Archive for the ‘Ballhaus Naunynstraße’ Category

EL DSCHIHAD – Ein kleines Dokutheaterstück im Ballhaus Naunynstraße versucht die historische Verstrickung Deutschlands in den islamistischen Terror zu hinterleuchten.

Donnerstag, September 3rd, 2015

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Deutschland und der islamische Dschihad – dass sich diese gemeinsame Geschichte weiter zurückverfolgen lässt als bis zum 11. September 2001 (da mehrere muslimische Attentäter, von denen einige zuvor in Hamburg studiert hatten, zwei Passagierflugzeuge ins New Yorker World-Trade-Center lenkten), ist sicher nicht jedem bekannt. Diese Tatsache und wie sich Menschen zu solchen Taten radikalisieren lassen, hat die 1962 in Beirut geborene Theaterregisseurin Claudia Basrawi interessiert. In der von ihr verantworteten Eröffnungsinszenierung der neuen Spielzeit im Ballhaus Naunynstraße mit Namen El Dschihad versucht sie anhand von geführten Interviews und jeder Menge Recherchearbeit zum Thema diese Zusammenhänge aufzudecken und künstlerisch zu verarbeiten. Ihre Motivation, wie die Regisseurin zu Beginn erklärt, zieht sie aus ihrer familiären Nähe zu den heutigen Brennpunkten des sogenannten Islamischen Staats (IS) in Syrien und dem Irak. Ihre Eltern stammen aus Bagdad, geboren wurde Claudia Basrawi in Beirut. In Damaskus lebte sie einige Jahre, die sie heute noch als die schönste Zeit in ihrem Leben bezeichnet. Nach dem Beginn des Bürgerkriegs 2011 in Syrien kam sie wieder nach Deutschland, ein Schicksal, dass sie aktuell mit den meisten ebenfalls nach Deutschland drängenden Flüchtlingen teilt. In der sich momentan dadurch verändernden geopolitischen Lage der Welt spielt Deutschland ihrer Meinung nach eine große Rolle.

El Dschihad_BN-Poster

El Dschihad heißt auch eine im Ersten Weltkrieg in Deutschland in mehreren Sprachen von der Nachrichtenstelle für den Orient (NfO) herausgebrachte „Zeitung für mohammedanische Kriegsgefangene“, die in der Nähe von Berlin im brandenburgischen Wünsdorf bei Zossen interniert waren. An diesem als „Halbmondlager“ bezeichneten Ort wurden die aus dem Nahen Osten, Nordafrika, Russland und Indien stammenden Muslime von der deutsche Propagandaeinrichtung des NfO auf den Kampf gegen die Besatzer ihrer Länder wie Frankreich und England (bekanntlich Gegner des Deutschen Reichs) vorbereitet. Sogar ein deutscher Diplomat und Orientalist zog ab 1914 im Auftrag von Kaiser Wilhelm II durch den Nahen und Mittleren Osten. Max von Oppenheim – wir hören später in einem Video der Inszenierung aus seinen Berichten – sollte die Muslime der Region zu Sabotageakten und Attentaten aufstacheln. Dazu wurden vor allem die Religionslehren des Islams ausgenutzt, die den Dschihad mehr oder weniger als religiöse Pflicht vorschreiben. Allerdings gibt es da natürlich auch sehr viel Interpretationsspielraum.

Eigentlich bedeutet Dschihad nicht nur wie allgemein bekannt „Heiliger Krieg“, sondern wörtlich übersetzt Bemühung oder Anstrengung, wie wir erfahren. Also eine doch etwas positivere Konnotation, wenn man beiseitelässt, welche Gräueltaten heute von islamistischen Terroristen im Namen des Dschihad begangen werden. Insbesondere ist damit natürlich der IS in Syrien und im Irak gemeint. Zur allgemeinen Stimmungslage in Bezug auf die Radikalisierung von Muslimen in Deutschland für diesen Kampf haben die Regisseurin und ihr Team Interviewmaterial auf der Straße gesammelt und mit einen Imam befragt. Mit Hilfe von vier weiteren DarstellerInnen (Elmira Bahrami, Erdinç Güler, Mario Mentrup und Rahel Savoldelli) werden die Ergebnisse nun teils erzählerisch, teils spielerisch auf der Bühne des Ballhaus Naunynstraße präsentiert. Dazu sprechen die AkteurInnen abwechselnd in einen umgekehrten Trichter, oder führen auch kleine Szenen hinter einem Gazevorhang auf, was wiederum auf eine Videoleinwand übertragen wird. Der Imam macht vor allem die vorherrschende Stigmatisierung des Islam, die fehlende Bildung und das Internet für die voranschreitende Radikalisierung unter den Jugendlichen verantwortlich. Besonders im Gefängnis wären die jungen Muslime auf der Suche nach Anschluss und charismatischen Persönlichkeiten anfällig für deren Ideologien.

