Archive for the ‘Berliner Ensemble’ Category

„Krieg“ von Rainald Goetz und „Girls & Boys“ von Dennis Kelly – große und kleine Stücke der Stunde, inszeniert von Robert Borgmann und Lily Sykes am Berliner Ensemble

Sonntag, April 1st, 2018

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Krieg – Robert Borgmann inszeniert am großen Haus die textlich schwierigen Stücktrilogie und Mash-up der alten Bundesrepublik von Rainald Goetz an einem Abend

Krieg am BE – Foto (c) Julian Röder

Es war ein wenig ruhig geworden um den Theaterautor Rainald Goetz. Die Uraufführung seines letzten Stücks Jeff Koons liegt auch schon wieder 10 Jahre zurück. Die Abrechnung mit dem Hype im Kunstbetrieb bleibt wohl auch Goetz‘ bekanntester Theatertext. In Berlin ist er zuletzt 2004 am Deutschen Theater inszeniert worden. Ansonsten haben es Goetz-Texte hier nur noch in zwei Inszenierungen von Patrick Wengenroth geschafft. In Katarakt / Brief an Deutschland verknüpfte der Theaterironiker 2012 am HAU 2 Goetz‘ Monolog eines alten Mannes mit den Bild-Kolumnen des Boulevard-Journalisten Franz Josef Wagner und bereits 2010 integrierte Wengenroth in seiner HAU-Inszenierung von Karl Kraus‘ Mammut-Drama Die letzten Tage der Menschheit den Klagenfurter Bachmann-Preis-Text Subito, bei dessen Lesung sich der angehende Popliterat 1983 die Stirn mit einer Rasierklinge aufschlitzte. Drei Jahre später schrieb Rainald Goetz seine 1987 von Hans Hollmann am Schauspiel Bonn uraufgeführte Bühnentrilogie Krieg. Drei Stücke – Heiliger Krieg, Schlachten und Kolik – über die Bonner Republik, die sich damals in einer politischen Wende von Helmut Schmidts SPD zu Helmut Kohls CDU befand, an drei Abenden. Beim Berliner Theatertreffen wurde die Trilogie in einer Neun-Stunden-Marathonaufführung gezeigt. Den Mülheimer Dramatikerpreis gab es obendrein. 31 Jahre später und auch schon wieder über 25 Jahre nach der gesamtdeutschen Wende hin zu Kohl feiert nun das Berliner Ensemble die Premiere aller drei Stücke an einem Abend.

Aber was hat uns Goetz‘ popkulturelles Mash-up der alten Bundesrepublik in den Zeiten der neuen Berliner Republik noch zu sagen? In den drei Stücken treten Gestalten aus der deutschen Vergangenheit auf, alte und neue Nazis, Soldaten, die Terroristen des deutschen Herbstes, desillusionierte Revolutionäre, ein Chor junger hübscher Mädchen, Künstler und sogenannte mündige Bürger. Namen und Zitate verweisen auf Heidegger, Stockhausen, Stammheim, Harald Juhnke, Bubi Scholz oder Joseph Beuys. Im Großen und Ganzen ist Krieg aber auch eine einzige Textzernichtung. Gleichzeitig geht es um den unmöglichen Kampf, Sprache in körperliche Handlung umzusetzen. Der fast mathematisch genau rhythmisierte Text im Stakkato-Ton bietet im ersten Teil kaum Regieanweisungen nur Zwischenüberschriften wie Gliedern, Zerstückeln, Ordnen, The Texas Chainsaw Massacre oder Welcome To The Pleasure Dome. Der Mensch im Sprachgefängnis.

 

Krieg am BE – Foto (c) Julian Röder

 

Der 38jährige Regisseur Robert Borgmann formt aus dem ersten Teil Heiliger Krieg ein szenisches Panorama, das trotz stark eingekürztem Text einen ganz guten Einblick in das Stück bietet. Allerdings nimmt Borgmann auch weitestgehend den Beat aus Goetz‘ Text, vor allem in einigen der längeren Monologe. Einen ersten Kontrapunkt setzt der Regisseur aber bereits zu Beginn, an dem ein Junge die Projektion des Gemäldes Wanderer über dem Nebelmeer des Romantikers Caspar David Friedrich übermalt. Die große Wand aus Gipskartonplatten wird dann vom 7köpfigen Ensemble weiter mit roter Farbe bepinselt und schließlich mit Hammer, Händen und Füßen traktiert, bis sie in Einzelteilen zerschrotet am Boden liegt. Minutenlange Aktionskunst zu düsteren New-Wave-Klängen. Man isst Weintrauben, zermatscht sie, und ein goldbemalter Amor mit Pfeil und Bogen schreitet über die Bühne. Hier soll römischer Dekadenz und deutscher Romantik der Gar ausgemacht werden.

Was folgt ist ein Defilee des deutschen Kleinbürgertums mit Stahlhelmen, Netzhemden, Stiefeln und Bomberjacken. Ingo Hülsmann und Stefanie Reinsperger als Stockhausen und Stammheimer brüllen Parolen, predigen Bier und prosten sich zu. „Ach Harald“, „Mensch Bubi“, „Sprechen wir über die guten alten Zeiten.“ Aljoscha Stadelmann schimpft als telefonierender Heidegger über die „berufsnotorische Künstlerflausenidiotie“. Querschläger aufs userfeindliche Theater gibt es auch von Stefanie Reinsperger. Desillusionierte Erinnerungsmonologe von Veit Schubert als alt-68er Lehrer oder einen Abgesang auf Politik und Vernunft von Ingo Hülsmann als enttäuschter Künstler, Historiker, Revolutionär. Wieder Reinsperger ergeht sich nackt in wirrem Gebrabbel über die befreite Frau. Hass und wissenschaftlich verbrämte Ideologie, das ist auch heute noch durchaus aktuell.

 

Krieg am BE – Foto (c) Julian Röder

 

Kabarettistisch ist der Auftritt von Gerrit Jansen und Annika Meier in einer Joseph-Beuys-Parodie mit Trage und Filzdecke, der noch eine bildszenische Anspielung auf dessen Performance I like America and America likes Me folgt. Der Höhepunkt der ersten zwei Stunden vor der Pause ist mit Sicherheit beim stampfenden Monolog The Texas Chainsaw Massacre von Constanze Becker im Sado-Maso-Kostüm erreicht. Hier greift auch wieder der musikalische Beat von Rainald Goetz, zu dem ein sich drehendes, mit Neonröhren und großem Zeiger bestücktes Weltenrad von der Decke nach unten bewegt. Der Maschinen-Sound von Techno-Clubs mischt sich mit Beschreibungen eines presslufthämmernden Industrial-Konzerts und kulminiert in einem Theaterbrand bei dem Trockeneisnebel den Saal flutet. Borgmann erweist sich hier auch wieder als großer Bildkünstler.

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Nach der Pause verpufft das Bühnenfeuerwerk allerdings zu Gunsten eines recht konventionellen Familiendramas. Schlachten handelt von einem Schlachtenmaler, der mangels Kriegen seit dreißig Jahren kein Bild mehr gemalt hat und seine Frau und Töchter terrorisiert. Gerrit Jansen spielt ihn als fiebernden Patriarchen im Biedermeierfrack, der monologisierend über die Bühne wütet, Eheknast, weiberbedingten Genieverlust beklagt und die Nacht beschwört. Das übrige Ensemble spielt hier puppenhaft die Frauen in roter gesichtsloser Schwesterntracht. Nach einer Wut-Attacke gegen die Frauen mit einer zerbrochenen Flasche am Essenstisch liegt der Maler später im irren Delirium im Krankenbett und wird mit Medikamenten ruhig gestellt. Das zieht sich dann schon auch etwas hin.

Krieg am BE – Foto (c) Julian Röder

Die langsame Auslöschung eines Individuums beschreibt der Monolog Kolik im letzten Teil des Abends. Nachdem Heiliger Krieg in der Anlage und Sprache stark an österreichische Autoren wie Karl Kraus oder Werner Schwab und Schlachten an die sprachwütenden Künstlerdramen von Thomas Bernhard erinnert, ist Kolik wiederum sehr nah an Samuel Becketts Endzeitstücken. Aljoscha Stadelmann sitzt hier in clownesk zu großem Hemd und Hose auf einem Sessel in einer schmalen Kiste und monologisiert sich (bei Goetz immer wieder trinkend) langsam zu Tode. Der Redefluss wird hier immer wieder durch kurze Blacks unterbrochen. Auch das ist ein an der Sinnlosigkeit des Lebens, der Wissenschaft, Bildung, Kunst und vergehenden Zeit verzweifelnder rhythmisch aufgebauter Nonsenstext. „Delirium ad infinitum“ bis zur endgültig erlösenden Stille und Finsternis. Regisseur Borgmann gelingt im ersten Teil ein durchaus interessanter Versuch Goetz‘ sicher nicht für konventionelles Theater geeignete Sprache ästhetisch umzusetzen. Der zweite Teil zeigt deutlich die Grenzen dieses 4,5stündigen Unterfangens. Trotzdem ist der Besuch des Abends unbedingt lohnend.

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KRIEG (Berliner Ensemble, 26.03.2018)
Regie und Bühne: Robert Borgmann
Kostüme: Bettina Werner
Licht und Video: Carsten Rüger
Musik: Rashad Becker
Dramaturgie: Sabrina Zwach
Mit: Constanze Becker, Ingo Hülsmann, Gerrit Jansen, Annika Meier, Stefanie Reinsperger, Veit Schubert und Aljoscha Stadelmann
Premiere war am 17. März 2018.
Weitere Termine: 07., 13.04. / 17., 25.05.2018

Weitere Infos siehe auch: http://www.berliner-ensemble.de

Zuerst erschienen am 29. März 2018 auf Kultura-Extra.

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Girls & Boys von Dennis Kelly – Als Stück der Stunde und Kommentar zur Me-Too-Debatte annonciert, entpuppt sich die Inszenierung von Lily Sykes doch als etwas dünne Dramedy mit Stephanie Eidt in der Hauptrolle

Girls & Boys am Berliner Ensemble – Foto (c) Matthias Horn

Grandios, furios, umwerfend brillant – die Kritiker der Uraufführungsinszenierung von Girls & Boys, dem neuen Stück von Dennis Kelly, das im Februar am Royal Court Theatre in London mit Kino-Star Carey Mulligan in der Hauptrolle Premiere hatte, sind zumeist voll des Lobes. Der britische Dramatiker ist mit seinen nicht gerade einfachen Stücken wie Schutt, Liebe und Geld, Waisen oder DNA auch in Deutschland recht erfolgreich. Er behandelte darin bisher auf teilweise recht schockierende Weise zwischenmenschliche Störungen und familiäre Verwerfungen in der kapitalistischen Gesellschaft. Nun hat Oliver Reese, der ein besonderes Faible für neue Dramatik aus dem englischsprachigen Raum besitzt, die deutsche Erstaufführung des Stücks ans Berliner Ensemble geholt. Nach Die Frau, die gegen Türen rannte von Roddy Doyle wieder ein großer Bühnenmonolog, in dem eine vom Leben gebeutelte Frau ihre Biografie vor dem Publikum ausrollt.

„Ein Stück der Stunde“, ist im Programmheft zu lesen, sei Girls & Boys. Kleiner ist es wohl nicht mehr zu haben, wenn man damit seitens des Theaters einen Kommentar zur Me-Too-Debatte annoncieren will. Kelly hat das Stück allerdings bereits vor den Vorwürfen gegen Filmproduzent Harvey Weinstein geschrieben. Ein feministisches Stück von einem Mann, das den Wandel der Geschlechterrollen im 21. Jahrhundert thematisiert. Das trifft es wohl eher. Und dennoch ist dieser von Kelly mit sicherlich großem Idealismus und Herzblut verfasste Text wohl doch der erste Fehlgriff des in Sachen Well-Made-Play bisher so sicheren neuen Intendanten des Berliner Ensembles.

Mit Stephanie Eidt steht natürlich eine großartige, in Berlin nicht unbekannte Schauspielerin auf der Bühne des Kleines Hauses, die Jelena Nagorni mit einem Stahlgerüst ausgestattet hat, das mit Treppen, Fenster- und Türöffnungen das traute aber trügerische Heim der Protagonistin darstellen soll. Stephanie Eidt klettert während des ganzen Abends darin herum. Regisseurin Lily Sykes hat ihr mit dem Pianisten David Schwarz einen Mann am Klavier beigestellt, der für die musikalische Untermalung des Textes sorgt, dafür harmonische bis dissonante Töne beisteuert und zumeist eine Barversion des Nirvana-Songs All Appologies spielt. „Married / Buried“ heißt es darin. Das sagt schon alles über die von Stephanie Eidt geschilderte Beziehung zu einem Partner, der zuerst ein Traummann zu sein scheint und dann doch zum „Auslöscher“ einer ganzen Familie mutiert. Wie es dazu kommt, erzählt das Stück in etwa 100 Minuten, wobei der Text strikt bei der Sicht der Frau auf ihr Leben und die Beziehung bleibt. Ob es dabei etwas zu entschuldigen gibt, wird das Stück nicht klären können.

 

Girls & Boys am Berliner Ensemble – Foto (c) Matthias Horn

 

Stephanie Eidt stellt zunächst eine recht taffe junge Frau dar, die gegen eingefahrene Lebensbahnen rebelliert. Einer Phase mit Sex and Drugs folgt ein Selbsterfahrungstrip durch Europa, bei dem sie jenen Mann in der Warteschlange eines Easy-Jet-Schalters kennenlernt. Erst unsympathisch kann er schließlich doch durch eine gewissen Witz und Schlagfertigkeit Eindruck machen. Was folgt, ist eine Phase sehr intensiver, sogar irrsinnig genannter Liebe, die schließlich in eine Ehe mit Haus und zwei Kindern mündet. Beide finden zunächst Erfüllung in ihrer Arbeit. Sie setzt sich geschickt über ein Praktikum als Assistentin in ihrem Traumberuf als Dokumentarfilmproduzentin durch. Er baut ein Möbelgeschäft auf, scheitert aber, weil er die Zeichen der Zeit nicht erkennt und Pleite geht.

Das Stück ist durchzogen mit Anspielungen an Rollenbilder, die sich vage in der unterschiedlichen Auffassung vom Kinderkriegen oder in politischen Diskussionen zeigen. Im Job erlebt die Frau auch einmal einen sexistischen Annährungsversuch eines älteren Regisseurs. Letztendlich manifestiert sich das Männerbild aber in der kalten Abwendung des Ehemannes von seiner Frau und der Drohung, nachdem sie sich scheiden lassen will, dass er ihr die Kinder nicht überlassen wird. Aus einer zunächst perfekten Beziehung entwickelt sich über die Jahre fast unmerklich ein Albtraum. Kelly beschreibt das allerdings sehr langsam über das gesamte Stück. Ob aus reinen Suspense-Gründen oder um die dramatische und emotionale Fallhöhe über ein anfängliches Himmelhoch jauchzend bis zum finalen zu Tode betrübt sein zu definieren, bleibt das Geheimnis des Autors. Wir erleben es als furiosen Start einer Stand-up Comedian, die nicht vor knalligen und expliziten Worten zurückschreckt.

Später baut Kelly Zwischenepisoden ein, in der die Frau mit ihren imaginierten Kindern spricht und spielt. Es geht auch da ganz thesenhaft um Rollenbilder. Die Tochter ist der kreative Part, wogegen der Junge zu destruktivem Spielverhalten neigt. Der Mann ist hier nicht anwesend. Irgendeine Brechung oder Erklärung gibt es dazu nicht. Alles rollt auf das tragische Ende zu, das wohl von Euripides inspiriert ist, aber tatsächlich eine nicht seltene Art der männlichen Gewaltausübung darstellt, die hier bis ins Detail geschildert wird. Dafür muss schließlich sogar noch die Statistik herhalten. Es geht letztendlich um männlichen Kontrollverlust, Erfolgsneid und um die Angst dem angestammten Rollenbild nicht mehr entsprechen zu können. Das ist soziologisch untersucht und auch nicht von der Hand zu weisen. Diese Art von Mann einfach so aus dem Kopf einer Frau auslöschen zu können, wie es im Text heißt, wird ohne entsprechende Debatte kaum möglich sein. Das Stück ist allerdings zu dünn, um einen echten Beitrag dazu leisten zu können.

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Girls & Boys (BE, Kleines Haus, 12.03.2018)
Von Dennis Kelly
Deutsch von John Birke
Regie: Lily Sykes
Bühne/Kostüme: Jelena Nagorni
Komposition/Live-Musik: David Schwarz
Künstlerische Beratung: Clara Topic-Matutin
Mit: Stephanie Eidt
Premiere war am 10.03.2018 im Kleinen Haus des Berliner Ensembles
Dauer: ca. 1:40 h, keine Pause
Termine: 20., 21., 22.04. / 05., 06.2018

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/

Zuerst erschienen am 14.03.2018 auf Kultura-Extra.

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Droge Theater – Drei Stücke über verschiedene Süchte auf Berliner Bühnen

Mittwoch, März 7th, 2018

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Unendlicher Spaß – Mit einem gut gelaunten Schauspielensemble bringt Thorsten Lensing Teile des großen Romans von David Foster Wallace auf die Bühne der Berliner Sophiensaele

Unendlicher Spaß nach David Foster Wallace – Foto (c) David Baltzer

Unendlicher Spaß heißt der berühmte, 1996 veröffentlichte Kult-Roman des US-amerikanischen Schriftstellers David Foster Wallace, der sich 2008 mit nur 46 Jahren das Leben nahm. Das in der deutschen Übersetzung über 1.500 Seiten umfassende Buch hat sich nun Thorsten Lensing für seinen neusten Regiestreich an den Berliner Sophiensaelen vorgenommen. Und er hat dabei auch wieder ein auserlesenes Schauspielensemble am Start, das den Titel des Romans sozusagen fast wörtlich nimmt. Mit vier Stunden fällt die Lensing‘sche Bühnenfassung relativ schlank aus. Das liegt vor allem auch daran, dass sich der Regisseur – wie schon bei der Adaption von Dostojewskis Roman Die Brüder Karamasow – nur auf bestimmte Teile und Figuren dieses ausufernden Werks beschränkt.

Das sind hier vor allem die drei Söhne des Experimentalfilmers und Gründers der Bostoner Enfield Tennis Academy James O. Incandenza, genannt „Himself“. Der älteste Sohn Orin ist Footballspieler und Frauenheld; Mario, der mittlere, ist von Geburt schwer verkrüppelt und leidenschaftlicher Videofilmer; und der jüngste der drei Brüder, der 17 jährige Harold James Incandenza, ist angehender Tennisstar und ein wandelndes Lexikon, weshalb ihm der Autor wohl auch den Kurznamen Hal nach dem Superhirn-Computer in Stanley Kubricks Kultfilm 2001- Odyssee im Weltraum gegeben hat. In einer zweiten Querhandlung beschreibt Foster Wallace die Insassen der Suchtklinik Ennet House, die sich in unmittelbarer Nähe der Tennisakademie befindet. Eine der Hauptpersonen ist der seit vier Jahren von Schmerzmitteln cleane Pfleger Don Gately, der auch regelmäßig zu den Treffen der Anonymen Alkoholiker (AA) geht.

Eingebettet ist das alles in eine science-fiction-mäßige Rahmenhandlung in einer nicht näher bestimmten Zukunft, in der sich die Staaten Kanada, USA und Mexiko zur Organization of North American Nations, kurz O.N.A.N., zusammengeschlossen haben. Bekämpft werden die sogenannten O.N.A.N.isten (ein Foster-Wallace-Gag am Rande) von einigen Separatistengruppen wie den die rollstuhlfahrenden „Assassins des Fauteuils Roulants“ (A.F.R.). Sie sind auf der Suche nach der Master-Kassette, des Unendlicher Spaß genannten letzten Films von James O. Incandenza, der sich mit dem Kopf in der Mikrowelle das Leben genommen hat. Wer diesen Film sieht, verblödet innerhalb von Minuten und will nichts anderes mehr sehen. Eine kleine Kulturkritik auf heutige TV-Sender.

