Archive for the ‘Ballhaus Ost Berlin’ Category

Posen in Angst, das neue Theaterprojekt von Wenzel & Zybowski feierte Premiere im Ballhaus Ost.

Montag, April 28th, 2014

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(c) Ballhaus Ost

(c) Ballhaus Ost

Der 1976 im polnischen Łódź geborene Przemek Zybowski kam mit neun Jahren nach Deutschland, studierte später Medizin und machte eine Weiterbildung in der Psychoanalyse. Seit 2007 schreibt er Prosatexte und Theaterstücke. Johannes Wenzel, 1977 in Karlsruhe geboren, kam über ein Studium der Philosophie und Germanistik zum Theater. Nach mehreren Hospitanzen und Gastassistenzen führt er seit 2005 selbst Regie. Gemeinsam bilden die Beiden seit sechs Jahren ein Autor-Regie-Team. Dabei sind mittlerweile einige Theaterproduktionen in Berlin und Hamburg entstanden. Vor einem Jahr zeigten Wenzel/Zybowski im Ballhaus Ost Rom – die lange Rückkehr in den Westen, eine deutsch-polnische Geschichts- und Familienabrechnung. Ihre neue Produktion Posen in Angst hatte nun wiederum im Ballhaus Ost Premiere.

Autor Zybowski kann man hier durchaus eine Neigung zum Phantastischen bescheinigen. Sein Stück kommt zunächst wie eine Art Science-Fiction daher, eine Dystopie auf das Onlinezeitalter. Im Jahr 2040 sind die Menschen der westlichen Welt via implantiertem Chip mit einem übergeordneten Online-Bewusstsein verbunden. Da bricht in der EU ein nicht näher beschriebener mysteriöser Online-Virus, der mit einem Gedächtnisverlust einhergeht, aus und stürzt den Westen in eine Krise. Der sich noch offline befindliche Osten wird plötzlich zum Flucht- und Sehnsuchtsort der orientierungslosen Menschen. Der Autokrat Putin dagegen hat bereits Polen und das Baltikum besetzt und steht mit der russischen Armee wiedermal an den Seelower Höhen. Zybowski nimmt mit seinem Stück die Ängste der westlichen Welt und ihre Projektionen auf den Osten aufs Korn. Der Russe kommt, und die EU droht in einem Krieg unterzugehen.

Im Lazarettlager des zynischen Arztes Che (Andreas Nickl) in Berlin kreuzen sich die Geschichten von fünf ganz unterschiedliche Personen. Die idealistische Wissenschaftlerin Katja (Vera Löbau) sucht verzweifelt nach einem Impfstoff, dessen Träger sie in Boris (Johannes Suhm) sieht, der auf der Flucht nach Posen zum alten Landsitz derer von Bonin ist. Im Gepäck hat er die alten Germania Möbel, die die Gräfin von Bonin einst auf ihrer Flucht vor den Russen nach Berlin im Brandenburgischen vergraben hatte sowie die Jüdin Rebekka (Lale Yavas) und deren Mutter Martha (Michaela Hinnenthal), die eigentlich auf dem Weg nach Jerusalem waren. Boris steht nun zwischen seiner Liebe zu Rebekka und Katjas Drängen aus seiner DNA, die mehr einem Tier als einem Maschinenmenschen gleicht, und dem Extrakt der Germania Möbel, als Träger von Erinnerungen, den erforderlichen Impfstoff zu gewinnen.

Klingt das auch irgendwie ziemlich verrückt, so hat es doch Methode. Zybowski mixt geschickt kaum verständliche wissenschaftliche Details, biblische und jüdische Mystik mit Daten und Ereignissen aus der europäischen Geschichte und Gegenwart. Während man im Inneren über die Rettung der Onlinewelt philosophiert, lässt der Arzt Che die Infizierten, die das Lazarett wie die rettende Arche Noah der Online-Zivilisation belagern, immer wieder durch Schlägertrupps in die Quarantänestation nach Tempelhof bringen. Seine Gedanken vertraut der Arzt seinem persönlichen Logbuch an. Michaela Hinnenthal ist hier in einer schönen Doppelrolle als verfremdete Computerstimme (HAL aus Kubricks 2001 lässt grüßen) und Orakel Martha zu sehen. Sie sieht in Boris einen neuen Zaddik, einen Gerechten zur Rettung des jüdischen Volks.

Posen in Angst im Ballhaus Ost. Bettler 2006 (c) Philip Wiegard

Posen in Angst im Ballhaus Ost. Bettler 2006  (c) Philip Wiegard

Zybowskis Stück ist durchaus auch als politische Satire zu verstehen. So hält Boris wie in Trance einen hochkomischen Monolog über das Zustandekommen des polnischen EU-Beitritts, den der trinkfeste und hitzeresistente Helmut Kohl Boris Jelzin und Michail Gorbatschow in der Sauna abgerungen hat. Eva Löbau darf dann noch einmal in einem verzweifelten Aufruf an die Vernunft und Freiheit des Online-Individuums brillieren. Da aber ist der Versuch einer Therapie des Online-Bewusstseins bereits gescheitert, und das einerseits befürchtete wie anderseits erhoffte Offlineloch hat sich aufgetan. Offline ist Tabula Rasa, wie Katja prophezeit, es herrscht Maschinendämmerung. Die Gruppe steht den sich neu auftuenden Möglichkeiten am Ende doch noch etwas ratlos gegenüber.

