Archive for the ‘Ballhaus Ost Berlin’ Category

„Glaube Liebe Hoffnung“ im Maxim Gorki Theater, „Kabale und Liebe“ im Ballhaus Ost und „Der Tag, als ich nicht ich mehr war“ im Deutschen Theater – Melancholischer Blues, Stummfilmklamotte und biedermeierlicher Klamauk zum Beginn des Berliner Theaterjahrs

Mittwoch, Januar 17th, 2018

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Glaube Liebe Hoffnung – Hakan Savaş Mican zeichnet am Maxim Gorki Theater Ödön von Horváths „kleinen Totentanz“ als recht düster-melancholisches Wintermärchen

Glaube Liebe Hoffnung am Maxim Gorki Theater – Foto (c) Esra Rotthoff

Der österreichisch-ungarische Dramatiker Ödön von Horváth beschreibt in seinem 1932 erschienen Drama Glaube Liebe Hoffnung, das er in einer Randbemerkung auch einen „kleinen Totentanz“ nennt, die Passion einer jungen Frau im Deutschland der 1930er Jahre, die „im gigantischen Kampf zwischen Individuum und Gesellschaft“, wie es Horváth weiter beschreibt, auf der Strecke bleibt. Um einen Wandergewerbeschein zu bekommen, borgt sich die arbeitslose Elisabeth von einem Präparator des Anatomischen Instituts, wo sie zunächst für Geld ihren Körper verkaufen wollte, 150 Mark, die sie aber dazu benutzt eine Geldstrafe zu bezahlen, die sie wegen des Handels mit Miederwaren ohne jenen Schein erhalten hatte. Vom Präparator wegen Betrugs angezeigt, wird Elisabeth wegen ihrer Vorstrafe ohne Bewährung zu vierzehn Tagen Haft verurteilt. Und letztendlich scheitert deswegen auch ihre Liebesbeziehung zum Polizisten Alfons. Ein Teufelskreis der Unmenschlichkeit, bei dem die Bestrafungen von Bagatelldelikten die freie Existenz der jungen Frau zu Grunde richten, so dass die zu Beginn noch recht hoffnungsvolle Elisabeth schließlich nur noch einen Ausweg im Freitod sieht.

„Das seh ich schon ein, dass es ungerecht zugehen muss, weil halt die Menschen keine Menschen sind“, ist eines der bekanntesten Zitate der Elisabeth. Letztendlich hat Horváth diese Sichtweise menschlicher Unzulänglichkeit verschiedentlich in seinen Stücken variiert und kam so auch sicher zu der Feststellung: Glaube Liebe Hoffnung könnte jedes meiner Stücke heißen.“ Und so lässt sich natürlich das ganze Geschehen um die sich in der eiskalten Gesellschaft zu behaupten versuchende Elisabeth auch gut mit Zitaten aus anderen Horvath-Texten auffüllen. Schon Dušan David Pařízek hat in seiner Inszenierung von Niemand am Deutschen Thater den frühen mit dem späteren Horváth zusammengebracht. Am Thalia Theater Hamburg verschnitt Jette Steckel die Stücke Glaube Liebe Hoffnung und Kasimir und Karoline zu einem Requiem um Liebe und Ökonomie. Das aufBruch-Gefängnistheater verschränkte dagegen in der St. Johanniskirche Berlin-Moabit Horváths kleinen Totentanz u.a. mit Alfred Döblins Berlin-Alexanderplatz, die Geschichte eines anderen Gestrauchelten im Deutschland zwischen den Kriegen. Was auch nur zeigt, dass die Stücke und Romane dieser Zeit heute wieder ungemein aktuell sind. Horváth ist genau wie Döblin oder Fallada ein ausgezeichneter Chronist der unruhigen Weimarer Republik auf dem Weg in den Faschismus.

Regisseur Hakan Savaş Mican belässt nun bei seiner düster-melancholischen Inszenierung im Maxim Gorki Theater die Szenerie mit einer expressionistischen Filmkulisse von Sylvia Rieger, in deren schwarzen Häusern nur hin und wieder in den Fenstern Lichter funkeln, und den zeitgemäßen Kostümen von Sophie du Vinage auch in den 1930er Jahren. Volkes Stimmung auf den Straßen und vor dem Wohlfahrtsamt würde dagegen auf jede heutige Pegida-Veranstaltung passen. Da geht es gegen Juden, Jesuiten und Freimaurer, wird dem Vaterland und der weißen Rasse gehuldigt und Krieg als ein Naturgesetz herbeigeredet. Es sind dies aber Sätze, die sich der Regisseur aus anderen Horváth-Werken geborgt hat und die sich hier wahlweise mit den Rufen nach Revolution oder Ruhe und Ordnung mischen. Dazwischen wirkt Sesede Terziyan als Elisabeth im einfachen roten Kleid und mit Handtäschchen wie die Unschuld vom Lande, die sich ihr Glück in der großen Stadt erhofft.

Zu Beginn steht die gerade Abgebaute auch noch recht hoffnungsfroh und zuversichtlich am Rand der Bühne und lauscht dem Musiker Daniel Kahn am Klavier, der ihr dann seinen Hut hinhält. Aber Geld hat auch Elisabeth nicht und so versucht sie zunächst wie oben erwähnt ihren Körper schon zu Lebzeiten ans Anatomische Institut zu verkaufen. Der Totentanz nimmt seinen, wie unabwendbar erscheinenden Lauf. Dabei begleitet wird Sesede Terziyan von Mehmet Ateşçi, Lea Draeger und Orit Nahmias, die in wechselnden Rollen das übrige Personal des Dramas verkörpern. Ateşçi spielt den aasigen Präparator mit weißer Plastikschürze und bis zum Ellbogen blutigen Armen. Als Amtsgerichtsrat rollt er Zigarre qualmend mit dem Rollstuhl über die Bühne. Ganz in Schwarz und ebenso eiskalt wirkt der Oberinspektor von Lea Draeger, als Frau Amtsgerichtsrat gibt sie der verzweifelten Elisabeth von oben herab zweifelhafte Rechtsberatung. Schillernd mit Federboa echauffierende sich Orit Nahmias als Frau Prantl. Als Maria ist sie Elisabeth eine Schwester im Geiste. Ein wenig zur sehr auf böse Karikatur gebürstet, erfüllt das doch den Zweck, die junge Frau zwischen all den Egoisten wie eine Heilige im rieselnden Schnee aussehen zu lassen.

Melancholisch spielt dazu Daniel Kahn Blues, Balladen und Klezmersongs, aber auch ein schönes Duett zwischen Sesede Terziyan und Mehmet Ateşçi. Etwas rührig wird es wenn Sesede Terziyan zu einem traurig klingenden türkischen Lied ansetzt. Der Abend legt Stimmungen und Gefühl in den recht guten Soundtrack Kahns, der auch schon mit der Interpretation von Brecht-Songs aufgefallen ist und hier die Internationale zum Unterschichtensong parodiert. Kleine szenische Lichtblicke bringt noch die kurze Beziehung Elisabeths zum Schupo Alfons, den Taner Şahintürk als geradlinigen, prinzipientreuen Menschen mit leichtem Hang zur Romantik spielt, wenn er Elisabeth mit Sträußen von weißen Winterastern überhäuft. Aber es kommt wie es kommen muss, und zum feuchten Abgang Elisabeths stehen alle noch mal palavernd Spalier. Kein großer, dafür aber sehr eindrücklicher Abend.

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Glaube Liebe Hoffnung (MGT, 13.01.2018)
Von Ödön von Horváth und Lukas Kristl
Regie: Hakan Savaş Mican
Bühne: Sylvia Rieger
Kostüme: Sophie du Vinage
Bühnenmusik und Songs: Daniel Kahn
Musik und Sounddesign: Lars Wittershagen
Licht: Carsten Sander
Dramaturgie: Irina Szodruch
Mit Mehmet Ateşçi, Lea Draeger, Daniel Kahn, Orit Nahmias, Taner Şahintürk, Sesede Terziyan
Die Premiere war am 13. Januar 2018 im Maxim Gorki Theater
Termine: 14., 17.01. / 09., 13.02.2018

Infos: http://www.gorki.de/

Zuerst erschienen am 14.01.2018 auf Kultura-Extra.

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Kabale und Liebe – Im Ballhaus Ost inszeniert Christian Weise Schillers bürgerliches Trauerspiel mit Pantomime und Klamauk als ironischen Stummfilm

Schillers Kabale und Liebe zählt zu den Klassikern des Sturm und Drang. Zuletzt wurde das bürgerliche Trauerspiel 2013 von Claus Peymann am Berliner Ensemble als polternde Zirkusnummer in Szene gesetzt. „Vielleicht bin ich ein Anachronist, aber ich habe diesen Traum, dass dem Theater erziehende, weltverbessernde Züge anhaften – frei nach Lessing und Schiller.“ ließ der mittlerweile abgetretene Theaterpatriarch damals verlauten. Erzieherisch hat das bürgerliche Theater bereits seit langem versagt. Also was sollte man dem 5 Jahre später noch hinzufügen?

Der noch als jugendlich geltende Theaterregisseur Christan Weise versucht es nun am Ballhaus Ost mit den Vätern der Klamotte. „Christian Weise inszeniert die mit Leidenschaft und Intrigen übervolle Tragödie gemeinsam mit Student*innen der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« und zeigt sie als grellbunten Stummfilm, schwankend zwischen Anachronismus und Sehnsuchtsort.“ heißt es dazu auf der Website der kleinen Off-Bühne in der Pappelallee. Weise ließ dort schon den Flaubert-Klassiker Madam Bovary als im Milieu der Prenzlauer-Berg-Schickeria angesiedelt Komödie aufführen. Allerdings ist dieser grandiose Publikumserfolg auch schon wieder ein paar Jahre her.

Zurzeit läuft am Maxim Gorki Theater unter Weises Regie die Spolianskys-Revue Alles Schwindel. Denn der Regisseur liebt es gern grell-bunt und schrill überzeichnet. Die Deutsche Bühne bescheinigte ihm „die Macht und Kraft der Phantasie und des subversiv Widerständigen“. Widerständig gebärdet sich auch der jugendliche Schiller-Held und adlige Präsidentensohn Ferdinand. Er begehrt gegen die Klassenschranken zwischen Adel und Bürgertum auf, indem er seine bürgerliche Geliebte Luise, Tochter des armen Stadtmusikus Miller, gegen den Willen seines mächtigen Vaters ehelichen will. Elterliche Standesdünkel oder Aufstände gegen die Vätergeneration mag es sicher auch noch heute geben, ansonsten dürfte der Intrigenplot Schillers zunehmend als Old School oder Fashioned gelten und sich nur noch zum ironischen Genreschmäh eignen. Horror, Kitsch und Klamotte schlagen übermächtiges Liebespathos und jugendlichen Furor.

 

Kabale und Liebe im Ballhaus Ost – Foto (c) Ruthe Zuntz

 

Bei Weise sieht das aus wie eine Kreuzung zwischen Herbert Fritsch und Vegard Vinge. Bei denen bedient sich ja momentan eine ganze Schar junger Theatermacher. Allen voran Ersan Mondtag. Und mit Paula Wellmann hat Weise auch gleich die richtige Frau für Bühne und Kostüme. Da sind rechts die im Schachbrettmuster gehaltene Küche der Millers aus Pappwänden und -möbeln, links ein paar hohe Tische mit riesigem Pappstempel und rotem Atomknopf als Büro des Präsidenten (Jonathan Kempf), und im Hintergrund ein pinkfarbener Raum in dem die vom Vater als standesgemäße Gattin für Ferdinand auserkorene Lady Milford (Anna-Sophie Hüttl) mit Stoffhummern samt ihrer Dienerin (Gloria Iberl-Thieme) wie in einem Aquarium haust. Die Gesichter sind alle weiß geschminkt. Bei Millers kippt als Running Gag beim Eintreten immer das Regal. Ansonsten kratzt der Musikus (Felix Mayr) auf einem Papp-Cello herum, seine Frau (Clara Fritsche) raucht Kette und das Töchterchen hat einen religiösen Spleen mit Bibel und einem Kreuz, das sie über die Tür hängt.

Tatsächlich macht der Regisseur wahr, was in der Ankündigung steht. Das Spiel läuft als Livestummfilm, der Text über ein digitales Anzeigenband. Einzig der männliche Held Ferdinand (Noah Saavedra) bekommt ein paar piepsige Sätze, die er meist mit Erstaunen, dass er überhaupt eine Stimme hat, von sich gibt. Alle anderen bleiben stimmlos und der Blick geht unweigerlich immer wieder nach oben. Das ist insbesondere für die arme Luise (Noelle Haeseling) recht schade. Sie darf nur still schmachten und muss sich stumm den Avancen des schmierigen Sekretärs Wurm (Luisa Grüning), der sie mit lizzardartiger Zungenbewegung bedrängt, erwehren. Farblich unterscheiden sich die Spielebenen in Schwarz-Weiß bei Millers, Schwarz-Grün beim im Fatsuit steckenden Präsidenten und Bonbon-Pinkfarben im Palais der Lady Milford. Musik, akustische Akzente und Geräusche kommen vom Live-Musiker Jens Dohle, der links am Keyboard sitzt.

Das ist für die erste halbe Stunde sogar recht originell und witzig. Es gibt viel Slapstick, Pantomime und Grimasse. Die Masche erschöpft sich allerdings zusehends, besonders die Szenen bei der Milford ziehen sich akustisch unterstützt schon etwas in die Länge. Schöne Momente gibt es mit dem sich vor Eifersucht und Rachedrang in einen stummen Schrei und einer Jagd nach dem vermeintlichen Widersacher von Kalb (Theo Trebs) hineinsteigernden Ferdinand. Man wartet aber nach dem Austausch von Intrigen und erpressten Briefen (groß, mit Herzchen verziert) doch schon etwas auf die verhängnisvolle Limonade, die dann auch noch mit theatralischer Sterbeszene folgt.

Zuvor müssen die DarstellerInnen allerdings noch kurz aus ihren Rollen heraustreten und in echtem Namen irgendwas Witziges über ihre erste Liebe verkünden. Leider etwas banal, dieser eingeschobene persönliche Striptees, der die Story mit Aktualität aufladen und aus der Theatermottenkiste befreien soll. Nur wozu das Ganze? Für ein paar nette Regieeinfälle rein zur Belustigung des Publikums und der Erprobung studentischer Schauspielfähigkeiten lohnt die Mühe kaum. Das letzte Wort hat der Mops der Lady, der aber auch nicht so recht weiß, was das eigentlich soll. Oder frei nach dem alten Miller: Mit so viel Geld lässt sich, weiß Gott, ein trefflich Bubenstück anspannen.

