Archive for the ‘bat-Studiotheater Berlin’ Category

die tage in l. im bat Studiotheater – Florian Hein adaptiert die im Jahr vor der Wiedervereinigung herausgekommenen Leipziger Reflexionen von Ronald M. Schernikau darüber, daß die ddr und die brd sich niemals verständigen können

Sonntag, Januar 15th, 2017

___

die-tage-in-l-_buchcoverMit seiner ersten Veröffentlichung kleinstadtnovelle (über ein schwules Coming out in der bundesrepublikanischen Provinz) wird der junge Ronald M. Schernikau praktisch über Nacht bekannt. „…bin weiblich, bin männlich, doppelt. ich will nicht doppelt sein. wer bin ich? will ich sein, männlich, weiblich.“ heißt es da. Das Zweideutige, die Widersprüche bestimmen sein Leben. Er sucht die Klarheit. 1960 in Magdeburg geboren und als Sechsjähriger mit der Mutter zum Erzeuger in die BRD geflohen, geht der bekennende Kommunist Schernikau 1986 zum Literaturstudium nach Leipzig und lässt sich 1989 kurz vor der Wende in die DDR einbürgern. Geht entgegen den Fluchtbewegungen vieler Ostdeutscher jener Tage aus dem Land der Träume in das Land aus Plaste und Elaste.

Für Ronald M. Schernikau liegt der Kommunismus „so auf der hand. aber vielleicht haben die anderen keine hand?“ In konsequenter Kleinschreibung huldigt er in seinem 1989 als Abschlussarbeit am Leipziger Literaturinstitut Johannes R. Becher vorgelegtem essayistischen Band die tage in l. – darüber, daß die ddr und die brd sich niemals verständigen können. geschweige mittels ihrer literatur dem deutschen Arbeiter-und- Bauernstaat. „man kann nicht schreiben, wo man nur verachtet.“ zitiert er Tucholsky. die tage in l. ist ein Buch, das nicht nur durch die Länge seines Titels beeindruckt. Im Cut-up-Stil der US-amerikanischen Beatliteraten montiert er in 8 Kapiteln Texte über seine Zeit in Leipzig, über den Sozialismus, die Literatur aus Ost und West und beschreibt in Aphorismen, Zitaten, Tagebuchaufzeichnungen und Interview-Schnipseln die DDR aus der Sicht der BRD und umgekehrt.

Dieses Sammelsurium an ganz verschieden Prosa-Texten bietet sich nicht gerade für eine dramatische Bearbeitung für die Bühne an. Und dennoch hat sich der junge Regisseur Florian Hein in seiner Diplominszenierung für die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch dieses Werks angenommen. Es geht ihm um Schernikaus reflexive Betrachtung der beiden Gesellschaftssysteme im Vergleich. Und dass er dem kritikwürdigen sozialistischen Projekt dabei keine Abfuhr erteilt, sondern versucht mit Kritik etwas zu verbessern. „alles, was es auf der welt gibt, wird gemacht. die menschen leben nicht in etwas, das sie nicht selber tun.“ Daher ist die Welt für Schernikau auch veränderbar.

Zu Beginn sehen wir einen Mann zwischen den Systemen, vor und hinter der Bühnenrückwand an einer geöffneten Tür. Er erzählt die Vorgeschichte Schernikaus, von der Flucht mit der Mutter im Kofferraum, die Schernikau später selbst in dem Gesprächsband Irene Binz – Befragung verarbeitet hat, über die Schwierigkeiten im Westen bis zur Rückkehr in die DDR, die da schon am verpuffen ist. Die Tür schließt sich. Der Westen ist die Vergangenheit, der Osten ist die Zukunft. Und Florian Hein nimmt es sportlich. Der Bühnenraum im bat Studiotheater ist Turnhalle für Kreisläufer und sozialistische Werkskantine für `ne kurze „Fuffzehn“ mit Essen fassen bei der Köchin Lydia.

 

die-tage-in-l-_-foto-emmerich-antonenko

die tage in l. am bat-Studiotheater
Foto (c) Emmerich, Antonenko

 

Regisseur Hein verteilt den Text auf verschiedene Figuren mit den Attributen ihrer Tätigkeit. Ein Versuch einer kollektiven Annährung. Jede Figur ein anderer Charakter und doch auch der junge Dichter aus dem Westen, manchmal wie mit sich selbst im Streitgespräch und dann wieder gemeinsam im Chor: „wer die bananen will, der produziert die ausbeutung an anderen orten mit.“ Oder: „das projekt kommunismus ist kein spaziergang.“ „Der Wessi“ ist der Exot unter lauter grauen Mäusen. Ein Tier vom anderen Stern. Er kommt nicht mit der Bürokratie klar und wundert sich über Steine auf dem Klodeckel gegen die Ratten. Geschichten aus der sozialistischen Produktion in Schleenhain wechseln mit Songs zu Klaviermusik wie Solo Sunny, Dirk Michaelis‘ Als ich fortging oder russischen Liedern.

Die Gruppe springt in den Texten vom ökonomischen Grundgesetz des Sozialismus zur Planwirtschaft, von der marxistischen Ökonomie zum Leistungsprinzip. Man dreht sich im Kreis mit Leninbüste, Transparenten, Gorbatschow, Coca-Cola und KDW. Letztendlich schlägt der Konsum West den Konsum Ost. Der Unterschied liegt nicht allein in der Betonung. Konformismus hier, spießige Norm da. Alles nur ein Witz? „die schönsten witze habe ich denen erzählt, die sie nicht verstehen.“ DDR und BRD bleiben sich fremd, politisch wie kulturell. Die Distanz ist zu groß.

Nein sagen die meisten der BRD-Bürger auf die Frage: „möchtest du gern in der ddr leben?“ Man will seine Privilegien nicht aufgeben. Nur Schernikau glaubt weiter an das Projekt und verteidigt sogar die Zensur in der DDR-Literatur. Er gibt aber auch zu: „die ddr nervt.“ Irgendwann leider auch dieser Abend, der in seiner Patchworkartigkeit zu keinem Ganzen finden will. Etwas ratlos und depressiv, wie Schernikau selbst, der am Desinteresse der Leute scheitert. Was bleibt, ist die Liebe und die Hoffnung. Dem Begräbnis folgt die Beschreibung der Idylle auf dem Land. Es endet sehr offen mitten im Satz. Aber eigentlich endet es gar nicht. Man geht einfach und gibt Platz zum Weiterdenken.

***

die tage in l. (bat Studiotheater, 07.12.2016)
Bühnenfassung und Regie: Florian Hein
Kostüm- und Bühnenbild: Anastasia Antonenko, Magdalena Emmerich
Kamera: Dennis Metaxas
Regieassistenz: Yannick Geske
Dramaturgie: Jan Willem Dreier
Mit: Maximilian Hildebrandt, Vladimir Korneev, Luise Lein, Claus Lozek, Maximilian Meyer-Bretschneider, Viktor Nilsson, Kara Schröder, Josephine Witt
Premiere war am 07.12.2016 im bat-Studiotheater

Termine: 13. / 14.01.2017 jeweils 19:00 Uhr

Infos: https://www.bat-berlin.de/termin/die-tage-in-l-1/

Zuerst erschienen am 10.12.2016 auf Kultura-Extra.

