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Apokalypse BAAL Redux und ein Fazit zum 52. Theatertreffen in Berlin (Teil 6)

Donnerstag, Mai 21st, 2015

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Plakat des Residenztheaters München

Plakat Residenztheater München

Was für eine bemerkenswerte Umkehrung der Vorzeichen. Am Freitag wieder – nach der kürzlich erfolgten Aufhebung des Helene-Weigel-Verbots aus den 1970er Jahren – im Rahmen von „Focus Fassbinder“ im wiederentdeckten Schlöndorff-Film zu sehen, dann am Sonntag direkt auf der Bühne des Hauses der Berliner Festspiele zum letzten Mal: Baal von Bertolt Brecht. Frank Castorfs Inszenierung wird nach langer Verhandlung zwischen dem Suhrkamp Verlag und dem produzierenden Münchner Residenztheater nach dem THEATERTREFFEN nicht mehr zu sehen sein. Die Rechtewahrer der Brecht-Erben monierten zu viel nicht genehmigten Fremdtext und sahen die Werkeinheit in Gefahr. Dementsprechend groß auch das Interesse an dieser allerletzten Aufführung. Vor dem Haus wurde die letzte Karte von den Machern des TT-blog für angeblich weit über 100 € versteigert. Das Geld soll wegen des schmerzhaften Verlusts weiterer Aufführungstantiemen dem Suhrkamp Verlag zugute kommen. Vielleicht reicht das ja für ein paar Flaschen Schampus Marke Brecht-Erben Spätlese. Wohl bekommt’ s.

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Was lässt sich nun zum eigentlichen Streitfall sagen? Auf den ersten Blick hat das auf der Bühne Gegebene mit dem originären Baal vom aufstrebenden Jungdichter Bertolt Brecht tatsächlich eher weniger zu tun. Frank „Bertolt Brecht“ Castorf spult hier seinen ganz eigenen Film vom Krieg in Indochina ab. Es ist 1953 kurz vor der Niederlage der Franzosen in Điện Biên Phủ. Das Kunst-Ego-Monster Baal (Aurel Manthai), Kumpel Ekart (Franz Pätzold) und Sophie Dechant (Andrea Wenzl) turnen durch die von Aleksandar Denic gebaute, monströse Bühnenlandschaft bestehend aus einem Army-Camp mit Kampfhubschrauber, einer echten Do-Lung-Hängebrücke und doppelstöckiger roter Pagode. Dazu wird satter Blues und Southern Rock vom Band eingespielt. Es stonert mächtig, bis sich Baal und seine hinzuerfundene Höllenbraut (Bibiana Beglau – man könnte sie auch eine irrlichternde Mephistopheline nennen) schließlich die Surfbretter schnappen und zu Quentin Tarantinos Pulp Fiction-Soundtrack auf den Wellen einer projizierten China-Beach reiten. Die Rede ist vom Napalm-Geruch am Morgen, und die Luft schmeckt nun auch deutlich nach Apokalypse Now. Bevor es allerdings zu easy listening wird, biegen die beiden gerade noch rechtzeitig in Richtung einer französischen Gummiplantage ab. Die folgende fast halbstündige Sequenz ist nur in der 2001 geschnitten Redux-Fassung von Francis Ford Coppolas legendärem Vietnamkriegsfilm aus dem Jahr 1979 enthalten, hat es aber dennoch in sich.

BAAL im Residenztheater München - Foto (C) Thomas Aurin

BAAL im Residenztheater München – Foto (C) Thomas Aurin

Der Abzweig führt also in die westeuropäische Kolonialgeschichte, was Castorf als große Apokalypse Baal Redux aufführt. Die Rückführung von Brechts Stück zu den Wurzeln von Rimbaud und Verlaine. Castorf mixt dazu die französischen Denker Jean-Paul Sartre, Frantz Fanon und spielt Jimi Hendrix‘ „Hey Joe“ in französischer Coverversion ein. Eine ziemlich schräge Wiederbelebung durchaus im Sinne Brechts. Für nicht ganz so Cinephile könnte es hier allerdings etwas langweilig werden, denn die Sache zieht sich, wie bei Castorf nun mal üblich. Immer um Einiges voraus sind die Schauspieler beim Sprechen der Szenen dem Original, das hinter ihnen flimmert, dafür aber umso schöner in der darauf folgenden Pause nachhallt. Das hat irisierende Momente. Es verwischen Realität mit beginnendem Wahnsinn und Müdigkeit mit Drogenrausch. In Endlosschleife hört man: „Zwei Seelen wohnen in dir, eine die tötet und eine die liebt.“ Für Castorf der Missing Link zurück zum alles verschlingenden Menschenverbraucher Baal. Tier und Gott zugleich, der die Geier vom Himmel frisst, Frauen liebt, missbraucht und mordet. Baudelaires Albatros wird im Film rezitiert, Ekart trägt Schweinhälften, und im Liebesclinch der beiden Straßendichter säbeln sich die anderen Stücke aus Baals Hinterbacken.

Castorf findet seinen Baal also nicht in den dunklen Wäldern Deutschlands – wo es ihn ja durchaus gäbe – sondern im Dschungelwahnsinn des Vietnamkriegs. Und so geht es dann auch weiter. Die Schnapskneipen und Kabaretts sind GI-Clubs, es wird Cognac getrunken und eine der beiden Schwestern heißt Hong (Hong Mei). Sie beherrscht die bezaubernden Puccini-Arien aus der Madam Butterfly genauso gut wie die schrille Peking Operette. Und das ist natürlich auch insgesamt wieder ganz große Castorf-Oper. Zu „Riders on the Storm“ von den Doors lümmelt man im und auf dem Helikopter. Die Rede kommt nun auf Algerien und die französische Untergrundarmee OAS. Nebenbei eskaliert der Streit um Sophie Dechant, und Ekart wird im Dauerloop gewürgt. Bevor man aber wegzudämmern droht, ertönt der Weckruf mit Rimbaud: „Komm, komm ohne Säumen, die Zeit, von der wir träumen!“ Da fliegen Baal und seine Höllengemahlin schon über Paris. Der Wahnsinn des Terrors hat bekanntlich längst wieder den Ausgangspunkt der Kolonisierung der Welt erreicht.

Die beiden warn's. Bühnenbildner Alexander Denic und Regisseur Frank Castorf bei der TT-Preisverleihung - Foto: St. B.

Die beiden warn’s. Bühnenbildner Alexander Denic und Regisseur Frank Castorf bei der TT-Preisverleihung – Foto: St. B.

Aber ein Castorf ist nicht zu Ende, bevor er zu Ende ist. Und am Ende ist der Volksbühnenchef auch noch lange nicht angekommen. Da wären nur noch 500 Seiten Fremdtext einzuarbeiten sowie ein Loblied auf Freund Claus zu singen und über alte Säcke, die in Rente geschickt werden sollen. Wie ungerecht die Welt doch ist. Ein paar Spitzen in Richtung Berlin-Mitte und spaßige Reminiszenzen an Brechts Episches Rauchtheater kann sich die Castorf-Crew auf der Bühne in Wilmersdorf nicht verkneifen. Die Frage, ob wir im Münchner Baal die Ahnung von einer Welt des gescheiterten bürgerlichen Humanismus bekommen haben, muss jeder für sich selbst beantworten. Hier wird kein Angebot zum Diskurs gemacht und sich nicht ironisch weggeduckt. Bei Frank Castorf gibt es inhaltlich und ästhetisch immer voll eins auf die Zwölf. Und wie in seinen nicht enden wollenden Celine-, Malaparte- oder Hanns-Henny-Jahn-Abenden wird er die Gesellschaft weiterhin schmerzvoll auf die Streckbank der Selbsterkenntnis zwingen. Ganz nach dem Motto Baals: „Geschichten, die man versteht, sind nur falsch erzählt.“ Zumindest da steckt ein Körnchen Weisheit drin.

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Was gäbe es also sonst noch von der THEATERTREFFEN-Front zu berichten, wenn im Nachklang des gerade genossenen Überwältigungsfurors so mancher in den letzten zwei Wochen gewonnener Eindruck schon wieder etwas verblasst? Wir sollten in diesem Jahr nach Aussage der Leiterin des Theatertreffens verstärkt die großen gesellschaftspolitischen Probleme wie Krieg, Flucht und Traumata vorgesetzt bekommen. Diese explizit politischen Themen fanden sich aber nur in einigen der eingeladenen Inszenierung wirklich auf der Bühne wieder. Zu sehen waren da neben dem großen Castorf-Baal vor allem die Verhandlung traumatischer Erlebnisse aus dem Balkankrieg in Common Ground vom Maxim Gorki Theater, Vergangenheitsbewältigung in der Wiener unverheirateten oder, ebenfalls aus Wien, die westliche Welt in der Lächerlichen Finsternis kolonialer Verstrickung. Echte Flüchtlinge stellte Nicolas Stemann in seiner Jelinek-Inszenierung Die Schutzbefohlenen auf die Bühne und entfachte dadurch eine kontroverse Diskussion über Rassismus und die Hoheit der Darstellung im deutschsprachigen Theater.

tt15_promo_media_gallery_resWas sonst noch vermisst wurde? Man suchte die deutschsprachige Theaterprovinz oder gar die Freie Szene vergeblich in Berlin. Ein Umstand, der der sogenannten Leistungsschau im Vorfeld bereits die Kritik einbrachte, eine elitäre Veranstaltung zu sein. Was Juror Til Briegleb damit konterte, es lohne sich nicht in die Provinz zu fahren, da den dortigen Theatern eh das nötige Potential fehlen würde. Ziemlich elitär also auch seine Sicht der Dinge, der man eigentlich nur widersprechen kann. Resultat dessen dann je zwei Einladungen für Berlin, Hamburg, München und Wien. Jeweils einmal waren Stuttgart und Hannover vertreten. Ziemlich schwer zu glauben, dass abseits der etablierten Kulturballungsräume nicht ebenso Bemerkenswertes zu entdecken wäre.

Neben Klassikern wie Ibsen, Brecht und Beckett konnte beim Theatertreffen 2015 wieder verstärkt der moderne oder postmoderne Autor gesichtet werden. Was auch für junge Regietalente und neue Zugriffe auf theaterfremde Texte zutraf. Trotz dreier Wiederholungstäter aus dem letzten Jahr und einiger erwartbarer Dauergäste überraschten auch einige Newcomer. So etwa Thom Luz, der Judith Schalanskys Nichtreiseführer Atlas der abgelegenen Inseln für das Schauspiel Hannover in ein Treppenhaus verfrachtete oder Christopher Rüping, der mit dem Dogma-Klassiker Das Fest in bemerkenswert leichter Regiehandschrift das schwere Thema Kindesmissbrauch auf die Bühne brachte. Das alles wurde natürlich nur möglich gemacht durch wiederrum großartig aufspielende DarstellerInnen, die in durchweg allen Inszenierungen begeistern konnten. Die großen Probleme wurden angepackt, aber nicht immer gelöst. Theater will aber wieder Anstoßpunkt und Vermittler des gesellschaftlichen Diskurses sein. Da kann man mit dem guten alten Brecht nur konstatieren: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen / Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“ Bis er im nächsten Jahr wieder aufgeht. The same procedure as every year.

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Baal
von Bertolt Brecht
Regie: Frank Castorf, Bühne: Aleksandar Denić, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Licht: Gerrit Jurda, Live-Kamera: Marius Winterstein und Jaromir Zezula, Video: Stefan Muhle, Dramaturgie: Angela Obst
Mit: Götz Argus, Bibiana Beglau, Aurel Manthei, Hong Mei, Franz Pätzold, Katharina Pichler, Jürgen Stössinger, Andrea Wenzl

Premiere im Residenztheater München: 15.01.2015

Letze Aufführung am 17.05.2015 beim 52. Theatertreffen im Haus der Berliner Festspiele

Dauer: 4 Stunden 45 Minuten, eine Pause

Weitere Infos: www.residenztheater.de

Zuerst erschienen am 20.05.2015 auf Kultura-Extra.

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Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny – Johanna Schall inszeniert am Volkstheater Rostock die Brecht/Weill-Oper als fulminantes Bekenntnis zur spartenübergreifenden Kunst.

Mittwoch, März 4th, 2015

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Wann hat man sowas schon erlebt? Zweimal Standing Ovations an einem Premierenabend, ein unumwundenes Glaubensbekenntnis an die Kraft der Kunst und ein 4-Sparten-Ensemble, das schon wieder in seiner Existenz bedroht ist. In dieser Woche waren Pläne der Rostocker Bürgerschaftsfraktionen CDU, SPD, Grüne und Für Rostock zum Umbau des Volkstheaters Rostock in ein „funktionelles Vierspartenhaus“ bekannt geworden, was in Wahrheit einer Schließung der Sparten Tanz- und Musiktheater gleichkommt. Und besser hätte die Stückwahl für diese Premiere dann auch nicht sein können. Man spielt Brecht/Weills Oper vom Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny. Die Geschichte der von einem Taifun bedrohten Paradies- und Laster-Stadt, deren Bürger sämtliche Moral und Menschlichkeit fahren lassen, bis sie schließlich Mahagonny selbst zerstören. Ein Gleichnis auf eine Gesellschaft, in der alles erlaubt ist, nur nicht kein Geld zu haben.

Das Volkstheater Rostock - Foto: St. B.

Das Volkstheater Rostock – Foto: St. B.

Diese Analogie ist wie gemacht für die Ansprache des Intendanten des Volkstheaters, der vor einem Jahr zum Stapellauf aufrief und nun von der Politik, die ihn holte den Kahn seetüchtig zu machen, rüde ausgebremst werden soll. Sewan Latchinian gab sich vor dem Premierenpublikum jedoch betont kämpferisch und bezeichnete die Streichliste als unsinnig und asozial. Ein unbezifferbarer Schatz wie das Rostocker Theater dürfe nicht kaputt gemacht werden. Doch man ist gewillt, das teilweise Wegsparen durch eine kurzsichtige Landes-Politik und willfährige lokale Stadtvertreter noch einmal abzuwenden. Professionell und mit Verantwortung für das Publikum hat sich das Ensemble auf den künstlerischen Gegenkurs begeben, wie es Latchinian später noch einmal vehement bekräftigte. Die eigentliche Kultur- und Bildungsbürgerschaft, so scheint es jedenfalls, steht an diesem Abend geschlossen hinter ihrem Theater.

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Starker Tobak also schon vor Beginn der Aufführung. Da war man natürlich gespannt, wie die Brechtenkelin und Ex-Intendantin Johanna Schall bei ihrer Rückkehr nach Rostock an den starken Stoff des berühmten Großvaters herangehen würde. Eingriffe à la Frank Castorf waren sicher nicht zu erwarten, aber auch ohne die Beimischung von Texten fremder Autoren kann sich das Gezeigte durchaus sehen lassen. Es ist ein feines Zusammenspiel aller Sparten des Hauses. Die leichten Mädchen von Mahagonny setzen sich aus Mitgliedern der Tanzcompagnie und des Opernchors des Volkstheaters zusammen. Ihre von Katja Taranu choreografierten Aufritte bilden immer wieder kleine Höhepunkte dieser Inszenierung. So auch die beiden Konstabler Tim Grambow und Hung Wen-Chen, die ihre Stück-Ansagen als eine Mischung aus Sprache und pantomimischer Choreografie performen. Neben dem Chor, den Tänzern und dem hervorragend aufgestellten Orchester der Norddeutschen Philharmonie Rostock unter Leitung von Robin Engelen sind noch die großartigen Opern-Solisten – und da besonders Jasmin Etezadzadeh als Witwe Begbick, Elise Caluwaerts als Hure Jenny und Daniel Ohlmann als Paul Ackermann zu erwähnen.

Ansonsten bewegt sich die Regie von Johanna Schall weitestgehend nah am Original. Die Inszenierung läuft perfekt wie ein gut geöltes Uhrwerk, Szene für Szene begleitet von passenden Videoeinspielungen, Leuchtschriftbändern und natürlich der typischen Kurt-Weill-Musik. Das beginnt mit dem Stranden der drei flüchtigen Verbrecher Leokadja Begbick, Willy, dem Prokuristen (Garrie Davislim) und dem kräftigen Dreieinigkeitsmoses (Tim Stolte). Nach einem vom Band eingespielten Autocrash hissen sie die Fahne mit dem Firmensymbol zur Landnahme auf leerer Bühne. Mit dem wohl bekanntesten Hit der Oper, dem sog. Alabama Song, erfolgt dann der Einzug der Mädchen. Wie sie ziehen dann auch die wie Allerwelts-Männer aus einem Gemälde Magrittes in graue Anzüge gekleideten Herren vom Opernchor mit ihren Koffern in die verheißungsvolle „Paradiesstadt“. Sie kommen aus untergehenden Städten auf der Suche nach etwas, woran man sich wieder halten kann.