 

Unendlicher Spaß nach David Foster Wallace
Foto (c) David Baltzer

 

All das interessiert Thorsten Lensing eher nicht. Die Inszenierung konzentriert sich ganz auf die drei Incandenza-Brüder und die Insassen der Suchtklinik. Ein Familientrauma und die Geschichten von kaputten Existenzen, was nicht besonders weit voneinander entfernt ist, da auch die Tennisschüler wie Hal wegen des Erfolgsdrucks auf der Akademie Drogen nehmen und ihre Urinproben manipulieren. Das klingt eher nicht nach sehr viel Spaß, obwohl auch das Buch voll von Humor ist, dem sich das Ensemble teilweise gedienter Lessing-MitstreiterInnen auch vor der Pause bestens hingibt.

Es beginnt mit dem Aufnahmegespräch bei der University von Arizona, bei dem Ursina Lardi als Hal in weißer Tenniskleidung recht autistisch vor der Kommission steht und von seinen Vorzügen prahlt, aber nicht gehört wird. Eines der Kindheitstraumata des Jungen, dessen Vater in bereits als 10jährigen als verkleideter Konversationalist in einem gefakten Gespräch zum kultivierten Reden trainieren will, letztendlich aber auffliegt. Ursina Lardi und Sebastian Blomberg als Hals Vater versprühen hier erstmals eine Menge an Situationskomik, die sich in den folgenden Szenen fortsetzt. Wie etwa in den Telefonaten, die Hal mit seinem Bruder Orin (Devid Striesow) führt. Es geht auch hier neben Frauen, die Orin nur Subjekte nennt, meist um den Vater und dessen Suizid. Hal hatte ihn mit 13 in der Küche gefunden. Um bei seinem Trauma-Therapeuten nicht zu versagen und das von ihm Gewünschte „rüberzubringen“, liest er psychoanalytische Fachliteratur.

 

Unendlicher Spaß nach David Foster Wallace
Foto (c) David Baltzer

 

Wahrheit und Lüge sind immerwährende Begleiter der Familie. Berührend sind die fast philosophischen Bettgespräche Hals mit seinem anderen Bruder Mario, den André Jung mit hochgebundener Oberlippe und angebundenem Arm spielt. Die beiden lehnen dabei mit Kissen an der großen Stahlschalungswand, die die Grenze zum mit Müll verseuchten Gebiet der „Konkavität“ darstellt und über die die nicht mehr benötigten Requisiten geworfen werden.

Der Abend behält trotz der sich am Roman orientierenden episodenhaften Inszenierung durchaus seine Spannung und erlebt seinen komödiantischen Höhepunkt kurz vor der Pause, wenn Devid Striesow als Orin mal wieder mit Hal telefoniert, wobei sich Ursina Lardi im Zehennagelzielwurf übt, während Sebastian Blomberg eine Vogel darstellt, der schließlich tot in Orins Whirlpool landet. Auch nach der Pause glänzt das Team Blomberg/Striesow noch in weiteren komischen Szenen wie einem Umarmungsslapstick bei den Anonymen Alkoholikern. Ansonsten konzentriert sich das Geschehen nun auch mehr auf die Suchtklinik. Heiko Pinkowski ist ein begnadeter Don Gately, ein leidender Fleischberg, der um seine Seele ringt, den Zugang zu Gott oder den Gefühlen seiner Patienten aber nicht findet und am Ende angeschossen die Schmerzmittel aus Angst vor dem Rückfall verweigert.

Hier weist der Roman durchaus religiöse oder gar mythische Bezüge auf. Ist Pinkowskis Don der reine Schmerzensmann, dann ist Jasna Fritzi Bauer als cracksüchtige Mutter einer Totgeburt oder als verschleierte Madame Psychosis von der „Liga der absolut rüde Verunstalteten und Entstellten“, die die Männer nicht ihrem Blick aussetzen will, Schmerzensfrau und Medusa zugleich. „Selig sind die körperlich Armen.“ Ob nun Drogensüchtige oder privilegierte Tennisschüler, alle Figuren sind hier in ihrer Angst vor Nähe, dem Zulassen von Gefühlen oder davor nicht zu funktionieren, gefangen. Thorsten Lensing zeigt dieses Anderssein aber nicht ausschließlich als Makel, sondern als liebenswerten Tick. Ein sehr körperbetontes Spiel, das mit seinen relativ einfachen Theatermitteln und vor allem seinen tollen DarstellerInnen zu beeindrucken weiß.

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Unendlicher Spaß
Von David Foster Wallace
In der Übersetzung von Ulrich Blumenbach
Regie: Thorsten Lensing
Bühne: Gordian Blumenthal und Ramun Capaul
Kostüme: Anette Guther
Dramaturgie: Thierry Mousset
Textfassung: Thorsten Lensing
Mitarbeit Textfassung: Thierry Mousset, Dirk Pilz
Mitarbeit Regie: Benjamin Eggers
Produktionsleitung: Eva-Karen Tittmann
Mit: Jasna Fritzi Bauer, Sebastian Blomberg, André Jung, Ursina Lardi, Heiko Pinkowski, Devid Striesow
Premiere war am 22.02.2018 in den Sophiensaelen Berlin
Eine Produktion von Thorsten Lensing in Koproduktion mit Schauspiel Stuttgart, Schauspielhaus Zürich, Ruhrfestspiele Recklinghausen, Kampnagel Hamburg, Theater im Pumpenhaus Münster, HELLERAU Europäisches Zentrum der Künste, Künstlerhaus Mousonturm, Les Théâtres de la Ville de Luxembourg und SOPHIENSÆLE

Weitere Termine:
2018: Mai in Stuttgart und Recklinghausen, Juni in Dresden-Hellerau, November in Luxembourg
2019: Januar in Zürich, März in Frankfurt

Infos: http://www.sophiensaele.de/

Zuerst erschienen am 24.02.2018 auf Kultura-Extra.

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Menschen, Orte und Dinge – Bernadette Sonnenbichler inszeniert am Berliner Ensemble Duncan MacMillans Well-Made-Play über die Drogentherapie einer jungen Schauspielerin

Menschen, Orte und Dinge von Duncan MacMillan am BE
Foto (c) Matthias Horn

„Mehr Realität als hier geht nicht.“ So etwas auf einer Bühne zu sagen, dem Ort, an dem wohl mit am meisten gelogen wird, ist schon recht mutig. Die verabredete Lüge gehört hier sozusagen zum Programm. Dennoch hat sich das Berliner Ensemble unter der neuen Leitung von Oliver Reese vorgenommen, mit einem Schwerpunkt auf moderne Autoren die heutige Realität ins Theater zu bringen, und so langsam kommt sie da auch an. Das BE hat sich in dieser Woche Einiges vorgenommen: Rausch, Wahn, Sucht, verschwimmende Wirklichkeit bis zum totalen Realitätsverlust. Der Eingangssatz stammt aus dem neuen Stück des britischen Dramatikers Duncan MacMillan, gesprochen in einer Entzugsklinik, in die sich die junge Schauspielerin Emma selbst eingeliefert hat, nachdem sie mit einem drogenbedingten Blackout auf der Bühne zusammengebrochen war.

Die titelgebenden Menschen, Orte und Dinge gilt es dabei zu meiden, um nicht wieder in die Gewohnheit des eingeübten Suchtverhaltens zurückzufallen. Der zweite Drogenexperte dieser Woche in eigener Sache ist der deutsche Journalist und Autor Benjamin von Stuckrad-Barre, der in Panikherz seine Drogenkarriere und verschiedenste Therapieversuche autobiografisch beschreibt. Bei ihm heißt es ganz ähnlich „Menschen, Orte, Situationen“, und auch sonst sind Stuckrad-Barre und Emma Geschwister im Geiste. Der Weg zur Selbsterkenntnis und Anerkennung des durch exzessiven Drogenkonsum verursachten Realitäts- und Kontrollverlustes ist hart – und schwierig die Rückkehr ins real life, in dem die Trigger an jeder Straßenecke, in der Wohnung, Bars oder Konzertsälen warten.

Im Kleinen Haus des BE hat nun die viel gelobte Regisseurin Bernadette Sonnenbichler MacMillans in Form eines Well-Made-Play geschriebene Therapiesitzung mit der als Nachwuchsschauspielerin des Jahres 2017 ausgezeichneten Sina Martens in der Rolle der Emma in deutscher Erstaufführung auf die Bühne gebracht. Und Martens legt sich von Anfang an mächtig ins Zeug. Ihrem Aussetzer in einer Vorstellung von Tschechows Möwe folgt ein Telefonat, in dem die sich auch später Nina oder Sarah nennenden Frau mit ihrer Mutter streitet. Die soll alle Drogen aus Emmas Wohnung mitnehmen. Nichts soll sie mehr an früher erinnern. Die Schauspielerin braucht einen Schein aus der Suchtklinik, um wieder ihren Beruf ausüben zu können. Doch macht sie allen etwas vor, trickst nicht nur bei ihrem Namen und belügt die Ärztin, sondern sabotiert auch die Gruppensitzungen bei Therapeutin Lydia (beide Josefin Platt), die sie beide als Abbild ihrer Mutter empfindet.

 

Menschen, Orte und Dinge von Duncan MacMillan am BE
Foto (c) Matthias Horn

 

Sina Martens zittert, kämpft, schwitzt sich durch das Stück und bekommt obendrein noch zwei Alter Egos (Cristiana Casadio und Anna Viktoria Valentiner) an die Seite, die sie im Entzugswahn heimsuchen und in choreografierten Tänzen quälen. Dazu werden wabernde Schwarz-Weiß-Videoprojektionen an die kargen Klinikwände geworfen. Störgeräusche, Black-Outs und weißes Rauschen sollen bildlich und akustisch das kaputte Innere Emmas zeichnen. Die weiteren Insassen und Angestellten der Klinik verunsichern die junge Frau zusätzlich. Pfleger Foster (Oliver Kraushaar) ist selbst psychisch labil, steht auf Regeln und hält sich einen gestörten Kampfhund, nach dessen Tod er sich das Leben nimmt. Paul (Owen Peter Read) plagen religiöse Wahnvorstellungen, und Mark (Patrick Güldenberg) wirft Emma ständig ihre Sprunghaftigkeit und den Hang zur Lüge vor.

Zwischen beiden könnte sich eine Beziehung entwickeln, aber Emma blockiert Marks Annährungsversuche und auch jedes therapeutische Rollenspiel sowie die in der Klinik praktizierten 12 Schritte zu Gott oder einem höheren Wesen, dem man sich zur Heilung anvertrauen soll. Als Schauspielerin lebt sie ihre Rollen. Die Kontrolle an jemand anderen abzugeben kommt für sie nicht in Frage. Die Welt ist das sinnlose Chaos, die Drogen bieten ihr Verlässlichkeit und haben sie nie enttäuscht. Erst sehr spät beginnt Emma sich zu öffnen und eine Strategie für einen Neuanfang zu entwerfen. Der Plot MacMillans ist hier allerdings recht einfach und vorhersehbar. Ihre eingeübte Rede an die Eltern klingt am Ende wie die Versprechen einer Firmenwerbung, die sie auswendig lernt. Die Eltern (Josefin Platt und Axel Werner) nehmen der scheinbar Geläuterten ihre Wandlung nicht ab. Hinzu kommt der nicht aufgearbeitete Tod des Bruders.

Das Ganze ist ein verzwickter Kreislauf. Das zumindest kann man aus diesem doch recht thesenhaften Therapie-Stück mitnehmen. Allerdings fällt es hinter vergleichbarer Dramatik wie etwa Sara Kanes 4.48 Psychose oder Gier zurück. Sind Sina Martens und Patrick Güldenburg in ihren Rollen auch sehenswert, kann der verstärkte Einsatz multimedialer Effekte nicht über die Schwächen dieses aufs Theater-Milieu abzielenden Well-Made-Plays hinwegtäuschen. Man ist gespannt, wie sich Intendant Oliver Reese am Samstag mit Stuckrad-Barres zeitgeistkritischem Drogenbericht schlagen wird.

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Menschen, Orte und Dinge
von Duncan MacMillan
Aus dem Englischen von Corinna Brocher
Deutschsprachige Erstaufführung
Regie: Bernadette Sonnenbichler
Bühne: Wolfgang Menardi
Kostüme: Tanja Kramberger
Musik: Christoph Cico Beck, Tad Klimp
Video: Stefano Di Buduo
Licht: Steffen Heinke
Künstlerische Beratung: Clara Topic-Matutin
Besetzung:
Sina Martens als Nina/Emma/Sarah/Lisa
Josefin Platt als Ärztin/Therapeutin/Mutter
Oliver Kraushaar als Foster
Patrick Güldenberg als Mark
Owen Peter Read als Paul
Axel Werner als Vater
Cristiana Casadio und Anna Viktoria Valentiner als Emmas Alter Egos
Die Premiere war am 14.02.2018 im Kleinen Haus des Berliner Ensembles
Dauer: 2 Stunden, 15 Minuten, keine Pause
Termine: 15., 16., 17.03.2018

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/

Zuerst erschienen am 16.02.2018 auf Kultura-Extra.

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Panikherz – Oliver Reese bringt den autobiografischen Drogenbericht von Benjamin von Stuckrad-Barre als szenische Lesung mit angeschlossenem Pop-Konzert auf die Bühne des Berliner Ensembles

Panikherz nach dem gleichnamigen Buch von Benjamin von Stuckrad-Barre
Foto (c) Julian Röder

„KEINE PANIK“ steht in Versalien auf der Fassadenfront des Berliner Ensembles. Das Motto des deutschen Popentertainers Udo Lindenberg, Leitstern mehrerer Generationen Jugendlicher, die sehnsuchtsvoll die Feuerzeuge bei einem Udo-Konzert hochhalten, sich aus der Provinz wegträumend, es dann aber doch nur zum Besuch der Hamburger Reeperbahn schaffen. Aber auch für die jenseits des „Funset-Boulevards“ hat Udo eine Botschaft, die er in eine Hymne der geilen Meile, auf die er kann, verpackte. Auch der 10jähirge Pastorensohn Benjamin aus der niedersächsischen Kleinstadt Rotenburg an der Wümme erfährt in den 1980er Jahren über die Musik und die deutschen Texte von Udo Lindenberg seine Initiation zum Aufbruch in die große Welt. Sein Weg führt ihn über Göttingen, Hamburg, Köln, Berlin und Zürich schließlich auch in die Stadt seiner Träume Los Angeles.

Was ihm bis dahin wiederfahren ist, die Auf und Abs seiner Medienkariere beschreibt der Journalist und Autor Benjamin von Stuckrad-Barre in seinem 2016 veröffentlichten Roman Panikherz, dessen Bühnenadaption Intendant Oliver Reese nun am Berliner Ensemble inszeniert hat. Es ist aber vor allem auch der selbstkritische Bericht einer exzessiven Suchtkarriere, die Stuckrad-Barre buchstäblich an den Rand des Wahnsinns und der eigenen Existenz treibt. Daraus einen funktionierenden Theaterabend zu bauen, ist fast genauso riskant wie ein Volle-Pulle-Leben, dass der Romanautor mehre Jahre im Vollrausch verbracht hat, bis ihn sein einstiges Idol, das er als angehender Musikkritiker von taz und Rolling Stone noch als Karikatur seiner selbst verrissen hatte, aus dem Drogensumpf zieht und ihn geradezu liebevoll in die „Udo-Familie“ aufnimmt.

Diese selbstlose, alles verzeihende Größe verhilft Stuckrad-Barre schließlich erst zu einer zweiten Karriere oder (wie er es in seinem Roman scheibt) einem zweiten Akt, den Größen wie der US-amerikanische Schriftsteller F. Scott Fitzgerald ja für nicht existent hielten. Ein Leben also im beständigen Aufstieg, ohne retardierendes Moment und also auch im Abstieg immer konsequent im Hier und Jetzt, ohne Blick zurück. Diesen reflektierenden Blick erlaubt sich Stuckrad-Barre erst im legendären Hotel Chateau Marmont in Hollywood, in dem so einige Berühmtheiten ein- und ausgegangen sind. Und nicht nur sein Leben, auch die Begegnungen mit seinen Helden wie Helmut Dietl, Friedrich Küppersbusch, Harald Schmidt, Thomas Gottschalk und natürlich Udo Lindenberg, der ihn letztendlich an diesen Ort der inneren Ruhe führt, lässt der Autor Review passieren.

 

Panikherz nach dem gleichnamigen Buch von Benjamin von Stuckrad-Barre – Foto (c) Julian Röder

 

Regisseur Oliver Reese interessiert sich aber in erster Linie für die Lebensgeschichte Stuckrad-Barres, die im Roman natürlich auch den meisten Platz einnimmt. Dazu stehen Nico Holonics, Bettina Hoppe, Laurence Rupp und Carina Zichner vom BE-Ensemble als vier wechselnd erzählende Benjamins auf der Bühne, die Hansjörg Hartung passend zum Udo-Style als mit Teppich ausgelegte Hotellobby mit Treppe und Bar im Hintergrund gestaltet hat. Bettina Hoppe beginnt mit einem der reflektierenden Zwischentexte, mit den der Autor auf die Zeit seiner Drogensucht zurückblickt. Nach dem Absturz folgt das Reset seines Lebens in einen nüchternen Alltag, bei dem dennoch die Sehnsucht nach dem Meer als Punk, dem alles egal ist, bleibt. Dazu stimmt die Schauspielerin Durch die schweren Zeiten, ein neueres Lied von Udo Lindenberg, an. Das Buch ist ja durchzogen mit Auszügen aus Songtexten von Udo L. über Oasis, Nirvana bis zu Rammstein.

Die vier Benjamin-DarstellerInnen singen zwischen den Sprechtexten immer wieder einige dieser berühmten Songs. Begleitet werden sie dabei von den Live-Musikern Lukas Fröhlich, Peer Neumann, Gerhard Schmitt, Tilo Weber und Manuel Zacek, die zu den fluffigen Arrangements von Jörg Gollasch die alten Udo-Songs im neuen Gewand spielen. Es entwickelt sich so ein musikalisch untermaltes Textaufsagen, bei dem zunächst über die vier Benjamins verteilt die Lebensgeschichte des Autors von seiner Kindheit als viertes Kind einer pazifistischen Öko-Pastorenfamilie, die Gymnasiastenzeit in Göttingen mit ersten Musikkritiken für das dortige Stadtmagazin bis zur Arbeit als Redakteur bei der taz und dem Rolling Stone und als Produktmanager bei der Plattenfirma Motor Music in Hamburg im Schnelldurchlauf abgespult wird. Das macht den Abend weitestgehend zu einer rhythmisierten szenischen Lesung mit angeschlossenem Pop-Konzert.

 

Panikherz nach dem gleichnamigen Buch von Benjamin von Stuckrad-Barre – Foto (c) Julian Röder

 

Nach der ersten Sozialisation in der Musikbranche, bei der hier noch der parallele Aufstieg der lokalen Punkband The Bates fehlt, folgt Stuckrad-Barre dem Ruf des TV-Moderators Küppersbusch nach Köln und wird nach der Absetzung von dessen Sendung Gagschreiber bei der Harald-Schmidt-Show. In diese Zeit fällt neben der Veröffentlichung seines ersten Buchs auch das Eintauchen in die Clubszene mit ersten noch euphorischen Drogenerlebnissen, die Stuckrad-Barre in Berlin vertieft. Was er auf seinen Lesereisen erlebt, kommt hier nicht vor, wie überhaupt der Autor im Folgenden nur noch als Drogensüchtiger und Bulimie-Kranker interessiert, dessen Absturz in allen Details von einer Suchtphase zur anderen unterbrochen durch etliche Therapieaufenthalte geschildert wird. Die Angst vor dem Nachdenken über das eigenen Ich treibt ihn in viele Pseudo-Projekte und die Kokainsucht.