 

El Dschihad im Ballhaus Naunynstraße - Foto © Lena Obst

El Dschihad im Ballhaus Naunynstraße – Foto © Lena Obst

 

Claudia Basrawi hat eine Art Dokutheater geschaffen, das sich in einigen Momenten ausnimmt wie die allbekannten Faktenbombardements von Hans-Werner Kroesinger, dann aber anscheinend doch nicht ganz seinen Quellen vertraut und sie weitestgehend anonymisiert als Herr S oder Frau K auftreten lässt. So stehen hier recherchierte Fakten neben den Meinungen und Aussagen von Passanten und einer sogenannten Nahostpolitikexpertin oder einem linken Militärhistoriker, der über die gezielte Aufrüstung der Dschihadisten durch die internationalen Großmächte berichtet. Wie etwa durch die USA, die ab Ende der 1970er Jahre die Mudschaheddin in Afghanistan im Kampf gegen die damalige Sowjetunion mit Waffenlieferungen unterstützen. Es geht um Einflussnahme und Kontrolle der Öl- und Gasvorräte im Nahen Osten, wie wir hören. Im Krieg wird von allen Seiten für die mediale Manipulation und gezielte Propaganda immer noch viel Geld aufgewendet. Ein Szenario, das sich seit dem Ende des Kalten Krieges wohl kaum verändert hat. Die momentane Lage in Syrien und dem Irak sind weitere Beweise dafür.

Schließlich hören wir noch einen deutschen Archäologen, der die Überreste einer 1915 für die muslimischen Kriegsgefangenen in Wünsdorf erbauten Moschee ausgraben soll. Der sehr überzeugend wirkende Erdinç Güler schreitet hier die Fläche der Bühne im Ballhaus wie eine imaginäre Grabungsstätte ab, telefoniert zwischendurch, gibt Anweisungen und erzählt nebenbei aus der Geschichte des Ortes. Er ist in Zeitdruck, denn die Bagger stehen schon bereit für den Bau eines Aufnahmelagers für Flüchtlinge aus Syrien. So schließt sich der Kreis aus der Vergangenheit im Hier und Jetzt. Im Video wandeln die DarstellerInnen in historischen Kostümen auf einem muslimischen Friedhof in Wünsdorf wie die Geister der Verstorbenen, denen sie auch kurzzeitig ihre Stimmen leihen. Das ist zweifellos sehr interessant erzählt, wirkt künstlerisch aber auch recht bemüht. Es bedarf sicher einiges mehr, wie etwa die vom Leiter des Ballhaus Naunynstraße Wagner Carvalho anschließend angekündigten Podiumsdiskussionen, um die Dimensionen dieses Themas ausreichend zu beleuchten. Der knapp 90 Minuten währende Abend kann sie nur vage umreißen.

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EL DSCHIHAD
von Claudia Basrawi und Team
Regie: Claudia Basrawi
Konzeptionelle Mitarbeit: Samuel Schwarz
Bühne, Kostüm und Video: Rebecca Riedel, Patricia Talacko
Musik: Gina D’Orio
Dramaturgie: Azar Mortazavi, Katja Wenzel
Mit: Elmira Bahrami, Claudia Basrawi, Erdinç Güler, Mario Mentrup, Rahel Savoldelli
Uraufführung im Ballhaus Naunynstraße am 1.9.2015
Termine: 4.-5.9. / 7.-8.9.15

Infos: http://www.ballhausnaunynstrasse.de/

Zuerst erschienen am 02.09.2015 auf Kultura-Extra.