Das Mahagonny-Ensemble - Foto (c) Dorit Gätjen

Das Mahagonny-Ensemble – Foto (c) Dorit Gätjen

Es muss nicht immer Christian Lacroix sein wie in der Staatsoper Berlin. Die von Jenny Schall teils sehr elegant und fantasievoll gestalteten Kostüme der Mahagonny-Gründer sowie der Mädchen und Männer sind in Farben und Form gut aufeinander abgestimmt und setzen schöne Kontrapunkte im Gesamtbild. Und wie von einem anderen Stern gefallen, platzen dann auch die vier Männer aus Alaska, ganz unpassend in karierter Holzfällerkluft mit Axt am Koffer in das Geschehen. Schnell erliegen sie dem leichten Leben und den Verlockungen der „Netzestadt“, bis es zu kriseln beginnt und die Gründer ihr schlechtgehendes Geschäft beklagen. Es gibt zu viel von allem. Der Überfluss an Angebot, ein Zuviel an vermeintlicher Eintracht und Ruhe machen einerseits träge und anderseits unzufrieden. Weil ihm etwas fehlt, will der enttäuschte Glückssucher Paul Ackermann das Weite suchen.

Als angesichts der drohenden Zerstörung Mahagonnys durch einen herannahenden Taifun alles in lähmende Agonie verfällt, präsentiert Paule Ackermann schließlich die „Gesetze der menschlichen Glückseligkeit“. Und als der Taifun die Stadt der Sünder wie ein Wunder verschont, weichen die Verbotsschilder Mahagonnys anderen, auf denen nun alles erlaubt ist. „Wir brauchen keinen Hurrikan/ Wir brauchen keinen Taifun/ Denn was er an Schrecken tun kann/ Das können wir selber tun.“ Diese Freiheit alles tun zu können, ist allerdings an den Zwang geknüpft, über das nötige Geld zu verfügen, was Paul letztendlich beim Verletzen dieses höchsten Gesetzes der Stadt Mahagonny selbst das Leben kosten wird. Was folgt, ist die ungebremste Entfesselung des Kapitals, dessen Regeln das Fressen, den bezahlten Liebesakt, Boxkampf und Saufen laut Kontrakt verlangen. Aktualität muss man da nicht extra behaupten.

Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny am Volkstheater Rostock - Foto (C) Dorit Gätjen

Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny am Volkstheater Rostock
Foto (C) Dorit Gätjen

Die Inszenierung nimmt nun wieder Fahrt auf. Zu Schrammelmusik mit Zither und Akkordeon wird eine große Stoffkuh aufgefahren, und Jakob Schmidt (Daniel Philipp Witte) frisst sich zu Tode. Die Huren besorgen den Freiern an einer langen Wand mit Glory Holes ein paar teure Blowjobs, und Paul Ackermann verliert sein ganzes Geld bei einem Boxwettkampf zwischen Dreieinigkeitsmoses und Alaskawolf-Joe (Karl Huml). Das Blut des toten Joe im nicht einsehbaren Boxring spritzt auf der Videoleinwand. Die Utopie der Glückseligkeit ist pervertiert und zerstört sich selbst. Die letzten Freunde Pauls, Jenny und Sparbüchsenheinrich (Maciej Idziorek) wenden sich von ihm ab. Es kommt zum großen dramatischen und musikalischen Finale, bei dem Paul, der seinen Whiskey nicht bezahlen kann, zum Tode verurteilt wird, im Stroboskoplicht auf dem elektrischen Stuhl zittert und in einem schön komponierten Passionsbild auf der Treppe liegt. Doch eine Volte schlägt Johanna Schall dann doch noch. Sie gönnt dem Toten eine mahnende Wiederauferstehung zu Brechts frühem Gedicht aus der Hauspostille: „Last euch nicht verführen! / Es gibt keine Wiederkehr.“ Und ist der Mann erst tot, kann man ihm bekanntlich nicht mehr helfen.

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Die Demonstrationen der Unbelehrbaren am Ende der Oper hatte sich Brecht sicher auch etwas anders vorgestellt. Aber hier gebietet die Brisanz der Notlage eines Ensembles aus unverbesserlichen Optimisten, die ihre Wünsche und Befürchtungen wechselseitig auf Pappschildern hochhalten. Ein Theater mit oder ohne Schauspiel, Tanz, Oper oder Orchester. Politisch aktueller geht es kaum. Zwei dieser unersetzlichen Sparten, um auch in Zukunft solche übergreifenden Großprojekte eigenständig am Volkstheater stemmen zu können, soll es nun bald nach Maßgabe der verantwortlichen Politik in Rostock nicht mehr geben. Man kann dem Theater nur wünschen, dass sich noch ein paar kulturell und sozial kompetente Politiker mit etwas mehr Verantwortungsgefühl und Weitsicht finden, um diese unsinnigen Sparpläne ad Acta zu legen.

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Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny
Volkstheater Rostock_Logo

Oper in drei Akten
Musik: Kurt Weill
Text: Bertolt Brecht
Musikalische Leitung: Robin Engelen
Inszenierung: Johanna Schall
Bühne: Horst Vogelgesang
Kostüme: Jenny Schall
Choreinstudierung: Stefan Bilz
Choreografie: Katja Taranu
Dramaturgie: Michael Mund
Studienleitung: Hans-Christoph Borck
Musikalische Einstudierung: Teodora Belu, Thilo Lange
Regie-Assistentin: Susanne Menning
Inspizientin: Constance Schwerdt
Souffleuse: Babette Bartz
Besetzung:
Leokadja Begbick: Jasmin Etezadzadeh
Willy, der “Prokurist”: Garrie Davislim
Dreieinigkeitsmoses: Tim Stolte
Jenny Smith: Elise Caluwaerts
Paul Ackermann: Daniel Ohlmann
Jakob Schmidt: Daniel Philipp Witte
Sparbüchsenheinrich: Maciej Idziorek
Alaskawolf-Joe: Karl Huml
Tobby Higgins: Daniel Witte
Opernchor
Tanzcompagnie
Norddeutsche Philharmonie Rostock

Premiere: 28. Februar, Volkstheater Rostock – GROSSER SAAL

Termine: 07., 15., 20. und 28.03.2015

Infos: http://www.volkstheater-rostock.de

Zuerst erschienen am 03.03.2015 auf Kultura-Extra.

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BAAL der Viechsmensch – In den Kammerspielen des DT inszeniert Stefan Pucher das spätexpressionistische Frühwerk des jungen Bertolt Brecht.

Donnerstag, Dezember 4th, 2014

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In der Folge, in der sich die Lage der kapitalistischen Gesellschaft verschärft, drängt auch ihr schärfster Kritiker, der Dichter Bertolt Brecht, wieder auf die deutschsprachigen Bühnen. Es ist nicht allein das dramatische Erbe, dem sich (wie am Berliner Ensemble) die Regisseure zusehends verpflichtet sehen, sondern die Zeitlosigkeit der Themen, die Brecht in seinen Stücken behandelt, ihre dialektische Aufarbeitung samt treffenden Kommentaren zur Lage der Gesellschaft, die sich zur aktuellen künstlerischen Auseinandersetzung mit den Auswirkungen marktorientiert ausgerichteter Politik anbieten. Das Deutsche Theater unter Ulrich Khuon hatte bei der Auswahl der Stücke und den darauf folgenden Inszenierungen bisher eigentlich ein gutes Händchen. Verwiesen sei dabei auf Nicolas Stemanns leicht ironisch diskursive Heilige Johanna der Schlachthöfe oder die Übernahme Michael Thalheimers kraftvoller Inszenierung Herr Puntila und sein Knecht Matti vom Thalia Theater in Hamburg.

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Baal - Foto DT-Schaukasten

BaalFoto DT-Schaukasten

Es war ein regelrechtes Brecht-Jahr 2009 am DT. Und auch Brechts „Viechsmensch“ Baal schaffte es da schon einmal in Gestalt des sportiven Springteufelchens Mirco Kreibich in der Regie von Christoph Mehler auf die Bühne der Kammerspiele. Nun, fünf Jahre später, hat Stefan Pucher das frühe Brecht-Stück erneut in den Kammerspielen des DT inszeniert. Der Regisseur ist bekannt für seinen ausladenden Breitwand-Stil mit Kino-Zitaten und poppigen Settings, wie etwa in seiner Feme-Version der Elektra des Sophokles oder der stildesignten Hedda Gabler von Henrik Ibsen aus der letzten Spielzeit des DT. Dass er das auch mit Brechts vollkommen Ich-süchtigem, alles vertilgenden Menschenverbraucher Baal, der sich sicher ebenso gut für eine bunte Revue enteignen ließe, an den vergleichsweise kleinen Kammerspielen versuchen würde, lag nahe, hat sich aber erstaunlicher Weise doch nicht so bewahrheitet.

Relativ stilsicher geht Pucher allerdings auch diesmal zu Werk. In großen Versalien ist schon zu Beginn auf der Videoleinwand der kommende Protagonist angekündigt. Ein Dichterturm mit Ausguck, auskragenden Stegen und einem leeren Raum im unteren Teil steht konzentrisch auf der Drehbühne. Das Bühnenbild von Barbara Enes begrenzen zwei sitzende überlebensgroße Nacktstatuen auf hohen Sockeln. Auftritt Christoph Franken als Baal im Harlekinkostüm (Annabelle Witt). Ein müder Clown, der seinen „Choral vom großen Baal“ trotzig betonungslos ins Publikum rotzt. Der Kloß, der nach Brechts Ankündigung am Himmel Fettflecken hinterlassen soll, ist nicht gerade ein maitoller Bursche, sondern schiebt eher gewaltigen Novemberfrust. Nach getaner Arbeit verzieht er sich in seinen Künstlerturm, frisst, säuft (Tanzen kommt später) und wartet auf die Verklärung in Form von Lobhudeleien der Gäste seines Chefs Mäch (Daniel Hoevels im Entertainerfrack). Auch diese sind als Clowns verkleidet und fangen das andere Publikum mit der Handykamera ein. Ja, da sind wohl auch wir gemeint.

Pucher macht das Theater um den Künstler Baal zum großen Groupie-Zirkus um einen Flegel mit fettigem Langhaar, der mit Hühnerbeinen und Fäkallyrik um sich wirft. Von Anbeginn eher Attitüde als Ausdruck einer echten Normüberschreitung. „Orge sagte mir: der liebste Ort / Auf Erden war ihm immer der Abort.“ singt man hier brav, gemäß Brecht’schem Vorbild, begleitet von der Hammondorgel des Livemusikers Michael Mühlhaus. Franken spielt das allerdings gut, wie er sich immer wieder in Pose wirft und mit den Pfunden seines voluminösen Körpers wuchert. Mann und Frau muss sich zu ihm hinaufbemühen, wie er dort auf seinem Ansitz lauert und gnadenlos Kasse macht.

Denn ansonsten nimmt es der Dichter im Stück des jungen Brecht nämlich eher vom Lebendigen. Er benutzt und demütigt etliche Frauen, darunter die seines Chefs sowie die fünfzehnjährige Johanna, Freundin seines Jüngers Johannes, wirft sie anschließend wieder weg (Johanna geht darauf ins Wasser) und fängt sich die Schauspielerin Sophie Dechant zur Anbetung ein. Anita Vulesica und DT-Neuzugang Tabea Bettin spielen das meist demütig, mal in weißem oder schwarzem Büßerkleid. Ihrer überdrüssig geht Baal mit Saufkumpan und Musiker Ekart (Felix Knopp ganz in geheimnisvollem Schwarz) auf Trebe und will die schwangere Dechant an seinem Busenfreund abtreten, den er später als Konkurrent aus dem Weg räumt, wie er zuvor dessen Freundin erwürgt hatte. Auf der Flucht kehrt Baal wieder in die Wälder zu den Holzfällern zurück, die er zuvor schon um ein Fass Brantwein prellte, und verreckt dort allein in einer Hütte.

Baal in den Kammerspielen des DT - Foto (C) Arno Declair

Baal in den Kammerspielen des DT – Foto (C) Arno Declair

Bei Stefan Pucher laufen die Szenen wie ein Stationen-Drama chronologisch hintereinander ab. Man könnte auch sagen: kurzer Aufstieg und andauernder Niedergang eines wütenden Genies. Die überquellende Naturlyrik Brechts kontrastiert Pucher mit formeller Strenge ohne einen Anflug wirklicher Ironie. Er bleibt dabei erstaunlich werktreu. Dazwischen Videosequenzen von Chris Kondek, die das Gesagte bebildern (Franken ist eine Orange, wenn von schießenden Säften die Rede ist) und zusätzlich überhöhen, aber auch nicht weiter stören. Ein stetiger Wechsel der Stile, von allem was das Theater so zu bieten hat. Betreibt Brecht stilistisch expressionistische Leichenfledderei und setzt dem Pathos etwas wirklich Vitales entgegen, macht Pucher aus Baals Genusssucht und Hang zur Ausschweifung eine auf böse geschminkte Karikatur und zitiert vom romantischen Märchen bis zum Hollywoodfilm, was ihm gerade passend erscheint. Er lässt Bären in der Holzfällerszene auftreten, steckt Franken in ein Gorillakostüm und gibt ihm auch noch eine weiße Frau in die Hand. Hier wird im wahrsten Sinne des Wortes das Tier erst von der Leine gelassen und später wieder eingefangen.

Baal ist bei Pucher auch der verzweifelte Kindskopf mit dem Fettherzen, der sich von seiner Mutter terrorisiert fühlt. Er rappt sich die Seele aus dem Leib. „Ohne Schnaps keine Lyrik.“ Die Angst vor dem weißen Papier, das sich in der Flasche spiegelt. Franken tobt und schwitzt in seiner Dichterhöhle Schnaps und Text. Baal flieht das Kabarett als tägliche Tretmühle des Broterwerbs, macht sich nackt und frei. Die Kunst als treibende und sich schlussendlich selbstverzehrende Kraft. Der Zwiespalt des Künstlers als Süchtiger, der ohne dem nichts schaffen kann und mit seiner Sucht zu Grunde geht. Satt kann er nimmer werden. Auch ein Verweis auf die kreative Selbstzerstörung. Neuester Beweis: die Bekenntnisse des Filmregisseurs Lars von Trier über seinen Alkoholmissbrauch. Letztendlich wie Brechts Baal ein Bürgerschreck, der verstört und damit doch nur die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllt.

Am Ende zwängt sich Baal, der aufgedunsene Kosmos, der Sonne schnaufen wollte, selbst in den Frack. Die Transformation Baals vom wollüstigen, bösen Joker zum traurigen Beckett-Clown. Die Inszenierung ist da auch wie eine zynische Parodie auf das Theater und dessen Wirkung selbst. Was aber trotz aufopferungsvollem Spiel aller wieder hinten runterfällt, ist Brechts 1954 bei der Durchsicht seiner Stücke gewonnene Erkenntnis, sein Baal sei auch die Setzung eines Ichs „gegen die Zumutungen und Entmutigungen der Welt“. Der befehdete Künstler in der kapitalistischen Welt, „die nur eine ausbeutbare Produktivität anerkennt“. Bei Pucher bleibt es die reine Not des prekären Künstlers als Außenseiterfigur im Spiegel der ihn umflirrenden Schickeria, die (wer auch immer das heute ist) sich gern mit ihm schmückt, ihn aber sofort bei Missfallen auch wieder fallen lässt. Ein Ringen um Anerkennung, finanzielles Auskommen, gepaart mit dem Druck aufzufallen um jeden Preis. Anziehungskraft und Befremden in einer Person. Dafür ist Brechts Baal noch und Puchers Inszenierung als Referenz sehr gut. Es scheint jedoch, als hätte uns gesamtgesellschaftlich, oder gar politisch gesehen, dieser Baal heute nicht mehr allzu viel zu sagen.

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Baal im DT - Nov. 2014
von Bertolt Brecht
Regie: Stefan Pucher, Bühne: Barbara Ehnes, Kostüme: Annabelle Witt, Musik: Christopher Uhe, Video: Chris Kondek, Phillip Hohenwarter, Dramaturgie: Claus Caesar.
Mit: Christoph Franken, Anita Vulesica, Daniel Hoevels, Tabea Bettin, Felix Knopp, Michael Mühlhaus.

Dauer: 1 Stunde, 50 Minuten, keine Pause

Termine: 13. und 26.12. 2014 / 06. und 18.01.2015

Info: http://www.deutschestheater.de

Zuerst veröffentlicht am 03.12.2014 auf Kultur-Extra.

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Ein Reigen Deutscher Geschichte von Heiner Müller bis Ton Steine Scherben – Manuel Soubeyrand eröffnet seine Intendanz an der Neuen Bühne Senftenberg mit einem Jahr100Spektakel.