In Przemek Zybowski Text geht es immer wieder um Erinnerungen, kollektive wie individuelle, und deren Verlust. Amnesie folgt Amnestie und umgekehrt. Wer oder was bestimmt unsere Erinnerung? Und was tragen kollektive Erfahrungen und einzelne Biografien dazu bei? In der Stadt Berlin, die immer auch ein Tor zum Osten war, treffen nach wie vor die verschiedensten Geschichten, Werte und Erfahrungen aufeinander. Andererseits enthält das Stück auch eine Zivilisations- und Technikkritik. Der moderne Mensch hat sein Gedächtnis längst an Maschinen abgegeben, die er nicht mehr kontrollieren kann, die ihn aber umso kontrollierbarer machen.

Gebrochen wird Zybowkis schier überbordender Text immer wieder mit den melodiösen Synthie-Pop-Balladen des Musikers Friedrich Greiling (Mittekill), die das Stück thematisch gut ergänzen. Gespielt wird vor einer Art Eiszeitkulisse, die mit Installationen und Fabelwesen der bildenden Künstler Tobias Yves Zintel und Philip Wiegard bevölkert sind. Ein etwas mutigerer Eingriff des Regisseurs Johannes Wenzel und ein paar Striche mehr hätten dem ca. 1 3/4 Stunden dauernden Abend sicher auch gut getan. Wenzel nimmt den Text aber sehr ernst und vermeidet so eine Überironisierung der Geschichte.

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POSEN IN ANGST
Text PRZEMEK ZYBOWSKI
Regie JOHANNES WENZEL
Art Direction TOBIAS YVES ZINTEL
Musik FRIEDRICH GREILING
Produktionsassistenz / Musikdramaturgie MONICA SUTEU
Regiehospitanz PATRICK SCHNEIDER
Bühnenbildassistenz MICK KLOECKER
Technische Leitung VOLKER M. SCHMIDT
Produktionsleitung TINA PFURR / BALLHAUS OST
mit MICHAELA HINNENTHAL, EVA LÖBAU, ANDREAS NICKL, JOHANNES SUHM, LALE YAVAS

mit Kunstwerken von PHILIP WIEGARD und TOBIAS YVES ZINTEL
EINE PRODUKTION VON WENZEL & ZYBOWSKI IN KOOPERATION MIT DEM BALLHAUS OST UND DEM TEATR NOWY POZNAN
PREMIERE 25. APRIL im Ballhaus Ost
WEITERE VORSTELLUNGEN 28. APRIL UND 03. MAI

Weitere Informationen: http://ballhausost.de/index.php?article609&sub=20

Zuerst erschienen am 27.04.2014 auf Kultura-Extra.

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„Wir sind nicht das Ende“ von Carsten Brandau. Ein intensives Kammerspiel in der Regie von Manuel Harder zu Gast am Ballhaus Ost.

Donnerstag, Februar 27th, 2014

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Die Ewigkeit hat 738 Flügel, weiß Ziad, einer der Attentäter des 11. Septembers. „Wir sind nicht das Ende.“  beteuert er seiner zurückgelassenen Frau. Diese Gewissheit über das Paradies kann Aisha nicht teilen. Sie hat die realen Bilder der für sie unbegreiflichen Tat vor Augen und Fragen, die ihr der tote Geliebte nicht mehr beantworten kann, im Kopf. In einem Brief Ziads, den Aisha von einem Beamten des BKA zusammen mit einem Paket erhält, beschwört dieser noch einmal ihre immerwährende Liebe: Du darfst keinen Zweifel daran haben. Ich liebe Dich und ich werde Dich immer lieben bis zur Ewigkeit”.

Wir sind nicht das Ende - Foto © Rolf Arnold

Wir sind nicht das EndeFoto © Rolf Arnold

Der Hamburger Autor Carsten Brandau hat die, auf einer wahren Begebenheit beruhende Geschichte einer jungen türkisch-deutschen Ärztin dramatisiert und Regisseur Manuel Harder verdichtet diesen Text zu einem intensiven, atmosphärisch tiefen Kammerspiel. Eine Tour de Force durch die verstörte Gefühlswelt einer Frau, die um ihre zerstörte Liebe ringt. Bereits 2008 hat Manuel Harder Carsten Brandaus Drama in Dortmund uraufgeführt. In einer Neuinszenierung brachte der Schauspieler und Regisseur Harder das Stück dann 2011 mit Birgit Unterweger und seinem Bruder Günther Harder auch in der Skala, der kleinen Spielstätte des Centraltheaters Leipzig, heraus. Alle drei waren bis vor kurzem Schauspieler im Ensemble von Sebastian Hartmann und arbeiten nun u.a. in Hannover, Weimar und Frankfurt. Am 25. Februar erlebte die Inszenierung im 4. Stock des Ballhaus‘ Ost ihre Berlinpremiere.

Aisha (Birgit Unterweger) glaubte den Mann, mit dem sie drei Jahre verheiratet war, bis zu seiner Narbe am Unterschenkel und deren Geschichte zu kennen. Nun fühlt sie sich getäuscht. Ist Ziad nur ein Blender, hat er ihre Liebe missbraucht? Diese und andere Ungewissheiten quälen die junge Frau und treiben sie bis zur Raserei. Wie im Wahn beginnt sie ein Zwiegespräch mit dem, der sie verlassen hat. Nur in ihren Träumen ist Ziad nie weggegangen. Hier reflektiert Aisha nun ihre gemeinsame Beziehung aus den Erinnerungen der Jahre mit den Stationen Greifswald, wo sie den jungen Libanesen kennenlernte, über Bochum, bis zu ihrem plötzlichen Abschied in Hamburg. Ziad wollte nach Amerika um Pilot zu werden, sie ihr Studium der Medizin beenden.