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„On my way home“ im Ballhaus Naunynstraße – Eine szenische Installation von Hakan Savaş Mican über die sogenannten Kofferkinder der ersten ArbeitsmigrantInnen in Deutschland

Montag, September 8th, 2014

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(c) Ballhaus NaunynstraßeDer Anrufbeantworter springt immer wieder an, Stimmen in türkischer Sprache fragen wiederholt nach Hakan. Aber Hakan wird nicht ans Telefon gehen. Warum eigentlich nicht? Regisseur Hakan Savaş Mican stellt sich diese Frage zu Beginn seines als szenische Installation bezeichneten Doku-Stückes On my way home über das Schicksal der sogenannten Koffer-, Pendel- oder Sommerkinder der ersten ArbeitsmigrantInnen, die seit den 1950er und 60er Jahren aus Italien, Griechenland, der Türkei oder auch Ex-Jugoslawien nach Deutschland kamen.

Hakan Savaş Mican fragt sich auch noch anderes. Zum Beispiel: „Warum fühle ich mich nirgends zu Hause?“ Obwohl als Sohn türkischer Einwanderer 1978 in Berlin geboren, wuchs er bei der Großmutter in der Türkei auf, bis er 1997 zum Studium wieder nach Deutschland zurückkehrte. Aber immer noch plagt ihn das Gefühl nicht anzukommen. Woher kommt diese Unruhe und Rastlosigkeit?

Der Theaterregisseur ist nun den schweren Weg wieder zurückgegangen in die eigene Kindheit und hat in Gesprächen mit anderen Betroffenen nach den Ursachen dieser Gefühle gesucht. Stellvertretend für Tausende dieser Kinder, die zwischen den Ländern und Kulturen, mal bei den Eltern, mal bei Verwandten oder Tagesmüttern aufwuchsen, hören wir Interview-Schnipsel mit Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft, die aber eines eint, dass sie längere Zeit ohne ihre Eltern leben mussten.

On my way home  Foto: St. B.

Veranstaltungsplakat On my way homeFoto: St. B.

Der Theatersaal des Ballhaus Naunynstraße ist weitestgehend leergeräumt. Das Publikum sitzt an den Rändern. In der Mitte steht ein Flügel, an dem Musiker Enik zur Klaviermusik emotionale Balladen singt und Geräusche sampelt. Vom Band kommt später auch der alte Bluesklassiker „Sometimes I Feel Like a Motherless Child“. Dazu sorgen Videoprojektionen von Landschaften, privaten Kinder- und Familienbildern sowie Möwen und Meer als Sehnsuchtsverstärker an den Wänden für einen schönen Gedankenflow. Die Schauspieler Eva Bay und Dejan Bućin performen teils die Interviewparts, daneben werden immer wieder Originaltöne vom Band eingespielt.

Die Griechin Sonja ist eine, die in ihrer Kindheit und Jugend viel hin und her geschoben wurde. Erst mit 40 hat sie selbst ein Kind bekommen. Sonja erzählt von ihren Zweifeln, der Tochter die Liebe schenken zu können, die sie selbst nicht erfahren hat. Der ruhige Edin scheint dagegen seinen Frieden mit der Vergangenheit gemacht zu haben, obwohl er als 12-14jähriger viel Wut empfand. Mit Yoga und Meditation versucht er die negativen Gedanken los zu werden. Für ihn gibt es heute nichts, was vollkommen perfekt ist.

Krunoslav ist bei seinem Großvater in Jugoslawien aufgewachsen. Er erzählt relativ emotionslos von seiner Kindheit auf dem Land. Ihm hat im Rückblick nichts gefehlt. Der Interviewer Hakan beneidet Krunoslav fast um seine Gelassenheit. Aber immer schwingt in den recht rationalen Berichten des mittlerweile als Ingenieur in Deutschland arbeitenden Krunoslav die Erkenntnis mit, dass es ja irgendwie weitergehen musste, auch ohne die Eltern.

Schließlich reist Hakan in die Türkei zu seiner Familie. Länger redet er mit seiner älteren Schwester Aysil, die sich in der Abwesenheit der Eltern viel um die jüngeren Geschwister kümmern musste und dabei nie richtig Zeit hatte, selbst Kind zu sein. In längeren Gesprächen, die in Ausschnitten wieder vom Band kommen, wird klar, dass auch den Eltern durchaus bewusst war, wie es ihren Kindern ging. Aber sie wollten eben ihr Bestes, Bildung und ein anderes Leben als das ihre. Nur dass das, was sie nach Hause schickten, keine familiären Bindungen ersetzten konnte.