Donnerstag, Oktober 2nd, 2014

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Angeblich soll man ihn für verrückt erklärt haben, als in Theaterkreisen bekannt wurde, dass Manuel Soubeyrand, aus Esslingen kommend, seine Intendanz an der Neuen Bühne Senftenberg mit Heiner Müller eröffnen wolle. Und dann auch noch mit GERMANIA 3 – Gespenster am toten Mann, Müllers 1996 von Leander Haußmann in Bochum uraufgeführter Abgesang nicht nur auf den deutschen Sozialismus, begraben in einem Mausoleum aus Stacheldraht. Es ist vor allem auch ein Text-Monument, das aus Fragmenten gesamtdeutscher Geschichte besteht. Soubeyrand stellt es in eigener Regie einem ganzen Jahr100Spektakel voran, bestehend aus fünf Stücken und einer abschließenden Live-Radio-Show. Eine Tradition, die der neue Intendant vom alten übernommen hat. Sewan Latchinian (der vor einer Woche an neuer Wirkungsstätte in Rostock seinen 1. Stapellauf mit immerhin drei Premieren hatte) lässt nach zehn Jahren das Feld gut bestellt zurück. Den Senftenbergern ist ihr Theater lieb geworden. Da müsste Soubeyrand schon einiges in den Lausitzer Sand setzen, um sich hier dauerhaft die Ernte zu vermiesen.

Neue Bühne Senftenberg - Foto: St. B.

Neue Bühne Senftenberg – Foto: St. B.

Heiner Müller ist entgegen Erwin Strittmatter, dem das benachbarte Staatstheater Cottbus vor kurzem noch zum Hundertsten gratulierte, beileibe nicht nur ein regionaler Ost-Dramatiker, wie Soubeyrand zur Einführung bemerkte. Der Regisseur vergleicht ihn sogar mit Friedrich Schiller, dem deutschen Nationaldichter und Verfechter einer „Universalgeschichte“, mit dem Müller nicht nur die letzten vier Buchstaben gemein habe. Strittmatter und Müller stehen aber beide auch in der Tradition von Bertolt Brecht. Von dem einem konnte man aus seinen Tagebüchern gerade neueste Anekdoten über den proletarischen Dichter lesen. Der andere verkündete „Brecht gebrauchen, ohne ihn zu kritisieren, ist Verrat“. Und auch das ist Thema dieses Mammut-Abends, an dem Brecht und Müller nicht nur einmal um die Ecke winken werden. Das klingt nach schwerer Kost. Aber an ein wenig Überforderung mit deutscher Geschichte ist noch keiner gestorben, eher am Totschweigen selbiger.

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Manuel Soubeyrand Foto: St. B.

Manuel Soubeyrand
Foto: St. B.

Zunächst lässt sich feststellen, dass das Team um Intendant und Regisseur Manuel Soubeyrand nicht in Schieflage von der Müller’schen Gegenschräge, auf der bekanntlich die Toten warten, gerutscht ist. Man hält sich bodenständig aufrecht, zunächst noch ganz in Schwarz im Zuschauerraum vor der Rampe. Das Ensemble berichtet hier chorisch vom babylonischen Turmbau. Der Text ist nicht von Heiner Müller, sondern aus der Erzählung Das Stadtwappen von Franz Kafka. Es ist einer der typischen Kafka-Texte, in denen man viel will, aber nichts wirklich gelingt. In diesem Fall wird sogar das Chaos von Generation zu Generation größer, lediglich durch Kriege unterbrochen, an deren Ende die Nachfolgenden auf den Ruinen der Alten viel schöner und moderner aufbauen wollen. Als Wappen wählen sich die Bürger der Stadt eine Faust, die Faust der Zerstörung. Soubeyrand benutzt Kafkas Parabel des Scheiterns als Gleichnis für den Verlauf der Geschichte im Allgemeinen.

Die Menschheit hat nichts aus der Geschichte gelernt. Und damit ist man dann schon mitten drin, in Heiner Müllers Historiendrama GERMANIA 3. Er gräbt die Schlächter und ihre bekannten und namenlosen Toten wieder aus. Ein Streifzug durch deutsche Geschichte von Preußen über Weimar nach Stalingrad und wieder zurück. Ein Exerzitium der Gespenster am toten Mann. Da stehen Teddy Thälmann und Walter Ulbricht an der Berliner Mauer auf Wacht, Stalin als wahnsinniger Macbeth sieht überall die Leichen seiner getöteten Gegner, und Hitler bläst im Führerbunker zur letzten Reise nach Walhall. Dazu erklingt Wagners Walkürenritt. Soubeyrand packt Müllers Texte in möglichst expressive Bilder, in denen die blutigen Führer des Volkes zwar erkennbar bleiben, aber wie überzeichnete Faschingsfiguren in Kostüm und Lametta chargieren.

Rosa Luxemburg hinkt vor ihren Mördern zum Klang von „Es blies eine Jäger wohl in sein Horn“ über die Bühne, deutsche Soldaten nagen geräuschvoll an den Knochen ihrer toten Kameraden, und russische Soldaten lesen Hölderlin aus dem Buch eines toten Deutschen, der ein Foto gehängter Partisanen bei sich trägt. Drei deutsche Offizierswitwen lassen sich von einem kroatischen SS-Mann mit der Axt umbringen, und russische Soldaten vergewaltigen die Frau eines KZ-Häftlings auf dem Tisch. Für die Rache des Heimkehrers gibt es Sibirien. „Willkommen in der Heimat Bolschewik“. Soubeyrand erspart dem Zuschauer nichts, wenn er Müllers in den Zeiten springendes Stück leicht gekürzt als Reigen makabrer ineinander übergehender Szenenfolgen inszeniert. Auf der Rückwand flimmern immer wieder Aufnahmen historischer Ereignisse, vom Band kommen bekannten Stimmen aus der Vergangenheit.

Das Jahr100Spektakel - GERMANIA 3 - Foto (C) Steffen Rasche

Das Jahr100Spektakel – GERMANIA 3 Foto (C) Steffen Rasche

Die Reise geht weiter von den Nibelungen über die DDR bis zum Mauerfall im Bühnenbild einer abgeranzt grün gekachelten Küche, in der Rächerin Kriemhild und Mörder Hagen, im Kettenhemd auf sein Schwert gestützt, stehen, die DDR-Nomenklatura Karneval feiert, und ein abtrünniger Sohn wird von seinem Funktionärsvater verraten. Soubeyrand bedient sich hier bei Müllers Wolokolamsker Chaussee. Er streicht dafür die drei Brechtwitwen und mit dem Rosa Riesen einen bekannten Nachwendemörder. Die Westerben übernehmen schließlich wieder den alten Besitz, ein Spukschloss mit dunkler Vergangenheit. „Dunkel Genossen ist der Weltraum sehr dunkel“ – mit dem Gagarin-Zitat schließt dann auch das Stück recht pessimistisch. Als Hoffnungsschimmer schiebt Soubeyrand das wieder chorisch an der Rampe vorgetragene Brechtgedicht An die Nachgeborenen hinterher. Die anwesende Brecht/Schall-Familie und Ziehvater Wolf Biermann wirds gefreut haben.

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Während Manuel Soubeyrand bei Müller das Theaterblut noch weitestgehend in der Tube lässt, kommt es im zweiten Teil des Abends umso häufiger zum Einsatz. „Ich rieche Menschenfleisch“, ein Märchenzitat aus Müllers GERMANIA 3 könnte gut auch aus WolfsWelt. Die Stunde der Kammerjäger von Werner Buhss stammen. Die einzige Uraufführung des Abends stand neben dem Fritz-Kater-Stück Vineta, Jan Neumanns Fundament und dem wortlosen Wunschkonzert von Franz Xaver Kroetz nach der ersten Pause zur Wahl. Neben Blut aus der Tube steht in WolfsWelt aber vor allem Menschenfleisch auf dem Speiseplan, gern auch mal roh durch den Wolf gedreht.

Autor und Übersetzer Werner Buhss, 1949 in Magdeburg geboren, veröffentlicht seit den 1980er Jahren regelmäßig Theaterstücke mit Bezug zur deutschen Geschichte der Vor- und Nachwendezeit. Als nach der Wende Heiner Müllers Wortquell weitestgehend versiegte, war Buhss einer seiner Nachfolger in Sachen Geschichtsaufarbeitung. Für Bevor wir Greise wurden, ein Volksstück nach Barlachscher Manier (1995 in Magdeburg uraufgeführt) erhielt er den Mühlheimer Dramatikerpreis. Auch da wabert Stalin (1953 gestorben) als untoter Geist durch die Fünfziger der jungen DDR. WolfsWelt ist dagegen ein Stück aus der Gegenwart, in die der Geist der Vergangenheit aber deutlich seine Spuren hineindrückt.

Das Jahr100Spektakel - WolsWelt - Foto (C) Steffen Rasche

Das Jahr100Spektakel – WolfsWeltFoto (C) Steffen Rasche

Ort der Handlung ist eine Art versteinerter Wald, fast wie in einer Endzeitstimmung, die aber geistig an Tendenzen der Gewalt, des Fremdenhasses und humanistischen Werteverfalls unserer Zeit erinnern soll. Buhss packt das in die Form eines zynischen Märchens angelehnt an das Rotkäppchen der Gebrüdern Grimm. Der böse Wolf ist hier ein Vater, der seine beiden Söhne im Geiste des Paukbodens erzieht. Zucht durch Körperertüchtigung, Denksport und sonntägliches Spielen als Strategieübung. Ist der Alte bei Buhss noch klar als Burschenschaftler zu erkennen, lässt die junge Regisseurin Samia Chancrin die Schauspieler gleich als menschliches Wolfsrudel auftreten, denen Kostümbildnerin Jenny Schall Fellfetzen an die Anzüge geklebt hat. Reviermarkierung und -reinigung als Verteidigung der abendländischen Kultur mit Zähnen und Klauen. Für alle reicht es nicht.

Das moderne „Rotkäppchen mit den abgebissenen Fingernägeln“ heißt Hilde im roten Samtumhang. Ihre Geschichte der Befreiung aus dem Wolfsbauch wird zur chorisch durchchoreografierten Meisterleistung. Mit Hilde bricht der Trieb und die Eifersucht als neue Komponente in das Rudels ein, und somit die klare Hierarchie auf. Die Liebe überkommt erst den jungen Zweifler Götz, dann den älteren Bruder Hasso. „Die Liebe ist ein Verzehr des anderen.“ Die Saat des Zorns trägt bald ihre Früchte. Bevor die Brüder das Rotkäppchen zum Mord am verhassten Rudelführer bringen können, kommt der Brudermord. Als Anschauungsunterricht in kulinarischem Sexismus gibt es noch eine eingespielte TV-Kochshow.

WolfsWelt ist ein Stück wie aus Zitaten, Sprichwörtern und sozialdarwinistischem Vokabular zusammengeklebt. Nietzsche, Jünger, Hindenburg usw., Stahlgewitter, Verdun als Badekur – „Was mich nicht umbringt, macht uns stärker!“ Dazu müllert es an allen Ecken und Enden. „Der Boden muss mit Blut gedünkt werden.“ (siehe Stalin in GERMANIA 3) Man müsste das Stück aus dem strengen Korsett seiner abgegrenzten Spielszenen und pseudophilosophisch eingeschobenen Lyrik befreien, was Regisseurin Chancrin auch stellenweise gelingt. Sie findet immer wieder passende Bilder für den beschriebenen Gewaltkreislauf, in dem sich das Rudel schließlich in den eigenen Schwanz beißt. Ihn zu brechen, bedarf es sicherlich mehr als einer vegetarischen Diät. Mahlzeit. Buletten und Würstchen gabs in der Pause vom Barrikadengrill im Hof der Neuen Bühne.

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Brecht und Müller ziehen sich also wie ein roter Faden durch den Abend. Und auch im letzten Teil, der Live-Radio-Show zum Thema Politik, Widerstand und Hoffnung, wandelt Müllers Glückloser Engel mit weiten Schwingen über die Bühne und singt man Bertolt Brechts Legende vom toten Soldaten. In Form von Kalenderblättern erinnert das Ensemble an bedeutende Personen und Ereignisse sowie die beiden Weltkriege und Konflikte der letzten hundert Jahre wie in Irland, Vietnam oder Chile. Man gedenkt den Leitfiguren des Widerstands und der Hoffnung wie Georg Elser, Rosa Parks, Martin Luther King, Nelson Mandela, Salvador Allende und Víctor Jara. Dazu werden Songs über Revolte und Revolution von den Neville Brothers, The Cranberries, Tracy Chapman oder Ton Steine Scherben gesungen, aber auch das Lied der Moorsoldaten. Wie schon in GERMANIA 3 eine überzeugende Ensembleleistung.

Das Jahr100Spektakel - Keine Macht für Niemand Foto (C) Steffen Rasche

Das Jahr100Spektakel – Keine Macht für Niemand
Foto (C) Steffen Rasche

Die Eckleuchten, oder besser Grubenlampen an der Neuen Bühne Senftenberg, die sich einst noch Theater der Bergarbeiter nannte, sind somit gesetzt. Mögen sie ein Licht aus der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft hinübersenden. Dafür steht mit „Der Traum ist aus“ auch ein weiterer Ton-Steine-Scherben-Song in der Radio-Show. Der lange Weg der Hoffnung führt hier am Ende Schritt für Schritt ins Paradies. Allerdings dachten Sänger Rio Reiser und Band wohl eher nicht an jenes, aus dem der Sturm des Fortschritts Walter Benjamins Engel der Geschichte unaufhaltsam in die Zukunft treibt, die aufgeschichteten Trümmer unserer Katastrophen hinter sich im Blick.

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Heiner Müller
Germania 3. Gespenster am toten Mann
Regie – Manuel Soubeyrand
Bühne – Gundula Martin
Kostüme – Jenny Schall
Dramaturgie – Jörg Hückler
Mit: Roland Kurzweg, Friedrich Rößiger, Marianne Helene Jordan, Simon Elias, Jan Schönberg, Heinz Klevenow, Wolfgang Tegel, Robert Eder, Johannes May, Eva Kammigan, Eva Geiler, Sybille Böversen, Catharina Struwe

Werner Buhss
WolfsWelt. Die Stunde der Kammerjäger (UA)
Regie – Samia Chancrin
Bühne – Saskia Wunsch
Kostüme – Jenny Schall
Dramaturgie – Jörg Hückler
Mit:
Götz – Tom Bartels
Hasso – Friedrich Rößiger
Hilde, Wolfgang, Hausfrau – Marlene Hoffmann
Vater, Koch – Franz Sodann
Kind – Dae Enn Rößiger
Kinderstimme – Emilia Heimburger
Kinderstimme – Jessie Thieme
Kinderstimme – Lenie Thieme

Heiner Kondschak
Keine Macht für Niemand
Lieder über Politik, Widerstand und Hoffnung
Musikalische Leitung/Regie – Alexander Suckel
Bühne – Gundula Martin
Kostüme – Jenny Schall
Dramaturgie – Jörg Hückler
Mit: Tom Bartels, Alrun Herbing, Marlene Hoffmann, Marianne Helene Jordan, Roland Kurzweg, Hanka Mark, Friedrich Rößiger, Catharina Struwe, Wolfgang Tegel

Weitere Infos: http://www.theater-senftenberg.de/de/spielplan/premieren/das-jahr100spektakel.html

Zuerst erschienen am 01.10.2014 auf Kultura-Extra.

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Am kommenden Wochenende beginnt die neue Spielzeit in Berlin. Eine Rückschau und ein Ausblick auf Vergangenes und Künftiges an den fünf Stadttheatern der Hauptstadt. Teil 1: Das Deutsche Theater und Berliner Ensemble

Samstag, August 23rd, 2014

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Die Spielzeitpause der Berliner Bühnen neigt sich mal wieder dem Ende. Sie wurde für die an Entzug leidenden Theatersüchtigen ganz gut durch Festivals wie den FOREIGN AFFAIRS, dem TANZ IM AUGUST und natürlich wie immer durch luftig lockeres Open-Air-Theater überbrückt. Auch eine willkommene Abwechslung zur Routine des alltäglichen Einerleis an den hochsubventionierten Theaterbühnen Berlins. Womit wir beim ersten Kritikpunkt der letzten Saison an den fünf Stadttheatern angekommen sind. Es gab weder sehr viel Neues noch wirklich Herausragendes in den Spielplänen der hauptstädtischen Bühnen. Berlin ist auch längst keine Theaterhauptstadt mehr, wie man unschwer beim Theatertreffen im Mai feststellen konnte. Wie es um den Berliner Stadttheaterbetrieb bestellt ist, zeigt eine kleine Rückschau auf die zurückliegende und ein Ausblick auf die kommende Spielzeit.

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Deutsches Theater Berlin. Spielzeit 13/14 - Foto: St. B.

Das Deutsche Theater Berlin. Spielzeit 13/14 – Foto: St. B.

