Archive for the ‘Brett Bailey’ Category

„Die Neger“ von Jean Genet und „Macbeth“ nach Verdi – Zwei Stücke über Rassismus und Postkolonialismus bei den Wiener Festwochen (Teil 3)

Mittwoch, Juni 11th, 2014

___

Die Provokation bleibt aus – Die Neger von Jean Genet in eher blasser Inszenierung von Johan Simons.

Logo Wiener Festwochen

Wiener Festwochen 2014

Es gab bereits im Vorfeld der Premiere zur Neuinszenierung von Jean Genets Die Neger durch Johan Simons bei den WIENER FESTWOCHEN einigen Protest im Internet. Einerseits war mal wieder der Titel, dann die Praxis des Blackfacing in Form des Ankündigungsplakates und anderseits natürlich die deutsche Aufführungspraxis mit weißen Darstellern der Stein des Anstoßes. Bei der Inszenierung von Peter Stein 1983 in der Berliner Schaubühne gab es noch die Erlaubnis von Jean Genet höchst selbst. Genet ist lange tot. Die Verhältnisse haben sich in Teilen verbessert. Grundsätzlich verändert hat sich die Stellung der Schwarzen in der weißen Gesellschaft nicht. Und auch die koloniale Ausbeutung funktioniert noch, nur eben auf einer viel globaleren Ebene.

„Ich habe schon zu den Schauspielern gesagt: Ich brauche sowieso nur fünf Minuten zu inszenieren, dann werden die Aktivisten die Bühne stürmen. Aber in diesen fünf Minuten müsst ihr euer Bestes geben.“ (Johan Simons | Quelle: SPIEGEL ONLINE) Die Proteste sind ausgeblieben, das Erregungspotential der vorab im Netz verfügbaren Pressefotos wohl auch zu gering. Das Stück in Die Weißen umzubenennen scheint aber nach der Premiere dennoch nicht ganz unlogisch. Diesem Wunsch Johan Simons ist der Autor der deutschen Übersetzung Peter Stein nicht nachgekommen. Johan Simons nähert sich nun sehr vorsichtig und fast schon übertrieben artifiziell der Versuchsanordnung von Genet.

Die Neger von Jean Genet im Theater Akzent Foto: St. B.

Die Neger von Jean Genet im Theater Akzent
Foto: St. B.

Ein Stück von Schwarzen gespielt für ein weißes Publikum. In einem Spiel sollten nach des Autors Idee eine Gruppe Schwarzer einen Lustmord an einer weißen Frau verüben, und das vor den Augen eines weißen Hofstaats. Die Vorführung und Überspitzung weißer Klischees über Schwarze als fremde, wilde Wesen – stets zum Töten bereit. Aber eben auch eine Spiegelung dieser Klischees, in denen sich die weißen Zuschauer wiedererkennen sollten. Die Darstellergruppe der Weißen trug in der Uraufführung 1958 in Paris weiße Masken. Das hat auch Simons für seine Inszenierung übernommen, nur das jetzt die ausnahmslos weißen Darsteller der Münchner Kammerspiele und des Deutschen Schauspielhauses Hamburg gesichtslose weiße und schwarze Pappmaché-Masken tragen.

Auf der Bühne im kleinen Wiener Theater Akzent liegt eine wächserne Frauenfigur wie in Aspik auf einem Tisch und wird sich im Verlauf des Spiels verflüssigen. Der Clou von Simons Inszenierung aber ist, Archibald, den Spielleiter der Schwarzen, doppelt zu besetzen. Einmal mit dem schwarzen niederländischen Schauspieler Felix Burleson und einem, man könnte fast sagen haar- und hautgleichen Klon von ihm in Gestalt des weißen Schauspielers Stefan Hunstein. Ein Kopie, so real wie nur möglich. „Mesdames, Messierus… heute Abend spielen wir für Sie.“ Eine böse, politisch unkorrekte Clownerie hatte sich Jean Genet da ausgedacht. Johan Simons macht daraus ein Hochamt für Political Correctness.

