspielhaus Zürich, oder einen Zimmerpflanzenwald stellen, wie in Luk Percevals Version mit Thomas Thieme als massig-cholerischem Willy Loman an der Berliner Schaubühne. Dass es auch sparsamer geht, bewies zum Beispiel Dimiter Gotscheff am Deutschen Theater Berlin mit Christian Grashof als tragischem Held. Schwarze Schiebewände gaben hier immer nur kleine Bildausschnitte frei. Ein Chor skandierte die unvermeidlichen Floskeln des Aufstiegs für jedermann wie in einer griechischen Tragödie.

Nun hat sich am selben Ort Bastian Kraft an eine neue Interpretation des alten Stoffs gewagt. Was der junge Regisseur, der bisher mehr durch knallig-bunte Inszenierungen mit viel Musik und Videoeinsatz auffiel, auf einer nun fast völlig leergeräumten Bühne beweisen will, erschließt sich nicht sofort auf den ersten Blick. Obschon das Stück als großes Schattenspiel an den Bühnenrundhorizont zu werfen erstmal ziemlich einleuchtend wirkt. Es sind dies Schatten aus der Vergangenheit, die mal wie übergroße Dämonen wirken, wenn sich Willy Loman in der Erinnerung mit seinem Über-Schatten-Bruder Ben unterhält, oder Szenen aus glücklicheren Tagen, als die Söhne Willys noch gemeinsam Basketball spielten. Diese Erinnerungsschlaglichter werden auch als bewegte Videoprojektionen an die Rückwand geworfen. Die kleinen Menschen auf der großen Bühne davor wirken so im Diesseits der aufgebrauchten Träume umso verlorener.

Sparsam ist auch der rockige Musikeinsatz zwischen den Szenen, die meist an einem Tisch im Haus der Lomans spielen. Der Bühnenkreisel dreht sich, so dass das nie ganz einzusehende Schattenspiel auch von den Seitenplätzen im Publikum erfassbar ist. Ein Nachteil ist es trotzdem, so mit dem tiefen Raum der Bühne zu arbeiten. Auch akustisch hat das eigentlich leise Kammerspiel bis auf ein paar lautere Auseinandersetzungen zwischen Vater und Söhnen ein leichtes Verständigungsproblem.

Wettmachen können das die ausnahmslos guten darstellerischen Leistungen des DT-Ensembles. Vor allem Ulrich Matthes scheint in dem müde gewordenen Handlungsreisenden Willy Loman endlich seine große Einfühlungsrolle gefunden zu haben. In die Köpfe der Menschen will er mit seinem Spiel, hat Matthes einmal in einem Interview gesagt. Das ist ihm hier auch eindrucksvoll geglückt. Noch nie so deutlich vor Augen geführt wurde einem die tragische Verbohrtheit dieses kleinen Mannes, der an die grenzlosen Möglichkeiten des kapitalistischen Systems von Kaufen und Verkaufen glaubt, wie manch anderer nur an den lieben Gott. Jedes gute Wort, jede Hilfe schlägt Willy stolz in den Wind.

 

Foto (c) Stefan Bischoff

 

Ein Stolz und eine Selbstüberschätzung, die zur großen, letztendlich tödlichen Lebenslüge werden. Dagegen anzukommen, haben die Söhne Biff (Benjamin Lillie) und Happy (Camill Jammal) andere Strategien entwickelt. Die des Weglaufens vor der Realität wie beim älteren Biff oder die der Anpassung und kleineren Lügen beim jüngeren Happy. Während Biff ständig davor flieht, von seinem Vater in die Rolle des Überfliegers gepresst zu werden, der einfach nicht ist und sein will, werden die schwachen, verbalen Bemühungen Happys vom Vater erst gar nicht wahrgenommen. Die klug gekürzte Inszenierung läuft auf diese letzte Konfrontation der Söhne mit dem Vater hin.

Olivia Grigolli, bekannt aus vielen Marthaler-Inszenierungen, bleibt als Linda Loman nur der vergebliche Versuch, die Scherben, die ihr Mann hinterlässt, immer wieder zu kitten. Ansonsten ringt sie bei den Söhnen um Verständnis und etwas Würde für ihren Mann. Starke Auftritte haben auch Harald Baumgartner als Freund Charley, der Willy mit Geld aushilft und ihm aus Gutmütigkeit einen Job anbietet, sowie Moritz Grove als aalglatter Chef Howard Wagner, der den nicht mehr effizienten Handlungsreisenden zum alten Eisen aussortiert. Die kleineren Nebenrollen, von denen es im Stück einige gibt, werden fast ausnahmslos von Schauspielstudierenden der UdK verkörpert.