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Kabale und Liebe (Ballhaus Ost, 11.01.2018)
Von Friedrich Schiller
Regie: Christian Weise
Bühne, Kostüme: Paula Wellmann
Musik: Jens Dohle
Sounds: Butch Warns
Dramaturgie: Sascha Hargesheimer
Regieassistenz: Laura Brucklachner
Lichtdesign: Fabian Eichner
Bühnenbau, Werkstatt: Ingo Mewes
Schneiderei: Anna-Sophie Koch
Assistenzen Bühne und Kostüme: Luise Bornkessel, Ran Chai Barzvi
Produktionsleitung: Peter Brix
mit Clara Fritsche, Luisa Grüning, Noelle Haeseling, Anna-Sophie Hüttl, Gloria Iberl-Thieme, Jonathan Kempf, Felix Mayr, Noah Saavedra, Theo Trebs
Eine Produktion der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« mit Studierenden der Studiengänge Schauspiel und Zeitgenössische Puppenspielkunst in Kooperation mit dem Ballhaus Ost.
Die Premiere war 11.01.2018 im Ballhaus Ost
Termine: 12., 13., 14.01.2018

Infos: https://www.ballhausost.de/

Zuerst erschienen am 13.01.2018 auf Kultura-Extra.

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Der Tag, als ich nicht ich mehr war – Autor Ronald Schimmelpfennig und seine Uraufführungsregisseurin Anne Lenk vollziehen in den Kammerspielen des Deutschen Theaters die banale Ichabspaltung des deutschen Biedermanns

Foto (c) Arno Declair

Manchmal wünscht man sich als Theaterkritiker einen Doppelgänger. Das würde einem so manch enttäuschenden Theaterabend ersparen. Man hätte wieder mehr Zeit für anderes, und am Morgen könnte man beim Frühstück im Internet den eigenen Text, von einem anderen in harter Nachtarbeit geschrieben, am Frühstückstisch lesen. Träum‘ weiter, sagt man sich, und geht schön brav selbst in die Uraufführung des neuen Stücks von Roland Schimmelpfennig, das der vielgespielte Erfolgsautors als Auftragsarbeit für das Deutsche Theater Berlin geschrieben hat. Es heißt Der Tag, als ich nicht ich mehr war und handelt, wie sich schon am Titel erkennen lässt, von einem Identitätsproblem oder besser gesagt: von einer Abspaltung des eigenen Ichs.

Nämliches passiert in Schimmelpfennigs Stück einem biederen deutschen Familienvater, der von der Arbeit kommend am Abendbrottisch schon einen anderen Mann vorfindet, der ihm bis auf den Hut gleicht. Ein durchaus alptraumartiges Setting, das noch Steigerung durch die sich ebenfalls vollziehende Verdoppelung der Ehefrau erfährt.

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 Regisseurin Anne Lenk hat das nur 70-minütige Stück in den Kammerspielen inszeniert. Die Bühne von Sibylle Wallum zeigt eine Treppe vor einem mit Vorhang verschlossenen Guckkasten mit einer zweiten Bühne, auf der sich die surreal anmutenden Traumsequenzen des Mannes (Camill Jammal) und seiner Frau (Franziska Machens) abspielen. Schimmelpfennig springt – wie schon in An und aus (ATT 2016) – in der Zeit vor und zurück. Sonne und Mond als Gegensatzpaar bewegen sich ebenso vor- und rückwärts und sind als Pappsymbole anwesend wie auch zottelige Fabelwesen, die über die Bühne huschen, die Träumer erschrecken und ihre Scham bedecken. Der Mann wird im Büro zum Knopf an der Bluse der Empfangsdame (Maike Knirsch tanzt als Knopfnummerngirl) und träumt sich daheim in erotische Fantasien, die sein Doppelgänger, ein Draufgängertyp, praktisch in im Bett mit seiner Frau ausführt. Das wird mehrfach in wechselnder Konstellation durchgespielt und von den Kindern des Paars (Tabitha Frehner als Tochter und Jeremy Mockridge als Sohn) kommentiert.

 

Foto (c) Arno Declair

 

Nur besonderes Interesse kann dieser, sich im Gegenpaar (Elias Arens und Maike Knirsch) manifestierende Biedermann/frau-Alptraum nicht erwecken. Zu banal und stereotyp sind diese Fantasien, die sich da u.a. in einem nächtlichen Ausflug in die Schwertfischbar verwirklichen, wo alle vier aufeinandertreffen, dem Laster Alkohol und Kartenspiel frönen und Frau 2 als Rote Rita einen Tanzauftritt hat. Während Mann 1 und Frau 1 in ihren unbefriedigenden Alltagstrott vom kleinen Haus mit Garten und hässlicher Fichte (Achtung! Philosophische Metapher) stecken bleiben, tollt das Doppelgängerpaar nackt über die Bühne und legt einfach die Axt an den Baum, der am Ende befreit über die geleerte Bühne gezogen wird. Traum und Realität fügen sich beim finalen Frühstück.

Was macht man mit einem derart biedermeierlichen Plot, der weder zum Philosophieren noch zur romantischen Boulevardkomödie reicht und nicht mal annähernd in Kleist`sche Amphitryon-Sphären aufzusteigen vermag? Anne Lenk versucht sich in die Situationskomik zu retten. Die DarstellerInnen wirken dabei allerdings in ihren Posen ziemlich unsicher bis ungelenk. Ein albernes Zappeln zu altbackenen Sätzen. Ein Probiertextchen für die Box, nur ist Schimmelpfennig dem Experimentieralter längst entwachsen. Der große Autor in der Krise. Seit einiger Zeit hat Roland Schimmelpfennig schon nicht mehr viel zu sagen, das aber mit kontinuierlicher Penetranz. Damit nimmt er anderen AutorInnen die Luft und den Platz ihr Talent zu beweisen. Aber vielleicht war das ja auch nur sein Doppelgänger.

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Der Tag, als ich nicht ich mehr war (DT-Kammerspiele: 12.01.2018)
von Roland Schimmelpfennig
Regie: Anne Lenk
Bühne: Judith Oswald
Kostüme: Sibylle Wallum
Musik: Camill Jammal
Dramaturgie: Sonja Anders
Mit: Camill Jammal, Elias Arens, Franziska Machens, Maike Knirsch, Tabitha Frehner, Jeremy Mockridge
Die Premiere war am 12. Januar 2018 in den Kammerspielen des DT
Dauer: 70 Minuten, keine Pause
Termine: 19., 28., 31.01. / 11., 25.02.2018

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 14.01.2018 auf Kultura-Extra.

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Zweimal Hamlet einmal anders – Im Schauspiel Leipzig als als Prinzessin und im Berliner Ballhaus Ost kopfüber gebondaged

Donnerstag, Dezember 28th, 2017

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Hamlet gebondaged – Dasniya Sommer und Florian Loycke führen im Ballhaus Ost frei nach Shakespeare das Kinbaku-Drama Hamlet und seine Geister auf, was allerdings nach einer Stunde technisch und dramaturgisch etwas in den Seilen hängt

(c) Das Helmi, Ballhaus Ost

Dasniya Sommer und Florian Loycke kennen sich über die Arbeit im Puppentheater Das Helmi, in dem Loycke eine Art Mastermind darstellt und Sommer für Choreografien zuständig ist. Gemeinsam haben sie sich mit der Geschichte der Shakespeare-Figuren Hamlet und Ophelia beschäftigt und daraus das Kinbaku-Drama Hamlet und seine Geister mit Bondage-Performance, Tanz und Puppen entwickelt. Premiere hatte die Arbeit im Sommer im Kamagol Theater Gijang, einem Stadtteil der südkoreanischen Stadt Busang. Anschließend war sie noch auf weiteren Festivals in Korea zu sehen und hatte nun im Ballhaus Ost ihre Berlin-Premiere. Kinbaku oder auch Shibari ist die japanische Kunst des Fesselns, im Westen eben auch als Bondage, einer Spielart des BDSM, bekannt. Dasniya Sommer gibt Kurse in Kinbaku. In ihren Performances verbindet sie auch Tanz mit Bondage-Kunst.

Die Beziehung des Dänenprinzen Hamlet zu seiner Geliebten Ophelia als sadomasochistischen Geschlechterkampf darzustellen, ist nicht so abwegig und sogar auf Stadttheaterbühnen nicht ganz unüblich. Die Frage ist nur, wer hier wen beherrscht. Im Shakespeare‘schen Normalfall ist Ophelia bedauernswerter Spielball der Männer und endet im Wahn als Wasserleiche, während Hamlet seinen eigenen Wahn todbringend ausleben darf und weiter Intrigen spinnt, bis er selbst einer Intrige zum Opfer fällt. Die Geschichte ist bekannt und viel gespielt: „Hamlet ist der Held, der sich in der eigenen Geschichte immer mehr verstrickt und schließlich, wenn er stürzt, die halbe Welt mitreißt – am Ende sind alle tot und es kommt Fortinbras.“ So verkürzt sieht diese Performance den Kampf Hamlets gegen die Mörder seines Vaters, der ihm als Geist erschienen aufträgt, seinen Tod zu rächen.

 

Hamlet und seine Geister im Ballhaus Ost
Foto (c) Sophie Östrovski

 

Im Wege sind ihm dabei nicht nur irgendwelche Geister, sondern vor allem sein eigener Geist, den zu befreien er nicht im Stande ist. Symptomatisch dafür steht sein berühmter Monolog „Sein oder Nichtsein“, in dem der Zweifler zwischen „Des wütenden Geschicks erdulden oder / Sich waffnend gegen eine See von Plagen“ schwankt. Wenn aber nun die Pein selbst zur Lust wird, dann können irdische Verstrickungen, oder besser die des Körpers Hülle, auch zur willkommenen Fessel werden. Dasniya Sommer und Florian Loycke spielen dieses Arrangement ganz anschaulich in ihrer Performance durch, wobei auch die Geschlechter- und Abhängigkeitsrollen gewechselt werden. Es entspinnt sich so ein Spiel aus Tanz, Gesang und gegenseitiger Fesselung, wobei sich zu Beginn Florian Loycke in einer relativ ausgetüftelten Hängebondagepartie befindet, bei der er nackt wie ein Jesus zu Karfreitag in den Seilen hängt. Man könnte es auch passend zur Jahreszeit für eine besonders raffinierte Art des Schnürens eines passenden Weihnachtspakets halten.

Dass es hier aber auch um das Ausprobieren einer neuen Identität, um das Spiel mit Manipulation und verabredeten Ritualen geht, zeigt diese mit Masken, Schminke und Kostümen dem japanischen Kabuki oder Nō Theater nahe Performance zunächst recht eindrucksvoll. Das Einfangen des anderen ist immer auch die Fesselung des eigenen Geistes, dem sich der Gefesselte mit seinem Körper stellvertretend hingibt. Leider verheddert sich dieser mit der Lust am Schmerz arbeitende Abend zusehends in Details. Loyke projiziert mit einem Overheadprojektor Zeichnungen mit Hängebondage-Fantasien, ähnlich denen des Dada-Künstlers und Surrealisten Hans Bellmer, bekannt für seine rätselhaften Fotos von Bondage-Puppen, an die Wand. Das jeweils gefesselte Bunny wird in allerlei Posen fotografiert, oder auch mal der in Südkorea erfundene Gangnam Style des Rappers Psy getanzt.

An die Tragödie Shakespeares erinnern hier nur ein paar Zeilen aus besagtem Hamlet-Monolog, der stimmlich verfremdet aus dem Off ertönt. Recht psychologisch klingen die ebenfalls vom Band eingespielten Reflektionen über den Schmerz und das Verlassen der Komfortzone. An die Ordnung der Welt rüttelt da nicht sehr viel. Dasniya Sommer schnürt dazu die restlichen Puppendarsteller des Dramas zu einem Knäuel und entsorgt sie in der Kulisse. Dass es mit der Lust am Schmerz auch eine Last sein kann, zeigt sich bei der Bondage-Session mit der Meisterin, bei der Schüler Hamlet sichtlich den Faden verliert. Trotz Degeneinsatz zur finalen Fechtszene wird die Performance nicht nur technisch, sondern zunehmend auch dramaturgisch zur Hängeparty. „He laughed to free himself from his mind’s bondage.” heißt es im Shakespeare-Disput in James Joys’ Roman Ulysses. Ob nun Tragödie oder Komödie, schlussendlich haben wir uns für ein befreiendes Lachen entschieden.

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Hamlet und seine Geister (Ballhaus Ost, 19.12.2017)
Ein dramatisch getanztes Theaterstück mit Puppen und Menschen von und mit Dasniya Sommer und Florian Loycke
Künstlerische Mitarbeit: Chae Lee, Cora Frost
Eine Produktion von Das Helmi und Haus Sommer.
Mit freundlicher Unterstützung von Ballhaus Ost, Tom Stromberg und Tina Pfurr.
Termine: 24. und 25. März 2018

Infos: https://www.ballhausost.de

Zuerst erschienen am 20.12.2017 auf Kultura-Extra.

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„Ich bin nicht Hamlet.“ – Für die Diskothek am Schauspiel Leipzig inszeniert Lucia Bihler die Deutsche Erstaufführung des Stücks Prinzessin Hamlet, eine feministische Shakespeare-Überschreibung der finnischen Dramatikerin E. L. Karhu

Prinzessin Hamlet am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

Shakespeares Tragödie um den melancholischen Dänenprinzen Hamlet einen feministischen Anstrich geben zu wollen, ist nicht neu. An der Berliner Schaubühne inszenierte die britische Regisseurin Katie Mitchell das düster-tragische Stück Ophelias Zimmer mit Texten der Autorin Alice Birch aus der Sicht der von Männern manipulierten Hamlet-Geliebten. Nun hat in der Discothek am Schauspiel Leipzig die junge deutsche Regisseurin Lucia Bihler in deutscher Erstaufführung das von der finnischen Dramatikerin und Dramaturgin E. L. Karhu geschriebene Theaterstück Prinzessin Hamlet inszeniert. Das Stück ist allerdings nicht einfach nur Shakespeares Drama mit vertauschten Rollen. Karhu nutzt die Shakespeare’sche Vorlage lediglich als gedankliches Gerüst für eine Hinterfragung von Geschlechterrollen. Prinzessin Hamlet soll die Krone des Königreichs übernehmen, kann und will aber, wie es scheint, den an sie gestellten Ansprüchen nicht genügen. Sie zieht sich oft auf einen Felsen am Meer zurück, um dort allein ihren Selbstmordgedanken nachzuhängen.