Bebildert wird das mehr oder weniger durch viel Gehampel, Werfen mit Visitenkarten, säckeweise Verstreuen von weißem Pulver und dem Darstellen von delirierenden Wahnanfällen. Irgendwann klettert man auch mal ins Publikum, das zwischendurch immer wieder wie wissend über den ja durchaus witzigen Stuckrad-Barre-Sound lacht. Eine kritische Ebene, die der Autor ja durch seine Reflexionen auch des Systems der Sucht nach Erfolg und Ruhm einzieht sowie seine durchaus erhellenden Gespräche mit dem US-amerikanischen Schriftsteller Bret Easton Ellis (American Psycho), mit dem Regisseur Helmut Dietl oder Thomas Gottschalk fehlen in dieser leider komplett auf die Figur Stuckrad-Barres fokussierten Inszenierung. Eine kurz am Tresen genuschelte Udo-Persiflage verkauft die Abrechnung mit der Medienwelt des 20. Jahrhunderts, deren Teil Stuckrad-Barre ja auch bis zur kompletten Selbstentgrenzung war, endgültig an den totalen Fun.

Dass Suchtkrankheit und die Krankheit eines Systems, das so an den persönlichen Erfolg gekoppelt ist, nicht voneinander zu trennen sind, dürfte selbst Benjamin von Stuckrad-Barre nicht entgangen sein. Dass der Autor diese Welt des schönen Scheins, deren Gründungsidee nach seiner Aussage mal der Protest gegen die Wirklichkeit war, weiterhin liebt, wird man ihm nicht übelnehmen können. Dass aber Oliver Reese dies nicht erkennt, und das in einem Medium wie dem Theater, das sich eigentlich permanent selbst analysiert und auf die Bühne bringt, ist mehr als dürftig und die große Enttäuschung dieses Abends. Die nächste Chance gibt es in einem Monat am Thalia Theater in Hamburg.

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Panikherz
von Benjamin von Stuckrad-Barre
Regie/Fassung: Oliver Reese
Bühne: Hansjörg Hartung
Kostüme: Elina Schnizler
Musik: Jörg Gollasch
Licht: Ulrich Eh
Dramaturgie: Valerie Göhring
Mit: Nico Holonics, Bettina Hoppe, Laurence Rupp, Carina Zichner
Live-Musik: Lukas Fröhlich, Peer Neumann, Gerhard Schmitt, Tilo Weber, Manuel Zacek
Die Premiere war am 17.02.2018 im Berliner Ensemble
Dauer: 2 Stunden, 15 Minuten, keine Pause
Termine: 08., 09., 16.03. / 02.04.2018

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/

Zuerst erschienen am 18.02.2018 auf Kultura-Extra.

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Legendäre Romane und Filme auf Berliner Bühnen – „Ulysses“ am Deutschen Theater und „Kinder des Paradieses“ am Berliner Ensemble

Dienstag, Januar 23rd, 2018

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Ulysses – Sebastian Hartmann inszeniert am Deutschen Theater Berlin seine Adaption des berühmten Romans von James Joyce als textschweres Assoziationsgewitter

Foto (c) Arno Declair

Sebastian Hartmann hat ein Faible für schwerverdauliche Romanadaptionen. Schon zu Zeiten seiner Leipziger Intendanz hat er literarische Brocken wie Thomas Manns Zauberberg oder Lew Tolstois Krieg und Frieden recht erfolgreich auf die Bühne gehievt. Mit Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz ist ihm selbiges auch am Deutschen Theater Berlin geglückt. Nach Mann und Döblin – beide nachweislich Verehrer des irischen Schriftstellers James Joyce – lag es daher nahe, sich auch an dessen berühmten, 1922 erschienen und seitdem in der Literaturwissenschaft bis heute viel diskutierten Roman Ulysses zu wagen. Ein Unterfangen, an dem man eigentlich nur scheitern kann.

Joyce beschreibt in 18 in sehr unterschiedlichen Schreibstilen gehaltenen Episoden einen Tag in Dublin des Jahres 1904, den die Joyce-Fans jährlich am 16. Juni als sogenannten Bloomsday feiern. Der Autor hält sich im Aufbau an bestimmte Figuren und Episoden aus der Odyssee des Homer. Hauptfiguren des Romans sind der 38jährige Anzeigenakquisiteur Leopold Bloom (Odysseus) sowie der etwas jüngere Lehrer Stephen Dedalus (Telemachos) – beide durchaus als Alter Egos des Autors zu verstehen – die sich auf ihrem Weg durch die Stadt Dublin immer wieder über den Weg laufen und sich so in gewisser Weise eine Vater-Sohn-Beziehung aufbaut. Die Besonderheit des Romans ist, dass die Episoden keine stringente Erzählung bilden, sondern der Leser (wie auch bei Döblin) meist nur den Gedanken der Figuren, ihrem sogenannten Bewusstseinsstrom, folgen kann, was wiederum Sebastian Hartmann bei seiner meist eher assoziativen Regiearbeit sehr entgegenkommen dürfte.

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Und Hartmann geht die theatrale Umsetzung dann auch ganz nach Joyce an. Nicht der Roman in Gänze kommt auf die Bühne, die im DT zu Beginn noch komplett leer ist und nur von einem aus roten Neonröhren geformten Portal gerahmt wird, sondern viele aneinandergereihte, szenisch aufbereitete Texthäppchen, die wiederum ein assoziativ zusammensetzbares Gedanken-Pandämonium bilden sollen. Dabei geht es Hartmann weniger um die Kenntlichmachung eines bestimmten Ortes, wie das Dublin Anfang des 20. Jahrhunderts, sondern mehr um ein universelles Erkenntnismuster. Das Portal entpuppt sich so als Erden- und Höllenschlund menschlichen Denkens, eine wie bei Joyce schon angelegte Reflexion über Geburt, Leben und Tod, Politik, Philosophie, Religion und Wissenschaft.

 

Foto (c) Arno Declair

 

„Dublin brennt! Dublin steht in Flammen!“ heißt es in einem Eingangsmonolog, den Linda Pöppel allein an der Rampe spricht. Sie beschwört das Pandämonium eines fiktiven Kriegsbrandes. Der menschliche Abgrund in wenige Sätze gepackt. Ein Teil aus dem wohl eindrücklichsten Kapitel des Romans, der in den Erläuterungs-Kommentaren zum Roman mit dem Titel Circe (dem Namen der mythischen Zauberin aus der Odyssee) überschrieben ist und wie in einen Drama den Bordellgang der beiden Protagonisten beschreibt, bei dem sie wild halluzinierend ihren Verstorbenen begegnen, das Thema Vaterschaft und Schuldgefühle behandelt werden und das auch eine Art „tiefenpsychologische Walpurgisnacht“ genannt wird. Hartmann sprengt Teile davon immer wieder in die Inszenierung ein und geht auch sonst eher unchronologisch vor.

Bernd Moss spielt einen Magier mit Zylinder, der den Sound in der Hand fängt und eine imaginäre Taube aus dem Hut zaubert. Dabei steht das Ensemble ganz in Schwarz als gelenkte Sprechpuppen auf der Drehbühne. Feuerblitz und Donner, Meeresrauschen, ein assoziatives Spiel mit Gesten und Geräuschen. Auch die Musik folgt diesem Muster mal mit schweren Orgelklängen, barocken Melodien und dann wieder mit krachigem Punk und fetten Reggae-Beats. Wer sich nicht auskennt, wird vor der Pause sicher etwas hilflos dem Treiben auf der Bühne zusehen. Da folgen Szenen am Strand mit Benjamin Lillie, Birgit Unterweger und Cordelia Wege, die die Onanieszene aus dem Kapitel Nausikaa andeuten, Manuel Harder beschreibt das Braten der Frühstücksnieren, Evolution und Wiedergeburt sowie den morgendlichen Stuhlgang Blooms aus dem vierten Kapitel. Ulrich Matthes spricht sehr erhaben die Todesreflexionen Blooms aus dem Hades-Kapitel und auch eine Episode mit einem Totenritus aus der ursprünglichen Odyssee. Wieder Benjamin Lillie blödelt in Englisch oder führt als Hund einen Blinden (Edgar Eckert) über die Bühne.

 

Foto (c) Arno Declair

 

Ein ironisches Nummernprogramm quer durch den Ulysses, dem es noch an der nötigen Stringenz und Bildgewalt fehlt. Die bringt Hartmann erstmals mit einer Körpermalaktion von Linda Pöppel, die sich nackt einen Eimer schwarzer Farbe über den Körper kippt, und auf einer Folie, die dann hochgezogen wird, ein großes Kruzifix schmiert. Dazu schweben immer wieder zwei riesige schwarze Discokugeln vom Schnürboden. Ein magisches Doppelgestirn, in dem man vielleicht die beiden Hauptfiguren erkennen mag, das allgegenwärtige Universum, überdimensionale Moleküle oder den Magnetismus, von dem im Roman gesprochen wird. All das ist szenisch angedeutet, näher erklärt wird es aber erst nach der Pause, wenn Bernd Moss aus der Rolle heraus- und ans Publikum herantretend über Quantenphysik, Unschärferelation und die ortsunabhängige Gleichzeitigkeit zweier Elektronen referiert. Ein augenzwinkerndes Plädoyer, trotz Nichtverstehens sich den Gesetzen des Universums vertrauensvoll und ohne Angst auszuliefern. Aber auch wissenschaftlich-philosophischer Diskurs, der vielleicht sogar Joyces Religionskritik andeuten soll. Eine ewige Kontroverse.

Im zweiten Teil nimmt die Inszenierung dann etwas an Fahrt auf. Hier überzeugen vor allem Judith Hofmann, die die Mutterliebe hochhält und gegen kleingeistige Männer ätzt, Manuel Harder im Nachthemd, der im Fruchtbarkeits-Kapitel Die Rinder des Sonnengotts gleichzeitig die Geburtswehen der Mina Purefroy und die in verschiedenen Sprachstilen gefassten Zoten der Medizinstudenten und das Wachsen des Ungeborenen im Mutterleib beschreibt, oder Cordelia Wege, die mit angeklebtem Bart den antisemitischen Bürger aus dem Kapitel Der Zyklop gibt. Und auch der Shakespeare-Disput in der Nationalbibliothek darf nicht fehlen. Judith Hofmann, Bernd Moss, Linda Pöppel, Birgit Unterweger und Cordelia Wege performen ihn als süffisant-ironisches Cocktailpartygewäsch. Dann choreografiert das großartige Ensemble unter der Anleitung von Edgar Eckert Orte und Sehenswürdigkeiten der Stadt Dublin. Daniel Hoevels als heimkehrender Bloom und Cordelia Wege als seine über Liebe, Gott, Erlösung und Reue sinnierende Frau Molly beschließen den immerhin vierstündigen Abend, an dem Sebastian Hartmann vieles, aber leider nicht alles gelingen will.

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Ulysses (DT, 19.01.2018)
nach James Joyce
Regie / Bühne: Sebastian Hartmann
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Videoanimation: Tilo Baumgärtel
Licht: Lothar Baumgarte
Dramaturgie: Claus Caesar
Mit: Ulrich Matthes, Edgar Eckert, Manuel Harder, Daniel Hoevels, Judith Hofmann, Benjamin Lillie, Ulrich Matthes, Bernd Moss, Linda Pöppel, Birgit Unterweger, Cordelia Wege
Die Premiere war am 19. Januar 2018 im Deutschen Theater
Termin: 28.01. / 18., 25.02.2018

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 20.01.2018 auf Kultura-Extra.

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Kinder des Paradieses – Am Berliner Ensemble verbindet Ola Mafaalani bei ihrer Adaption des französischen Kinoklassikers von Jacques Prévert und Marcel Carné die Liebesgeschichte der Garance mit dem Leben der damaligen Hauptdarstellerin und der schwierigen Entstehungsgeschichte des Films

Kinder des Paradieses am Berliner Ensemble – Foto (c) Matthias Horn

„Entrez!, Entrez! hier ist die Wahrheit zu sehen“, ruft Schauspieler Sascha Nathan als Theaterdirektor zu Beginn der Bühnenadaption des französischen Filmklassikers Les Enfants du paradis (in der dt. Fassung Kinder des Olymps), die jetzt am Berliner Ensemble in einer Inszenierung der Regisseurin Ola Mafaalani – mit Anleihen an Jahrmarktszauber und Zirkusakrobatik – unter dem Titel Kinder des Paradieses Premiere feierte. Die Zirkuskunst erobert seit einiger Zeit nicht nur die Kleinkunstbühnen, sondern auch die großen Theaterhäuser. Die Berliner Festspiele haben es seit 2017 mit dem Format „Circus“ vorgemacht, nun bevölkern also auch am BE ArtistInnen Foyer und Bühne. Es sind Studierende der Schule für darstellende und bildende Kunst „Die Etage“, Abteilung Artistik/Akrobatik [alle Namen s.u.], die hier mit Bällen jonglieren, Rad schlagen und auf Stelzen laufen.

Ola Mafaalani ist in Syrien geboren, in Deutschland aufgewachsen und hat sich bereits als Leiterin der Theatercompagnie North Netherlands Toneel in Groningen einen Namen mit der Adaption von Filmen wie Himmel über Berlin von Wim Wenders, Reservoir Dogs von Quentin Tarantinos und der dänischen Serie Borgen gemacht. Der von 1943 bis 1945 unter der Regie von Marcel Carné nach einem Drehbuch von Jacques Prévert gedrehte Spielfilm Les Enfants du paradis spielt im Pariser Theatermilieu um 1835 und bedient somit eine ganz andere Kinoästhetik. Diesen vom poetischen Realismus der 1930 Jahre inspirierten Film wieder aufleben zu lassen und gleichzeitig die erschwerten Bedingungen seiner Entstehung im von den Nazis besetzten Frankreich zu reflektieren, hat sich die Regisseurin zur Aufgabe gemacht. Beides zusammen schafft die Inszenierung aber nur bedingt.

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Im Mittelpunkt von Film und Inszenierung steht die Varietee-Künstlerin Garance, die gleich von vier Männern begehrt wird. Nachdem sie sich vom zwielichtigen Autor und Gauner Pierre-François Lacenaire getrennt hat, verliebt sie sich in den Pantomimen Baptiste Deburau. Aber auch der angehende Schauspieler Frédérick Lemaître macht ihr Avancen. Nachdem Garance wegen einer Straftat von Lacenaire falsch beschuldigt wird, nimmt sie den Schutz des Grafen de Monteray an, heiratet ihn, und beide verlassen Paris. Als sie nach Jahren wiederkehren, beginnen die früheren Liebhaber wieder um sie zu buhlen. Es endet damit, dass Lacenaire den auf Lemaître und Deburau eifersüchtigen Grafen tötet. Baptist Deburau, der mittlerweile mit der Tochter des Theaterdirektors Nathalie verheiratet ist und einen Sohn mit ihr hat, verlässt für eine Nacht seine Frau, kann Garance aber nicht halten. Beide verlieren sich im Getümmel des Straßenkarnevals.

Das Geschehen spielt im Pariser Théâtre des Funambules und auf dem berüchtigten Boulevard du Temple, der wegen der vielen Boulevard-Theater, auf deren Bühnen allabendlich gemordet wurde, auch als Boulevard du Crime bekannt war. Die Kulissen dafür ließ Regisseur Carné sehr aufwendig am Drehort in Nizza aufbauen. Wer mehr über die Geschichte des mit 60 Mill. Franc teuersten Films Frankreichs erfahren möchte, lese den Artikel „Großes Theater!“ von Katja Iken auf Spiegel-Online.

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Bei Ola Mafaalani ist die Bühne (André Joosten) fast komplett leer. Die Kostüme von Johanna Trudzinski orientieren sich nicht am 19. Jahrhundert sondern eher an der Zeit der Entstehung des Films. Nur Peter Moltzen als Pantomime Baptiste trägt wie der Darsteller im Film ein weißes Pierrot-Kostüm und stellt auch die ihn einführende Pantomime fast exakt nach. Die ursprünglich für Garance vorgesehene Stephanie Eidt wird von Kathrin Wehlisch ersetzt. Ihre Rolle der Nathalie übernahm Antonia Bill, die neben Veit Schubert (als Anselme Deburau, Wirt und Kommissar) zum ehemaligen Peymann-Ensemble gehörte. Wehlisch spielt die Garance als selbstbewusste, lebensbejahende Frau, die sich alle Möglichkeiten offenhalten will, da sie an die wahre Liebe nicht glaubt. Damit steht sie diametral gegen die Auffassung Baptistes, der sie vergöttert. Sehr schön wird das in einer weiteren Pantomime gezeigt, die die Garance als Statue zeigt, die von Baptist umschwärmt wird. Die Nebenbuhler werden zynisch von Tilo Nest als Lacenaire und großspurig baggernd von Felix Rech als Schauspieler Frédérick gespielt. Letzterer sieht sich gern als großen Othello. Martin Rentzsch gibt den Grafen de Monteray erst gönnerhaft galant und nach der Pause als schlagenden Widerling.

 

Kinder des Paradieses am Berliner Ensemble 
Foto (c) Matthias Horn

 

Das Problem der Inszenierung ist, dass sie im ersten Teil zu sehr an der Vorlage klebt und im altbackenen Konversationstheaterstil fast wie eine Wiederbelebung der Peymann-Ära wirkt. Der Zauber der eingestreuten Pantomimen und Akrobatiknummern will da nicht recht zünden. Zusätzlich atmosphärische Aufladung erhält der Abend durch die fantastische Livemusik des Instrumentaltrios um Komponist Eef van Breen, der auch selbst einige Chansons singt. Leider lässt es die Regie nach der Pause ohne Unterlass aus dem Schnürboden schneien. Ein poetischer Overkill stellt sich ein.

Für die Reflexionen zum Making-of des Films sitzt zunächst recht still Ilse Ritter als gealterte Hauptdarstellerin Arletty am Bühnenrand. Zu wenig kann sie hier ins Geschehen eingreifen. Erst nach der Pause beginnt sich die Handlung um die Figur der Garance immer mehr mit der Geschichte der Schauspielerin und der Entstehung des Films zu vermischen. Arletty hatte zum Zeitpunkt des Drehs eine Affaire mit einem deutschen Offizier und wurde nach der Befreiung wegen des Vorwurfs der Kollaboration in einem Lager interniert. Ritter berichtet immer wieder aus dem Leben Arlettys und dass sie trotz allem nichts an ihrer Vergangenheit ändern würde. Daneben tritt auch Peter Moltzen aus seiner Rolle heraus und berichtet beim Abschminken davon, dass sich im Filmteam viele jüdische Künstler unter Pseudonym verstecken konnten, es aber auch eine ständige Gefahr durch die Bespitzelung der Gestapo gab. Obwohl Geldmangel und Hunger herrschte, zögerte der Regisseur die Fertigstellung bis zur Befreiung von Paris hinaus. Man wollte mit diesem Film der Hässlichkeit der Realität das Wunder der Liebe und die Schönheit der Kunst entgegensetzen.

Die Inszenierung, die viele sicher auch als hochpoetisch empfinden werden, erstickt hier aber leider auch zunehmend im Gefühlskitsch. Der Schnee färbt sich kurz rot, tiefe Melancholie macht sich auf der Bühne breit, und man fragt sich, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn die Verschneidung von Fiktion und Kunst mit dem wirklichen Leben nicht doch von Anfang an etwas offensiver und nicht so starr am Plot des Films hängend betrieben worden wäre. Die Story gäbe auch genug Stoff für eine interessante Dokutheaterproduktion. So bleibt man trotz der freundlichen Aufforderung vom Beginn bei diesem recht gefühlsbetonten dreistündigen Abend am Ende doch merkwürdig außen vor.