Innehalten hieß es noch zum Abschluss der Spielzeit bei den Autorentheatertagen am Deutschen Theater in der Schumannstraße. Aber gerade das immer noch als führende Bühne gehandelte DT ist klarer Stadtmeister im Output. Durchschnittlich drei Inszenierungen feiern hier pro Monat ihre Premiere. Die drei Spielorte wollen ja auch entsprechend bespielt sein. Dabei ist man mal mehr, mal weniger darum bemüht, die einzelnen Produktionen in ein übergreifendes Motto zu pressen. Das lässt sich natürlich nicht immer konsequent durchhalten. In der letzten Spielzeit, in der es um Demokratie und Krieg gehen sollte, vermochten hinsichtlich des gesteckten Rahmens nur die wenigsten der Inszenierungen wirklich zu überzeugen.

Als Vielinszenierer fiel nicht erst in der vergangenen Spielzeit Hausregisseur Stephan Kimmig auf. Nachdem sich nach Michael Thalheimer auch Andreas Kriegenburg als tragender Regisseur des Hauses immer mehr zurückgezogen hat, lastete auf Kimmig bei immerhin vier Inszenierungen eine umso größere Erwartungshaltung. Nach einem Fehlstart mit der Doppelinszenierung Demetrius / Hieron. Vollkommene Welt konnte der auch außerhalb Berlins vielbeschäftigte Regisseur gemeinsam mit einer starken Hauptdarstellerin Susanne Wolff zumindest noch ein relativ schwaches Stück der Niederländerin Lot Vekemans retten. Mit Ismene, Schwester von, dem Münchner Gastspiel Judas und Gift war die Autorin immerhin dreimal im Programm vertreten. Bis auf den umjubelten Judas konnten diese Stücke aber nur durch den Einsatz des DT-Starensembles halbwegs überzeugen.

Am Ende standen noch ein kurz hingelaschter Beitrag zu den Autorentheatertagen und die vielleicht bemerkenswerteste Inszenierung der Berliner Theatersaison zu Buche. Kimmig Inszenierung von Wassa Schelesnowa, Maxim Gorkis Portrait einer Familienbetriebsdynastie im Verfall mit der Ausnahmeschauspielerin Corinna Harfouch in der Titelrolle der unnachgiebigen Patriarchin, war schon eine ziemlich genaue Zeichnung einer kaputten kapitalistischen Gesellschaft, wie sie auch heute noch funktioniert bzw. menschlich dysfunktionalen Abfall produziert. Eine in ihren ausweglosen Bildern verstörende und in ihrer zerstörerischen Konsequenz faszinierende Inszenierung zugleich.

Das DT 2014 war auch Der Löwe im Winter in der Regie von Sebastian Hartmann - Foto: St. B.

Das DT 2014 war auch Der Löwe im Winter, Regie: Sebastian Hartmann – Foto: St. B.

Nur erwartbare Kunst-Routine herrschte dagegen bei Stefan Pucher, dem Regieduo Kuttner/Kühnel oder den schon genannten Regisseuren Michael Thalheimer und Andreas Kriegenburg. Eher enttäuschend auch die erste Inszenierung vom neu ans DT gerufenen Leipziger Ex-Intendanten Sebastian Hartmann. Nur Milan Peschel konnte in seiner zweiten Regiearbeit am DT ausgerechnet mit einem Gegenwartsstück von Nis-Momme Stockmann in den Kammerspielen punkten. Was wieder mal die These bekräftigt, dass die Überraschungen eher auf den kleineren Bühnen des Hauses zu finden sind.

Junge Regisseurinnen haben es weiterhin nicht gerade leicht am Deutschen Theater. Ihnen bleibt bis auf einzelne Ausnahmen nach wie vor die kleine Ausprobierbühne der Box vorbehalten. Ärgerlich in dieser Hinsicht war dann, dass gerade Jette Steckel ihren besonderen Auftritt auf der großen Bühne mit Das Spiel ist aus von Jean-Paul Sartre verpatzte. In der neuen Spielzeit werden aber Brit Bartkowiak, Daniela Löffner und Jette Steckel neben Neuzugang Nora Schlocker wieder mit am Start sein.

Nach dem schmerzhaften Verlust von Dimiter Gottschef rücken nun immer mehr jüngere Regisseure ins Rampenlicht. Raffael Sanchez, Tilman Köhler, Simon Solberg, Frank Abt und Bastian Kraft mühten sich redlich um neue Regieakzente mit allerdings recht unterschiedlichen Ergebnissen. Der Star unter den Newcomern ist dabei sicher Bastian Kraft, der mittlerweile an einigen deutschen Stadttheatern Fuß gefasst hat. Seine poppigen Regie-Arrangements erinnern zum Teil an Stefan Puchers Breitwandüberwältigungsstil, entwickeln aber wie auch im Besuch der alten Dame durchaus ihren eigenen Reiz. Das kann aber nicht ganz über die ironiesatten Scheinbilder und harmlose Belanglosigkeit vieler Inszenierungen am DT hinwegtäuschen. Unbedingter Kunstwillen mit Starensemble im Hochglanzformat als einzige Antwort auf die brennenden Fragen der Zeit?

die DT-Kammerspiele im Juni 2014 - Foto: St. B.

Die DT-Kammerspiele im Juni 2014 – Foto: St. B.

Das soll nun anscheinend in der neuen Spielzeit ganz anders werden. Kein ganz so starres Motto mehr. Intendant Ulrich Khuon lässt in den geplanten Inszenierungen den Umgang mit und die Veränderbarkeit von Realität auf der Bühne untersuchen. Dass damit verstärkt wieder ein Augenmerk auf die Gegenwart gelegt wird, lässt da auf eine spannende Spielzeit hoffen. 10 Autoren hat das DT eingeladen, anhand von 10 Schlüsselwörtern die wichtigsten 10 Neuinszenierungen des Hauses zu beschreiben. Ein Wort- und Text-Memory zu eher ambivalent-realen Empfindungen wie ZEIT, WIDERSPRUCH, SCHMERZ, FREMDE, TAUMEL, MUTTER, BEGEHREN, ANGST, FREIHEIT, GOTT.

Starten wollte das DT am 05.09. mit der Beckett-Inszenierung Warten auf Godot, die ursprünglich Dimiter Gotscheff übernommen hatte. In der Regie von Ivan Panteleev hatte das Stück Anfang Juni bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen Premiere. Nach einer Urlaubsverletzung von Wolfram Koch ist die Berlin-Premiere auf den 28.9. verschoben worden. Nun machen Jürgen Kuttner und Tom Kühnel am 11.09. Tabula rasa mit Gruppentanz und Klassenkampf. Carl Sternheim verabschiedete mit seiner Komödie bereits 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, die Ideale der Sozialdemokratie. Nach der Münchner Inszenierung von Aus dem bürgerlichen Heldenleben die zweite Auseinandersetzung von Kuttner/Kühnel mit dem Dramatiker Carl Sternheim und dem deutschen Kleinbürgertum. Was bedeutet es heute links zu sein? Eine Frage, der die Beiden sicher wieder auf gewohnte Weise zwischen Didaktik und Comedy nachgehen werden.

Bewährtes gibt es mit Kleists Amphitryon (Andreas Kriegenburgs zweiter Kleistversuch am DT), Büchners Woyzeck (Regie: Sebastian Hartmann), Molières Der Geizige in der Regie von Martin Laberenz, dem zweiten Ex(il)-Leipziger am DT, Ibsens Die Frau vom Meer (Regie Stepahn Kimmig) und Schnitzlers Weites Land (Regie: Jette Steckel). Und natürlich darf Geburtstagskind Shakespeare nicht fehlen. Mit Macbeth (Regie: Tilmann Köhler), Was ihr wollt (Regie: Stefan Pucher) und Romeo und Julia (Regie: Christopher Rüping) wird so ziemlich die gesamte Bandbreite des elisabethanischen Dramatikers abgedeckt.

Kein Innehalten in der neuen Spielzeit am DT Foto: St. B.

Kein Innehalten in der neuen Spielzeit am DT
Foto: St. B.

Das Zeitgenössische Drama ist mit Altbekannten wie Dea Loher und Roland Schimmelpfennig aber auch gefragten jungen Autoren wie Iwan Wyrypajew, Philipp Löhle und Wolfram Lotz ganz gut abgedeckt. Besonders interessant dürfte aber vor allem Stefan Puchers Versuch an Bertolt Brechts frühem Künstlerdrama Baal sein. Erst 2009 scheiterte Christoph Mehler noch recht sportlich in den Kammerspielen. Pucher ist also in guter Gesellschaft und Brecht wieder im Kommen. Auch Volksbühnenchef Frank Castorf greift mal wieder zum proletarischen Dichter und seinem unangepassten Bürgerschreck. Um das zu sehen, muss man allerdings nach München fahren.

Das DT bietet dafür noch eine weitere Überraschung. Gerade erst wurde dem zweimaligen Überquerer der ehemaligen innerdeutschen Grenze Ronald M. Schernikau eine Informationstafel an seinem letzten Wohnort in Berlin-Hellersdorf gewidmet. Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls im November widmet Bastian Kraft dem außergewöhnlichen und leider früh verstorbenen Dichter und Schriftsteller an den Kammerspielen mit Die Schönheit von Ost-Berlin eine theatrale Collage. Es ist immerhin schon wieder vier Jahre her, dass das Theaterkollektiv PortFolio Inc. im Theater unterm Dach ebenfalls mit einer Art Collage biografischer Texte zum 50sten Geburtstag an Schernikau erinnerte.

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Das BE im Dornröschenschlaf ? Foto: St. B.

Das BE im Dornröschenschlaf ?
Foto: St. B.

Also wieder einiges los am Deutschen Theater und wenig Zeit zum wirklichen Innehalten. Dagegen fristet das benachbarte Berliner Ensemble seit Jahren einen eher fast schon museal anmutenden theatralen Dornröschenschlaf, aus dem es zumindest kurzfristig durch Leander Haußmanns fulminante Hamlet-Inszenierung erweckt werden konnte. Und ungewöhnlich früh startet das BE auch mit Haußmann in die neue Spielzeit. Im Duell der Nachbarn hat zumindest Claus Peymann terminlich kurzfristig die Nase vorn. Leander Haußmann bleibt dran und bringt nach Hamlet mit Büchners Woyzeck eine weitere getriebene Männerfigur auf die Bühne am Schiffbauer Damm bevor Anfang Oktober Sebastian Hartmann am Deutschen Theater nachziehen kann.

Viel Bemerkenswertes hatte das BE in der letzten Spielzeit allerdings nicht zu bieten. Neben zwei frühen Brechtfragmenten mit ganz unterschiedlichem Erfolg stand ein launiges Alterswerk von Luc Bondy, der Horvaths aus tiefen Augenhöhlen blickenden Kriegsheimkehrer Don Juan (Samuel Finzi) seine liebe Not mit dem weiblichen Geschlecht haben ließ. Zumindest eine einmalige Zusammenführung mehrerer Jahre Theatergeschichte in Gestalt von Schauspielern aus drei Berliner Theatern.

Die Altherrenriege Peymann und Karge teilte sich den Rest der Neuinszenierungen. Wobei Claus Peymann nur einmal und dann noch mit Kafkas Prozeß für das BE eher untypisch einen Roman inszenierte, wogegen Manfred Karge mit Fatzer am Hausheiligen Brecht scheiterte, Bruckners Die Rassen auf der Probebühne aber durchaus ganz passabel gestaltete. Runde Geburtstage von George Tabori und Heiner Müller brachten dann noch einige wenige Glanzpunkte.

HM  100 Jahre George  Fotos: St. B.

Runde Geburtstage von George Tabori (Die Kannibalen) 
und Heiner Müller (Der Spuk ist nicht vorbei) am BE

Für die neue Spielzeit hat man am Berliner Ensemble noch zwei Komödien-Inszenierungen von Katharina Thalbach (Molières Amphitryon) und Veit Schubert (Shakespeares Zwei Herren aus Verona) sowie einen musikalischen Abend von Franz Wittenbrink in Petto. In Villa Aurora erklingen Lieder aus dem Exil. Gesungen wird mit Sicherheit auch bei Robert Wilsons Faust-Inszenierung im April 2015. Herbert Grönemeyer meets Faust/Mesphisto & friends… steht in der Vorankündigung. Nach Büchners Leonce und Lena die zweite Zusammenarbeit des deutschen Sängers mit dem Texaner Wilson am BE.

Was eine neue Regiearbeit des Hausherren Claus Peymann betrifft, hält man sich am BE wie immer ziemlich bedeckt. Auf die lange angekündigte Uraufführung eines neuen Stücks von Peter Handke muss man wohl weiter vergebens warten. Der Autor äußert sich in seinem gerade erschienenen Gesprächsband über seine Arbeit fürs Theater gegenüber dem Dramaturgen Thomas Oberender auch recht despektierlich zu seinem alten Intimfreund/feind Claus Peymann. Dabei kommt der BE-Intendant im Vergleich zum Regisseur Michael Haneke oder gar dem Klassiker Goethe noch recht glimpflich weg.

Hausheiliger Bertolt Brecht vor dem Berliner Ensemble Foto: St. B.

Hausheiliger Bertolt Brecht wacht vor dem Berliner Ensemble – Foto: St. B.

Peymann wäre als Organisator der Typ Fußballtrainer, allerdings nicht bei Real Madrid sondern eher Arminia Bielefeld. Der Ostwestfälische Ballsportclub mit dem Cheruskerfürsten Arminus im Namen ist bekanntlich über die Jahre von der Bundesliga in die 3. Liga abgestiegen. Um diesen harschen Vergleich zum Fußballgeschäft etwas abzumildern, bescheinigt Handke Claus Peymann aber noch ein Ver- bzw. „Duchwalten“ aus Passion. Das wäre auch wirklich etwas Rührendes an ihm. Claus Peymann also als passionierter Sachwalter und Durchhalter einer musealen Theaterkunst. Da sagt uns Peter Handke wahrlich nicht sehr viel Neues. Das Claus Peymann aus der Deckung kommen wird, um eine neuerliche Guerilla-Abwehrschlacht in den Gazetten anzuzetteln, kann man getrost bezweifeln. Was das betrifft, macht sich bereits eine gewisse Müdigkeit beim alten Theaterrecken breit.

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Fazit der Spielzeitvorschau am Deutschen Theater und Berliner Ensemble: Die üblichen Verdächtigen beackern mit dem allgemeinen Bildungskanon den gewohnten Themenpark. Eine große Verunsicherung wird sich da wohl eher nicht breit machen. Man wird sehen müssen, was das wirklich bringt. Zumindest kann das DT gegenüber dem BE in Sachen Uraufführungen punkten. Was letztendlich sicher auch am nötigen Kleingeld, sprich Subventionen, liegen mag. Allerdings das Stück, was Claus Peymann demnächst (wann auch immer) mal uraufführen wird, will erst noch geschrieben sein.

Fortsetzung folgt…

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Weitere Infos:

Deutsches Theater Berlin: http://www.deutschestheater.de/spielplan/premieren_repertoire_2014_2015/

Berliner Ensemble: http://www.berliner-ensemble.de/premieren

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„Hans im Glück“ und „Fatzer“ – Das Berliner Ensemble inszenierte in dieser Spielzeit zwei Fragmente des jungen Bertolt Brecht.

Mittwoch, Juli 2nd, 2014

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Geglückt – Nun gräbt endlich auch das Berliner Ensemble das faule Ei des jungen Bertolt Brecht wieder aus. Im Pavillon inszeniert Sebastian Sommer „Hans im Glück“.

„,Hans im Glück mißlungen‘, ein Ei, das halb stinkt.“ ist im September 1920 die vernichtende Selbsteinschätzung des aufstrebenden Jungdramatikers Bertolt Brecht. Sagt`s und vergräbt das ungeliebte Fragment in der untersten Schublade seines Schreibtischs. Da liegen bereits zwei Fassungen des Baal, dem er sich nun wieder verstärkt widmen sollte. Mag die ungebrochene Erfolgsgeschichte dieses radikalen, expressionistischen Frühwerks auf den Bühnen der Welt dem Dichter auch Recht geben, so ist das verschmähte Ei dann doch nicht ganz so faul, wie es der zum schnellen Erfolg Verdammte damals in seinem Kämmerlein postulierte. Nach der verspäteten Premiere zum 100. Geburtstag Brechts am Thalia Theater Hamburg noch relativ unbeachtet, fand die Adaption des Märchenstoffs der Brüder Grimm sogar ihren Weg bis ins französische Montpellier und von dort über den Thespiskarren des Ton und Kirschen Wandertheaters wieder zurück in brandenburgische Gefilde.

Foto: St. B.

Foto: St. B.