Die Neger - v.l.n.r. Maria Schrader (Die Königin), Benny Claessens (Village) Foto (c) Julian Röder

Die Neger – v.l.n.r. Maria Schrader (Die Königin), Benny Claessens (Village)
Foto (c) Julian Röder

Das Korsett, in das Simons seine Inszenierung samt Darsteller zwingt, verschleiert alles, was Genet eigentlich enthüllen wollte. Lange, weite Kittel und Handschuhe, nicht das kleinste Fleckchen Haut seines weißen Hofstaats, wie auch das seiner weißen „Neger“, nach deren Farbe Genet so provokativ fragte, ist zu sehen. Das Konzept (falls es je eines gab), allein mit weißen Schauspielern Genets Maskerade nachzustellen, schießt sich umständlich von hinten um die Ecke selbst ins Knie. Die Darsteller agieren mal vor und mal hinter einem Papiervorhang, wobei die weißen Pappköpfe die meiste Zeit dahinter auf Hockern stehen (bei Genet noch ein erhöhtes Podest) und dann erst später neugierig noch vorn kommen. Sie zeigen mit Krone (Maria Schrader als müde Königin), Kreuz (Hans Krämer als Missionar, für den Gott seit 2000 Jahren weiß ist) und Buch (Edmund Telgenkämper als Richter mit weißem Gesetz) ihr Amt im Hofstaat. Die Schwarzen tragen dagegen ausladenden Kopfputz.

Die Gegensätze schwarz und weiß verwischt Simons immer wieder durch gezielte Licht- und Schattenspiele in ein gleichmacherisches Grau, das mit farbigen Auren umflort wird. Das ist teils schön anzusehen, aber auch stark symbolträchtig überladen. Man könnte auch von schwarzen und weißen Schachfiguren sprechen, die dem Spielleiter Archibald (hier dem schwarzgeschminkten Stefan Hunstein) etwas durcheinandergeraten sind. Seine Kommandos und Ermahnungen, die er laut Genet immer wieder aussprechen muss, werden von seinem echten Gegenüber mal mürrisch, mal aufmunternd kommentiert. Mehr hat Felix Burleson nicht zu sagen. Er bleibt unbeteiligter Beobachter einer merkwürdig verqueren Kunstanstrengung. Im hohen Tragödienton bringen die Schauspieler Genets spitze bis pathetische Texteskapaden über die Rampe. Dass es ein unterhaltsamer Abend werden würde, hat sicher niemand erwartet. Das Stück ist schon schwer zu lesen, in der Umsetzung durch Simons wird es jedoch zur reinen Geduldsprobe für das Publikum.

Das ästhetische Äußere überdeckt so den eigentlichen Inhalt. Genets Parabel hat mehrere Ebenen. Die Diskussionen um den Ritualmord, den der Schwarze Village begehen soll, und dessen drastische Schilderungen. Beschwichtigungen, Hass und offener Aufruf zum Widerstand, provozierende und entlarvende Aussagen auf beiden Seiten. Sogar eine kleine Liebesgeschichte am Rande, die wiederum ein weiteres Unterdrückungspotential andeutet. Benny Claessens gibt einen tapsigen, eintönig lamentierenden Village, Bettina Stucky als Félicité eine beschwörende „Mama Afrika“ und Kristof Van Boven einen blass-ambivalenten Diou. Als Witzfigur von draußen taucht Christoph Lusers Ville de Saint-Nazaire immer wieder wie ein kleiner Terrorist mit einer Spielzeugpistole auf. Die sich nebenbei andeutende Liebesbeziehung zwischen Village und Vertu (Anja Laïs) verpufft fast völlig in den gespreizten Dialogen.

Die Neger - v.l.n.r. Bettina Stucky (Félicité), Maria Schrader (Die Königin) [liegend], Stefan Hunstein (Archibald), Felix Burleson (Archibald), Gala Winter (Neige) Foto (c) Julian Röder - JU Ostkreuz

Die Neger – v.l.n.r. Bettina Stucky (Félicité), Maria Schrader (Die Königin) [liegend], Stefan Hunstein (Archibald), Felix Burleson (Archibald), Gala Winter (Neige) – Foto (c) Julian Röder

Die Sprache verformen, sich mit ihr umhüllen und in ihr verstecken, ist der Kniff Genets um den weißen Zuschauer zu reizen, zu verführen oder auch nur zu verwirren. Hier ertönt immer wieder ein christlich gemahnender Bach-Choral und schläfert das Zerdehnen des Textes höchstens ein, bis man irgendwann durch eine Explosion hinter der Bühne wieder hochgerissen wird. Das Zeichen zum Aufstand und Fallenlassen der Masken. Bei Simons wechseln die Schwarzen nun zu weißen Masken und verschmelzen schließlich mit dem zuvor in Zeitlupe getöteten Hofstaat zu einem einzigen gefallenen Höllenknäul. Der echte Archibald, der hier wie in einem Albtraum gefangen scheint, verlässt rauchend als einziger die Bühne. Ihm hat es die Sprache verschlagen, der einzig wirklich stimmige Kommentar zu diesem Abend.