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Kinder des Paradieses (BE, 20.01.2018)
Nach dem Film von Jacques Prévert und Marcel Carné
Bühnenfassung von Ola Mafaalani und Alexandra Althoff, Deutsch von Manfred Schneider
Regie: Ola Mafaalani
Musik: Eef van Breen
Bühne: André Joosten
Kostüme: Johanna Trudzinski
Choreografie: Maria Marta Colusi
Licht: Ulrich Eh
Dramaturgie/Bearbeitung: Alexandra Althoff
Besetzung:
Kathrin Wehlisch als Garance
Peter Moltzen als Baptiste Deburau
Ilse Ritter als Arletty
Felix Rech als Frédérick Lemaître
Antonia Bill als Nathalie
Tilo Nest als Lacenaire
Sascha Nathan als Theaterdirektor
Martin Rentzsch als Jericho; Graf de Montray
Veit Schubert als Anselme Deburau; Wirt; Kommissar
Mitja Ley als Avril
Marc Unruh als Scarpia Barrigni
Sam Hinzmann / Liam Kinli als kleiner Baptist
Livemusik: Eef van Breen (Blechblasinstrumente, Gesang), Biliana Voutchkova (Violine), Antonis Anissegos (Tasteninstrumente)
Akrobatik: Marula Bröckerhoff, Kristina Francisco, Lukas Flint, Marvin Kuster, Mitja Ley, Karlo Janke, Marc Unruh
Dauer: 3 Stunden, eine Pause
Die Premiere am Berliner Ensemble war am 20.01.2018
Termine: 24.01. / 07., 18., 25.02.2018

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/

Zuerst erschienen am 22.01.2018 auf Kultura-Extra.

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Untot und aus der Welt gefallen – Anne Habermehls „Outland“ in den Sophiensaelen und Ersan Mondtags „Letzte Station“ im Berliner Ensemble

Mittwoch, Dezember 20th, 2017

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Outland – Anne Habermehl inszeniert in den Sophiensaelen ihr neues Stück über Menschen, die aus verschieden Gründen aus der Welt gefallen sind.

Outland in den Sohiensaelen Berlin
Foto (c) Bettina Werner

Die Stücke der 1981 in Heilbronn geborene Dramatikerin Anne Habermehl sind bisher in Hamburg, München, Wien, Chemnitz oder Tübingen aufgeführt worden. Gern übernimmt sie dabei auch die Inszenierung selbst. So etwa bei Luft aus Stein am Schauspielhaus Wien oder Narbengelände am Thüringischen Landestheater Gera/Altenburg. Mit Letzterem, einem Generationenstück, das Lebensgeschichten im Vor- und Nachwende-Thüringen thematisiert, war sie 2011 zu den Autorentheatertagen am Deutschen Theater Berlin eingeladen. Und auch in ihrem neuen Stück Outland, das Habermehl an den Berliner Sophiensaelen wieder selbst zur Uraufführung brachte, geht es um drei Generationen von Menschen, die ihren Platz in der Gesellschaft verloren haben. Anhand von vier Episoden werden Menschen verschiedenen Alters vorgestellt, die aus Gründen körperlicher oder innerer Versehrung aus dieser Welt gefallen sind. Gesellschaftliche Verwerfungen haben auch hier Narben in den Seelen und Gemütern der ProtagonistInnen hinterlassen, was Habermehl in ihrer typischen, auch als „schmerzvoll-poetisch“ bezeichneten Sprache beschreibt.

Zunächst ertönt allerdings ein vierstimmiges Gewirr aus beängstigenden Zustandsbeschreibungen und zynischen Selbstoptimierungsphrasen, die mehr oder weniger Ausdruck allgemeiner Hilflosigkeit sind, wie etwa: „Ich funktioniere. Das Leben ist kein Zuckerschlecken. Ich kann mit Enttäuschungen umgehen. Ich frage immer nach dem Sinn. Ich bin im freien Fall. Ich bin ein Vogel, der mit ausgebreiteten Flügeln gegen die Scheibe knallt. Ich suche nach dem Wir, Ich finde nur das Ich.“ Ob nun tatsächlich noch „in Balance“, oder schon „komplett im Arsch“, die Figuren leiden ganz offensichtlich unter einer rasenden Angst vor Kontrollverlust und Einsamkeit.

 

Outland in den Sohiensaelen Berlin – Foto (c) Detlev Schneider

 

Das kennzeichnet vor allem auch die Beziehungen untereinander. Eine junge Frau, die wieder mal ihren Job verloren hat, sucht Verständnis für ihre offensichtlich psychischen Probleme bei ihrem Chef, der in ihr aber nur einen seltsamen Menschen sieht und sich nicht für ihre Existenzprobleme zuständig fühlt. Auch von ihrer Mutter bekommt die junge Frau nur Vorwürfe zu hören. Man vermag nicht miteinander zu reden. Ähnlich ist es mit der zunächst großen Liebe eines Mädchens zu ihrem Freund. Gemeinsam fühlt man sich stark die Welt zu verändern, geht auf Konzerte, kifft und hört Joy Division. Als der Junge dann allerdings beginnt an einer schizophrenen Psychose zu leiden und Stimmen im Kopf ihn zu einen Selbstmordversuch treiben, kann das Mädchen mit dieser Situation nicht umgehen und verlässt den im Krankenhaus unter Psychopharmaka stehenden Freund.

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Anne Habermehl versucht in ihrer Inszenierung den Text vor allem in Bewegung zu übersetzen. Distanz und Nähe lassen sich im großen Saal auch besonders gut darstellen. Anne Haug und Ingo Tomi gehen als Liebespaar in den Clinch, erst klammert sie, dann geht sie wieder auf Abstand. Dazu kriecht irgendwann Sabine Waibel unter den weiten Strickpullover des schizophrenen Jungen. Dazu spielt Musiker Philipp Weber einen minimalistischen Keyboardsound, der sich zunehmend verstärkt, wenn das Ensemble Plastiksäcke mit Federn auf der Bühne entleert, darin tollt und viel im Kreis rennt.

 

Outland in den Sohiensaelen Berlin – Foto (c) Detlev Schneider

 

Den Geschichten verleiht das durchaus eine zusätzliche Intensität. Wie in einem weiten Feld aus Schnee steht einsam Sabine Waibel als Ärztin, die in einer Ethikkommission mitentscheiden soll, wann ein Leben zu Ende ist, aber gerade mit ihrem eigenen nicht klar kommt. Der Sohn ist weg, die Polizei kann keine Hinweise und nichts wirklich Seltsames auf seinem PC finden. Derweil demonstrieren radikale Christen vor ihrer Wohnung, in der sich die Mutter einen Joint des Sohns reinzieht und Visionen bekommt. Zunehmend ratlos googelt sie nach Problemlösungen, geht zu einem Priester, obwohl sie nicht gläubig ist, oder befragt die Lehrer ihres Sohnes. Irgendwann ist der Filius wieder da, war nur kurz im Wald und sagt seiner Mutter, dass nicht immer alles nur mit ihr zu tun hat.

Sabine Waibel spielt diese Hilflosigkeit einer Mutter glänzend. Die Suche nach dem Sohn wird zur Suche nach Erlösung. Die Fragen nach Liebe, Spiritualität, Lebensethik drehen sich beständig im Kreis, begleitet von einem mehrstimmigen Sound aus Stimmen, den die anderen Spieler wie ein atmosphärisches Summen besteuern. Den Kreis der Genrationen und seelisch wie geistig Versehrten schließt Manfred Andrae als ins Altersheim abgeschobener Großvater, der bisher im Rollstuhl saß und nun von den anderen in einen Anzug gekleidet und von der Seite souffliert einen Monolog aus Erinnerungen an sein Leben und seine Tochter hält. Ein langsam verlöschender Geist gefangen im verfallenden Körper, der nochmal die Fragen nach Schuld und Verantwortung stellt, während die anderen die Bühne säubern. Andrae spricht einerseits von einem Land, das weder Fragen stellt, noch Antworten will und anderseits sich von 14-16 Uhr im Flüchtlingsheim von seinem Gewissen und Geschichtskoma befreit. Das Hohelied der Liebe klingt hier wie Hoffnung und Abgesang zugleich.

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Outland (Sophiensaele, 02.12.2017)
Text und Regie: Anne Habermehl
Bühne: Christoph Rufer
Musik: Philipp Weber
Kostüme: Bettina Werner
Dramaturgie: Juliane Hendes
Licht, Technik: Joscha Eckert
Mit: Manfred Andrae, Anne Haug, Ingo Tomi, Sabine Waibel
Die Uraufführung war am 02.12.2017 in den Sophiensaelen
Termine: 03., 04., 05., 06.12.2017

Infos: http://www.sophiensaele.com/

Zuerst erschinen am 04.12.2017 auf Kultura-Extra.

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Lahmes Zombietheater – Ersan Mondtag scheitert am Berliner Ensemble mit seiner düsteren Sterbeelegie Die letzte Station

Die letzte Station am Berliner Ensemble – Foto (c) Armin Smailovic

Zur Situation alter Menschen in unserer Gesellschaft gibt es recht wenig Stoffe für das Theater. Die wenigen, die sich mit den Problemen des Alterns und dem Sterben befassen, betrachten das meist aus dem Blickwinkel der jüngeren Generation, die am Totenbett eines Elternteils oder nach dem Tod beim Ausräumen der elterlichen Wohnung über verpasste Chancen der Verständigung und das eigene Leben reflektieren. Über den Prozess des Wegsperrens der Alten und ihr unwürdiges Dahinsiechen in Pflegeheimen hat die junge Schweizer Dramatikerin Katja Brunner mit geister sind auch nur menschen einen sehr starken Theatertext geschrieben, den die Regisseurin Claudia Bauer (mit 89/90 auf dem letzten THEATERTREFFEN) auf der kleinen Bühne des Schauspiels Leipzig in eindrucksvolle und bildstarke Choreografien übersetzte. Für das Berliner Ensemble unter dem neuen Intendanten Oliver Reese versucht Regie-Jungstar Ersan Mondtag nun Ähnliches. Die letzte Station heißt diese neue Bühnenarbeit, für die Mondtag und Ensemble in drei Berliner Alteneinrichtungen recherchiert haben.

Das ist leider gründlich in die Inkontinenzhose gegangen. Der gute Wille – bei Ersan Mondtag auch immer mit einem großen Willen zur Form gepaart – ist erkennbar, allerdings kommt der Abend nicht über eine in sämtliche Klischeefallen stolpernde Ärgerlichkeit hinaus. Zunächst aber herrscht Stille über einem Bühnensetting mit Tannenwäldchen, Ziehbrunnen und Holzhausskelet, vor dem Neu-BE-Schauspielerin Judith Engel mit Grauhaarperücke und beigefarbenem Kostüm sitzt und andächtig wartet. Worauf wird erst nach ein paar Minuten klar, wenn Constanze Becker in Nachthemd und Pantoffeln mit einem Koffer in der Hand somnambul in Richtung Wäldchen schlurft. „Gehen Sie ruhig weiter.“ wird ihr Judith Engel im Lauf des Abends immer wieder bedeutungsvoll zuraunen. Scheinbar ist sie aber noch nicht bereit, den letzten Schritt in Richtung Jenseits zu tun, von dem man wie in einem dichten Wald nicht weiß, was einen dort erwartet. Dagegen kommen nun weitere Figuren aus dem Wäldchen heraus, sich sanft wiegend und die alte, sichtlich verwirrte Frau in die Mitte nehmend. Sie gehören neben dem kleinwüchsigen BE-Schauspieler Peter Luppa hauptsächlich zur Tanzgruppe Dance On (also: Tanz weiter), das aus TänzerInnen deutlich jenseits der 40 besteht.

 

Die letzte Station am Berliner Ensemble
Foto (c) Armin Smailovic

 

Das hat zunächst durchaus auch etwas Unheimliches, für das die Gruselmärchen der Brüder Grimm Pate gestanden haben mögen. Ein leicht dementes Krippenspiel unter Heiminsassen wird hier gegeben, das sich nach und nach von „Stille Nacht“ zu einem Altersalbtraum in Moll verwandelt. Der etwas zähe Abend schwankt dabei zwischen senilem Dahindämmern, schwindenden Erinnerungssplittern der Frau an den Mann Karl (Laurence Rupp), ihre Kinder und das Sterben der Mutter sowie einer akuten Altersdepression, die sich hier in ein paar aggressiven Schüben seitens Constanze Beckers Figur Hanna äußert. Das Warten auf das Ende wird immer wieder durch kleine Zwiegespräche der beiden Frauen unterbrochen. Der ansonsten recht sparsame Text schwingt sich dabei sogar zu einigen philosophischen Betrachtungen auf. „Sie haben ihr Leben bekommen, sie mussten es leben, jetzt geben sie es wieder hin. Sie wurden in die Windel geboren, sie gehen in die Windel zurück.“ Dabei erweist sich angesichts der voranschreitenden Demenz letztendlich sogar der Jean-Paul-Aphorismus von der Erinnerung, als einzigem Paradies, aus dem man nicht vertrieben werden kann, als schnöde Lüge.

Die vor sich hin dämmernde Inszenierung macht einem das Verstreichen von Lebenszeit bleiern spürbar. Wären da nicht die auflockernden Tanzeinlagen der Dance-On-Mitglieder, die wie untote Geisterwesen oder Hirngespinste Hannas sich mal ironisch kabbeln, mal slapstickartiges Ringelreihen, Square Dance oder eine hinreißende Tremor-Performance vollführen, man müsste wohl allein schon aus Langeweile zu Grunde gehen. Die Frage nach dem Danach erschöpft sich dann allerdings nur in einer unversöhnlichen Hass-Suada Constanze Beckers über ein angeblich friedvolles Ende in Sterbehotels am Stadtrand und die Verlogenheit der Weihnachtsgeschichte. Ein abschließender großer Knall mit Supernova, schwarzem Loch und Zombiefluch. Der Abend möchte einem die Wut der Vergessenen ins Gesicht schreien und dabei noch möglichst kunstvoll aussehen. Leider scheitert Ersan Mondtag bei dem Versuch, das in anschaubares Theater zu verwandeln.

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Die letzte Station (BE, Kleines Haus, 14.12.2017)
von Ersan Mondtag
Regie: Ersan Mondtag
Bühne: Stefan Britze
Kostüme: Raphaela Rose
Musik: Diana Syrse
Licht: Ulrich Eh
Künstlerische Beratung: Clara Topic-Matutin
Mit: Constanze Becker, Judith Engel, Peter Luppa, Laurence Rupp, Ty Boomershine, Brit Rodemund, Christopher Roman, Jone San Martin, Frédéric Tavernini
Die Uraufführung war am 14.12.2017 im Kleinen Haus des Berliner Ensembles
Dauer: 90 Minuten, keine Pause
Termine: 19., 20., 21., 28., 29., 31.12.2017 / 09., 10., 11., 18., 19., 20.01.2018

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/

Zuerst erschienen am 17.12.2017 auf Kultura-Extra.

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„Les Misérables“ am Berliner Ensemble – Frank Castorf siedelt seine Bühnenbearbeitung des großen sozial-moralischen Elends-Romans von Victor Hugo im vorrevolutionären Kuba an

Sonntag, Dezember 10th, 2017

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„Frank Castorf ist der einzige Überlebende einer Zeit, in der man sich und die Welt auf der Bühne noch zur Disposition gestellt hat – inklusive Liebe und Politik; der letzte Mohikaner einer Idee, Theater als Gedankenmaschine zu betrachten.“Christoph Schlingensief

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Foto Schaukasten BE – St. B.

Mit Les Misérables (Die Elenden) hat der französische Schriftsteller Victor Hugo ein bedeutendes mehrteiliges Romanwerk geschaffen, das Charles Baudelaire zur Recht einen aufpeitschenden Mahnruf an eine selbstgefällige Gesellschaft bezeichnete. Neben dem Schreiben dieses fast 1500seitigen Sozialromans begann Hugo 1944 auch eine politische Karriere erst im Pariser Oberhaus und nach der Februarrevolution 1948 mit dem Sturz der Junimonarchie auch in die gesetzgebende Nationalversammlung. Nach der Restauration der Monarchie 1851 durch Kaiser Napoleon III. muss Hugot erst nach Belgien und später auf die Kanalinseln Jersey und Guernsey ins Exil. Auf Guernsey beendet er 1862 den Roman und betritt Frankreich erst wieder 1871 nach dem Sturz Napoleons infolge der Niederlage Frankreich gegen die Deutschen in der Schlacht von Sedan. Nach dem niedergeschlagenen Aufstand der Pariser Commune setzt Hugo sich auch für eine Amnestierung der inhaftierten Kommunarden ein.

Die Pariser Commune ist es aber nicht, was den Ex-Volksbühnenintendanten Frank Castorf an Victor Hugo gereizt hat. Seine Adaption des Romans, den er ebenfalls unter dem Titel Les Misérables in seinem Exil am Berliner Ensemble, 20 Jahre nach seinem letzten Auftritt mit Heiner Müllers Der Auftrag am Schiffbauerdamm, für die erste Spielzeit des neuen Intendanten Oliver Reese inszeniert hat, verlegt Castorf ins revolutionäre Kuba der Batista-Diktatur und deren Sturz durch den Aufstand der Revolutionäre um Fidel Castro. Auch Hugos Roman befasst sich mit den Pariser Juniaufstand von 1832. Mit diesen ausführlich beschriebenen Barrikadenkämpfen bricht die Geschichte in die fiktive Erzählung um den ehemaligen Galeerensträfling Jean Valjean, der nach 19 Jahren Bagno, wo er wegen des Diebstahls eines Brots und mehrerer Fluchtversuche inhaftiert war, entlassen wird. Der Roman beschreibt Valjeans mühsame Rückkehr in die Gesellschaft, seine Wandlung hin zu Menschlichkeit und moralischem Handeln in einer barbarischen Welt voller sozialer Missstände.

„So lange kraft der Gesetze und Sitten eine sociale Verdammniß existirt, die auf künstlichem Wege, inmitten einer hoch entwickelten Civilisation, Höllen schafft und noch ein von Menschen gewolltes Fatum zu dem Schicksal, das von Gott kommt, hinzufügt; so lange die drei Probleme des Jahrhunderts, die Entartung des Mannes durch das Proletariat, die Entsittlichung des Weibes infolge materieller Noth und die Verwahrlosung des Kindes, nicht gelöst sind; so lange in gewissen Regionen eine sociale Erstickung möglich sein wird, oder in andern Worten und unter einem allgemeineren Gesichtspunkt betrachtet, so lange auf der Erde Unwissenheit und Elend bestehen werden, dürften Bücher wie dieses nicht unnütz und unnötig sein.“ heißt es dann auch zu Beginn von Hugos Roman.

 

LES MISÉRABLES am Berliner Ensemble
Foto (c) Matthias Horn

 

Auch wenn sich Frank Castorf viel mit Dostojewski und seinen Romanen voller religiöser Motive, Schuld- und Sühnegedanken befasst hat, ist er dennoch kein großer, fingerschwingender Moralist auf dem Theater. Hugos Roman ist ihm wie immer Themenlieferant für eine Verschränkung verschiedener Orte und Zeitebenen, die er angereichert mit jeder Menge Fremdmaterial dem Publikum als geschichtliches Mash-up vor die Füße kippt. Dafür hat im Aleksandar Denić wieder eines seiner großartigen monumentalen Bühnenbauwerke ins Berliner Ensemble gestellt. Die Häuserfront einer kubanischen Zigarrenfabrik, ein Gemüsemarktstand und ein mit Wachturm und Stacheldraht umzäuntes Lager, das unschwer an Guantanamo gemahnt, bilden ein „Casino de Cuba“, dessen düstere Innenräumen wieder mit der Handkamera ausgeleuchtet und nach draußen projiziert werden.

