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Diskurstück der Stunde – Thomas Ostermeier inszeniert an der Berliner Schaubühne „Professor Bernhardi“ von Arthur Schnitzler

Donnerstag, Dezember 29th, 2016

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Jörg Hartmann ist Professor Bernhardi an der Schaubühne – Foto (c) Arno Declair

Der österreichische Schriftsteller und Dramatiker Arthur Schnitzler wollte sein 1912 in Berlin uraufgeführtes Theaterstück Professor Bernhardi nicht als Tendenzstück verstanden wissen. Er „habe eine Charakterkomödie geschrieben, die in ärztlichen und zum Teil in politischen Kreisen spielt“. Professor Bernhardi, Arzt für innere Medizin und Direktor des Elisabethinums, einer Wiener Privatklinik, handelt aus Überzeugung, seine Pflicht als Arzt zu tun, nicht als Kämpfer für eine bestimmte Sache und lässt sich auch vor keinen politischen Karren spannen. Dennoch wird er Opfer einer Rufmord-Kampagne von deutsch-nationalen und klerikal-konservativer Kräften, die antisemitische Ressentiments und Tendenzen zu nutzen wissen, um politischen Ziele durchzusetzen.

Schnitzlers Drama ist bis nach dem Zerfall der Donaumonarch 1918 in Österreich verboten gewesen, und es fällt schwer, wen man bedenkt, wie dem jüdischen Arzt Bernhardi hier durch politische Ränke, offenen und versteckten Verrat, Feigheit und Opportunismus mitgespielt wird, darin nur eine, wie Schnitzler sagte, „ernste Komödie“ zu sehen. Besagte Tendenzen gibt es natürlich auch heute noch. Und wenn es auch schwerer fallen dürfte, diese für ein politisches Fortkommen zu nutzen, so sind doch vor allem in Österreich und Deutschland Ressentiments gegen Minderheiten durchaus wieder salonfähig. Beispiele dafür bieten sich in der jüngsten Geschichte, und nicht erst seit der Flüchtlingsproblematik, zur Genüge. Auch die aufführende Schaubühne, die den Professor Bernhardi in der Regie des Intendanten Thomas Ostermeier, ins Programm genommen hat, ist bereits für das kritische, politische Tendenzstück Fear von Falk Richter ins Visier der AfD gerückt und von der sich verunglimpft sehenden Beatrix von Storch wegen Beleidung verklagt worden.

Ähnlich geht es Professor Bernhardi, der einem katholischen Priester nicht erlaubt, einer jungen sterbenden Frau die letzte Ölung zu verabreichen, da er ihr die letzten Stunden ihres Lebens erleichtern möchte, indem er der durch eine illegale Abtreibung an einer Sepsis Leidenden den Schrecken des nahen Todes ersparen will. Bernhardi macht sich damit aus Sicht der katholischen Majorität am Seelenheil der Verstorbenen schuldig. Der Vorfall wird künstlich aufgebauscht, gelangt durch eine Anfrage einer klerikalen Partei bis vors Parlament, das in Person des Unterrichtsministers den Weg für eine juristische Ermittlung frei macht, was schließlich in einer Verurteilung Bernhardis zu zwei Monaten Gefängnis wegen Religionsstörung mündet. Der Arzt verliert dadurch neben seinem Posten auch die ärztliche Approbation. Erst die Selbstanzeige einer Krankenschwester, die sich der Falschaussage vor Gericht bezichtigt, wendet das Blatt wieder zu Gunsten Bernhardis, der nun von liberalen Kreisen und Zeitungen zum Helden gepuscht werden soll.