*

DIE NEGER
von Jean Genet
Premiere im Theater Akzent Wien: 03.06.2014
Eine Koproduktion mit den Wiener Festwochen, dem Schauspielhaus Hamburg (Premiere am 14.06.2014) und den Münchner Kammerspielen (Premiere am 17.06.2014)
Regie: Johan Simons, Bühne: Eva Veronica Born, Kostüme: Greta Goiris, Licht: Wolfgang Göbbel, Dramaturgie: Koen Tachelet, Rita Thiele
Mit: Felix Burleson, Karoline Bär , Benny Claessens, Stefan Hunstein, Hans Kremer, Anja Laïs, Christoph Luser, Oliver Mallison, Maria Schrader, Bettina Stucky, Edmund Telgenkämper, Kristof Van Boven, Jeff Wilbusch, Gala Winter

Infos: http://www.festwochen.at/programmdetails/die-neger/

Zuerst erschienen am 06.06.2014 auf Kultur-Extra

***

Macbeth – Der Südafrikaner Brett Bailey mit seiner Version der Oper des Shakespeareklassikers nach Verdi.

Wie man einen ursprünglich rein weißen Klassiker-Stoff – noch dazu die vom großen italienischen Komponisten Verdi veroperte Shakespeare-Tragödie des Macbeth – für schwarzes Theater adaptieren kann, zeigte bereits Ende Mai der weiße südafrikanische Theatermacher Brett Bailey bei den Wiener Festwochen. Für seine Macbeth-Version, die im April 2014 in Kapstadt Premiere hatte, bearbeitete der belgische Komponist Fabrizio Cassol Verdis Musik für das No Borders Orchestra unter Premil Petrović. Bailey übersetzte das italienische Libretto von Francesco Maria Piave und Andrea Maffei für die Übertitelung ins Englische (dt. ÜT: Simona Weber) und bearbeitete es bezüglich der Verlegung der Handlung in die heutige Region des von paramilitärischen Rebellengruppen umkämpften Osten der Demokratische Republik Kongo. Gesungen wird aber der traditionelle Text auf Italienisch.

Wiener Festwochen 2014

Die Wiener Festwochen am Karlsplatz

Schockte Brett Bailey 2012 noch die Sehgewohnheiten des weißen, europäischen Publikums bei den Wiener Festwochen und den Foreign Affairs in Berlin mit seiner Installation Exhibit B, in der durch schwarze Performer lebensecht Bilder unserer verdrängten kolonialen Vergangenheit nachgestellt wurden, so wartet er hier nun nach Orfeus (Theaterformen Festival, Hannover, 2011) und medEia (Foreign Affairs, 2011) wieder mit einer Klassikerbearbeitung für ein rein schwarzes Ensemble auf. Eine Texteinblendung per Video erzählt die Vorgeschichte einer Theatergruppe auf der Flucht, die im Rathaus der Stadt Goma Kisten mit Kostümen und Requisiten der Oper Macbeth finden und damit eine Geschichte über ihre Region aufführen. Die Biografien der einzelnen Interpreten werden im Video vorgestellt. Im kleinen Theater Odeon in der Taborstraße (Den hohen Saal im Gebäude der alten Börse nutzt sonst u.a. das Serapions Ensemble für Aufführungen ihres Figurentheaters.) wird auf fast völlig abgedunkelter Bühne gespielt. In der Mitte erhebt sich ein Podest, rechts daneben sitzt das Orchester und am linken Rand tritt immer wieder ein kleiner Chor in wechselnden Rollen auf. Baileys auf 90 Minuten verdichtete Inszenierung kommt mit drei Gesangssolisten aus.

Macbeth - The Witches - Foto: Nicky Newman

Macbeth – The Witches – Foto: Nicky Newman

Macbeth (Owen Metsileng) ein massiger Bariton und sein Gefährte Banquo (Otto Maidi) treffen nach erfolgreichem Kampf gegen eine rivalisierende Rebellengruppe auf die drei Hexen, dargestellt von weißmaskierten Männern mit Tropenhelmen, Geldkoffern und Geschenkkisten, in denen sich Camouflageuniformen befinden. Die Vertreter des Konzerns Hexagon offerieren den beiden Kämpfern die bekannten Weissagungen vom Aufstieg des Macbeth und Banquos Nachfahren. Die Stimmen leihen ihnen dabei drei Frauen aus dem Chor, denen ein weiterer Kämpfer die Machete an den Hals hält. Mit Angst, Gewalt und Vergewaltigung terrorisieren die Rebellen die Zivilbevölkerung im Krieg um die Rohstoffe des Landes. Das Geld für die Waffen kommt von ausländischen Konzernen, die im Gegenzug dafür Schürfrechte für Gold, Diamanten und das für Elektronikgeräte wie Mobil-Telefone und Notebooks benötigte Coltan erhalten.