Das wirkt ähnlich wie Mitchells Versuch von Anfang an etwas konstruiert und ist es textlich leider auch. Karhus Drama fokussiert auf ein spezielles Konstrukt. Prinzessin Hamlet ist das Bild einer Frau, die nicht ihr eigenes Leben leben kann, sondern einem bestimmten Bild von ihr entsprechen muss. Ähnlich dem von Prinzessin Diana, der Ex-Gattin des britischen Thronfolgers Prinz Charles, oder auch dem der US-amerikanischen Schauspielerin Marilyn Monroe, die als Vorbild für diese Inszenierung fungiert. Die fünf DarstellerInnen, drei Schauspielerinnen (Alina-Katharin Heipe, Anna Keil, Bettina Schmidt) und zwei Schauspieler (Tilo Krügel, Andreas Dyszewski) aus dem Leipziger Ensemble, stecken in farblich dem Bühnenhintergrund angepassten Abendroben und tragen für Marylin Monroe typische Lockenperücken. Beides kreiert durch den auch für Ersan Mondtag arbeitenden Bühnen- und Kostümbildner Josua Marx. Leider lenkt dieses Outfit nicht nur optisch vom allgemeinen Problem gesellschaftlich konstruierter Frauenbilder ab. Im Programmheft stützt man sich auf Judith Butlers Text Gender is Burning. Drag als „Ort einer bestimmten Ambivalenz“ ist aber letztendlich auch nur Ausdruck einer Imitation von Rollen in bestimmten Machtverhältnissen.

 

Prinzessin Hamlet am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

 

Die Monroe ist vor allem ein Männertraum der 1950er Jahre und längst unauslöschlicher Bestandteil der Popkultur geworden. Ihre damalige Präsenz und ihr früher Tod haben einen immer währenden Mythos kreiert. Den nutzte auch Jürgen Kuttner in seinem am Deutschen Theater Berlin inszenierten Stück Feminista Baby!, dem Valery Solanas SCUM-Manifesto als Textvorlage diente. Auch E. L. Karhu bezieht sich in ihrem Stück auf den Unsterblichkeits-Mythos, wenn Prinzessin Hamlet zu ihrem 29. Geburtstag ein Fanal setzen und sich als brennende Fackel vom Felsen stürzen will. „Man erinnert sich an jene Prinzessinnen, die sich umbringen, die zeitig abtreten, spektakulär, mit großer Flamme. Die anderen, das sind Frauen, die nicht fähig waren zu leben, (…) Mir wird es nicht so ergehen.“

Gespielt wird das recht puppenhaft. Die Figuren werden in Pose gesetzt, sprechen wiederholt mit verstellten Stimmen ins Mikrofon. Es gibt keine bestimmte Rollenaufteilung. Jeder ist mal Prinzessin Hamlet oder ihre Kammerzofe Horatia. Zu Beginn verneinen alle nacheinander Hamlet zu sein und sind es dann doch. Ein dauerndes Spiel der Imitation, das schließlich auch im Stück seine Entsprechung findet, wenn Horatia auf Hamlets Wunsch deren Rolle am Hof einnimmt. Prinzessin Hamlet, durch Horatia verraten, wird von Königin Gertrud nach England an den Buckingham Palast geschickt, was sich als Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt mit Chorsingen entpuppt. Dort begegnet Prinzessin Hamlet auch Ofelio, der ebenso mehr in ein Bild von ihr verliebt ist. Das endet schließlich nicht mit dem Sprung vom Felsen, aber von der London Bridge. Der Chor singt dazu den Kinderreim „London Bridge is Falling Down“. Die Musik liefert Jam Rostron aka Planningtorock.

Vom ursprünglichen Drama Hamlet liegt nur noch der berühmte Totenschädel auf dem Schrank, in den hin und wieder Prinzessin Hamlet gesteckt wird. Aber das Volk will seine Thronerbin sehen und bekommt eine Kopie als Fake vorgesetzt. Ausdruck bekommt die Verzweiflung Hamlets nur durch die wiederholt vorgetragenen Zeilen: „Das Entsetzen schiebt ihr die Hand in die Kehle und ballt die Hand zur Faust.“ Ansonsten bleiben das poppige Tagesprogramm aus „Wahnsinn, Tod und Katastrophen“ genau wie die erwähnten Anklänge an Sarah Kane oder Heiner Müllers Hamletmaschine eher Behauptung. Das Konstruierte von Text und Inszenierung wird dieser Abend leider nie ganz los.

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Prinzessin Hamlet (Diskothek, 23.12.2017)
von E. L. Karhu
Aus dem Finnischen von Stefan Moster
Deutschsprachige Erstaufführung
Regie: Lucia Bihler
Bühne & Kostüme: Josa Marx
Musik: Planningtorock
Künstlerische Beratung: Sonja Laaser
Dramaturgie: Christin Ihle
Licht: Jörn Langkabel
Mit: Alina-Katharin Heipe, Anna Keil, Bettina Schmidt, Tilo Krügel, Andreas Dyszewski
Spieldauer: ca. 1:30, keine Pause
Die Premiere in der Diskothek am Schauspiel Leipzig war am 02.12.2017
nächste Termine: 20.02.2018

Infos: https://www.schauspiel-leipzig.de/

Zuerst veröffentlicht am 27.12.2017 auf Kultura-Extra.

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Kleines und großes Welttheater – „Schere Faust Papier“ von Michel Decar am Thalia Theater Hamburg und „Fatrasien“ von Das Helmi am Berliner Ballhaus Ost

Mittwoch, Dezember 28th, 2016

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Die ganze Welt im Trichter – Ersan Mondtag inszeniert Schere Faust Papier von Michel Decar als spielerische Zivilisations-Farce mit Fellwesen auf Mondlandschaft

Michel Decar hat ein neues Stück geschrieben. Der Ort der Handlung ist ein Trichter. Da muss jede Menge durch: alle möglichen Bühnenbilder, sehr verschiedene Kostüme und Requisiten, dazu reichlich Personal aus der bewohnten Welt und der Geschichte der Menschheit.“ So versucht es jedenfalls die Website des Thalia Theaters zu erklären, an dessen Dependance in der Altonaer Gaußstraße das neue Stück des Autors am vergangenen Sonntag uraufgeführt wurde. Decar lässt darin eine nicht näher genannte Anzahl von Personen die Weltgeschichte aus Kriegen, Irrtümern, Sex, Mord und Totschlag nachspielen. Dazu werden Platons Höhlengleichnis, Stanley Kubricks Kultstreifen 2001: Odyssee im Weltraum und noch einige andere Filme, Ereignisse und Personen der Weltgeschichte bemüht. Frei nach dem Zitat von Karl Marx wiederholt sich für Decar die Geschichte aber nicht nur einmal als Tragödie und einmal als Farce, sondern 20fach als Tragikomödie, ZDF-Zweiteiler, als BBC-Miniserie, Telenovela, Eventmovie, Kriminalkomödie etc. etc.

Die Welt – oder ein fremder Planet – ist Trichter, Höhle oder einfach im Arsch. Ein Betonbunker zurückgebombt in die Steinzeit. „Da kommst du nicht raus, kannst machen was du willst, kannst dir ein Seil denken, kannst auf Gedanken kommen“, heißt es zu Beginn mehrmals. Nur ein leichtes Kratzen mit langem Vokal A glauben die Insassen immer wieder zu vernehmen. Aber nichts Bestimmtes, also macht man halt einfach weiter. Das scheint auf den ersten Blick etwas surreal und abstrus. Keine wirkliche Story – mehr eine verrückte Parabel oder eben eine Farce auf den unabänderlich scheinenden Lauf der Dinge. Und so verwundert es auch nicht, dass der Autor sein als Botenbericht, Mysterien- oder Satyrspiel mit einer Vielzahl von möglichen Bühnenbildern angekündigte Stück vom preisgekrönten Regie-Wunderkind Ersan Mondtag inszeniert haben wollte, der selbst für eine sehr offene, assoziative und zitatenreiche Spielführung bekannt ist.

 

Schere Faust Papier am Thalia Theater Hamburg
Foto (c) Armin Smailovic

 

 

Und Ersan Mondtag nimmt diesen Spielauftrag an. Er hat fünf Figuren – die Besetzung ist vom Autor als variabel angegeben – auf eine nicht näher definierte, klinische Mondlandschaft (Bühne: Paula Wellmann) mit kleinen Hügeln und Tälern gesetzt. Dort singen diese fünf an Bauch und Rücken bepelzten Wesen (Kostüme: Josa Marx) mit hellblauen Eierköpfen und langen Insektengliedmaßen zunächst im Dunklen zur Musik des Komponisten Max Andrzejewski den blauen Planeten Erde an. Fünf außerirdische Mondschafe, menschliche Mutanten oder was auch immer erzählen dann in einem rhythmischen Sing-Sang von ihrem Trichter, was sie hören oder sehen und was sich ihrer Meinung nach draußen abspielt, bis man sich selbst auf den Weg macht. Das lässt zunächst tatsächlich viel Raum für Assoziationen und Überlegungen, worum es sich da eigentlich handelt.

Bis man merkt, auf jeden Einschlag von draußen folgt ein Zeit- und Evolutionssprung in der Geschichte der Menschheit, die die fünf unter den Kostümen steckenden Thalia-SchauspielerInnen Marie Löcker, Thomas Niehaus, Cathérine Seifert, Oda Thormeyer und Tilo Werner nun in 90 recht kurzen Minuten durchlaufen. Ein zunächst recht witziger Exkurs von den Höhlen der Urmenschen über die Steppen mit Urrinderherden und den ersten Dörfern mit sesshaften Ackerbauern, aber auch eine Geschichte der Entwicklung der Zivilisation mit Gesetzen, Regeln und Religionen, des technischen Fortschritts und den Nebenwirkungen von Macht, Misstrauen, Gewalt und Kriegen.

 

Schere Faust Papier am Thalia Theater Hamburg
Fotos von der Premiere: St. B.

 

Das ist perfekt durchgestylt, soundtechnisch arrangiert und auf den Punkt hin inszeniert. Es wird ein bisschen rumgefickt, gemotzt, gemobbt und angebetet. Natürlich hat man das Ganze nach etwa 30 Minuten kapiert. Es ist alles ziemlich vorhersehbar. Und es wiederholt sich natürlich. Die menschähnlichen Urtierchen sitzen wie in einer Zeitschleife von immer höher technisierten Vernichtungsmaschinerien vom Dolch über den Panzer bis zum Krieg ohne Menschen. Wir sitzen mit im Trojanischen Pferd, durchlaufen das Zeitalter der Kreuzzüge, der Kolonisierung Amerikas mit der Sklaverei und der Französischen Revolution mit der blutigen Beseitigung aller Gegner. Wir hören von undeutschen Ohrläppchen, sibirischen Lagern, Schurkenstaaten und kommen irgendwann auch beim Vietnamkrieg, 68er-Pazifismus und K-Gruppengequatsche über Begrifflichkeiten sowie UN-Friedenseinsätzen an. Schuld an den vielen Toten im Vorrübergehen sind natürlich immer die anderen – oder Ausreden wie die, dass man mit dem Rauchen aufgehört hätte.

Am Ende will man irgendwelche Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen, hat alles zu verhindern versucht und selbst immer nur Befehle ausgeführt. Die üblichen, unschuldigen Litaneien, die niemandem wirklich wehtun. Das es anders und durchaus auch ernst gemeint ist, ist natürlich auch klar. Nur fehlen eben auch ganz konkrete Bezüge, und das Stück besitzt in seiner durchweg ironischen Haltung, albernen Sprache und philosophischen Dürftigkeit fast schon Sesamstraßenniveau. Es fehlt nur noch ein netter Erklärbär, den uns die Regie dann doch erspart, aber nicht die Erkenntnis, das Marx nur auf ein Zitat reduziert auf einen ganzen Abend bezogen auch ziemlicher Murx sein kann.

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Schere Faust Papier (UA) – Thalia in der Gaußstraße, 18.12.2016
von Michel Decar
Regie: Ersan Mondtag
Musik-Komposition: Max Andrzejewski
Sounddesign: Florian Mönks
Bühne: Paula Wellmann
Kostüme: Josa Marx
Dramaturgie: Matthias Günther
Mit: Marie Löcker, Thomas Niehaus, Cathérine Seifert, Oda Thormeyer, Tilo Werner
Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause
Premiere war am 18.12.2016 im Thalia in der Gaußstraße
05., 21., 22.01. / 08.02.2017

Info: https://www.thalia-theater.de/

Zuerst erschienen am 20.12.2016 auf Kultura-Extra.

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Mit dem Licht die Welt zeichnen – Das Helmi zeigt Fatrasien. Ein Unsinnswelttheater in sieben Akten am Ballhaus Ost

(c) Ballhaus Ost

In ihrer neuen Produktion Fatrasien. Ein Unsinnswelttheater in sieben Akten begeben sich die kultigen Schaumstoffhelden von Das Helmi auf große Weltreise. Mit dem deutschen Filmemacher Wim Wenders und dem brasilianische Coffee-Table-Book-Fotograf Sebastiao Salgado einmal Nordpol-Südsee und zurück. Es geht um den preisgekrönten Dokumentarfilm Das Salz der Erde, den Regisseur Wenders 2014 über den solzialdokumentarisch arbeitenden Fotografen Salgado mit seinen perfekten, fast sakralen Schwarz-Weiß-Bildern von Landschaften, Tieren und Menschen gedreht hat.

Das steht natürlich in totalem Kontrast zu den flippigen, eben ganz bewusst nicht perfekten Puppenwesen aus Schaumstoffresten, die Das Helmi seit Jahren für ihre Inszenierungen baut. Und so ist das auch nicht in erster Linie eine Hommage an die Perfektion eines Wim Wenders, der seinem Idol Sebastiao Salgado beim Erklären seiner Arbeiten über die Schulter schaut, sondern eher ein liebevoll ironischer Blick in die Hinterhof-Werkstatt der Prenzlberger Kleinkunstenthusiasten vom Ballhaus Ost mit ihrem verrückten Vierspartentheater aus Puppen, Schauspiel, Tanz und Musik.

 

Fatrasien von das Helmi im Ballhaus Ost
Foto (C) Brian Morrow

 

Nach einem rockigen Tai-Chi-Kurs zweier Pferdeflüsterer zwischen einer ganzen Herde von Schaumstofrössern mit der magischen Geburt eines Fohlens treffen sich die beiden Weltreisenden bei einem schrägen Künstlerfrühstück bei Familie Salgado, wo noch der Sohn Juliano aufgegabelt wird. Wim Wenders im Trenchcoat (dargestellt von der Schauspielerin Janet Rothe) begibt sich dann zu auf einen kleinen Zwischenbesuch bei Pablo Picasso nach Paris. Der Meister (als Schaumstoffpuppe in seinem berühmten Matrosenshirt) sitzt zwischen seinen singenden Malpinseln und lädt den deutschen Filmemacher zu einem Disput über Malerei, Fotografie und Theater. Auf einer Schaumstoff-Leinwand tummeln sich bekannte Picasso-Motive mit den typischen mehrperspektivischen Gesichtern oder afrikanischen Masken, die der weltberühmte Maler hin und her scheucht, nebst Stierkampfeinlage.

