Archive for the ‘Autorentheatertage 2016’ Category

Fantasie und Wirklichkleit – Roland Schimmelpfennig und Jakob Nolte bei den AUTORENTHEATERTAGEN im Deutschen Theater Berlin

Sonntag, Juli 3rd, 2016

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An und Aus von Roland Schimmelpfennig – Ein Gastspiel des Nationaltheaters Mannheim

ATT 2016An und aus heißt die von Roland Schimmelpfennig vor drei Jahren für das National Theatre Tokyo geschriebene poetisch-melancholische Seitensprungkomödie, die aber indirekt von der Reaktorkatastrophe im japanischen Fukushima handelt. Die deutsche Erstaufführung fand im Januar in der Regie des Schauspielintendanten Burkhard C. Kosminski im Nationaltheater Mannheim statt und gastierte nun bei den AUTORENTHEATERTAGEN im Deutschen Theater Berlin.

Außer dem Datum (der 11.03.2011), das zu Beginn an eine vom Schnürboden herabhängende, weiße Papierbahn geschrieben wird, erinnert allerdings nichts auf der leeren Bühne oder im Stück selbst an das Unglück, das durch einen Tsunami ausgelöst wurde. Lediglich die Beschreibung eines Bildes des japanischen Holzschnittkünstlers Hokusai im Text, lässt die große Welle als Imagination entstehen. Das Bild hängt in einem kleinen Hafenhotel mit drei Zimmern und einem Rezeptionisten – der Junge mit der Brille (Sven Prietz) genannt – der die Schlüssel der Zimmer immer montags an drei Paare aushändigt, die sich hier zu einem wöchentlichen Routineseitensprung treffen.

Ohne dass sie voneinander wissen, gehen Frau Z. und Herr A. (Katharina Hauter, Stefan Reck) immer in Zimmer 1,  Frau A. und Herr Y. (Ragna Pitoll, Fabian Raabe) in Zimmer 2 und Frau Y und Herr Z. (Hannah Müller, Reinhard Mahlberg) in Zimmer 3. Die perfekte „Montagsaffäre“, wie sie auch der Junge mit der Brille gerne hätte, nur dass er mangels Zeit mit seiner Angebeteten, dem Mädchen auf dem Fahrrad (Anne-Marie Lux), das in einer Wetterstation auf dem Berg arbeitet, nur per SMS verkehrt. Beide erzählen sich das poetische Märchen vom fliegenden Wal und der versunkenen Biene, die nicht zueinander passen wollen. Fisch sucht Fahrrad, während in den drei Hotelzimmern zunächst alles wie immer läuft.

 

An und aus - Foto (c) Christian Kleiner.

An und ausFoto (c) Christian Kleiner

 

Scheinbar nur, denn nachdem das Licht an-, aus- und wieder angegangen ist, ist nichts mehr so wie es war. Frau Z. hat zwei Köpfe und Herr A. keinen Mund mehr. Frau A. fühlt sich schwer wie ein Stein und dem Läufer Herrn Y. brennt das Herz. Frau Y. ist eine Motte im schwarzen Regen und Herr Z. ein  toter Fisch. Genau wie in seinem Stück SPAM über den Coltan-Abbau in Afrika verhält sich Schimmelpfennig nicht direkt zur eigentlichen Katastrophe, sondern verschachtelt das Ganze mit virtuos-poetischer Wortakrobatik in bildhafte Metaphern von Fischen und anderen Tieren.

Regisseur Kosminski macht noch das Beste aus diesem manchmal in seinen Textwiederholungen schon recht redundanten Schimmel(Spar)pfennig. Fast papieren wirkt das Stück, wie das Bühnenbild selbst, auf das die SchauspielerInnen ihre Requisiten malen, in das sie mit dem Cuttermesser Öffnungen schneiden und mit dem sie Geräusche von Wellen und Wind machen können. Schließlich bricht alles über den Paaren zusammen, die sich nach dem Wühlen durch die Papierberge in ihr altes Leben zurückwünschen und doch vor den Trümmern ihrer Konsumgüter und Lebenslügen stehen. Bildhaft ist das stimmig, allerdings verfängt sich das Stück zunehmend in endlosen Textschleifen.

Auch Wal und Biene finden nicht zueinander. Dramatisches Cellospiel und schwarzer Flitterregen auf drehendem Bühnenrund künden vom Weltenende. „Die Welt ist verschwunden, aber die Sterne sind so klar wie nie vorher.“, heißt im Text. Oder „Hast du mal versucht, den Schatten eines Vogels zu fotografieren?“ Deformationen, Sprachlosigkeit, bleierne Schwere und unerfüllt brennende Herzen gehören sicher zu den menschlichen Katastrophen unserer in grenzenlosem Wachstum und Arbeitsroutine versinkenden Gesellschaft. Eine besondere Dringlichkeit merkt man hier aber nie.