Trotz allem überwieg bei den Kindern neben dem Gefühl der Hilflosigkeit und Wut, die man auch erinnert, der Respekt für die aus schwierigen Situationen heraus zum Arbeiten nach Deutschland gegangenen Eltern. Bei aller persönlicher Emotionalität, die in den Berichten der Interviewten liegt, ist Hakan Savaş Mican aber mit dem sparsamen Einsatz der Theatermittel ein überzeugender Abend gelungen, der nie sentimental wirkt und doch auch die ganz großen Gefühle freilegt.

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On my way home_Ballhaus Naunynstraße_Leuchtschrift

On my way home
von Hakan Savaş Mican
Ballhaus Naunynstraße (5.9.2014)
Regie: Hakan Savaş Mican
Ausstattung: Sylvia Rieger
Video: Benjamin Krieg und Hakan Savaş Mican
Musik: Enik
Sounddesign: Vicki Schmatolla
Dramaturgie: Tunçay Kulaoğlu
Mit: Eva Bay und Dejan Bućin

Uraufführung: 2. September 2014

Weitere Termine: 8.-9.9.2014, 20 Uhr / 7.9.2014, 19 Uhr

Infos: http://www.ballhausnaunynstrasse.de/stueck/on_my_way_home

Zuerst erschienen am 07.09.2014 auf Kultura-Extra.

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Von Schnellschüssen und Rohrkrepierern – Das 51. Theatertreffen ist auch ein Fall für Plagiats-Diskussionen.

Dienstag, Mai 20th, 2014

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Ein großes Theaterfestival lebt immer auch ein wenig vom Skandal. Über wen nicht mehr gesprochen wird, gilt langhin als tot oder schlimmer noch als langweilig. Nun waren es beim diesjährigen THEATERTREFFEN nicht so sehr die Inszenierungen selbst, die für Gesprächsstoff sorgten. Nein, ins Gerede kam zuallererst das Gebaren der Schweizer Journalistin Daniele Muscionico bei der Verfassung ihrer Einladungsbegründung für Frank Castorfs Inszenierung des Celine-Ungetüms Reise ans Ende der Nacht. Die TT-Jurorin hatte ganze Passagen aus dem Programmheft des Münchner Residenztheaters nur leicht verändert übernommen. Krawumm! Das schlug ein wie eine Bombe – um die Eingangszeile zum Text der Castorf-Produktion noch einmal in leicht abgewandelter Form zu zitieren. Der schnelllebige Festivalzirkus entpuppte sich als unkontrollierte Verwurstungsmaschine autorieller Unzulänglichkeit. Daniele Muscionico legte, erst nachdem man ihr einen weiteren Fauxpas dieser Art nachweisen konnte, ihr Jurymandat nieder. Das wirft natürlich auch ein schlechtes Licht auf das THEATERTREFFEN selbst und sein nun beschädigtes Jurywesen. Zweifellos ein Schuss ins eigene Knie. Einzelfall oder nicht, das bleibt hier die Frage.

© Berliner Festspiele

© Berliner Festspiele

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„Find 7 differences“ – Verbindendes und Trennendes in Tauberbach und Sight

Als veritabler Rohrkrepieren entpuppte sich dagegen der Schnellschuss des Bündnisses kritischer KulturpraktikerInnen, die der eingeladenen Münchner Tanztheaterproduktion Tauberbach des bekannten belgischen Choreografen Alain Platel in einer spontanen Intervention vorwarf, in dem Stück würde „ein koloniales Verhältnis fortgeschrieben, das Schwarze Stimmen erneut marginalisiert“ und dass „dessen Inhalte und Ästhetik sehr stark an ‚Sight‘ erinnern.“ Sight ist eine Tanzperformance des brasilianischen Tänzers und Choreografen Ricardo de Paula, die er mit dem internationalen Tanzkollektiv Grupo Oito im Dezember 2012 am Berliner Ballhaus Naunynstraße uraufgeführt hatte. Inspiriert von dem 2004 entstandenen Dokumentarfilm Estamira des brasilianischen Regisseurs Marcos Prado, beziehen sich beide Produktionen auf die als schizophren geltende Frau Estamira, die auf einer großen Müllhalde bei Rio de Janeiro lebte, auf der täglich acht Tonnen Müll aus der durchkommerzialisierten Wegwerfgesellschaft abgeladen werden. Dabei benutzen sowohl de Paula wie nun auch zwei Jahre später Platel einen Berg von gebrauchten Kleidungsstücken als Bühnenbild.