Ohne große Aktualitätsbezüge mit der reinen Konzentration auf die Kernfamilie hatte bereits auch Stephan Kimmigs Inszenierung von Tennessee Williams Glasmenagerie versucht, an amerikanischen Träumen und Lebenslügen zu kratzen. Was dort allerdings etwas zu sehr in den Klamauk abglitt. Bastian Krafts Inszenierung bleibt ganz nah dran an den Charakteren Millers, in denen die Aktualität immer wieder ganz beiläufig mitschwingt. Es ist dies die des ewigen Männlichkeitsideals als einzigem Ernährer der Familie, die eines früher war alles besser, der Angst vor der Zukunft und Überfremdung. Das Programmheft bietet dazu einen Essay von Jürgen Martschukat über die immer wieder herbeigeredete Krise und angebliche Marginalisierung des weißen Amerikaners. Und da ist es dann auch nicht mehr weit zu Trumps „Make America Great Again“ oder dem Nationalismus der AfD.

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Tod eines Handlungsreisenden (Deutsches Theater, 18.03.2017)
Von Arthur Miller
Deutsch von Volker Schlöndorff und Florian Hopf
Regie: Bastian Kraft
Bühne: Ben Baur
Kostüme: Inga Timm
Video: Stefan Bischoff
Musik: Björn SC Deigner
Es spielen: Ulrich Matthes (Willy Loman / Onkel Ben), Olivia Grigolli (Linda Loman), Benjamin Lillie (Biff), Camill Jammal (Happy), Harald Baumgartner (Charley), Timo Weisschnur (Bernard), Moritz Grove (Howard Wagner), Jürgen Huth (Stanley), Ruby Commey (Jenny), Linda Blümchen (Letta), Ulrike Harbort (Die Frau)
Eine Kooperation mit der Universität der Künste Berlin
Premiere war am 17.03.2017 im Deutschen Theater Berlin
Dauer: 1:40 h, keine Pause
Termine: 29.05. / 05., 26., 28.06.2017

Infos: http://www.deutschestheater.de

Zuerst erschienen am 20.03.2017 auf Kultura-Extra.

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„Niemand hat Schuld“ – Dušan David Pařízek bringt das bisher unbekannte und erst vor zwei Jahren bei einer Auktion wieder aufgetauchte Frühwerk des Dramatikers Ödön von Horváth in den Kammerspielen des DT zur Deutschen Erstaufführung

 Foto (c) Arno Declair

Als vor zwei Jahren „ein unbekanntes Horváth-Stück“ vom Berliner Auktionshaus J. A. Stargardt zum Verkauf angeboten wurde, vorlockten Feuilletonisten und Literaturwissenschaftler gleichermaßen. „Eine literarhistorische Entdeckung ersten Ranges.“ hieß es da noch. Der erst 23jährige Dramatiker Ödön von Horváth hatte das Stück mit dem Titel Niemand – Tragödie in sieben Bildern 1924 dem kleinen Berliner Verlag Die Schmiede zu Veröffentlichung angeboten. Der Verlag ging unter nicht geklärten, betrügerischen Umständen Pleite, und das Typoskript verschwand, bis es in den 1990er Jahren ein unbekannter Privatmann erstmals günstig auf einer Auktion in Pforzheim ersteigern konnte. Nun kam es für 11.000 Euro unter den Hammer. Neuer Besitzer ist die Wienbibliothek.

Ist der Niemand nun eine Sensation oder nur ein bibliophiles Schmankerl für Philologen? Zumindest scheint die Welt nicht auf diesen Text gewartet zu haben. Sie hat ihn selbst, wie auch der Dramatiker in seinen späteren Stücken, weitergeschrieben. Wiederkehrende Themen sind Massenarbeitslosigkeit und moralische und ökonomische Verelendung, gespickt mit christlichen Motive wie Glaube, Liebe, Hoffnung. Nach der Uraufführung im September 2016 im Wiener Theater in der Josefstadt hat sich der anfängliche Furor etwas gelegt. Der Autor von heute immer noch vielgespielten Stücken wie Kasimir und Karoline oder Geschichten aus dem Wiener Wald habe mit dem Niemand wohl noch geübt, war der fast einhellige Tenor der Kritik. Trotzdem sorgen solche Entdeckungen in der Theaterwelt immer auch für gesteigertes Interesse, und so hat sich das Deutsche Theater in Berlin, wo Horváths Stücke bis 1933 auch zum Repertoire gehörten, den Text für die Deutsche Erstaufführung gesichert, die Ende März von Dušan David Pařízek in den Kammerspielen realisiert wurde.