__________

Ein Fensterladen, der im Wind klappert – „Einige Nachrichten an das All“ von Wolfram Lotz im bat-Studiotheater

Mittwoch, September 30th, 2015

___

Einige Nachrichten an das All heißt das zweite Stück des Dramatikers Wolfram Lotz, das er 2010 im Rahmen eines Werkauftrags des Berliner Stückemarktes für das Nationaltheater Weimar geschrieben hat. Es ist seitdem einige Male mehr oder weniger erfolgreich aufgeführt worden. Der Text ist eine trotzige Antwort auf das, was Lotz selbst ein Jahr zuvor in seiner „Rede über das unmögliche Theater“ als Aufsetzen der Fiktion „auf der Landebahn der Wirklichkeit“ bezeichnete. Mit dieser Bruchlandebahn ist, wie unschwer zu erkennen, das moderne Theater gemeint, dass „die Fiktion auf dem Altaratartrara der Wirklichkeit“ opfert, indem sie sie an die Wirklichkeit anpasst.

EINIGE NACHRICHTEN AN DAS ALL_Plakat batWie das aussehen könnte, wenn das Theater um seine Autonomie ringt und die Fiktion die Wirklichkeit verändert, liegt nun ganz in den Händen derer, die sich an die Inszenierung von Lotz‘ tragikomischer Kollision von Fiktion und Wirklichkeit wagen. Denn: „Wir befinden uns in einer Explosion, ihr Ficker.“ heißt die nicht gerade einfache, den gesamten Text überspannende Regieanweisung. Man kann sie aber auch wie eine muntere Aufforderung zur überdrehten Farce oder Klamotte lesen, um so der Suche nach der Wahrhaftigkeit einer alles verändernden Fiktion ironisch aus dem Weg zu gehen. Umso mutiger nun der Versuch der Regiestudentin Rebekka David im Rahmen der Inszenatorischen Praxis im 1. Jahr an der HfS Ernst Busch das Stück auf die bat-Studiotheaterbühne zu bringen.

Rebekka David hat dazu ein buntes Schauspielteam aus Studierenden der HfS und UdK Berlin sowie HfMT Hamburg um sich geschart. Die fantasievollen Kostüme stammen von Philine Stich von der KHB Weißensee. Die Bühne hat Eva Lochner von der HfBK Dresden gestaltet. Hier hocken in weißen Stramplern mit Pierrotkragen die beiden Lotz’schen Krüppelfiguren Purl Schweitzke und Lum (Benjamin Radjaipour und Mervan Ürkmez) wie zwei traurige Clowns auf einem schwarzen Podest und stapeln mit mechanischen Bewegungen Blechbüchsen von links nach rechts und wieder zurück. Zwei zunächst noch unsichere Pantomimen, die langsam eine Sprache finden, zum Dialog über Ort und Sinn ihres Daseins. Sie hangeln in höchster Verrenkungsnot nach Zetteln mit Botschaften, kämpfen mit der Ordnung der leeren Büchsen und werfen schließlich in einem Anflug von Auflehnungsfuror alles wieder durcheinander.

Purl und Lum sind zwei unfertige Theaterfiguren, die nicht wissen, worum es in ihrem Stück geht. Zwei existentialistische Idioten, die beschließen, ein Kind zu bekommen, um ihrem zufälligen Dasein einen Sinn zu geben. Jedoch ihr Wunsch geht nicht in Erfüllung. Um sie herum geschieht etwas, aber es bedeutet nichts und hat auch nichts mit ihnen zu tun. Das hat natürlich etwas von Beckett und berührt auch ganz philosophische und religiöse Themen. Nur ist hier im bat das einleitende Krippenspiel gestrichen. Die beiden Clowns warten von Anbeginn auf die Erlösung in Gestalt eines Kindes, oder irgendeinen anderen Fortgang der Geschichte. Dabei geht es um scheinbar ganz willkürliche Dinge, die nichts miteinander zu tun haben, sich aber auch um die Welt und das All, eben das große Ganze, drehen.

Dazu treten im Folgenden ein alleinerziehender Vater, seine zu Tode verunfallte Tochter Hilda (Lola Klamroth) und ein fette Frau aus der Talkshow Britt auf. Ein schräg kostümierten Talkmaster mit Mikrofonkamera lässt als Leiter des Fortgangs (Gro Swantje Kohlhof) Personen aus Historie und Medien wie etwa den Botaniker und Sprachforscher Rafinesque oder den bayrischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (im Stück eigentlich CDU-Politiker Ronald Pofalla) über seine Apparatur Nachrichten ins All senden. Dazu stehen sie in einem mit blauen Styroporkugeln gefüllten Bassin. Der Politiker Horst Seehofer kommt als Sprüche klopfendes, gestikulierendes Doppelwesen (Lola Klamroth und Kaspar Weith) daher.

EINIGE NACHRICHTEN AN DAS ALL_bat
Bildrechte: bat-Studiotheater (c) Eva Lochner

Ihre knackig auf den Punkt gebrachten Einwort-Botschaften heißen schlicht: Mama, Bums und Unterhaltung. Wobei für die Unterhaltung natürlich der LdF selbst zuständig ist. „Nur keine Leere aufkommen lassen!“ Der tote Dichter Heinrich von Kleist (Oleg Tikhomirov) fährt mit der ebenso toten Hilda in einem Sarg vorbei. Nach einem Schwätzchen über das Sterben verweigerter er sich allerdings dem weiteren Treiben. „Ich kann die Welt nicht in einem Wort sagen, ich kann sie nicht mal in tausend Wörtern sagen. Die Sprache reicht dafür nicht aus, zu sagen, wie es ist.“ Ein Scheitern des Autors mit Ansage.

Autor Lotz hat zu alledem noch 64 Fußnoten unter seinen Text gestreut, die hier immer wieder eher beiläufig als Lautsprecherstimme aus dem Off zu vernehmen sind. So etwa: „Man ist da und irgendwann ist man wieder weg.“ Oder auch: „Das eine Ende des Universums hat mit dem anderen nichts zu tun.“ Natürlich hat man es hier mit lauter zwischen Realität und Fiktion schwankenden Verzweiflungsfiguren zu tun – Realitätskaspern und Sinnsuchern die von Glück, Hoffnung oder Tod sprechen, oder von einem kleinen, goldenen Zelt als Schutz vor dem Unsinn der Welt träumen (man könnte es auch Utopie nennen). Raum und Zeit dehnen sich aus und alles fliegt von einem weg, bemerkt Purl Schweitzke am Ende. Der Mensch, „ein Fensterladen, der im Wind klappert.“

Im geschützten Raum des Studiotheaters lässt nun Regisseurin Rebekka David ihr Ensemble aber weder in Sentimentalität noch übertriebenem Klamauk versinken. Leise Momente stehen neben komischen Passagen. Die Regie ist nicht arm an Einfällen und bietet sämtliche Theatermittel von Musik über Video bis zur Slapsticknummer auf. Purl Schweitzke bringt sich in einer Art Robot-Walk-Dance um, während der immer weiter stammelnde Lum schließlich von den Bühnenarbeitern auf einem Wagen herausgefahren werden muss. Während Teile des Publikums schon den Saal verlassen, durchstreifen die anderen DarstellerInnen, hinter Silikonmasken Nonsenstexte deklamierend, die sich auflösende Bühne. Ein Theater, das in der Falle einer reflexiven Endlosschleife steckt, oder auch die bewusst ironische Zurschaustellung der Ohnmacht vor dem Stück. Das alles wirkt dann aber doch schon etwas zu abgeklärt.