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An und Aus (Deutsches Theater Berlin, 18.06.2016)
von Roland Schimmelpfennig
Deutschsprachige Erstaufführung am 09.01.2016 im Nationaltheater Mannheim
Regie: Burkhard C. Kosminski
Bühne: Florian Etti
Kostüme: Lydia Kirchleitner
Musik: Hans Platzgumer
choreographische Mitarbeit: Jean Sasportes
Licht: Nicole Berry
Dramaturgie: Ingoh Brux
Mit: Sven Prietz, Anne-Marie Lux, Katharina Hauter, Stefan Reck, Ragna Pitoll, Fabian Raabe, Hannah Müller, Reinhard Mahlberg
Dauer: ca. 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Infos: http://www.nationaltheater-mannheim.de

Zuerst erschienen auf Kultura-Extra am 18.06.2016.

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Gespräch wegen der Kürbisse – Jakob Nolte amüsiert mit seinem neuen Stück in der Uraufführungsinszenierung von Tom Kühnel in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin

Kleine Höhepunkte der AUTORENTHEATERTAGE sind mit Sicherheit die Uraufführungen der drei Gewinner der Stückausschreibung, die aus einer Auswahl von 175 eingesandten Stücken durch die diesjährige Alleinjurorin Barbara Behrendt gekürt wurden. Neben Inszenierungen aus Wien und Zürich ging für das Deutsche Theater Berlin Jungdramatiker Jakob Nolte ins Rennen. Er ist u.a. bekannt als Teil des Autorenduos Nolte/Decar, das bereits mit der Groteske Der neue Himmel bei den ATT15 vertreten war und einen veritablen Erfolg mit ihrem Stück Das Tierreich am Schauspiel Leipziger landete. Noltes einstündige Konversationskomödie Gespräch wegen der Kürbisse wurde von Regisseur Tom Kühnel auf der Hinterbühne der Kammerspiele mit den beiden großartigen DT-Schauspielrinnen Maren Eggert und Natali Seelig uraufgeführt.

 

Gespräch wegen der Kürbisse von Jakob Nolte Regie: Tom Kühnel Bühne: Jo Schramm Kostüme: Linda Tiebel Dramaturgie: Ulrich Beck Auf dem Bild: Maren Eggert, Natali Seelig Copyright Arno Declair arno@iworld.de Birkenstr.13b 10559 Berlin tel +49 (0) 30 695 287 62 mobil +49 (0)172 400 85 84 Konto 600065 208 Blz 20010020 Postbank Hamburg IBAN/BIC: DE70 2001 0020 0600 0652 08 / PBNKDEFF Veröffentlichung honorarpflichtig! Mehrwertsteuerpflichtig 7% USt-ID Nr. DE118970763 St.Nr. 34/257/00024 FA Berlin Mitte/Tiergarten

Foto (c) Arno Declair

 

Zwei beste Freundinnen mit den sprechenden Namen Anna Krachgarten (Eggert) und Elisabeth Mishima (Seelig) treffen sich in einem Café, und während sie auf ihre Bestellung warten, hauen sie sich, wie man so schön sagt, gegenseitig die Taschen voll. Ein Kaffeekränzchen der besonders grotesken Art. Eine Satire auf bürgerliche Befindlichkeiten, das zunehmend ins Surreale kippt, wie in einem Einakter von Georges Courteline, ohne sich jedoch in dessen absurde Höhen zu schrauben.

Autor Nolte lauscht seinen Damen, einer Wissenschaftlerin und einer Lektorin im Ausstand, ein sogenanntes Frauengespräch über Urlaub, Arbeit, natürlich die Männer und Väter sowie den israelischen Mossad ab. Das klingt nicht nur banal bis absurd, das ist es auch, und auch wieder nicht. Die Spannung liegt hier in der Möglichkeit und Unmöglichkeit gleichermaßen, in den Behauptungen, kleinen Sticheleien, Lügen und Übertreibungen. Man schlägt sich und verträgt sich verbal. Innere Verletzungen sind einkalkuliert. Mit der Wirklichkeit nimmt es hier keine so genau.

Und doch versucht Raketenforscherin Elisabeth die Kontrolle über das Gesagte zu erringen, während Urlauberin Anna ihrer Fantasie allzu freien Lauf lässt. Nolte füttert das Gespräch zunächst mit reichlich Banalitäten und Small Talk, bis es dann weiter mit einer Agentenstory um den angeblich vom Mossad ermordeten Vater Elisabeths und den Suizid von Annas Erzeuger in China geht. Nebenbei erfährt man von einem Bücher schreibenden Sebi und dass Elisabeth mit Frau und Kind unglücklich ist. Das Meer rauscht, und in der blühenden Fantasie von Anna klingen ausgehölte Kürbisse wie Glocken, während für Elisabeth ein Raketenauftrag der Regierung das Selbstverständlichste von der Welt ist.

Die beiden Freundinnen traktieren sich mit gegenseitigen Vorwürfen und Unterstellungen, schweifen oder lenken vom Thema ab und landen irgendwann bei Leichen aus dem Meer, die im Strandkorb angeschwemmt oder samt Atommüll mit Kanonen ins All geschossen werden. Jakob Nolte surft vom Privaten mit Depressionen und Einsamkeit über Verschwörungstheorien zum Aktuell-Politischen und wieder zurück. Dazu dreht sich das Damenkränzchen auf der Hinterbühne der Kammerspiele, und ein von der Volkssternwarte Laupheim e.V. (stimmt wirklich) ausgeliehener Zeiss-Sternenprojektor erzeugt ein wenig Diskokugel-Feeling zu dramatischer Musikuntermalung.