Der 1971 in Brünn geborene Regisseur hat sich bereits erste Sporen am Burgtheater Wien und dem Schauspielhaus Zürich verdient. Seine Wiener Inszenierung von Wolfram Lotz‚ Stück Die lächerliche Finsternis wurde 2015 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Pařízeks Regiezugriff wirkt dabei stets eher assoziativ, seine Schauspielführung ist zudem recht frei. So auch bei seiner Inszenierung dieses frühen Horváth-Stücks, das sich mit seiner expressiven Sprache und seinem fast surreal anmutenden Handlungsverlauf auch für eine nicht streng realistische Aufführung anbietet. Vielleicht übertreibt es der Regisseur aber auch wenig mit dem freien Spiel, gehen die DarstellerInnen doch auch immer wieder auf ironische Distanz zu ihren Figuren und stellen dabei deutlich ihre Theatermittel aus.

 

Foto (c) Arno Declair

 

Die Handlung von Niemand ist in einem nicht näher verortetem Mietshaus angesiedelt, dessen Bewohner alle mehr oder weniger finanziell vom an den Beinen verkrüppelten und dem Leben verbitterten Besitzer und Pfandleiher Fürchtegott Lehmann abhängen. Das Personal hat Pařízek auf die wichtigsten Figuren reduziert und den Text gut eingestrichen. Das macht es aber zunächst auch etwas schwer, der Handlung im Einzelnen zu folgen. Für den Kenner hat der Regisseur aber immer wieder Textsplitter aus bekannten Werken Horváths eingebaut. Pařízek ist wie die Literaturwissenschaft auch der Meinung, dass hier viele Motive späterer Stücke schon angelegt sind.

Es treten auf: der arbeits- und mittellose Musiker Klein, die nicht auf den Mund gefallene Hinterhofprostituierte Gilda mit ihrem brutalen Zuhälter Wladimir und Gildas gerade entlassene Freundin Ursula. Weitere zwielichtige Gestalten, Streuner, Kleinstunternehmer und Polizisten bilden einen Querschnitt durch die von den Wirtschaftskrisen der 1920er Jahre gebeutelten Gesellschaft. Hochzeit oder Tod sorgen für den natürlichen Austausch im Haus.

Ins Spotlicht von zwei Overheadprojektoren, die Textzeilen aus dem Stück an eine Rückwand, die wie der Parkettboden gemustert ist, werfen, tritt das Ensemble immer wieder von den Seiten her auf, spielt einzelne Szenen und zieht sich dann wieder ins Dunkel zurück. Es wird gemeinsam Live-Musik gemacht oder auch mal die genaue Diktion des Vortrags geübt, wenn die geschäftstüchtige Gilda (Franziska Machens) der verzweifelt um Hilfe bittenden Ursula (Wiebke Mollenhauer) rät, wie sie sich als Elendsmensch zu verkaufen hat. „Ein wenig ostiger.“ Aber nicht etwa nur sächsisch, sondern noch etwas weiter östlich. Diese Art des Unterschichtenkitsches will Pařízek eigentlich damit aus dem Weg gehen, was ihm auch weitestgehend gelingt.

Elias Arens spielt überzeugend den nach oben buckelnden und nach unten fordernden Geiger Klein. Als lustiger Horváth-Sidekick fungiert Lisa Hrdina, die als entlassene Kellnerin wie die Elisabeth in Glaube Liebe Hoffnung von der Ungerechtigkeit sinniert, als Nachfolgerin Ursulas wie ein wundersamer Doppelgänger auftritt, oder als Backfisch Sätze aus Horváths Romanerstling Sechsunddreißig Stunden, die Geschichte vom Fräulein Pollinger spricht. Recht eigenwillig ist auch die Besetzung des an Krücken gehenden Herrn Lehmann mit dem baumlangen Marcel Kohler, der sich in der Rolle des zynischen Menschenhassers redlich müht. Sein vorgenommener Wandel zum guten Menschen angesichts der Heirat mit Ursula, die sich dadurch aus der Elendsspirale befreien will, scheitert aber ebenso wie das relativ lockere Regiekonzept, das die Fragen um Hoffnung, Sehnsucht nach Liebe und Ekel oder Mitleid immer wieder fast schon akrobatisch umspielt.