 

Professor Bernhardi in der Schaubühne
Foto (c) Arno Declair

 

Nun spielt Schnitzlers Bernhardi um 1900 und ist nicht nur sprachlich der damaligen Zeit verpflichtet. Regisseur Ostermeier hat versucht, das Stück in ein heute gebräuchliches Deutsch zu transformieren. Dem fallen ein paar österreichische Titel und Spracheigenheiten zum Opfer, auch würde man heute sicher nicht mehr so schnell an einer Sepsis sterben. Standesdünkel, Männerbünde mit und ohne Schmiss, oder Parteizugehörigkeiten wirken aber sicher auch heute noch bis in die Arbeitswelt von Ärzten, Wissenschaftlern oder Juristen. Ostermeier verortet seinen Bernhardi daher eher zeitlos in ein aseptisches Krankenhausweiß mit dem auch bei Schnitzler als mäßig bezeichneten Vorraum. Ein paar Stühle, Tisch, Bett und Aktenschrank, eine große Schwingtür und eine kleinere Tür für die Auf- und Abtritte befinden sich in der weißen Wand, an die die Künstlerin Katharina Ziemke mit Farbstiften die Orte und Hauptpersonen der Handlung schreibt und zu bunten Wölkchen wieder auswischt.

Die letzte nennenswerte Neuinszenierung des Professor Bernhardi fand 2011 in der Regie von Dieter Giesing am Wiener Burgtheater statt. Das Stück steht dort immer noch auf dem Spielplan. Ähnlich wie Giesing bricht Ostermeier in Wien mit der rein männlichen Besetzung der Arztrollen. So hat die Besetzung von Dr. Wenger, den Bernhardi gegen seine Widersacher Dr. Ebenwald in der Nachfolge Dr. Tugendvetter als Abteilungsleiter durchsetzt, mit Veronika Bachfischer durchaus einen besonderen, zusätzlichen Reiz. Auch Eva Meckbach als Dr. Adler, Chefin der pathologische Anatomie, die sich zunächst im Fall Bernhardi sehr widersprüchlich verhält, ist gut gewählt.

 

Das Ensemble von Professor Bernhardi in der Schaubühne
Foto: St. B.

 

Ostermeier spult das fast drei Stunden dauernde Konversationsdrama recht flott ab. Neben den Fachgesprächen, förmlichen Debatten und einzelnen Monologen herrscht ständige Bewegung. Die Umbauten zwischen den Akten werden vom Ensemble fast wie choreografiert ausgeführt, während die Livekameras Großaufnahmen, Ansichten von Oben und Stills auf die Rückwand projiziert.

Eine Inszenierung des Bernhardi steht und fällt mit dem Hauptdarsteller. War es in Wien der sehr präsente Joachim Meyerhoff, so hat sich Ostermeier in Berlin einen alten Bekannten an die Schaubühne zurückgeholt. Jörg Hartmann, bis 2009 schon einmal Ensemble-Mitglied und danach in Fernsehserien wie Weissensee oder als Tatort-Kommissar Faber zu nationaler Bekanntheit gekommen, gibt den Bernhardi als prinzipienfesten, von sich überzeugten, aber auch nachdenklichen Menschen, der ohne Rücksicht auf Posten und Ansehen in den Disputen mit dem gottergebenen Pfarrer (Laurenz Laufenberg), dem gegen ihn intrigierenden Ebenwald (Sebastian Schwarz), oder den opportunistischen Machtmenschen Flint (Hans-Jochen Wagner) unbeirrt seine Meinung vertritt.

Und doch bleibt Bernhardi zuvorderst Mensch, ist keine politischer Held und „zum Revolutionär nicht geboren“. Eher integer würde man wohl sagen. Ganz anders als seine Gegenspieler, die Ostermeier immer mehr als Karikaturen der Bigotterie, Missgunst, Macht und des politischen Kalküls zur Kenntlichkeit dekonstruiert. Hier stimmt Schnitzlers Wort von der Komödie, die das Schauspiel-Ensemble dann auch zielsicher zu bedienen weiß. Fast schon eine erwartbare Routine-Leistung für die Regie und das Schaubühnen-Ensemble, aus der nur wenige besonders herausragen. Der Star ist ein über hundert Jahre altes Stück. Moralische Werte und Politik, Fragen zur Religion und eine Demokratie im Wandel machen Schnitzlers Bernhardi zum ganz modernen Diskursstück der Stunde. Wer hätte das gedacht?