Erst kürzlich hatte der deutsche Autor Roland Schimmelpfennig das von ihm geschriebene märchenhaft versponnene Stück SPAM über den Coltanabbau in Afrika am Deutschen Schauspielhaus Hamburg selbst inszeniert. Bailey Shakespeareadaption hält sich weitestgehend an den bekannten Plot. Per Videoprojektion werden aber aktuelle Details und Fakten zu einzelnen Rebellengruppen, Waffenlieferungen, transparenten Börsen und Finanzierungen des IWF als Kommentare eingeblendet. Animierten Videobilder und Symbole verstärken die Handlung zusätzlich. Die Lady (Nobulumko Mngxekeza) wartet bei der Wäsche auf die Rückkehr Macbeths und erhält per SMS die Nachricht der Beförderung. Der Aufstieg Macbeth‘ und seiner Lady wird an Kleidung und sie umgebende Markenwaren verdeutlicht.

Macbeth - Owen Metsileng als Macbeth Foto: Nicky Newman

Macbeth – Owen Metsileng als Macbeth
Foto: Nicky Newman

Ein Blauhelmsoldat der MONUSCO-Friedensmission filmt das Begräbnis des ermordeten Duncan. Nachdem der alte Kommandant aus dem Weg geschafft ist, geht es nur noch um den Machterhalt und die Beseitigung von Banquos Brut. Ein Kommentar zur Untätigkeit der UNO. Die gedungenen Mörder Banquos sind vier sonnenbebrillte Milizionäre mit Macheten, die danach an einem vorgehaltenen Tischtuch mit der Lady speisen und rhythmische Tänze aufführen. Der Leichnam des Banquo liegt dabei vorn auf der Bühne. Die Hexen werden wieder bemüht, und ein weiteres Mal verteilen die „weißen“ Männer Geld und machen Versprechungen. Totenköpfe und schwarze Babypuppenleichen liegen auf der Bühne. Der Chor klagt die Mörder vor den Kleidungsstücken der Toten an.

„Bullshit“ ruft die Lady im Kampanzug mit vorgehaltener MPi, bevor sie dem Wahnsinn verfällt. Das Schicksal des zaudernden Milizenführers Macbeth kann das nicht mehr ändern. Auch er stirbt durch die Machete eines anderen. Der Kontrast vom italienischen Opernlibretto zu Baileys Text mit teilweise drastischem Vokabular und der szenischen Umsetzung ist offensichtlich, trägt damit aber zum besseren Transport der aktuellen Botschaft bei. Die Musik des Zehnköpfigen Kammerorchesters ist kraftvoll und wird noch durch zwei Percussionisten verstärkt. Die Sangesleistung der Interpreten beeindruckt ebenfalls. Die Siegeshymne „Salve, o re!“ wird zum Klagechor aller. Brett Bailey hat dazu einen neuen Text über das Blutvergießen um der Macht Willen geschrieben. „Das Gesetz des Dschungels“, das von westlichen Konzernen mitbestimmt wird.

*

Macbeth
Nach der Oper Macbeth von Giuseppe Verdi
Konzept, Inszenierung und Ausstattung: Brett Bailey
Musik: Fabrizio Cassol
Musikalische Leitung: Premil Petrović
Licht: Felice Ross
Choreografie: Natalie Fisher
Kostüme: Penny Simpson
Videotechnik und technische Assistenz: Carlo Thompson
Illustration und Animation Video: Roger Williams
Foto: Projektion Marcus Bleasdale/VII & Cedric Gerbehaye
Text: Übertitelung Brett Bailey

Mit:
Macbeth: Owen Metsileng
Lady Macbeth: Nobulumko Mngxekeza
Banquo: Otto Maidi
Chor: Sandile Kamle, Jacqueline Manciya, Monde Masimini, Siphesihle Mdena, Bulelani Madondile, Philisa Sibeko, Thomakazi Holland

Foto: St. B.

Foto: St. B.