Zunächst aber sitzt dort der 85jähriger Schauspieler Jürgen Holtz und hält einen langen, bedeutsamen Monolog über das Pariser Abwassersystem. Eine kilometerlange Kloake, ein Moloch aus den unterirdisch verschlungenen Gedärmen der Stadt Paris, die jährlich 25 Millionen Franc ins Meer spülen. Die Verschwendung wertvollen, menschlichen Düngers, wie es da u.a. heißt. Das wäre in China nicht passiert. In dem seitenlangen Kapitel Das Innere des Lewiathan berichtet Hugo über die Jahrhunderte dauernde Entstehung dieses alten Kanalsystems. „Eine 60 Meilen Scheißegrube aus Schmutz und Lügen“ heißt es da, aber auch: „Die Wahrheit der Kloaken gefällt uns, denn sie beruhigt unser Gemüt“. Die Kanalisation als große Gleichmacherin. Hugo bewegen zum Thema Untergrund aber noch ganz andere Gedanken, die Castorf an diesem Abend seinem durch die Kulissen irrlichterndem Ensemble immer wieder in den Mund legt: „Die Geburtswehen der Zukunft gehören zu den Visionen der Philosophen. Die Erde als Fötus der Vorhölle, was für ein unerhörtes Bild.“

 

LES MISÉRABLES am Berliner Ensemble
Foto (c) Matthias Horn

 

Ein wahrlich großer Auftakt des alten BE-Mimen und eine bildliche starke Metapher für das nun folgende. Später gibt Holzt den Bischof Myrel, dem Jean Valjean (Andreas Döhler), nachdem er von ihm in einem Akt der Mildtätigkeit von der Straße weg zum Abendmahl geladen wurde, das Silberbesteck samt Leuchter klaut. Doch zunächst beschäftigt sich die mit 7 ½ Stunden etwas übers Planziel hinausschießende Inszenierung in den ersten 1 ½ Stunden mit dem Roman Drei traurige Tiger (1967) vom kubanischen Revolutionsteilnehmer und späteren Exildichter Guillermo Cabrera Infantes. Der Roman spielt Ende der 1950er Jahre, in denen Kuba, regiert durch den korrupten Diktator Batista, noch Hinterhof der USA und Havanna das Klein-Paris der Karibik war. Eine Gruppe von jungen Künstlern tigert durch das Havanna der Nachtclubs und Bars. Was Thelma Buabeng, Patrick Güldenberg, Oliver Kraushaar, Sina Martens, Aljoscha Stadelmann und die schon in Castorfs Volksbühnen-Faust groß aufspielende Valery Tscheplanowa dann hier auch ausgiebigst und zum Teil wüst kalauernd tun. Von den Fürzen als Seufzer des Körpers bzw. Räusper der Seele bis zum Zungenbrecher aus Cabreras Roman: „Drei traurige Tiger trinken trüben Drüsentee.“

Heiner Müllers Der Auftrag – Erinnerung an eine Revolution passt da ebenso gut hinein, wie der hymnische, in schwarz-weiß gedrehte Revolutionsfilm Soy Cuba (Ich bin Kuba) des sowjetischen Regisseurs Michail Kalatosows aus dem Jahr 1964, der hier immer wieder über die Leinwand flimmert. Es geht also um den Kolonialismus, mit dem unverstellten Blick aus Lateinamerika auf ein eurozentrisches Weltbild. Und wenn der Sozialreformer Hugo in seiner idealistischen Rede bei der Eröffnung zum Pariser Friedenkongress 1849 von der Idee der Vereinigten Staaten von Europa nach dem Vorbild der USA, dem Ende aller Kriege und dem Fortschritt träumt, dann gerät schnell der Rest der Welt in Vergessenheit. Frank Castorf lässt die Rede vor der Pause wie eine alte Tonaufnahme mit Kratzern von Jürgen Holtz sprechen. Momentan trägt sich wieder mit diesem Gedanken der in den Wahlen zum Bundestag gescheiterte SPD-Vorsitzende und ehemalige Europapolitiker Martin Schulz.

 

LES MISÉRABLES am Berliner Ensemble
Foto (c) Matthias Horn

 

In diesem nach Baal in Indochina und Faust in Algerien wie der dritte Teil einer Kolonialismustrilogie wirkenden Inszenierung kommt wieder Abdoul Kader Traoré die Rolle des schwarzen Emissärs Sasportas aus Heiner Müllers Auftrag zu, der diesmal wesentlich mehr Raum einnimmt und in verteilten Rollen auch von Stefanie Reinspergers als die Revolution verratender Debuisson gesprochen wird. „Die Heimat des Sklaven ist der Aufstand“, zitiert Traoré, sagt aber auch, dass die Sklaverei nicht aus der EU-Zivilisation verschwunden sei. Dann legt er noch ganz nach jakobinischer Tradition mit Hugos Abhandlung über den Unterschied von Aufruhr und Aufstand nach und gibt einen schwarzen Voodoopriester, dem Fantine (Valery Tscheplanowa) Haare und Schneidezähne verkauft.

Natürlich handelt Frank Castorf auch die wichtigsten Stationen des Romans ab. Beginnend mit dem Martyrium jener Fantine, die ihre Tochter Cosette bei dem habgierigen Wirtsehepaar Thénardier (großartig fies von Aljoscha Stadelmann und Stefanie Reinsperger gespielt) in Pflege gibt, um sich und das Kind mit der Arbeit in einer Fabrik über Wasser zu halten. Valjean wird von Andreas Döhler zunächst als lautstarker Prolet eingeführt. Er scheint hier wie mal eben aus seiner Rolle des Franz Biberkopf aus dem DT herübergeeilt. Später als zu Geld gekommener Bürgermeister von Montreuil, rettet er die aus der Fabrik Entlassene vor dem Gefängnis und zahlt ihre Schulden. Dazwischen schiebt Castorf in langen Mono- und Dialogen die Jagd des hartnäckigen Inspektors Javert (Wolfgang Michael) nach dem ehemaligen Sträfling. In einigen Szenen nebst wildem Barrikadenkampf sieht man den jungen Rocco Mylord als pfiffigen Gassenjungen Gavroche, der später in Totenkopfmaske durch die rattenverseuchte Pariser Unterwelt führt.

LES MISÉRABLES am Berliner Ensemble
Foto (c) Matthias Horn

Irgendwie steht Castorf aber auch die Handlung des Romans beim Abspulen seiner eigentlichen Story immer wieder im Weg. So kann er im zweiten, ebenfalls an die 3 ½ Stunden dauernden Teil nicht mehr an den Fluss vor der Pause anknüpfen. Nach einem vom Balkon herunter munter philosophisch meanderndem Rededuell zwischen Aljoscha Stadelmann und Stefanie Reinsperger reibt sich die Inszenierung zwischen ausufernden Fremdszenen, Klamauk mit Hustenpastillen und dem Zweikampf zwischen Valjean und Javert auf. Das wirkt dann mit seinem Diskurs über Schuld und Sühne zunehmend einschläfernd und bricht erst weit nach Mitternacht irgendwo einfach ab. Wie man nun hört – geschickter PR-Gag, oder einfach aus der Not eine Tugend machend – wird es in Zukunft eine gestraffte 6-stündige Version und eine Art Directors-Cut mit noch nicht gezeigten Szenen geben, der mit über 8 Stunden und zwei Pausen das Herz der Castorf-Fans sicher höher schlagen lassen dürfte.

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Les Misérables
nach Victor Hugo
Regie/Bearbeitung: Frank Castorf
Bühne: Aleksandar Denić
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Dramaturgie: Frank Raddatz
Mit: Thelma Buabeng, Andreas Döhler, Patrick Güldenberg, Jürgen Holtz, Oliver Kraushaar, Sina Martens, Wolfgang Michael, Aljoscha Stadelmann, Stefanie Reinsperger, Rocco Mylord, Abdoul Kader Traoré, Valery Tscheplanowa
Premiere war am 01.12.2017 im Berliner Ensembles
Termine: 15., 16., 28., 29.12.2017 / 06., 07.01.2018

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/

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„Eine Familie“ und „Eine Frau“ – BE-Intendant Oliver Reese setzt mit Stücken von Tracey Letts ganz auf die Publikumswirksamkeit US-amerikanischer Well-Made-Plays

Mittwoch, November 22nd, 2017

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EINE FAMILIE am BE
Foto (c) Birgit Hupfeld

Oliver Reese, Intendant des neuen Berliner Ensembles, legt sich nicht erst seit kurzem in die Bresche für das well-made Play, den gut gemachten Theaterhappen, der von Kritikern auch schon mal als geschmackloser Whopper bezeichnet wird, wie soeben in einem Artikel der US-amerikanischen Theaterwissenschaftlerin Amy Stebbins für die Hamburger Wochenzeitschrift Die Zeit. Stebbins vergleicht darin zunächst Stücke von Autoren wie Tracy Letts oder Noah Haidle mit dem „satt und friedlich“ machenden und „überall auf die gleiche Weise: nach nichts“ schmeckenden Stück amerikanischen Fastfoods, bevor sie sich näher mit dem durch Nestroy- und Pulitzerpreis geadelten Stück Geächtet von Ayad Akhtar auseinandersetzt. Ganz so schlecht wie Akhtars well-made Play, dem Stebbins gar Islamophobie und eine identitäre Ideologie vorwerfen möchte, kommt Tracy Letts nicht weg. Besonders sein ebenfalls mit dem Pulitzerpreis geehrtes Erfolgsstück Eine Familie läuft an vielen deutschsprachigen Bühnen und ist von Oliver Reese auch schon für das Schauspiel Frankfurt inszeniert worden. Nach der Übernahme ans Berliner Ensemble konnte sich nun auch das Hauptstadtpublikum von der Güte des Stücks überzeugen. Das Publikum signalisiert durchaus Zufriedenheit. Die Kritiken fielen dagegen etwas verhaltener aus.

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Auch ich verstehe ehrlich gesagt nicht ganz, warum Tracy Letts‘ Stück (wir kennen leider nur dies eine, die frühen Stücke sollen ja noch richtige Skandale ausgelöst haben) nun in Deutschland hoch und runter gespielt wird. Die starbesetzte Hollywood-Verfilmung von John Wells wird einiges dafür getan haben, den wohlmundenden Happen geschmacklich aufzuwerten. Als geschmacksverstärkend wirkt bekanntlich nicht nur an der Kinokasse sondern auch am Theater immer noch das richtige Ensemble. Und das hat in diesem Fall Oliver Reese, der hier mit einigen auch in Berlin bestens bekannten DarstellerInnen aufwarten kann. Allen voran Ex-Schaubühnen-Star Corinna Kirchhoff und Ex-DT-Schauspielerin Constanze Becker in den Rollen der sich fetzenden Mutter und Tochter Weston.

 

EINE FAMILIE am BE – Foto (c) Birgit Hupfeld

 

Besonders Kirchhoffs im Alkohol- und Tablettenrausch delirierende Violet Weston führt sich zu Beginn schon entsprechend ein. Trotz des sie plagenden Mundhöhlenkrebs, der Auslöser ihrer Tablettensucht ist, macht sie schon mal mit einem knalligen „Du kannst eine Sau in den Arsch ficken“ bekannt, was sie von ihrem ebenfalls zynischen, dauerbedröhnten Ehemann Beverly (Wolfgang Michael) hält. Letts nimmt hier kein Blatt vor den Mund, wenn er über die zerrütteten Familienverhältnisse der Westons schreibt, und Reeses Ensemble nimmt den Ball dankbar auf, wenn es, von Reeses Regie nicht weiter behelligt, gnadenlos chargiert und sich in Stellung bringt. Das kann noch am besten Bettina Hoppe als etwas unscheinbare Tochter Ivy, die sich nun gegen das Muttertier behaupten muss. Der Hauptpart der Auseinandersetzung mit Mutter Weston liegt aber bei Beckers Tochter Barbara, die gegen Ende ihrer Mutter fast vollständig zu gleichen beginnt. Der über Generationen andauernde, patriarchale Familienterror zeigt nun an den Frauen seine welken Früchte.

Aber ansonsten ist es salopp ausgedrückt schon ein rechter Schmarrn. Dass der amerikanische Traum und die Familie am Arsch sind, weiß man seit Arthur Miller und Tennessee Williams. Letts kann dem nicht allzu viel Neues hinzufügen, außer vielleicht einer diskriminierten Ureinwohnerin als Dienstmädchen(Katrin Hauptmann). Zumindest scheint man in den Dramaturgiestübchen des subventionierten Stadttheaters mit dem Frauenbild, das hier teilweise transportiert wird, kein Problem zu haben. Letts soll ja seine eigenen Eltern als Vorbild genommen haben. Aber warum bekommt man hier eher Mitleid mit den geplagten Herren der Schöpfung, die scheinbar schicksalhaft von keifenden Furien in den Wahnsinn und Selbstmord durch Be- und schließlich Ersaufen getrieben werden? Wo reflektiert der Autor einmal die Ursache dessen?

 

EINE FAMILIE am BE – Foto (c) Birgit Hupfeld

 

Dafür trägt Letts dick auf mit Untreue, Habgier, Verlogenheit, Notgeilheit, Inzucht, Rassismus etc. Das grenzt fast schon an eine griechische Tragödie. Nur ohne wirkliche Fallhöhe. Der exemplarische Verursacher bekommt einen netten Anfangsauftritt als älterer, in seine Bücherwelt zurückgezogener Herr und darf sich dann aus dem Dilemma durch mysteriöses Verschwinden mit anschließendem Suizid selbst herausexpedieren. Der alte Mann zitiert mit seinem Bonmot „Das Leben ist lang.“ aus T.S. Eliots „The Hollow Men“. Schöne versoffene Selbsterkenntnis oder besser noch elendiges Selbstmitleid. Dass das im Grunde schon am Anfang feststeht, nimmt dem Ganzen irgendwie die echte Pointe. Aber gut, einen Anlass muss der irre Familientanz ja haben. Aber was sagen uns verwahrloste Intellektuelle aus dem Mittelwesten, was wir nicht schon von Tschechows nutzloser Intelligenzija erfahren haben? Irgendwelche Zusammenhänge zur Ära Busch und Trump lassen sich sicher konstruieren. Vielleicht waren die da drüben bei Clinton und Obama grad mal weniger auf irgendwelchen Pillen drauf, oder auch auf anderen. Der Rassismus und die Misogynie sind aber keine Erfindungen der Ära Trump. Das Übel liegt bekanntlich sehr viel tiefer.

Well-made bleibt eben auch nur ein Label, was man diesen meist aus dem Englischen und Amerikanischen stammenden Stücken anklebt. Sie lassen sich mit entsprechendem Ensemble sehr gut fürs Publikum umsetzen. Was leider noch nicht viel über die inhaltliche Güte aussagt. Letts hat zwar eine sehr direkte, rotzige Sprache. Das macht ihn interessant. Mehr aber auch nicht. Diese Spitzen lassen sich leicht brechen. Es ist letztendlich doch nur ein Abklatsch von Altbewährtem. Die Vorbilder lassen sich mühelos erkennen. Letts hat auch eine Version der Drei Schwestern geschrieben. Da stellt er sich bestens in die Reihe von Tschechow- und Ibsen-Modernisierern wie u.a. Simon Stone.

Für eine „Cocktail-Party“ nach T.S. Eliot fehlt hier der unbekannte Gast zur Würze. Aber zumindest ist der Versuch der Umsetzung von Erkenntnissen aus Eliots Stück wie „Die Hölle, das sind wir selbst.“ oder „Man kommt an einen Punkt, wo jede Empfindung aufhört, und dann sagt man, was man denkt.“ erkennbar. Nur führt das zu keinem nennenswerten Erkenntnis-Mehrwert, außer dass es einen gewissen Unterhaltungswert hat. Wirklich etwas anfangen kann Oliver Reese mit dem Text aber nicht. Es bleibt gehobener Boulevard mit Star-Actricen, der auch noch mit Country-Music (wenn auch stark gesungen von Carina Zichner) und On-The-Road-Videobildern zugekleistert wird.

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Eine Frau – Mary Page Marlowe im BEFoto (c) Julian Röder

Von all dem weit entfernt und doch nicht sehr viel anders gestrickt ist das neue Stück von Tracy Letts, das Regisseur David Bösch nun am 9. November im Berliner Ensemble zur Deutschen Erstaufführung brachte. Bösch ist einer der sanften jungen Talente. Böse Überraschungen muss man bei ihm nicht fürchten. Der Plot von Eine Frau – Mary Page Marlowe ist ein Stationen-Karussell, das sich von der Kindheit jener Mary Page Marlow bis zu ihrem Tod in Jahren, Personen und Orten aufgereiht auf der großen BE-Drehbühne zwar nicht linear, sondern entsprechend den verschiedenen Lebensphasen dieser Frau mal vor- und mal zurückspringend bewegt.

Bettina Hoppe, Corinna Kirchhoff, Carina Zichner und Wilhelmina Mischorr bzw. Elisabeth Moell stellen diese Frau den Lebensaltern entsprechend wechselnd dar. Annika Meier, Arsseni Bultmann bzw. Barney Lubina, Luisa-Céline Gaffron, Bineta Hansen, Ruby Commey, Martin Rentzsch, Sascha Nathan übernehmen ebenfalls im Wechsel alle weiteren Rollen von Freundinnen und Kindern über Ehemännern und Liebhabern bis zu Therapeuten und Krankenschwestern. Was schon einiges über das aus ihrer eigenen Sicht doch eher unspektakuläre Leben der Mary Page Marlow aussagt. In elf Schlüsselszenen entfalten sich vor dem Auge des Betrachters frühe Jugendträume, erste Enttäuschungen, drei Ehen, Affären, Todesfälle und ein Autounfall infolge von Alkoholsucht.

Mary Page ist ungeliebtes Kind eines streitenden Paars. Als der Vater sich aus dem Staub gemacht hat, trinkt die Mutter und lästert über die Sangesambitionen ihrer Tochter. Später wird Mary Page selbst zur Flasche greifen und einen folgenschweren Autounfall unter Alkoholeinfluss verursachen, der sie schließlich ins Gefängnis bringt. Davor hat Letts eine junge Frau (Karina Zichner) mit Ambitionen gestellt, die in den 60th nicht den High-Schoolschwarm ehelicht, weil sie einfach nur sie selbst sein will, später aber nicht mehr so genau weiß, was das eigentlich bedeutet, oder warum sie ständig fremd geht. Ihrem Psychologen gesteht sie, dabei nicht sie selbst zu sein und klagt über ihre vorgefertigte Rolle als Frau. Die Alkoholikerin und gescheiterte Ehefrau, die ihren Kindern zwischen Coke und Fritten den plötzlichen Umzug nach Kentucky erklären muss, gibt Bettina Hoppe als Reminiszenz ihrer Rolle als Frau, die gegen Türen rannte. Als aus dem Knast entlassene Dame (Corinna Kirchhoff) fängt sie nochmal neu an, aber auch eine letzte selbstbestimmte Liebe findet nur eine kurze Erfüllung. Fast schon sentimental und sogar ein wenig altersweise blickt Mary Page auf ihr Leben zurück.

 

Eine Frau – Mary Page Marlowe im BE – Foto (c) Julian Röder

 

Regisseur Bösch tut eigentlich nicht viel dazu und verlässt sich bei dieser eher unspektakulären Inszenierung ganz auf das Können seines durchweg solide agierenden Ensembles. Gespielt wird der Soundtrack einer lebenslangen Suche nach Glück und Sinn des Lebens, das mit What a wonderful World beginnt, sich mit Give me a Ticket for an Aeroplane und Run away, turn away unstet dahinzieht und als Twist in my Sobriety endet. Ein nicht nur nüchtern verlebtes Leben im Vor- und Rücklauf.