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Professor Bernhardi (Schaubühne, 21.12.2016)
von Arthur Schnitzler
Fassung von Thomas Ostermeier und Florian Borchmeyer
Regie: Thomas Ostermeier
Bühne: Jan Pappelbaum
Kostüme: Nina Wetzel
Musik: Malte Beckenbach
Videodesign: Jake Witlen
Bildregie: Matthias Schellenberg
Kamera: Moritz von Dungern, Joseph Campbell, Florian Baumgarten
Dramaturgie: Florian Borchmeyer
Licht: Erich Schneider
Wandzeichnungen: Katharina Ziemke
Mit:
Dr. Bernhardi: Jörg Hartmann
Dr. Ebenwald: Sebastian Schwarz
Dr. Cyprian: Thomas Bading
Dr. Pflugfelder: Robert Beyer
Dr. Filitz: Konrad Singer
Dr. Tugendvetter: Johannes Flaschberger
Dr. Löwenstein: Lukas Turtur
Dr. Schreimann/Kulka, ein Journalist: David Ruland
Dr. Adler: Eva Meckbach
Dr. Oskar Bernhardi: Damir Avdic
Dr. Wenger/Krankenschwester: Veronika Bachfischer
Hochroitzpointner: Moritz Gottwald
Professor Dr. Flint: Hans-Jochen Wagner
Ministerialrat Dr. Winkler: Christoph Gawenda
Franz Reder, Pfarrer: Laurenz Laufenberg
Premiere war am 17.12.2016 in der Schaubühne am Lehniner Platz
Termine: 03. – 06.02. und 24. – 26.02.2107

Infos: http://www.schaubuehne.de/

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„Das weite Land“ der Seele auf dem Sofa suchend – Jette Steckel legt die Tragikomödie von Arthur Schnitzler auf die emotionale Psychocouch.

Mittwoch, Dezember 17th, 2014

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Der österreichische Dramatiker und Schriftsteller Arthur Schnitzler (1862-1931) gilt als großer Kenner der feinen Wiener Gesellschaft um die Jahrhundertwende. Schnitzler war bekannt mit Größen wie dem Maler Gustav Klimt, der Wiener Femme fatale Alma Mahler Werfel oder dem Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud. Besonders eng verbunden war er aber einem Kreis um das Ehepaar Louis Friedmann und Rose von Rosthorn-Friedmann (beide hervorragende Alpinisten), dem Arzt Georg Geyer und Jugendfreund Richard (Kuwazel) Tausenau. Ihre gemeinsamen Erlebnisse flossen in einige seiner Werke ein. Die Friedmanns aus Baden bei Wien dienten Schnitzler z.B. als Vorbild für das Ehepaar Hofreiter in seinem Theaterstück Das weite Land (UA: 1911 am Wiener Burgtheater), eine Tragikomödie um eheliche Untreue, Lügen und gesellschaftliche Konventionen einer untergehenden Epoche vor dem Ersten Weltkrieg, die Schnitzler genauestens protokollierte.

Das weite Land: Nur eine Art von Höhenrausch. Bergfreunde Arthur Schnitzler, Richard Tausenau und Louis Friedmann um 1885. Foto: Wikipedia

Das weite Land: Nur eine Art von Höhenrausch. Bergfreunde Arthur Schnitzler, Richard Tausenau und Louis Friedmann um 1885.
Foto: Wikipedia

Selbst kein Kind von Traurigkeit besinnt sich Schnitzler in seinen autobiografischen Erinnerungen Jugend in Wien an einen Operettenrefrain, den eine seiner jungen Liebeleien immer vor sich hin summte: „Die Lieb‘ erfordert Studium, und wer nur einmal liebt, bleibt dumm, dumm, dumm.“ Wirklich schlau scheint da zumindest Friedrich Hofreiter, die Hauptfigur in Schnitzlers Tragikomödie, aus seinen zahllosen Affären nicht geworden zu sein. Der Autor lässt ihn nämlich zu seiner gerade abgelegten Liebschaft Adele Natter folgendes sagen: „Mir ist eigentlich doch, als wäre alles Bisherige nur Vorstudium gewesen. Und das Leben und die Liebe fing‘ erst jetzt an.“ Dabei trauert der 40jährige Hofreiter in zynischer Weise zwischen zwei Amouren nur seiner bereits vergehenden Jugend nach.

