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Werke von Ödön von Horváth und Alfred Döblin in zwei bemerkenswerten Berliner Inszenierungen

Donnerstag, Juli 28th, 2016

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Glaube Liebe Hoffnung – Das aufBruch-Gefängnistheater verschränkt Horváths kleinen Totentanz mit Texten von Gandersheim, Döblin und Jelinek

Glaube Liebe Hoffnung_Plakatmotiv aufBruchEin gemischtes Ensemble aus Ex-Inhaftierten und Freigängern sowie Schauspielern und Berliner Bürgern spielt einmal im Jahr außerhalb der geschlossenen Vollzugsanstalt unter der Regie von Peter Atanassow ein Theaterstück im Berliner Stadtraum. Mit wohl noch keinem ihrer Produktionen waren die Macher vom aufBruch-Gefängnistheater aber so nah am Leben der meisten ihrer Mitwirkenden. Glaube Liebe Hoffnung, der „kleine Totentanz“ des österreichischen Dramatikers Ödön von Horváth aus dem Jahr 1932, erzählt die Geschichte einer Passion aus Ohnmacht, Erniedrigung und Bestrafung, die einer jungen Frau kurz vor dem Ende der Weimarer Republik wegen einer aus heutiger Sicht als Bagatelldelikt geltenden Ordnungswidrigkeit die Unabhängigkeit und Existenz kostet.

Horváth schrieb das Stück nach einem realen Fall aus der gängigen Gerichtspraxis der damaligen Zeit. Dass dies nicht heutige Praxis ist, ändert nicht viel an der Tatsache, dass eine Gefängnisstrafe in unserer Gesellschaft noch immer als fast untilgbarer Makel gilt. Die christlichen Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung wirken hier wie reiner Hohn, in einer Welt, die auf Gehorsam, Ungleichheit und eigenen Vorteil orientiert ist. Gespielt wird nicht nur atmosphärisch sehr passend in der unter König Friedrich Wilhelm IV. 1857 zur „Missionsstation“ ausgebauten St. Johanniskirche Berlin-Moabit – sehr spartanisch ausgestattet mit schlichtem Altarstein und hölzerner Kreuzigungsgruppe.

 

Glaube Liebe Hoffnung in der St. Johanneskirche Moabit - Foto: St. B.

Die St. Johanneskirche in Berlin Moabit – Foto: St. B.

 

Dem aus dem 1. Korintherbrief des Paulus im Chor vorgetragenen „Hohelied der Liebe“, die nimmer aufhöret, folgt das frühchristliche Märtyrerspiel Das Leiden der heiligen Jungfrauen Fides, Spes und Caritas (lat. für Glaube, Hoffnung und Liebe), das die Stiftsdame Roswitha von Gandersheim im 10. Jahrhundert geschrieben hat. Der römische Kaiser Hadrian (Six Pack Hansi) lässt die drei Schwestern (Daria Dönch, Barbara Knewitz, Katharina Försch), die sich auf Geheiß ihrer Mutter Sapientia (Kristine Walther) nicht seinem Willen beugen wollen, foltern und umbringen. Hier gesellen sich zur Gottesliebe auch der fanatische Glauben einer Mutter, die von der Kanzel predigt, sowie die brutale Gewalt eines Herrschers, der einen anderen als seinen Glauben nicht gelten lässt.

Gleich zu Beginn ein recht körperbetontes Spiel des Ensembles, das einen starken Kontrapunkt zur spirituellen Aura des Ortes setzt. Regisseur Atanassow behält die Dreierbesetzung (nicht untypisch für aufBruch-Inszenierungen) für die weibliche Hauptrolle in Horváths Stück bei und setzt so die Tragödie der Elisabeth (Maja Borm, Rose Louis-Rudek, Sabine Böhm) direkt in Bezug zum Martyrium der drei Schwester. Die drei Elisabeths durchlaufen dann auch konsequent die Stationen vom Anatomischen Institut, wo ihnen der spießige Präparator (Christoph Bettinger) beim Taubenfüttern über den Kopf streicht, über das Miederwarengeschäft der Irene Prantl (Maria Baton), die ihre Verkäuferinnen wie bei einer Prozession voranschreitet, dem Betrugsvorwurf und den Demütigungen des Präparators wegen der 150 Mark für den Wandergewerbeschein bis zur Beziehung mit dem ebenfalls verdreifachten Schupo Alfons (Laurenz Wiegand, Moses, Philipp), der sie nach der Entdeckung ihrer zweiwöchigen Vorstrafe wegen der Karriere verlässt.

 

Das Ensemble von Glaube Liebe Hoffnung in der St. Johanneskirche Moabit - Foto: St. B.

Das Ensemble von Glaube Liebe Hoffnung in der St. Johanneskirche Moabit  – Foto: St. B.

 

Unterbrochen werden die Spielszenen immer wieder durch christliche Lieder und Choräle aus Bachs Johannespassion, Schuberts Deutschem Requiem oder aber auch durch deutsche Volkslieder, Berliner Gassenhauer und Chansons wie etwas Claire Waldorffs „Ach was sind die Männer dumm“.

Das Spielkonzept der Inszenierung setzt sich geschickt aus Analogien und Gegensätzen zusammen. Eine Collage aus kommentierenden Fremdtexteinschüben und einer bemerkenswerten Verschränkung von Horváths Drama mit dem Großstadtroman Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin (gerade erst im Mai von Sebastian Hartmann am DT inszeniert). Ungefähr zur selben Zeit entstanden, ist die Geschichte des Ex-Knackis Franz Biberkopf nicht nur ein literarisches Pendant einer männlichen Passion, sondern auch eine atmosphärisch dichte, mit christlichen Motiven und Bibeltexten gespickte Reflexion des Geschehens auf den Berliner Straßen der Weimarer Republik. Die Verbindung dieser beiden Werke leuchtet sogar noch viel mehr ein, als der Versuch von Jette Steckel am Thalia Theater Hamburg, Horváths Glaube Liebe Hoffnung mit dessen Oktoberfestdrama Kasimir und Karoline zu verknüpfen.