Der ewige Niemand ist hier der fehlende Gott oder die von sich gewiesene Schuld. Alles ist erlaubt, wenn es einem nützt. Wir hören ein wenig Nietzsche, ein wenig Stahlgewitter und das „Zeitalter der Fische“ aus Jugend ohne Gott. Da steckt vieles drin in diesem frühen Horváth. U.a. das Motiv des Stärkeren, das schon in der Beziehung des schlagenden und wegen eines Ringes mit der schönen Gravur: „Und die Liebe höret nimmer auf“ (Kasimir und Karoline) sogar tötenden Wladimir (Henning Vogt) zur Hure Gilda aufscheint. Aber vor allem in der Figur des plötzlich auftauchenden Bruders Kaspar Lehmann, den Frank Seppeler als ständig lachenden, oberkörperfreien Erotomanen spielt, der sich das Recht auf Leben und die Liebe Ursulas einfach nimmt, während der nur durch Mitleid das Geschäft ererbt habende Fürchtegott mit leeren Händen gegen den Bühnenhimmel schwebt. Das sind schon ein paar starke Auftritte, die aber das schale Gefühl, hier nur einem etwas mageren Horváth-Prequel beizuwohnen, nicht ganz verhindern können.

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Niemand (DT-Kammerspiele, 05.05.2017)
Tragödie in sieben Bildern von Ödön von Horváth
Regie / Bühne: Dušan David Pařízek
Kostüme: Kamila Polívková
Musikalische Leitung: Marcel Braun
Licht: Thomas Langguth
Dramaturgie: Birgit Lengers
Es spielen:
Henning Vogt: Wladimir
Marcel Kohler: Fürchtegott Lehmann
Franziska Machens: Gilda
Wiebke Mollenhauer: Ursula
Frank Seppeler: Kaspar Lehmann
Elias Arens: Klein
Lisa Hrdina: Kellnerin, Nachfolgerin, Backfisch
Die Deutsche Erstaufführung war am 25.03. 2017 in den Kammerspielen des DT
Termine: 20.05. / 27.06.2017

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 07.05.2017 auf Kultura-Extra.

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Willy Loman zerbrüllt den Amerikanischen Traum und Natascha Kampusch trifft den bösen Medien-Wolf – Die „großen“ Häuser aus Zürich und Wien beim Theatertreffen 2011