Dies ist der Punkt, an dem beider Wege auseinandergehen und sich wenig später auf einem Acker in Pennsylvania verlieren. Zweifel, Selbstvorwürfe und Spekulationen brechen sich nun in Aisha Bahn. Günther Harder gibt ihr imaginiertes Gegenüber. Mal ist er Ziad, mal ein Fremder oder ein Ermittler des BKA, der Aisha beim Verhör über ihren, für sie in immer weitere Ferne rückenden Mann befragt. Wer war er? Was wusste sie wirklich über ihn? Aisha kämpft mit sich und ihren verwirbelnden Erinnerungen an Ziad, auch wenn diese wie mehrfach kopierte, unscharfe Fahndungsfotos zu verblassen scheinen. Nur einmal gelingen frohe und ungetrübte Momente einer Fahrt nach Paris.

Wir sind nicht das Ende im Ballhaus Ost - Foto: St. B.

Wir sind nicht das Ende im Ballhaus Ost – Foto: St. B.

Manuel Harder umwirbt Birgit Unterweger mal zärtlich, mal herausfordernd, verspricht als Ziad immer wieder, Aisha dereinst abzuholen. Er geriert sich dabei sogar als mystische Ikone eines Märtyrers. Nur Aisha zweifelt daran, dass er vom Himmel herabsteigen wird. Sie umkreisen und umarmen sich, verbrennen aneinander. Birgit Unterweger ist der aktive Part dieses Stücks. Mit körperbetontem Spiel und gewaltiger Stimme dominiert sie diesen Part selbst noch in den schwachen Momenten ihrer Figur. Die wenigen Requisiten wie Papierblätter, Scheinwerfer und Mikrofon sowie die dezent eingesetzte Musik im Hintergrund passen sich dem körperbetonten Spiel gut an.

Auch wenn Autor Brandau seinen Text immer wieder mit mystischer Symbolik auflädt, setzt Regisseur Harder ihn in recht einfache, eindrückliche Bilder um. Die Liebenden ringen miteinander, bis Ziad schließlich am Boden liegt. Es geht nur am Rande um die religiösen Motive der Attentäter, und die Frage nach einem Sinn bleibt unbeantwortet. Der Terrortat des Geliebten kann Aisha nur die Radikalität ihrer Liebe entgegensetzen. Doch sie muss weiterleben, und schneidet sich diese wie ein Stück Fleisch aus dem Körper. Ein Herz das blutet. Der Rest verliert sich im Dunkel.

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Wir sind nicht das Ende
von Carsten Brandau
Regie: Manuel Harder
Sounds: Raphael Tschernuth
Dramaturgische Mitarbeit: Daniel Jurisch
mit: Günther Harder, Birgit Unterweger

weitere Termine: 27. Februar und 2. März um 20:00 Uhr im Ballhaus Ost

Infos: http://www.ballhausost.de/index.php?article601&sub=20

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Berlin – Ecke Schönhauser. Regisseur Christian Weise und Puppenspieler Sebastián Arranz adaptieren einen 50er-Jahre-Klassiker der DEFA und holen ihn im Ballhaus Ost in den Prenzlauer Berg der Gegenwart. Als Zeitzeugin der noch geteilten Mauerstadt steht ihnen dabei die Schauspielerin Ursula Werner zur Seite.

Mittwoch, Dezember 4th, 2013

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Berlin - Ecke Schönhauser der Film

Berlin – Ecke Schönhauser
Filmplakat

1957 drehte der Regisseur Gerhard Klein im Auftrag der DEFA den Film „Berlin – Ecke Schönhauser“. Das Drehbuch schrieb der später preisgekrönte Autor Wolfgang Kohlhaase. In sehr realistischen, ungeschönten Bildern erzählt der Film die Geschichte einer Gruppe unangepasster, rebellischer Jugendlicher im Ostteil Berlins, die, konträr zum erwarteten Bild eines, den real existierenden Sozialismus aufbauenden Menschen, jenseits von FDJ-Versammlungen und SED-Bevormundung, ihren eigenen Weg ins Leben suchen. Die DDR-Oberen hatten nach dem Tod von Väterchen Stalin für kurze Zeit Tauwetter befohlen und drückten beide Augen zu.

Das West-Berliner Äquivalent von Regisseur Georg Tressler nannte sich „Die Halbstarken“ und war mit Karin Baal und Mädchenschwarm Hotte Buchholz besetzt. Ilse Pagé, der Brechtschwiegersohn Ekkehard Schall, Harry Engel und Ernst-Georg Schwill spielten in Kleins Ost-Variante. Ob nun Sissy und Freddy oder Dieter und Angela, wie das Leben so spielt, trennten sich auch in der Realität die Wege der damals noch jungen Darsteller. Einige wurden Filmstars im Westen und sogar in Hollywood, die anderen machten Karriere am Berliner Ensemble oder spielten im „Polizeiruf 110“, einer Serie des Deutschen Fernsehfunks der DDR.