Döblins Montagetechnik aus Kolportagen, Musikstücken und Gedankenschnipseln, die explosive Mischung aus Gesprächen in Arbeiterkneipen und Reden auf politischen Versammlungen passt sich nahtlos in Horváths Anklage über fehlende Nächstenliebe und Gerechtigkeit ein. Das Ensemble sitzt an Biertischen, diskutiert über Wahlen, die Macht des Kaisers und des Staats, Jesus‘ Reich der Gerechtigkeit und das Jammernest Erde mit seinen Paragraphen und Verboten. Kommunisten prügeln sich mit Nazis, und während der sich getäuscht fühlende Alfons am Tisch in der Wachstube sein Leben bejammert, wütet der festgenommene Franz Biberkopf von der Bank gegenüber.

Die alle Hoffnung fahrengelassene Elisabeth kann nicht einmal über ihren Tod im Kanal selbstbestimmt entscheiden. Der Mob trägt sie wie zur Heilsprozession und lässt sie dann aber irgendwann am Altar liegen. Eine Märtyrin des deutschen Herbstes hat das letzte Wort von der Kanzel. Es ist eine dreifache Ulrike Meinhof (Daria Dönch, Barbara Knewitz, Katharina Försch) aus Elfriede Jelineks Stück Ulrike Maria Stuart, die sich nach ideologischem und gescheitertem Kampf mit der Waffe nicht verstanden fühlt, und die Emanzipation im Tod sucht. Der Selbstmord als letzte autonome Tat. Ein etwas resignatives, aber auch starkes Bild zwischen Lieben, Glauben und Hoffen.

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GLAUBE LIEBE HOFFNUNG (St. Johanniskirche Berlin, 20.07.2016)
Regie: Peter Atanassow
Bühne: Holger Syrbe
Kostüm: Thomas Schuster
Dramaturgie: Hans-Dieter Schütt
musikalische Leitung: Vsevolod Silkin
Produktionsleitung: Sibylle Arndt
Grafik: Alexander Atanassow
Es spielt ein gemischtes Ensemble aus Ex-Inhaftierten und Freigängern Berliner Vollzugsanstalten sowie Schauspielern und Berliner Bürgern: AJ, Barbara Knewitz, Christoph Bettinger, Daria Dönch, Hans M., Hasan Adli, Hans-Jürgen Simon, Irene Oberrauch, Jan-Urs Hartmann, Jean, Jugo, Katharina Försch, Kristine Walther, Laurenz Wiegand, Maja Borm, Maria Baton, Mohamad Koulaghassi, Mohammad, Moses, Philipp, Para Kiala, Patrick Berg, Rita Ferreira, Rose Louis-Rudek, Rosemarie Klinkhammer, Sabine Böhm, Six Pack Hansi und Wolf Nachbauer
Premiere war am 20. Juli 2016
Weitere Termine: 28. – 31. 7. / 3. – 6. 8. 2016
Eine Produktion von aufBruch KUNST GEFÄNGNIS STADT

Weitere Infos siehe auch: http://www.gefaengnistheater.de

Zuerst erschienen am 23.07.2016 auf Kultura-Extra.

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Berlin Alexanderplatz – Am Deutschen Theater Berlin inszeniert Sebastian Hartmann den Roman von Alfred Döblin als allegorischen Leidensweg

Berlin Alexanderplatz - Foto DT-Schaukasten

Foto DT-Schaukasten – St. B.

Der im Jahr 1929 erschienene Roman Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin ist in seiner vielfältigen Erzähltechnik wohl eines der wichtigsten Zeugnisse der literarischen Moderne, der Beschreibung der Geschichte der Weimarer Republik und insbesondere der des Großstadtmolochs Berlin. Für Film und Bühne wurde die Die Geschichte vom Franz Biberkopf, wie der Untertitel des in neun Bücher unterteilten Werkes lautet, oft adaptiert. Bereits 1931 stand Heinrich George in der ersten Verfilmung von Piel Jutzi vor der Kamera. Legendär ist auch die 1979/80 von Rainer Werner Fassbinder gedrehte Fernsehserie mit Günter Lamprecht in der Rolle des Franz Biberkopf.

1999 verströmte am Maxim Gorki Theater Berlin Ben Becker in der Rolle des nach 4jähriger Haftstrafe wegen Totschlags aus dem Tegler Knast entlassenen Ex-Transportarbeiters viel naturalistisches Lokalkolorit. Zehn Jahre später assistierte an der Berliner Schaubühne ein Chor echter Knackis unter der Regie von Volker Lösch einem schwitzenden Sebastian Nakajew bei der Arbeit. Unerreicht bleiben dürfte aber die 2001 fürs Zürcher Publikum erarbeitete Romanadaption von Frank Castorf, die vier Jahre später in der Ruine des entkernten Palasts der Republik gastierte.

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Seit Mai hat Berlin endlich wieder eine Bühnenbearbeitung des berühmten Döblin-Romans, die diesen Titel auch verdient und nicht nur den Inhalt in epischer Breite auswalzt oder in Riders-Digest-Manier abschnurrt. Und das am Deutschen Theater, das nicht gerade mit bekömmlich aufbereiteten Dramatisierungen von Romanen geizt. Die Nebenspielstätte Box nicht mitgerechnet, ist das in dieser Spielzeit bereits die fünfte Inszenierung nach einem Werk der Weltliteratur. Ein Zauberberg wird noch folgen. Bis auf die zum Theatertreffen eingeladene Inszenierung des Turgenjew-Romans Väter und Söhne ist die Erfolgsbilanz eher gering. Nun ist auf der Bühne des großen Hauses der nicht ganz unumstrittene Regisseur und Leipziger Ex-Intendant Sebastian Hartmann angetreten, das zu ändern.