Samstag, Mai 21st, 2011

Die Halle des Radialsystem V, sonst Heimstadt von Sasha Waltz und ihrer Tanzcompany, ist nicht zum ersten Mal Bühne für ein Stück aus dem Schiffbau des Züricher Schauspiels. 2008 zeigte hier Jan Bosse seinen furiosen Mitmach-„Hamlet“ mit Joachim Meyerhoff und Edgar Selge, die Bühne gestaltete auch Stéphane Laimé. Das Publikum saß mit den Darstellern an einer großen Tafel rund um das Geschehen und einige mussten sogar mitspielen. Das bleibt einem bei der Inszenierung Stefan Puchers von Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ Gott sei Dank erspart. Man sitzt auf normalen Stühlen und ist nicht mehr Teil des Bühnenbildes, das Stéphane Laimé diesmal noch etwas breiter angelegt hat. Auf der gesamten Länge der Halle, reihen sich Küche, Wohn- und Schlafzimmer der Lomans sowie eine Bar und das Howardsche Büro im 50th-Style vor uns auf. Ganz rechts vor einer Bluescreen steht der Thunderbird, den Willy Loman dank der Videotechnik auch über die Straßen Amerikas fahren kann.
Willy Loman, das ist hier Robert Hunger-Bühler und er ist es, als hätte es nie einen anderen gegeben. Hunger-Bühler geht hier völlig in der Rolle auf, so dass man an ihm alle Gefühlsregungen, von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt mehrfach bewundern kann. Dieser Willy lebt den Amerikanischen Traum, auch noch dann, als er schon am Boden zerstört vor seinem einzigen Freund Charly (Siggi Schwientek) steht, trotzdem den angebotenen Job ablehnt und lieber in den Tod fährt. Der Thunderbird steht dabei außerhalb der Halle und man hört nur das Scheppern und Krachen von draußen. Keine Angst, Robert Hunger-Bühler kommt wieder, dem Thunderbird ist auch nichts passiert und Willy singt noch einmal mit musikalischer Begleitung aller den Song von The Velvet Underground „I’m Set Free“. Allein dafür hätte es sich gelohnt zu kommen und zu bleiben, ein bitter-süßer Abgesang auf die Suche nach immer neuen Illusionen. Allerdings muss man bis dahin eine Inszenierung durchleiden, die dermaßen überzeichnet ist, dass man glaubt in eine TV-Reality-Show geraten zu sein. Damit man auch ja keine Gefühlsregung oder irgendeinen Gesichtsausdruck verpasst, wird das Ganze von mehreren Kameras eingefangen und auf großen Videoleinwänden präsentiert.
Friederike Wagner als Linda Loman ist die aufopferungsvolle Gattin bis zur Selbstverleugnung, sie steht in der Küche, lässt sich zurechtweisen und hält trotzdem zu ihrem Willy. Abends im Bett, wie früh morgens beim Kaffee, sie baut ihn immer wieder auf. Nur einmal verliert sie die Kontenance als ihre Söhne besoffen nach Hause kommen und den Vater in der Kneipe alleingelassen haben. Biff und Happy (Sean McDonagh und Jan Bluthardt) sind die Erben des Lomanschen Traums vom Aufstieg, sie wissen nur noch nicht ganz, wie sie ihre ganzen Hirngespinste darüber umsetzen können, aber mit den Frauen klappt es jedenfalls erst mal ganz gut. Die Auseinandersetzungen des schwarzen Schafs Biff mit seinem Vater werden vorzugsweise in der beleidigten Attitüde und lautsstark vollzogen. Dabei nehmen sich beide nicht viel, man muss zwangsläufig an den Schreikrampf von Bruno Cathomas als Biff in der Inszenierung von Luc Perceval an der Schaubühne denken (kleine Kostprobe), nur das Thomas Thieme als Willy sich ein Guantanamera drauf gepfiffen hat. Robert Hunger-Bühler stammelt hier weiter die Mantras der Leistungsgesellschaft.
Pucher bricht den überspitzten Plot immer wieder mit eine paar Musikeinlagen, etwas Glämmer, Videos und seinem üblichen Inszenierungskitsch. Die Veranstaltung schwankt zwischen diesen Extremen und wirkt dadurch stellenweise unfreiwillig komisch. Witzige Einlagen wie der Regieeinfall den Chef Willys als Miss Howard (Julia Kreusch) auftreten zu lassen, die dem konsternierten Willy die Vorzüge ihres neuen Diktaphons erklärt und die Szene in der Biff in einer der vielen Rückblenden den Vater mit einer Geliebten (Michaela Steiger) im Hotelbett überrascht, stehen gegen sich wiederholende, nicht enden wollende Mono- und Dialoge sowie das Auftreten des Bruders Ben (Markus Scheumann), zu dem Willy ständig spricht, als geisterndes Wesen mit Cowboyhut und Spazierstock, fast eine Art Onkel-Sam-Karikatur. Eine Reduzierung der Figuren und weitere Straffung der Handlung wären dringend angebracht. Zugute halten muss man Pucher, obwohl er die „schein“heilige Reklame-Welt des amerikanischen Traums in allen Fassetten auswalzt, dass er ihn auch dementsprechend durch diese völlige Figurenüberzeichnung gnadenlos zercrasht. Allerdings hätte es dazu nicht dieses 50er Jahre Devotionalien-Parkours samt Entourage bedurft. Erwähnenswert sind an dieser Inszenierung tatsächlich nur die überbordende Ausstattung und die Anzahl der Mitwirkenden. Aber das grelle Pathos übersättigt und ermüdet dann auch mit der Zeit, gediegene Langeweile machte sich zusehends unter den Zuschauern breit.

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Der amerikanische Traum schlechthin, Willy Lomans Thunderbird parkt vor dem Radialsystem V (Foto: St.B.)