Das ist an sich alles nicht uninteressant, allerdings sehen wir hier immer nur bestimmte Schlaglichter im Leben Mary Page Marlows aufblitzen, bis sich das Bühnenkarussell aus Diners, Motels, schäbigen Wohnungen und Krankenzimmern immer wieder unbeirrt weiter dreht. Und immer stellt sich dabei die Frage, nach einem selbst- oder unabänderlich vorbestimmten Leben. Persönlich gefärbte Erinnerung oder gestörte Selbstwahrnehmung – was ist wichtig im Leben eines Menschen? Letts schüttet Mary Pages Leben wie ein unfertiges Puzzle, bei dem einige Teile nicht passen wollen und andere wiederum unter den Tisch gefallen scheinen, vor uns aus. Letztendlich fügt es sich zwar nicht, wie von der Protagonisten gewünscht, aber doch ohne große Reue. Wenn man so will, ist auch das well-made.

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Eine Familie (BE, 15.10.2017)
von Tracy Letts
Aus dem Amerikanischen von Anna Opel
Regie: Oliver Reese
Bühne: Hansjörg Hartung
Kostüme: Elina Schnizler
Musik & Songs: Jörg Gollasch
Video: Meika Dresenkamp
Licht: Johan Delaere, Steffen Heinke
Dramaturgie: Michael Billenkamp
Live-Musik: Peer Neumann, Tim Roth, Radek Stawarz, Tilo Weber, Tomek Witiak
Besetzung:
Wolfgang Michael als Beverly Weston
Corinna Kirchhoff als Violet Weston
Constanze Becker als Barbara Fordham
Oliver Kraushaar als Bill Fordham
Carina Zichner als Jean Fordham
Bettina Hoppe als Ivy Weston
Franziska Junge als Karen Weston
Josefin Platt als Mattie Fae Aiken
Martin Rentzsch als Charlie Aiken
Sascha Nathan als Little Charles Aiken
Katrin Hauptmann als Johnna Monevata
Aljoscha Stadelmann als Sheriff Deon Gilbeau
Till Weinheimer als Steve Heidebrecht
Premiere im Berliner Ensemble war am 05.10.2017
Dauer: 3 Std 30 Min, 1 Pause
Termine: 30.12.2017

Eine Frau  (BE, 16.11.2017)
von Tracy Letts
Deutsch von Anna Opel
Regie: David Bösch
Bühne: Patrick Bannwart
Kostüme: Meentje Nielsen
Musik: Karsten Riedel
Dramaturgie: Sibylle Baschung
Mit: Corinna Kirchhoff, Bettina Hoppe, Carina Zichner, Wilhelmina Mischorr / Elisabeth Moell, Annika Meier, Arsseni Bultmann / Barney Lubina, Luisa-Céline Gaffron, Bineta Hansen, Ruby Commey, Martin Rentzsch, Sascha Nathan
Premiere war 09.11.2017 im Großen Haus des Berliner Ensembles
Termine: 24.11. / 04., 21., 22.12.2017

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/

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„Selbstbezichtigung“ und „Die Entführung Europas“ – Auf der Bühne im Kleinen Haus des Berliner Ensembles lassen sich Dušan David Pařízek und Alexander Eisenach von Peter Handke und Heiner Müller inspirieren

Freitag, November 10th, 2017

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Selbstbezichtigung – In der Regie von Dušan David Pařízek versucht sich Stefanie Reinsperger an Peter Handkes frühem Sprechstück

Selbstbezichtigung mit Stefanie Reinsperger im Kleine Haus
Foto (c) Ulrike Rindermann

Eine Selbstbezichtigung ist in der Juristerei die Beantragung eines Strafverfahrens gegen die eigene Person. Bei Peter Handke ist sie ein grundsatz-philosophischer Sprechakt, bei der sich eine oder auch zwei Personen anklagen, im Laufe ihres Lebens verschiedenster Dinge und Taten schuldig gemacht zu haben. Das geht los mit der Geburt, dem Erlernen bestimmter Fähigkeiten und Regeln, über den Eintritt in die Mündigkeit und Verantwortlichkeit mit der Aufzählung kleinerer Übertretungen und Versäumnisse, bis hin zur Bezichtigung des Hochmuts, der Hybris und des Versagens in den großen Menschheitsfragen. Die Selbstbezichtigung als sprichwörtliche Lebensbeichte und Entschuldungsversuch, als eine exemplarische Kritik auch an der Sprache selbst gehört zu den frühen Sprechstücken des Schriftstellers und Dramatikers Peter Handke wie auch die Weissagung oder die weitaus berühmtere Publikumsbeschimpfung, in den 1960er Jahren von Claus Peymann uraufgeführt.

Seit vergangenem Dienstag ist nun der Wiener Neuzugang Stefanie Reinsperger in einer Übernahme vom dortigen Volkstheater dabei, sich am neuen Berliner Ensemble (im Kleinen Haus) des einen oder anderen zu bezichtigen. Regie führt der gerade am Deutschen Theater die Kafka-Adaption Amerika inszeniert habende Dušan David Pařízek, den bereits eine längere Zusammenarbeit mit Stefanie Reinsperger verbindet. Was sie gemeinsam auf die Bühne gestellt haben, reflektiert dann auch immer wieder nicht nur ein Stück schuldig gewordenes Leben, sondern auch ihre große Theaterleidenschaft. Was immer auch eine große Verführung ist, und so verteilt die Reinsperger auch vor dem Beginn als Ursünderin Eva im Bademantel Apfelschnitze ans eintretende Premierenpublikum.

 

Selbstbezichtigung mit Stefanie Reinsperger im Kleine Haus
Foto (c) Ulrike Rindermann

 

Der leidenschaftliche Mensch sündigt also, sich dessen in einem Schwall von Sätzen selbst bezichtigend. Die Reinsperger tut dies anfangs noch nackt, in embryonaler Stellung vor weißem Hintergrund, auf den von mehreren Overheadprojektoren verschwommene Kinderbilder der Schauspielerin projiziert werden. „Ich bin geworden. Ich bin gezeugt worden. Ich bin geboren worden. Ich bin älter geworden.“ In diesem Stil geht es über das Lernen bis zur ersten Erkenntnis des Ichs und der Feststellung „Ich habe mich gemacht.“ oder auch „Ich habe mich verändert.“ Dazu reckt sich Stefanie Reinsperger nach oben, spielt mit ihrem Schatten an der Wand, zieht sich ein Hemd an und geht über zum Frontalangriff ans Publikum. Und das macht sie mal charmant, mal wienerisch grantelnd, mal frivol posierend. Sie mischt dabei vermehrt auch Texte von früheren Rollen unter Handkes Sätze. Etwa aus Nora³ nach Henrik Ibsen und Elfriede Jelinek oder aus Wolfram LotzDie lächerliche Finsternis, mit dem sie und Pařízek 2015 zum Berliner Theatertreffen eingeladen waren.

Die anfängliche Euphorie wechselt aber auch mit Zweifeln, dem skeptischen Kauen der Wörter und mündet schließlich in einem großen Schuldeingeständnis. Regisseur und Schauspielerin mixen Handkes exemplarische Allerweltsschuldlitanei mit autobiografischen Splittern, was sich durchaus anbietet und auch nicht grundsätzlich falsch ist, hat Handke das Stück doch seiner ersten Frau, der Schauspielerin Libgart Schwarz gewidmet. Stefanie Reinsperger durchbricht so mit mimischer und gestischer Komik das strenge Textgerüst, verwässert dabei allerdings auch in gewissem Maße die durchaus ideologiekritischen Passagen. Der Sprachforscher und Weltverbesserer Handke gegen die Rampensau Reinsperger. Erst ganz zum Schluss erfasst sie wieder die Ernsthaftigkeit, wenn sie ganz klein am Bühnenrand kauernd mit einer Taschenlampe ins Publikum leuchtet und schluchzend zur existentiellen Beichte ansetzt, dem Geständnis nicht nur falsch gespielt, sondern die Sprache selbst geschändet zu haben. Da ist sie ganz klein und verletzbar, gleichzeitig damit aber auch wieder kokettierend. Ein Vergehen des Individuums am Gott Theater. Der Richter sitzt als anonyme Masse im Zuschauerraum. Da endet der Abend, der doch auch groß sein will, ganz still und nachdenklich.

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Selbstbezichtigung (10.10.2017, BE)
von Peter Handke
Regie: Dušan David Pařízek
Kostüme: Kamila Polívková
Licht: Stefan Pfeistlinger
Dramaturgie: Roland Koberg
Mit: Stefanie Reinsperger
Eine Übernahme vom Volkstheater Wien
Die Berlin-Premiere war am 10.10.2017 im Kleinen Haus des Berliner Ensembles
Dauer: ca. 1 Std, keine Pause
Termine: 05., 08., 09.11.

Infos: https://www.berliner-ensemble.de

Zuerst erschienen am 13.10.2017 auf Kultura Extra.

 

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Die Entführung Europas oder Der seltsame Fall vom Verschwinden einer Zukunft – Autor und Regisseur Alexander Eisenach wandelt mit einer Crime-Noir-Farce auf den Spuren von Heiner Müller

Die Entführung Europas am BE 
Foto (c) Julian Röder

Nach dem Aufführungs-Verbot des Stücks Die Umsiedlerin und seinem Ausschluss aus dem Schriftstellerverband der DDR, was faktisch einem Berufsverbot gleichkam, schrieb Heiner Müller 1961 zum Broterwerb das Kriminalhörspiel Der Tod ist kein Geschäft. Der Autor verwendete damals als Pseudonym den Namen Max Messer. Das Hörspiel wurde 1962 für den DDR-Rundfunk produziert, mehrfach gesendet und liegt in dieser Fassung seit 2004 auch als Hörbuch vor. Die Story handelt von zwei sich in den 1950er Jahren bekriegenden Gangstersyndikaten im Vergnügungsparadies Las Vegas. Ihr Geschäft sind Rauschgifthandel, Prostitution und Glücksspiel. „Ein Geschäft wie jedes andere. Genauso dreckig und genauso sauber. Dabei krisenfest.“ Wer hier überleben will, muss skrupellos sein und darf auch vor Mord und Korruption nicht zurückschrecken. Bis in höchste Kreise lässt man sich hier „das Maul mit Banknoten versiegeln“.

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Der junge Autor und Regisseur Alexander Eisenach nutzt nun Müllers durchaus politisches Kriminalstück als Folie für eine Crime-Noir-Farce mit dem Titel Die Entführung Europas oder Der seltsame Fall vom Verschwinden einer Zukunft. Darin sinnieren ein zu viel Whiskey trinkender Privatdetektiv mit Namen Max Messer (Christian Kuchenbuch), der nebenbei noch Krimiautor mit Schreibblockade ist (Mommsen Block lässt grüßen), und seine Verlegerin Margaret (Kathrin Wehlisch) über den Verbleib von Europa, der vermutlich entführten Ehefrau von Gangsterboss und Zahnarzt Jupiter Kingsby (Peter Moltzen). „Sie wusste zu viel.“ heißt es einmal im trockenen Slang eines Chandler-Romans. Um ihr Verschwinden aufzuklären, beauftragt Europas Schwester Grace (Stephanie Eidt), Messers totgeglaubte Ex, den entgeisterten Privatschnüffler mit der Suche.

„Eine Funktion von Drama ist Totenbeschwörung – der Dialog mit den Toten darf nicht abreißen, bis sie herausgeben, was an Zukunft mit ihnen begraben wurde“, sagte Heiner Müller. „Die Geschichte Europas lässt sich nur als Krimi erzählen. Die Kriminalistik ist eine archelogische Arbeit“, raunt zu Beginn Verlegerin Magret. Soweit der Plot, der sich nicht nur gewaltig nach Heiner Müllers laufend herbeizitierten, nekrophilen Totenbeschwörungen anhört, sondern auch noch mit dickem Zigaretten- und Zigarrenqualm eine möglichst authentische Müller-Atmosphäre schafft. „Der Zweck heiligt die Mittel“, heißt es in Müllers amerikanischer Gangsterstory. Für Eisenachs Tiefenforschungen in Sachen Europa ist Heiner Müller Mittel zum Zweck. Europa als historische Ausgrabungsstätte. Alles bloß eine Frage der richtigen Metapher, oder passenden Müllerpointe.

 

Die Entführung Europas am BE – Foto (c) Julian Röder

 

Man nehme ein bisschen von Mommsen Block, vermixe es mit Ajax zum Beispiel, menge etwas von Walter Benjamins Engel der Geschichte darunter und lande schließlich ohne Auftrag mit dem Fahrstuhl in Afrika. So viel auktoriale Freiheit muss sein. Und so verfährt Eisenachs geistige Müller-Achterbahn mit dem delirierenden Max Messer, der nach einem heftigen Drogencocktail in einer alptraumartigen Wahnnacht tatsächlich nicht wie bei Müller in Peru, sondern auf den Spuren Europas im afrikanischen Kongo, dem Conrad’schen Herz der Finsternis landet. Die Vermessung der Welt als Eroberung und Auslöschung. „Dieser Krimi hat mehr Tote, als Sie an einem Abend unterbringen können.“ Humanität und Fortschritt zu vereinen, bedeutet nur die fortschreitende Barbarei.

Es geht um einen Schädel mit schwarzen Diamanten, Europas koloniales Erbe und mysteriöse Briefe, die Messer nicht deuten kann. Bei Rotwein spricht man von Kartoffelsalat oder Coq au Vin und Hühnergenozid, Kunst und Kulturpessimismus. Die Zukunft Europas speist sich tief aus der Vergangenheit, die man am liebsten nur als restaurierte Schlossfassade sehen möchte. „Geschichte als Standortvorteil.“ Und so watet man hier „knietief im Amalgam“ aus Geschichte und Verbrechen, vom durchgeknallten Gangsterboss Kingsby, den Peter Moltzen herrlich in den Slapstick samt blutiger Wurzelbehandlung treibt, bis zum sehenden Anlageberater (Laurence Rupp). Teiresias meets Wall Street. „Der Preis ist das Orakel.“ Das Zeitalter des Syndikats der Zahnärzte weicht nach der Drecksarbeit dem „Kapitalozän“ der Advokaten und Börsenspekulanten.

„Der Tod ist die unvermeidliche Schattenseite einer Welt, die nichts kennt als ihre eigene Realität. Die ganzen abgehackten Hände, die versinkenden Schlauchboote, die Menschen in den Stacheldrähten, die Hungernden und Versklavten, sie sind nicht etwa das Nebenprodukt unseres Lebens, sie sind dessen Kern“, sagt schließlich die orakelnde Europa (ebenfalls Stephanie Eidt). Das hat Autor Eisenach mit Müllers Hilfe gut erkannt, die Erkenntnis aber nur in eine ulkig-überdrehte Genre-Farce überführt. Eine herrlich böse Clownerie, die der Regisseur mal als echten Film Noir auf einen Gazevorhang projizieren oder in einem mit Schachbrettmuster versehenen Bühnenkasten spielen lässt. Es macht Spaß, dem tollen Ensemble beim Eisenach‘schen Müllern zuzuschauen, aber mehr als ein etwas nebulöses Diskurskauderwelsch mit  Anleihen an die alte Volksbühne will am Ende nicht dabei rauskommen.

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Die Entführung Europas (BE, Kleines Haus, 31.10.2017)
oder Der seltsame Fall vom Verschwinden einer Zukunft
Ein Crime Noir von Alexander Eisenach
Regie: Alexander Eisenach
Bühne: Daniel Wollenzin
Kostüme: Lena Schmid , Pia Diederichs
Dramaturgie: Frank Raddatz
Musik: Sven Michelson
Mit: Stephanie Eidt, Peter Moltzen, Laurence Rupp, Kathrin Wehlisch, Christian Kuchenbuch
Die Premiere der Uraufführung im Kleinen Haus des Berliner Ensembles war der 21.10.2017

Termine: 10., 11., 12., 13., 21., 22., 23.11. / 01., 02., 03.12.2017

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/

Zuerst erschienen am 08.11.2017 auf Kultura Extra.

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„Nichts von mir“ und „Die Frau, die gegen Türen rannte“ – Oliver Reese startet am neuen Berliner Ensemble sein internationales Autorenprogramm der Gegenwart mit sperriger bis trotziger Dramenkost

Dienstag, Oktober 10th, 2017

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Nichts von mir am Berliner Ensemble – Foto (c) Julian Röder

„Eine kleine Wohnung. Leere Zimmer. Fast keine Möbel. Du und ich.“ So lauten die Eingangssätze in Nichts von mir, einem Drama des norwegischen Autors Arne Lygre, mit dem Oliver Reese neben Caligula und Der kaukasische Kreidekreis seine BE-Intendanz nun auch am Kleinen Haus (im Hof des neuen Berliner Ensembles) startet. Das Stück, das in deutscher Erstaufführung unter der Regie der slowenischen Regisseurin Mateja Koležni gezeigt wird, ist ein relativ sperriger Brocken zeitgenössischen Theaters. Es erinnert in Teilen an den norwegischen Kollegen Lygres, Jon Fosse, dessen atmosphärisch und emotional kalte Dramen wie Der Name oder Das Kind bereits an der Berliner Schaubühne zu sehen waren. Nachdem der dortige Intendant Thomas Ostermeier das Inszenieren internationaler und bevorzugt skandinavischer Dramatik auf das FIND beschränkt hat, scheint das Berliner Ensemble damit auch in eine offensichtliche Lücke gestoßen zu sein.

Schon das Bühnenbild von Raimund Orfeo Voigt, das mit den oben genannten Eingangsätzen hinreichend beschrieben ist, vermittelt den Eindruck formal starker Reduktion wie auch Lygres einfache Sprache. Um die Wirkung von Sprache geht es dann auch in diesem episodenhaften, örtlich begrenzten Beziehungsdrama (ebenfalls eine Spezialität von Jon Fosse). Sie hat sich getrennt und bezieht mit ihrem neuen Partner (Er) besagte Wohnung. Sie und Er treffen nun in unterschiedlichen Konstellationen, auch mal allein mit der Mutter, ihrem Sohn oder dem Ex in der Wohnung zusammen. Der Witz an Mateja Koležniks Inszenierung ist, dass die Figuren hier mit jeweils drei weiblichen (Judith Engel, Corinna Kirchhoff, Anne Ratte-Polle) und drei männlichen Schauspielern (Owen Peter Read, Gerrit Jansen, Martin Rentzsch) besetzt sind, die dazu identische Kostüme tragen.

 

Nichts von mir am Berliner Ensemble – Foto (c) Julian Röder

 

So entwickelt sich auf der Bühne eine Art streng choreografierter, leicht zeitversetzter Szenenreigen, der aus den immer gleichen Verrichtungen wie Duschen, Frühstück, Rauchen und Reden bestehet. Es klickt die Mikrowelle, ein Glas Wasser wird auf den Tisch gestellt, Er isst aus einer Schale, Sie kippt ein Glas Wasser aus, geht zum Rauchen auf die verglaste Veranda und lässt die Streichholzschachtel davor fallen. Er räumt ihr die Schuhe hinterher und reinigt den Aschenbecher. Da immer alles in Bewegung ist, entsteht dabei ein zunächst durchaus interessanter atmosphärischer Sog des Aneinander-Vorbeilebens und der eigentlich seelisch-emotionalen Verkrüppelung, was die inhaltlich knappen Sätze über Erinnerungen an frühere Ereignisse, Hoffnungen für einen Neustart, Zweifeln und das Sinnieren über ein wiederholtes Scheitern in der neuen Beziehung unterstützend verdeutlicht. Die stetigen Wiederholungen bilden so den Rahmen für einen Loop des scheinbar Unausweichlichen.