Regisseur Kühnel macht das Beste draus und lässt seinen beiden Protagonistinnen viel Spielraum, den die beiden sogar zu ein paar Gesangseinlagen mit Mikro nutzen. Irgendwann kommt auch noch der Kaffee hereingerollt, ansonsten geht es einem wie dem sprichwörtlichen Sack Reis in China. Who cares? Noltes Weltenmeerfantasie ist relativ flach, aber Dank der Damen doch halbwegs amüsant.

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Gespräch wegen der Kürbisse (30.06.2016, Kammerspiele des DT)
von Jakob Nolte
Uraufführung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters am 25.06.2016
Regie: Tom Kühnel
Bühne: Jo Schramm
Kostüme: Linda Tiebel
Dramaturgie: Ulrich Beck
Mit: Maren Eggert, Natali Seelig
Dauer: 1 Stunde, keine Pause
Termine: 05. und 14.07., dann wieder am 26.09.2016

Infos: http://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen auf Kultura-Extra am 02.07.2016.

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Henriette Dushe und Thomas Melle bei den AUTORENTHEATERTAGEN 2016 im Deutschen Theater Berlin

Donnerstag, Juni 30th, 2016

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Bilder von uns von Thomas Melle bei den AUTORENTHEATERTAGEN 2016 im Deutschen Theater Berlin – Ein Gastspiel des Theaters Bonn

ATT 2016Zunächst einmal gibt es nur ein Bild. Dem erfolgreichen Verlagsmanager Jesko Drescher aufs Handy gesendet, verursacht es fast einen Unfall und lässt Jesko, der sich darauf als fast nackter 12jähriger wiederkennt, sein früheres Leben wie einen einzigen Unfall vorkommen. Es geht im Stück Bilder von uns, das auch für die Mülheimer Theatertage nominiert wurde, um einen Fall von Kindesmissbrauch, verübt von einem Pater und Lehrer eines katholischen Elitekollegs. Inspiriert wurde Autor Thomas Melle von ähnlichen Vorfällen im Bad Godesberger Aloisiuskolleg, an dem er selbst Schüler war.

Der Schauspieler Benjamin Grüter steht als Jesko mit seinem Smartphone zu Beginn im grellen Licht eines Diaprojektors. Um ihn herum auf alten Klassenzimmerstühlen sitzend erzählt das übrige Ensemble die Anfangssequenz. Alte Diaprojektoren sind hier neben den Stühlen einzige Requisiten (Bühne: Cora Saller). Sie sind im weißen Licht wie leere Erinnerungen, die mit flüchtigen Imaginationen gefüllt werden, oder richten sich wie Verhörlampen auf die Protagonisten.

Die Bilder aus einer Vergangenheit, die verdrängt schien, verfolgen Jesko und bringen Unordnung in sein Leben. Der Verunsicherte beginnt nun im Kreis alter Schulkameraden nach dem Versender der Fotos zu suchen, trifft aber zunächst nur auf Ignoranz und Ablehnung. Er reagiert aggressiv, da er die Kontrolle über sein Leben zu verlieren scheint. Schließlich vertraut sich Jesko Malte (Hajo Tuschy), dem Inhaber einer „Werbeklitsche“ und Johannes (Holger Kraft), einem zynischen Anwalt, an.

An wirklicher Aufklärung des Falls, der sich nun wie ein kleiner Krimi entfaltet, scheint aber weder Johannes noch Jesko interessiert. Für den Anwalt ist es ein Fall wie jeder andere mit einer flexiblen Wirklichkeit. Jesko scheut die Konsequenzen eines Gangs an die Öffentlichkeit, einen Wirbel, den keiner braucht. Er möchte nicht zum handlungsunfähigem Objekt und Opfer gemacht werden. Malte ist dagegen für einen offensiven Umgang, bei dem er Diskurs und Deutungshoheit bestimmen will.

Thomas Melle beschreibt hier sehr schön das Funktionieren eines geschlossenen Systems wie das des Kollegs, bestehend aus der Ausnutzung von Macht und Angst, das auch nach dessen Ende noch weiter funktioniert. Ausdruck dafür sind die verschiedenen Mechanismen der Verdrängung, die eine Aufarbeitung fast unmöglich machen. Das schwächste Mitglied, der psychisch gebrochene Konstantin (Benjamin Berger), nimmt sich schließlich das Leben. Nachdem auch Pater Stein gestorben ist, werden Bilder und Akten vernichtet, und Jesko schafft sich abwehrend seinen „neuen Lügenkomplex“. Dadurch verliert er auch seine Frau Bettina (Mareike Hein), nachdem er sich in eine unbefriedigende Affäre mit der Lehrerin Katja (Johanna Falckner) gestürzt hat.