„Herzlich willkommen zur Ernst Jandl Show!“ ruft das Literaturhaus Berlin in der Fasanenstraße unweit des Hauses der Berliner Festspiele in dem gerade das Theatertreffen 2011 stattfindet. Der Meister des um die Ecke Denkens und Sprechens macht hier nach Wien und München Station mit seiner Wunderwelt aus Text und Stimme. In seinem Stück „Aus der Fremde“ (1980) lässt er die Protagonisten miteinander oder über sich konsequent in der 3. Person und im Konjunktiv sprechen. Das vermittelt die emotionale Leere und persönliche Entfremdung der Personen. Jandl zeigte mit seiner Hauptfigur „Er“ einen Schriftsteller in der Schaffenskrise, einen höchst depressiven Menschen, der sozusagen neben sich steht und sich dabei beobachtet.
Kathrin Röggla benutzt nun diese Technik in ihrem neuen Stück „Die Beteiligten“, das in einer Inszenierung von Stefan Bachmann am Akademietheater Wien herausgekommen ist. Es wird darin der Medienrummel über den Entführungsfall Kampusch verarbeitet. Es treten 6 Personen auf, der quasifreund (Jörg Ratjen), der möchtegern-journalist (Peter Knaack), die pseudopsychologin (Alexandra Henkel), die irgendwie-nachbarin (Barbara Petritsch), das gefallene nachwuchstalent (Simon Kirsch) und die „optimale“ 14-jährige (Katharina Schmalenberg, mal wieder in Berlin zu sehen) und erzählen über ihre Beziehung zu N. K. als wenn diese selbst sprechen würde, in der 3. Person also. Röggla versucht hier eine Distanz zum Gesagten zu erzeugen und die Worte der „Beteiligten“ ihrem Objekt der Begierde in den Mund zu legen. Es wird bereits an den Namen klar, dass das Interesse der Protagonisten an N. K. nur rein persönlicher Natur ist, im medialen Ausschlachten der Story und im Schaffen einer Quasi-Reflexionsfläche für eigene Unzulänglichkeiten. Das Programmheft walzt die Sündenbocktheorie der medialen und gesellschaftlichen „Jagdmeute“ aus und zitiert aus Guy Debords „Gesellschaft des Spektakels“.
Auf der Bühne beginnt alles sehr eindrucksvoll mit einer Pressekonferenz, bei der alle seitlich zum Publikum vor einem Bildschirm sitzen und die Gesichter per Video frontal auf eine Leinwand geworfen werden. Das symbolisiert noch mal sehr gut die indirekte Redeweise der Personen. Anschließend versucht dann aber Bachmann den bisweilen langatmigen Text von Kathrin Röggla aufzupeppen. Willkommen in der Kampuschshow! Die indirekten Monologe rauschen nun fast unmerklich an einem vorbei, erschlagen von den Bildern der Auftritte des gefallenen nachwuchstalents als singender Falco (Jeanny, Out of the Dark) oder tanzender und am Bühnenhimmel schwebender SS-Mann. Bachmann plustert das Stück zu einem Österreich-Geschichtsmusical auf, das mit verdrängter Historie spielt und kitschige Landschaftsbilder an den Bühnenhintergrund wirft. Autoritäre Szenen aus dem Leben der Trappfamilie aus dem amerikanischen Musicalfilm „The Sound of Music“ (Meine Lieder – meine Träume) werden eingespielt. Der Film prägt bis heute das Österreichbild der Amerikaner und wird für Tourismuswerbezwecke gebraucht, den nationalsozialistischen Hintergrund komplett negierend. Dazwischen treten die Schauspieler in fliederfarbenen Blusen und mit Kopftüchern auf, ein Verweis auf das Outfit der Kampusch bei ihrem ersten Fernsehinterview.
Man könnte sagen Bachmann versucht mit diesem Spektakel den dürftigen Text von Kathrin Röggla zu retten, auch Stücke von Elfriede Jelinek haben erst durch ihre kongenialen Umsetzungen auf der Bühne an Relevanz gewonnen. Nur ist Stefan Bachmann nicht vom Schlage eines Nicolas Stemann oder einer Karin Beier und Elfriede Jelinek hat auch schon zwingendere Texte zu den Fällen Kampusch und Fritzl geschrieben. Das Fehlen der eigentlichen Figur Kampusch hat Bachmann dann noch bewogen das Märchen vom Rotkäppchen und dem bösen Wolf abgewandelt in die Inszenierung einzuflechten. Die Leidensgeschichte der N. K. als Opfer „3096 Tage“ (Titel ihres Buches über die Erlebnisse der Gefangenschaft) im Bauch des Wolfes, setzt Bachmann gegen die Ironisierung des Stücktextes durch seine grellen Bilder. Der Befreiungsschlag gegen die Medienmonster im Nacktsuite erfolgt dann durch Katharina Schmalenberg mittels Kill-Bill-Musik und einer Attacke mit dem Samuraischwert. Bombastkitsch gegen Perversion und verquere Moralvorstellungen der Gesellschaft, als mäßig witzige Mediensatire geht das noch halbwegs durch, aber bemerkenswert Neues ist daran nicht zu entdecken.