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So sah Berlin – Ecke Schönhauser 1957 aus.
Filmstill DEFA

Schauplatz der Geschichte von Angela, Dieter, Kohle, und Karl-Heinz ist der Kiez im Prenzlauer Berg, links und rechts der Schönhauser Allee mit ihrer markanten U-Bahn-Trasse. Ganz in der Nähe ihres damaligen Treffpunkts unter der Hochbahn steht in der Pappelallee das Ballhaus Ost, wo nun Theaterregisseur Christian Weise („Madame Bovary“ 2011 am Ballhaus Ost) und der argentinische Puppenspieler Sebastián Arranz, die nicht das erste Mal miteinander gearbeitet haben, den DEFA-Klassiker ins Berlin der Gegenwart holen, einem Ort der Gentrifizierung, des Ausländer- und Schwabenhasses sowie weiterer moderner sozialer Plagen.

Sebastián Arranz wurde 1983 in Buenos Aires geboren, studierte dort zunächst Schauspiel und später an der „Ernst Busch“ in Berlin Puppenspiel. Alle seine Freunde waren schon in Berlin, also musste er unbedingt auch dahin. Jedoch nur nicht in den Prenzlauer Berg der Mütter, Boutiquen und Ökoläden, sondern dann schon lieber nach Neukölln und besser noch in den Wedding. Wie es im Prenzlauer Berg zu Zeiten des Films ausgesehen hat, weiß die ehemalige DDR- und Gorki-Theater-Schauspielerin Ursula Werner, die sich Arranz als Zeitzeugin und wunderbare Erzählerin mit authentisch berlinerndem Kiezeinschlag geholt hat.

Ursula Werner und Sebastián Arranz im Ballhaus Ost.
Foto (c) Jamal Tuschick

Ursula Werner, geboren 1943 in Eberwalde, aber nur der drohenden Bombennächte wegen kurzzeitig im Bauch der Mutter aus Berlin aufs Land verschickt, in der Rodenbergstraße aufgewachsen und in der Greifenhagener zur Schule gegangen – ihre Arme fliegen erklärend von links nach rechts über die Schultern – wohnt heute immer noch hier im Prenzlauer Berg. Sie berichtet mit leuchtenden Augen und Verve in der Stimme von jüdischen Angestellten bei Osram, dem Bruder, der mit falschem Pass auf der Schwedenfähre flüchtete, heimlichen Blicken über die Mauer sowie dem Vater, der beim Kaffe- und Kaujummi-Schmuggeln in der S-Bahn nie erwischt wurde und auch sonst immer erfolgreich ein Rohr zu verlegen wusste.

Beim Bäcker wurde der Kuchen noch frisch gebacken, Milch gab es in fliegenden Kannen und Ladenwohnungen mit Küche zum Hof. Unter den kalten Bodenbelägen kann man noch heute das vergilbte Zeitungspapier vergangener Tage finden. Berlin ist für den Taufschein die Würze. Hier kennt Ursula Werner jedes Eckhaus und weiß immer noch, wo damals die tollsten Kinos waren, bevor die Boutiquen einzogen. Sie baut in der Luft Eselsbrücken, singt von Engeln und drückt uns mit Hilde Knef und viel zu großem Mund an das zerknautschte Bärenfell der Stadt.

Marlene Dietrich sang einst: „Fühlt Muttern ihre Lebenszeit verfliessen, im Testament wird schnell noch angebracht: „Vergesst mir bloß nicht, Vatern zu begießen“ – Das ist Berlin, wie’s weint, und wie es lacht.“ Auch Ursula Werner besingt ihr Berlin. Und man möchte ihr ewig dabei zuhören, wäre da nicht noch eine Kasperletheaterbühne mit Konnopke-Imbiss-Aufschrift und fünf begeisterten Puppenspielern, die auf ihren Einsatz warten. Gemeinsam mit Jan Lennart Krauter, Anna Menzel, Hans-Jochen Menzel und Julian Steinberg erweckt nun Sebastián Arranz lauter liebenswerte Holzköpfe zum Leben. Vor unseren Augen entspinnt sich dann auch ein lebhaftes Spiel ums nämliche. Im Hintergrund wechseln auf einer Videoleinwand Tag und Nacht, bis der Himmel über dem U-Bahnviadukt rot anläuft.

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Berlin – Ecke Schönhauser heute im Ballhaus Ost
Foto (c) Ballhaus Ost

Dort stehen Milan, Max, Johnny und Jenny, ein Girly im Parker, dass weder Bock auf ´nen Job bei Rossmann oder NanuNana hat, noch darauf, um Zwölfe oben bei der Mutter zu sein. Die macht ihr ständig Vorhaltungen, während ihr Lover ein- und ausgeht und auf Jugendversteher macht. Jenny kellnert lieber im „Sonntag im August“, steht auf Typen wie Johnny Depp und knutscht mit Milan unter den U-Bahnbögen. Der hat einen Migrationshintergrund und einen Bruder, der sich als deutscher Polizist fühlt, aber leider nicht so gewählt ausdrücken kann. Integration ist für Milan kein Thema, wie einst auch für Dieter das richtige Hemd oder die politische Einstellung. Und statt Boggie, können er und sein Kumpel Johnny eh viel besser rappen. Der junge Latino wird von seinem versoffenen Stiefvater verprügelt. Ohne Pässe schaffen er und seine Mutter es nicht, ihn zu verlassen. Die hat ein Leben lang gespart, trotzdem ist die Kohle immer knapp.