Regisseurin Alice Buddeberg inszeniert das dialogreiche Stück recht sparsam aber durchaus spannend. Einige der reflexiven Prosapassagen werden von Lydia Stäubli wie eine Art schlechtes Gewissen von Jesko gesprochen. Sie ist als Freundin von Konstantin auch die Versenderin der Bilder und letztendlich auch Jeskos „Todesengel“. Es gibt keine Erlösung, wie Konstantin in seinem Abschiedsbrief schreibt. Auch Jeskos Leben geht schließlich in die Brüche. Die Fragmente seines Ichs, damals und heute, fügen sich zu keiner neuen Identität. Der anfängliche Unfall wird Realität.

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BILDER VON UNS (DT Berlin, 19.06.2016)
von Thomas Melle
Regie: Alice Buddeberg
Bühne: Cora Saller
Kostüme: Emilia Schmucker
Musik: Stefan Paul Goetsch
Licht: Lothar Krüger
Dramaturgie: Johanna Vater
Besetzung:
Jesko … Benjamin Grüter
Malte … Hajo Tuschy
Johannes … Holger Kraft
Konstantin … Benjamin Berger
Katja … Johanna Falckner
Bettina … Mareike Hein
Sandra … Lydia Stäubli
Uraufführung in der Werkstatt am Theater Bonn: 21.01.2016
Gastspiel des Theaters Bonn zu den AUTORENTHEATERTAGEN Berlin 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-bonn.de/

Zuerst erschienen am 20.06.2016 auf Kultura-Extra.

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Lupus in Fabula von Henriette Dushe – Ein Gastspiel des Schauspielhaus Graz bei den AUTORENTHEATERTAGEN im Deutschen Theater Berlin

„Der Tod, der Tod, der Tod… ist eine blöde Sau.“ heißt es in Lupus in Fabula von Henriette Dushe. Die junge deutsche Dramatikerin wurde 2013 für ihr Stück mit dem Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkts ausgezeichnet. Regisseurin Claudia Bossard hat im Januar 2016 am Schauspiel Graz die österreichische Erstaufführung besorgt. Am letzten Wochenende gastierte ihre Inszenierung bei den gerade begonnenen AUTORENTHEATERTAGEN im Deutschen Theater Berlin. Der sprichwörtliche Wolf, den man hier beim Namen nennt und somit herbeiruft, ist nichts anderes als der Tod, „die schreckliche Begegnung, die für das Subjekt ironisch erscheinende Vereinigung von Konkretem und Absolutem, und der Gipfel der Ironie ist, das dies noch nicht einmal erfahrbar ist, für das Subjekt.“ Jedenfalls keine Erfahrung, die man später nutzen könnte.

 

Lupus in Fabula - Foto (c) Lupi Spuma

Lupus in Fabula – Foto (c) Lupi Spuma / Schauspielhaus Graz

 

So weit, so philosophisch, so ironisch und gut. Ganz konkret befasst sich der Abend dann mit der Auseinandersetzung dreier Schwestern mit dem bevorstehenden Tod ihres erkrankten Vaters. Mit Krankheit, dem Sterben und dem Tod an sich beschäftigt sich unsere Gesellschaft kaum. Nis Momme Stockmann hat das 2011 in seinem am Deutschen Theater uraufgeführten Stück Die Ängstlichen und die Brutalen recht drastisch getan. Da war der Vater allerdings schon verschieden. Man spricht nicht gern über dieses Thema und verdrängt den Gedanken an den Tod. Und so verarbeitet jede der Schwestern das Dahinsiechen des einst ganz stattlichen Erzeugers auch auf ihre eigene Weise.

Die Älteste (Evamaria Salcher) hat sich ganz der Pflege des Vaters verschrieben, kommentiert seinen körperlichen und geistigen Verfall hin zu einem Riesenbaby, das man wieder wickeln muss, und widmet sich ansonsten der Ausformulierung einer möglichst perfekten Grabrede. Die Mittlere (Veronika Glatzner) versucht das Leben mit Naturträumereien festzuhalten, was letztendlich um ein sich ständig änderndes Bild des Werdens und Vergehens kreist, und hält dem sterbenden Vater ihr eigenes, gerade erst geborenes Kind entgegen. Die Jüngste (Vera Bommer) bastelt eher erfolglos an ihrer Karriere, schaut mit dem Fernglas in die Zukunft und wünscht sich die Anerkennung des Vaters.

Katharina Trajceski hat drei verschiedene Schränke auf die Bühne gestellt, aus oder hinter denen die Schwestern hervorkriechen. Sie telefonieren mit alten Tastenapparaten, monologisieren oder streiten miteinander und bauen dabei die Schränke um und auseinander. Darinnen befinden sich Küchenutensilien, Medikamente und Wärmflaschen, die nach und nach von der Ältesten auf die Spielfläche geworfen werden, oder Musikkassetten, die die Mittlere immer wieder in einen Rekorder steckt, um die Erinnerung an die Kindheit und Jugend zu wecken.

Drei verschiedene Charaktere – pragmatisch, verträumt, unsicher – finden sich am Bett des Vaters zusammen. Sie sprechen über vergangene Kindheitserlebnisse und auch mal über eigene Probleme. Wissensspiele mit dem Vater, Nordseeurlaub, Arbeit, Baby, Stuhlgang-Philosophien – die Schilderungen der drei Frauen verweben sich zu einem langen gemeinsamen Betttuch aus persönlichen Erinnerungen, das sie später dann bildlich über die ganze Szene ziehen. Sie suchen nach Erklärungen für das eigene Leben und das unvermeidliche Ende, die ihnen der Vater in seiner Verwirrtheit nicht mehr geben kann.