***

EINIGE NACHRICHTEN AN DAS ALL
von Wolfram Lotz
Premiere im bat-Studiotheater war am 27.09.2015
Regie: Rebekka David (1. Stj. Regie HfS)
Dramaturgie: Joshua Wicke (1. Stj. Dramaturgie HfS)
Bühne: Eva Lochner (Bühnen- und Kostümbild HfBK Dresden)
Kostüme: Philine Stich (Bühnen- und Kostümbild KHB Weißensee)
Maske: Julia Styrie (Maskenbild HfBK Dresden)
Musik: Paquita Maria Etter und Benjamin Stein
Mit: Gro Swantje Kohlhof, Lola Klamroth, Benjamin Radjaipour, Oleg Tikhomirov (alle Schauspiel UdK) Mervan Ürkmez (Schauspiel HfMT Hamburg) Kaspar Weith (1. Stj. Puppenspielkunst HfS)

Termine: 08.11.2015 um 20:00, bat Studiotheater, Parkstraße 16, 13086 Berlin

Weitere Informationen: http://www.bat-berlin.de

__________

„Auf hoher See“ von Sławomir Mrożek und „Philoktet“ von Heiner Müller in einer weiteren Doppelpremiere am bat-Studiotheater der HfS „Ernst Busch“

Montag, Februar 24th, 2014

___

Delikater Zickenkrieg auf hoher See.

Sławomir Mrożek, 2006 – Foto: Mariusz Kubik (Wikimedia Commons)

Sławomir Mrożek, 2006
Foto: Mariusz Kubik (Wikimedia Commons)

Dem im letzten Jahr 83jährig verstorbenen polnischen Schriftsteller und Dramatiker Sławomir Mrożek wurde in zahlreichen Nachrufen immer wieder bescheinigt, ein glänzender satirischer Erzähler zu sein, der mit viel Witz und geschliffenen Formulierungen den Absurditäten unserer Wirklichkeit zu Leibe rückte. Mit seinen gesellschaftssatirischen Theaterstücken Die Polizei, Tango, Striptease oder Die Emigranten feierte er in den 1960er und 70er Jahren auch in Deutschland große Erfolge. Sein etwas in Vergessenheit geratener Einakter Auf hoher See taucht auch heute immer mal wieder auf den Spielplänen kleiner deutschsprachiger Studiobühnen auf. Gute Voraussetzungen also für eine Neuinszenierung am bat-Studiotheater der HfS „Ernst Busch“.

In der Regie von Rebecca Charlotte Bussfeld sind (wie bei Mrożek) nicht etwa drei Männer in den Hauptrollen zu sehen. Der dicke, der mittlere und der schmächtige Schiffbrüchige werden hier von den Schauspielschülerinnen Carolin Hartmann, Deleila Piasko und Mariananda Shemp gespielt. Und wie zur Bestätigung dessen läuft zum Einlass die Dance-Hymne „We Are Girls“ des schwedischen Pop-Duos Rebecca & Fiona. Auf einem schräg abgesägten Containerdach mit halb erkennbarem Markenaufdruck eines führenden Lebensmittelherstellers bewegen sich die drei wie zur Disco Kostümierten auf Balance-gefährdenden High Heels zu den Rhythmen des Songs auf schiefen Ebenen. Verteilt über das Dach liegen Reste der konsum- und unterhaltungsorientierten Wegwerfgesellschaft wie Popcornkartons und Schokoriegel.

Auf hoher See. Foto (c) Magdalena Bichler. 2Auf hoher See. Foto (c) Magdalena Bichler. 3Auf hoher See. Foto (c) Magdalena Bichler. 1Auf hoher See. Foto (c) Magdalena Bichler. 4

Auf hoher See. Fotos (c) Magdalena Bichler

Die letzten Büchsen mit Kalbsfleisch und Erbsen sind zur Neige gegangen. Den aus nicht näher erläuterten Gründen auf diesem Floß gefangenen Damen verlangt es nach Essen. Verblüffende Erkenntnis: „Wir müssen nicht etwas, sondern jemanden essen.“ Nach fehlgeschlagenem diktatorischem Gehabe der größten Dame, Appellen an die Gerechtigkeit und den Kameradschaftsgeist einigt man sich schließlich auf eine demokratische Abstimmung mit obligatorischen Wahlkampfreden. Aber auch der abstruse Versuch eines als überlebt erachteten Parlamentarismus bringt nicht die erwünschte Entscheidung. Schönrednerische Posen wechseln mit Sticheleien und kleineren Boxkämpfen. Für zusätzliche Verwirrung der Protagonisten und weiteren Spaß sorgen Kurzauftritte von Nele Sommer als unverhoffte Telegrammzustellerin und Nanny.

Einen Hauch zivilisatorischen Grundgebarens hat frau sich also in dieser aberwitzigen Situation noch bewahrt und versucht diesen schönen Schein auch bis zum bitteren Ende konsequent aufrechtzuerhalten. Wer hier nun die Stärkere, die Mitläuferin oder das vermeintliche Opferlamm ist, bleibt dabei noch weitestgehend offen. Bevor man dann über das auserkorene Opfer herfällt, muss es sich erst selbst dazu erklären. Die freiwillige Einsicht in die Notwendigkeit und eine höhere (wenn auch eingeredete) Wahrheit bringt schließlich die Entscheidung. „Ich bringe es noch zu etwas“, zumindest im Opfertod. Den drei Darstellerinnen gelingen hier einige bizarre Einblicke in menschliche Charaktereigenschaften. Allerdings wird die politische Dimension von Mrożeks Satire dabei nicht wirklich erreicht und auch das Besondere an diesem Zickenkrieg muss uns die Regie schuldig bleiben.

*

Lüge oder absolute Wahrheit? In Troja ist dein Tisch gedeckt.

Heiner Müller - Bundesarchiv, Bild 183-1989-1104-047 - Link, Hubert - CC-BY-SA (Wikimedia)

Heiner Müller
Bundesarchiv, Bild 183-1989-1104-047 – Link, Hubert – CC-BY-SA (Wikimedia Commons)

Nach den Damen und einer kurzen Pause sind die Herren der Schöpfung an der Reihe. Sławomir Mrożeks Satire Auf hoher See mit Heiner Müllers düsterer Tragödie Philoktet zu kombinieren, scheint nur auf den ersten Blick etwas abwegig. Heißt es doch da im Prolog: „Sie sind gewarnt. Sie haben nichts zu lachen. / Bei dem, was wir jetzt miteinander machen.“ Müllers Stück über Lüge, Demagogie und Manipulation steht aber in seiner Aktualität Mrożeks zeitlos gültiger Parabel auf menschliches Verhalten in nichts nach. Auch hier geht es letztendlich um die Einsicht zu einer Grundsatz-Frage.

In Müllers Übertragung der Tragödie des Sophokles versucht der schlaue Ideologe Odysseus mit Hilfe des Neoptolemos, Sohn des Achills, den einst von ihm verwundet auf der Insel Lemnos ausgesetzten Philoktet wieder auf Linie zu bringen. Der Bogenschütze mit seinen Pfeilen des Herakles wird im Endkampf um Troja gebraucht. Also muss der nun die Griechen Hassende mit List vom großen, gemeinsamen Ziel überzeugt werden. Bei einem kleinen Vorspiel wird dem wartenden Publikum erstmal mittels eines coolen Take-Five-Jams nach Dave Brubeck, bei dem die fünf Schauspieler in den Zuschauerreihen sitzen, Müllers kurzer Prolog dargebracht. Eine böse Clowneske aus der Vergangenheit, ohne Lehre und Moral, als der Mensch dem Menschen noch ein Todfeind war. Dass Müller dabei wie immer auf eine vermeintlich fatale, geschichtliche Allgemeingültigkeit zielte, steht außer Frage.