Vater Salgado und Sohn treffen wir dann wieder im arktischen Eis beim Pinguinebeobachten und einem kleinen Gespräch über modernes Heldentum, während Wim Wenders lauthals die große Stille preist. Herrlich sind auch der Chor der Blues singenden Schaumstoff-Seelelefanten, Josephine Baker im Bananenröckchen, ein asiatischer Lichtertanz und vieles mehr. Sogar dem Wenders-Kumpel Peter Handke wird ein Ständchen dargebracht. Dem Einfallsreichtum der Puppenmacher sind hier keine Grenzen gesetzt. Schmal und kerzengrade wie Giacometti-Skulpturen stehen die Südsee-Ureinwohner und geben den beiden Kunstreisenden Nachhilfe in Soziologie und Familienplanung.

Mit viel Witz und Ironie zerstören die Helmis hier das Pathos der beiden Großkünstler, nicht ohne sich selbst am Ende ein wenig zu glorifizieren. Ganz zu recht natürlich. Ihre verrückte Fantasiewelt Fatrasien ist ein Muss für alle Helmi-Fans und die, die es noch werden wollen.

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Fatrasien. Ein Unsinnswelttheater in sieben Akten (Ballhaus Ost, 22.12.2016)
Von und mit das HELMI
Installation, Skulpturen, Performance, Komposition, Tanz: Okka Hungerbühler, Felix Loycke, Florian Loycke, Brian Morrow, Johanna Olausson, Janet Rothe, Dasniya Sommer, Emir Tebatebai
Technik, Bühne, Ideen: Burkhart Ellinghaus
Künstlerische Mitarbeit: Marcel Bugiel, Cora Frost
Produktionsleitung: ehrliche arbeit – freies Kulturbüro.
Eine Produktion von und mit Das Helmi in Ko-Produktion mit dem Ballhaus Ost
Premiere war am 15. Dezember 2016 am Ballhaus Ost Berlin
Weitere Vorstellungen: 03., 04., 05.02.2017

Infos: http://www.ballhausost.de/produktionen/fatrasien/

Zuerst erschienen am 22.12.2016 auf Kultura-Extra.

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Die Ranke der Seele – Tobias Yves Zintel und Przemek Zybowski sind in ihrem Stück EXIT AYAHUASCA auf der Suche nach einer spirituellen Alternativ-Medizin

Donnerstag, Oktober 13th, 2016

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exita-poster_-c-daniel-ramirez-perezAyahuasca ist ein halluzinogenes Getränk, das bei indigenen Stämmen im Amazonasgebiet von Brasilien, über Bolivien, Peru bis nach Kolumbien bei rituellen Zeremonien zur Anwendung kommt. Der Pflanzensud wird aus der Liane Banisteriopsis caapi und N,N-Dimethyltryptamin-haltigen Blättern des Kaffeestrauchgewächses Chacruna (Psychotria viridis) gewonnen. Unter dem Namen Yagé ist es auch aus Reiseberichten des US-amerikanischen Schriftstellers William S. Burroughs bekannt, der Anfang der 1950er Jahre auf der Suche nach spirituellen Erfahrungen dieser magischen bewusstseinserweiternden Droge in der Putumayo-Region Kolumbiens auf der Spur war. 1963 wurden die Briefe, die Burroughs in dieser Zeit an Allen Ginsberg schrieb, unter dem Titel Yage Letters (dt.: Auf der Suche nach Yage) veröffentlicht. Darin beschreibt er ziemlich bildhaft die halluzinogene Wirkung nach der Einnahme von Ayahuasca. Aber erst in einem Brief, den Allen Ginsberg 1960 an Burroughs schrieb, erfährt der Leser erstmals über das Eintreten von klaren Todesvisionen nach dem Genuss der Kombination mit Chacruna. Ginsberg schreibt: „… je öfter man Ayahuasca nimmt, desto tiefer kommt man rein – man macht eine Reise zum Mond, sieht die Toten, sieht Gott – Baumgeister – usw.“ Burroughs spricht später auch von einem „Ayahuasca-Bewußtsein“.

Um das komplexe schamanische Stammeswissen der Amazonasvölker geht es auch in dem Stück EXIT AYAHUASCA, das Autor Przemek Zybowski und Regisseur Tobias Yves Zintel für das Ballhaus Ost eingerichtet haben. Przemek Zybowski ist promovierter Mediziner, absolvierte eine Weiterbildung in der Psychoanalyse und arbeitet seit 2010 als Psychiater an verschiedenen Krankenhäusern. Seit 2007 schreibt er neben Prosa auch Theaterstücke, die er in Zusammenarbeit mit Johannes Wenzel (Posen in Angst, 2014 im Ballhaus Ost) und Tobias Yves Zintel entwickelt. Autor Zybowski verarbeitet in seinem neuen Stück sichtlich auch eigene Berufserfahrungen. Neben dem stark rauchenden Rentner Kurt Widmer (Johannes Suhm), der sich nach mehreren Herzinfarkten für eine Freitodbegleitung bei der Sterbehilfeorganisation EXIT entschieden hat, gibt es hier auch eine Psychiaterin Dr. X (Tamara Saphir), die Widmer zunächst eine „chronische Suizidalität bei depressiver Störung“ attestiert, was es ihm wegen des fehlenden positiven Gutachtens über den Zustand seiner Psyche unmöglich macht, die Dienste von EXIT in Anspruch zu nehmen.

Was sich zunächst wie ein Stück über das dauerhafte Streitthema Sterbehilfe anhört, entpuppt sich aber schnell als eine Kontroverse zwischen den wissenschaftlichen Standards der westlichen Schulmedizin und den rituellen Heilkräften südamerikanischer Schamanen. Als solcher tritt schon zu Beginn der Schauspieler Rasmus Slätis, Mitglied der norwegischen Theaterkompanie Nya Rampen (We love Africa and Africa loves us, 2012 im Ballhaus Ost), vor das Publikum und fordert zum Mitmachen bei Atemübungen auf. Man solle beim folgenden keine Angst haben. Nun, man muss auch kein Ayahuasca zu sich nehmen, das wird hier lediglich auf der Bühne bei einer schamanischen Sitzung simuliert, der die an der Allmacht der westlichen Medizin zu zweifeln beginnende Ärztin zusammen mit ihrem Patienten Kurt Widmer beiwohnt.

 

EXIT AYAHUASCA im Ballhaus Ost - Foto (c) Robert Funke

EXIT AYAHUASCA im Ballhaus Ost – Foto (c) Robert Funke

 

Bühnenbildner Philip Wiegard hat dafür ein paar mit Luft gefüllte, zelt- und trichterartige Schlauchgebilde im Saal des Ballhaus Ost verteilt, sowie einen ebenfalls aufblasbaren durchsichtigen Iglu, in dem der Schamane seine Sitzungen vorbereitet und vollzieht. Es erklingt ein psychedelischer Elektrosound begleitet vom sphärischen Gesang Steev Lemerciers. Der Text lässt sich zunächst in einigen wissenschaftlichen Abhandlungen zu den pflanzlichen Bestandteilen des halluzinogenen Gebräus, zur spirituellen Verbindung von Mensch und Pflanze und dem Dialog der Gene in der spiralförmigen Doppelhelix der DNS aus. Dazu kommen die Erzählungen des Rentners über seinen depressiven Zustand und die der Ärztin über ihre Zweifel am System aus Karriere und Reichtum sowie schnellen, billigen Lösungen der Psychotherapie. Später wird ihr dann vor einer Kommission der medizinischen Fakultät die Approbation wegen Verletzung wissenschaftlicher Standards aberkannt, was hier wie in einem Ayahuasca-Trip vorgetragen wird.

Die Sinne öffnen und die Grenzen des Denkens überwinden – das Verschmelzen des Menschen mit der Natur und den Pflanzen – das alles vollzieht sich hier als Exit aus den normierten westlichen Vorstellungen und Einstieg in spirituelle Erfahrungen. So kann der kranke Rentner Widmer durch eine Todesvision seine Ängste lösen und gewinnt neue Lust am Leben. Der Ärztin wiederum gelingt es sich von ihren Zweifeln zu befreien und sich alternativen Heilmethoden zuzuwenden. Ayahuasca als „Auflöser von Problemen“ – das Zeremoniell als innere Reinigung und Katharsis.

Sind Pflanzen intelligente Wesen? Wissen Schamanen mehr? Das sind u.a. die Fragen, der die Inszenierung nachgehen will. Leider wirkt sie dabei auf die Dauer auch wie ein etwas verunglückter Workshop zur medizinischen Drogeneinnahme. Man könnte das Ganze vielleicht noch als gutgemeinte Informationsveranstaltung mit leicht folkloristischem Kunstanspruch verbuchen. Allerdings gehen in dem ganzen, für Laien etwas schwer verständlichen Wissenschaftsgedöns auch etwas die philosophischen Hintergründe flöten. Zybowski hat sich ein wenig beim deutschen Ethnopharmakologen und Drogen-Spezialisten Christian Rätsch belesen, der mehrere Bücher über die kulturelle Nutzung psychoaktiver Pflanzen und über Schamanismus geschrieben hat.

Spielerisch wird die Performance u.a. durch die Befreiung aus einer Fesselung oder den Tanz zwischen zwei Seilen unterstützt. Es gibt Videoeinblendungen von DNS-Strängen und Insekten. Es werden bionische Phänomene erklärt sowie die Metamorphose vom Wurm zum Schmetterling oder die Reise auf die andere Seite durch den Darm einer Schlange und im Stamm des Weltenbaumes beschrieben. Es ist bekannt, dass der Genuss von Ayahuasca nicht nur Gedächtnis und Geist stärkt, sondern auch die Phantasie und Kunstproduktion anregt. William S. Burroughs hat so die vom Künstler Brion Gysin erfundene Cut-up-Technik weiterentwickelt. Dem Team Zintel / Zybowski gelingt das nicht ganz.

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EXIT AYAHUASCA (Ballhaus Ost, 09.10.2016)

(c) Tobias Zintel

(c) Tobias Zintel

von Tobias Yves Zintel und Przemek Zybowski
Regie: Tobias Yves Zintel
Text: Przemek Zybowski
Bühne: Philip Wiegard
Kostüm: Jutta Klingel
Dramaturgie: Andreas Wolfsteiner
Produktionsleitung: Tina Pfurr / Ballhaus Ost
Mit: Steev Lemercier, Tamara Saphir, Rasmus Slätis, Johannes Suhm
Eine Produktion von ZINTEL / ZYBOWSKI in Kooperation mit dem Ballhaus Ost
Premiere im Ballhaus Ost war am 08.10.2016
Weitere Termine: 13., 14., 15., 16.10.2016

Infos: http://www.ballhausost.de/produktionen/exit-ayahuasca/

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Kopfkino oder Labyrinth – Ibsen zweimal ungewöhnlich in Berlin

Montag, Oktober 19th, 2015

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Ibsens Peer Gynt inszeniert als existenzialistisches Kopfkino von Ivan Panteleev im Deutschen Theater Berlin.

„Mach einen Umweg, Peer. Geh außenrum.“ Mit diesem Satz des Krummen beginnt die Peer Gynt-Inszenierung von Ivan Panteleev. Dieser Satz ist so symptomatisch für Ibsens Titelhelden wie auch für diese recht verkopfte Veranstaltung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters selbst. Peer Gynt versucht sein ganzes Leben geradeaus zu gehen, um bei sich anzukommen und bewegt sich doch fast ausschließlich im Kreis. Er läuft vor dem davon, was er ist, und gibt vor etwas anderes zu sein. Er baut sich dazu ein Haus aus papierenen Lügen. So sieht es zumindest der Regisseur und Gotscheff-Vertraute Panteleev. Für diese Idee hat ihm der ehemalige Gosch-Bühnenbildner Johannes Schütz eine nette, kleine Hütte mit pergamentenem Überzug auf die Bühne gestellt, an deren rohen Holzstreben am Ende nur noch Fetzen hängen werden. Das andere haben sich die beiden Protagonisten des Abends, Margit Bendokat und Samuel Finzi, nach und nach herausgerissen. Übrig bleibt nur die innere Leere. Es ist wie beim Häuten der Zwiebel, in der Peer Gynt keinen Kern findet. Es ist dies auch das Gefühl der eigenen Leere, das ihn am Ende seiner großen Lebensreise erfasst. Eine sprichwörtliche Leere, die einen durchaus auch des Öfteren an diesem Abend umfängt.

 

Peer Gynt am DT Berlin - (C) Arno Declair

Peer Gynt am DT Berlin – Foto (c) Arno Declair

 

Aus Ibsen „Faust des Nordens“ konstruiert Panteleev also ein psychologisierendes Drama des Existenzialismus. Was er in seine durchaus gelungene Warten auf Godot-Inszenierung nicht hineinpacken konnte bzw. durfte (Beckett-Erben haben das nicht so gern) – hier passt es nun. Ein bisschen Beckett-Feeling, natürlich Heiner Müller und Sätze von Jean-Luc Godard. Der eigentliche Ibsen-Text ist aus der Schaubühnenfassung von Peter Stein und Botho Strauß aus dem Jahr 1971. Panteleev hat ihn stark gekürzt und (wie schon erwähnt) mit etwas Fremdtext unterfüttert. Das fällt jedoch zumeist nicht sonderlich ins Gewicht, ist doch Ibsens Text so schon absurd genug. Von den 8 Stein-Peers ist hier nur einer übrig geblieben, und den spielt DT-Star Samuel Finzi. Bei allen anderen Rollen, vor allem den weiblichen, assistiert ihm bereitwillig Margot Bendokat. Die blafft als Mutter Aase den alten Lügen-Peer in bewährter Manier zwar hin und wieder etwas an, kann aber auch ganz lammfromm wie die treue Solvejg sein oder so verführerisch tun wie die Trollprinzessin oder die Wüstenschönheit Anitra.