Das volkstümlich Zirzensische ist dem Stück auch direkt eingeschrieben. War der junge Brecht doch dem Volksschwank nicht ganz abgeneigt und hatte bereits 1919 einige solch derb frivoler Einakter verfasst. Mit dem Münchner Komödianten Karl Valentin verbannt ihn eine gegenseitig befruchtende Freundschaft. Die Inszenierung des Ton und Kirschen Wandertheaters im letzten Jahr auf den Havel-Wiesen in Werder betonte dann auch das märchenhaft Spielerische wie derb Komödiantische der Brecht’schen Parabel und war damit ein voller Publikumserfolg. Bereits Anfang März hat Sebastian Sommer, Regieassistent am Berliner Ensembles und mit Erfahrung fürs performative Theater, Hans im Glück im Pavillon des Berliner Ensembles neu eingerichtet.

Hanne: Jetzt gehst du wegen mir von deinen Besitztümern fort!
Hans: Aber es ist so schön, so zu gehen!

Hans (Peter Miklusz) ist der Grundtyp des zufriedenen Menschen. Er kann auch der übelsten Wendung im Leben noch etwas Positives abgewinnen. Wie ihm auf seiner Reise auch mitgespielt wird, sein Blick geht immer voraus. Seine Sehnsucht gilt allein den Sternen und seiner einzigen Liebe Hanne. Wenn man Zufriedenheit mit Einfalt gleichsetzen will, dann ist Hans dies im besten Sinne. Seine Frau Hanne (Antonia Bill) bezeichnet ihn dann auch als einen etwas dummen, aber guten Mann. Hanne wird Hans an den schlauen Herrn Feili (überzeugend Matthias Mosbach) verlieren, der die Lust in ihr weckt und Hans dazu beim Schnaps noch ein paar Schuldgefühle einredet. Aber auch so lebt es sich für den noch ganz gut in den Tag hinein. Später tauscht Hans bei fahrenden Händlern sein marodes Haus gegen einen Wagen mit Pferd und die Freiheit in die Welt zu ziehen.

Und so geht es im Reigen der Tauschgeschäfte munter weiter. Hans kommt stets an die falschen Leute, Frauen oder einen dubiosen Freund (wieder Matthias Mosbach), und lässt sich ein ums andere Mal einwickeln. Erst ist der Gaul weg, dann tauscht er den Wagen gegen den Traum vom eigenen Karussell. Anke Engelsmann als lüsternes Karussellweib wirft sich dabei in ganzer Größe und Überzeugungskunst über den armen Hans. Das Karussell besteht aus von der Decke hängenden Hasen, Hühnern, Schafen und Glücksschweinen, die sich wie wild im Kreis drehen lassen. Das Spiel in der kleinen Guckkastenbühne des Pavillons geht von Anbeginn ungeniert ran ans Stück und flott von Station zu Staion. Eine kleine Zwei-Mann-Combo bläst dazu dem Marsch und jazzt sich durch ein paar frühe Brechtgedichte à la Man muß schon Schnaps getrunken haben.

HANS IM GLÜCK Marina Senckel, Matthias Mosbach, Felix Tittel, Peter Miklusz, Marko Schmidt, Anke Engelsmann - Foto: Lucie Jansch

HANS IM GLÜCK Marina Senckel, Matthias Mosbach, Felix Tittel, Peter Miklusz, Marko Schmidt, Anke Engelsmann – Foto: Lucie Jansch

Draußen tobt der Karnevalswahnsinn im StäV am Schiffbauerdamm und im Pavillon fliegen dazu Konfetti und Luftschlangen auf die Bühne. Dass das Stück auch seine stillen Momente hat, könnte man dabei glatt vergessen. Dass dem nicht so ist, dafür sorgt die aufmerksame Regie. Der Umschwung kommt mit der Rückkehr der nun schwangeren Hanne, und Hans beginnt sofort, sich wieder um sie zu sorgen. Doch auch die mit dem Körper und der Aufgabe des lustigen Rummellebens bezahlte Gans können Hanne nicht vorm Gang in den schwarzen Fluss bewahren. Hans verliert Geliebte und Gans, gibt sein letztes Hemd her und gerät schließlich durch die guten Ratschläge des Freundes auf Abwege.

Was Hans bei allem nicht verliert, ist seine Vorstellung vom Glück jenseits der materiellen Werte. Womit er schon damals, ob nun bewusst oder unbewusst, außerhalb der Gesellschaft steht. Ihm begegnen auf seinem Weg Gauner, Bettler, Verbitterte, Huren und Halsabschneider. Sebastian Sommer lässt sie in phantasievollen Kostümen und Masken an uns vorbeidefilieren. Marina Senckel, Felix Tittel, Marko Schmidt und Peter Luppa geben in wechselnden Rollen einige dieser Existenzen. Das ganze Panoptikum der Verhältnisse, von denen Brecht später in seiner Dreigroschenoper singen lassen wird. Das kein Mensch in ihnen gut sein könne, ohne dabei vor die Hunde zu gehen, ist wohl die erste Lehre, die Brecht hier ziehen wollte. Weitere sogenannte Lehrstücke folgten. Diese kleine Mär vom Rennen nach dem Glück, das einem ja bekanntlich immer hinterherrennt, war dem späteren Meister wohl etwas zu sentimental. Als Fazit dieser kurzweiligen Inszenierung lässt sich aber durchaus behaupten: Hans im Glück, ein Ei, das beglückt. Zumindest für 90 Minuten hier im Pavillon des BE.

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Hans im Glück
von Bertolt Brecht
im Pavillon des BE (03.03.2014)
Premiere war am 01.03.2014

Regie: Sebastian Sommer
Bühne und Kostüm: Marie-Elena Amos
Musik: Martin Klingeberg, Matthias Trippner
Dramaturgie: Steffen Sünkel
Mit: Peter Miklusz, Antonia Bill, Matthias Mosbach, Marina Senckel, Anke Engelsmann, Felix Tittel, Marko Schmidt, Peter Luppa, Musiker: Martin Klingeberg, Matthias Trippner.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Weitere Infos: www.berliner-ensemble.de

Ich will mit dem gehen, den ich liebe.
Ich will nicht ausrechnen, was es kostet.
Ich will nicht nachdenken, ob es gut ist.
Ich will nicht wissen, ob er mich liebt.
Ich will mit ihm gehen, den ich liebe.

Bertolt Brecht

Zuerst erschienen am 06.03.2014 auf Kultura-Extra.

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Missglückter Untergang des Egoisten Johann Fatzer – Das Fragment von Bertolt Brecht in einer Fassung von Manfred Karge und Hermann Wündrich.

Foto: St. B.

Foto: St. B.

Es gibt da dieses Interview, das Manfred Karge und Matthias Langhoff anlässlich ihrer Inszenierung  des Fatzer-Fragments von Bertolt Brecht 1978 am Hamburger Schauspielhaus mit dem Spiegel geführt haben.Sie hatten damals für eine Aufführung an der Ost-Berliner Volksbühne die Rechte von den Brecht-Erben nicht erhalten und die Einladung nach Hamburg dankend angenommen. Das damals als recht radikal bekannte Regie-Duo wehrte sich hiermit gegen den, so Langhoff wörtlich, „Trend zur Konservierung“, der ihrer Meinung nach v.a. auch an der Institution Berliner Ensemble (durch dessen museale Praktiken v.a. mit Werken von Brecht) vorherrschte. Das liest sich dann heute wie ein Treppenwitz in der Theatergeschichte, denn: Der Anachronismus scheint so aktuell wie nie, weil das BE mit seinem Künstlerintendanten Claus Peymann (und eben auch mit dem dort angestellten Manfred Karge) in ihm anhaltend verharrt.

Aber vielleicht liegt das auch an der Eigenart des Hauses, das von Brecht über Weigel und Berghaus bis zu Wekwerth (der dann ebenfalls in 1987 „seinen“ Fatzer inszenierte) immer von so großen Theater-PatriarchInnen geführt wurde, bis es nach der Wende von einem Regisseurskollektiv unter Peter Zadek und Heiner Müller übernommen wurde. Ihnen folgte bekanntlich 1999 Claus Peymann von der Wiener Burg. Der Versuch der Kollektivierung der Brechtbühne scheiterte übrigens auch am Ego der sehr unterschiedlichen Regisseure. Womit wir wieder beim Egoisten Johann Fatzer sind. Die Spielfassung zu Karge/Langhoffs Hamburger Inszenierung von 1978 lieferte den Beiden ausgerechnet jener Heiner Müller. Und wenn man über eine heutige Fatzer-Inszenierung spricht, hat man es dann meist auch mit Müllers Stückfassung zu tun. Müller hielt Brechts Fatzer gar für einen Jahrhunderttext. Es ist in jedem Falle einer seiner politischsten und immer noch aktuellsten. Grundsätzlich ging es in Heiner Müllers Bearbeitung um die Auseinandersetzung mit dem Terrorismusproblem in der (alten) Bundesrepublik, was nachgerade ein gesamtdeutsches Problem geworden war – wie wir fast 25 Jahre nach der Wende wissen. Also die Staatsgewalt der BRD gegen die Gewalt sich radikalisierender linker Gruppierungen wie der RAF.

Untergang des Egoisten Johann Fatzer Joachim Nimtz Foto (c) Lucie Jansch

Untergang des Egoisten Johann Fatzer
Joachim Nimtz
Foto (c) Lucie Jansch

In Karges Neuinszenierung vom Untergang des Egoisten Johannes Fatzer am BE wird es jetzt ein Memorial-Abend zum Jahrestag des Ersten Weltenbrandes in Sachen: Nie wieder Krieg! Das ist aller Ehren wert und auch sehr stimmig, deckt doch Brechts Fatzer-Fragment in lose aufeinanderfolgenden Szenen anhand einer aus dem Ersten Weltkrieg desertierten vierköpfigen Panzerbesatzung inklusive des vorrevolutionären, außerparlamentarischen Klassenkampfs diese Thematik sehr gut ab. Und das aus der Erfahrung des damals linksintellektuellen Autors Brecht mit der Weimarer Republik, in der sich in den 1920er Jahren rechts- und linksradikale Gruppierungen offen gewalttätig geführte Kämpfe lieferten. Im Programmheft, das auch die Textfassung von Manfred Karge und Hermann Wündrich enthält, wird, ganz am Ende versteckt, Hans Magnus Enzensbergers Glosse „Die Schrecken der Weimarer Republik“ aus Hammerstein oder der Eigensinn – Eine deutsche Geschichte abgedruckt. Dies scheint der einzige Bezugspunkt und Kommentar von Karges Inszenierung zu sein. Zur Fassung Heiner Müllers grenzt man sich weitestgehend ab, was schon im Titel der Wegfall des einleitenden Artikels „Der“ bezeugt.

Ins Auge sticht zunächst die von Karl-Ernst Herrmann aus lauter Totenschädeln gestaltete Bühne. Er ist der Zweite im Produktionsteam des BE, der mit Brechts Fatzer schon mal Bekanntschaft geschlossen hatte. Für die Uraufführung von Frank-Patrick Steckel 1976 an der Berliner Schaubühne gestaltete er die Bühne u.a. mit einem Ungetüm von Kettenpanzerwagen. Über Herrmanns Endzeitlandschaft im BE trippelt nun zunächst Ursula Höpfner-Tabori vorsichtigen Schritts, als suche sie nach einem ihr bekannten Gesicht unter diesem Meer aus Schädeln. Sie bringt die erste einleitende Chorpassage: „War ein Krieg aller Völker / Welche sich eingruben…“, und dementsprechend kriechen hier die vier Soldaten Fatzer, Koch, Büsching und Kaumann unter Gasmasken nicht etwa aus einem Tank, sondern aus einem großen Loch inmitten der Schädel. Ein durchaus beeindruckendes Bild, passend dem Vergleich der Vier für ihre Wiedergeburt, aus dem sich aber im Folgenden nichts weiter ergibt als zusätzlicher Raum für Auf- und Abgänge.

Die umgebenden Bühnenwände sind als Tafeln gestaltet, an die Fatzer (Joachim Nimtz) dann auch schulmäßig seine Theorie der zwei Linien, zwischen denen sich die vier befinden, malen kann. Die eine Linie für „Soldaten wie ich, aber der Feind“, und die andere für „die ist hinter mir, … Das ist die, die uns herschicken, das ist die Burschoasie.“ Die Fronten sind klar abgesteckt. Die Deserteure liquidieren also unter Fatzer ganz spontan den Krieg und begeben sich nach Mülheim an der Ruhr in die Wohnung des schlichten Kaumann (Thomas Wittmann), um dort das Ende des Kriegs und den Beginn der Revolution abzuwarten. Manfred Karge hat eine recht geradlinige Szenenabfolge gewählt, die die Geschichte stringent und nachvollziehbar vom Anfang bis zum bitteren Ende erzählt, ohne groß in kommentierende Chöre und Seitenstränge abzuschweifen, außer einem Mummenschanz-Ballett von preußischen Generälen, die, wie aus einem Bild von George Grosz entsprungen, über die Schädel tänzeln.

Untergang des Egoisten Johann Fatzer - Matthias Zahlbaum, Roman Kaminski, Thomas Wittmann, Ursula Höpfner-Tabori Foto (c) Lucie Jansch

Untergang des Egoisten Johann Fatzer – Matthias Zahlbaum, Roman Kaminski, Thomas Wittmann, Ursula Höpfner-Tabori – Foto (c) Lucie Jansch

Brecht hat aber vor die Revolution noch das Problem des Fressens gesetzt. Und so wird die Proviantbeschaffung der Truppe zur wirklichen Zerreißprobe. Die Ausflüge Fatzers bringen alle um die schon sicher geglaubte Nahrung. Nimtz spielt seinen Egoisten als bauernschlauen Individualisten – eher ein proletarischer Baal als politischer Anarchist, der ohne die anderen besser dran wäre, sich aber aus lauter Gewohnheit in die Gemeinschaft fügt, die im Intellektuellen Koch (Roman Kaminski) schnell ihren Ideologen und im Mitläufer Büsching (Mathias Zahlbaum) ihren Vollstrecker („…der Mensch ist der Feind und muß aufhören.“) findet. Der Rest ist ein Panoptikum aus Kriegsanekdoten am laufenden Band mit blutrünstigen Fleischern, Rinderhälften, Schiebern, Huren und Kriegsgewinnlern. Warum die Revolution scheinbar nicht funktioniert oder eben nur in vereinzelten gewaltsamen Schüben, muss – wer kann – aus Text und Handlungsgerüst erahnen. Mit den unlösbaren Widersprüchen in der Fatzerfigur, die Brecht schon zur Aufgabe des Fragments bewegten, weiß Karge sichtlich nichts anzufangen. Er lässt unbeirrt vom Blatt spielen. Alle abnickbaren Schlagworte werden dabei frontal ins Publikum gesprochen.

Auf die Ausübung staatlicher Gewalt, wie etwa noch in der modernisierten Inszenierung Fatzer Fragment / Getting Lost Faster des Teatro Stabile Turin, die als Gastspiel 2012 an der Berliner Volksbühne zu sehen war (dankenswerter Weise gibt das Programmheft des BE einen kleinen geschichtlichen Abriss der wichtigsten Fatzer-Inszenierung seit 1976), geht Karge am BE gar nicht erst ein oder setzt sie vielleicht auch als gegeben voraus. Das Thema ist aber so aktuell, dass es einen aus den Medien fast schon anspringt. Gerade etwa tobt eine Debatte über die Angemessenheit einer Kritik an Bundespräsident Joachim Gauck bezüglich seiner Äußerung, Kampfeinsätze der Bundeswehr im Ausland nicht mehr von vornherein auszuschließen. Nichts anderes macht die Bundesregierung seit Jahren. Gauck liefert lediglich neue Munition als Aufmunterung an die deutschen Politiker, dies nun endlich auch entsprechend parlamentarisch zu parafieren.

Am Berliner Ensemble endet alles vorhersehbar folgenlos. Nach dem gescheiterten Versuch Kochs, die Arbeiterschaft beim Heimbordellbesuch bei der unter sexuellem Notstand leidenden Frau des Kaumann (Ursula Höpfner-Tabori) zu agitieren, verfällt die Truppe schnell in eine Art Lagerkoller, bekriegt sich gegenseitig („Der Krieg hat uns nicht umgebracht, aber bei ruhiger Luft im stillen Zimmer bringen wir uns selber um.“) und fokussiert ihre Wut schließlich auf den Abweichler und potentiellen Verräter Fatzer. Ein Schlüsselsatz des Einpeitschers Koch ist: „Nach uns kommt nichts. Aber solange wir da sind, geschieht alles richtig.“ Und somit ist die Hinrichtung Fatzers ausreichend begründet. Wer der „dreckige Staat“ ist, der sie hier letztendlich richtet, verraucht in der letzten Maschinengewehrsalve. Da gibt es selbstredend keine Sieger mehr. Das ist retrospektiv alles sehr schön gedacht und gemacht, aber auch ein großer Kotau vor der restaurativen Spielweise des Claus Peymann’schen BE. Und wie wir wissen, hatte Manfred Karge den Schlüssel zum buchstäblichen Aufschließen der Brecht’schen Parabel schon in der Hand, ihn aber anscheinend über die Jahre wieder verbummelt. Oder ist er etwa doch klüger geworden? Man möge es beim Gang ins BE selbst entscheiden. Der Text Brechts lohnt es allemal.