Rose von Rosthorn-Friedmann_Gustav Klimt 1901

Rose von Rosthorn-Friedmann – Gemälde von Gustav Klimt (1901)

Diese Jugend wird ihm dann am Ende des Stücks Aug in Aug gegenüberstehen. Der notorische Fremdgänger Hofreiter erschießt den jungen KuK Marinefähnrich Otto von Aigner bei einem Duell, da er ihn einer Affäre mit seiner Frau Genia überführt hat. So etwas war im ehemals kaiserlichen Österreich-Ungarn durchaus Usus. Schnitzler beschreibt das schon in seinem frühen Schauspiel Liebelei. Genia Hofreiter hat dagegen kaum eine Chance zur wahren Selbstbehauptung. Hofreiter nimmt ihr einerseits übel, dass sich der junge Pianist Korsakow aus unerwiderter Liebe zu ihr erschossen hat. Die Treue seiner Frau ist ihm dabei geradezu unheimlich. Anderseits fühlt er sich seiner eigenen Untreue rehabilitiert, als die verzweifelt Frau nun doch eine Liebschaft mit Otto eingeht. Dass er ihn dennoch tötet ist reine beleidigte Eitelkeit. „Man will ja nicht der Hopf sein.“

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Nun hat die Regisseurin Jette Steckel Schnitzlers Zeitstück Das Weite Land am Deutschen Theater Berlin neu inszeniert in der Annahme, es ließe sich problemlos auf heutige Berliner Verhältnisse übertragen. Schnitzler selbst wird hier ins Feld geführt, der optimistisch äußerte: „ – dieses Stück wird nicht nur bleiben – man könnte fast sagen: es wird erst kommen.“ Mit diesem Erbe plagen sich nun seit Jahrzehnten österreichische, deutsche und selbst internationale Regisseure ab. So wurde der Lette Alvis Hermanis zum 100jährigen Jubiläum an der Wiener Burg für seine düstere Film-Noir-Version ausgebuht und der Kärtner Martin Kusej langweilte wenig später das Münchner Publikum des Residenztheaters mit Rumsteh- und Kletteraktionen an steiler Felswand. Durchaus zentraler Punkt des Stücks ist nämlich der sogenannte Aignerturm in den Dolomiten. Ausdruck des menschlichen Höhenrauschs und Bild für die titelgebende weite Seelenlandschaft.

Jette Steckel lässt sich dafür von Florian Lösche ein spätkubistisches Raumgebilde (an die Betonbalkenkirche des Wiener Bildhauers Fritz Wotruba erinnernd) aus lauter aufeinandergestapelten Ledersofas auf die Bühne stellen. Ein Couch-Berg aus über 100 Jahren Psychoanalyse, errichtet mit dem Lieblings-Accessoire der stylish deutsch-gemütlichen Mittelschicht. Und so benehmen sich die Schauspieler hier zu meist auch. Gelümmelt wird viel, aber mehr noch dient der Mont Klamott aus bequemen Sitzmöbeln auf der Drehbühne auch dem Umrunden, Hürdenlaufen und später auch paarweise Beklettern. Aus dem Wiener Schnitzler-Personal von eleganten Spielern und Lügnern werden lauter Gefühlsgestresste, „Das weite Land“ der Seele auf dem Sofa suchend.