No Borders Orchestra
Violine: Mladen Drenić, Jelena Dimitrijevic
Viola: Saša Mirković
Cello: Dejan Božić
Kontrabass: Goran Kostić
Querflöte: Jasna Nadles
Klarinette: Nenad Nešić
Fagott Milos: Dopsaj
Trompete: Nenad Marković
Posaune: Viktor Ilieski
Percussion: Cherilee Adams, Dylan Tabisher

Produktion: Third World Bunfight, Kapstadt
Koproduktion zwischen Wiener Festwochen, Kunstenfestivaldesarts, Brüssel, KVS, Brüssel, Festival Theaterformen, Hannover/ Braunschweig, Barbican Centre, London, La Ferme du Buisson, Marne-la-Vallée, Festival d’Automne à Paris
Mit Unterstützung von Programm Kultur der Europäischen Union, In Kooperation mit Odeon Wien

Spieltage bei den Wiener Festwochen:
24.05.14, 20:00 Uhr
25.05.14, 20:00 Uhr
27.05.14, 20:00 Uhr
28.05.14, 20:00 Uhr

Infos: http://www.festwochen.at/programmdetails/macbeth/

Weitere Termine in Europa:

Festival Theaterformen Braunschweig:
11.06.14, 19:30 Uhr
12.06.14, 19:30 Uhr

Barbican Centre, London
16. bis 20.09.14, 19:45 Uhr

Festival d’Automne à Paris
18. bis 22.11.14 im Nouveau théâtre de Montreuil, centre dramatique national
25. und 26.11.14 im La Ferme du Buisson, Scène nationale de Marne-la-Vallée

__________

Beim Berliner Festival „Foreign Affairs“ befassen sich drei Performance-Produktionen auf ganz unterschiedliche Weise mit dem Thema Afrika und Kolonialismus aus Sicht der westlichen Welt.

Samstag, Oktober 20th, 2012

„Die Welt ist komplex.
Und was komplex ist, kann nicht vereinfacht werden.
Doch es gilt sich in ein Verhältnis zur Welt zu setzen, denn –
was ist unser europäisch-imperialistich geprägtes Verhältnis zu nicht-westlichen Kulturen und Künsten?“
Frie Leysen in der Festivalzeitung „Foreign Affairs“, Berliner Festspiele, Juli 2012

foreign-affairs_ende-sept-2012.jpg Foto: St. B.

Auf diese Frage der Leiterin des Festivals „Foreign Affairs“, das die Berliner Festspiele unter Thomas Oberender anstelle der „spielzeit’europa“ neu installiert haben, will das von ihr kuratierte Programm zwar keine konkreten Antworten geben. Es läd aber alle Besucher zu einem „Clash von Visionen“, zu einer fremden Affäre „mit unserer Zeit und unserer Welt, in Ihrer Stadt“ ein. Das Festival befasst sich verdichtet auf die Zeit eines Monats im gesamten Stadtraum mit ganz speziellen Angelegenheiten wie z.B. Kolonialismus, Konsumismus, Rassismus und noch vielem mehr. 19 Künstler wollten in 22 Produktionen vorwiegend performativer Art sehr differenziert eigene Ansichten zu diesen Themen vorstellen. Zu Beginn des Festivals lag der Schwerpunkt auf dem Verhältnis der westlichen Welt zum afrikanischen Kontinent. Der weiße Südafrikaner Brett Bailey wollte dabei die vorwiegend europäischen Besucher seiner Ausstellungsperformance „Exhibit B“ mit dem Blick auf ihre eigene koloniale Vergangenheit konfrontieren. Die Performer von andcompany&Co. gingen das selbe Thema in ihrem Beitrag „BLACK BISMARCK previsited“ mit ganz anderen Mitteln an. Sie berichteten in einer Art musikalischem Lichtbildervortrag über die speziell deutsche Geschichte des Kolonialismus und deren Fortbestand in unserem täglichen Leben. Die beiden radikalen Performancegruppen Institutet und Nya Rampen um den Regisseur Markus Öhrn versuchten dagegen das Publikum in „We love Africa and Africa loves us“ mit ihren freud’schen Erlöser-Fantasien zu falsch verstandener Entwicklungshilfe zu verstörten. Die Reaktionen auf die einzelnen Produktionen waren sehr verschieden und nicht immer wurden sie wohlwollend aufgenommen. Eins ist ihnen aber bei aller Diversität gemeinsam, der Wille zur Aufklärung und das Angebot weiter darüber im Gespräch zu bleiben.

EXHIBIT B – Theatrale Begegnungen in einer begehbaren Installation von Brett Bailey im Kleinen Wasserspeicher Prenzlauer Berg.