Eine Mann-Frau-Zweierkonstellation, das hatten wir auch schon in der letzten Spielzeit am DT mit Sebastian Hartmanns Woyzeck in einer Bildbe- und -überschreibung mit Texten von Heiner Müller. Ein sehr körperlicher Theaterabend als Assoziations- und Improvisationsexperiment. Bei Panteleev steckt alles schon fertig im Kopf. Nur dort imaginiert sich Peer Gynt seine Reise über die Berge ans Meer und in die Wüste. Ist Trollkönig, Sklavenhändler, Missionar und gockelnder Liebhaber im Geiste. Kaiser Peer mit seinen Heerscharen, ein schöner Taschenspielertrick eines Traumtänzers und Wolkenbildermalers, nur dass ihm hier die Farben ausgegangen sind. Das Programmheft legt die Fährte in Richtung des kleinbürgerlichen Verrats an allem was ihm lieb ist, seinen Idealen und selbst der eigenen Identität. Diese Spur verliert sich allerdings schnell im feinen, weißen Granulat der Bühne, das unter den Schritten knirscht wie frisch gefallener Pulverschnee.

Die Inszenierung schlägt sich selbst mit Ibsen. „Heraus! Die neue Zeit ist angebrochen. Die Vernunft ist tot! Es lebe Peer Gynt!“ heißt es im Tollhaus, und Finzi dreht das Jackett zur Zwangsjacke um, in der der Abend bald selbst stecken bleibt. Gefangen ist der Kaiser der Selbstsucht. „Ich bin was ihr wollt.“ Der Knopfgießer will ihn als nichts Halbes und Ganzes zum Mittelmaß umgießen. Noch kann ihm Peer entwischen. Es halten ihn auch nicht Solvejgs Glaube, Hoffnung und Liebe. Am Ende geht er ab zum nächsten Kreuzweg ins Dunkle. Ein Mensch auf der Sinnsuche? Wer‘s glaubt, wird selig.

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Peer Gynt
von Henrik Ibsen, Deutsche Fassung von Peter Stein und Botho Strauß unter Verwendung der Übersetzungen von Christian Morgenstern und Georg Schulte-Frohlinde, Bearbeitung von Ivan Panteleev
Regie: Ivan Panteleev
Aussstattung: Johannes Schütz
Sounddesign: Martin Person
Dramaturgie: Claus Caesar
Mit: Margit Bendokat und Samuel Finzi
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

Termine: 05., 18. und 25.11.2015

Infos: http://www.deutschestheater.de

Zuerst erschienen am 08.10.2015 auf Kultura-Extra.

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IPSAGON – Das transdisziplinäre Theaterlabyrinth von NO FOURTH WALL mit Texten aus Henrik Ibsens dramatischem Werk im Berliner Ballhaus Ost

Ipsagon_Ballhaus Ost

(c) nofourthwall

Für die einen der letzte Schrei, für die anderen bereits wieder kalten Kaffee – zumindest besteht zurzeit kein Mangel an Angeboten für interaktives Theater in Berlin. Bei Performance Gruppen wie Signa (Club Inferno), machina eX (Toxik), Prinzip Gonzo (die am gleichen Tag im Ballhaus Ost eine Einführung in ihr neues Mitmach-Spiel Monypolo gaben) oder auch bei Rimini Protokoll (Situation Rooms) wird die sogenannte Vierte Wand immer wieder durchbrochen. Das internationale Berliner Performance-Kollektiv NO FOURTH WALL hat sich dann auch gleich selbst so benannt. Ihr neues Theaterprojekt IPSAGON im Saal des Ballhaus Ost ist eine interdisziplinäre Rauminstallation, die Architektur, bildende und darstellende Künste sowie wissenschaftliche und philosophische Thesen miteinander verknüpft. Der Besucher durchläuft ein Labyrinth von acht hexagonal angelegten Zellen. Dabei gibt es die Möglichkeit mit den Performern vor Ort aktiv zu kollaborieren. Man kann aber auch wahlweise den ca. einstündigen Durchlauf weitestgehend passiv gestalten, oder sogar das Geschehen ganz von außen beobachten. Ziel ist es, die Kollaborationsfähigkeit des einzelnen Besuchers zu testen.

Also eine Art Versuchsanordnung, die sich über optische, akustische und sogar geschmackliche Reize wie Video, Musik, Schauspiel, Tanz und Performance sowie Genuss und philosophische Gespräche vermittelt. Das architektonische Konzept der Rauminstallation beruht auf dem Hexagon, einer sechseckigen, geometrischen Figur, die seit jeher eine bedeutende Rolle in der Natur, Kunst und Architektur spielt, und der auch eine gewisse magische Symbolik anhaftet. Die MacherInnen von IPSAGON kombinieren den räumlichen Aufbau recht lose mit einem theatralen Bezug zum norwegischen Dramatiker Henrik Ibsen, was dem Projekt letztlich auch den Namen gibt. Man trifft auf seinem Weg durch das Labyrinth immer wieder auf Figuren aus Ibsens Werk, mal sehr konkret mal eher im übertragenen Sinne. Der Konzeptentwicklerin Adela Bravo Sauras geht es hier vor allem um die Frauen in Ibsens Dramen wie Nora oder Hedda Gabler, aber auch um die männlichen Heldenfiguren Peer Gynt oder Baumeister Solness. Der Einzelne auf seinem Weg zu einem sozialen Ganzen, könnte man es grob überschreiben. Was natürlich ein Scheitern nicht ausschließt.

 

IPSAGON im Ballhaus Ost - Foto (c) nofourthwall

IPSAGON im Ballhaus Ost – Foto (c) nofourthwall

 

Eine weitere Säule des zellenartigen Raumgeflechts ist die wissenschaftliche These des Neurobiologen und Psychotherapeuten Joachim Bauer, der Mensch sei aus Gründen sozialer Anerkennung, immer bestrebt zu kooperieren. Da ist sicher etwas Wahres dran, die Auffassungen Bauers sind aber auch nicht unumstritten. Dem gegenüber steht das Ellenbogenprinzip des Kapitalismus. Seine Konfliktfähigkeit kann man gleich zu Beginn testen, wenn man von einer Performerin im Trollkostüm auf einer Wippe je nach deren Stand beschimpft oder gelobt wird. Am Ende des Parcours steht dann der Abschied Noras aus ihrem Ehekäfig. Eine Performance, die einen wieder ins reale Leben katapultiert, nur das sie erschöpft zurückbleibt. Dann doch lieber Kollaboration zum Lustgewinn. Dafür bietet ein Abendessen Gelegenheit, bei dem man mit einer netten Performerin im veganen Nudelteigkostüm Smalltalk betreiben und Geschmacksrichtungen ausprobieren kann. Die wahlweise von ihrem und dem eigenen Körper dargebotenen Leckereien lassen einen fast vergessen, dass man auch hier einem traditionellen Rollenbild gegenübersteht.

Natürlich gibt es in diesem Labyrinth noch weitere Fallen. So sieht man sich zwei ineinander verknoteten Performer ausgesetzt, die einen in ihr merkwürdiges Zwiegespräch über Wahrnehmungen und Erinnerungen hineinziehen wollen. Der Performer im philosophischen Kabinett, wenn man so will, verwickelt einen dann in einen diskursiven Konflikt zwischen Darwins Evolutionslehre und der Theorie von Joachim Bauer. Ein Individuum, wenn man denn überhaupt eines ist, besteht aus einer Vielzahl von miteinander kooperierenden Zellen. Gene können sich nach Bauer auf Dauer durch bestimmte Lebenssituationen verändern. Sind also Bausteine kollektiver Anpassung, was selbstverständlich nicht immer nur Vorteile mit sich bringen muss. Kollaborieren Individuen nur zum eigenen oder dem Vorteil der Gemeinschaft? Das stumme, willkürlich scheinende Klötzchengeschiebe im Nebenraum bekommt da gleich etwas geheimnisvoll Bedrohliches.

Spielerisch gesehen, ist das Ganze allerdings nicht immer nur eine künstlerische Offenbarung. Ohne das Wissen über den theoretischen Überbau der Veranstaltung, kann man auch locker weit unter der recht hoch gehängten Metaebene durchspazieren. Es fehlt vielleicht an so etwas wie einer vagen Spielanleitung, einer Idee, wie sich das Einzelne schließlich zu einem Ganzen fügt. Die Anreize in den einzelnen Räumen scheinen doch recht willkürlich gestreut, was sicher auch der Wirkungsweise eines Labyrinths geschuldet ist. Der ungeübte Durchbrecher der vierten Wand wird sich hier aber nicht in jedem Fall immer mitgenommen fühlen. Es liegt tatsächlich an einem selbst, wie weit man bereit ist, sich den Reizen zu öffnen, um letztendlich Aufnahme in diesen Gemeinschaftskörper zu finden, der einen allerdings am Ende auch als unverdaulich wieder ausspucken kann. Vielleicht entwickelt sich mit der Dauer ja noch eine gewisse Eigendynamik. Die konzeptionelle Idee des IPSAGONs ist es zumindest wert, weiterentwickelt zu werden.

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IPSAGON
Premiere war am 15.10.2015 im Ballhaus Ost
Texte (englisch, deutsch): Adela Bravo Sauras, Henrike Kohpeiß
Dramaturgie: Henrike Kohpeiß, Julia Novacek, Thomas Zimmermann
Konzept und Strategie: Adela Bravo Sauras
Video: Julia Novacek
Grafik: Hirn Faust Auge
Kostüme: Frank Salewski, Alisa M. Hecke
Licht: Anja Stachelscheid, Adela Bravo Sauras
Installation: Adela Bravo Sauras (Idee & Konstruktions-Design), Thomas Zimmermann (Idee & Konstruktions-Design), Juan Alfonso Ruano Canales (Idee)
Konstruktion: Adela Bravo Sauras, Julia Novacek, Berliner Werkstätten für Menschen mit Behinderung GmbH
Innendesign: John Facenfield, Alisa M. Hecke
Sound: Thorolf Thuestad, Antonia Alessia, Virginia Beeskow
PerformerInnen: Susana Sarhan AbdulMajid, Antonia Alessia, Virginia Beeskow, Adela Bravo Sauras, Glenn Crossley, Jiwoon Ha, Dorothee Krüger, Julia Novacek, Christian Wagner
Philosophie: Katharina Czuckowitz, Cristian Dragnea, Slaven Waelti

Termine: 16., 17., und 18.10.2015

Infos: http://www.ballhausost.de/

http://nofourthwall.com/index.php?/ongoing/ipsagon/

Zuerst erschienen am 17.10.2015 auf Kultura-Extra.

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Die Leiden der jungen Wörter – Das Theaterkollektiv vorschlag:hammer macht im Ballhaus Ost aus Goethes Briefroman eine sparsam-atmosphärische Emo-Light-Show mit Musik.

Montag, April 13th, 2015

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(c) Ballhaus Ost

(c) Ballhaus Ost

„Im berühmtesten Werk des Sturm und Drang Die Leiden des jungen Werther eröffnet die Intimität des Briefs den Blick in die Gefühlswelt. Aber wie lässt sich heute darüber sprechen? Wie können im Theater Leidenschaften verhandelt werden? Zwischen R’n’B, Lichtspiel und performativem Sprechen sezieren vorschlag:hammer Goethes Roman – auf der Suche nach ,Fragmenten einer Sprache der Liebe‘.“ So der Vorschautext auf der Webseite vom Ballhaus Ost, das gestern Abend in Kooperation mit dem Ringlokschuppen Ruhr das neue Erzähltheaterstück Die Leiden der jungen Wörter des mit Nachwuchspreisen hochdotierten Hildesheimer Theaterkollektivs um Kristofer Gudmundsson, Gesine Hohmann und Stephan Stock zur Uraufführung brachte. Dazu hat sich vorschlag:hammer den Songwriter, Sänger und Pianisten Frieder Hepting zur musikalischen Unterstützung geholt.

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Die Leiden der jungen Wörter nannte in den 1970er Jahren auch der Wiener Schriftsteller und Theaterkritiker Hans Weigel ein von ihm verfasstes, sprachkritisches Antiwörterbuch. Weigel zog damals allerdings nicht gegen Goethes Sprachungetüm in Briefen ins Feld, sondern gegen sogenannte Wortneuschöpfungen und den Verfall der deutschen Sprache im Allgemeinen. Damit beschäftigt sich vorschlag:hammer nun aber gerade nicht. Der Titel führt also diesbezüglich erstmal in die Irre. Wer oder was hier leidet, soll sich performativ aus dem Vortrag des Textes erschließen. Dazu wird dieser wechselnd von allen vier Mitspielern präzis und fast emotionslos vorgetragen. Zur Einstimmung gibt es aber erstmal einen satten Elektrosound vom Mischpult, das am Rand der Spielfläche steht und ebenfalls wechselnd von allen bedient wird. Ansonsten schauen die vier Spieler zunächst recht erwartungsfroh in ihren etwas nerdigen Strickjacken und Stickblusen ins Publikum. Die fehlende spielerische Atmosphäre wird mittels gezielter Lichteffekte wie Dimmen, Blacks, an die Rückwand mit Spots geworfenen Schattenspielen oder gar an langen Kabeln schwebenden Einzelleuchten erzeugt.

Fragmentarisch und sparsam wirkt der Abend dann nicht nur durch die fast statische Spielweise, die nur aus einzelnen Wechseln im Lichteinfall und Standort der Spieler besteht, sondern auch im Vortrag selbst, der in ca. 90 Minuten natürlich nur Bruchteile des Textes wiedergeben kann. Diese Textfragmente sollen nun den jungen Werther und Verfasser der Briefe an seinen Freund Wilhelm als eine Art Ich-bezogenen Mensch im Diskurs mit sich selbst beschreiben. Dazu bringen die vier Werther-Erzähler einige treffende Episoden mit dessen unglücklicher Liebe Lotte dar. Werther im idyllischen Wahlheim, Werther in der Natur und dann immer wieder Werther mit Lotten. Ihr Kennlernen vor dem Ball, das emotionsgeladene Gewitter, Freuden gemeinsamer Interessen, Geburtstagsgeschenke und intime Gespräche. Aber es folgt auch die Ernüchterung, dass es da noch einen anderen im Leben Lottes gibt. Ihr Albert ist für Werther Freund und Rivale in einem. Dabei werden Goethes Worte auch etwas modifiziert, was aber nicht zu einem Fall für Hans Weigel wird.

Die Leidender jungen Wörter am Ballhaus Ost - Foto (c) Paula Reissig

Die Leiden der jungen Wörter am Ballhaus Ost
Foto (c) Paula Reissig

Unterbrochen wird der Vortrag immer wieder durch gefühlvoll vorgetragene Songs in englischer Sprache. Goethes Originaltext in Pop. Ein paar gespielte Gefühlsausbrüche erlauben sich die Werther-Darsteller dann allerdings auch noch. Etwa wenn sich Stephan Stock als Schmerzensmann Werther, der von der Heirat Lottens mit Albert gehört hat, immer wieder auf den Boden wirft, oder Gesine Hohmann sich begeistert an einzelne für Werther freudige Episoden mit der von ihm Angebeteten erinnert, dann aber urplötzlich wieder in den klagenden Depri-Modus zurückschaltet. Und um diese in der Ich-Form verfassten Wellenbäder der Emotionen geht es auch. Werther nicht nur als Ego- sondern auch als Emo-Shooter, der er allerdings in der allgemeinen Rezeption und somit auch in der Vorstellung der Jugend immer schon war. Die Ich-Bezogenheit mit gleichzeitiger Sucht nach Zweisamkeit ist natürlich auch Ausdruck der Gefühlswelt unserer heutigen, neoliberalen Gesellschaft. Jedes neue Pollesch-Stück berichtet davon.