Bekannt für einen assoziativ ausschweifenden, bildgewaltigen Regiestil, nähert sich Hartmann ähnlich wie Castorf nicht unbedingt über das Nacherzählen des Inhalts dem Kern des Romanstoffs. Zuletzt konnte man das bei seiner Adaption des Romans Krieg und Frieden von Leo Tolstoi, die 2013 zum Berliner Theatertreffen eingeladen war, sehen. Bei der Inszenierung des Döblin-Romans lässt sich Hartmann von der Vielschichtigkeit der nichtlinearen Erzählebenen und der Montagetechnik Döblins inspirieren. Auf der vom Regisseur selbst gestalteten, fast leeren Bühne beginnt es dann auch zunächst ganz traumwandlerisch mit einem Gewirr von Menschen und Stimmen im Halbdunkel, einem Chor der anonymen Großstadt, dem ein Prolog des als Erzähler fungierenden Schauspielers Moritz Grove folgt, der wie in einer Sportreportage die Moritat des Franz Biberkopf im Schnelldurchlauf abspult. Eine Gewalttour, an deren Ende dieser zwar ziemlich ramponiert dasteht, doch sehend wird.

Da steckt einer lebenslang Schläge ein, wird angezählt, ausgeknockt und steht doch immer wieder auf. Zunächst aber hat der gerade entlassene Franz Biberkopf ein sehr menschliches Bedürfnis. Andreas Döhler klopft an die Tür (hier eine große Blechkiste) von Minna, deren Schwester Ida Franz vor vier Jahren mit einem Sahneschläger erschlagen hatte. Bei einem ziemlich komischen Geschlechtsakt erzählt uns Katrin Wichmann diese sehr expressionisch ausgemalte Geschichte. Beglückt Sebastian Hartmann sein Publikum im Laufe einer Inszenierung immer mal wieder mit einem Slapstick, so beginnt er hier gleich mit einem Running Gag mit Blumenstrauß und Schnapspulle.

 

Foto (C) Arno Declair

Foto (C) Arno Declair

 

Dem Biberkopf begegnen nun nacheinander der Tod (Almut Zilcher), den er nicht erkennt, und ein chassidischer Jude (Edgar Eckert), der ihm die Geschichte des Hochstaplers Stefan Zannowich erzählt, die Franz ebenso wenig versteht. „Man muss zu der Welt gehen können und muss sie sehen können.“ist die Quintessenz, die sich für Biberkopf inmitten der undurchdringbaren Großstadt mit ihren drohenden Häuserfluchten und Menschenmassen nicht erschließt. Er will anständig bleiben, lässt sich aber trotzdem von anderen wieder in Gaunereien verstricken und fällt in sein altes Leben zurück.

Die Inszenierung streift nur die Geschichte um Biberkopfs zwielichtigen Freund und Gegenspieler Reinhold (sehr fahrig-fiebrig Edgar Eckert), dem er Mädchen abnimmt und der schließlich Franzens große Liebe Mieze (Katrin Wichmann) umbringt. Immer wieder werden aber in kleinen Szenen von den anderen Darstellern die allegorischen Einschübe des Romans aus der Bibel über die Leiden Hiobs, die Hure Babylon oder Abraham und dessen Sohn Isaak gespielt. Das macht Sinn, läuft doch das Geschehen um Biberkopf fast wie eine Passion ab. Die Pumps-Bande und der Verlust seines Arms sind hier nur eine Randepisode. Dafür sehen wir ausführlich, wie Reinholt Mieze vergewaltigt und erwürgt. Nach der ersten Pause gibt es eine heitere Wiederauferstehung eines zweiten Liebespaars (Felix Goeser und Wiebke Mollenhauer), das staunend auf das Paar des ersten Teils trifft.

„Besinnungslos und abwesend ist der Mensch.“ heißt es zu Anfang. Regisseur Hartmann entwirft einen Totentanz in drei Teilen, in dem auch immer wieder Walzer getanzt wird und Benjamin Lillie eine nackte geschundene Kreatur aus Döblins poetisch-epischen Schilderungen über den Berliner Schlachthof gibt. Im hohen, sich drehenden Bühnenraum, der einer Kathedrale ähnelt, glüht ein rotes Leucht-Kreuz, und es fahren hohe Lichtwände zu einem Triptychon auf, auf das eine manieristische Kreuzigungsszene aus den Leibern der DarstellerInnen projiziert wird. Wucht und Pathos, dröhnender Technosound und klassische Musik wechseln zu ruhigen oder ironisch überhöhten Spielszenen.

Im Hintergrund flimmert der Moloch Berlin auf schwarz-weißen Videoprojektionen mit animierten Häuserzeilen oder der biblischen Schlange aus dem Paradies, die der Leipziger Künstler Tilo Baumgärtel gestaltet hat. Hartmann fügt dazu Szenen aus der Großstadt mit einen fressenden Mann (Christoph Franken), dessen Verdauung geschildert wird, im Spejbl & Hurvinek-Stil vorgetragene Zeitungsartikel, Politikerreden und das von Michael Gerber gesprochene Otto Reuter-Couplet Berlin ist ja so groß. Ein großes Ganzes wird Hartmann-Collage dann leider nicht. Sie zerfällt ein wenig, auch bedingt durch die zwei Pausen. Nach der großen kathartischen Schlussszene Biberkopfs mit dem Tod beschwört noch einmal der Chor die Zweisamkeit, ein ganz wichtiges Anliegen dieses Abends.