Mittlerweile hat sich Ricardo de Paula wohl vom Plagiatsvorwurf gegenüber Alain Platel distanziert. Was bleibt, ist der Vorwurf der Abbildung einer westeuropäischen, kolonialen Sichtweise im Stück Tauberbach. Dazu muss man wissen, dass die Hauptperson in Prados Film Estamira eine schwarze Brasilianerin am Rande der Welt – wie sie es im Film selbst darstellt – ist. Ricardo de Paula wirft in seinem Stück die Frage auf: „Was geschieht mit Menschen, die der heutigen Gesellschaft nicht mehr nützlich sind?“ Es geht ihm dabei nicht allein um die Person Estamira. Die brasilianische „Müllstadt Jardim Gramacho“ dient hier lediglich als ein Beispiel für ein auch an den Rändern des europäischen Wohlstands auftretendes Problem der Müllbeseitigung. Sight wäre demnach die Sicht über den deutschen Tellerrand hinaus auf ein, wie es in der Erklärung der Grupo Oito zu ihrem Stück lautet, „Phänomen weltweiter Müllberge“. Ein klares politisches Statement also, das mit den Worten Estamiras auch eine bestimmte Mission verfolgt.

(C) Münchner Kammerspiele

(C) Münchner Kammerspiele

Alain Platel - Foto: www.radio1.be

Alain Platel Foto: www.radio1.be

Dies ist nicht die Sichtweise Alain Platels. Das wird beim Betrachten seiner Tanztheaterproduktion schnell klar. Auch er stellt (mit der Schauspielerin Elsie de Brauw) eine deutlich psychisch gezeichnete Frau in den Mittelpunkt. Wie sie im täglichen Kampf ums Überleben auf der Müllkippe ihre menschliche Würde bewahrt, ist das zentrale Thema bei Platel, wie es wiederum in der Beschreibung der Münchner Kammerspiele heißt. In Tauberbach überwiegt also der menschliche Aspekt gegenüber einer politischen Botschaft. Der deutsche Autor und Theaterjournalist Gunnar Decker schreibt in seiner sehr kritischen Betrachtung zu Platels Stück im Neuen Deutschland, bezüglich des Inhalts „muss man sich dem Phänomen wohl zuwenden, dass man das eine hier auf der Bühne sieht und das andere später darüber liest. Der Sinn dieser Körperübungen erschließt sich – wenn überhaupt – nur über einen nachgereichten Kommentar.“

Bedeutet dies nun, Tanz inhaltlich zu deuten, ohne den bestimmten Kontext zu kennen, wäre schlicht unmöglich? Für Ricardo de Paula und das Bündnis kritischer KulturpraktikerInnen scheint der Fall dagegen ziemlich klar auf der Hand zu liegen. Alain Platels Sicht ist nicht die ihre, und das überwiegend weiße Publikum bekomme mit der Fetischisierung einer wilden, schwarzen Frau ein koloniales Klischee vorgeführt. Nur dass hier vermutlich niemand im Publikum beim Anblick der niederländischen Schauspielerin Elsie de Brauw überhaupt an eine schwarze Frau gedacht hat. Alain Platel erwähnt dies nicht, da seine Protagonistin nur noch entfernt etwas mit der wahren Figur der Estamira zu tun hat. Man könnte ihm nun vorwerfen, schwarze Positionen auszunutzen, die aber im Gegenzug auch in de Paulas Stück gar nicht explizit im Vordergrund stehen.

Man müsste also erstens den Film und zweitens wohl auch beide Tanzadaptionen kennen, um sich überhaupt ein genaues Bild machen zu können. Wohl ein Problem jeder Vorlage, die nicht unmittelbar zum allgemeinen (weißen) Bildungskanon gehört, obwohl die Dokumentation auch auf mehreren europäischen Filmfestivals lief. Daraus aber bei der überwiegend weiß besetzten Produktion Tauberbach auf eine rassistische Motivation zu schließen, erscheint mehr als konstruiert. Eher scheint es so, als wäre de Paula vor den Karren einer sicher auch gut gemeinten Protestaktion gespannt worden, die allerdings mit miesepetrigen Parolen á la „Find 7 differences“ versuchte gegen Platel und sein Team Stimmung zu machen. Als wäre die Kunst eine Art Fake- oder Vexierbild, in dem es gelte, versteckten Unterschieden oder Inhalten auf die Spur zu kommen.