Das Team beruft sich hier auch auf Roland Barthes und sein Buch Fragmente einer Sprache der Liebe. Ein ABC des empfindsam liebenden Subjekts. Dafür scheinen die Beschreibungen des sich verschmäht fühlenden Werthers natürlich wie geschaffen. Allerdings wird bei diesem performativen Erzählexperiment nie wirklich klar, was uns das Ganze eigentlich soll? Man kann sich natürlich an die zum Teil wunderschön und düster vorgetragenen Balladen halten, die Goethes Wörter in der englischen Übersetzung von R.D. Boylan zu musikalisch-poetischen Popperlen verdichten. Ob einem diese Art der atmosphärisch erzeugten Emotionalität Goethes Werther näherbringt oder gar eine Erklärung für den aus den Fugen geratenen Gefühlshaushalt eines unglücklich Verliebten darstellt, bleibt fraglich. Soviel ist sicher, umbringen wird sich hiernach wohl niemand. „And I still continue to breathe” singt der Schlusschor.

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Die Leiden der jungen Wörter
Nach Johann Wolfgang von Goethes Die Leiden des jungen Werthers
Von und mit Kristofer Gudmundsson, Frieder Hepting, Gesine Hohmann und Stephan Stock Lichtcoaching: Andreas Greiner und Raul Walch Produktionsleitung: Juliane Hahn
Video und Fotos: Paula Reissig
Eine Koproduktion von vorschlag:hammer mit dem Ringlokschuppen Ruhr in Kooperation mit dem Ballhaus Ost
Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause
Premiere im Ballhaus Ost war am 09.04.2014
Termine: 08. und 09.05.2015 im Ringlokschuppen Mülheim/Ruhr

Infos: http://www.vorschlag-hammer.de/
http://www.ballhausost.de/produktionen/die-leiden-der-jungen-woerter/
http://www.ringlokschuppen.de/

Zuerst erschienen am 10.04.2015 auf Kultura-Extra.

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Große Vögel, kleine Vögel – Die Berliner Puppenbühne Das Helmi adaptiert Pasolinis Filmsatire im Ballhaus Ost

Dienstag, Februar 24th, 2015

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italienisches Filmplakat

italienisches Filmplakat

Nach einem kurzen Ausflug in die Theater-Hochkultur (Faust-Marathon und Kleists Ritterspiel Das Käthchen von Heilbronn) sind die Helmis mit ihren pusseligen Schaumstoffpuppen seit geraumer Zeit wieder recht erfolgreich am Ballhaus Ost im heimischen Prenzlauer Berg zu sehen. Ob nun Der Name der Rose, Sündenstadt oder Starwurst, die Literatur-, Comic- und Film-Verwurstungen der Berliner Puppenbühne Das Helmi sind Kult im Kiez. In ihrem neuen Streich hat sich die Truppe um die Brüder Florian und Felix Loycke, Emir Tebatebai und Brian Morrow den 1966 entstandenen Film Uccellacci e uccellini (dt. Titel: Große Vögel, kleine Vögel) des italienischen Regisseurs, Dichters und Kommunisten Pier Paolo Pasolini vorgenommen. Eine der wenigen Komödien des sozialkritischen Kultfilmers der italienischen Unterschicht.

Eine gefährliche Lachattacke nannte Pasolini selbst Uccellacci e uccellini im musikalischen Vorspann von Ennio Morricone, den auch das Helmi leicht umgedichtet zur Vorstellung der Mitwirkenden adaptiert hat. Der Film erzählt „die Geschichte eines ruhigen Spaziergangs in Richtung Glück und Hoffnung auf goldene Ideale“. Vater Marcellino und Sohn Ninetto (verkörpert von dem bekannten Komödianten Totò und dem jungen Schauspieler Ninetto Davoli) streichen durch die Randzonen der italienischen Vorstädte. Auf ihrem Weg folgt ihnen ein sprechender Rabe, der die beiden in politisch-philosophische Debatten über Gott, Christus, den Hunger der Welt, Marx und die Revolution verwickelt. Zur Veranschaulichung erzählt er ihnen die titelgebende Parabel über die Falken und Spatzen, denen sie im Auftrag des heiligen Franziskus das Evangelium predigen sollen. Doch Vater und Sohn erweisen sich als ziemlich ignorant und erklärungsresistent. Am Ende landet das nervende Federvieh im Kochtopf.

(c) Ballhaus Ost / Das Helmi

(c) Ballhaus Ost / Das Helmi

Nicht ganz so tragikomisch wie Pasolini sieht das Helmi die Sache. Für etwas Melancholie ist hier nur der knittrig dreinschauende Schaumstoff-Mond über der wackeligen Brechtgardinenstange des fadenscheinigen Vorhangs zuständig. Vater und Sohn heißen hier Emilio (Emir Tebatebai) und Solino (Solène Garnier). Ihnen begegnen gleich mehrere gefiederte Schaumstoff-Einflüsterer aus der Stadt der Ideologie im Land des Kapitals. Doch nachdem ihre Kuh keine Milch mehr gibt, sind die beiden hier recht sympathisch wirkenden Kleinbürger aus der Stadt der Dummen eher auf der Suche nach der Straße der Hummer. Und was bei Pasolini noch karge Provinz war, würde man heute wohl eher als Berliner Speckgürtel bezeichnen. Nach Bertolt Brecht kommt das Fressen bekanntlich vor der Moral, und darüber stehen nur noch die fleischlichen Gelüste. Die Freuden am Wegesrand, denen sie in Gestalt der üppigen Straßenprostituierten Luna (Julia Gräfner) begegnen.

Der heilige Franz von Assisi (Dasniya Sommer) taucht natürlich auch noch in Gefolge jutebesackter Jünger auf, und die schöne Parabel mit der Predigt an die gewalttätigen Falken und die demütigen Spatzen wird nach einem gesungenen Vierjahreszeitengebet (Komm lieber Mai und mache, Der Herbst ist da, etc.) endlich auch erhört, bis die Spatzen es von den Kirchendächern pfeifen: Liebe statt Fasten. Es folgt ein schaumstoffknuddeliges Übereinanderherfallen im Namen der Liebe von Vögeln, Bienen, Blumen und Menschen. Doch auch diese schöne Utopie bekommt einen Knacks. Nicht so die andauernde Helmi-Attacke auf die Lachnerven des Publikums. Im Folgenden wird die Bühne erst so richtig zugemüllt und fröhlich aufgeräumt mit allerhand Ideologien und Weltanschauungen. Es wird gerockt das die Federn fliegen, Fidel Castro tritt auf und Gaststar Franz Rogowski (Love Steaks, Victoria) gibt ein Lookalike des schwulen Pasolini in Anzug und Sonnenbrille. Der Regisseur ist hier wohl auf der Suche nach unverbildeten Laiendarstellern für seine Filme unter den Naturburschen eines ausgelassenen Fußballmatchs.

Foto (c) Dasniya Sommer

Foto (c) Dasniya Sommer

Gänzlich die Straße der beiden glückssuchenden Tramps verlassend, begibt sich die Inszenierung auf ein ganz anderes Filmset. Es ist eine Parodie der Parodie. Das Helmi gibt nun ziemlich detailgetreu die zwei, einem manieristischen Gemälde nachempfundenen, äußerst farbigen Kreuzabnahmeszenen aus Pasolinis halbstündiger Bibelfilm-Satire La ricotta (Der Weichkäse). Cora Frost als Orsino Wellino (den im Film Orson Wells verkörpert) lässt den Regie-Macho raushängen und Brian Morrow gibt den hängenden Jesus und anschließend noch den guten Schächer, der hier kein Stück Weichkäse und auch nichts von der üppigen Cateringtafel abbekommt. Auch ein gelungenes Statement zum Thema Nächstenliebe und Ignoranz sowie ironischer Seitenhieb auf die eitle Kunst- und Filmszene.

Am Ende zitiert Heinz vom Obdachlosentheater „Die Ratten“ in einer Videoeinspielung auf die dünne Brechtgardine den Linken-Chef Gregor Gysi: „Der Kapitalismus hat nicht gesiegt. Er ist übrig geblieben.“ Und den Brecht hat Heinz dann tatsächlich auch noch in petto mit einem Auszug aus dem Lied von der Moldau: „Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine. / Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.“ Ein kleiner Hoffnungsschimmer am verhangenen Himmel über dem Horizont, zu dem die beiden komischen Vagabunden bei Pasolini schon vor fast fünfzig Jahren in Richtung neue Zeit aufbrachen. Die andauernden Fragen nach der Gerechtigkeit in der Welt berechtigen dann wohl auch diese leicht ironisch Zugabe. Auch wenn hier einen recht kurzweiligen Abend lang auf Schaumstoffköpfe geklopft wird, muss niemand Angst haben, wegen Ideologieverdachts den Hals umgedreht zu bekommen. Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Ein großer Spaß zum Nachdenken für Jung und Alt.

Foto (c) Das Helmi

Foto (c) Das Helmi

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Große Vögel, kleine Vögel (22.02.2015)
Das Helmi nach Pier Paolo Pasolini
Premiere am Ballhaus Ost: 13.02.2015
von und mit Cora Frost, Solene Garnier, Julia Gräfner, Felix Loycke, Florian Loycke, Brian Morrow, Franz Rogowski, Dasniya Sommer, Emir Tebatebai
Burkart Ellinghaus, Jenny Dechene, Ceca Stanic, ehrliche arbeit – freies kulturbüro

Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause

Termine: 15., 16. und 17.05.2015

Infos: http://www.ballhausost.de/produktionen/grosse-voegel-kleine-voegel/

http://www.das-helmi.de/index.php/produktionen/197-grosse-voegel-kleine-voegel

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Das Maxim Gorki Theater und das Ballhaus Ost zeigen Monologestücke aus der islamischen Welt zwischen Aufstand und Terror.

Montag, November 24th, 2014

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Was ist ein Mensch in der Revolte? Ein Mensch, der nein sagt.“ Albert Camus

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Aufstand – Im Rahmen des „Voicing Resistance“-Festivals am Maxim Gorki Theater inszeniert András Dömötör ein Monolog-Stück der bekannten Publizistin und Gorki-Kolumnistin Mely Kiyak im Studio R.

Momentan wird allerorten an den friedlichen Fall der Berliner Mauer vor 25 Jahren gedacht. In diesem Kontext veranstaltet das Maxim Gorki Theater seit dem 7. November das Festival „Voicing Resistance“ im Studio R. Es wäre trotz Megafon im Veranstaltungs-Plakat fast unbemerkt geblieben, wenn nicht eine Performergruppe mit dem schönen Namen Zentrum für Politische Schönheit im Rahmen des Festivals die Gedenkkreuze für die Toten an der Berliner Mauer ebenso unbemerkt abgeschraubt und sich damit auf den Weg an die außereuropäische Grenze begeben hätte, mit der Absicht, dort den unmenschlichen Grenzzaun abzubauen. Eine Kunstaktion, die das Gedenken der Daheimgebliebenen auch auf die Toten lenken sollte, die das rigide Einwanderungsregime der „Festung Europa“ bisher gefordert hat. Und damit sind nicht nur die vielen Ertrunkenen vor Lampedusa gemeint. Die allgemeine Aufregung war groß, und die Einmischungsversuche deutscher Politiker in die Kunstausübung des kleinen Theaters am Berliner Festungsgraben, das gerade noch als Vorzeigeobjekt gelungener Integration sowie Theater des Jahres in aller Munde war, nahmen daraufhin erschreckende Ausmaße an.

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 „Erinnern ist Aufstand!“

(C) Esra Rotthoff

(C) Esra Rotthoff

Die Publizistin und seit einem Jahr auch feste Kolumnistin des Maxim Gorki Theaters Mely Kiyak, Tochter aus der Türkei stammender kurdischer Einwanderer, schreibt in ihrer monatlichen Kolumne auf der Website des Theaters zum Thema „Grenzen überschreiten“: „Und so erinnere ich daran, dass wir alle am Gorki landeten, weil wir Aufständler sind. Kein Politiker hat mir oder irgendjemand anderem an diesem Haus zu sagen, wie man damit umgeht, ein politisches Opfer zu sein und was die angemessene Form des Gedenkens sei. (…) Meine Eltern kommen aus einem System, in dem mit politischer Kunst nie anders umgegangen wurde, als es der Berliner Innensenator gerade vorgemacht hat. Daran erinnern ist auch Aufstand!“

Parallel hat Mely Kiyak nun also auch ihr erstes Theaterstück geschrieben. In Aufstand (im Juni am koproduzierenden Badischen Staatstheater Karlsruhe uraufgeführt) geht es neben Protest und Widerstand vor allem auch um das wichtige Thema Erinnerung. Der Protagonist des Stücks ist ein junger kurdischer Lehrer aus Diyarbakır, einer Stadt im Südosten Anatoliens in der Türkei. Er vertritt dort von 8 bis 12:30 Uhr als türkischer Staatsbeamter die Grundsätze des Landes, ist aber nach halb eins Künstler, der in seinen Videoarbeiten das Unrecht des Staates Türkei an der kurdischen Bevölkerung kritisiert. Das bedeutet für den Lehrer die Wahrheit nicht auszusprechen zu können – als Künstler fühlt er sich dagegen aber geradezu verpflichtet dies zu tun. Ein Leben zwischen innerer Zerrissenheit und permanentem Ausnahmezustand. Während er als Gast des DAAD in Berlin eine Performance vorbereitet, die per Video in eine Galerie in Istanbul übertragen werden soll, erzählt er uns, seinem Publikum, die Geschichte von der Unterdrückung des kurdischen Volkes in der Türkei.

Sein Künstlername ist Bênav, was so viel heißt wie anonym, ohne Namen, da er seinen kurdischen Namen offiziell nicht benutzen kann und seinen türkischen Namen nicht benutzen will. Seine Familie ist, als er noch ein Junge war, aus ihrem Dorf vertrieben worden, was er in einer Videoarbeit Lese ich die Karte falsch? thematisiert hat. Dagegen haben türkische Künstler Unterschriften gesammelt und somit seine Teilnahme an einer Ausstellung in Deutschland verhindert. Bênav erzählt von der ständigen Bevormundung und Kontrolle des Staates, die vom Verbot der Sprache bis zu direkten Repressionen der türkischen Armee gegen die Kurden reicht. Selbst noch in Deutschland lassen ihn Künstlerkollegen aus der Türkei bei einem Empfang des DAAD ihre Überlegenheit spüren.