Wotrubakirche in Wien - Foto von ninanuri für Wikipedia

Wotrubakirche in Wien – Foto von ninanuri (Wikipedia)

Und wie schon in Wien und München stehen auch am Berliner DT wieder jede Menge Theaterstars auf der Bühne. Maren Eggert als Genia gibt souverän die leicht frustrierte Ehefrau, warum sie an Hofreiter festhält wird zu keiner Zeit wirklich klar. Hier hinkt der modernisierte Plot am deutlichsten. Da lassen sich solche Details wie eine Schiffspassage nach New York im Zeitalter der Billigflieger, der fehlende Wiener Duktus, Bierkasten und ein in die Ohren gestöpselter IPod der gelangweilten Hausfrau noch verschmerzen. Auch andere Stücke von Ibsen oder Strindberg atmen viel historisches Flair, aber man hat sich an einen Tesman in Jogginghosen bereits gewöhnt. Jedoch ein übergriffiger Womanizer-Hofreiter in der Art des Felix Goeser geht irgendwie gar nicht. Dass es Männer dieser Bauart gibt, keine Frage, aber so eindimensional als Arschloch zeigt ihn Schnitzler bei weitem nicht. Die Zweifel und Angst vor dem Altern nimmt man Goeser nicht wirklich ab.

Problematisch auch die Rolle des verständigen Freundes und Arztes Mauer, den Ulrich Matthes wie einen feinsinnig jovialen Moralapostel spielt. Der ehrliche Kumpel von Format ohne Glück bei den Frauen redet von Gefühlsschlampereien und lügt sich dabei vermutlich selbst in die Tasche. Das macht er allerdings gut, der Theaterarzt vom Dienst am DT. Und man fragt sich vielleicht nicht ganz zur Unrecht, ob hier nicht der Falsche in die Nebenrolle gedrängt wird. Stark auch der Gefühlsauftritt und -ausbruch von Almut Zilcher als geschiedene Schauspielerin Anna Meinhold-Aigner und Mutter des jungen Liebhabers Otto, den Ole Lagerpusch als lässigen Existentialisten in Schwarz hintänzelt.

Das weite Land - Foto DT-Schaukasten

Foto DT-Schaukasten

Und Musik dazu gibt es viel und satt. Schon zu Beginn starrt das Ensemble zur Ouvertüre von Wagners Tristan und Isolde auf den Sofa-Kollos als wäre es die lichtdurchflutete Minnegrotte, der Sehnsuchtsort erfüllter, leidenschaftlicher Liebe. Ein anderes Mal singt Nick Cave „There is no need to forgive“ (We No Who U R) oder Rufus Wainwright bedeutungsschwanger vom Agnus Dei (Lamm Gottes). Jette Steckel macht da das, was sie immer macht: Große Gefühle mit Sound untermalen und dazu jede Menge Körperaktion. In Unterwäsche bekraxeln Hofreiter und seine neue Flamme Erna (auch neu am DT Anna Drexler), die er in den Dolomiten seinem Freund Mauer ausgespannt hat, die Sofaseelenlandschaft. Dabei blöken sie im Bergrausch auch mal wie auf der Alm. Denn da gibt’s ja bekanntlich keine Sünd‘. Auf der Couch nebenan turteln Otto und Genia wie einst Romeo und Julia auf dem Balkon (den es bei Jette Steckels großartiger Hamburger Shakespeare-Inszenierung nicht gab), und Hofreiter schaut kurz auf eine Fensterpromenade vorbei. Das passt zu Schnitzlers feinem Konversationsstück, das Jette Steckel textlich stark entschlackt hat, wie der Windbeutel oder Liebesknochen zur Sachertorte, und sieht dann hier auch eher aus wie Sofaseelengymnastik.