Die ersten Sätze werden dann chorisch aus dem Dunkel gesprochen, nur ein Scheinwerfer blendet das Publikum. Die strenge Dreierkonstellation des Stücks löst Regisseur Marcel Kohler zu Gunsten von fünf in den Rollen wechselnden Darstellern (Philipp Kronenberg, Nils Rovira-Munoz, Lukas Schrenk, Sebastian Schneider und Nils Strunk) auf. So, relativ frei von fester Personenzuschreibung agierend, ergeben sich für die Protagonisten immer wieder neue spannungsgeladene Konstellationen. Die Rolle des Demagogen, des Verführten („… ein Helfer, der lügt“) und des Abtrünnigen wechseln beständig und lassen dadurch keine klare Identifikation zu. Jeder ist verwickelt in das Spiel um Lüge und absolute Wahrheit.

 

Philoktet. Grafik (c) Philipp Kronenberg

Philoktet. Grafik (c) Philipp Kronenberg

Bei einer trunkenen Verbrüderungsszene tanzen alle Kämpfer ausgelassen zu griechischer Musik. Neoptolemos steht dann zunächst noch allein gegen eine ganze Philoktet-Gruppe. Nachdem er den begehrten Bogen errungen hat, kehrt sich diese Konstellation plötzlich um. Nun steht Philoktet allein, in einer Art schiefem Metallquader gefangen. Der jeweilige Odysseus bleibt bei all dem meist auffällig im Hintergrund. Im Disput mit Philoktet und Odysseus wechselt der schwache Neoptolemos mehrfach die Seiten. In einem starken Solo zu Rockmusik bewegt sich der Betrogene Philoktet voll Rachedurst, alle Möglichkeiten innerlich abwägend, wie rasend im Geviert. Der Rest der Gruppe wartet dabei still auf das Ende dieser Raserei. Doch Zeit ist Mörderin und der Gruppendruck wächst. Ein athletischer Stangenkampf ist die Folge.

Seinen Wankelmut endgültig korrigierend, tötet Neoptolemos schließlich Philoktet hinterrücks auf dessen Höhepunkt, der Demütigung des Odysseus. Der kann ihn daraufhin wieder für sich instrumentalisieren, und sei es als Schutzschild oder toten Märtyrer. Ein Regen aus scheppernden Blechmasken und bekannten Parolen unserer Zeit (Yes, We Can!) weisen den Weg von Troja bis zum Hindukusch. Ein jederzeit spannungsgeladenes Spiel, das es nicht ganz ohne Witz versteht, uns den schwierigen Dramatiker Heiner Müller mal wieder etwas näher zu bringen.

***

bat-Studiotheater - HfS Ernst Busch

bat-Studiotheater – (c) HfS Ernst Busch

Auf hoher See
Regie: Rebecca Charlotte Bussfeld
Bühne und Kostüm: Elisabeth Wendt
Dramaturgie: Tina Ebert
Musik: Tom Virkus
Es spielen: Carolin Hartmann, Deleila Piasko, Mariananda Shemp und Nele Sommer

Philoktet
Regie und Bühne: Marcel Kohler
Musik: Alex Semrow
Dramaturgie: Josephine Tietze
Es spielen: Philipp Kronenberg, Nils Rovira-Munoz, Lukas Schrenk, Sebastian Schneider und Nils Strunk

Die Doppelpremiere war am 21. Februar 2014.

letzte Doppelpremiere vom  31. Januar 2014

Weitere Infos: http://www.bat-berlin.de/spielplan-archiv/

Zuerst erschienen am 23.02.2014 auf Kultura-Extra.

__________

Doppelpremiere im bat-Studiotheater (1): „Das blaue blaue Meer“ von Nis-Momme Stockmann und „Der Kampf des Negers und der Hunde“ von Bernard-Marie Koltès

Dienstag, Februar 4th, 2014

___

Am 31. Januar lud das bat-Studiotheater der HfS Ernst Busch zu einer interessanten Doppelpremiere. Die 3. Studienjahre Regie und Schauspiel brachten zwei sehr unterschiedliche Gegenwartsdramen auf die kleine Bühne in der Belforter Straße. Es begann mit dem 2010 in Frankfurt uraufgeführten Sozial-Drama Das blaue blaue Meer von Jungdramatiker Nis-Momme Stockmann. Das Stück handelt von den Problemen junger Leute in einer Plattenbausiedlung. Danach folgte das Stück Der Kampf des Negers und der Hunde des französischen Dramatikers Bernard-Marie Koltès. Obwohl bereits 1981 in New York uraufgeführt, hat das Drama um den Tod eines schwarzen Arbeiters auf einer französischen Baustelle in einem westafrikanischen Land nichts an Aktualität eingebüßt. Besonders die Inszenierung des im letzten Jahr verstorbenen Regisseurs Dimiter Gotscheff 2003 an der Berliner Volksbühne gilt als legendär und (bezüglich des Themas Blackfacing) umstritten gleichermaßen.

*

Das blaue blaue Meer von Nis-Momme Stockmann - (c) bat-Studiotheater

Das blaue blaue Meer von Nis-Momme Stockmann – (c) bat-Studiotheater

Passend für eine Hochhaussiedlung lässt Regisseurin Sarah Wenzinger Nis-Momme Stockmanns Stück Das blaue blaue Meer auf einem Gerüst (Bühne: Hannah Geldbach) mit mehreren Ebenen spielen, das die drei Darsteller Katherina Sattler, Gabriel Schneider und Thieß Brammer schon zu Beginn rege beklettern. Ein maschinelles Geräusch bohrt sich dabei in die Gehörgänge des eintretenden Publikums. Die ersten Sätze sprechen die drei zunächst chorisch durcheinander, bis sich die einzelnen Rollen herausschälen, die aber während des Spiels immer mal wieder gewechselt werden. Das wirkt von Anfang an sehr dynamisch und körperbetont, ganz im Gegensatz zum eigentlichen Stillstand der Stockmann‘schen Figuren.

Das blaue Blaue Meer - Foto: Scherin Moaiyeri

Das blaue Blaue Meer
Foto: Scherin Moaiyeri

Hauptprotagonist Darko (Gabriel Schneider) sinniert über die Sterne, die man eigentlich sehen müsste, aber im ewigen Grau des Himmels über der Siedlung verschwunden scheinen. Ansonsten säuft er am liebsten mit seinem Kumpel Elle, dem schon ein paar Hirnsynapsen mehr abhandengekommen sind. Thieß Brammer hängt dabei im Gerüst, ganz abwesend röchelnd und schnarchend. Keine Hoffnung oder Zukunft nirgends. Plastisch ausgemalt wird das mit Unglücks- und Selbstmordberichten aus dem „Biotop der Perversionen“. Dass Darko mal eine Vergangenheit mit Eltern, Geschwistern, Karate und Musik hatte, blendet er durch den Alkohol konsequent aus. Als ihm die junge Prostituierte Motte (Katherina Sattler) begegnet, scheint so etwas wie ein neues Ziel auf. Motte erzählt ihm vom blauen Meer in Norwegen. Gemeinsam will man weg. Wenn da nicht noch Meese wäre. Genau wie Darko, an dem eine ungesühnte Schuld nagt, hat auch Motte ein Geheimnis, dass sie fanatisch fixiert in der Siedlung gefangen hält.

Als vierter Protagonist ist da noch Elles Schwester Ulrike, die stumm an Darko hängt. Das vom Vater missbrauchte Mädchen wird hier durch eine Schreibtischlampe mit roter Glühleuchte dargestellt, die beim finalen Sprung vom Hochhaus einfach nach unten klatscht. Die drei jungen Schauspieler meistern Stockmanns sehr ausladenden, prosaischen Text hervorragend, besonders tut sich hier Katherina Sattler mit einem starken Solo beim gescheiterten Zoobesuch von Motte und Darko hervor. Die Regie verzichtet weitgehend auf knallige Effekte. Sparsamer Video- und Musikeinsatz tun ihr Übriges für eine rundum gelungene Umsetzung.