SIGHT von Ricardo de Paula und Grupo Oito, Plakat des Ballhaus Naunynstraße - Foto: St. Bock

SIGHT von Ricardo de Paula und Grupo Oito, Plakat am Ballhaus Naunynstraße – Foto: St. B.

Dabei hat Ricardo de Paulas Produktion Sight diese Art von Promotion gar nicht nötig. Im zugegeben wesentlich kleineren Theatersaal des Kreuzberger Ballhaus Naunynstraße ist das Publikum – hier sicht- und auch hörbar von ganz unterschiedlicher Herkunft – direkt in das Spiel mit einbezogen. Es sitzt mitten in den auf dem ganzen Boden verstreuten Kleidungsstücken, die sich die zunächst nackt hinter einer transluzenten Folie verborgenen Performer Schicht um Schicht überziehen. Durch die Folie wird ein Foto Estamiras sichtbar, das sie als schwarze Frau erkennbar macht. Die zwei weißen Tänzerinnen (Laura Alonso und Caroline Alves) und zwei schwarzen Tänzer (Zé de Paiva und Ricardo de Paula selbst) beginnen nach dem Suchen im Kleidungsmüll ein zu Klezmer-Musik der polnischen Gruppe Kroke sehr ausgelassenes Tänzchen. Ein betont emotional freudiger Beginn, der dann aber bald durch sehr verstörende Bewegungselemente abgelöst wird.

Die Performer werfen Kleidungsstücke in die Luft, rollen, schleppen und schleifen sich über den Boden. Durch die unmittelbare Nähe zu ihnen ist man beständig gezwungen auszuweichen und macht so die Erfahrung, selbst an den Rand gedrängt zu werden. In Videobildern aus dem Film sieht man Müllautos und Schaufelbagger beim Abladen des Mülls. Die Performer stellen diese Geräte dann als Mensch-Maschinen nach. In einer Art Capoeira-Choreografie wird der existenzielle wie innere Kampf Estamiras gezeigt, dazu verwebt die gesampelte Musik in Loops ihre Stimme. Immer wieder werden Schlagworte wie Kontrolle, Invisible, Exclude, Abstrakt, Kommunismus oder Mission an die Folienwand geworfen. Die Produktion gibt der Stimme der mittlerweile verstummten Estamira viel Raum. Wie eine Getriebene – was die Performer auch eindrücklich darstellen – betont sie ihre Mission aufzuklären über Gott, Wortverdreher und Besserwisser. Ein klar sozialkritisches Statement einer als schizophren gekennzeichneten Frau, das die multimediale Performance nun zu ihrer Mission macht. Zum Schluss stecken alle in großen Müllsäcken, ein deutliches Bild für das Nicht-sichtbar-sein.

Ähnliches aber auch sehr viel Differentes gibt es bei Alain Platels Tauberbach zu sehen. Neben einer ausgesprochen bemerkenswerten Tanz-, Ton- und Bewegungsdarbietung ist die Produktion aber auch ein allgemeiner Kommentar zur Orientierungslosigkeit und Unbehaustheit von Menschen, die aus verschiedensten Gründen aus der Mitte der Gesellschaft gefallen sind. Wie Ricardo de Paula in Sigth benutzt auch Alain Platel in Tauberbach die Aussagen Estamiras zur Beschreibung seiner nicht näher benannten Hauptfigur, die durch die Schauspielerin Elsie de Brauw dargestellt wird. Platel interessiert sich aber viel intensiver für den Gemütszustand seiner Hauptperson. Sie scheint Stimmen zur hören (someone in my ear), ist aber auch happy und beharrt darauf perfekt zu sein. Immer wieder betont sie alles zum Leben notwendige auf der Müllkippe zu finden.