Sie hat ihre Tochter bei einem Unfall auf einem zugefrorenen See verloren, wofür sie sich die Schuld gibt. Sie will einen Neuanfang ohne diese Erinnerungen, eine Auslöschung ihres früheren Ichs. Der Ex will Sie dagegen gerne wiederhaben. In Gesprächen mit der Mutter und dem Sohn werden emotionale Defizite spürbar. Wer ist man eigentlich, und wieviel des anderen steckt in einem selbst? Machtspiele und Verletzungen wechseln mit dem Streben nach Zuneigung und Liebe. Dazu wechseln die Zeitebenen. Ohne Textkenntnis fällt es einem da oft etwas schwer zu unterscheiden, wer überhaupt spricht. Daher ist das Drama wohl auch im Programmheft abgedruckt worden. Trotz darstellerischer Höchstleistung und perfekter Umsetzung der Regieidee muss man sich schon etwas durch das Geschehen auf der Bühne mühen, bis Corinna Kirchhoff erneut zu den finalen Pillen greift.

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Nichts von mir (Berliner Ensemble, 06.10.2017)
von Arne Lygre
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Regie: Mateja Koležnik
Bühne: Raimund Orfeo Voigt
Video: Philipp Haupt
Kostüme: Alan Hranitelj
Musik: Mitja Vrhovnik-Smrekar
Dramaturgie: Sabrina Zwach
Choreografie: Matija Ferlin
Licht: Ulrich Eh
Mit: Judith Engel, Corinna Kirchhoff, Owen Peter Read, Gerrit Jansen, Martin Rentzsch, Anne Ratte-Polle
Uraufführung: 26.04.2014 im Stadsteatern Stockholm
Die Premiere der Deutschen Uraufführung war am 22.09.2017 im Kleinen Haus des BE
Dauer: 1 Std 20 Min, keine Pause
Termine: 14., 15.10. / 18., 19.11. / 23., 25., 26.12.2017

Zuerst erschienen am 07.10.2017 auf Kultura-Extra.

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BE-Gegenwartsoffensive – Foto: St. B.

Wesentlich mehr Dramenpfeffer bietet der Roman Paula Spencer (2006) des irischen Booker-Preisträgers Roddy Doyle (Die Commitments), den Oliver Reese bereits 2007 für das Schauspiel Frankfurt adaptierte. Nun ist die Inszenierung in einer Wiederaufnahme im Kleinen Haus des BE zu sehen. Reese hat diese monologische Lebensbeichte der Paula Spencer, einer alkoholsüchtigen proletarischen Unterschichten-Frau aus einem Arbeiterbezirk Dublins, unter dem Titel Die Frau, die gegen Türen rannte der Schauspielerin Bettina Hoppe auf den Leib geschrieben.

Hoppe ist – wie auch andere neue Ensemblemitglieder des BE – in Berlin keine Unbekannte. Sie spielte bereits am Deutschen Theater, dem Maxim Gorki Theater und der Schaubühne, bis sie Reese 2009 ans Schauspiel Frankfurt folgte. Nun steht sie in blonder aufgelöster Dauerwelle, ausgewaschenen Jeansrock und fürchterlichem 80th-Sweater auf einer weißen, gepolsterten Halfpipe, die einerseits wie ein Setting für Modefotografie aussieht, andererseits aber auch wie eine Gummizelle wirkt. Und Roddy Doyle hat da wohl von allem auch ein wenig in dieser Figur angelegt. Eine Frau, die nach diesem Lebenslauf am Rande des Wahnsinns stehen müsste, behauptet sich mit dem Selbstverständnis eines die Kamera gewohnten Models.

 

Bettina Hoppe als Paula Spencer – Foto (c) Birgit Hupfeld

 

Ein Lebenstraum, der sich für die Putzfrau Paula Spencer nicht erfüllt hat. Seit der Kindheit ist sie Hartes gewohnt. Der Titel „Schlampe“ hängt ihr früh in der Schule an. Trotzdem hat sie mit 39 Jahren das Träumen noch nicht ganz aufgegeben. Mit ihrer großen Liebe, dem Kleinkriminellen Charlo, hat Paula vier Kinder, jahrelang seine Affären und Schläge erduldet und ihn schließlich mit der Bratpfanne aus dem Haus gejagt. In ihren Worten liegt viel Mutterwitz. „Was vorne an der Tür steht, ist mit Vorsicht zu genießen.“ heißt es gleich zu Beginn, als ihr ein Polizist die Nachricht vom Tod ihres Mannes überbringt, der bei einem versuchten Bankraub mit Entführung erschossen wurde. Nun reflektiert Paula ihr Leben aus der Sicht einer unterprivilegierten Frau, die trotzdem keine Sekunde davon bereuen will. „Ich hab ihn geliebt, als ich ihn rauswarf und ich liebe ihn jetzt.“

Dabei ist natürlich auch viel Verdrängung im Spiel. Doyle würzt die mitunter schönenden Erinnerungen Paulas mit den für ihn typischen schwarzen Humor, der die Wahrheit tragikomisch verpackt. Auf die Fragen der Ärzte nach ihren blauen Flecken behauptet sie stets gegen die Tür gerannt zu sein. Bettina Hoppe interpretiert diese im wahrsten Sinne des Wortes blauäugig rückblickende Lebensbeichte der Paula Spencer sensationell mit der losen Schnodderigkeit einer unverzagten Stehauffrau. „Mein Leben hat einen tollen Soundtrack.“ Bei dem britischen 70er-Jahre-Smash-Hit der Rubettes „Sugar Baby Love“ träumt sie, zu „I Can Do It“ tanzt sie befreit auf. Die 80er und 90er gibt Paula zu nur wie im Nebel erlebt zu haben. Lichtblicke sind ihr aber die Kinder. Und sie trinkt auch nur am Abend, wenn es keiner merkt. Das aber mit aller Konsequenz. Scham und Stolz, Elend und Glanz halten sich bei ihr stets die Waage.

„Was jetzt?“ fragt sich Paula am Ende. Ob ihre einzige Hoffnung ihre selbstständige älteste Tochter ist oder sie selbst nochmal durchstarten wird, hält die Inszenierung offen. Trotzdem gelingt Oliver Reese und seiner Hauptdarstellerin Bettina Hoppe ein eindrucksvolles Portrait einer starken Frau.

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Die Frau, die gegen Türen rannte (BE, 03.10.2017)
von Roddy Doyle
Aus dem Englischen von Renate Orth-Guttmann
Regie: Oliver Reese
Bühne: Olga Ventosa Quintana
Kostüme: Lena Schwind
Licht: Steffen Heinke
Dramaturgie: Sibylle Baschung
Mit: Bettina Hoppe als Paula Spencer
Berlin-Premiere im kleinen Haus des Berliner Ensembles war am 03.10.2017
Dauer: 1 Std, keine Pause
Termine: 29.10./ 14., Do 30.11.2017

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/

Zuerst erschienen am 07.10.2017 auf Kultura-Extra.

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Camus‘ „Caligula“ und Brechts „Kreidekreis“ – Spielzeitstart am neuen Berliner Ensemble unter Oliver Reese

Mittwoch, Oktober 4th, 2017

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Albert Camus‘ Caligula – Antú Romero Nunes veranstaltet zur Eröffnung der Intendanz Reese ein nihilistisches Kettensägengeknatter mit Constanze Becker und ein paar Horrorclowns

CALIGULA am Berliner Ensemble
Foto (c) Julian Röder

Mit einer großen Gegenwartsoffensive startet Oliver Reese seine Intendanz am Berliner Ensemble. Nach dem Brecht– und Handke-Museum von Claus Peymann soll es nun also Gegenwartsdramen satt geben. Der Autor Moritz Rinke legt ein sogenanntes Autoren-Programm auf. Nur steht zur Eröffnung der neuen Spielzeit und Zeitenwende am neuen Berliner Ensemble ein auch nicht mehr ganz taufrischer Dramatiker auf dem Programm. Jung-Regiestar Antú Romero Nunes bringt mit Caligula ein Frühwerk des Existenzialisten Albert Camus auf die große Bühne des BE. Camus begann 25-jährig 1938 an der Arbeit dieses, von ihm selbst als „Tragödie der Erkenntnis“ bezeichneten Stücks. Unter dem Einfluss der Nazi-Diktatur in Deutschland verwarf er 1941 seinen ersten Entwurf. Das Stück kam erst nach dem Krieg 1945 in Paris zur Uraufführung.

Die Philosophie der Erkenntnis lag für Camus allerdings einzig in der „Binsenweisheit“: „Die Menschen sterben und sie sind nicht glücklich.“ Nachdem der junge römische Kaiser Caligula nach dem Tod seiner Schwester dies trauernd feststellt, beschließt er nach dem Unmöglichen (u.a. den Mond) zu streben und in nihilistischer Weise alle Werte umzukehren, was sich in der grenzenlosen Ausnutzung seiner Macht und besonderen Grausamkeit gegen Senatsmitglieder und Patrizier zeigt. Als historisches Beispiel diente Camus der römische Kaiser Gaius Caesar Augustus Germanicus, der dafür bekannt war, korrupte Senatoren zu foltern und hinzurichten. Von ihm ist der Ausspruch überliefert: „Sollen sie mich doch hassen, solange sie mich fürchten.“ Ein wahrhaftes Tragödienzitat.

Gehasst und gefürchtet wird auch bei Regisseur Nunes, nur eine echte Tragödie will es dann doch nicht werden. Allzu schwere Kost soll es für den Beginn der neuen Zeit am BE auch nicht sein. Nunes hat Camus‘ Stück entschlackt und einiges an Text gestrichen für eine düster-ironische kleine Horrorshow, die er mit einem mehrfachen „Nichts“ als Zitat für den verschwunden Kaiser und einer vor rotem Vorhang auf der Suche befindlichen, grell geschminkten Halloween-Clownstruppe beginnt. Roms feige buckelnde Senatoren bekommen dann auch schon bald Saures anstatt süßer Speise, was einen kurzen Tumult auslöst, der aber nach dem ersten willkürlichen Mord an einem der schlotternden Patrizier (Annika Meier) schnell verebbt.

 

CALIGULA am Berliner Ensemble – Foto (c) Julian Röder

 

Durch die grelle Horror-Clownerie der Höflinge wird nicht gleich klar, wer für wen spricht. Die Intension sie lächerlich zu machen, scheint jedoch nicht verkehrt. Der Clou des Abends ist aber, Caligula mit der Schauspielerin Constanze Becker zu besetzen. Eine triumphale Rückkehr aus Frankfurt nach Berlin, wo sie am benachbarten DT einige Jahre die Muse des nun ebenfalls am BE inszenierenden Michael Thalheimer war. Was die anderen an Geckhaftigkeit und Charche verspielen, holt Constanze Becker als zunächst melancholische Träumerin und später als blutbesudelte Motorsägenschwingerin wieder raus. Da spritzt das Blut und fliegen die Späne. Die Frau im Haus erspart den Zimmermann.

Frank Castorf hatte 2000 an der Volksbühne Camus Caligula mit Georges Batailles Das Obszöne Werk kurzgeschlossen. Die Umkehrung aller Werte ins grenzenlos freie Böse bei Camus verbindet sich mit der uneingeschränkten Wollust in Batailles Erzählung Die Geschichte des Auges zu einem Aufstand gegen den vorherrschenden Konsens der Vernunft. Die Hochzeit von Sexualität und Tod. Maßlosigkeit bis zum Exzess. Wie das so bei Castorf ausgeht, kann man bald selbst wieder am neuen BE erleben. Die Frage nach zügelloser Freiheit und Tyrannei, Maske oder Wahrheit verschwimmen bei Nunes aber zu einem unklaren Bilderbrei. Und er malt tatsächlich noch ein paar schöne, pathetische Bilder, wie etwa eine am Kreuz herabgelassene, Ave-Maria-Sängerin (Drifa Hansen), die auch mal somnambul als Engel über die Bühne schreitet. Beckers zügelloser Caligula trägt dagegen Bockshörner, spielt Flöte und singt den Marlene Dietrich-Hit Wenn ich mir was wünschen dürfte.

Den Mond gibt es dann doch nicht für Caligula, auch wenn Aljoscha Stadelmann als hilfswilliger Helicon sich redlich müht. Und auch Oliver Kraushaar als ergebene Caesonia steckt in einer etwas zu divenhaften Travestie-Nummer fest. Etwas blass auch Felix Rech als meist zitternder Anführer der Verschwörung und Ex-Volksbühnen-Schauspieler Patrick Güldenberg als wankelmütiger Poet Scipio, der sich zwar ein paar verzweifelte Hass-Duette mit dem großen, bösen Kind liefern darf, aber dann vor dem Ende abtritt, um Caligula im düstren Wald aus Orgelpfeifen – Kathedrale und Knast zugleich – freie Bahn zu lassen. An nichts zu glauben scheint diesem größer als moralisch bieder zu sein. Der Abend endet wieder vor dem roten Vorhang, unter dem der gemeuchelte Tyrann noch einmal ins Publikum lugt und ein paar prophetische Schlussworte sagt. Ansonsten hat der Abend nicht viel Erkenntnis oder Größenwahn zu bieten. Ein einzig Fest für eine große Wahnsinns-Schauspielerin.

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Caligula (BE, 30.09.2017)
von Albert Camus
Aus dem Französischen von  Uli Aumüller
Regie: Antú Romero Nunes
Bühne: Matthias Koch
Kostüme: Victoria Behr
Musik: Johannes Hofmann
Licht: Ulrich Eh
Dramaturgie: Sibylle Baschung
Mit: Constanze Becker, Oliver Kraushaar, Aljoscha Stadelmann, Patrick Güldenberg, Felix Rech, Annika Meier, Drífa Hansen
Premiere war am 21.09.2017 am Berliner Ensemble
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause
Termine: 10., 17., 18., 25., 29.10. / 03., 25., 26.11. / 26.12.2017

Infos: http://www.berliner-ensemble.de

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Der kaukasische Kreidekreis in Blut – Michael Thalheimer legt einen düsteren Brechtabend mit einer herausragenden Stefanie Reinsperger auf die leere Bühne des neuen BE

Das neue BE – Foto: St. B.

Nach den Auftakt-Premieren zum Spielzeitstart des neuen Berliner Ensembles unter der Intendanz von Oliver Reese bekam das Publikum vom Abenddienstpersonal Stoffbeutel geschenkt. Sie enthalten kleine, in schwarz-gelb gehaltene Aufkleber und Streichholzschachteln mit den Aufdrucken „Wahn“, „Gegenwart“, „Drama“. Wir nehmen mal an, dass das keine düster prophetische Wahlempfehlung ist. Ansonsten wären wir also nach Wahn (Caligula), Gegenwart (Nichts von mir) nun bei Drama angekommen.

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Der neue Hausregisseur Michael Thalheimer hat im Reigen der Eröffnungspremieren am Samstagabend den ersten Brecht auf die Bühne des neuen Berliner Ensembles gebracht. Er wählte dafür die Parabel Der Kaukasische Kreidekreis, die Bertolt Brecht 1944/45 im kalifornischen Exil schrieb und mit deren deutscher Erstaufführung er 1954 die Ära des Berliner Ensembles im Theater am Schiffbauerdamm begründete. Eine klare Aussage also, seitens des neuen BE-Teams. Das alte Logo dreht sich noch auf dem Dach, ansonsten scheint sich einiges im BE geändert zu haben. Reese startet die totale Gegenwartsoffensive mit satt gefülltem Spielplan und großem Schauspielensemble.

Der gelbe Teppich ist vor dem BE ausgerollt, und die Berliner Polit- und Kultur-Prominenz erschien so zahlreich wie selten in der vergangenen Peymann-Ära. Ohne Claus Peymann zu nahe treten zu wollen, da gibt es eine große Hoffnung auf Erneuerung. Ob sie sich allerdings erfüllen wird, dass lässt sich noch nicht letztgültig sagen. Zumindest scheint ein Anfang gemacht. Die letzte Inszenierung von Brechts Kreidekreis fand 2010 am BE statt. Der alte Peymann-Recke Manfred Karge hatte sie in leicht modifizierter Weise inszeniert. Und schaut man für einen kleinen Vergleich zurück, so lassen sich sogar einige Ähnlichkeiten mit der nun von Michael Thalheimer gestemmten Version feststellen.

 

Der kaukasische Kreidekreis am BE – Foto (c) Matthias Horn

 

Manfred Karge hatte die Rahmenhandlung des Stückparabel noch als Geschichte von früher erzählen lassen und den Kolchosenstreit um ein Stück Weideland nicht mehr ausgespielt. Bei Thalheimer ist der sozialistische Rahmen ganz gestrichen. Die Zeiten der ideologischen Brecht-Verbrämung waren schon unter Peymann nicht mehr en vogue. Ähnlich wie nun auch bei Thalheimer wurde die marxistische Rhetorik ins Programmheft verbannt. Trotzdem empfiehlt es sich, die Zeilen des neuen BE-Chef-Dramaturgen (oder etwa -Ideologen) Bernd Stegemann zu lesen. Es sind nicht etwa einfach nur Gedanken für die dramaturgische Mottenkiste, wenn Stegemann an Brechts Stückhandlung die dialektische Schönheit preist. Die Form des „sozialen Experiments“ behält dann auch Regisseur Thalheimer durchaus im Auge. „Schrecklich ist die Verführung zur Güte.“ heißt es da bei Brecht.

Dialektische Parabel des richtigen Handelns hin oder her. Im Großen und Ganzen ist dieser Satz das Grundmotiv, an dem Thalheimer seine Brechtinterpretation aufhängt. Infolge eines Umsturzes am Hofe eines grusinischen Großfürsten wird sein Gouverneur Abaschwili umgebracht. Seine Frau entkommt mit dem gesamten Hausrat, lässt aber in der Eile ihren Sohn Michel zurück. Die einfache, gutmütige Magd Grusche nimmt das Baby aus Mitleid an sich und flieht mit ihm, verfolgt von Panzerreitern des neuen Fürsten, zum Hof ihres Bruders in die Berge. Auf dieser Flucht begegnet Grusche nicht nur hilfsbereiten Menschen und wächst nach und nach über sich hinaus und in eine Mutterrolle hinein. Für das Wohl des Kindes lässt sie sich sogar von ihrem feigen Bruder verheiraten.

 

Der kaukasische Kreidekreis am BE – Foto (c) Matthias Horn

 

Erst als sich die Zeiten wieder geändert haben, verlangt die leibliche Mutter ihr Kind als Erben des Vermögens ihres ermordeten Mannes zurück. Vor dem Richterstuhl des windigen Azdak kommt es zur titelgebenden Prüfung, wer denn nun die rechte Mutter sei. Grusche kann das Kind nicht an sich ziehen, weil sie ihm nicht wehtun will, und bekommt es daher vom Richter zugesprochen. Brechts Parabel setzt hier die soziale Mutter vor das Recht des Blutes. Reichlich Theaterblut lässt auch Michael Thalheimer fließen. Schon bei der Ermordung des Gouverneurs (Peter Luppa vom alten BE-Ensemble) spritzt es ordentlich auf die Bühne, die nun zum unwillkürlichen Schlidderparcours der an die Rampe schreitenden DarstellerInnen wird. Hier macht sich jeder auf seine Weise schmutzig.

Zu elektronischen Live-Gitarrenriffs von Bert Wrede aus dem Hintergrund treten sie alle aus dem Dunkel der Bühne ins Rampenlicht und brüllen, wie bei Thalheimer üblich, ihren Text. Expressives Körpertheater zu epischem Brecht. Ingo Hülsmann hat als Sänger den Blues und röhrt rechts an der Rampe zumeist mit dem Rücken zum Publikum die erklärenden Zwischenpassagen ins Mikrofon. Mit Stefanie Reinsperger aber hat Thalheimer ein Pfund, mit dem er darstellerisch wirklich wuchern kann. Sie steckt alles, was sie hat, in ihre Grusche. Ein emotionale Meisterleistung, die den Rest des Ensembles in den Schatten der sonst leeren Bühne stellt. Der Fokus liegt die ganzen knapp zwei pausenlosen Stunden auf dem Berliner Neuzugang aus Wien.