**

Mächtig Aktion herrscht auch bereits zum Einlass der zweiten Inszenierung des Abends. Vor glitzerndem Lametta-Vorhang (Bühne: Lena Schmid) tanzt das Ensemble in folkloristischen Kostümen zu afrikanischer Showmusik. Unterbrochen wird das lustige Treiben schließlich durch eine Figur, die als Schattenriss hinter einem Folienvorhang auftaucht und mit einer durch Mikro verfremdeten Stimme die Rückgabe der Leiche fordert. Der Schwarze Alboury, der gekommen ist, seinen toten Bruder in die Familie heimzuholen, wird hier von Rouven Stöhr als geheimnisvoller Mann mit Stock, Zylinder und zunächst schwarzer Totenmaske dargestellt. Darunter ist er weiß geschminkt.

Der Kampf des Negers und der Hunde von Bernard-Marie Koltès - (c) bat-Studiotheater

Der Kampf des Negers und der Hunde von Bernard-Marie Koltès – (c) bat-Studiotheater

Noch blasser bleiben allerdings die eigentlich weißen Charaktere. Regisseur Gordon Kämmerer verlegt die Handlung auf eine deutsche Baustelle. Die Freundin des Bauleiters Horn, Léone (Sylvana Schneider), reist daher auch aus Berlin an. Der in sich zerrissene, entscheidungsschwache Horn (Max Thommes) deckt den Mord seines Ingenieurs Cal (Moritz Kienemann), der ihm im Gegenzug die Freundin ausspannen will. Léone fühlt sich da immer mehr vom fremden Afrika und dem beharrlichen Schwarzen Alboury angezogen. („Schwarz ist meine Farbe.“) Die fiebrige Atmosphäre zwischen den Weißen in Koltès‘ Stück um Lüge, Angst und Verrat treibt Kämmerer mit schweißtreibendem Spiel von Anfang an in eine überdrehte Farce.

Der Kampf des Negers und der Hunde - Foto: Ingrid Raab

Der Kampf des Negers und der Hunde
Foto: Ingrid Raab

In wenigen Szenen können die Darsteller dann auch mal Tiefe aufscheinen lassen. Etwa in dem eindrucksvollem Wolken-Monolog Albourys, in dem er die Notwendigkeit von Nähe mit der fehlenden Wärme beschreibt („Die Wolke folgt unserer Familie,… eine unübersehbaren Familie aus Toten“). Womit natürlich das afrikanische Volk insgesamt gemeint ist. Im Gegensatz dazu stehen Cals Wahn- und Großmachtfantasien über spuckende Neger und die ungestörte koloniale Ausbeutung Afrikas. Das Ende, an dem Cal erschossen wird, bleibt diffus offen. So wie diese Geschichte eigentlich auch immer noch nicht auserzählt ist. Die Regie setzt hier auf eine Videoeinspielung aus Wes Cravens Horrorklassiker The Serpent and the Rainbow von 1988, der eigentlich in Haiti spielt. Die Folterszene mit Pill Pullman als ängstlichem pretty Whiteface scheint aber doch etwas bemüht. Insgesamt trumpft die Inszenierung mit vielen Showeffekten und furios agierenden Darstellern mächtig auf, wirkt aber mit knalliger Musik, etlichen Videoprojektionen und einer großen Leuchthyäne auch recht überladen. Weniger ist da oft mehr.

***

Das blaue blaue Meer
von Nis-Momme Stockmann
Regie: Sarah Wenzinger 3. Stj. Regie
Bühne: Hannah Geldbach
Video: Diana Bauer
Dramaturgie: Hannes Oppermann MA Dramaturgie
Musik: Paul Seidler und Jerome Huber.
Regieassistenz: Nick Neddermeier.
Ausstattungsassistenz: Navina Roline Patzschke.
Es spielen: Katherina Sattler, Gabriel Schneider und Thieß Brammer alle 3. Stj. Schauspiel

Der Kampf des Negers und der Hunde
von Bernard-Marie Koltès
Regie: Gordon Kämmerer 3. Stj. Regie
Bühne: Lena Schmid
Kostüme: Jana Wassong
Dramaturgie: Gerhild Steinbuch MA Dramaturgie
Es spielen: Sylvana Schneider, Moritz Kienemann, Rouven Stöhr alle 3. Stj. Schauspiel
Max Thommes 4. Stj. Schauspiel

Dauer: jeweils ca. 60 Minuten, eine Pause zwischen den Inszenierungen

(c) bat-Studiotheater

(c) bat-Studiotheater

Die nächste Doppelpremiere findet am 21.02.14, 19:30 im bat-Studiotheater statt.
Auf hoher See von Slawomir Mrozek und
Philoktet von Heiner Müller

Weitere Infos: http://www.bat-berlin.de/

Zuerst erschienen am 03.02.2014 auf Kultura-Extra.

__________

Ironische Maskenspiele zwischen Liebe, Verrat und Imagination. Oder was kann und wozu studiert man Universalgeschichte? – Zwei Intertextuelle Versuche mit Heiner Müller und Friedrich Schiller über den Aufstand auf Berliner Bühnen.

Dienstag, März 19th, 2013

 ___

„Die Tradition aller todten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüme, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neue Weltgeschichtsszene aufzuführen.“
Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, 1. Kapitel (1852)

Foto: St. B. bat-studiotheater_der-auftrag_febr-2013.jpg
Ohne Auftrag auf dem Teppich der Weltgeschichte.
Blick in die leere Szene am bat-Studiotheater.

„Der Auftrag“ von Heiner Müller im bat-Studiotheater und „Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller“ von andcompany&Co im HAU 1

Wie es der Zufall manchmal so will, gab es in den vergangenen Wochen gleich zwei Inszenierungen an Berliner Theatern, die sich vordergründig mit dem Thema des Aufstands und seiner Rezeption in der Geschichte beschäftigen und gleichzeitig damit in Bezug zur gesellschaftspolitischen Wahrnehmung und dem revolutionären Potential in unseren Tagen treten wollen. Gerade eben erst ist der Autor der viel beachteten Streitschrift „Empört Euch!“ Stéphane Hessel gestorben. Sein Aufruf zum Engagement war vor allem an die Jugend gerichtet und hallte auch auf vielen deutschsprachigen Bühnen landauf und landab wider. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass sich der künstlerische Nachwuchs gerade am bat-Studiotheater der HfS Ernst Busch mit einem der zeitgeschichtlichen Stücke Heiner Müllers auseinander setzte, das den „Auftrag“ zum Aufstand sozusagen schon im Titel trägt. Im HAU 1 dagegen beleuchtete das bekannte Künstlerkollektiv andcompany & Co. den Aufstand aus Sicht der „Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande“ von Friedrich Schiller und verschränkte es dabei mit weiteren Texten zum Thema, u.a. dem neuerdings ebenso oft auf deutschen Bühnen (von Berliner Schaubühne bis Maxim Gorki Theater) zitierten revolutionären Aufruf zum Widerstand „Der kommenden Aufstand“ des „Unsichtbaren Komitees“. Einem politischen Text, der bereits seit 2007 in Frankreich und seit 2010 auch in deutscher Übersetzung kursiert. Dass diese zeitgeschichtlichen Exkurse in HAU und bat noch dazu stark intertextuellen Charakter aufweisen, ist eine weitere interessante Gemeinsamkeit beider Inszenierungen. Sie beziehen sich dabei vor allem auf spezielle Ereignisse der Zeitgeschichte oder deren Abbildung in Werken anderer Künstler.