Ein schweres Thema, das Henriette Dushe in eine eindrückliche, bildhafte Sprache fasst, und das von Claudia Bossard mit leichter Hand und tollen Schauspielerinnen inszeniert wird. Ein recht mutiger Versuch mit dem Wolf zu tanzen und zu heulen – gegen die eigenen Zweifel und Ängste.

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LUPUS IN FABULA (DT-Box, 12.06.2016)
Regie: Claudia Bossard
Bühne: Katharina Trajceski
Kostüme: Susanne Leitner
Dramaturgie: Jennifer Weiss
Mit: Evamaria Salcher (die Älteste), Veronika Glatzner (die Mittlere) und Vera Bommer (die Jüngste)
Uraufführung beim Heidelberger Stückemarkt 2014
Österreichische EA am Schauspielhaus Graz: 21.01.2016
Gastspiel des Schauspielhauses Graz zu den AUTORENTHEATERTAGEN Berlin 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspielhaus-graz.com/

Zuerst erschienen am 14.06.2016 auf Kultura-Extra.

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In einem dichten Birkenwald, Nebel – Das zweite Stück von Henriette Dushe in einem Gastspiel des Landestheaters Detmold bei den ATT 16

Die junge Dramatikerin Henriette Dushe aus Halle kann man getrost zu den Entdeckungen der diesjährigen AUTORENTHEATERTAGE in Berlin zählen. Sie ist mit zwei Stücken zum Festival im Deutschen Theater eingeladen. Ihr Stück In einem dichten Birkenwald, Nebel, das Regisseur Malte Kreuzfeldt am Detmolder Landestheater uraufgeführt hat, wirkt wie eine thematische Fortsetzung ihres Heidelberger Preisträgerstücks Lupus in Fabula, das in einer Inszenierung von Claudia Bossard vom Grazer Schauspielhaus zu sehen war.

In der nur etwa eine Stunde währenden Detmolder Inszenierung haben sich die drei Schwestern aus Graz in eine Junge (Karoline Stegemann), Ältere (Heidrun Schweda) und Weder noch (Marie Luisa Kerkhoff) verwandelt. Drei Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs, denen die Autorin noch einen Dreierchor depressiver Männer (Stephan Clemens, Roman Weltzien, Henry Klinder) hinzugesellt hat. Sie alle sind in einem diffusen Birkenwald gestrandet, der sich unscharf auf einem durchsichtigen Gazevorhang abzeichnet, und wissen nicht mehr weiter. Dushe nennt das Ganze dann auch „Eine Bühnenelegie für drei Schauspielerinnen und einen Männerchor von drei Stimmen“.

 

In einem dichten Birkenwald, Nebel am Landestheater Detmold - Foto (c) Landestheater/Schomburg

In einem dichten Birkenwald, Nebel
Foto (c) Landestheater/Schomburg

 

Besagter Chor äußert sich dann auch zunächst recht larmoyant über zunehmende Müdigkeit und ein sich auflösendes Leben. Die Männer sind vom Regisseur in weiße Brautkleider gesteckt worden, während zunächst das sogenannte schwache Geschlecht die Hosen an hat und infolge Beziehungskonflikte mit einem imaginären männlichen Partner ausficht. Während die Männer Stresssyndrome beschreiben und hinter dem Vorhang symbolisch Stühle mit der Axt zertrümmern, geht vorn eine Beziehung an banal erscheinenden Alltagsproblemen und gegenseitigen Vorwürfen in die Brüche. Wie klassische TragödInnen werden alle von inneren Teufeln und Dämonen verfolgt oder Vergleiche wie Hölle und Fegefeuer als persönliche Zustandsbeschreibungen bemüht.

Wie eine sehnsüchtige Ode an die Schönheit der Natur wird immer wieder „Wie schön bist du, freundliche Stille, himmlische Ruh‘!“ gesungen. Gegen den Klagechor der ProtagonistInnen über ein sich nicht einstellen wollendes Glück setzt Henriette Dushe Adolf Krummachers Gedicht Die Nacht in der Vertonung von Franz Schubert und den dichten Birkenwald als Metapher für die Vollkommenheit der Schöpfung. Der Mensch scheitert an den Gegebenheiten des alltäglichen Lebens. Im Unvermögen darüber zu sprechen und konstruktiv miteinander zu streiten, zeigt sich die Müdigkeit einer Generation, die an ihren hehren Zielen und Idealen gescheitert ist. Unzufriedenheit, Burnout-Syndrom und Depressionen sind Ausdruck und Folge der Schnelllebigkeit unserer heutigen Gesellschaft.

Träume zerplatzen wie die an der Decke hängenden Glühbirnen, Kompromisse verhindern die Souveränität und Emanzipation des Individuums. Geschlechterspezifische und typische Ost-West-Konflikte bringt Dushe noch zusätzlich ins Spiel. Wie die Kostüme wechseln im Lauf des Abends die Identitäten, je tiefer man sich ins aussichtslos zerstörte Beziehungsgeflecht verstrickt. Frauen und Männer nehmen schließlich bildlich gesehen ihre vorbestimmten Rollen wieder ein. Der Konflikt verebbt in völliger Lähmung. Eine der Frauen hängt hinter der Bühnentür am Strick. Letzte Ausfahrt Tod. So düster-melancholisch der Text auch klingen mag, eine Umkehr scheint möglich und geboten.