Dissonante Töne bringt Alain Platel dann mit der Behauptung „There is no God“ und den Bach-Chören, die der polnische Aktionskünstler Artur Zmijewski mit Gehörlosen eingespielt hatte. Sie geben der Produktion Tauberbach ihren Namen. Wie Platel hat sich Zmijewski in mehreren Arbeiten mit menschlichen Behinderungen auseinandergesetzt. Mit dem Heine-Zitat aus dessen Reisebildern „Unter jedem Grabstein liegt eine Weltgeschichte“ betritt Platel dann auch noch das Feld der europäischen Geschichte. Diese Aussage Heinrich Heines beim Anblick des grasüberwachsenen Schlachtfelds von Marengo (Napoleons Sieg 1800 über Österreich) spielt sicher auch auf die unzähligen im Dienste einer unaufhaltsam voranschreitenden Zivilisation unbekannt gestorbenen Menschen an. Vielleicht etwas zu viel Kontext für eine Inszenierung, die auch ohne dieses Wissen berührt. Hier schließt sich dann aber auch der Kreis zum Fall vom Anfang des Artikels. Es kommt in jeder Kritik darauf an, nicht nur die Erklärungen der Dramaturgen wiederzugeben, sondern unabhängig das Gesehene daraufhin einzuschätzen und zu bewerten. Und das ist, wie man sieht, auch in diesem etwas vertrackten Fall durchaus möglich.

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Tauberbach
Konzept, Regie, Bühne: Alain Platel
Dramaturgie: Hildegard De Vuyst Koen Tachelet
Musikalische Dramaturgie: Steven Prengels
Licht: Carlo Bourguignon
Kostüme: Teresa Vergho
Mit: Elsie de Brauw, Bérengère Bodin, Lisi Estaras, Romeu Runa, Elie Tass, Ross McCormack.
Dauer: 1 Stunde 30 Min.
Gesehene Vorstellung: 04.03.2014 im HAU 1 Berlin

weitere Infos: www.muenchner-kammerspiele.de

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Sight
von Grupo Oito
Regie und Choreographie: Ricardo de Paula
Bühne und Kostüm: Grupo Oito
Lichtdesign / Technische Leitung: Irene Selka Chroreographische
Beratung: Zula Lemes
Tanz und Performance: Laura Alonso, Caroline Alves, Ricardo de Paula, Zé de Paiva
Dauer: 1 Stunde 10 Min.
Gesehene Vorstellung: 15.05.2014 im Ballhaus Naunynstraße

Weitere Infos: http://www.ballhausnaunynstrasse.de/auffuehrung/66632291

Zuerst erschienen am 19.05.2014 auf Kultura Extra.

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Was guckst Du?! – Nurkan Erpulat macht „Postmigrantisches“ Theater, mit „Verrücktes Blut“ nun auch beim Theatertreffen 2011

Samstag, Mai 14th, 2011

Wo lässt sich denn der an Schiller und der Aufklärung geschulte deutsche Bildungsbürger im Theater am besten abholen? Bei seinen liebgewonnenen und sicher gut gemeinten Vorurteilen natürlich. Genau das machen Regisseur Nurkan Erpulat und der Dramaturg Jens Hilje mit „Verrücktes Blut“ vom Ballhaus Naunynstraße, oder etwa doch nicht? Man kann sich in dieser Inszenierung nie ganz sicher fühlen, alles wahr oder doch nur die Aneinanderreihung von Klischees? Auf jeden Fall ist es Spiel. „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“ wird Schiller von der Lehrerin aus seiner Abhandlung „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ zitiert. Aus Spiel wird Ernst und so sehen sich die lernunwilligen jugendlichen Migranten plötzlich einer auf sie gerichteten Pistole gegenüber, die gerade einem von ihnen aus der Tasche gefallen ist. Schillers Räuber unter vorgehaltener Waffe, die Lehrerin frohlockt, es funktioniert. Und so soll nun aus dem Homo migrante ein „Homo ludens“ und letztendlich ein sich erkennender Mensch werden. Nach welchen Regeln gespielt wird, bestimmt die Bildungsbeauftragte und so bleibt den Schülern nichts anderes übrig, als die Textbücher zu nehmen und sich in Karl oder Franz Moor, in Amalia oder dem Kabale-und-Liebe-Paar Luise und Ferdinand wieder zu finden.