Motiv bei A.S.

Debuisson auf Jamaika
Zwischen schwarzen Brüsten
In Paris Robespierre
Mit zerbrochenem Kinn.
Oder Jeanne D’Arc als der Engel ausblieb
Immer bleiben die Engel aus am Ende
FLEISCHBERG DANTON KANN DER STRASSE KEIN
FLEISCH GEBEN
SEHT SEHT DOCH DAS FLEISCH AUF DER STRASSE
JAGD AUF DAS ROTWILD IN DEN GELBEN SCHUHN.
Christus. Der Teufel zeigt ihm die Reiche der Welt
WIRF DAS KREUZ AB UND ALLES IST DEIN.
In der Zeit des Verrats Sind die Landschaften schön.

Heiner Müller (1958)

Tragödie oder Farce? – „Der Auftrag“ von Heiner Müller im bat-Studiotheater

Der zeitgeschichtliche Bezug bei Heiner Müller und die Intertextualität des Stücks „Der Auftrag“ bestehen nicht allein nur darin, dass sich Müller auf Motive der Erzählung „Das Licht auf dem Galgen“ von Anna Seghers stützt, welche die französische Revolution und ihr Wirken auf historisch verbürgte Vorgänge jener Zeit auf den europäischen Kolonien der Antillen beschreibt. Er spielt im „Auftrag“ auch vielfach auf biblische Motive an und stellt klare Bezüge zu Georg Büchners Revolutionsstück „Dantons Tod“ sowie den geschichtstheoretischen Ausführungen von Karl Marx (Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte) und Walter Benjamin (Über den Begriff der Geschichte) her. Der Untertitel des Stücks „Erinnerungen an eine Revolution“ verweist dabei deutlich auf die wohl wichtigste Intension in Müllers Werk, nämlich die, gegen das allgemeine Geschichtsvergessen anzuschreiben. Dazu kommt wie so oft bei Müller der Verrat in all seinen Formen und Spielarten. Hier im Speziellen eben auch der Verrat an der Geschichte, der Zusammenhang von Liebe, Genuss und Verrat sowie historischem Auftrag und opportunistischer Staatsraison.

Die Republikaner Debuisson, Sohn von französischen Plantagenbesitzern auf Jamaika, Galloudec, ein französischer Bauer, und Sasportas, ein ehemaliger Sklave, werden vom französischen Konvent 1797/98 ausgesandt, um auf Jamaika einen Aufstand unter den Plantagensklaven zu organisieren. Als sie dort ankommen sind, hat aber bereits Napoleon am 18. Brumaire VIII des Republikanischen Kalenders (09.11.1799) die Herrschaft in Frankreich an sich gerissen und die Freiheit trägt wieder Uniform. Der Auftrag ist somit obsolet. Das Papier nicht mehr wert, auf dem er geschrieben steht. Während Debuisson in die alten Verhaltensmuster der herrschenden Klasse zurückfällt, sterben die anderen beiden bei dem Versuch ihren Auftrag dennoch auszuführen. Sasportas wird gehängt und Galloudec verreckt in Gefangenschaft an den Folgen seiner Verwundung. Die Revolution auf Jamaika ist gescheitert. Der Auftraggeber Antoine in Frankreich erhält den letzen Brief des sterbenden Galloudec, der den Auftrag wieder zurückgegeben will. Bürger Antoine, nunmehr der Bankrotteur einer Firma, die nicht mehr im Handelsregister steht, verleugnet den Auftrag und flieht sich in die Arme seiner Frau. Hier setzt nun der Bezug zur Gegenwart ein. Wie bankrott sind heute Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bzw. worin könnte noch so etwas wie ein Auftrag bestehen? Und was hindert uns daran ihn anzunehmen. Eine junge Frau reflektiert zu Beginn der Inszenierung am bat aus dem Off über ihr Schauspielstudium. Sie beschreibt ihre Vorstellungen von künstleris   cher Entfaltung auf der Probebühne, die Angst vor dem Scheitern sowie die finanzielle Sicherheit, die ihr das Geld des Vaters beim sich Ausprobieren bietet. Auf der einen Seite steht die unsichere Möglichkeit mit Kunst etwas zu verändern, auf der anderen Seite die, sich nach einem Scheitern wieder bequem in die Abhängigkeit zum Geld des Vaters zurückfallen zu lassen.

der-auftrag-vl-weil-bruggemann-breustedt-richter-vetter_-foto-ch-burchard.jpg
Der Auftrag v.l. Weil, Brüggemann, Breustedt, Richter, Vetter. Foto: Ch. Burchard

Vor diesem Hintergrund entwickeln die sechs Schauspielstudenten im 3. Studienjahr ihre Version von Heiner Müllers „Auftrag“ als Versuch und Diskurs über das Scheitern, den Verrat an sich selbst, seinen Gefühlen und Ideen. Dabei entwickeln sie in einer spielerisch sehr anregenden Form Müllers Requiem auf verlorene Revolutionen, das immerhin schon fas 25 Jahre auf dem Buckel hat, konsequent weiter. Von traditionell chorischen Passagen zu Beginn über die zynischen Dialoge der drei Emissäre bis zu den von Müller eingefügten mystischen Traumsequenzen und parabelartigen Monologen, wie der „Ersten Liebe“ oder dem „Mann im Fahrstuhl“, wechseln die Darsteller gekonnt hin und her. Dabei werden die strengen Müller`schen Texte und Szenenfolgen immer wieder durch Slapsticknummern durchbrochen, verlieren dadurch aber nicht an Kraft und Intensität. Es geht nicht allein um ironische Brechung, sondern um eine konkret spielerische Aneignung des Stoffs. Nicht bloße Reproduktion, sondern die Durchdringung von Müllers Texten ist die Folge. Und das unterscheidet Magali Tosatos Inszenierung von der üblichen Müller-verehrenden Rezeption seines Werks, wie z.B. in der letzten großen, bekannten Inszenierung des „Auftrags“ zu des Dichters 75. Geburtstag. Der Müller-Schauspieler und einstige Hamletdarsteller Ulrich Mühe hatte 2004 das Drama in Starbesetzung (Florian Lukas, Christiane Paul, Ekkehard Schall, Herbert Knaup, Udo Samel, Inge Keller, Heike Kroemer) auf die große Bühne im Haus der Berliner Festspiele gebracht. Das war gut gemeinte Heiner-Müller-Ikonografie in rostigem Bühnenbild. Ein wenig 11.September hier, ein wenig ökologische Dystopie da, und ein andächtiges Erstarren vor des Meisters Text. Eine hehre Leichenfledderei im besten Sinne nach 10 Jahren des kollektiven Vergessens jeglicher Aufträge.