„Stell dir vor, es ist Revolution, und die falschen Leute zetteln sie an.“

Nachdem im Frühjahr 2013 die allgemeinen Proteste gegen die türkische Regierung im Istanbuler Gezi Park ausgebrochen sind, keimt nun auch neue Hoffnung bei Bênav. Doch in Istanbul angekommen, fühlt er sich keiner der unterschiedlichen Gruppen zugehörig. Den Lippenbekenntnissen derjenigen, die ihn einst anschwärzten und nun „Wir sind alle Kurden“ rufen, kann er nicht glauben. „Jetzt wo ihr selber rebelliert, weil ihr die Schnauze voll habt von diesen ganzen Schweinereien, die um euch herum passieren, kommt ihr und sagt: ‚Ist das keine Schweinerei, wie sie mit uns umgehen?’ Jetzt, wo ihr merkt, dass die Zeitungen Scheißdreck verbreiten, kommt ihr und fragt: ,Sind diese Medien kein Skandal?’ Nein! Das sind keine Schweinereien, das ist kein Skandal! Das lief doch immer schon so.“ Enttäuscht fährt Bênav wieder nach Diyarbakır zurück.

Mely Kiyaks Aufstand - Foto (C) Felix Grünschloß Bildquelle: Badisches Staatstheater Karlsruhe

Mely Kiyaks AufstandFoto (C) Felix Grünschloß
Bildquelle: Badisches Staatstheater Karlsruhe

Mely Kiyak zeichnet das Portrait eines Künstlers, den seine Wut über die Ungerechtigkeit in seinem Land überall anecken lässt, der aber dennoch nicht aufgeben will immer wieder daran zu erinnern. Seine innere Zerrissenheit hindert ihn nicht daran, einen guten Job für die Kinder und mit seinem unangepasst rebellischen Geist Kunst gegen die Dummheit zu machen. Der Schauspieler Mehmet Yılmaz spricht mit unverfälschter Emotionalität und auch einem leicht ironischen Unterton Kiyaks in ihrem typischen, sehr direkten Kolumnenton verfassten Text. Den Rahmen der geplanten Videoaktion zum Thema Demonstrationen nutzt der ungarische Regisseur András Dömötör (der bereits mit Marianna Salzmanns Notizen über Hurenkinder und Schusterjungen das Thema Rebellion aufgegriffen hat), um auch das Publikum direkt mit einzubeziehen. Die Interaktion wird zum unmittelbaren Ausgangspunkt einer kleinen Exkursion in Bürgerrechte und die aktuelle Protestkultur.

Die Ausführungen Bênavs, als Mittler von Kiyaks Gedanken, drehen sich unmittelbar auch um Ereignisse aus der deutschen, türkischen, kurdischen und armenischen Geschichte. Der Holocaust und der Genozid an den Armeniern, ein ebenso heikler Vergleich wie der der Mauertoten mit den toten Flüchtlingen an den europäischen Grenzen. Und so gestaltet sich auch dieses Stück unversehens zum Beispiel für die künstlerische Rebellion gegen eine von oben übergestülpte Erinnerungskultur.

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Aufstand
Monolog eines wütenden Künstler
von Mely Kiyak
Koproduktion mit dem Badischen Staatstheater Karlsruhe
Premiere in Karlsruhe war am 27.06.2014
Premiere im Studio R des Maxim Gorki Theaters: 20.11.2014
Regie: András Dömötör
Dramaturgie: Daniel Richter
Bühne & Kostüme: Moïra Gilliéron
Mit: Mehmet Yılmaz

Dauer: 75 Minuten ohne Pause

weitere Vorstellungen
im Maxim Gorki Theater: 11.12., und 26.12.2014
im Badischen Staatstheater Karlsruhe: 28.11., 07.12.2014 und 11.01.2015

Infos: http://www.gorki.de/spielplan/aufstand/
http://www.staatstheater.karlsruhe.de/programm/info/1800/

Zuerst erschienen am 22.11.2014 auf Kultura-Extra.

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Hussein – Ein modernes Heldenpoem des libanesischen Theatermachers Omar Abi Azar inszeniert von Lucie Zielke im Ballhaus Ost

(C) Ballhaus Ost

(C) Ballhaus Ost

Parallel zum Festival „Voicing Resistance“ im Maxim Gorki Theater, das auch mit Stücken und Performances zu Rebellion und Krieg in der Türkei und Syrien aufwartet, feierte am Freitagabend im Ballhaus Ost der arabische Theatermonolog Hussein seine Berlin-Premiere. Das Berliner Theaterprojekt suite42 hat in Koproduktion mit der Beiruter Zoukak Theater Company eine Inszenierung zum aktuellen Thema Islamistischer Terror erarbeitet.

Das Thema ist gerade bei uns wieder sehr aktuell, wie man an den Erfolgen salafistischer Prediger erkennen kann, deren Werbungen auch immer mehr junge Leute aus Deutschland folgen und sie in den islamischen Krieg gegen die westliche Welt oder direkt zu den Terroristen des Islamischen Staats (IS) in die Kriegsgebiete Syriens und des Iraks ziehen lassen. Die Berliner Regisseurin Lydia Ziemke ist diesem Phänomen nachgegangen und auf das bereits vor drei Jahren entstandene Heldenpoem Hussein des libanesischen Theaterautors Omar Abi Azar gestoßen, das antike Heldenmythen mit den Vorstellungen über moderne Kämpfer verbindet.

Hussein ist nicht nur ein gebräuchlicher arabischer Vorname sondern auch der des schiitischen Märtyrers der Schlacht von Kerbala (680), Al-Husain ibn Ali, einem Enkel des islamischen Propheten Mohammed. Ein schier erdrückendes Erbe für den Protagonisten des Monologs, den der libanesische Schauspieler Junaid Sarieddeen darstellt. In rotem Umhang mit Schwert und blutigem Körper steht der Held sichtlich erschöpft nach dem Kampf vor uns. „Ich heiße Hussein, heute bin ich geboren“, beginnt Omar Abi Azars Langgedicht, dessen Text zunächst nur als Leuchtschrift auf einen schrägen Podest mit weißem Laken, auf dem gefüllte Gläser stehen, projiziert wird. Dazu hört der Zuschauer den Klagegesang der Musikerin Houwaida Goulli.

HUSSEIN im Ballhaus Ost - Foto (c) Piero Chiussi

HUSSEIN im Ballhaus Ost – Foto (c) Piero Chiussi

Ein ständig klingelndes Handy scheint minutenlang den Helden aus dem Konzept zu bringen, bis sich herausstellt, dass auch das zur Inszenierung gehört. Sarieddeen lädt nun das Publikum ein, im zweiten Teil auf Stühlen neben dem Podest Platz zu nehmen. Er verteilt die Gläser mit einem Getränk, das Whiskey sein soll und von dem er selbst reichlich trinkt. Der Monolog entspinnt sich nun auf arabischer Sprache und zieht den Zuschauer durch die ungewohnte aber eindrückliche Sprachmelodie und Körperperformance des Darstellers in seinen Bann. Unterstützung erfährt er dabei durch einen Jungen, der mit dem Handy zu spielen beginnt, einer Frau, die die Liebe des Helden darstellt und einen alten Mann in Soldatenmantel mit weiß geschminktem Gesicht.

Schließlich verlagert sich das Geschehen auf die Zuschauertribüne, über deren Stufen nun wieder die deutsche Übersetzung des Textes läuft. Omar Abi Azars Poem handelt von der Zerrissenheit und Müdigkeit eines Kämpfers, der kaum gestorben erneut vielfach aus den Eingeweiden des Toten aufersteht. Der sehr poetische Text verweist neben den muslimischen Quellen auch auf Helden der Antike wie den fluchbeladenen Ödipus und den aus dem Trojanischen Krieg heimkehrenden Odysseus, dessen Frau über zwanzig Jahre auf ihn warten musste. Der Held ist gefangen zwischen Tradition, Armut und den Verlockungen der modernen Welt. Seine Zweifel betäubt er mit Alkohol. Dem Ringen um Liebe und Glück steht aber nur die Banalität seiner unumkehrbaren Illusionen vom Paradies gegenüber. Ein Kreislauf der Geschichte, dem er nicht zu entrinnen vermag. Ein eindrucksvolles Drama über die Zweifelhaftigkeit andauernder Heldenverehrung.

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Hussein – Ein Heldenmonolog
Eine Produktion von suite42 (Berlin) und zoukak (Beirut) in Kooperation mit dem Ballhaus Ost.

Autor: Omar Abi Azar / Regie: Lydia Ziemke / Spiel: Junaid Sarieddeen, Lucie Zelger / Design: Claire Schirck / Live Musik: Houwaida Goulli / Dramaturgische Mitarbeit: Elke Ranzinger / Assistenz: Jamila Al-Yousef / Übertitel: David Maß

in arabischer, französischer und deutscher Sprache

Dauer: ca. 50 Minuten ohne Pause

Premiere war am 21. November 2014

nächste Termine: 6. – 9.5.2015

Infos: http://www.ballhausost.de/produktionen/hussein/

Zuerst erschienen am 23.11.2014 auf Kultura-Extra.

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„Heimliches Berlin“ nach Franz Hessel – Eine Romanadaption von Daniel Schrader zum Spielzeitstart im Ballhaus Ost

Sonntag, August 31st, 2014

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„Nur was uns anschaut sehen wir. Wir können nur -, wofür wir nichts können.“ Franz Hessels, aus: Spazieren in Berlin, Leipzig und Wien (1929)

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(c) Ballhaus Ost

Die kleine Berliner Off-Bühne Ballhaus Ost hat sich ein neues Online-Outfit verpasst, und auch die Einschusslöcher im alten Fassadenputz des Hinterhauses in der Pappellalle sind frisch vergoldet. Auffrischung von Stadt- und Kulturgeschichte einer sich im Abstand der Epochen immer wieder aus den Ruinen ihrer Vorgänger runderneuernden Metropole. Berlin ist dann auch Thema der neuen Spielzeit, die am Donnerstag mit der Premiere von Heimliches Berlin, der Adaption eines kleinen Romans des Schriftstellers und passionierten Stadtspaziergängers Franz Hessel (1880-1941), eröffnet wurde.

Einigen Literaturinteressierten ist Franz Hessel vielleicht auch als Verleger und Lektor bei Rowohlt (u.a. für Mascha Kaléko und Joachim Ringelnatz) oder als Freund Walter Benjamins bekannt. Die Dreiecksbeziehung zwischen Hessel, seiner Frau Helen und dem Kunsthändler und Schriftsteller Henri-Pierre Roché diente diesem als Vorlage für den Roman Jules und Jim. Durch Françoire Truffauts Verfilmung aus dem Jahr 1962 wurde die Geschichte unsterblich. Franz Hessel ist außerdem der Vater des französischen Diplomaten, Lyrikers und Essayisten (EMPÖRT EUCH!) Stéphane Hessel (1917-2013).

In Walter Benjamins Rezension zu Hessels Band Spazieren in Berlin, Leipzig und Wien (1929), unter dem Titel Die Rückkehr der Flaneurs selbst zum literarisches Kunstwerk geworden, heißt es: „Baudelaire hat das grausame Wort von der Stadt, die schneller als ein Menschenherz sich wandle, gesprochen. Hessels Buch ist voll tröstlicher Abschiedsformeln für ihre Bewohner. Ein wahrer Briefsteller des Scheidens ist es, und wer bekäme nicht Lust, Abschied zu nehmen, könnte er mit seinen Worten Berlin so ins Herz dringen wie Hessel seinen Musen aus der Magdeburger Straße.“ Diese haben sich, wie so vieles andere, bereits seit Langem unwiederbringlich aus dem Stadtbild Berlins verabschiedet. Trost findet der Suchende nur in der Beschreibung der ewigen Flaneure wie Franz Hessel.

Heimliches Berlin (c) Promo Ballhaus Ost

Heimliches Berlin
(c) Promo Ballhaus Ost

Passt jenes Zitat aus Hessels „Schauspiel der Flanerie“ zum flüchtigen Berlin auch wesentlich besser – wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge im Ankündigungsfoto zur Inszenierung – ist für den Künstler, und hier im Speziellen den Theatermacher wohl Hessels 1927 erschienener Kurzroman Heimliches Berlin doch weitaus interessanter. Er gibt den Rahmen eines klassischen Schauspiels schon allein durch die szenische Aufteilung und die zeitliche Abfolge eines einzigen Tages vor. Die Renovierung von Hessels Portrait der Berlin-Bohème in den 1920er Jahren übernahm nun Ballhaus-Chef Daniel Schrader höchstpersönlich. Und da besteht natürlich immer die Gefahr der Überstülpung des feingewebten Stoffes mit einer allzu groben, modernen Ästhetik.

Den Sound der modernen Großstadt, die Berlin ja auch während der Goldenen Zwanziger bereits war, produziert zu Beginn Musiker Conrad Rodenberg mittels Schlagzeug und Samples von Autohupen und Telefonanrufern („Hallo Fräulein vom Amt“). Toncollagen des Pulsschlags einer nie schlafenden Stadt. Hessels Bohemiens aus Salons, Kneipen, Bars und Nacht-Varietés feiern einen Kostümball auf der Bühne, die Wieland Schönfelder mit einem kastenartigen Raum ausgestattet hat, über dem sich ein durchsichtiges Gartenhäuschen auf einem Gerüst befindet. Und sie machen sich in seidenen Gewändern, glänzenden Boddies und Tutus zunächst etwas lockerer.

Heimliches Berlin im Ballhaus Ost Foto © Cam Matheson

Heimliches Berlin im Ballhaus Ost
Foto © Cam Matheson

Die Lockerheit des Flaneurs. Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Alles ist möglich, nichts wird. Geplant ist ein Ausbruch aus der Enge Berlins, mehr aus Langeweile als aus den Fesseln einer Ehe. Die verheiratete Karola ist verliebt in Wendelin, „ein junger Mensch, dessen Erscheinung die Männer und Frauen seines Bereiches erfreute, ohne daß sie sein Wesen näher nachforschte“. Er stammt aus verarmtem Adel, alles, was er hat, ist seine Wirkung. Und das scheint neben dem – schöne Menschen, Partygänger und Künstler – weiterhin magisch anziehenden Schauplatz Berlin die Parallele zu sein, die Regisseur Schrader wie eine Schablone über seine Inszenierung legt. Das heutige Kunstprekariat hängt den armen Poeten an die Wand.