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IN EINEM DICHTEN BIRKENWALD, NEBEL (DT-Box, 22.06.2016)
Regie und Ausstattung: Malte Kreutzfeldt
Dramaturgie: Christian Katzschmann
Besetzung:
Marie Luisa Kerkhoff (Weder noch)
Heidrun Schweda (Ältere)
Karoline Stegemann (Junge)
Stephan Clemens (Mann 1)
Roman Weltzien (Mann 2)
Henry Klinder (Mann 3)
Uraufführung am Landestheater Detmold: 15. Januar 2016
Gastspiel des Landestheaters Detmold zu den Autorentheatertagen Berlin 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.landestheater-detmold.de

 

Zuerst erschienen am 25.06.2016 auf Kultura-Extra.

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Episches und Meditatives aus Stuttgart und Basel bei den AUTORENTHEATERTAGEN 2016 im Deutschen Theater Berlin

Sonntag, Juni 19th, 2016

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I’m searching for I:N:R:I (eine kriegsfuge) von Fritz Kater – Ein Gastspiel des Schauspiels Stuttgart

In seinem neuen Stück I’m searching for I:N:R:I (eine kriegsfuge) erzählt Fritz Kater, das Dramatiker-Alter-Ego des Regisseurs und Schauspielintendanten des Staatstheaters Stuttgart Armin Petras, deutsche Geschichte mal nicht wie in zeit zu lieben zeit zu sterben oder heaven (zu Tristan) aus der reinen Ost-Perspektive. Der Autor spannt einen Bogen in 13 Szenen von 1941 im Kriegs-Berlin über die bundesdeutsche Wirtschaftswunderzeit der 1950er Jahre bis zum Sommer 1989 in West-Berlin kurz vor dem Mauerfall. Vielleicht ist das Stück auch so etwas wie ein westdeutsches Pendant zu Christa Wolfs Roman Der Geteilte Himmel, den Armin Petras 2015 an der Berliner Schaubühne mit viel ostdeutschem Zeitkolorit inszeniert hat.

 

I´m earching for I:N:R:I (eine kriegsfuge) - Foto (c) Thomas Aurin

Foto (c) Thomas Aurin

 

Im wahrsten Sinne des Wortes erzählt wird hier die Liebesgeschichte des Journalisten Maibom (André Jung) und seiner Freundin Rieke (Fritzi Haberlandt), einer Mitarbeiterin eines West-Berliner Immobilienbüros. Sie leben Anfang 1959 im siebenten Jahr zusammen und denken sogar an Heirat. Nach einer Auslandsreise Maiboms nach Havanna, wo er eine Reportage über den Sieg der kubanischen Revolution machen soll, holt die Beiden ein Jahr später ihre Vergangenheit wieder ein.

Katers Stücktext ist, wie schon erwähnt, sehr episch geraten. In längeren Monologpassagen erzählen die Figuren in Rückblenden Episoden aus ihrem Leben während des Kriegs. Rieke hieß 1941 noch Rosa, ein 15jähriges Mädchen, das nach einer Vergewaltigung in die Prostitution abrutschte und dann über den Nazi-Mann Hauser Auslandagentin in Rom wurde. Auch Maibom hatte damals noch einen anderen Namen und war jüdisch-polnischer Kampfpilot. Nach dem Krieg ging er nach Israel, wurde Agrarflieger, verlor sein Bein bei einem Absturz und ging schließlich wieder nach Deutschland, wo er nun als Journalist und gelegentlich als Nazijäger für den Mossad arbeitet.

 

Foto (c) Thomas Aurin

Foto (c) Thomas Aurin

 

Das klingt zunächst recht spannend und ist auch in Teilen ganz interessant anzuhören. Allein ein richtiges Stück will daraus nicht werden. Die weitestgehend statische Inszenierung des Stuttgarter Opern-Intendanten Jossi Wieler bremst den hochtrabend-langatmigen Text zusätzlich aus. Besonders die Israelpassage im Krankenhaus von Tel Aviv absolviert André Jung komplett im Liegen. Trotz guter Schauspieler wirkt das streckenweise wie eine szenische Lesung auf einem Haufen zersplitterter Gipszementplatten, auf denen die DarstellerInnen unsicher balancieren wie auf dünnem Eis.

Fritz Kater springt in der Zeit vor und zurück, bedient sich bei Stilelementen des Film Noir, des Agententhrillers oder bei Kriegs- und Reiseliteratur von Anna Seghers, Erich Maria Remarque, William Faulkner und Hunter S. Thomson. Das Filmische wird zusätzlich durch Schwarz-weiß-Videoeinblendungen und Jazzmusik betont. Die 40er und 50er Jahre sind auch in den Kostümen maßgebend. Miles Davis und Philip Marlow treffen hier auf Kommissar Blacky Fuchsberger.