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Berlin Alexanderplatz (DT, 12.05.2016)
nach dem Roman von Alfred Döblin
Regie/Bühne: Sebastian Hartmann
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Lichtdesign / Videogestaltung: Voxi Bärenklau
Videoanimation: Tilo Baumgärtel
Dramaturgie: Sonja Anders, Meike Schmitz
Regieassistenz: Yannik Böhmer, Lena Brasch
Künstlerische Leitung des Chors Christine Groß
Mit: Andreas Döhler, Edgar Eckert, Christoph Franken, Michael Gerber, Felix Goeser, Moritz Grove, Gabriele Heinz, Benjamin Lillie, Wiebke Mollenhauer, Markwart Müller-Elmau, Katrin Wichmann, Almut Zilcher
Premiere war am 12.05.2016 im Deutschen Theater

Termine: wieder am 29.09.2016

Info: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 17.05.2016 auf Kultura-Extra.

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Odysseus, Verbrecher. Schauspiel einer Heimkehr von Christoph Ransmayr – Das aufBruch-Gefängnistheater bespielt die Ruine des alten BVB-Freibads in Berlin-Lichtenberg

Mittwoch, Juli 1st, 2015

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aufBruchOdysseusEinmal im Jahr lädt das Berliner Gefängnistheater aufBruch seine Zuschauer zu einer Inszenierung an einen möglichst geschichtsträchtigen Ort der Stadt. Waren es in den letzten Jahren die Museumsinsel, die Mauergedenkstätte in der Bernauer Straße, die Feuerwache oder das Casino des Flughafens Tempelhof, hat man sich diesmal das alte Freibad auf dem Gelände des BVB-Stadions in Lichtenberg ausgesucht. 1928 errichtet, diente es auch den Nazis als Trainingsstätte für die Olympischen Sommerspiele 1936. Von 1970 bis kurz nach der Wende wieder als BVB-Freibad genutzt, wurde der Ort nach der Schließung 1990 endgültig dem Verfall preisgegeben. Eine Ruine bestehend aus einer Baracke, zwei Schwimmbecken und einem Dreimeterturm, wo die Frösche nun das Sagen haben und sich auch sonst die Natur das Gelände zusehends zurückerobert.

Hier wächst also im wahrsten Sinne des Wortes Gras über Geschichte, und ein älterer Herr fragt am Eingang in der Siegfriedstraße auch etwas ungläubig nach dem Veranstaltungsort, auf den das Plakat mit großem Richtungspfeil verweist. Sichtlich überrascht ist der Mann, dass man im alten Freibad nun Theater spielt, aber auch froh, dass nach 25 Jahren hier endlich mal was passiert. Und dafür hat sich der langjährige aufBruch-Theaterregisseur Peter Atanassow auch wieder ein ganz besonderes Stück Geschichte ausgesucht. Es wird Odysseus, Verbrecher gespielt – Christoph Ransmayrs Bearbeitung der Odysseus-Sage, die den Trojanischen Krieg und seinen antiken Helden etwas ungeschlacht in die Gemetzel der Moderne herüberholt. Wie gemacht also für Atanasow, der es immer wieder schafft, mit seinem archaischen, körperbetonten Stil geschichtsträchtige Stoffe für sein Ensemble aus Ex-Inhaftierten, Freigängern, Schauspielern und Laien zu adaptieren.

Autor Ransmayr hat sein Stück auch als Schauspiel einer Rückkehr geschrieben. Aber Odysseus erscheint hier nicht als glorreicher Held, der sich Thron und Frau zurückgewinnt, sondern als heruntergekommener, traumatisierter Kriegsheimkehrer, der nicht aufhören kann im Modus des ewigen Soldaten zu denken. Atanasow lässt ihn nacheinander sehr eindrucksvoll von vier Darstellern (Hans-Jürgen Simon, Six Pack Hansi, Tadeusz Kruszynski und Wolf Nachbauer) verkörpern, was der Figur eine gewisse Allgemeingültigkeit verleiht. Und so fällt der an den Ufern Ithakas in der Schweinebucht Gestrandete zuerst der forschen Strandläuferin Athene (Irina Weihrich) auf ihrem Beutezug in die Hände. Für sie zählen nur bleibende Werte, von Schiffen und Gesellschaften, die nichts mehr taugen. Und höhnisch spottend nimmt sie Odysseus einen Teil seiner Habe ab. Schließlich war der Krieger ja auch nicht nur wegen der Ehre unterwegs, sondern wegen Uran, Öl usw. Auf den Kopf zu sagt Athene dem Heimgekehrten, der sein Land nicht wiedererkennt: „Aus einem Krieg, Held Trojas, Städteverwüster, ist noch keiner heimgekehrt – jedenfalls nicht als der, der er war.“

Odysseus, Verbrecher im alten BVB-Schwimmbad - Foto: St. B.

Odysseus, Verbrecher im alten BVB-Schwimmbad – Foto: St. B.