Für ein altes Smartphone von Max schießt Johnny die Laterne ein. Kohle wurde damals noch ´ne Westmark versprochen. Der Kommissar kommt ihnen auf die Schliche und mit der Liebe-Onkel-Tour. Er kann auch Kung Fu, wenn es darauf ankommt, was Milan zu spüren bekommt. Max ist zu clever für das Ganze und für Johnny sowieso. Seine Eltern dominieren den halben Bioprodukteabsatz im Prenzlauer Park und bunkern das Geld in einer Kassette unterm Bett, statt es der Steuer in den Rachen zu werfen. Die Aussicht als Mittelständler zu enden, reizt Max nicht sonderlich. Chillen ist besser und erben sowieso. Nur das Max nicht so lange warten will und ins Ökogeschäft der Alten einsteigt. Was er abzweigen kann, geht aufs eigene Konto.

Zwei schrägen Ganoven besorgt Max Pässe für blonde Prostituierte aus Osteuropa. Wo es lang geht, stoßen ihm die beiden trotz klemmender Türen in einem minutenlangen, filmreifen Auto-Slapstick Bescheid. Später wird es einen Roberto Blanco weniger geben und einen neuen Erdenbewohner mehr. „Wir ham als Kinder och immer Kasperletheater offm Hof jespielt.“ sagt Ursula Werner zum Schluss. Da ist Kohle/Johnny aber schon tot und nicht bloß vom Krokodil gefressen. Das sind die sogenannten Geschichten, die das Leben heute immer noch schreibt. Die muss man nicht neu erfinden. Großer Jubel und Beifall im Ballhaus Ost.

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Berlin – Ecke Schönhauser im Ballhaus Ost – Foto (c) Ballhaus Ost

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Termine: 04. / 05. / 06. / 07. 12.13 jeweils 20:00 Uhr

weitere Infos: http://ballhausost.de/spip.php?article547

Der Beitrag ist am 16.09.13 auch auf Livekritik.de erschienen.

Siehe auch Premierenkritik von Jamal Tuschik auf Kultura-Extra.

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„Bye Bye Blondie“ nach Virginie Despentes‘ Roman im Ballhaus Ost und „Lehrstück“ nach Brecht/Hindemith in der Werkstatt des Schillertheaters – Zwei moderne Musiktheaterversuche in der Post-Schlingensief-Ära.

Mittwoch, Juni 20th, 2012

„Bye Bye Blondie“ nach dem Roman von Virginie Despentes als neues Musiktheater im Ballhaus Ost – Komposition: Eunsun Lee, Musikalische Leitung / Einstudierung: Lennart Dohms / Arno Waschk, Libretto und Regie: Sophia Simitzis, Ausstattung: Inga Timm, Video: Heta Multanen – Premiere: 16.06.12

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„Bye Bye Blondie“ mit Ruth Rosenfeld und dem Ensemble Tema.
Foto: (c) ncnc – Ballhaus Ost

Die Romane von Virginie Despentes werden gerne in der EMMA rezensiert und dennoch ist die französische Skandalautorin mit ihren radikalfeministischen Ansichten meilenweit von Alice Schwarzers PorNO-Kampagnen entfernt. Despentes´ meist aus der französischen Unterschicht stammende Protagonistinnen zeichnen sich durch explizit kompromissloses Handeln aus und überschreiten dabei oft die gesellschaftlich anerkannten Grenzen der Moral und des guten Geschmacks. Als Vorbilder Despentes´ gelten auch Autoren wie Charles Bukowski und Michel Houellebecq, nur das sich bei ihr die Frauen sexuell aktiv und selbstbewusst in Szene setzen. Die Verfilmung ihres Buches „Baise-moi – Fick mich“ („Wölfe fangen“, Rowohlt, 2000) fiel sogar der Zensur in Frankreich zum Opfer und durfte eine zeitlang nur noch in Pornokinos gezeigt werden. Dagegen ist ihr 2004 erschienener Roman „Bye Bye Blondie“ (Rowohlt, 2006) fast brav zu nennen.

Auf dem Weg zu ihrer Stammkneipe „Bar Royal“ rennt die mächtig unter Dampf stehende 35jährige Gloria (Blondie) nach einem Streit mit ihrem Freund durch den Regen der Provinzstadt Nancy und unverhofft ihrer alten Liebe Eric, der nun ein bekannter Fernsehmoderator in Paris ist, vors Auto. Man hatte sich vor zwanzig Jahren in der psychiatrischen Anstalt „Jeanne d’Arc“ kennen und lieben gelernt. Sie wurde nach mehreren gwalttätigen Auseinandersetzungen mit ihren Vater dort eingewiesen, er nach einem Blackout wegen Drogenkonsums. Die Liebe endet tragisch, als sich der aus reichem Hause stammende Eric, auf Anraten seiner Eltern, für ein Studium entscheidet. Nun versuchen die immer noch unangepasst lebende Gloria und Eric einen neuen Anfang. Bei der großen Chance, ihre Lebensgeschichte ans Fernsehen zu verkaufen, verpasst Gloria allerdings dem Produzenten einen ihrer berüchtigten Kopfstöße. Damit scheitert nicht nur dieses Projekt, sondern auch der erneute Versuch einer bedingungslosen Liebe, die schließlich mit Eric fast buchstäblich aus dem Fenster fliegt. Daraufhin zähmt sich Gloria letztendlich selbst und gibt den bedingungslosen Widerstand gegen die Welt auf – „Bye, Bye Blondie!“ sozusagen.