Weitere Figuren werden in die Story eingewoben, wie die ominöse Milena (Manja Kuhl), die Maibom nach der Entführung von Rieke/Helene 1960 in einer Villa in Bonn-Bad Godesberg neben der Leiche eines italienischen Musiktheoretikers und Bach-Spezialisten trifft, oder einen aus der DDR nach West-Berlin geflohenen jungen Musiker (Matti Krause), der dort 1989 neben dem gealterten Maibom wohnt. Und auch der verdruckste Ossi hat eine schuldbeladene Fluchtgeschichte.

Neben der komplizierten Liebesbeziehung ist das vor allem aber auch ein Stück über vergebliche Vergangenheitsbewältigung und Heilung von Wunden, was laut Maibom nur durch das Vergessen geschehen kann. Allein er kann nicht vergessen, und er kann auch nicht sterben, weil ihn der Hass an den Nazi Hauser am Leben hält. Und natürlich klagen Maibom/Kater auch ein wenig über vergangene Revolutionen, nach deren erster Euphorie in ein paar Jahren schnell alles wieder beim Alten ist. Man befindet sich im permanenten Kriegszustand, bis einer gesiegt hat. Nach Schuld oder Wahrheit wird hier nicht gefragt. Was schmerzt, ist der Verlust über das, was man schon sicher zu haben glaubte. Etwa wie Orpheus seine Eurydike, deren Geschichte Kater als Sekundärdrama mit einflicht.

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I’M SEARCHING FOR I:N:R:I (EINE KRIEGSFUGE)

(DT-Kammerspiele, 14.06.2016)
Regie: Jossi Wieler
Bühne / Kostüme: Anja Rabes
Musik: Wolfgang Siuda
Video: Chris Kondek
Dramaturgie: Jan Hein
Licht: Felix Dreyer, Rainer Eisenbraun
Mit: André Jung (maibom), Fritzi Haberlandt (rosa, helene, rieke – ein und dieselbe person), Manja Kuhl (milena), Lucie Emons (julie) und Matti Krause (der junge mann)
Uraufführung am Schauspiel Stuttgart: 11. März 2106
Gastspiel des Schauspiels Stuttgart zu den Autorentheatertagen Berlin 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspiel-stuttgart.de

Zuerst erschienen am 15.06.2016 auf Kultura-Extra.

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Mit LSD – Mein Sorgenkind – Thom Luz organisiert mit seiner Baseler Minimal-Inszenierung der Drogenradfahrt von Albert Hofmann einen eher unterdosierten Klang- und Bilderrausch

Von wegen LSD-Trip. Es sollen schon Radfahrer allein an der reinen Schweizer Bergluft einer Art Höhenrausch verfallen sein. Nun hat aber der Schweizer Chemiker Albert Hofmann die Wirkung der von ihm entdeckten Droge LSD, einem Derivat der aus dem Mutterkorn gewonnenen Lysergsäure, 1943 tatsächlich bei einer Velo-Fahrt von Basel in den Vorort Bottmingen an sich selbst getestet. Dieser halbwegs kontrollierte Trip, den Hofmann minutiös festhielt und seine Erfahrungen 1979 in dem Buch LSD – Mein Sorgenkind veröffentlichte, inspirierte den hochgelobten Theater-Experimentator Thom Luz zu einer theatralen Wiederholung. Dabei interessierte ihn allerdings weniger der eigentliche Drogenrausch als die Tatsache des im Buch beschrieben Phänomens, „in relativ kurzer Zeit in einen Bereiche vorzudringen, der sich in Worten nur schwer ausdrücken lässt.“

Nun gleichen die Beschreibungen von Albert Hofmann schon recht genau den Vorstellungen, die man gemeinhin mit solcher Art von Drogenerfahrungen verbindet. Psychedelische Zustände und visuelle Halluzinationen mit übersteigerten Klang- und Farbwahrnehmungen. Zitat: „Kaleidoskopartig sich verändernd drangen bunte phantastische Gebilde auf mich ein, in Kreisen und Spiralen sich öffnend und wieder schließend, in Farbfontänen zersprühend, sich neu ordnend und kreuzend, in ständigem Fluss.“ Besonders merkwürdig war Hofmann, „wie alle akustischen Wahrnehmungen (…) sich in optische Empfindungen verwandelten“. Und genau dahin zielt der Versuch des Bühnen-Tüftlers Luz.

 

LSD - Mein Sorgenkind am Theater Basel - Foto (c) Simon Hallström

LSD – Mein Sorgenkind am Theater Basel
Foto (c) Simon Hallström

 

Dabei ist das Instrumentarium, das der Regisseur hier auf großer Bühne auffährt, relativ sparsam. Thom Luz und Wolfgang Menardi haben einen Versuchsraum geschaffen, der einem Laboratorium wie in der Schweizer Sandoz AG in etwa nahe kommen könnte. Hohe weiße Wände, ein paar Pflanzen und Stühle, dazu ein Cembalo, Soundmixer, Klangstangen, Speichenräder, Monitore, auf denen eine Kamerafahrt durch das nächtliche Basel übertragen wird, eine Verkehrsampel und ein Vogelkäfig.