Der Plot folgt weitestgehend dem Film „La journée de la jupe“ (Der Tag des Rocks) mit Isabelle Adjani als Lehrerin, der 2009 im Panorama der Berlinale zu sehen war. Wo aber der Film bei der Einforderung von fehlendem Respekt untereinander und den Problemen der Schüler untereinander stehen bleibt, geht Erpulats Adaption, die auch zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen ist, wesentlich weiter. Und so werden Themen wie Ehrvorstellungen, Religiöse Symbole oder die Selbstbestimmung der Frau im Islam knallhart durchexerziert, im wahrsten Sinne des Wortes. Wenn sich die Situationen zuspitzten, werden die Szenen mit dem Singen von deutschen Volksliedern kurz gebrochen. Ein Klavier schwebt über der Bühne, dessen Tasten sich wie von Zauberhand bewegen. Es soll Spiel bleiben, bei aller Drastik, das wird von Anfang an klar vermittelt. Zu Beginn ziehen sich die Darsteller ihre Kostüme wie Jogginghose oder Kopftuch auf offener Bühne an. Ich spiele nur eine Rolle, soll das signalisieren und dennoch wird die Situation angeheizt. Die Jugendlichen stehen vor dem Publikum, machen die üblichen Mackergesten, fluchen und spucken in Richtung Zuschauer. Die Klischees werden bewusst verstärkt, um die Identifikation zu erschweren und das funktioniert hier bestens.

Sesede Terziyan als Lehrerin zieht alle Register. Ihr starkes Spiel bestimmt weitestgehend das Stück. Es wird aber schnell klar, sie taugt sichtlich nicht als die wahre Vermittlerin von humanistischen Werten. Ob nun Vernumpft oder Vernunft, das Ganze beginnt zu kippen, als sich die Schüler in einer quasi demokratischen Entscheidung für oder gegen die Erschießung eines ihre Mitschüler, der einen anderen von ihnen menschenunwürdig gequält hat, entscheiden sollen. Nun sind es auf einmal die Schüler, die den Humanismus hochhalten. Das Spiel bleibt offen und die Lehrein steigt schließlich aus, in Richtung des Publikums weisend. Erpulat will den Zuschauer herausfordern und das gelingt ihm auch ziemlich gut. Den Integrationswahnsinn hat er zusammen mit Dorle Trachternach im Stück „Clash“ mit den jungen DT noch weiter getrieben, indem er die ganze Sache umdrehte und nun Deutsche sich nach der Sarrazinschen Formel „Deutschland schafft sich ab“ in die islamische Gesellschaft integrieren mussten. Auf einer Art Planet der Affen haben die Muslime die Macht erlangt, eine Farce auf die einseitigen Integrationsdebatten in Deutschland. Da half nur noch die unkontrollierte Paarung, um alle nationalen und rassischen Grenzen zu kippen. Aber auch hier wurde bei allem Humor keine endgültige Lösung angeboten.

Das Klischee des rappenden Türken wird in „Verrücktes Blut“ von dem jungen Darsteller des Franz Moor verkörpert, der zum Schluss die Pistole an sich reißt und das Spiel fortsetzen will. Aber alle großen Kanakenrollen sind schon besetzt, stellt er enttäuscht fest. Diese Debatte wird zur Zeit wieder verstärkt geführt. Wohin gehen das postmigrantische Theater und seine Darsteller? Bleibt es eine Randerscheinung, existiert es parallel weiter oder wird es schließlich in der deutschen Theaterlandschaft aufgehen? Nurkan Erpulat legt sich nicht fest und gibt die Frage über die vierte Wand an den Zuschauer weiter. Ein wirklich starkes Stück mit dem Fazit: „Wen oder Was guckst Du?!“

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TT-Public-Viewing im Sony Center am Potsdamer Platz (Foto: St.B.)

„Mensch, das ist ja besser als Hollywood!“ Fotostrecke und ein Gespräch mit dem Ensemble im Tagesspiegel vom 12.05.11

Das Stück ist seit Dezember 2013 auch im Maxim Gorki Theater zu sehen.

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HOFFNUNG

Es reden und träumen die Menschen viel
Von besseren künftigen Tagen,
Nach einem glücklichen gold’nen Ziel
Sieht man sie rennen und jagen,
Die Welt wird alt und wieder jung,
Doch der Mensch hofft immer Verbesserung.

Die Hoffnung führt ihn in’s Leben ein,
Sie umflattert den fröhlichen Knaben,
Den Jüngling bezaubert ihr Geisterschein,
Sie wird mit dem Greis nicht begraben;
Denn beschließt er im Grabe den müden Lauf,
Noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf.

Es ist kein leerer schmeichelnder Wahn,
Erzeugt im Gehirne des Toren,
Im Herzen kündet es laut sich an:
Zu was Besserem sind wir geboren!
Und was die innere Stimme spricht,
Das täuscht die hoffende Seele nicht.

Friedrich Schiller (1797)