Im bat findet das Spiel auf zwei sich voneinander abhebenden Ebenen (Bühne: Franziska Keune) statt. Am Boden liegen Regale die durch Antoine (Anton Weil) zu Beginn wie Ikea-Möbel verschraubt werden. Er wirkt dabei wie ein heutiger gestresster Alltagsbürger, der sich bei seiner Arbeit gleich von einer ganzen Gruppe von Briefüberbringern genötigt sieht. Wie in einem bösen Traum schießen die Hände mit dem Schreiben Galloudecs immer wieder geisterhaft aus den liegenden Regalsärgen zu ihm empor. Und immer wieder klingt dazu auch wie zum Hohn ein alter Schlager über Ananasfarmen auf Jamaika. Während unten die drei grundverschiedenen Revolutionäre ihre Ansichten vom Kampf zunächst noch sehr euphorisch darlegen, dräut oben der „Engel der Verzweifelung“ aus der Luke und zieht die „Erste Liebe“ (ganz in weiß Kara Schröder) den Plantagenbesitzersohn Debuisson (mit herrschaftlichem Tropenhelm Felix Maria Richter) mit ihren süßen Reden von Verrat und Genuss wieder in ihren Bann. Er hat hier auf Jamaika seine Maske nicht mehr nötig. Schnell legt er sie wie seine Überzeugungen ab, während die anderen beiden diese Möglichkeit nicht haben. „Dein Fell bleibt schwarz, Sasportas. Du, Galloudec, bleibst Bauer. (…) Ich will mein Stück vom Kuchen.“ Die Hackordnung wird wieder hergestellt. Demütig müssen Galloudec (Jan Gerrit Brüggemann in gescheckten Unterhosen) und Sasportas (nur in Shorts Christophe Vetter) ihre angestammten Masken aufbehalten. Ihnen bleibt nur das Schauspiel von der Französischen Revolution als Farce zu wiederholen. Und sie schlagen sich dabei im „Theater der weißen Revolution“ ihre närrischen Rasta-Perücken vom Kopf. „Ein bisschen Spaß muss sein“ singt die Gruppe dazu und führt ein koloniales Bananentänzchen inklusive brauner Brüste auf. Die Freiheit ist wieder, wie schon Dantons Gefährte Lacroix in Büchners Drama kurz vor dem Schafott erwähnt, zur Hure gemacht. „Die Freiheit und die Hure sind die kosmopolitischsten Dinge unter der Sonne. Sie wird sich jetzt anständig im Ehebett des Advokaten von Arras prostituieren.“ (Danton in: „Dantons Tod“, 5.Szene)

der-auftrag-vl-vetter-breustedt-bruggemann-richter_-foto-ch-burchard.jpg
Szene aus „Der Auftrag“ im bat-Studiotheater. (v.l. Vetter, Breustedt, Brüggemann, Richter) – Foto: Ch. Burchard

„Die Revolution ist die Maske des Todes. Der Tod ist die Maske der Revolution.“ Die Geschichte schreitet voran, der Mensch dreht sich in ihr beständig im Kreis. Eine fatale, fatalistische Mischung aus Benjamins verzweifeltem „Engel der Geschichte“, Marx‘ Rückkehr der Geschichte als Farce sowie „Dantons Tod“ von Georg Bücher als Revolutionstheater der fleischgewordenen Masken. Und immer noch scheitert der Mensch an der Last der Entscheidung zwischen Vernunft und Eros, Auftrag und Genuss oder auch dem Zwiespalt gesellschaftlicher Verpflichtung und persönlichem Glück. Er wird „zernichtet unter dem grässlichen Fatalismus der Geschichte“, wie es Georg Büchner beim Rückblick auf die Französische Revolution desillusioniert bezeichnete, die gleichwohl eine unvollendete bleibt. (Siehe hierzu auch Jette Steckels Inszenierung von Büchners „Dantons Tod“ am Hamburger Thalia Theater.) Dagegen setzt Heiner Müller sein Theater des „konstruktiven Defaitismus“, des ironischen Zweifels an der reinen Ideologie. Das im Angesicht des Scheiterns aller Utopien trotz allem noch Raum für einen kleinen Hoffnungsschimmer auf eine scheinbar unerreichbar gewordene Utopie lässt. Hierzu wird der Monolog „Der Mann im Fahrstuhl“ im bat zum besonderen Ereignis. In ruhigem, deklamierenden Ton – Die Zeit ist aus den Fugen – besteigt Anton Weil Sprosse um Sprosse der Leiter nach oben. Zunächst noch eingeschnürt in Schlips und Zwang seinen Auftrag nicht zu verfehlen, kommt ihm nach und nach die Gewissheit seines Scheiterns, und wird der Verlust seines imaginären Auftrags zur inneren Befreiung. Die Angst weicht dem Vergessen und öffnet somit durchaus die Möglichkeit einer anderen, neuen gedanklichen Ebene. Auch auf einem grasüberwachsenen Bahndamm bleibt jede Arbeit auch immer Hoffnung.

Und so wie Müller seine Protagonisten in ihrer ganzen Zerrissenheit zwischen einer Sehnsucht nach Glück und Hoffnung, Geschichtsvergessenheit und Verrat zeigt, so sind die Macher des Abends im bat auf der Suche nach ihrem ganz persönlichen Auftrag in einer Welt, wie sie sich den drei Revolutionären in einer kleinen Videoeinspielung mitten im Prenzlauer Berg zwischen religiösen Wahnvorstellungen und Verheißungen, Drang zu sklavischer Liebe und Unterordnung sowie jeder Menge anderer Schicksale und Ungerechtigkeiten aller Art eröffnet. Der scheinbar ohne konkreten Auftrag aus der Enge des Fahrstuhls tretende Mensch, befreit von den Zwängen einer vorbestimmten Ideologie, wird seinen ganz persönlichen Auftrag auch in diesem offensichtlichen Wirrwahr nicht verfehlen können. Vorausgesetzt man empfindet die Ungerechtigkeit der Welt nicht als gottgegeben und begnügt sich damit, durch sein Handeln kein weiteres Unrecht zu begehen und niemandem zu schaden. Wie es der Vater unserer Schauspielstudentin, offensichtlich selbst in leitender Position, im abschließenden Video seiner Tochter als seine Werte vorleben und mitgeben will.
Das bat-Studiotheater wird sich im April im Rahmen eines regelrechten Festivals mit Studenteninszenierungen, übrigens neben Bertolt Brechts Frühwerk „Trommeln in der Nacht“, auch wieder mit Heiner Müller befassen. Dann stehen mit „Zement“ und „Verkommenes Ufer. Medeamaterial. Landschaft mit Argonauten“ weitere Texte zwischen Revolution, Utopieverlust und Mythen der Geschichte auf dem Programm. „DO YOU REMEMBER DO YOU NO I DONT”

Termine unter: www.bat-berlin.de

***

Imaginäre Bühnenbesetzung am HAU 1 – andcompany&Co. proben den (kommenden) Aufstand nach Schiller.

hau-1_februar-2013.jpg
Schillersche Trutzburg der Kunst. Das HAU 1 in der Stresemannstraße Berlin-Kreuzberg – Foto: St. B

Um das Herstellen eines bestimmten Kontextes zur Geschichte geht es auch in „Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller“ von andcompany&Co. Vor dem Hintergrund von Schillers Text über die „Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung“ versuchen die Performer um Alexander Karschnia sich über die politischen und ökonomischen Grundlagen für einen Aufstand klar zu werden. Also was sind die Grundlagen für eine revolutionäre Situation und wie kommt sie in Gang. Dazu besetzen die Performer die Bühne und machen uns zu ihren Komplizen im Zuschauerraum. Künstlerische Unterstützung hat das Kernteam der andcompany diesmal vom flämischen Theatermacher Joachim Robbrecht, mit dem sie schon für die Lecture-Performance „BLACK BISMARCK previsited“ zusammengearbeitet haben und von Kollegen aus den Niederlanden bekommen. „How do you squat an imaginary space within an imaginary context?“ ist die Frage die es zu klären gilt. Die Darsteller nennen das, was sie auf der Bühne des HAU 1 zusammengeführt hat, dann zunächst auch eine Besetzungsprobe. Der imaginäre Raum des Theaters lässt sich für das Vorhaben, über die politischen Anliegen der Kunst zu verhandeln und dem freier Bürger dazu eine Bühne zu bieten, bekannter Maßen auch am besten nutzen. Schon Friedrich Schiller selbst hatte in seiner Vorlesung „Was kann eine gute stehende Schaubühne eigentlich wirken?“ das Theater als eine gesellschaftspolitische Anstalt und Instrument der Aufklärung bezeichnet.