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RockHard – Ruth Rosenfeld als junge Punkerin Blondie.
Foto: (c) ncnc – Ballhaus Ost

Das Künstlerteam um die junge Musiktheater-Regisseurin Sophia Simitzis nimmt nun am Ballhaus Ost den Roman als Grundlage einer szenisch-konzertanten Umsetzung für zeitgenössisches Kammerorchester und Gesangssolistin. Und die ist mit der Sopranistin Ruth Rosenfeld bestens besetzt. An der Berliner Volksbühne war Ruth Rosenfeld u.a. bereits in Frank Castorfs Inszenierungen der Meistersinger, Soldaten, Der Jasager / Der Neinsager und Lehrstück zu sehen, sowie in der Christoph-Schlingensief-Produktion „Kunst und Gemüse, A. Hipler – Theater als Krankheit“. Sie schlüpft in die Rolle der Gloria wie in eine zweite Haut, schminkt sich ganz selbstbewusst die Wimpern rot und den Mund schwarz und schreit: „Hat jemand in dieser Karre Bock auf ne Faust im Gesicht?“ So beginnt das unverhoffte Wiedersehen mit Eric. Auf einer Videoleinwand laufen Titel für die einzelnen Stationen wie Straße, Irrenhaus oder Punkjugendliebe. In Rückblicken wird die Geschichte der 15jährigen „Blondie“, ihr Stress mit dem Vater, der Polizei und einer Psychologin erzählt. Die Musiker des Ensembles Tema aus Karlsruhe übernehmen dabei immer wieder einzelne Sprechrollen. Blondies Aggressionen vermittelt Ruth Rosenfeld in kraftvoller Stimmlage und entsprechender Mimik und Gestik. Das Libretto von Sophia Simitzis bringt den Romantext von Virginie Despentes dazu in kurzen prägnanten Sätzen auf den Punkt. Neben der Mitarbeit bei Christoph Schlingensief und eigenen Werken an der Staatsoper Berlin, der Oper Frankfurt sowie dem Ballhaus Ost, ist dies eine weitere Zusammenarbeit mit der jungen Komponisten Eunsun Lee, die u.a. in Karlsruhe bei Wolfgang Rihm studiert hat.

Nun steht Blondie zwar auf Punk und Hard Rock a la Motörhead, die Komposition von Eunsun Lee orientiert sich aber nicht vordergründig an dieser populäreren Musik, sondern nimmt lediglich Anleihen und arbeitet diese geschickt in eine zeitgenössisch klassische Partitur um. Zu leichten melodischen Teilen setzen immer wieder harte Brüche Kontrapunkte und spiegeln so die wechselnden Stimmungslagen der Protagonistin zwischen unkontrollierten Wutausbrüchen und sehnsuchtsvoller Liebesgeschichte wieder. Das Ensembles Tema steht im Stil einer Rock-Band hinter Sängerin Ruth Rosenfeld und begleitet sie mit echtem Konzertflügel, Violine, Saxophon, Gitarre, Bass und Schlagwerk. Die Akustik im kleinen Theatersaal des Ballhaus Ost ist dabei bemerkenswert gut. Da die theatrale Darstellung in dieser Besetzung szenisch begrenzt ist, wird sie über Video bildlich ergänzt. In kleinen untertitelten Stummfilmsequenzen spielen die Musiker und Sängerin Teile von Glorias Story nach, was Ruth Rosenfeld nicht davon abhält, die kleine Bühne mit ihrer Präsenz auszufüllen und rastlos durch die Zuschauerreihen zu tigern. Zum Ende hin zieht sie einen Gazevorhang vor die Szene, auf dem sich die Videobilder doppeln.

Nachdem ihr Filmprojekt geplatzt und die großen Liebe zu Eric gescheitert ist, sitzt Gloria sichtlich erschöpft in einem Stuhl und singt einen melancholischen Song zur Gitarre. Sie ist im „Vorhof der Hölle“ angekommen und resigniert. Man kann das durchaus auch als vergeblichen Emanzipationsversuch einer kompromisslosen Künstlerin verstehen. Im Gegensatz dazu haben sich alle an der Produktion „Bye Bye Blondie“ Beteiligten wunderbar frei gespielt. Nach Inga Buschs fulminanter „Madame Bovary“ im letzten Jahr wieder ein gelungenes Frauenporträt im Ballhaus Ost. Für alle Fans von Virginie Despentes sei noch erwähnt, dass sie ihren Roman „Bye Bye Blondie“ wieder selbst verfilmt hat. Sie erzählt hier den Roman als lesbische Liebesgeschichte neu. In den Hauptrollen sind Béatrice Dalle und Emmanuelle Béart zu sehen. Der Film ist bereits im März in Frankreich und der Schweiz angelaufen.

WEITERE VORSTELLUNGEN:

Foto: St. B. ballhaus-ost_blondie.jpg
„Bye Bye Blondie“: am 28., 29. und 30. Juni jeweils 20:00 Uhr im Ballhaus Ost, Dauer: ca. 1:15 h 

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Es ist noch Suppe da! – Das „Lehrstück“ nach Brecht/Hindemith als Wärmestube für zu kurz gekommene Kunstdiskursler in einer Werkstattinszenierung der Staatsoper im Schillertheater Berlin. – Musikalische Leitung und Einrichtung: David Robert Coleman, Inszenierung: Michael von zur Mühlen, Ausstattung: Christoph Ernst – Premiere: 09.06.12