Das Willkommen in Ithaka fällt auch im Folgenden nicht besonders herzlich aus. Die Hirten, die eine Art Schlachtenquartett spielen, bei dem die Karte mit der höchsten Zahl von Gefallenen gewinnt, erkennen ihren König zuerst nicht, auch sein Sohn Telemach (Laurenz Wiegand) ist ihm fremd, und der Palast wird von sogenannten Reformern belagert, die das runtergekommene Land wirtschaftlich unter sich aufgeteilt haben und nun um Penelope (Maria Stoecker Baton) freien, um auch an die Krone zu gelangen. Als Bettler verkleidet, schleicht sich Odysseus in den Palast und metzelt schließlich gemeinsam mit den Hirten und seinem Sohn die Reformer als Volksverräter nieder. Ergebnis ist allerdings die endgültige Entfremdung zu seiner Frau („aber der Mann, den ich geliebt habe, ist im Krieg geblieben“), die ihm vorwirft, das Schlimmste getan zu haben, was ein Vater seinem Sohn antun kann. „Odysseus, Verbrecher, du hast ihn zu deinesgleichen gemacht.“

Man kann Ransmayrs Stück sicher in verschiedenste Richtungen interpretieren. Als Kriegsheimkehrergeschichte, Wirtschaftskrimi oder Flüchtlingsdrama, Prämisse aber hat sicher die Story über die dauerhaften Nachwirkungen und Kollateralschäden von Kriegen, wie sie auch heute noch weltweit geführt werden. Atanasow verschränkt Ransmayrs Text auch mit Auszügen aus Werken von Franz Kafka, Botho Strauß, Heiner Müller, Jean Genet, Jean-Paul Sartre, Wolfram Lotz u.a. sowie Heinrich Himmlers Posener Rede an SS-Angehörige und Berichten von ehemaligen Bundeswehrsoldaten, was dem zu Zeigefingertheater und Holzhammerdidaktik neigendem Stück etwas Wahrhaftiges verleiht. Neben dem Chor der Krüppel und Gefangenen, die Odysseus beständig verfolgen und plagen, werden auch die eingeschobenen Passagen meist chorisch oder auch mal im Solo vorgetragen und handeln von Gewalt, Tod, militärischem Drill und chauvinistischer Zurichtung von Soldaten sowie nationalistischem Größenwahn und Fremdenhass.

Es wird viel marschiert, Tango getanzt und wie immer sehr schön im Chor gesungen. Vor allem passende Soldatenlieder wie „Wir lagen vor Madagaskar“, „Heimat deine Sterne“, „Lili Marlen“ oder „Hundert Mann und ein Befehl „, aber auch das Gefangenlied „Po Lazarus“ und ein herzzerreißendes „O Happy Day“ der Amme Euryklia (Rose Louis-Rudek) beim Wiedererscheinen des verlorenen Odysseus. Ein besonderes Augenmerk legt die Inszenierung aber noch auf die Klage der Mägde, die als wehrlose Frauen am meisten unter Krieg, Rache und Vergewaltigungen zu leiden haben. Auch ein kleines Lehrstück in Sachen Siegerjustiz. Insgesamt eine sehr gute Teamleistung und anschauliche Performance aller Beteiligten mit hohem künstlerischem Anspruch wie politischer Aussagekraft.

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Odysseus, Verbrecher
Von Christoph Ransmayr
Regie: Peter Atanassow
Dramaturgie: Hans-Dieter Schütt
Bühne: Holger Syrbe
Kostüme: Belén Montoliu
Choreografie: Ronni Maciel
Musikalische Einstudierung: Vsevolod Silkin
Produktionsleitung: Sibylle Arndt
Grafik: Alexander Atanassow
Es spielt ein gemischtes Ensemble aus Freigängern, Ex-Inhaftierten, Schauspielern und Berliner Bürgern mit: Ali El-Faour, André Stiller, Anna Maria Sosnik, Birte Flint, Celio, Christoph Bettinger, Dominik Hermanns, eko a, Hans-Jürgen Simon, Irene Oberrauch, Irina Weihrich, Jan-Urs Hartmann, Jean, Katja Götz, Laurenz Wiegand, Mathis Köllmann, Maria Stoecker Baton, Mohamad Koulaghassi, Olivia Beck, Rita Ferreira, Rose Louis-Rudek, Sabine Böhm, Sarah Zastrau, Sidney Steven Hübner, Six Pack Hansi, Tadeusz Kruszynski, Wolf Nachbauer

Premiere war am 24.06.2015 im alten BVB-Freibad in Berlin-Lichtenberg, Siegfriedstraße 71

Weitere Vorstellungen: 1.- 5. und 8.- 12. Juli 2015 jeweils um 19.30 Uhr

Infos: http://www.gefaengnistheater.de/aktuelles-details/odysseus-verbrecher.html

Zuerst erschienen am 30.06.2015 auf Kultura-Extra.

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Maria & Elisabeth – In der Mauergedenkstätte an der Bernauer Straße läßt das aufBruch Gefängnistheater Schiller, Schleef und die Systeme aufeinanderprallen

Freitag, September 2nd, 2011

Das Lied von der Moldau

von Bertolt Brecht

Am Grunde der Moldau wandern die Steine
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne
Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt.
Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne
Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt

Am Grunde der Moldau wandern die Steine
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

(Lied aus dem Stück „Schweyk im Zweiten Weltkrieg“, Musik von Hans Eisler)

Nachdem Peter Atanassow, der Regisseur des aufBruch Gefängnistheaters, bereits im letzten Jahr an der Museumsinsel mit Kleists „Penthesilea“ Machtstrukturen, Ideologien und Geschlechterkampf untersucht hatte, stellt er im 50. Jahr des Mauerbaus den Kampf der Systeme zwischen Ost und West in den Mittelpunkt seiner Inszenierung „Maria & Elisabeth“ nach Friederich Schiller. Was könnte Schillers Drama „Maria Stuart“ mit den sich bis 1989 an der Berliner Mauer direkt und antagonistisch gegenüberstehenden Weltanschauungen zu tun haben? Es sind die beiden Hauptfiguren, die bei Schiller in einem Kampf der Religionen um die Macht und die bedingungslose Durchsetzung der Staatsraison aufeinanderprallen. Zwei Königinnen im ungleichen Wettstreit um die Krone und die allumfassende Wahrheit.

aufbruch-mariastuart.jpg Das Stück läuft noch bis 11.09.