Ihr Chic, die Noblesse sind nur geborgt oder vom Trödel. Die zehn Mark, die E.I. Eißner, der Inflationsgewinnler und liebevolle Sponsor der ganzen Bagage, in Hessels Buch der mondänen Karola ohne mit der Wimper zu zucken für einen Kindermantel aus weißem Leder spendiert, werden hier schon zum Problem. Heute gibt es keine so bereitwilligen Mäzene und Sponsoren mehr. Die Kreativszene hängt am Tropf der öffentlichen Subvention. Das fängt Schraders Inszenierung sehr gut ein. „Wie kostbar! Aber gar nicht praktisch.“ ruft auch Karolas Schwester Oda einmal beim Anblick der weißen Lederjacke aus. Ein leiser Verweis auf die Hauptpersonen des Romans, Wendelin und Karola, deren Schönheit einzige Daseinsberechtigung scheint. Man kann das durchaus auch mit dem Luxus, sich schöne Kunst zu leisten, gleichsetzen.

Denn nichts ist in Hessels Roman unbedacht oder rein zufällig dahingesagt. Obwohl es meist so wirkt und sich die Plaudereien, z.B. die Erzählung über einen alten Lehnstuhl aus dem Familienerbe der Familie Wendelins, bisweilen ins anscheinend Belanglose ziehen. „Zeitgemäß erzählst du gerade nicht, sondern mehr wie in einer Zeit der Zeit, die noch Zeit hatte.“ Ein abgewandeltes Tucholsky-Zitat aus dem Buch, typisch für diese Zeit, die in völliger Zeitlosigkeit verharrte. Ein anderes der russischen Dichterin Marina Zwetajewa im Pariser Exil der 20er Jahre reklamierte für sich: „Ich habe das Recht, nicht mein eigener Zeitgenosse zu sein.“ Ganz anders als die in hektischer Betriebsamkeit um Anerkennung ringenden und zum Daueroutput gezwungenen Künstler heute.

Der ruhende Mittelpunkt der rastlosen Rasselbande ist der Intellektuelle Clemens, der sich im philosophischen Gespräch mit dem reinen Toren und Narzissten Wendelin versiert gegen den drohenden Verlust seiner Frau Karola behaupten kann. Beide tun das hier dampfplaudernd auf imaginierten Skateboards mit dem obligatorischen Coffe to go oder auch mal einem tollen Smoothie in der Hand. Schröders schöne NarzisstInnen sind Gina Henkel als schlafwandlerische Karola, Wieland Schönfelder als wuseliger Wendelin, Toni Jessen als philosophierender Clemens im Schlafrock, Tina Pfurr als Margot ohne t, Ina Tempel in den Rollen der treuen Oda bis zur Varietésängerin Fancy Freo, und Andreas Klopp gibt den Eißner mit goldglänzendem Gesicht.

Heimliches Berlin im Ballhaus Ost - Foto © Cam Matheson

Heimliches Berlin im Ballhaus Ost – Foto © Cam Matheson

Schrader parodiert mit sehr viel Selbstironie die in ihren Projekten verhafteten Kreativtüftler Berlins. Eine Leise Kritik an der schwadronierenden Künstlerbohème schwingt ja auch in Hessels Roman. Gleichzeitig gilt beiden natürlich Schraders Sympathie. Gleichzeitigkeit verheißt auch die schnelle Moderne. Morgens hier, abends da. Allerdings wird das hier zur schrillen Farce und mitunter bloßen Comedy. Hessels Ton treffen der Regisseur und seine Darsteller nicht ein einziges Mal. Alles ist etwas zu laut, zu hektisch, zu hyperventilierend. Wildes Sampling und Soundcollage aus Gegenwart und Vergangenheit will diese Inszenierung sein.

Ist Hessels Roman ein Großstadtmärchen aus anderen Tagen, so ist Schraders Inszenierung eine Zeitreise durch Berlin zwischen Utopie und Nostalgie. Dazwischen liegt das Provisorische, was den Reiz der Stadt Berlin noch immer ausmacht. Arm aber sexy gilt weiterhin als alles anziehende Duftmarke der alten wie neuen Berliner Bohème. Man zieht in die Paris Bar oder singt West-Ohrwürmer wie „Kreuzberger Nächte sind lang“ verschnitten mit dem Ost-Hit „Du hast den Farbfilm vergessen“. Dagegen sind ein alter, verwirrter DDR-Kulturfunktionär auf der Museumsinsel oder Walter Benjamin, den Schrader immer wieder als Sachwalter Hessels bemüht, die reinsten Anachronismen. Der Sturm des Fortschritts treibt den Engel der Geschichte unaufhaltsam in die Zukunft. Die Trümmerhaufen wachsen weiter. Utopische Zustände dauern höchstens 20 Jahre, heißt es. Das vom Roman abweichende Ende wirkt da nur noch angeklebt.

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HEIMLICHES BERLIN (Ballhaus Ost, 28.08.2014)
REGIE: DANIEL SCHRADER
BÜHNE: WIELAND SCHÖNFELDER
KOSTÜME: NINA KROSCHINSKE
MUSIK: CONRAD RODENBERG
DRAMATURGISCHE MITARBEIT: NICOLA AHR
LICHT: VOLKER M. SCHMIDT
MIT: GINA HENKEL / TONI JESSEN / ANDREAS KLOPP / TINA PFURR / CONRAD RODENBERG / WIELAND SCHÖNFELDER / INA TEMPEL
Premiere war am 28. August 2014
Weitere Termine: 4. + 5. 9. / 5. – 7. + 9. 11. 2014
EINE PRODUKTION VON DANIEL SCHRADER / BALLHAUS OST

Weitere Infos siehe auch: http://www.ballhausost.de

Zuerst erschienen am 30.08.2014 auf Kultura-Extra.

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Ulysses – Ein medienübergreifendes Projekt nach James Joyce von Marat Burnashev & Swantje Basedow im Ballhaus Ost und im Internet.

Dienstag, Mai 13th, 2014

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James Joyce im Sommer 1904 - Foto: Constantine P. Curran (Wikipedia.de)

James Joyce im Sommer 1904 – Foto: Constantine P. Curran (Wikipedia.de)

Ulysses, den bekanntesten Roman des großen irischen Schriftstellers James Joyce, der eigentlich über keine wirklich gesicherte deutsche Übersetzung verfügt, auf die Bühne zu bringen, ist vermutlich schon vorab zum Scheitern verurteilt. Joyce hatte in seiner erstmals 1922 erschienen Schilderung eines kompletten Tagesablaufs die verschiedensten Sprach- und Schreibstile miteinander zu einem großen, schwer verständlichen Bewusstseinsstrom verknüpft. In 18 lose an die Odyssee des Homer angelehnten Episoden irrt der Anzeigenakquisiteur Leopold Bloom am 16. Juni 1904 durch Dublin. Der sogenannte Bloomsday, der von Anhängern des Romans jedes Jahr weltweit begangen wird, beschreibt einerseits sehr detailliert die irische Hauptstadt und lässt andererseits Gedanken, Reflexionen und Assoziationen der Protagonisten größtenteils ungeordnet auf den Leser einströmen.

Marat Burnashev und Swantje Basedow haben nun eine multimediale Fassung erarbeitet, die sich in zwei Teilen das Werk von James Joyce als Vorlage nimmt, um Alltäglichkeit und große Fragen der Menschheit, die der Roman auch behandelt, ins Hier und Jetzt zu transportieren. Bereits seit Februar ist man langsam an das Projekt herangeführt worden. Wöchentlich gab es einen kurzen Videofilm im Internet zur Vorbereitung auf das Zusammentreffen der beiden Hauptpersonen des Romans Leopold Bloom und Stephen Dedalus, das drei Monate später auf der Bühne im Ballhaus Ost tatsächlich stattfinden sollte. Es sind 14 Episoden, analog der einzelnen Kapitel des Romans, in denen Menschen über die Lust und Last der täglichen Verrichtungen und die Schwierigkeiten und Schönheit des Lebens gleichermaßen berichten.

Ulysses am Ballhaus Ost (c) Marat Burnashev

Ulysses im Ballhaus Ost
(c) Marat Burnashev

Und jedes der einzelnen Videos ist dabei ein kleines Kunstwerk für sich. Man sollte sie sich nicht entgehen lassen (siehe unter http://ulyssesprojekt.de ). Marat Burnashevs Dublin ist das heutige Hamburg. Wir sehen einen Medizinstudenten, der seinen abwesenden Mitbewohner Stephen beschreibt, Schüler schwärmen liebevoll von ihrem leicht verhuschten Geschichtslehrer, und ein Blinder erzählt von seinen Wahrnehmungen und seiner ganz speziellen Beziehung zu seinem Blindenhund. In weiteren Episoden sehen wir Menschen bei ihrer Arbeit. Ein Metzger, eine Drogistin und ein Friedhofsverwalter berichten von ihrem Alltag mit seinen schönen wie schweren Momenten. Ein Onlineredakteur referiert über die Zukunft der Printmedien und die wachsende Bedeutung des Internets für den Beruf des Journalisten.

Liebeserklärungen an die Kunst, die Liebe auf den ersten Blick und das Leben überhaupt liefern ein Impresario, eine alleinstehende Italienerin auf der Suche und eine Hebamme, die gern dabei ist, wenn das Leben beginnt. Nachdenkliches über Glück und Geld liefern ein Spieler und ein ehemaliger Millionär, der sein Geld bewusst verzockt hat und nun die Vorzüge der öffentlichen Suppenküche preist. In einer Bibliothek unterhalten sich zwei Literaturwissenschaftler anhand der Werke von Shakespeare über die Vergeblichkeit der Literatur, Alltagsmanagement und die großen philosophischen Fragen der Welt. Hier werden nicht einfach nur die bekannten Stationen des Romans abgehakt, sondern die zeitlose Allgemeingültigkeit der auch von James Joyce symbolisch angerissenen Themen wie Geburt, Tod, Literatur, Musik und wissenschaftlicher Fortschritt angedeutet. Die Geschichte als ständiger Albtraum, aus dem man erwachen möchte.

Der dies bemerkt, ist der junge Geschichtslehrer und Nachwuchspoet Stephen Dedalus. Im Ballhaus Ost steht er auf einer Palette vor drei großen in U-Form angeordneten Videoleinwänden und schaut wie ins Nichts seiner Gedanken. Hinter ihm flimmert noch einmal als loser Gedankenstrom ein Querschnitt der einzelnen Kurzepisoden aus dem Internet, durchsetzt mit einzelnen Zitaten aus dem Roman. Nicht einfach nur Zugabe, sondern wieder ganz eigenständige Kunstform ist das Zusammentreffen von Leopold Bloom und Stephen Dedalus, die sich bereits mehrmals zuvor unbewusst in den Episoden des Romans über den Weg gelaufen sind oder für kurze Zeit gleichzeitig an einem Ort weilten. Der zu diesem Zeitpunkt bereits ziemlich betrunkene Stephen Dedalus trifft nun wie rein zufällig auf den ihn suchenden Leopold Bloom. Die Projektmacher haben zum großen Glück für die Produktion die beiden großartigen Schauspieler vom Thalia Theater Hamburg Bruno Cathomas als Bloom und Mirco Kreibich als dessen jugendlichen Schützling Dedalus gewinnen können.

Bruno Cathomas und Mirco Kreibich im Ballhaus Ost Foto: St. B.

Bruno Cathomas und Mirco Kreibich im Ballhaus Ost
Foto: St. B.

Die theatrale Umsetzung ihres weiteren gemeinsamen Wegs durch die Nacht Dublins gestaltet sich dann durchaus recht witzig. Der etwas spröde junge Mann, der nach dem ausschweifenden Besuch in Bella Cohens Bordell gerade den Fängen eines Soldaten entkommen ist, wird von Bloom aufgelesen und nach alter Samariterweise wieder aufgerichtet. Bloom betreibt etwas Konversation über den Vater von Dedalus und überredet den sichtlich Derangierten mit ihm essen zu gehen. So philosophiert das ungleiche Paar, der ältere bedächtige Bloom und der impulsive vom Leben aber schon recht enttäuschte junge Literat, über Gott und die Welt, die Frauen, die Seele und das Leben vor dem Tod. Was sich in den Videos bereits andeutete, erfährt hier auf der Bühne seine Fortsetzung mit Bruchstücken aus Joyces Monsterwerk. Nebst Video und Smartphone kommen auch ein paar aktuelle Gedankenspielereien zur Urknalltheorie und dem Teilchenbeschleuniger von Cern hinzu.

Während eine Videowand nach der anderen wie die schwindende Selbstgewissheit fällt, sehen wir eine Wahrsagerin aus einem Astrokanal, die Bloom die Karten legt, und seine untreue Frau Molly (im Video die Thalia-Schauspielerin Patrycia Zielkowska) aus einer Vorstellung von Dostojewskis Brüder Karamasow in die Garderobe eilen und sich abschminken. Bloom betrachtet sie sehnsüchtig beim sinnlichen Nachziehen ihrer Lippen. Im vorletzten Kapitel wird von Cathomas und Kreibich wie bei Joyce im Frage-Antwort-Spiel detailgetreu der Einstieg Blooms in sein Haus, die Küche und das Bereiten von Teewasser beschrieben. Bevor die letzte Wand gefallen ist, kommt der locker fließende Bewusstseinsstrom mit dem Joyce’schen Wortspiel von Sindbad dem Seefahrer (Tindbad dem Teefahrer usw.) so langsam zum Erliegen. Wie die vergebliche Lektüre des ausufernden Romans lässt einen der ironisch angehauchte Bühnenauftritt der beiden freundschaftlich verbunden umherirrlichternden Sinnsucher etwas unbefriedigt zurück. Aber so sind sie halt, das Theater wie das Leben selbst. Wer einfache Antworten sucht, muss in die Kirche gehen.

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Ulysses
nach James Joyce / Marat Burnashev
Regie MARAT BURNASHEV
Buch SWANTJE BASEDOW
Bühne, Lichtdesign THOMAS GIGER
Kostüme SIBYLLE WALLUM
Musik MARCUS THOMAS
Dramaturgie CHRISTINA BELLINGEN
mit BRUNO CATHOMAS, MIRCO KREIBICH
im Video PATRYCIA ZIOLKOWSKA, ELIA HARZER, PRASHANTI, EISENHANS

EINE KOPRODUKTION VON MARAT BURNASHEV UND SWANTJE BASEDOW MIT DEM BALLHAUS OST UND DER GARAGE X WIEN

PREMIERE im Ballhaus Ost war am 09. MAI 2014

WEITERE VORSTELLUNGEN: 13. / 14. / 16. JUNI 2014

Infos: http://ballhausost.de/spip.php?article619

Zuerst erschienen am 12.05.2014 auf Kultura-Extra.

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