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UNTERGANG DES EGOISTEN JOHANNES FATZER
Regie: Manfred Karge
Bühne und Kostüme: Karl-Ernst Herrmann
Mitarbeit Kostüme: Wicke Naujoks
Musik: Alfons Nowacki
Mit: Anke Engelsmann, Ursula Höpfner-Tabori, Marina Senckel; Roman Kaminski, Michael Kinkel, Joachim Nimtz, Stephan Schäfer, Martin Schneider, Felix Tittel, Thomas Wittmann, Matthias Zahlbaum
Premiere war am 28. Juni 2014
Weitere Termine: 10. 7. 2014

Weitere Infos siehe auch: http://www.berliner-ensemble.de/

Zuerst erschienen am 30.06.2014 auf Kultura-Extra.

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Festivalsommer 2013 (4) – Shakespeare, Brecht, Molières und Co. in den Open-Air-Theatern in und um Berlin. (Teil 2)

Sonntag, August 11th, 2013

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Das Hexenkessel Hoftheater in Berlin-Mitte und die Woesner Brothers auf dem Pfefferberg versuchen sich mehr oder minder erfolgreich am „Amphitryon“ von und nach Molière

„Man kann ein anständiger Mensch sein und doch schlechte Verse machen.“ Jean-Baptiste Molière (1622-1673)

Das Amphitheater des Hexenkessels im schöner Nachbarschaft zum Bodemuseum - Foto: St. B.

Das Amphitheater des Hexenkessels in schöner Nachbarschaft zum Bodemuseum. Foto: St. B.

Glänzte das Hexenkessel Hoftheater bisher ebenfalls meist mit Shakespeare-Werken, hat man sich in den letzten Jahren immer mehr der Commedia dell’arte von Carlo Goldoni oder dem französischen Komödiendichter Jean-Baptiste Poquelin, genannt Molière, zugewandt. Besonders mit Stücken Molières wie „Der Geizige“, „Don Juan“ und „Der eingebildete Kranke“ konnte die Truppe unter ihrem Leiter Christian Schulz immer wieder ihr Publikum begeisterten. In diesem Jahr will es der Zufall, dass es zu einer wunderbaren Doppelung kommt, und sich der Hexenkessel im Amphitheater am Monbijoupark mit den Woesner Brothers auf dem Pfefferberg messen muss. Eine wundersame gottgewollte Verdoppelung der Protagonisten ist dann auch das Thema der Molièreschen Bearbeitung der antiken Sage des „Amphitryon“. Der Feldherr Thebens wurde während seiner Abwesenheit durch den Göttervater Zeus in Gestalt des Aphitryon gehörnt. Seine Frau Alkmene gebar daraufhin den antiken Helden und Halbgott Herakles. Es sind fragmentarische Stückfassungen des griechischen Tragödiendichters Sophokles und des römischen Komödienschreibers Plautus überliefert.

Grundlage für Molières Verwechslungskomödie „Amphitryon“ dürfte die Tragikomödie des Plautus gewesen sein. Davon zeugen die römischen Bezeichnungen des Gottes Jupiter und seines Begleiters und Sohnes Merkur. Beide versetzen sich zum Spaß in die Gestalten des Feldherrn Amphitryon und dessen Dieners Sosias und nähern sich während deren kriegsbedingten Abwesenheit der ahnungslosen Alkmene. Was in Folge zu einiger Verwirrung führt, als erst Sosias mit der frohen Kunde des Sieges und später der gehörnte Ehemann Amphitryon selbst unverhofft in Theben auftauchen. Das Stück wurde bisher von einigen Dichtern wie dem Deutschen Peter Hacks oder den Franzosen Jean Rotrou (Les Deux Sosies) und Jean Hyppolyte Giraudoux adaptiert. Es ist in mehrfacher Bearbeitung immer wieder Stoff für großen Jux und Tollerei gewesen und inspirierte sogar den deutschen Dichter Heinrich von Kleist zu philosophischen Betrachtungen über das Ich. Mit dem Sturz der Protagonisten in die Identitätskrise gab Kleist der Komödie des Molière das tragische Moment zurück.

Theater Hexenkessel - Amphitryon Theater Hexenkessel - Amphitryon

„Amphitryon“ vom Hexenkessel Hoftheater
Fotos: Bernd Schönberger

Amphitryon_Hexenkessel_Sosias

Vlad Chiriac als Sosias. Foto: St. B.

Im Hexenkessel muss der Zuschauer aber nicht befürchten mit trockener Philosophie gequält zu werden. Das ist die Sache der komödienerprobten Darsteller nicht. Die moderne Fassung von Carsten Golbeck (Text) und Sarah Kohrs (Regie) gibt klar dem Spaß an der Unterhaltung den Vorrang. Und so haben dann auch die beiden Götter Jupiter (Milton Welsh) und Merkur (Roger Jahnke) zunächst ganz menschliche Wünsche und Schwächen. Der Verführer im fliederfarbenen Wams brüstet und sonnt sich in seiner Manneskraft und schiebt den zu kurz gekommenen Sohn Merkur zur Wache ab. Dieser mit einem leichten Vaterkomplex Ausgestattete lässt seinerseits den Frust am heimgekehrten Diener Sosias aus, dem er in seiner Gestalt nicht nur den Verstand, sondern gleich auch noch die Identität raubt. Vlad Chiriac ist der geborene Komödiant und spielt seinen Sosias als bauernschlauen Schwejk, der sich zwar oft um Hals und Kragen redet, aber mit viel Witz auch immer wieder aus misslicher Lage befreien kann. Dafür erntet er sehr viel Sympathie und Szenenapplaus und avanciert zu Recht in der Gunst der Zuschauer zum heimlichen Publikumsliebling.

Matthias Horn als Amphitryon gibt mit stoischer Vehemenz den rumpelnden Feldherrn gleichermaßen wie den sich missverstanden fühlenden, aufbrausenden Ehegatten. Nach der Enthüllung des Jupiters ist er es auch, der sich als erster wieder fängt und einen zählbaren Vorteil aus dem Götterfehltritt zu schlagen weiß. Alkmene (Claudia Graue) und Clea (Carsta Zimmermann) sind nicht nur schmückendes, weibliches Beiwerk, sondern dürfen so manches Wortgefecht mit den sich windenden oder prahlenden Mannsbildern austragen. Clea versucht sogar als eine Art orakelnde Schamanin, die schlechten Vibes mit probaten Zaubermittelchen zu vertreiben. Aus der Identitätsverwirrung und dem leidigen Geschlechterkampf weiß das spielfreudige Ensemble jedenfalls so manchen Funken zu schlagen. Man kann hier zumindest erahnen, was Kleist einst an Molières Komödie so interessiert hat. „Ich war noch nie icher“ ist dann auch der Spruch des Abends. Und die Hexenkesseltruppe war mit Sicherheit auch schon lange nicht mehr so sicher bei sich, als mit diesem „Amphitryon“. Ein großes Vergnügen, ihnen dabei zusehen zu dürfen.

Amphitryon_Hexenkessel_alle Beifall Foto: St. B.

Amphitryon im Amphitheater am Monbijoupark
bis 31. Aug., Di – Sa, 19.30 Uhr

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Etwas neben sich scheinen dagegen die Woesner Brothers beim Schreiben ihrer eigenen Fassung der Molièreschen Komödie gestanden zu haben. Mit „Amphitryons Albtraum oder Die tolldreisten Streiche erotisierter Götter“ schrammen die Meister des gerührten Schüttelreims hart an der Gürtellinie des guten Geschmacks vorbei. Hier erheben sich auch keine fünffüßigen Jamben mehr. Man (und vor allem Frau) kriecht bevorzugt auf allen Vieren, wackelt mit dem Hinterteil, kräht und meckert oder gibt sich Tiernamen. Alkie und Amphie (Juliane Gregori und Eddi Burza), wie sich das gleichermaßen liebestolle wie betrogene Paar aus dem schönen Theben beim Kosenamen ruft, scheinen auch ähnlich wirkende Substanzen eingeworfen zu haben, und geben sich dementsprechend aufgeputscht albern, übergriffig oder leicht tapsig und bräsig. In Kostüm und Gestus scheint das Ganze einem Asterix-und-Obelix-Comic a la „Die sind verrückt, diese Römer“ entlehnt. Es herrscht der gepflegte Herrenwitz und Unterleibshumor, der bevorzugt mit der Gummikeule ausgeteilt wird. Das haut selbst einen strammen Jupiter (Gideon Rapp) mit angeklebtem Kaiser-Wilhelm-Bart aus den Sandalen.

Amphitryon_Woesner Brothers3

„Amphitryons Albtraum oder Die tolldreisten Streiche erotisierter Götter“ von den Woesner Brothers auf dem Pfefferberg. Foto: St. B.

Etwas konsterniert flieht dann auch ein Teil, vor allem des weiblichen Publikums, den Abend in der überflüssigen Pause. Der Rest spricht im, trotz Edelrestaurantverdrängung, immer noch recht lauschigen kleinen Biergarten auf dem Pfefferberg alkoholhaltigen Flüssigkeiten zu und haut sich weiter tapfer auf die Schenkel. Jedoch auch nach der Pause will es nicht mehr sehr viel besser werden. Schlapp gemacht oder Schlappgelacht? „Wir sind die letzten Hänger der Legion“ ist der Hit des Abends. Leider ein Tiefpunkt der aktuellen Open-Air-Theatersaison. Da hilft auch keine Peitsche schwingende Lederdomina mehr. Einziger Lichtblick: Was der Sosias fürs Amphitheater ist der Merkur für die Woesner-Variante. Franz Lenski als kleiner fieser Intrigant hängt hier den Ossibeuteligen Dummbatzen Sosias (Peter Princz) mit großartig gespielter Leichtigkeit ab. Und sein Weib Cleantis, Sabine Weitzel im Putzkittel, darf derweil die Bretterbühne abfegen. Der Rest ist schnell erzählt. Zum Schluss bekommt auch jeder noch so täppsche Topf seinen passenden Deckel.

Der Pfefferberg am Senefelder Platz, Prenzlauer Berg. - Foto: St. B.

Der Pfefferberg am Senefelder Platz. Foto: St. B.

Das ist weder doppeldeutig noch irgendwie identitätsverwirrend, sondern nur noch nervtötend und geht auch als verunglückte Parodie auf triebgesteuerte Götter- und Menschenwesen nicht mehr wirklich durch. „Ach, hätten doch die Götter die Frauen nie erschaffen! Denn allzu oft macht sich der Mann um ihretwillen zum Affen.“ Dem ist nicht mehr viel hinzuzufügen, außer: „Wer reimend eine Öse schweißt, verhakt sich im Gewoese meist.“ Auch einen Shakespeare haben die Woesners zu allem Überfluss noch im Angebot. Eine Romeo-und-Julia-Variante auf queer. „Chaos in Verona“ erzählt die angeblich wahre Geschichte von Romeo und Julius. Der Rezensent hat sich die Probe aufs Exempel vorsichtshalber erspart, weiß aber von einigen positiven Publikumsreaktionen. Das Ding scheint tatsächlich wesentlich besser zu laufen, als die albtraumartig erotisierten Götterstreiche. Am 20. September wird dann auch die fertiggestellte „Sch(w)ankhalle“ auf dem Pfefferberg mit einer Komödie der Woesner Brothers eingeweiht. „Zur Hölle mit Faust“. Wir können es kaum noch erwarten, den alten Goethe mal endlich richtig in Grund und Boden zu lachen. Ehrlich!

Alkie und Amphie (Juliane Gregori und Eddi Burza) - Foto: St. B.

Juliane Gregori, Eddi Burza. Foto: St. B.

„Amphitryons Albtraum
oder Die tolldreisten Streiche
erotisierter Götter“
bis 13. Sept.
Di – Sa, 20:00 Uhr
auf dem Pfefferberg,
im Wechsel mit
„Chaos in Verona –
Die wahre Geschichte
von Romeo und Julia“
.

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Ihr wißt, auf unsern deutschen Bühnen
Probiert ein jeder, was er mag;
Drum schonet mir an diesem Tag
Prospekte nicht und nicht Maschinen.
Gebraucht das groß, und kleine Himmelslicht,
Die Sterne dürfet ihr verschwenden;
An Wasser, Feuer, Felsenwänden,
An Tier und Vögeln fehlt es nicht.
So schreitet in dem engen Bretterhaus
Den ganzen Kreis der Schöpfung aus,
Und wandelt mit bedächt’ger Schnelle
Vom Himmel durch die Welt zur Hölle.

Johann Wolfgang Goethe, Faust I, Vorspiel auf dem Theater

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Der Text ist auch als livekritik.de erschienen.

zu Teil 1

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Festivalsommer 2013 (4) – Shakespeare, Brecht, Molière und Co. in den Open-Air-Theatern in und um Berlin. (Teil 1)

Freitag, August 9th, 2013

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„die engländer und franzosen haben nach dem 17. jahrhundert nur noch die komödie, die deutschen haben sie im 19. jahrhundert noch nicht.“ Bertolt Brecht

Das Angebot an Open-Air-Theater ist in diesem Jahr so vielgestaltig wie selten. Und man kann dem schönen Wetter nur danken, dass es einem genügend trockene Abende gönnt, die man bei erfrischender Theaterkunst und leichter Komödie im Freien verbringen kann. Ein buntes Menü an Komödien ist es auch meist, was man da bevorzugt vorgesetzt bekommt. Vor allem Molière, Goldoni und natürlich Shakespeare eignen sich am besten, das vergnügungswillige Volk bei der Stange zu halten. Aber auch die sogenannten Königsdramen des auf deutschen Bühnen meistgespielten elisabethanischen Dichters bieten mitunter ein nicht geahntes komödiantisches Potential. Eine Frage stellt sich dabei in erster Linie sofort: Darf man das?

Richard III! von der Shakespeare Company Berlin im Naturpark Schöneberger Südgelände – Ein Wahnsinns-Solo mit Schlagzeugbegleitung für den Schauspieler Andreas Petri.

Shakespeare in Grün. Eingang zum Naturpark Südgelände. Foto: St. B.

Shakespeare in Grün. Eingang zum Naturpark
Schöneberger Südgelände. – Foto: St. B.

Wenn man es wie die Berliner Shakespeare Company macht, lautet die Antwort unbedingt: Ja! In ihrem Domizil im Naturpark Schöneberger Südgelände bietet das Ensemble um den künstlerischen Leiter Christian Leonard neben den üblichen Komödien-Highlights in diesem Jahr auch mit „Macbeth“ und seit dem 31. Juli mit „Richard III!“ zwei der blutigsten Dramen, voll von machthungrigen, intriganten und gedungenen Königsmördern. Ein Manko bei den nicht gerade kurzen und an Rollen überreichen Shakespearestücken ist das meist begrenzte Schauspielpersonal der recht kleinen Open-Air-Ensembles. Gerade diese Not macht sich die Shakespeare Company nun zur Tugend. Der Schauspieler Andreas Petri bestreitet das Drama einfach im Alleingang. Ihm zur Seite stehen nur noch ein Musiker (Matthias Trippner), zwei Schlagzeuge, diverse recht einfach zu handhabende Requisiten und ein unbestreitbar komödiantisches Talent zur schnellen Verwandlung.

Verstellung ist es auch, was den Schurken Richard, Herzog von Gloster und drittgeborener Sohn des Dukes of York vor allem ausmacht. Sowie sein unbedingter Wille zur Macht, koste es was es wolle. Das 1597 von Shakespeare geschriebene Drama „Richard III.“ steht am Ende einer vierteiligen Folge von Königsdramen, genannt die „Yorktetralogie“ oder auch „Die Rosenkriege“, was selbst gekürzt am Stück gespielt in etwa einen Tag in Anspruch nehmen würde. Es stellt das Ende des Hauses York im Kampf gegen das Haus Lancaster dar und den Beginn einer bis hin zu Elisabeth I. zu Lebzeiten Shakespeares reichende Zeit der Tudors. Entsprechend harsch geht die Geschichte auch mit dem unterlegenen Geschlecht der Yorks um. Die Krönung im wahrsten Sinne des Wortes stellt der „blutige“ Richard dar.

Richard III! von der Shakespeare Company - Foto: René Löffler

Richard III! von der Shakespeare Company Berlin
Foto: © René Löffler

Ein Ruf, der ihn bis in unserer Zeit verfolgt und erst mit der Auffindung der Gebeine „Richards III.“ jüngst unter einem Parkplatz in Leicester mal wieder etwas relativiert wurde. Eine von dessen unbestreitbaren Eigenschaften nimmt sich jedoch die Shakespeare Company zum Thema. Und zwar die niemals endende menschliche Gier nach Macht und Machterhalt, dargestellt als teuflischer Spaß am Morden. Richard, einer der Urväter des Bösen, der in uns schlummernden schwarzen Seele, möchte man meinen. Denn Leichen pflasterten buchstäblich seinen Weg zur Krone Englands. Über 500 Jahre ruhte seine Leiche unter dem mit Geschichte und Geschichten beladenen Pflaster eines Parkplatzes und somit mitten unter uns. (Auszüge nachzulesen im Programmheft zur Inszenierung der polnischen Regisseurin Iwona Jera.)