Ausgehend von den ab Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa und Nordamerika veranstalteten Völkerschauen will der südafrikanische Regisseur Brett Bailey den kolonialen Blick der Schaulustigen von damals in seiner begehbaren Installation mit ebenfalls lebenden „Exponaten“ umdrehen und Parallelen zur postkolonialen Gegenwart herstellen. Bailey hat dazu schwarze Performer aus Afrika nach Berlin gebracht und lässt sie in konkret arrangierten „Tableau Vivants“ Szenen der Versklavung und Gewalt im sogenannten Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) darstellen und kombiniert das mit Bildern heutiger Kategorisierung von Asylbewerbern und der unmenschlichen Abschiebepraxis. Der Besucher wird hier einerseits mit der grausamen kolonialen Geschichte Deutschlands konfrontiert und anderseits auf Parallelen in der gegenwärtigen Behandlung von Flüchtlingen in Europa gestoßen. Das soll aufrütteln und ein Bewusstsein für das begangene Unrecht schaffen, wirkt aber in erster Linie beschämend auf den Betrachter. Anscheinend sind die Fotos aus der Kolonialzeit Deutschlands von 1884 bis 1915 immer noch nicht jedem bekannt. Zumindest von der blutigen Niederschlagung des Aufstands der Nama und Herero 1904 könnte der interessierte Europäer aber schon einmal gehört haben. Bailey stellt dann auch deren Leid in den Vordergrund seiner Installation.

Regisseur Brett Bailey brett-bailey_-koen-cobbaert.jpg © Koen Cobbaert

Und so läuft man in den Räumen des kleinen Wasserspeichers dann z.B. an einer Hererofrau vorbei, die hinter Stacheldraht sitzend eine Scherbe in der Hand hält und an die Praxis in deutschen Gefangenenlagern erinnert, in denen toten Afrikanern für wissenschaftliche Untersuchungen die Köpfe abgeschlagen, ausgekocht und mit Scherben ausgeschabt wurden. Ein anderes Bild zeigt eine schwarze Frau an ein Bett gefesselt, die die Besucher durch einen Spiegel anblickt. Andere Afrikaner stehen tatsächlich wie Ausstellungstücke in Museums-Vitrinen. Aufsteller erklären das Dargestellte. Es ist aber immer der eindringliche Blick der Performer, der den weißen Betrachter verunsichern soll und ihn daran erinnert, dass er es wie vor hundert Jahren in den kolonialen „Menschenzoos“ eben mit lebendigen Menschen zu tun hat. Neben der Kolonialgeschichte geht es Bailey aber auch um die heutige Praxis der Behandlung von Flüchtlingen aus Afrika. Und so stehen in der Ausstellung auch sogenannte Readymades mit Schwarzen in heutiger Alltagskleidung, über die man wie in entwürdigenden Fragebögen, Persönliches wie Geschlecht, Alter, Herkunft und Krankheiten erfährt. Ein an einen Flugzeugsitz gefesselt und geknebelter Afrikaner soll an die vielen bei der Abschiebung umgekommenen Asylbewerber erinnern. Der Besucher geht nun die ganze Zeit mit halb gesenktem Kopf und einem Klos im Hals durch die „Ausstellung“ und weiß sich nicht konkret dazu zu verhalten. Man soll sich als Teil der Installation begreifen, bleibt aber eigentümlich hilflos außen vor. Letztendlich sucht man entweder schnell wieder das Weite oder lässt seinen Gefühlen freien Lauf.

So ist Brett Baileys Installation doch wieder nur für rein weiße Betrachter gemacht, um sie zu beschämen. Und das tut sie dann auch sehr effizient, aber eben auch auf sehr einseitige Art und Weise. Ich sah eine junge Frau herzergreifend weinen. Aber was ist damit gekonnt? Man kann das natürlich als den klassisch kathartischen Moment begreifen. Nur worin liegt nun die Schuld dieser Frau? Die Amerikaner haben nach dem zweiten Weltkrieg Bürgern von Weimar (vorrangig NSDAP-Mitglieder) durch das KZ Buchenwald geführt, damit sie sich die Leichenberge selbst vor Ort ansehen können. Das lässt natürlich nicht vergleichen und bei Baileys Installation hat man es auch immer noch mit Kunst zu tun. Auch der Holocaust ist auf verschiedenste Art künstlerisch verarbeitet worden. Trotzdem wirkt er immer noch sehr unterschiedlich in der Wahrnehmung der Menschen nach. Betroffen, und nicht nur im emotionalen Bereich, bleiben davon aber immer alle. Wie stellt sich nun aber der schwarze Mensch in Baileys Installation dar? Doch eben auch wieder nur als Opfer. Im Tableau Vivant kann er seine Geschichte nicht selbst erzählen, er stellt sie lediglich aus. Er ist mit seiner rein körperlichen Anwesenheit nur bedingt gestaltend beteiligt. Das ist vermutlich das Problem, das schwarze Menschen damit haben dürften, dass hier schwarze Afrikaner als Ausstellungsstücke fungieren.