Ausgehend von den historischen Kämpfen der vereinigten Niederlande im 80jährigen Krieg von 1568 bis 1648 gegen die Europäische Zentralmacht Spanien (Spanische Krone), in Deutschland eher bekannt als der 30jährige Religionskrieg in Mitteleuropa, werden auf der Bühne nach Parallelen zur heutigen globalen Finanzkrise einerseits und zur Krise der Kunst in den heutigen Niederlanden andererseits gesucht. Die weltweiten Occupy-Bewegungen werden dabei mit dem Aufstand der „Geusen“ 1564 verglichen. Die Bühnenbesetzer im HAU 1 treten dann auch im Gewand der niederländischen Aufständischen wie Bettler in Säcke gekleidet auf. Sie üben zunächst das Vokabular der heutigen globalisierungskritischen Widerstandsbewegung, das sich in den zahlreichen Occupy-Camps entwickelt hat, ein. Man sitzt dazu mit dem Rücken zum Publikum und wiederholt dabei stoisch immer wieder alles Gesagte. In Hinblick auf eine globalisierte Geschichte des Widerstands ist es erst einmal notwendig zu einer gemeinsamen Sprache zu finden. Ein imaginären Kontext entsteht aber erst in der Verbindung einiger skizzenhaften Spielszenen von den Werken wie Goethes „Egmont“ oder Schillers „Don Carlos“ mit der universalen Geschichte Europas von den Zeiten der Entdeckung Amerikas durch die Spanier über deren Aufstieg zur Weltmacht bis hin zur Entstehung des freien Warenaustauschs in den Niederlanden. Auf der Bühne, wo sich für Schiller Vergnügen und Unterricht, Ruhe mit Anstrengung, Kurzweil mit Bildung gattet, wird spielerisch die Reise von den Silberminen des Potosi über den finanziellen Zusammenbruch Spaniens, das sein Gold nicht mehr los wurde, bis zum ersten Weltmarkt mit den Finanzplätzen Antwerpen und Amsterdam vollzogen.

andcompany_co_der_kommende_aufstand_01.jpeg
Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller – Szenenfoto von Hans Jörg Michel

Der Lack ist ab, die einst glänzende Fassade wird in der kleinen Guckkastenbühne mit der Tapete abgerissen. Der Aufstand der niederländischen Bürger gegen die spanische Krone als Reaktion auf die Behinderung des freien Handels. Die Niederlande entwickelten sich zu einem Zentrum von florierender Wirtschaft, Wissenschaft und Fortschritt ohne die Repressionen der spanischen Inquisition, die hier noch einmal in rotem Kutten- und Mützenmummenschanz den Aufständischen die Instrumente zeigen darf, deren Ton arg verstimmt klingt. Mit historischen Kostümen geht man über zu Schillers „Don Carlos“. Doch wo bleibt bei all der lustigen Fiktion und Historienbebilderung der Bezug zu heutigen Aufständen. „Wo bleibt der Aufstand?“, wird dann auch aufgeregt von einem Beteiligten gefragt. Der (kommende) Aufstand manifestiert sich hier auch erst einmal nur durch die eingestreuten Wuttexte der Performer inklusive Auszügen aus dem Pamphlet des Unsichtbaren Komitees. Auf der Bühne entsteht so zunächst auf ironische Weise eine imaginäre Ästhetik des Widerstands mit Anleihen bei Schiller, Peter Weiss und Heiner Müllers konstruktivem Defaitismus. Und so kommt dann schließlich auch noch der Umschluss zur prekären Situation der Künstler in den heutigen Niederlanden. Die Künstler stehen dort bereits mit dem Rücken zur Wand und hier auf der Bühne plötzlich ohne Hosen da. Kein Geld zu besitzen macht sie daheim zu Bittstellern mit geöffneten Geldbeutel und Verbrechern im Sinne der Gesellschaft, deren größte Missetat es ist, wie in Brechts „Mahagonny“ kein Geld zu besitzen.

Den „Kommenden Aufstand“ zitieren und singen die Holländer und Flamen gemeinsam mit den deutschen Performern der Truppe zumindest kollektiv auf der Bühne herbei, und versuchen ihn auch in die Reihen des Publikums zu tragen. Mit runtergelassener Hose, nostalgischen Protest-Hits wie „Alle Menschen, die ein besseres Leben wünschen, solln aufstehn“, entsprechenden Protestschildern und unkoordiniertem Gewusel auf der Bühne hat das natürlich schon etwas fröhlich unbefangen Chaotisches. Aber zu Schillers Forderung nach Gedankenfreiheit gesellen sich so neben Rede-, Versammlungs- auch die Assoziationsfreiheit der Kunst. Ganz frei nach Heiner Müllers Feststellung: „Das einzige, was ein Kunstwerk kann, ist die Sehnsucht wecken nach einem anderen Zustand der Welt. Und diese Sehnsucht ist revolutionär.“ Und dabei produziert vor allem auch die Angst Kreativität. Sie ist konstruktiv und zwingt uns zu Lösungen (HM aus: „Gesammelte Irrtümer“). Selbst auf die Gefahr hin, dass, wenn man an mehreren Zitat-Baustellen gleichzeitig bastelt oder auf der Bühne an zu vielen Lichtschaltern spielt, man ganz plötzlich auch im Dunklen stehen kann. Es geht hier natürlich nicht nur um die reine Lust am Zitieren. Es soll in beiden Stücken vordergründig unsere heutige Stellung zu einer universellen Menschheitsgeschichte aus bestimmten Machtverhältnissen, Ungerechtigkeit, Unterdrückung und den daraus resultierenden Aufständen herausgearbeitet werden. Von den erfolgreichen Aufständen bei Friedrich Schiller über die gescheiterten bei Heiner Müller versuchen die bat-Inszenierung „Der Auftrag“ und die Performance „Der (kommende) Aufstand“, vor allem mittels spielerischer Untersuchung der historischen Mythen, in alten Geschichtsräumen neue Türen aufzustoßen. Beiden Inszenierungen ist das dann auch mit ihren aktuellen Bezügen mehr oder weniger glücklich gelungen.

der-aufstand_schiller.jpg
Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller von andcompany&Co – (c) Jan Brokof

„Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorhandenen, gegebenen und überlieferten Umständen.“
Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, 1. Kapitel (1852)

***

Literatur:

  • Heiner Müller: „Der Auftrag und andere Revolutionsstücke“, Herausgegeben von Uwe Wittstock, Reclam, Stuttgart 2005 (Reclams Universal-Bibliothek Nr. 8470)
  • Heiner Müller, Werke 1: „Die Gedichte“, Herausgegeben von Frank Hörnigk, Suhrkamp 1998
  • Georg Büchner: „Dantons Tod“, Reclam Taschenbuch
  • Karl Marx: „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“, Suhrkamp Taschenbuch oder auf zeno.org
  • Walter Benjamin: „Über den Begriff der Geschichte“, Reclam Taschenbuch
  • Friedrich Schiller: „Don Carlos“, Reclam Taschenbuch
  • Friedrich Schiller: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte? Reclam Taschenbuch und
  • Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande von der spanischen Regierung. Inselverlag Leipzig, 1979 (nur gebraucht) oder beides auf Projekt Gutenberg-DE
  • Das Unsichtbare Komitee: „Der Kommende Aufstand“, Edition Nautilus, Hamburg 2010, oder auf pdfcast.org

_________