Es setzt einiges an Stückkenntnis voraus, wenn man den Windungen und Volten der hier dargebotenen Story folgen will. Shakespeare macht es uns auch im Original nicht gerade leicht. Auf das Wesentliche gekürzt, lässt sich die Handlung des Stückes nicht mehr ohne weiteres nachvollziehen. Zum besseren Verständnis zählt Andreas Petri zu Beginn erst mal alle Figuren des Dramas mit Paukenschlag auf. Nebst einem Hund, einem Entenschwarm und natürlich einem Pferd, was Petri dann im Folgenden auch tatsächlich sehr witzig in die Inszenierung einbaut. Der eigentlich missgebildete Richard ist bei Petri allerdings kein finsterer, buckliger Hinkefuß, sondern ein sehr wendiger und geschmeidiger Intrigant im schwarzen Hemd, der seine Umgebung geschickt zu manipulieren weiß und sein Ziel, im Eingangsmonolog erklärt, stringent verfolgt. Er ist dabei selbst „gewillt, ein Bösewicht zu werden.“ Erste Opfer seines Griffs nach der Krone sind die Brüder Clearence, ein tumber Stotterer, und König Edward IV., den Petri als bräsig larmoyanten Schwächling mit Stoffhut unter der Krone spielt. Der eine endet im Wassereimer, der andere stirbt bei der Überbringung der Todesnachricht röchelnd am Herzinfarkt.

Richard III-2

Andreas Petri in „Richard III!“
Shakespeare Company
Foto: © René Löffler

Und so geht es weiter. Petri springt von einer Rolle in die nächste, schwitzt, stammelt, lispelt oder setzt die Worte pointiert. Zeigt Wendigkeit und Verstellungskraft, um alle anderen Figuren des Dramas im schnellen Wechsel der Requisiten mit Hut, Halskrause, Umhang oder Badekappe darzustellen. Die Lords Hestings, Rivers, Buckingham, Boten, den Bürgermeister von London oder den Mörder Tyrell, er hat sie alle drauf, gibt jeder Figur ein ganz spezielles Gepräge. Erscheinen sie dabei wie austauschbare Knallchargen, sind sie doch vor allem auch Geschöpfe Richards Manipulation, befinden sich in seiner Hand und springen dabei früher oder später über seine Klinge. Einem Beatstick, den Petri kräftig am Schlagzeug einsetzt, gegen seine Feinde oder auch verschlagen bei der Werbung um seine künftige Gemahlin Lady Anna. Das eine zu besitzen, um es zu behalten, das andere um es bei nächster Gelegenheit schnell wieder loszuwerden.

Eine kleine rollbare Showtreppe ist Thron, Richtblock oder Gepäckwagen bei der Ankunft der beiden kleinen Prinzen, die ihren Onkel foppen und von ihm herzig in die Wange gekniffen werden. Nach dem Mord an ihnen ist der Weg frei. Nach einer kurzen Pause wird ein roter Teppich ausgerollt und unter Trommelwirbel besteigt Richard, nun im roten Hemd, den Thron und setzt sich die goldene Pappkrone auf. Das Ende ist bekannt. Auch er wird verraten werden und stürzen. Der neue König Richmond steht schon bereit. So hetzt denn Petri durch den Stoff, und bei allem Spaß daran, will uns nicht wirklich aufgehen, worauf dieses Wahnsinns-Solo hinauslaufen soll, außer auf eine Spielwiese für einen begnadeten Komödianten.

Weit Anlauf genommen und doch etwas zu knapp gesprungen? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Etwas zu kurz gekommen sind auf jeden Fall die Frauenrollen. Wie auch in der ein- oder anderen Szene etwas mehr drin gewesen wäre, als nur ein gut gemachter Slapstick. Die Witwe Heinrichs des VI., Margarete von Anjou, ist gar gänzlich gestrichen. Was uns um die einzige Figur bringt, die nicht einfach Richards Täuschungen verfällt, und ihn letztlich mit dem Fluch belegt, der ihm auch hier noch einmal kurz vor seinem Ende alle seine Opfer im Traum erscheinen lässt. „Denk‘ in der Schlacht an mich … Verzweifl‘ und stirb!“ Und auch das berühmte Pferd nimmt noch unerwartete Gestalt an, bevor Richard fällt und sich mit einem neu hineingeschmuggelten Schlussmonolog von Martin Engler verabschiedet. „Alles Blut getrunken ward. Trinkt auf mich, / Auf meine Braut Vernichtung. / Bis nur Reinheit bleibt.“ Bei einem guten Glas Rotwein danach, lässt sich trefflich darüber sinnieren. In diesem Sinne, Prost und Amen!

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Die nächsten Termine für
RICHARD III!

  • 11.08.13, 19:00 Uhr
  • 12.08.13, 20:00 Uhr
  • 25.08.13, 19:00 Uhr
  • 26.08. und 27.08.13, 20:00 Uhr
  • 08.09.13, 19:00 Uhr
  • 09.09. und 10.09.13, 20:00 Uhr
  • 16.09.2013, 20:00 Uhr

Zur Livekritik von RICHARD III!

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Hans im Glück – Das Ton und Kirschen Wandertheater spielt die Fragment gebliebene Parabel von Bertolt Brecht auf einer Wiese an der Havel in Werder.

In der bewegten Luft
bewegt der Mond seine Arme
und zeigt, schlüpfrig und rein,
seine Brüste aus hartem Zinn.

aus: „Romance de la Luna, Luna” von Federico Garcia Lorca

Der Mond hat es den Machern des Ton und Kirschen Wandertheaters besonders angetan. Noch vor zwei Jahren gastierten sie mit dem Stück „La Luna, Luna“, über den spanischen Lyriker und Dramatiker Federico Garcia Lorca in der UfaFabrik Berlin. Der Mond (La Luna), im spanischen weiblich, steht bei Lorca einerseits für die Liebe anderseits auch für den Tod („La luna y la muerte“), ein antropomorphes Wesen mit elfenbeinernen Zähnen. „Es ist so schön. Ich lege mich ins Gras. So lange der Schnee schmilzt, scheint der Mond.“, sagt der Hans aus der neuen Produktion des Ton und Kirschen Wandertheaters „Hans im Glück“, bevor er selbst sein Leben dran gibt. Am Ende der Inszenierung des Brecht-Fragments fliegt eine Gans aus Blech durch eine rostige Mondscheibe. Die Träume des naiven Glückssuchers haben sich nicht erfüllt.

Der junge Brecht - Foto: Staats-und-Stadtbibliothek-Augsburg

Der junge Brecht
Foto: Staats-und-Stadtbibliothek-Augsburg

Aber nicht nur in Sachen Mond, so scheint es, bestehen Parallelen zwischen Lorcas Lyrik und den Werken des jungen Brecht, der sich mit 22 Jahren an der Adaption des bekannten Märchens der Gebrüder Grimm versuchte. Lorcas Dichtung und seine Dramen stehen stark in der Tradition der Geschichte des spanischen Volkes und setzen sich mit deren Mythen und Märchen auseinander. Auch Brecht experimentierte immer wieder mit den Elementen des Volksstücks. Es kam ihm aber nicht darauf an, einfach nur besonders volkstümlich zu sein, sondern wahrhaft volkstümlich zu werden. Dabei räumte Brecht mit dem falschen Pathos des Volkstümlichen auf und befreite den Begriff von allem unhistorischen Traditionalismus. „Das Volk, das die Dichter, einige davon, als seine Sprechwerkzeuge benutzt, verlangt, daß ihm aufs Maul geschaut wird, aber nicht, daß ihm nach dem Maul gesprochen wird.“ Volkstümlich bedeutete für Brecht: „…den breiten Massen verständlich, ihre Ausdrucksform aufnehmend und bereichernd / ihren Standpunkt einnehmend, befestigend und korrigierend / den fortschrittlichsten Teil des Volkes so vertretend, daß er die Führung übernehmen kann,…“ (aus: Schriften zum Theater IV).

Hans (Rob Wyn Jones) und die Gans. Foto: St. B.

Hans (Rob Wyn Jones) im Glück. – Foto: St. B.

Diese Intension scheint sich für ihn bei dem Versuch, den Märchenstoff der Brüder Grimm zu einer Parabel umzuarbeiten, so nicht erfüllt zu haben. Er gab die Arbeit daran schließlich auf. „Hans im Glück mißlungen, ein Ei, das halb stinkt.“, lautet das eigene, vernichtende Fazit in Brechts Tagebuchaufzeichnungen. Mit dem Volksstück setzte sich Brecht dann wieder in seinen Schriften zum Theater sehr ausführlich und kritisch in Zusammenhang mit der Entstehung des Stücks „Herr Puntila und seich Knecht Matti“ auseinander. Sein früher Versuch „Hans im Glück“ aus dem Jahr 1919 ist aber durchaus das Unterfangen einer Inszenierung wert. Handelt es sich doch hierbei um einen ziemlich guten Mix all dessen, was den jungen Brecht damals umtrieb und sich in seinen frühen Werken mal besser oder schlechter niederzuschlagen suchte.

Besonders vom derb frivolen Ton der sketchartigen Einakter wie „Die Kleinbürgerhochzeit”, „Er treibt einen Teufel aus“ und „Der Fischzug“, sowie dem bauernschlauen, der parabelhaften „Der Bettler oder Der tote Hund“ und „Lux in Tenebris“ ist das Stück förmlich durchdrungen. Auch sind der Einfluss Karl Valentins und die Verehrung Brechts für den Münchner Komiker deutlich spürbar. Bei all dem volksnahen, märchenhaften Charakter von „Hans im Glück“ verliert Brecht aber nie den Blick für die Realität. Er dekonstruiert geschickt die schöne Mär vom glücklichen Hans, der sich nach und nach von alle seinen Besitztümern befreit. Was jedoch am erstaunlichsten ist, auch das Ungestüme und Expressionistische des „Baal“, an dem Brecht 1919 parallel arbeitete, zeigt sich im Schicksal von Hans, der zum Ende seines Runs nach Glück, Freiheit und Freundschaft unter die Diebe und Halsabschneider fällt. Eine ganz zeitlose Geschichte, mit vielen kleinen versteckten Wahrheiten. Ein wahrhaft faules Ei, das es neu auszubrüten gilt.

Hans im Glück_Kapelle

Hans im Glück – Ein wundersame Mischung aus Schauspiel, Gaukelei, Marionettentheater und Musik. – Foto: St. B.

Für das Ton und Kirschen Wandertheater ist das genügend Futter für eine ihrer typischen Inszenierungen aus einer Mischung von Schauspiel, Gaukelei, Marionettentheater, Musik, Bühnenbild- und Objektkunst. Auf einer Wiese neben der Havel in Werder sind eine kleine Bretterbühne mit Stühlen und Blümchentapetenwand, die Hans‘ Behausung darstellen, sowie im Hintergrund ein Portal mit Blechvorhang aufgebaut. Hans (Rob Wyn Jones) lebt hier eigentlich recht zufrieden mit seiner Frau Hanne (Tanja Watoro), bis ihm von einem schlauen Reisenden und Schürzenjäger (Richard Henschel), dessen Pferd er beschlägt, erste Zweifel ein- und die Frau abgeschwatzt werden. Auch so lebt es sich noch ganz gut in den Tag hinein. Später tauscht Hans dann bei fahrenden Händlern sein Haus gegen einen alten Campinganhänger und die Freiheit in die Welt ziehen zu können.

Hans im Glück_Rob Wyn Jones als Hans und der Freund (David Johnston)

Rad oder Rat? – Rob Wyn Jones als Hans und David Johnston als der Freund. – Foto: St. B.

Doch auch auf seiner weiteren Reise wird der gutmütige, naive Hans, der am liebsten anderen stundenlang beim Geschichtenerzählen zuhören würde, weiter übervorteilt und verliert seinen Schimmel an einen vermeintlichen Freund (David Johnston), bis er schließlich an eine geschäftstüchtige Marketenderin (Margarete Biereye) gerät, die seine Arbeits- und Manneskraft schamlos ausnutzt. Mit einfachsten aber erstaunlich wirkungsvollen Mitteln lassen Ton und Kirschen die einzelnen Szenerien fast aus dem Nichts entstehen. Dabei werden in geradezu zirzensischer Manier die Bühnenbilder auf- und wieder abgebaut.

Als dann auch noch seine, von dem Reisenden verlassene und nun schwangere Hanne wieder auftaucht, tauscht Hans für seine hungernde große Liebe das Karussell gegen eine Gans. Und während er sich noch an der Sonne und seiner fetten Gans erfreut, geht Hanne bereits ihrem düster poetischen Ende im schwarzen Fluss entgegen. All das kann Hans nicht wirklich erschüttern, ist er doch ganz durchdrungen von der ihm eingepflanzten Philosophie der Schatten- und Sonnenseiten des Lebens. Und so verschenkt er auch noch schnell seine Jacke, denn Gottes Erbarmen ist mehr wert, als ein alter Rock. Gans und Freiheit gehen schließlich für das nackte Leben drauf, was Hans, nun selbst auf der Flucht, schließlich auch noch drangibt.

Hans im Glück_Das Ende

„Es ist so schön. Ich lege mich ins Gras. So lange der Schnee schmilzt, scheint der Mond.“ – Foto: St.B.

Ton und Kirschen spielen das als zauberhaften Reigen. Einen beschwingten Tanz um Leben und Tod, ganz ohne den Brecht‘schen Zeigefinger, aber mit viel Witz. Alle Darsteller zeigen hier ein lebendiges Theater, was immer in Bewegung ist. Ein „Perpetuum Mobile“, wie treffend eines ihrer erfolgreichsten Stücke heißt. Ihr Leben besteht dann auch ganz aus der Arbeit für dieses Theater. Ein Theater für alle, nicht nur für ein elitäres Publikum, wie es die Macher selbst bezeichnen. Und so war es wohl auch nur eine Frage der Zeit, dass das Ton und Kirschen Wandertheater zwangsläufig auf den jungen noch „volkstümlichen“ Brecht stoßen musste. Eine durchaus befruchtende Liaison, die geradezu nach einer Fortsetzung verlangt.

Tourdaten:

09.08. Burgpark, Burg Lenzen, 20:00
10.08. Langerwisch, Vorwerk, Neu Lagerwisch 6b, 20:00
24.08. Theater am Rand in Zollbrücke, Oderaue, 20:00
25.08. Friedenfelde (Uckermark), Salon im Gutshaus, 16:00
18./19.10. (20:00), 20.10. (16:00), 25./26.10. (20:00 Uhr), 27.10. (16:00) Fabrik Potsdam
02.11. Werder/Havel, Scala Kino, 20:00 Uhr

http://tonundkirschen.de/page/

zu Teil 2

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„Dichtung und Kunst ist Kraft. Wir brauchen Dichtung.“ Stéphane Hessel, der Autor der Streitschrift „Empört Euch!“ ist gestorben.

Mittwoch, Februar 27th, 2013

stephane-hessel.jpg Foto: G. Freihalter (Wikipedia)
Stéphane Hessel (20.11.1917 – 26./27.02.2013)

„Man kann dialektisch überwinden, was einem nicht passt, das ist mir heute noch wichtig. Und ich glaube daran, dass man dialogisch vorwärts kommen kann.“ Stéphane Hessel 2012 bei einem Besuch im Hölderlinturm in Tübingen

Wer noch lebt, sage nicht: niemals!

Wer noch lebt, sage nicht: niemals!
Das Sichere ist nicht sicher.
So, wie es ist, bleibt es nicht.
Wenn die Herrschenden gesprochen haben,
Werden die Beherrschten sprechen.
Wer wagt zu sagen niemals?
An wem liegt es, wenn die Unterdrückung bleibt? An uns.
An wem liegt es, wenn sie zerbrochen wird? Ebenfalls an uns.
Wer niedergeschlagen wird, der erhebe sich!
Wer verloren ist, kämpfe!
Wer seine Lage erkannt hat, wie sollte der aufzuhalten sein?
Denn die Besiegten von heute sind die Sieger von morgen.
Und aus niemals wird: Heute noch!