Von einer ganz und gar ungewöhnlichen Premiere in der Werkstatt der Staatsoper am Schillertheater gilt es nun zu berichten. Bereits am 09.06.12 hatte dort eine Neu-Inszenierung des „Lehrstücks“ von Bertolt Brecht mit der Musik von Paul Hindemith Premiere. Regie führte der 33jährige Michael von zur Mühlen, Hindemiths Partitur wurde vom Komponisten David Robert Coleman bearbeitet und dirigiert. Beide scheinen das Vorwort von Hindemith zum „Lehrstück“ wörtlich genommen zu haben und lösen die starre Konstellation einer Theateraufführung aus Mitwirkenden und Zuhörern ganz einfach auf. Belustigend und zum Teil auch erbauend war das Ganze dann aber doch noch, obwohl man nicht unmittelbar mitsingen musste. Man fühlt sich zunächst wie in Brechts „Heilige Johanna der Schlachthöfe“ versetzt, nur das der Chor keine Heilsarmee-Gesänge anstimmen wird, sondern Brechts Verse der Urfassung des „Lehrstücks“ von 1929. Christoph Ernst hat die Werkstatt zur sozialen Suppenküche mit greller Neonbeleuchtung umgebaut. In der Ecke läuft eine Waschmaschine, die sich zum Ende hin lautstark im Schleudergang dreht. Es sind mehrere Tische aufgebaut, an denen man mit bis zu acht Personen sitzen und Mensch-ärgere-dich-nicht spielen kann. Texte der „Belehrung“ liegen herum und Bariton Nicholas Isherwood teilt als Küchenchef vom Dienst Spargelsuppe und Kaffee aus. Wodka wird ebenfalls ausgeschenkt. Die Flaschen kreisen von Tisch zu Tisch, was zumindest bei einigen Beteiligten die Zunge etwas lockert.

lehrstuck_werkstatt-premiere.jpg Foto: St. B.
Beifall oder Nachschlag? „Lehrstück“ in Auflösung bei der Premiere in der Suppenküche der Werkstatt im Schillertheater.

Gesungen wird dann doch zumeist professionell. An jedem Tisch sitzt ein Chor-Mitglied mit Mikrofon, das auch von den anderen am Tisch Sitzenden benutzt werden darf. Der Chor wird von weiteren Semiprofessionellen aus der Kunstszene unterstützt. Alle sind irgendwo bandagiert, der eigentlich gestürzte Flieger irrt aber in Kapitänsuniform unermüdlich von Tisch zu Tisch, sucht seine Suppe oder will Wasser. Es ist der Tenor Reiner Goldberg, der mit einer fast unglaublich stoischen Ruhe sein Schicksal zu ertragen scheint. Lautstark macht sich eher der Brite mit pakistanischen Wurzeln Ahmed Shah, der in Neukölln mit Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten Theater spielt, bemerkbar. Er ruft zur Revolte auf, die ehemalige Dramaturgin Barbara Gstaltmayr beklagt, dass ihr sozialkritische Passagen aus den Programmbüchern gestrichen wurden, der Theatermacher Markus Weckesser ist kurz vorm durchdrehen: „Ich will es endlich. Mach´s!“ und der Künstler und Performer Jörg Janzer betapt sich und willige Zuschauer mit Isolierband. Das Chaos scheint perfekt und kulminiert in dem Ausruf aus dem „Lehrstück“: „Der Mensch hilft dem Menschen nicht.“ Dazwischen versucht David R. Coleman mit Mitgliedern der Staatskapelle und der Orchesterakademie Hindemiths Musik zu intonieren. Unterstützung bekommen sie dabei auch mal vom Band. Die Zivilisiation kurz vorm Untergang, an der Wand prangt eine Bild des umgekippten Kreuzfahrschiffs „Costa Concordia“ und ein Video von einer Fahrt mit afrikanischen Bootsflüchtlingen wird gezeigt. Die Clownsnummer fällt aus, dafür stimmt Nicholas Isherwood irgendwann den Klassiker „Es ist noch Suppe da!“ an.

Die Intention der Regie ist schnell klar. Man will mit der weitgehend freien Aufführung Reaktion und Interaktion provozieren. Nur kommt die beim völlig unvorbereiteten Publikum nicht so richtig zu Stande. Diskussionsanregungen zu aktuell politischen Problemen werden immer wieder von den Chormitgliedern eingeworfen. Das hingehaltene Mikro wird aber nur zu Spontanäußerungen oder, auf die Frage wie man eine Änderung erreichen könnte, zu kruden Einwürfen wie „Massenerschießungen“ genutzt. Die Unfähigkeit der Menge zur Solidarität schwingt so natürlich immanent immer mit. Einige fühlen sich womöglich auch ungewollt in eine aktive oder passive Rolle gedrängt und verlassen die Aufführung. Die Belehrung wird dann wie ein Gebetstext von Isherwood vorgetragen und vom Chor und den meisten Zuschauern nachgesprochen. Hier kommt zum ersten Mal so etwas wie ein Gemeinschaftssinn auf. Der Text ist dabei ironisch mit Passagen aus der Clownsnummer und Fremdtexten durchsetzt: „Ich habe so unangenehme Gedanken im Kopf. (…) Aber ich kann mir ja das Gehirn raussägen,…“ usw. Danach fasert die Inszenierung allerdings vollkommen aus. Die von Brecht angestrebte Austreibung des Individuums kann dann von zur Mühlen wohl doch nicht ganz gelten lassen. Ein Schlingensief-Jünger verliest Texte aus der „Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ und muss sich lautstark gegen einen anderen Individualisten durchsetzen, der lieber auf seiner Elektro-Orgel herumklimpert. „Fresse halten!“ ist jetzt der vorherrschende Tenor des Diskurses und man fragt sich irgendwann, ob es noch Nachschlag gibt oder das Ganze bereits in eine unkontrollierte Premierenfeier übergegangen ist. Nach vereinzeltem Beifall trollen sich die meisten wieder in die Charlottenburger Nacht. Weder Kunst- noch Magen voll, dürstet es einen irgendwie nach etwas Sinn. Pädagogisch wertvoll oder Prost-Mahlzeit? Alles kann man nun mal nicht haben. Aber vielleicht doch noch mal hingehen. Es ist auf jeden Fall immer noch Suppe da. Unkostenbeitrag: 20,- €