Blauer Dunst auf grünem Rasen – Alle Meine Söhne von Arthur Miller

Freitag, Dezember 17th, 2010

Eine Inszenierung von Roger Vontobel in den Kammerspielen des DT

Roger Vontobel ist das vielbeschäftigtste Regiewunderkind der deutschen Theaterlandschaft. Die Labdakiden in Bochum, eine Peer Gynt in Essen, eine Penthesilea in Hamburg und ein Don Carlos in Dresden für den er den Regie-Faust bekam. Nun also seine zweite Inszenierung in Berlin nach einem eher zwiespältigen Pappmachéverkopften Clavigo am Gorki Theater vor zwei Jahren. Das Deutsche Theater baute nun Vontobel die Kammerspiele zur Arena um und scheute weder Kosten noch Mühen um Rollrasen im Winter ran zu karren. Arthur Millers amerikanisches Nachkriegsdrama über einen Rüstungsbauer, der im 2.Weltkrieg defekte Teile für Flugzeuge an die Air Force liefert und den Tod von 21 Fliegern zu verantworten hat, musste es sein. Wenn die Kammerspiele umgebaut werden zum Werkraum oder der Arena, dann ist meist etwas Neues angesagt, etwas was nicht in den normalen Rahmen passt. Anfang der 2000er Jahre wollte man damit die Baracke wieder beleben und ist mit dem Konzept gescheitert. An diesem Abend scheitert Vontobel aber leider auch. Am Anfang ist die Welt noch in Ordnung, Kinder toben auf dem Geviert der Arena und bieten Mini-Hotdogs an. Dann wird der Rasen ausgerollt, die Kinder sind erwachsen und holen die Zigaretten raus.
Arthur Miller ist der beharrliche Beobachter des amerikanischen Mittelstandes schlechthin, sein Tod eines Handlungsreisenden ist so ziemlich das bekannteste Stück der US-Nachkriegsdramatik. Man hat ihm mit unter vorgeworfen, genau so mittelmäßig zu schreiben, wie die Charaktere seiner Figuren sind. In Alle meine Söhne kommt das mit am deutlichsten zum Ausdruck. Das Stück ist in erster Linie patriotisch, was man ihm nach dem 2. Weltkrieg nicht weiter vorwerfen kann, eine Kapitalismuskritik ist nur im Ansatz vorhanden, in der Anklage des Kriegsgewinnlers Joe Keller, der für den schnellen Profit seinen Partner ins Gefängnis gehen lässt und über Jahre heile Welt spielt. Er ist nach außen ein Kumpeltyp, selbst sein zweiter Sohn Chris, der erste ist als Flieger im Krieg vermisst, hat keinen Grund gegen ihn zu rebellieren. Jörg Pose gibt ihn als jovialen Mann, der seinen Sohn sogar vorgibt zu verstehen, als der die Verlobte des verschollenen Sohnes Larry heiraten will. Wenn da nicht das Problem mit der Mutter Kate wäre, die immer noch an die Rückkehr des verloren Sohnes glaubt und davon nicht abzubringen ist. Ulrike Krumbiegel, mal wieder in einer Rolle am DT, ist darin auch sehr glaubwürdig. Daniel Hoevels ist der brave Sohn Chris, der Traumatisches im Krieg erlebt hat und etwas sinnvolles aus seinem gewonnenen Leben machen will. Seine Angebetete Ann, Tochter des im Gefängnis sitzenden Partners von Joe, ist bei Meike Droste, nach längerer Babypause endlich wieder zu sehen, sehr selbstbewusst aber etwas zu taff, obwohl sie genau weiß was sie will und mit Chris auch eine gute Party vor Augen hat. Jeder ist irgendwie mit sich selbst beschäftigt seine Ideale zu leben und doch schwingt die Angst des Versagens ständig mit. Der Griff zur Zigarette ist das einzige was diese Menschen wirklich miteinander verbindet. Umso öfter wird dann auch zu ihr gegriffen. Chris ist ein großer Zweifler, er will nicht unbedingt in die Fußstapfen seines Vaters treten kann sich aber auch nicht konsequent für ein Leben mit Ann in New York entscheiden. Von Joe wird bemüht auf Party gemacht, um von den im Raum schwebenden Zweifeln abzulenken.