Bertolt Brecht (Lob der Dialektik)

„Widerstand, auch der friedliche, ist nie gänzlich frei von Gewalt. Die britische Kolonialmacht musste Gandhis gewaltlosen Widerstand durchaus als politische Gewalt erleben. Jeder Widerstand ist im Kern moralische Gewalt – die Entschlossenheit des Sichentgegenstellens, die Weigerung zurückzuweichen. Das ist jedoch etwas ganz anderes als terroristische Gewalt, die immer ihre Wirkung verfehlt. Man kann die Terroristen, die Bomben legen und sich selbst mit in die Luft sprengen, vielleicht verstehen, aber nicht entschuldigen. Gewalt ist ein Ausdruck der Verzweiflung, nicht der Hoffnung. Eine gewalttätige Hoffnung kann es in der Politik nicht geben. Terroristische Gewalt vergiftet die Ziele, für die sie zu kämpfen vorgibt. (…)
Walter Benjamin, ein Freund meines Vaters, ich habe ihn selbst noch vor seinem tragischen Selbstmord in den Pyrenäen 1940 kennengelernt, misstraute dem Fortschritt. Er sah dahinter immer einen moralischen Rückfall. Ich halte es lieber mit meinem Lieblingsdichter Hölderlin: Wenn das Schlechte kommt, ist auch das Gute nicht mehr weit.“

aus einem SPIEGEL-Gespräch mit dem ehemaligen Résistance-Kämpfer Stéphane Hessel über die Zumutungen des modernen Kapitalismus (Ausgabe 4/2011)

 

„Stéphane Hessel ist auch ein Engel der Geschichte. Einer, der sich umzudrehen vermochte und ein Lächeln aus der Zukunft in die Katastrophen der Gegenwart brachte.“

aus: „Der Engel der Geschichte“ – Ein Nachruf von Arno Widmann in der Berliner Zeitung (28.02.2013)

Paul Klee: Angelus Novus (1920) klee-angelus-novus.jpg
Israel-Museum, Jerusalem

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„Bye Bye Blondie“ nach Virginie Despentes‘ Roman im Ballhaus Ost und „Lehrstück“ nach Brecht/Hindemith in der Werkstatt des Schillertheaters – Zwei moderne Musiktheaterversuche in der Post-Schlingensief-Ära.

Mittwoch, Juni 20th, 2012

„Bye Bye Blondie“ nach dem Roman von Virginie Despentes als neues Musiktheater im Ballhaus Ost – Komposition: Eunsun Lee, Musikalische Leitung / Einstudierung: Lennart Dohms / Arno Waschk, Libretto und Regie: Sophia Simitzis, Ausstattung: Inga Timm, Video: Heta Multanen – Premiere: 16.06.12

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„Bye Bye Blondie“ mit Ruth Rosenfeld und dem Ensemble Tema.
Foto: (c) ncnc – Ballhaus Ost

Die Romane von Virginie Despentes werden gerne in der EMMA rezensiert und dennoch ist die französische Skandalautorin mit ihren radikalfeministischen Ansichten meilenweit von Alice Schwarzers PorNO-Kampagnen entfernt. Despentes´ meist aus der französischen Unterschicht stammende Protagonistinnen zeichnen sich durch explizit kompromissloses Handeln aus und überschreiten dabei oft die gesellschaftlich anerkannten Grenzen der Moral und des guten Geschmacks. Als Vorbilder Despentes´ gelten auch Autoren wie Charles Bukowski und Michel Houellebecq, nur das sich bei ihr die Frauen sexuell aktiv und selbstbewusst in Szene setzen. Die Verfilmung ihres Buches „Baise-moi – Fick mich“ („Wölfe fangen“, Rowohlt, 2000) fiel sogar der Zensur in Frankreich zum Opfer und durfte eine zeitlang nur noch in Pornokinos gezeigt werden. Dagegen ist ihr 2004 erschienener Roman „Bye Bye Blondie“ (Rowohlt, 2006) fast brav zu nennen.

Auf dem Weg zu ihrer Stammkneipe „Bar Royal“ rennt die mächtig unter Dampf stehende 35jährige Gloria (Blondie) nach einem Streit mit ihrem Freund durch den Regen der Provinzstadt Nancy und unverhofft ihrer alten Liebe Eric, der nun ein bekannter Fernsehmoderator in Paris ist, vors Auto. Man hatte sich vor zwanzig Jahren in der psychiatrischen Anstalt „Jeanne d’Arc“ kennen und lieben gelernt. Sie wurde nach mehreren gwalttätigen Auseinandersetzungen mit ihren Vater dort eingewiesen, er nach einem Blackout wegen Drogenkonsums. Die Liebe endet tragisch, als sich der aus reichem Hause stammende Eric, auf Anraten seiner Eltern, für ein Studium entscheidet. Nun versuchen die immer noch unangepasst lebende Gloria und Eric einen neuen Anfang. Bei der großen Chance, ihre Lebensgeschichte ans Fernsehen zu verkaufen, verpasst Gloria allerdings dem Produzenten einen ihrer berüchtigten Kopfstöße. Damit scheitert nicht nur dieses Projekt, sondern auch der erneute Versuch einer bedingungslosen Liebe, die schließlich mit Eric fast buchstäblich aus dem Fenster fliegt. Daraufhin zähmt sich Gloria letztendlich selbst und gibt den bedingungslosen Widerstand gegen die Welt auf – „Bye, Bye Blondie!“ sozusagen.

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RockHard – Ruth Rosenfeld als junge Punkerin Blondie.
Foto: (c) ncnc – Ballhaus Ost

Das Künstlerteam um die junge Musiktheater-Regisseurin Sophia Simitzis nimmt nun am Ballhaus Ost den Roman als Grundlage einer szenisch-konzertanten Umsetzung für zeitgenössisches Kammerorchester und Gesangssolistin. Und die ist mit der Sopranistin Ruth Rosenfeld bestens besetzt. An der Berliner Volksbühne war Ruth Rosenfeld u.a. bereits in Frank Castorfs Inszenierungen der Meistersinger, Soldaten, Der Jasager / Der Neinsager und Lehrstück zu sehen, sowie in der Christoph-Schlingensief-Produktion „Kunst und Gemüse, A. Hipler – Theater als Krankheit“. Sie schlüpft in die Rolle der Gloria wie in eine zweite Haut, schminkt sich ganz selbstbewusst die Wimpern rot und den Mund schwarz und schreit: „Hat jemand in dieser Karre Bock auf ne Faust im Gesicht?“ So beginnt das unverhoffte Wiedersehen mit Eric. Auf einer Videoleinwand laufen Titel für die einzelnen Stationen wie Straße, Irrenhaus oder Punkjugendliebe. In Rückblicken wird die Geschichte der 15jährigen „Blondie“, ihr Stress mit dem Vater, der Polizei und einer Psychologin erzählt. Die Musiker des Ensembles Tema aus Karlsruhe übernehmen dabei immer wieder einzelne Sprechrollen. Blondies Aggressionen vermittelt Ruth Rosenfeld in kraftvoller Stimmlage und entsprechender Mimik und Gestik. Das Libretto von Sophia Simitzis bringt den Romantext von Virginie Despentes dazu in kurzen prägnanten Sätzen auf den Punkt. Neben der Mitarbeit bei Christoph Schlingensief und eigenen Werken an der Staatsoper Berlin, der Oper Frankfurt sowie dem Ballhaus Ost, ist dies eine weitere Zusammenarbeit mit der jungen Komponisten Eunsun Lee, die u.a. in Karlsruhe bei Wolfgang Rihm studiert hat.

Nun steht Blondie zwar auf Punk und Hard Rock a la Motörhead, die Komposition von Eunsun Lee orientiert sich aber nicht vordergründig an dieser populäreren Musik, sondern nimmt lediglich Anleihen und arbeitet diese geschickt in eine zeitgenössisch klassische Partitur um. Zu leichten melodischen Teilen setzen immer wieder harte Brüche Kontrapunkte und spiegeln so die wechselnden Stimmungslagen der Protagonistin zwischen unkontrollierten Wutausbrüchen und sehnsuchtsvoller Liebesgeschichte wieder. Das Ensembles Tema steht im Stil einer Rock-Band hinter Sängerin Ruth Rosenfeld und begleitet sie mit echtem Konzertflügel, Violine, Saxophon, Gitarre, Bass und Schlagwerk. Die Akustik im kleinen Theatersaal des Ballhaus Ost ist dabei bemerkenswert gut. Da die theatrale Darstellung in dieser Besetzung szenisch begrenzt ist, wird sie über Video bildlich ergänzt. In kleinen untertitelten Stummfilmsequenzen spielen die Musiker und Sängerin Teile von Glorias Story nach, was Ruth Rosenfeld nicht davon abhält, die kleine Bühne mit ihrer Präsenz auszufüllen und rastlos durch die Zuschauerreihen zu tigern. Zum Ende hin zieht sie einen Gazevorhang vor die Szene, auf dem sich die Videobilder doppeln.

Nachdem ihr Filmprojekt geplatzt und die großen Liebe zu Eric gescheitert ist, sitzt Gloria sichtlich erschöpft in einem Stuhl und singt einen melancholischen Song zur Gitarre. Sie ist im „Vorhof der Hölle“ angekommen und resigniert. Man kann das durchaus auch als vergeblichen Emanzipationsversuch einer kompromisslosen Künstlerin verstehen. Im Gegensatz dazu haben sich alle an der Produktion „Bye Bye Blondie“ Beteiligten wunderbar frei gespielt. Nach Inga Buschs fulminanter „Madame Bovary“ im letzten Jahr wieder ein gelungenes Frauenporträt im Ballhaus Ost. Für alle Fans von Virginie Despentes sei noch erwähnt, dass sie ihren Roman „Bye Bye Blondie“ wieder selbst verfilmt hat. Sie erzählt hier den Roman als lesbische Liebesgeschichte neu. In den Hauptrollen sind Béatrice Dalle und Emmanuelle Béart zu sehen. Der Film ist bereits im März in Frankreich und der Schweiz angelaufen.

WEITERE VORSTELLUNGEN:

Foto: St. B. ballhaus-ost_blondie.jpg
„Bye Bye Blondie“: am 28., 29. und 30. Juni jeweils 20:00 Uhr im Ballhaus Ost, Dauer: ca. 1:15 h 

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Es ist noch Suppe da! – Das „Lehrstück“ nach Brecht/Hindemith als Wärmestube für zu kurz gekommene Kunstdiskursler in einer Werkstattinszenierung der Staatsoper im Schillertheater Berlin. – Musikalische Leitung und Einrichtung: David Robert Coleman, Inszenierung: Michael von zur Mühlen, Ausstattung: Christoph Ernst – Premiere: 09.06.12

Von einer ganz und gar ungewöhnlichen Premiere in der Werkstatt der Staatsoper am Schillertheater gilt es nun zu berichten. Bereits am 09.06.12 hatte dort eine Neu-Inszenierung des „Lehrstücks“ von Bertolt Brecht mit der Musik von Paul Hindemith Premiere. Regie führte der 33jährige Michael von zur Mühlen, Hindemiths Partitur wurde vom Komponisten David Robert Coleman bearbeitet und dirigiert. Beide scheinen das Vorwort von Hindemith zum „Lehrstück“ wörtlich genommen zu haben und lösen die starre Konstellation einer Theateraufführung aus Mitwirkenden und Zuhörern ganz einfach auf. Belustigend und zum Teil auch erbauend war das Ganze dann aber doch noch, obwohl man nicht unmittelbar mitsingen musste. Man fühlt sich zunächst wie in Brechts „Heilige Johanna der Schlachthöfe“ versetzt, nur das der Chor keine Heilsarmee-Gesänge anstimmen wird, sondern Brechts Verse der Urfassung des „Lehrstücks“ von 1929. Christoph Ernst hat die Werkstatt zur sozialen Suppenküche mit greller Neonbeleuchtung umgebaut. In der Ecke läuft eine Waschmaschine, die sich zum Ende hin lautstark im Schleudergang dreht. Es sind mehrere Tische aufgebaut, an denen man mit bis zu acht Personen sitzen und Mensch-ärgere-dich-nicht spielen kann. Texte der „Belehrung“ liegen herum und Bariton Nicholas Isherwood teilt als Küchenchef vom Dienst Spargelsuppe und Kaffee aus. Wodka wird ebenfalls ausgeschenkt. Die Flaschen kreisen von Tisch zu Tisch, was zumindest bei einigen Beteiligten die Zunge etwas lockert.

lehrstuck_werkstatt-premiere.jpg Foto: St. B.
Beifall oder Nachschlag? „Lehrstück“ in Auflösung bei der Premiere in der Suppenküche der Werkstatt im Schillertheater.

Gesungen wird dann doch zumeist professionell. An jedem Tisch sitzt ein Chor-Mitglied mit Mikrofon, das auch von den anderen am Tisch Sitzenden benutzt werden darf. Der Chor wird von weiteren Semiprofessionellen aus der Kunstszene unterstützt. Alle sind irgendwo bandagiert, der eigentlich gestürzte Flieger irrt aber in Kapitänsuniform unermüdlich von Tisch zu Tisch, sucht seine Suppe oder will Wasser. Es ist der Tenor Reiner Goldberg, der mit einer fast unglaublich stoischen Ruhe sein Schicksal zu ertragen scheint. Lautstark macht sich eher der Brite mit pakistanischen Wurzeln Ahmed Shah, der in Neukölln mit Jugendlichen aus sozialen Brennpunkten Theater spielt, bemerkbar. Er ruft zur Revolte auf, die ehemalige Dramaturgin Barbara Gstaltmayr beklagt, dass ihr sozialkritische Passagen aus den Programmbüchern gestrichen wurden, der Theatermacher Markus Weckesser ist kurz vorm durchdrehen: „Ich will es endlich. Mach´s!“ und der Künstler und Performer Jörg Janzer betapt sich und willige Zuschauer mit Isolierband. Das Chaos scheint perfekt und kulminiert in dem Ausruf aus dem „Lehrstück“: „Der Mensch hilft dem Menschen nicht.“ Dazwischen versucht David R. Coleman mit Mitgliedern der Staatskapelle und der Orchesterakademie Hindemiths Musik zu intonieren. Unterstützung bekommen sie dabei auch mal vom Band. Die Zivilisiation kurz vorm Untergang, an der Wand prangt eine Bild des umgekippten Kreuzfahrschiffs „Costa Concordia“ und ein Video von einer Fahrt mit afrikanischen Bootsflüchtlingen wird gezeigt. Die Clownsnummer fällt aus, dafür stimmt Nicholas Isherwood irgendwann den Klassiker „Es ist noch Suppe da!“ an.

Die Intention der Regie ist schnell klar. Man will mit der weitgehend freien Aufführung Reaktion und Interaktion provozieren. Nur kommt die beim völlig unvorbereiteten Publikum nicht so richtig zu Stande. Diskussionsanregungen zu aktuell politischen Problemen werden immer wieder von den Chormitgliedern eingeworfen. Das hingehaltene Mikro wird aber nur zu Spontanäußerungen oder, auf die Frage wie man eine Änderung erreichen könnte, zu kruden Einwürfen wie „Massenerschießungen“ genutzt. Die Unfähigkeit der Menge zur Solidarität schwingt so natürlich immanent immer mit. Einige fühlen sich womöglich auch ungewollt in eine aktive oder passive Rolle gedrängt und verlassen die Aufführung. Die Belehrung wird dann wie ein Gebetstext von Isherwood vorgetragen und vom Chor und den meisten Zuschauern nachgesprochen. Hier kommt zum ersten Mal so etwas wie ein Gemeinschaftssinn auf. Der Text ist dabei ironisch mit Passagen aus der Clownsnummer und Fremdtexten durchsetzt: „Ich habe so unangenehme Gedanken im Kopf. (…) Aber ich kann mir ja das Gehirn raussägen,…“ usw. Danach fasert die Inszenierung allerdings vollkommen aus. Die von Brecht angestrebte Austreibung des Individuums kann dann von zur Mühlen wohl doch nicht ganz gelten lassen. Ein Schlingensief-Jünger verliest Texte aus der „Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ und muss sich lautstark gegen einen anderen Individualisten durchsetzen, der lieber auf seiner Elektro-Orgel herumklimpert. „Fresse halten!“ ist jetzt der vorherrschende Tenor des Diskurses und man fragt sich irgendwann, ob es noch Nachschlag gibt oder das Ganze bereits in eine unkontrollierte Premierenfeier übergegangen ist. Nach vereinzeltem Beifall trollen sich die meisten wieder in die Charlottenburger Nacht. Weder Kunst- noch Magen voll, dürstet es einen irgendwie nach etwas Sinn. Pädagogisch wertvoll oder Prost-Mahlzeit? Alles kann man nun mal nicht haben. Aber vielleicht doch noch mal hingehen. Es ist auf jeden Fall immer noch Suppe da. Unkostenbeitrag: 20,- €

WEITERE VORSTELLUNGEN:

Foto: St. B. lehrstuck_werkstatt.jpg
„Lehrstück“: am 23. Juni um 19:00 Uhr und 24. Juni um 20:00 Uhr in der Werkstatt der Staatsoper im Schillertheater, Dauer: ca. 1:30 h

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