Die von Bailey beabsichtigte Vermischung oder sogar die Umkehr von Objekt und Betrachter kann so nicht wirklich stattfinden. Es fehlt ein diskursives Feedback, eine wirkliche Interaktion zwischen Performer und Betrachter. Es gelingt Bailey eigentlich nur in einem Bild eine scheinbare Interaktion herzustellen. Und zwar in der Installation Dr. Fischers (Eugen Fischer, ein deutscher Mediziner, Anthropologe und „Rassenhygieniker“) Wunderkabinett. Vier schwarze Sänger, deren Köpfe aus Kisten ragen und an abgeschlagene Nama-Häupter erinnern sollen, singen traditionelle Klagelieder, die wie christliche Choräle durch die Räume des Wasserspeichers klingen. Hier erlangen trotz aller Drastik der Darstellung die Opfer ihre Stimme zurück und wirken dadurch stärker als die stummen Mementos. Einige Besucher nehmen vor diesem Bild sogar auf den bereitgestellten Stühlen Platz. Aber auch hier läuft alles wieder auf einer rein emotionalen Ebene ab. Bailey ist für seine Installation aus lebenden „Exponaten“ von schwarzen Aktivisten auf dem Symposium „Stages of Colonialism/Stages of Discomfort“ im Haus der Berliner Festspiele deswegen stark kritisiert worden. Letztendlich ist die Performance zwar gut gemeint und soll im eigentlichen Sinne ja auch aufklärerisch wirken. Baileys Anstoß bleibt aber auf halbem Weg stehen. Zur Aufarbeitung und zum Umgang mit der kolonialen Geschichte aus postkolonialer Sicht genügt das Gezeigte noch nicht.

***

BLACK BISMARCK previsited – Ein Lecture-Konzert von und mit andcompany&Co. im Foyer des Hauses der Berliner Festspiele.

Black Bismarck black-bismarck-_-jan-brokofco.jpg © Jan Brokof & Co.

Als Ergänzung zur Installation „Exhibit B“ von Brett Bailey, empfahl es sich die Lese-Performance mit Musik der Gruppe andcompany&Co. im Cinema im oberen Foyer des Festspielhauses in der Schaperstraße zu besuchen. Die Avantgardeperformer, die sich beim Studium der Theaterwissenschaften in Frankfurt/M kennen gelernt haben, plündern hier wie immer den theater- und literaturwissenschaftlichen Fundus und bringen ihre Ergebnisse mit theatralisch-humorvollen Mitteln dem allseits interessierten Publikum nahe. Als besserwisserisch und staubtrocken kann man ihre Performances nicht gerade bezeichnen. Und so wird dann auch in dieser Produktion irgendwann Geistiges in flüssiger Form verabreicht. Ein Tablett mit Gläsern voll Fürst Bismarck Doppelkorn kreist im Publikum. Aufs Korn genommen haben die andco-Performer aber nicht nur den sogenannten „Weißen Revolutionär“ Bismarck, sondern auch das Erbe der deutschen Kolonialzeit, angefangen bei den Kolonialwarenläden über verrückte Afro-Perücken bis zu den obligaten Bismarcktürmen in deutschen Städten und Gemeinden. Die Kolonialbegeisterung in Deutschland kannte seinerzeit keine Grenzen. Der „dunkle Kontinent“ Afrika strahlte eine exotische Faszination auf die Deutschen aus, man konnte sogar in Afrikadörfern in der brandenburgischen Provinz Urlaub machen. Alte Postkarten zeugen bis heute davon.

Zu Beginn ist die Projektionswand hinter den vortragenden andco-Gründern Alexander Karschnia und Sascha Sulimma sowie ihrem belgischen Kollege Joachim Robbrecht noch weiß, wie das unbeschrieben Blatt, das Afrika für die europäischen Kolonialstaaten noch Ende des 19. Jahrhunderts war, bevor sie den Kontinent bei der „Kongo-Konferenz“ 1884-85 in Berlin unter sich aufteilten. Hier dockt die Veranstaltung nahtlos an Brett Baileys „Exhibit B“ an, dessen Bilder ja auch von der Unterdrückung der Nama und Hereros berichten. Wie weit Deutschland aber bis heute diese Zeit verdrängt hat, zeigen die Performer anhand des Suchens nach einem passenden Datum für den Tag der Deutschen Einheit. Das konnte natürlich nicht der 09. November (Reichskristallnacht) sein. Aber auch der 3. Oktober ist belastet als Beginn des Nama-Aufstands in Deutsch-Südwestafrika, oder dem Tag des ersten Starts einer V2 Rakete 1942. Andcompany&Co ziehen so gekonnt einen Bogen von der deutschen Kolonialgeschichte mit Bismarck an der Spitze über den 2. Weltkrieg bis zur deutschen Einheit unter Helmut Kohl. Das Bewusstsein für diese Zusammenhänge und den Kolonialismus überhaupt ist in Deutschland aber immer noch sehr gering. Den Missing Link zur postkolonialen Gegenwart haben andco nun im Begriff der „Critical Whiteness“ ausgemacht, die schon länger wie ein „Gespenst“ in Europa umgeht. Wir „überprivilegierten Unterpigmentierten“ empfinden unser Weissein eben immer noch als unmarkierte Normalität. Darauf aufbauend hauen andco uns alle möglichen schwarz-weiß-Begrifflichkeiten um die Ohren. Dazu werden jede Menge Afrika-Klischees und Voodoozauber mit Phantasiehelmen vorgeführt, eine an Belgisch-Kongo erinnernde Europaflagge gehisst und die passenden Schlagermelodien vom Band a la „Afrika“ von Ingrid Peters gespielt.