WEITERE VORSTELLUNGEN:

Foto: St. B. lehrstuck_werkstatt.jpg
„Lehrstück“: am 23. Juni um 19:00 Uhr und 24. Juni um 20:00 Uhr in der Werkstatt der Staatsoper im Schillertheater, Dauer: ca. 1:30 h

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Axel hol den Rotkohl und Orbital Freaks im Ballhaus Ost Berlin

Samstag, Juni 19th, 2010

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Orbital Freaks von Streunende Hunde und Pawel Schwejka

Der Raum im 3.Stock des Ballhaus Ost ist mit einer langen leeren Tafel ausgefüllt. Daran sitzen Ein Mann und eine Frau, die über verschiedenste Themen wie Liebe, Sex, Geld und gestresste Beziehungen über SMS und Internet kleine Geschichten entwickeln.
Nadine Dubois und Pawel Schwejka werfen sich die Texte zu und ergänzen sich wunderbar. Verstärkt werden sie noch durch Molekularmusiker Dirk Woite, der einen herrlichen Vortrag über Dioxyamphetaminderivate, LSD und kosmische Harmonien hält. Nadine Dubois legt dazu einen irren Tanz auf dem Tisch hin. Die kurzen Szenen werden immer wieder durch einige Musikeinlagen vom Band unterbrochen, die von den Schauspielern mit Stimme und Körper mit performed werden. Es entseht so eine dichter Abend über die Möglichkeit von Sprache, Körper und Musik, eine kurzweilige Performance, die Lust auf mehr macht.

Orbital Freaks Eine Personanz für einen Raum, eine Situation und drei Körper.
mit NADINE DUBOIS, PAWEL SCHWEJKA, DIRK WOITE und WIEBKE HENSLE als Gabi
Regie, Text PAWEL SCHWEJKA Raum OLF KREISEL Musik KLAUS
EINE PRODUKTION VON STREUNENDE HUNDE IN KOOPERATION MIT DEM BALLHAUS OST
MIT FREUNDLICHER UNTERSTÜTZUNG DURCH DAS THEATERHAUS MITTE

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Axel hol den Rotkohl von und mit Helene Hegemann und Das Helmi

„Das Puppentheater Das Helmi, das mittlerweile in der von Anne Tismer begründeten freien Spielstätte Ballhaust Ost residiert, hat sich für seine neuste Produktion – man lese und staune! – von dem allseits geachteten nachtkritik.de-Kommentator Stefan inspirieren lassen, der am 8. März 2010 um 13:02 Uhr im sogenannten Axolotl-Thread seine Idee für die Theatralisierung des Romans „Axolotl Roadkill“ von Helene Hegemann postete: „Wie wäre es, wenn unter der Regie von Volker Lösch, ein Chor entrüsteter Blogger auf der Bühne sein Recht auf Anerkennung der Urheberschaft am Werk einklagen würde?“ (Unüblicherweise ist die Quelle im Programmheft sogar genannt.)“ Wolfgang Behrens von Nachtkritik, nachzulesen unter www.nachtkritik.de

Nun, ich bin auch noch einen kleinen Kommentar schuldig. Vielen Dank übrigens noch mal an das Ballhaus für die Freikarte, ich habe mich köstlich amüsiert. Klasse Figuren und wie immer beim Helmi, dieser herrlich trockene Humor. Die entrüsteten Blogger und Literaturkritiker tragen Pappmasken und werfen der Helene im Stück (Gaststar Stephanie Stremler) wie in der wirklichen Feullitondebatte immer wieder vor “„Du hast das alles nicht erlebt““. Es werden einzelne Szenen aus dem Buch von Helene Hegemann, natürlich stark verfremdet mit den Puppen nachgespielt. Sehr witzig ist die Einlassszene vor dem Berghain-Club mit dem Türsteher Sven Marquardt als alles verschluckendem Müllkübel. Man nimmt sich erfreulicher Weise nicht zu ernst und so kann der herrlich dilettierende Abend auch nur über die Runden kommen. Die starken Musikeinlagen peppen die Sache noch zusätzlich auf. Sieht sich Helene Hegemann tatsächlich als eine neue Janis Joplin? Ein Gedanke der mir gut gefällt.

Zum Schluss doch noch eine kleine Frage meinerseits: Who the Fuck is Volker? Der Volker Lösch hätte vielleicht mal gerne so eine tolle Idee, aber ich will ja nicht meckern.

St. B., 09. Mai 2010

Axel hol den Rotkohl von und mit BURKART ELLINGHAUS, HELENE HEGEMANN, FELIX LOYCKE, FLORIAN LOYCKE, BRIAN MORROW, KATHARINA SCHRÖDER, STEPHANIE STREMLER, EMIR TEBATEBAI

www.ballhausost.de