Es dauert etwas, bis sich das Schauspielensemble, das weiße Kittel und auch mal Atemmasken trägt, eingerichtet hat. Man spielt Minimalmusik und spricht Fragmente aus den Erinnerungen Albert Hofmanns. Etwa die einer „Verzauberung aus Kindertagen“ bei einem Waldspaziergang, bei dem ihm plötzlich alles wie in einem hellen Licht erschien. Ein „Glücksgefühl der Zugehörigkeit und der seligen Geborgenheit“. Dazu zwitschern die Vögel, am Mischpult entstehen immer wieder experimentelle Störgeräusche, und verzerrte Stimmen wie aus dem All gefunkt sind wahrnehmbar.

Vieles wird nur angestimmt, bleibt aber schnell wieder stecken. Ein gewisses ironisch entschleunigtes Marthaler-Feeling macht sich breit. Man singt im Chor Partien aus Haydns Oratorium Die Schöpfung, was sehr gut zum Schöpfungsakt des Wissenschaftlers und seiner späteren Aussage zum Bewusstsein als dem größten Geschenk des Schöpfers an die Menschen passt. Zu den Zustandsbeschreibungen auf der Fahrradfahrt Hofmanns, die genaue Orte, Straßen und Plätze benennen, werden immer mehr Klaviere aufgefahren, in die lange Papierrollen eingespannt sind. Die Dämpfer der Hämmer sind mit Farbe getränkt und hinterlassen beim Anschlag entsprechende Farbmuster auf den Rollen, die an Prospektstangen hochgezogen, schließlich einen ganzen Wald bilden. Die Farbklaviere erzeugen einen sehr schönen Effekt in Klang und Bild, der aber der einzige Farbtupfer auf dunkler Bühne bleibt.

„Der Mechanismus des LSD ist ganz einfach: die Tore der Wahrnehmung werden geöffnet und wir sehen plötzlich mehr – von der Wahrheit.“ Dabei hatte sich Hofmann bei der Erprobung tätige Mithilfe beim deutschen Schriftsteller Ernst Jünger geholt. „Es handelt sich ja eigentlich nicht nur um das Visuelle, sondern um die Schärfung der Sinnesorgane überhaupt. Ich möchte sagen, die Bandbreite wird nach beiden Seiten verlängert und überschritten.“ lässt sich der drogenerfahrene „Psychonaut“ in einem Gespräch mit Albert Hofmann in den 1970er Jahren vernehmen. Übrigens legte sich der kultivierte LSD-Genießer Ernst Jünger bei seinen äußerst kontrollierten Trips immer gern Mozart auf.

Bei Luz zerrt es akustisch mal ein wenig in die eine, mal in die andere Richtung. Zu wirklichen Grenzüberschreitungen kommt es aber nie. Als kleine Wahrnehmungsstörung funktioniert der Abend ganz gut, wenn man sich schon darüber wundert, dass einem die Beatles plötzlich spanisch vorkommen. Nun gilt ja Musik durchaus als spiritueller Rauscherzeuger. Besonderer Mittelchen zur kollektiven Verzückung braucht es da nicht unbedingt. Eine Explosion der Sinne oder wie auch immer geartete Bewusstseinserweiterung bleibt hier aber weitestgehend aus. Es wirkt eher wie der meditative Versuch einer spirituellen Kontemplation. Luz verabreicht sein „LSD“ in homöopathischen Dosen. Ein Vogel im Käfig eben. Auch Jünger bezeichnete die Modedroge der Hippies, nachdem er sie zu stark mit Wasser verdünnt hatte, als Hauskatze verglichen mit dem Königstiger Meskalin.

Man lese LSD. Albert Hofmann und Ernst Jünger. Der Briefwechsel 1947 bis 1997, der den intellektuellen Austausch Hofmanns mit dem experimentierfreudigen, nicht ganz unproblematischen Künstler und Lebensphilosophen Jünger dokumentiert. Der Literaturwissenschaftler Helmut Lethen und der Biologe Cord Riechelmann kommen in einem im Buch veröffentlichten Gespräch über Jüngers Drogenexperimente und dessen Essay Annäherungen. Drogen und Rausch zu der interessanten Feststellung: „Wozu habe ich einen Möglichkeitssinn, wenn er mir nicht den Blick auf die Wirklichkeit erweitert?“ Musils „Möglichkeitsmensch“ lässt grüßen. Außerdem klingt das dann schon fast wie eine ultimative Aufforderung für experimentierende Theatermacher.

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LSD – MEIN SORGENKIND (DT Berlin, 15.06.2016)
Inszenierung: Thom Luz
Bühne: Thom Luz, Wolfgang Menardi
Kostüme/Licht: Tina Bleuler
Musik: Mathias Weibel
Dramaturgie: Ewald Palmetshofer
Mit: Carina Braunschmidt, Mario Fuchs, Wolfgang Menardi, Daniele Pintaudi, Mathias Weibel und Leonie Merlin Young
Uraufführung am Theater Basel: 31.Oktober 2015
Gastspiel des Theaters Basel zu den Autorentheatertagen Berlin 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-basel.ch/

Zuerst erschienen am 17.06.2016 auf Kultura-Extra.

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