Das England zur Elisabethanischen Zeit war im Glaubenskrieg zwischen der katholischen, dem Papst ergebenen und der protestantisch anglikanischen Kirche tief entzweit. Das manifestierte sich in den beiden Königinnen von Schottland und England, Maria und Elisabeth. Maria Stuart, von protestantischen Adligen aus Schottland vertrieben, sucht Schutz bei ihrer Cousine Elsabeth I. von England und wird wegen Hochverrats festgesetzt, da sie ihrerseits zum Idol von katholischen Verschwörern geworden ist und Elisabeth um ihre Macht fürchtet. Soweit ist die Parallele zum Kampf der beiden Systeme im Kalten Krieg in Europa nach dem 2. Weltkrieg zutreffend. Um das zu untermauern, schiebt Atanassow immer wieder Textfragmente von Einar Schleef aus seinen Tagebüchern zwischen 1981 und 1998, den Stücken sowie Passagen aus dem gerade erschienen Buch „Ich habe kein Deutschland gefunden“, mit Texten und Mauerbildern von Einar Schleef zwischen die Handlung.
Das Freigelände im ehemaligen Mauerstreifen an der Bernauer Straße ist von beiden Seiten mit Mauerteilen und Zäunen begrenzt, es sind etliche Betonschwellen zu einem Podest aufgeschichtet, ein Gitterrostweg geht von vorn bis zu einem kleinen Hügel nach hinten. Nachdem es dunkel geworden ist, leuchten viele rote Grabkerzen im Hintergrund. Die Weite des Platzes suggeriert Offenheit, wirkt gleichermaßen aber auch bedrückend. Die MitspielerInnen des AufBruch-Teams sind in schwarze Anzüge gekleidet, Elisabeth tritt in weiß aus ihnen hervor, Maria ist schwarz gewandet. Die Rollen der Königinnen sind, wie oft bei aufBruch, mit mehreren Darstellern besetzt. Die Aufführung beginnt aber mit einem Auszug aus Einar Schleefs Stück „Lange Nacht“, in dem die Mutter zweier aus der DDR geflohener Brüder, den beiden, bei ihrem ersten Besuch im Westen, bittere Vorwürfe macht. Der Vater ist bereits tot und auch die Mutter wird zum Schluss sterben. Einar Schleefs zwischen Ost und West zerrissene Biografie schlägt sich auch in diesem letzten Stück nieder. Seine Schuldgefühle treiben ihn durch sein gesamtes Werk, die Mutter Gertrud verewigt er in einem 2-bändigen Roman mit über 1000 Seiten.
Elisabeth regiert ein geteiltes Land, sie kann sich nicht sicher sein, zwischen ihren karrieristischen Ratgebern. Diese versuchen sie zu manipulieren und für sich einzunehmen, wo sie nur versucht das Land zu einen. Das aber tut sie mit harter Hand. Marias Weiblichkeit und ihrer vermeintlich moralischen Überlegenheit der Unterdrückten, begegnet sie, trotz leiser Zweifel, letzendlich mit einer fast unerschütterlichen Gewissheit, das Richtige zu tun. Das als Metapher für den Kalten Krieg und das geteilte Deutschland zu verstehen, funktioniert trotzdem nur bedingt. Atanassow braucht die Texte Schleefs mit all ihrem Zweifel und Pessimismus den Deutschen gegenüber, um hier die richtigen Assoziationen zu wecken. Die Tagebucheinsprengsel vermitteln das auf eindrucksvolle Weise.
Aus dem psychologischen Kammerspiel Schillers wird so ein Kampf um die richtige Weltanschauung. Die Figuren sind stark überzeichnet, Burleigh ganz der ideologische Einpeitscher, Shrusbury als mäßigende Kraft ohne Einfluss und schließlich Leicester als der wendige Karrierist, alles Charaktere, wie es sie auf beiden Seiten der Mauer zu hauf gab. Dazu kommen das Fußvolk wie Paulet, der ehrliche Parteisoldat und sein Neffe Mortimer als der ideologisch Verführte. Maria wird für den verblendeten Mortimer zum Ideal, dem er sein Leben opfern will, ob ihr das recht ist oder nicht. Er hat sich in diese Idee verbissen und fordert Maria auf, sich diesen heeren Zielen zu stellen, koste es was es wolle. Sie kann sich den Avancen des eifernden Mortimers im wahrsten Sinne des Worten kaum noch erwehren.

kapelle-der-versohnung.JPG Kapelle der Versöhnung auf dem Gelände der Mauergedenkstätte – Foto: St. B.

Die Begegnung der gegensätzlichen Überzeugungen, in Person der beiden Königinnen, eigentliches Zentrum von Schillers Drama, findet unter großem Auflauf, fast wie ein Staatsakt statt. Maria, erst gedemütigt auf ihren Knien, wirft sich schließlich in Pose, um ihrerseits Elisabeth zu demütigen. Die Parteien stehen sich unversöhnlich gegenüber. Im Schleefschen Chor wird immer wieder das Gesprochene Wort des Einzelne zur Massenphilosophie. Nach dem Verrat Leicesters, bricht das labile Konstrukt der Putschisten zusammen, die Idee ist schnell erledigt, man geht über Leichen. Im Hintergrund murren die Untertanen und skandieren „Wir sind das Volk“, ein zynischer Verweis auf die Wendezeit. Die eigentliche Bluttat an der Maria wird in die untere Befehlsreihe deligiert, der arme Davison mit dem ungewollten Todesurteil wird zum Spielball der Mächtigen, die sich selbst nicht die Hände schmutzig machen wollen. Etwas überzogen und theatralisch dann doch der Weg der Maria zum Schaffot, der Priester mit Hirtenstab und in Tränen aufgelöste Bedienstete.
Ansonsten wird wie immer bei AufBruch viel marschiert, gerannt, im Chor deklamiert und auch gesungen. „Heil dir im Siegerkranz“, Brechts „Lied von der Moldau“ und „Dies Irae“ aus Mozarts Requiem, dem staatstragenden Oratorium schlechthin, von Kaisers Zeiten bis in die Gegenwart beider deutscher Staaten. Schillers idealistisches Bild, des reinen Menschen, der sich in seiner Mannigfaltigkeit in einem Staate zu vereinigen trachtet, ist im Sozialismus pervertiert und gescheitert, aber auch in der Demokratie ist es noch nicht erreicht. Schleef sah sogar voraus, dass der Kampf der Systeme weitergeführt wird: „Völker hört die Signale!“ (Droge Faus Parzival) Darin nur den Kampf des „protestantisch“ streng ideologisierten Ostens gegen den freien „katholisch“ geprägten Westen zu sehen, wäre zu kurz gegriffen, auf diese Idee kommt Atanassow auch gar nicht erst. Er lässt Bezüge dieser Art offen, wie auch Einar Schleef sein Glück weder im Osten oder Westen, noch im vereinten Deutschland gefunden hat. „Deutschland ist weiß. Wir sind uns einig.“ skandiert der Chor zum Schluss.