Ergreifend schon die ungelenke Verlobungsszene mit ihrem Liebsten Simon (Nico Holonics), dem sie verspricht auf ihn zu warten und als er blutüberströmt aus dem Krieg wieder heimkehrt, doch noch verliert. Dass es nicht ganz zum Rührstück wird, hat Thalheimer mit den anderen Rollen eine Welt der Brutalität und Unmenschlichkeit geschaffen. Gebeugte, niedere Wesen, wie die übergriffigen, masturbierenden Panzerreiter (Carina Zichner, Veit Schubert), oder vor Angst schlotternden Bauern (Sina Martens, Sascha Nathan) bevölkern die Bühne. Jeder ist auf seinen Vorteil bedacht. Veit Schubert gibt erst einen nackten, sterbenden Jesus, bevor er als auferstandener Lazarus zur Vergewaltigung der ihm wegen des „richtigen Scheins“ anverheirateten Grusche übergeht.

Ein Empathie- und Wohlfühlabend ist das sicher nicht. „Wenn das Haus eines Großen zusammenbricht, werden viele Kleine erschlagen.“ schreibt Brecht. Hier scheint es so, als würden sie das alles höchst selbst besorgen. Thalheimer malt mit dem ganz dicken Regiepinsel. Das zeigt sich dann vor allem auch in der zweiten Hauptperson des Stücks, dem Richter Azdak, Hier besteht der größte Unterschied zu Karges Inszenierung, der dem bauernschlauen Dorfschreiber und Volksfreund wider Willen eine gewisse parallele Entwicklung zur Figur der Grusche gönnte. Tilo Nest aber spielt seinen halbnackten Azdak als eine zu tiefst multiple Person. Wer hier die Geschichte nicht kennt, wundert sich doch etwas. Azdak scheint nur aus purer Laune heraus Recht zu sprechen. Ein in Blut gebadeter Nihilist mit Zottelperücke, der den Kreidekreis dann auch in einer Blutlache zieht.

Das hat dann sogar noch einige durchaus komische Momente, ansonsten bleibt es bei Thalheimer zum Ende hin doch ziemlich düster. Es liegen da zwei zitternde Menschenbündel im Spotlight auf leerer Bühne. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Da kann man schon mal ins Grübeln kommen.

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Der kaukasische Kreidekreis (BE, 23.09.2017)
von Bertolt Brecht
Regie: Michael Thalheimer
Kostüme: Nehle Balkhausen
Musik: Bert Wrede
Dramaturgie: Bernd Stegemann
Licht: Ulrich Eh
Musiker: Kalle Kalima, Kai Brückner
Es spielen:
Stefanie Reinsperger als Grusche Vachnadze
Ingo Hülsmann als Sänger
Tilo Nest als Azdak, Mönch
Nico Holonics als Simon Chachawa
Sina Martens als Natella Abaschwilli, Schwägerin der Grusche u. a.
Carina Zichner als Maro, Der erste Panzerreiter u.a.
Veit Schubert als Die Alte, Sterbender Bauer, Der Fürst u.a.
Sascha Nathan als Lavrenti Vachnadze (Bruder der Grosche), Adjudant
Peter Luppa als Schwiegermutter, Polizist Schauwa u.a.
Premiere war am 23.09.2017 im Großen Haus des Berliner Ensembles
Termine: 06., 07., 11., 12., 31.10.2017

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/

Zuerst erschienen am 25.09.2017 auf Kultura-Extra.

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Zweimal heiliger Sebastian – „Baal“ am Berliner Ensemble und „Reise nach Petuschki“ in der Volksbühne – Berliner Theaterabschiede (Teil 5)

Mittwoch, April 19th, 2017

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Brennen und Löschen für die Kunst – Auf der BE-Probebühne inszeniert Sebastian Sommer Brechts expressionistisches Frühwerk BAAL als musikalische Sintflut

Baal am Berliner Ensemble – Foto (c) Barbara Braun

Neues von der Abschiedsfront an Berliner Theatern. Nachdem die Meister Castorf und Peymann ihre letzten Werke abgeliefert haben, kommen die Jungen noch mal zum Zug. Am Berliner Ensemble nimmt sich Sebastian Sommer Bertolt Brechts Erstling Baal vor. Der junge Regisseur hatte hier bereits zum Auftakt seiner Zeit als Nachwuchsregisseur einen veritablen Jahrmarktstrubel mit dem Brecht-Fragment Hans im Glück angerichtet. Auch wenn seine Nachfolgeinszenierungen im kleinen Pavillon nicht immer vollkommen überzeugen konnten – doch wenn es ein großes Talent in der 18-jährigen Intendanz Peymanns am BE gab, dann war es mit Sicherheit Sebastian Sommer.

Auch diesmal hat er ein Händchen für das noch unfertige Talent des BE-Hausheiligen, der anarchisch-expressiven Ader des jungen Brecht, die sich vor allem im ungezügelten, viehischen Dichterfettklos Baal manifestierte. Und mit Matthias Mosbach hat Sommer auch den richtigen Schauspieler, diese Kraft zu verkörpern, auch wenn es ihm doch etwas an Körperlichkeit fehlt. Das macht Mosbach wett durch seinen Aktionsradius, der ihn kreuz und quer über die von Karl-Ernst Herrmann blitz-gezackte Silhouette der Probebühne des BE treibt bis auf eine Art Hochstand, einen eisernen Dichterturm, von dem er zu Beginn das Aussterbend des Egos preist. Die Verweigerung der Anpassung wird dem Bohemian aus Überzeugung wie dem ungeliebten Ichthyosaurus, der aus Trotz nicht auf Noahs Arche wollte, das Leben kosten. Also auch eine Geschichte des bewussten Verglühens eines verkannten Genies will uns Sebastian Sommer hier erzählen.

Wer Martin Mosbach als Kanaille Franz in Leander Haußmanns Räubern mochte, wird ihn als das Tier Baal lieben. Bei ihm reimt sich ungeniert Genie auf Vieh und Baal auf Qual. Den passenden Sound dazu machen ihm die beiden Live-Musiker Jan Brauer und Matthias Trippner an Keyboards, Schlagwerk und E-Gitarre. Auch Mosbach wird einmal zum Bass greifen und Brechts Ballade Erinnerung an die Marie A. singen. Die Frauen sind es, die Baal nimmt und bricht. „Die Liebe ist doch da.“ konstatiert er, sie dennoch immer wieder wegwerfend. Mosbach spielt den unsittlichen Weiberverbraucher und im Alkoholwahn dirilierenden Dichter, der sich wie Rainald Goetz einst in Klagenfurt die Stirn aufschlitzt, oder sich durch Haufen von unbeschriebenem Papier wühlt.

 

Baal am Berliner Ensemble – Foto (c) Barbara Braun

 

Ansonsten wird Brechts Moritat in kleinen Spielszenen und Musiknummern abgespult. Ursula Höpfner-Tabori rezitiert als Mutter den Choral vom großen Baal, Anke Engelsmann als Meck-Gattin Emilie singt Laßt Euch nicht verführen! im rauchigen Ton einer Nico, und Sven Scheele Die Legende Der Dirne Evelyn Roe als Travestienummer. Das Kraftzentrum der Inszenierung aber bleibt allein Matthias Mosbach, der schwitzend und auch mal nackt die Bühne unter Wasser setzt, als gelte es etwas zu löschen oder eine Sintflut herbeizusprudeln. Felix Strobel, der als Ekart auch noch den glühenden Verehrer Johannes spielen muss, ist kein wirklicher Gegenpart. Auch nicht Boris Jacoby als Salonlöwe Mech und Varietéchef Mjurk, der seine Attraktion Baal in einen aufblasbaren Fatsuite steckt. Karla Sengteller als kokette Johanna und Celina Rongen als Sophie Dechant sind schmückendes Beiwerk in diesem „Museum für Kleinkunst“, wie Brecht es einst selbst schrieb.

Eine neue Baal-Lesart bietet die kraftmeiernde Inszenierung von Sebastian Sommer eh nicht, auch wenn sie gerade musikalisch einige Akzente setzen kann. Ein wenig wirkt der Abend dann doch eher wie ein trotziges Nach-uns-die-Sintflut. Einige Anspielungen wie jüngst an der Volksbühne hat auch Sommer parat, wenn z.B. Boris Jacoby alle Varietédarsteller bis auf den Zwerg entlassen will. Den Spaß, nochmal auf die Pauke zu hauen, lässt sich das scheidende Ensemble trotzdem nicht nehmen. Der Künstler entweicht durch die Hintertür. Ein schmutziges, hungriges Tier, das sich zum Krüppel für die Schönheit schlagen lässt. Mosbach setzt letzte pathetische Worte des sterbenden Baal. So richtig existentiell will es aber dennoch nicht werden. Der Abend endet da, wo er begonnen hat, an den Stufen zum Hochsitz des Genies. Nur hinauf gelangt es nicht mehr. Der Fanclub jubelt. Auftrag erfüllt.

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BAAL (BE-Probebühne, 06.04.2017)
von Bertolt Brecht
Regie: Sebastian Sommer
Bühne: Karl-Ernst Herrmann
Kostüme: Karl-Ernst Herrmann,Wicke Naujoks
Musik: Jan Brauer, Esmeralda Conde Ruiz, Matthias Trippner
Dramaturgie: Steffen Sünkel
Licht: Karl-Ernst Herrmann, Ulrich Eh
Dauer: ca. 1h 40 Min (ohne Pause)
Mit: Matthias Mosbach (Baal), Ursula Höpfner-Tabori (Mutter), Felix Strobel (Ekart), Anke Engelsmann (Emilie), Karla Sengteller (Johanna), Celina Rongen (Sophie), Boris Jacoby (Mech, Mjurk), Sven Scheele (Piller, Pschierer)
Jan Brauer (Elektronik, Synthesizer)
Matthias Trippner (Elektronik, Schlagzeug)
Premiere war am 06.04.2017 in der Probebühne am Berliner Ensemble
Termine: 21.04. / 11., 15., 20., 29., 31.2017

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/

Zuerst erschienen am 13.04.2017 auf Kultura-Extra.

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REISE NACH PETUSCHKI – Nach Wenedikt Jerofejews satirischen Poem inszeniert Sebastian Klink an der Berliner Volksbühne eine dramatische Odyssee ins Delirium

Die Debatte um die Neubesetzung der Intendanz an der Berliner Volksbühne kommt nicht zur Ruhe. Nun durfte sogar der Ex-Regierende Klaus Wowereit in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nochmal davon schwadronieren, was er von der Volksbühne als „Eventhaus“ hält. Er fände das hochproblematisch und auch einfallslos. Damit tritt Wowereit gegenüber seinem Parteigenossen und Nachfolger Michael Müller natürlich noch mal etwas unfein nach. Keine Sorgen macht er sich dagegen um das Berliner Ensemble. „Das wird gut werden.“ ist sein fachsicherer Kommentar. Insgesamt wünscht Klaus Wowereit den Berliner Stadttheatern ein bisschen mehr vom Spirit eines Barrie Kosky. Der alte Party-(Bürger)meister muss es ja wissen.

Foto: St. B.

Das Theater als Eventbude bleibt also auch bei der aktuellen Theaterpremiere vom Mittwochabend an der Volksbühne am Rosa-Luxemburgplatz das Stichwort der Stunde. Nochmal so richtig die Sau rauslassen, die besoffene noch dazu, die zur Gaudi des anwesenden Premierenpublikums quiekend durchs asphaltbetonierte Volksbühnendorf getrieben wird. Das kann man natürlich machen, wenn man es denn tatsächlich kann. Und dass das Volksbühnen-Ensemble über komödiantisches Können verfügt, hat es bisher nicht nur unter Frank Castorf einige Male bewiesen.

Im 3.Stock heißt es dann auch Wir sind die Guten im täglichen Vorprogramm, das der altbekannte schwedische Theaterkünstler Marcus Öhrn bis Ostermontag bestreitet. In halbstündigen Performanceaufführung gibt es die heilige Familie als Soap-Opera. Ein Ostermysterium der ganz besonderen Art. Mit dabei sind die lustigen Schaumstofffiguren der Puppenperformer Das Helmi, die den Osterhasen und den heiligen Engel Gottes freudig zusammen führen. Janet Rothe, Florian Loycke, Jakob Öhrmann, Rasmus Slätis und Makode Linde vertreiben dem ungeduldigen Publikum die Zeit bis zum Karfreitag mit Musik, Video und einem Golgatha-Kreuzigungsset, das Mami und Papi ihrem Sohn Jesus von IKEA mitgebracht haben. Wie Josef und Maria das trotz mangelhafter Bauanleitung zusammenzimmern und für ganz besondere Kreuzigungsspielchen mit Windel, Peitsche und jeder Menge Kunstblut nutzen, ist schon einen Blick in den 3. Stock wert.

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Gestaltung © LSD/Leonard Neumann; Foto © LSD/Lenore Blievernicht

Eine ganz besondere Passion hält auch die neue Inszenierung des Castorf-Eleven Sebastian Klink im Großen Haus der Volksbühne bereit. Der Regisseur hat sich das satirische Poem Reise nach Petuschki von Wenedikt Jerofejew (1938-1990) vorgenommen. Als Lesung ein Klassiker, ist der 1969 geschriebene, delirierende Monolog eines russischen Arbeiters und Alkoholikers auf einer Zugreise von Moskau nach Petuschki auch auf dem Theater eine feste Größe. Jerofejew, der sich lebenslang mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten musste, verewigt in diesem Prosa-Gedicht sich selbst und seinen Alkoholismus. Der Protagonist mit Namen Wenedikt Jerofejew, oder auch Wenitschka genannt, steigt schon am Morgen betrunken mit einem Koffer voller alkoholischer Getränke und ein paar Geschenken für die Geliebte und das Söhnchen in Petuschki am Kursker Bahnhof in Moskau in den Zug.

Petuschki wird er nie erreichen. Auf der Fahrt begegnen ihm im Rausch Engel, Erinnyen, die Heilige Theresa, Gott, der Satan und sogar eine Sphinx. Jerofejew bedient sich dafür vor allem in der Bibel. Der Kreuzweg des betrunkenen Protagonisten folgt der Offenbarung des Johannes und führt bis in die Hölle, die hier der Rote Platz ist, wo Wenitschka zusammengeschlagen wird. Noch nie ist er auf seinem Weg durch Moskaus Kneipen am Kreml vorbeigekommen, nun wird er dort sterben. Natürlich ist diese Reise auch eine satirische Betrachtung des Sowjetsystems, der europäischen und russischen Literatur und deren Vertreter von Goethe über Puschkin bis zu Tschechow und Turgenjew. Jerofejew spielt auch auf Stalin und den Gulag an sowie die Unerreichbarkeit des sozialistischen Paradieses in Gestalt des Dorfs Petuschki, wo der Jasmin immer blüht und der Vogelgesang nie verstummt.

Wie schon in seinem letzten Regiestreich mit der Inszenierung des Romans Exodus von DJ Stalingrad spielt Sebastian Klink auch wieder auf den russischen Künstler Pjotr Pawlenski an, der sich mit seinem Hoden auf den Roten Platz genagelt, in Stacheldraht gewickelt, oder die Tore der FSB-Geheimdienst-Zentrale „Lubjanka“ angezündet hatte. Das dreh- und fahrbare Bühnenbild zeigt dieses große Marmorportal, das hier als Bahnhofseingang, Zugabteil oder Tor zur Hölle dient. Viel mehr politische Anspielungen gibt es allerdings nicht. Den Rest überlässt der Regisseur seinem Ensemble, das sich hier einige Rollen und vor allem die Darstellung des Trinkers Wenitschka teilt.

 

Foto: St. B.

 

Patrick Güldenberg, Alexander Scheer, Christian Schneeweiß, Jeanette Spassova und Daniel Zillmann verausgaben sich vollends und lassen der Rampensau in sich freien Lauf. Wie bei Castorf wird viel mit der Live-Kamera aus den Weiten der Volksbühne auf eine große Leinwand im Hintergrund übertragen. Daniel Zillmann performt in einem Hummelkostüm einen Fahrkartenkontrolleur, der sich pro Kilometer mit einem Gramm Wodka bezahlen lässt oder beweist sein umwerfendes Talent als Bluesröhre. Die Live-Rockband NOVYI MIROVOI PORJADOK spielt Grunge, Punk und Southern Rock vom Feinsten, und auch Alexander Scheer greift wieder zur Gitarre, gibt einen russischen General als lieben Gott oder den Teufel als Frank-Zappa-Lookalike.

Im Duett mit Christian Schneeweiß rührt Scheer im Stil einer Werbekanalsendung einen höllischen Cocktail aus Shiguli-Bier, Anti-Schuppenmittel, Bremsflüssigkeit, Wasch- und Fußpilzpulver an. Auch wird die Wirkung des politischen Theaters auf die Schippe genommen. Ob nun Erhalt des gesunder Menschenverstands oder der Verlust des Gedächtnisses. Jeder aufrechte Russe trinkt, ist die große Erkenntnis des Abends. Eros und Libido bleiben da trotz Jeanette Spassova als bezaubernde Heilige und geheimnisvolle Sphinx zwangsläufig auf der Strecke. Bei aller Herumblödelei neutralisiert sich der höhere Weltanspruch („Drunter machen wir es nicht.“), den Jerofejew auch im Blick hatte, zusehends gegen Null. Wer hier mehr erwartet hat, ist allerdings wohl auch in der falschen Veranstaltung gelandet. Einige verlassen die Volksbühne vorzeitig oder holen sich Nachschub aus der Bar im Sternfoyer, wo es Bier und Wein aus Plastikbechern gibt, was zum Genuss des gegen ein satt dröhnendes Livekonzert tendierenden Abends auch dringend empfohlen wird.

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Wir sind die Guten (3.Stock, 12.04.2017)
2. Staffel!
Ostermysterien von Markus Öhrn
Konzept und Regie: Markus Öhrn
Musik: Makode Linde
Dramaturgie: Anna Heesen, Thilo Fischer
Mit: Janet Rothe, Florian Loycke, Jakob Öhrmann, Rasmus Slätis und Makode Linde
11 Premieren vom 7. bis 17. April 2017

REISE NACH PETUSCHKI (Volksbühne, 12.04.2017)
Ein Delirium bzw. Kurzzeitodyssee per Bahn nach Wenedikt Jerofejew
in der Fassung von Thomas Martin
Regie: Sebastian Klink
Raum: Bert Neumann
Bühne: Gregor Sturm
Kostüme: Gregor Sturm
Licht: Hans-Hermann Schulze
Videokonzeption: Konstantin Hapke, Nicolas Keil
Kamera: Simon Baumann
Musikalische Leitung: Kriton Klingler
Ton: Christopher von Nathusius, Gabriel Anschütz, Tobias Gringel
Tonangel: Jonathan Bruns
Mit: Patrick Güldenberg, Alexander Scheer, Christian Schneeweiß, Jeanette Spassova und Daniel Zillmann
Musik:  NOVYI MIROVOI PORJADOK formerly known as THE NEW WORLD ORDER, Kriton Klingler, Conner Rapp, Mathias Brendel
Premiere war am 12.04.2017 in der Volksbühne am Roasa-Luxemburg-Platz
Termine: 11.05.2017

Infos: http://www.volksbuehne-berlin.de/

Zuerst erschienen am 15.04.2017 auf Kultura-Extra.

Theaterabschiede Teil 1: Christoph Marthaler an der Volksbühne

Theaterabschiede Teil 2: Herbert Fritsch an der Volksbühne und Robert Wilson am BE

Theaterabschiede Teil 3: Frank Castorf an der Volksbühne

Theaterabschiede Teil 4: Claus Peymann und Philip Tiedemann am BE, Michael Thalheimer an der Schaubühne

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