Schließlich deklamiert Bernd Stempel als belehrender Dr. von Aigner im Kurzauftritt die große Erkenntnis vom Natürlichen als das Chaos gegenüber dem verdutzten Hofreiter fast im Tonfall preußischer Ordnung. Und dabei darf man als Piefke ruhig auch mal an das zu weite Feld des alten Briest bei Fontane denken. Hier stehen sich zwei Dinosaurier der Männlichkeit gegenüber, daraus macht Jette Steckel keinen Hehl. Und so lässt sie am Ende nach dem Duell (Es muss trotz allem sein, s.o.) auch den unverbesserlichen Schwerenöter Hofreiter in Selbstmittleid jammernd unter der Couch verschwinden. Ihre moderne Schnitzler Fassung ist da aller Ehren wert. Wenn auch den plötzlichen Wandel zu begreifen etwas schwer fällt, genau wie die entscheidende Frage, warum es unbedingt der Wiener Schnitzler sein musste, wo Jette Steckel doch mit Stücken von Gorki, Sartre oder Camus schon wesentlich dringlichere Inszenierungen geglückt sind.

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Das weite LandDas weite Land
von Arthur Schnitzler
Regie: Jette Steckel, Bühne: Florian Lösche, Kostüme: Pauline Hüners, Musik: Mark Badur, Licht: Matthias Vogel, Ton: Matthias Lunow, Martin Person, Dramaturgie: Anika Steinhoff
Mit: Felix Goeser, Maren Eggert, Ulrich Matthes, Almut Zilcher, Ole Lagerpusch, Bernd Stempel, Simone von Zglinicki, Anna Drexler, Helmut Mooshammer, Katrin Klein (in der Premiere sprang Natali Seelig für die verletzte Katrin Klein ein)
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

Termine: 25. und 28.12.2014, 05., 15., 17.01.2015

Infos: www.deutschestheater.de

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Wien, die „Stadt der Künstler und Kellner“ – Zwischen Kaffeehaus, runden Geburtstagen, Marillenknödeln und poetisch gefärbten Theatergewächsen

Freitag, Januar 13th, 2012

„ ‚Ein anständiger Gast stellt beim Verlassen des Kaffeehauses seinen Sessel selbst auf den Tisch.‘ – hat also, anders formuliert, das Kaffeehaus als einer der letzten zu verlassen.“ Zitat des Wiener Kaffeehaus-Stammgasts Gustav Grüner aus „Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten“ von Friedrich Torberg (1975)

wien-silvester-2011-13.JPG Foto: St. B.
Das Café Leopold Hawelka in der Wiener Dorotheergasse

Was mir kurz vor Silvester als erstes in der Fly „Niki“, wo der legendäre Formel-1-Pilot Lauda, welch Ironie, immer noch selbst die Sicherheitsanweisungen verliest, tatsächlich Lesbares in die Hand fiel, war ausgerechnet der Kurier. Eine andere Legende hatte sich in den Himmel über Wien verabschiedet. „Kaffeehaus-Legende Hawelka gestorben“ titelte das Wiener Blatt. Auch Presse und Standard kondolierten und sogar die deutschen Großzeitungen hatten einen Tag später Nachrufe auf Den Wiener Cafetier überhaupt im Feuilletonteil. Leopold Hawelka starb am 29.12.11 im 101. Lebensjahr. Noch im April 2011 hatte er in dem von ihm 1939 in der Dorotheergasse eröffneten „Café Hawelka“ seinen 100. Geburtstag begangen. Die FAZ erhob das Hawelka nun sogar zum „wahren Café Europa“, denn es hat mit Sicherheit dem „Central“ in der Herrengasse, wo immerhin Leo Trotzki in den Jahren seiner Wiener Emigration Schach zu spielen pflegte, den Rang als Prominentencafé abgelaufen. Im Hawelka gaben sich nach dem Krieg österreichische und internationale Größen aus Kunst und Politik die Klinke in die Hand. Heute lebt das Hawelka immer noch von seiner Tradition als Künstler- und Intellektuellen-Café. Nachdem diese allerdings so nach und nach weggestorben sind, drängen sich nun dort die Touristen und halten bei einer Melange oder internationalisiertem Caffé Latte vergeblich Ausschau nach den Stars und Sternchen. Dabei sitzt man nun sogar in besonders geschützten Räumen, denn die UNESCO hat die Wiener Kaffeehäuser im November 2011 zum Weltkulturerbe erklärt.

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