Deutschland ist weiß

Fliehen wovor. Die Kindheit abschließen, das Unmündigsein um erwachsen zu werden und schuldig. Um mit Falten zu sagen: Das habe ich nicht gewollt. Ich bin immer dagegen gewesen. Ein ganzes Volk, was seine Vergangenheit verschlingt, das Aas unter der Erde versteckt, um es, wenn es Zeit ist, wieder hervorzuholen. So knurrt ein Volk in Wut, unmündig, müde und hungrig, an seiner Grenze zermahlt es sich und ist unfähig sich zermahlen zu lassen. So müde ist es schon, unfähig die Hände zu heben: Ich bin nicht schuld, ich habe nichts getan. Den Schrei ersticken Hunger und Essen. Es schläft, es verdaut, es bewegt sich so emsig, es ist wieder wach mit geschlossenen Augen. Blind. Damit es die Rute nicht sieht, die eigene Schuld ist nicht sichtbar, wir geben uns auf um ganz eins zu werden. Deutschland ist weiß. Es gibt keine Grenzen. Du bist Zeuge. Das Auge neben dir. Hier aus der Höhe. Licht und Rauch auf den Straßen. Autoverkehr. Die leuchtenden Parolen. Deutschland ist weiß. Unschuldig. Jeder arbeitet im regelmäßigen Takt, ohne Besinnung, ohne den Kopf zu heben. Deutschland ist weiß. Der Schweiß wäscht es reine. Es leuchtet die Unschuld aus jeder Pore. Deutschland ist weiß. Wir sind uns einig.

(Einar Schleef, Tagebuch 1981, aus Tagebuch 1981-1998, Frankfurt am Main und Westberlin, erschienen im Suhrkamp Verlag)

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Wenn´s vorne juckt und hinten beißt – Der eingebildete Kranke von Molière in einer Version des Hexenkessel Hoftheaters

Freitag, August 5th, 2011

  Foto: St. B. dsc04413.JPGDas Theatergelände auf dem Bunkerdach neben dem Amphitheater an der Monbijoustraße.

Seit vier Jahren steht es nun gegenüber dem Bodemuseum, das Amphitheater am Rande des Monbijouparks. Die Truppe des Hexenkessel Hoftheaters bespielt es von Juni an bis in den September mit mindestens drei Stücken pro Saison. Gegründet 1994 in einem Berliner Hinterhof, fühlt man sich dem fahrenden Theatervolk verwandt und der Comedia dell’arte und Shakespeare verpflichtet. Immer unter freien Himmel, bei Wind und Wetter gibt es von Dienstag bis Samstag täglich zwei Stücke hintereinander und am Sonntag noch das Improtheater mit Turbine William wie die Birne. Nur Montag ist spielfrei und man überlässt dem musizierenden Volk die Bühne. In den letzen Jahren gab es Shakespeares „Sommernachtstraum“ mit zirzensischen Kunststücken, „Viel Lärm um Nichts“, eine sehr moderne Version von „Romeo und Julia“ oder den „Sturm“ im wahrsten Sinne des Wortes. Den gibt es freilich meist gratis inklusive Regen direkt vom freien Himmel dazu.

Nachdem es das Wetter ja bekanntermaßen mit den Open-Air-Verrückten in den letzten Tagen nicht so besonders gut meinte, scheint pünktlich seit Dienstag wieder die Sonne und die Gaukler bevölkern weiter unermüdlich die Bühne des Amphitheaters. Neben Shakespeares „Wintermärchen“, in einer zwischen Humor und Melancholie schwankenden Sparvariante für drei Schauspieler, einen Erzähler sowie hungrigen Tanzbären, sind noch Goldonis „Diener zweier Herren“ und seit Ende Juli auch „Der Eingebildete Kranke“ von Molière zu sehen. Dieses Stück des französischen Komödienautors entbehrt nicht einer gewissen Tragik, ist es doch das letzte Stück Molieres, der 1673, selbst in der Rolle des Argan, auf der Bühne einen krankheitsbedingten Anfall erlitt und daheim in den Armen zweier Nonnen verstarb.