Unvermittelt personifiziert sich die Angst aller dann mit dem plötzlichen Eintreffen von Anns Bruder George, nölig von Ole Lagerpusch dargestellt, der Chris sofort mit der Wahrheit über ihre Väter konfrontiert. Hier gerät Vontobles bisher gefällige Regie erstmals aus den Fugen. Erst sehr weit auf Distanz gehen sich die beiden dann unversehens an die Wäsche. Kate kann hier noch einmal schlichten und Joe gibt wieder den Generösen, in dem er George eine Job besorgen will und auch seinen Vater wieder in die Firma holen möchte. Die einzige noch verbliebene Nebenfigur, die Nachbarin Sue (Angela Meyer), war einmal Georges Freundin, ist aber nun mit dem Arzt Jim Bayliss verheiratet und hat drei Kinder. Ihr plötzliches Auftauchen wird mit lautem Hundegebell gleichendem Geschrei von allen registriert. Es entwickelt sich ein kleiner Zickenkrieg zwischen ihr und Ann, indem sie ihr andeutet, das nie jemand der Nachbarn an die Unschuld Joes geglaubt hat. Endgültig aus dem Rahmen fällt dann die Inszenierung von Vontobel als Chris seinem Vater endlich die Wahrheit Stück für Stück abringt. Die Fassade ist eingerissen, die Wut und Verzweifelung Chris` entlädt sich in Schreien und wiederholten Vorwürfen gegen seinen Vater. Hier setzt Vontobel auf Drastik. Daniel Hoevels durchmisst die Arena schleudert sein Jackett von sich und schlägt Jörg Pose wiederholt ins Gesicht. Das Ganze wird von der Seite gefilmt, die Gesichter sind in Großaufnahme auf Leinwänden zu sehen, eine Methode die auch nicht mehr ganz neu ist. Joe kann sich nur mit fadenscheinigen Entschuldigungen verteidigen, eine Einsicht der Schuld gibt es für ihn nicht wirklich. Alle waren so im Krieg, alle haben versucht Geld zu verdienen. Dieses Finale kann aber nicht über die müde Inszenierung hinwegtäuschen. Die Schwäche des Stücks wird auch zur Schwäche der Inszenierung, es fehlt an tatsächlicher Fallhöhe. Was Miller in seinen späteren Stücken verstand, den kleinen Mann zum tragischen antiken Helden aufzubauen, der durch Schicksal und Leben gebeutelt sich mit Schuld beladen hat und daran zu Grunde geht, kann mit Joe nicht wirklich gelingen, zu eindeutig ist seine Schuld. Eine Konsequenz daraus erfolgt nicht. Nachdem dann noch der Brief von Larry an Ann vorgelesen wird, in dem er sich aus Scham vor der Tat beider Väter zu einem Selbstmord bei seinem nächsten Flug entschlossen hat, ist auch Kates Hoffnung zerstört. Joe geht ab, ob er sich seiner Schuld stellt bleibt offen.
Diese Inkonsequenz als Verweis auf den momentanen Zeitgeist reißt die Inszenierung nicht mehr raus, zu unverbindlich ist sie in ihrer zeitlichen Einordnung oder als Beispiel für heutige Kriege und die Moral der daran Verdienenden. Das Ganze verkommt zu Rasenschach mit kleineren Rochaden. Vontobel reicht als Beweis seiner These vom Zerspringen der Kernfamilie der Selbstmord des Sohnes des Investmentbetrügers Bernard L. Madoff. Die Suche nach der Bedeutung eines Stückes sei die eigentliche Aufgabe von Theater, sagt er in einem Beitrag über junge Theatermacher auf der Seite von jetzt.de. Das müsse auch in einer Aufführung sichtbar werden, nicht nur in der Vorarbeit, „die dann dazu führt, dass das Stück auf einem Baum spielt und die Zuschauer nicht mehr verstehen warum.“ Der Baum wurde vom Sturm entwurzelt. Ein Zeichen? Wofür weiß hier kein Mensch.