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Penthesilea und Achill nach Heinrich von Kleist

Freitag, September 3rd, 2010

Eine Produktion von aufBruch KUNST GEFÄNGNIS STADT auf der Berliner Museumsinsel

Mitten in einer Regietheaterdebatte auf Nachtkritik ist es immer ganz praktisch anhand von Beispielen argumentieren zu können. Um so besser wenn diese auch noch aktuellen Bezug haben und so trifft es sich gut, dass das Gefängnistheater aufBruch Kleists Penthesilea als Freiluftvariante im Kolonnadenhof auf der Museumsinsel präsentiert. Das Stück heißt hier Penthesilea und Achill, was sagen soll, das man Kleists Text nur als Vorlage benutzt und Eigenes einflechten will, daher auch nach Kleist.
Kurz zum Inhalt so weit nicht bekannt. Auf dem Schlachtfeld im Krieg um Troja erscheint nach 10 langen Kriegsjahren nun auch das kriegerischen Amazonenvolk, geführt von ihrer Königin Penthesilea. Nachdem sie endlich auf Seiten der Trojaner ins Geschehen eingreifen, begegnen sich Penthesilea und der griechische Held Achill. In der Ilias von Homer tötet Achill Penthesilea und verliebt sich dann in sie, unfähig weiter am Kampf teilnehmen zu können. Kleist hat die Geschichte umgearbeitet und zu einem Kampf der Geschlechter zwischen Liebe und Tradition gemacht. Hier ziehen sich Penthesilea und Achill fasziniert von einander wechselseitig immer wieder an, um sich dann ganz in der traditionellen Rolle ihres Volkes wieder ab zu stoßen. Nachdem Achill im Kampf mit Penthesilea erst siegreich ist, unterwirft er sich ihr Dank einer List Prothoes, der Vertrauten der Amazonenkönigin. Es entwickelt sich nun eine Liebesszene in der Achill sie für sich gewinnen will. „Du sollst den Gott der Erde mir gebären!“ Penthesilea erkennt aber schließlich, das es nur ein Betrug war und sie eigentlich unterlegen ist. Nach dem sie erneut im Kampf voneinander getrennt werden, erwacht ihre alte Amazonenehre. Achill will sich nun erneut mit ihr messen, um sich wieder im Schein zu ergeben und mit ihr ziehen zu können. Penthesilea verkennt dies und zerfleischt nun Achill in ihrem Wahn von Zuneigung und Hass. „Küsse, Bisse , das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, kann das eine für das andre greifen.“ Sie folgt nun Achill in den Tod, indem sie aus ihrem Herzen ein „vernichtendes Gefühl“ hervorgräbt und zu einem Dolche formt. Für Kleist lag darin „… der ganze Schmutz und Glanz meiner Seele.“ Man kann durchaus sein Scheitern im Leben und in der Liebe mit diesem sehr persönlichen Stück in Verbindung setzen.
In der Regie von Peter Atanassow, der neben seinen Film- und Fernseharbeiten immer wieder mit dem Gefangentheater aufBruch zusammenarbeitet, dreht sich die Inszenierung genau um diesen zentralen Widerspruch Liebe und Tradition zwischen den Geschlechtern. Die Griechen treten in Soldatenmänteln auf, die Amazonen tragen unter ihrer Soldatenkleidung mit Reithosen, schwarze Bustiers. Die Männer wie die Frauen führen immer wieder archaische Kampfchoreografien auf, es wird viel im Chor skandiert, ein typisches Instrument des aufBruch-Theaters, bekannt aus Aufführungen von Heiner Müllers Wolokolamsker Chaussee, dem Spartakus oder der Nibelungen von Hebbel. Die Männeriten werden durch das Singen des Zarah Leander-Liedes „Davon geht die Welt nicht unter“ als Lanzersong verdeutlicht, sie wollen „Hellas heim ins Reich“ holen. Später werden sie die Amazonen wie Hunde anbellen. Genauso stark ist die Verachtung der gefangenen Griechen durch die Amazonen. Die Frauen werfen die Soldaten als Trophäen vor sich auf den Boden. Die Gruppen stehen sich unversöhnlich gegenüber. Auch die Hauptprotagonisten Penthesilea und Achill stellen sich anfangs als stolze und starke Führer vor ihr Volk. Erst als sie durch ihre Liebe an den Traditionen zweifeln, spalten sie sich in mehrere Akteure auf, versinnbildlichen so den Riss in ihrem Inneren und zwischen den Gruppierungen. Atanasow verdeutlicht diesen Widerspruch sogar noch, indem er verschiedene Nationalitäten und soziale Schichten in seinem Ensemble zusammenführt. Der Riss geht heute nicht nur durch die Geschlechter, sondern durch die gesamte Gesellschaft.
Die Liebe zwischen Penthesilea und Achill scheitert an diesen Schranken. Gemeinsam singen die Schauspieler das Lied aus der Winterreise „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus.“
Am Ende nach der schrecklichen Tat steht Penthesilea mit den Überresten von Achill in zwei Plastiksäcken vor dem Chor. Nach ihrem Fall erklingen die Kleistschen Schlussworte: „Sie sank, weil sie zu stolz und kräftig blühte! Die abgestorbne Eiche steht im Sturm, Doch die gesunde stürzt er schmetternd nieder, Weil er in ihre Krone greifen kann.“ Das Ensemble des aufBruch schafft hier eine kluge auf das zentrale Thema gekürzte Fassung mit deutlich moderner Lesart. Das einige heute wieder Kleist vor Goethe sehen, liegt sicher daran, das Kleist bei allem Archaischen immer auch den Menschen mit all seinen Schwächen dahinter gesehen hat.
Ich möchte hier noch auf einen Text von Christa Wolf, erschienen 1983 in einem Nachwort zu einer Penthesilea-Ausgabe des Buchverlages der Morgen, hinweisen. Hier verdeutlicht sie noch mal die Grundproblematik des Konflikts, als Missverständnis der Geschlechter in der Sicht auf ein selbstbestimmtes Recht der Frau auf individuelle Liebe. „…als sollten Nord- und Südpol zueinander kommen, als sollten die beiden Enden eines Magnets zusammengeführt werden: in der Art einer verheerenden Naturkatastrophe entladen sich die unvereinbaren Gegensätze.“

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weitere Termine unter:  www.gefaengnistheater.de