andcompany1.jpg Foto: St. B.
Joachim Robbrecht, Alexander Karschnia und Sascha Sulimma zu Beginn ihres Lecture-Konzert vor noch „weißer“ Leinwand. Bühne: Jan Brokof&Co.

Besonders aber in der Literatur spielt „Weiߓ als Symbol eine große Rolle. So zündet der Held in Thomas Pynchons Gravity’s Rainbow (1973, dt. Die Enden der Parabel) Weissmann eine V2-Rakete oder im Film „Ghostbusters“ läuft das riesige Marshmallow-Männchen Stay Puft als „Kolonialer Albtraum“ aus Zucker und Gummi durch New York. Vor allem schöpfen und zitieren die Performer aber auch aus dem bemerkenswerten Essayband „Playing in the Dark. Whiteness and Literary Imagination“ (1992, auf deutsch „Im Dunkeln Spielen“, 1994 bei Rowohlt) der schwarzen amerikanischen Literaturnobelpreisträgerin Tony Morrison, deren Theaterstück „Desdemona“ Peter Sellars im November 2011 bei der spielzeit’europa in Berlin aufführte. Anhand bekannter Romane von Edgar Allan Poe, Herman Melville, Nathaniel Hawthorne (alles Vertreter der „amerikanischen dunklen Romantik“) oder auch Mark Twain und Ernest Hemingway untersuchte sie die weiße amerikanische Literatur auf ihren romantisierenden „Afrikanismus“ und die benutzte Symbolik. Besonders Melvilles „Moby Dick“ (Der weiße Wal) und Poes „The Narrative of Arthur Gordon Pym“ (Der Bericht des Arthur Gordon Pym) beziehen ihre faszinierenden Imaginationen aus der Beschreibung des Unterschieds von weiß und schwarz, hell und dunkel. So fährt Pym mit seinem Kameraden Peters und dem gefangenen schwarzen Eingeborenen Nu-Nu am Ende des Romans auf einem Kanu über einen milchigen Ozean in eine weiße Wand, hinter der eine Gestalt eines Mannes, mit einer Hautfarbe von makellosem Weiß wie Schnee, vor ihnen auftaucht.

Die Black-Bismarck-previsited-Vorstellung von andcompany&Co will auf eine ganz andere Art als Brett Baileys „Exhibit B“ aufklären. Sie vermittelt nicht nur Wissen, sondern verarbeitet dieses auch in der Performance. Das ist sicherlich künstlerisch noch nicht im Detail ausgereift. Die Macher arbeiten ja noch daran. Aber das Ganze kann theatral und politisch auch als ein interessanter Beitrag zur momentanen Blackface-Debatte gesehen werden, weil hier der Brückenschlag aus der Geschichte ins postkoloniale Heute nachvollziehbar gelingt, auch ohne krasse Schockbilder. Das Publikum fühlt sich hier mitgenommen und nicht abgeschreckt, was leider auch noch oft genug, wie im Fall Baileys durch die wenig differenzierten und damit nicht besonders hilfreichen Anfeindungen der Bühnenwatch-Aktivisten verstärkt wird. Die fertige Produktion von „Black Bismarck“ soll 2013 im HAU gezeigt werden.

***

We love Africa and Africa loves us – Ein postkolonialer Albtraum mit Institutet und Nya Rampen im Ballhaus Ost. Regie und Bühne: Marcus Öhrn

Wieder ganz anders gehen die skandinavischen Performer von Institutet und Nya Rampen um den schwedischen Künstler Marcus Öhrn mit dem Thema Postkolonialismus um. Obwohl auch Schweden eine koloniale Vergangenheit in Afrika und Amerika hat, die allerdings bereits im 19. Jahrhundert endete, zeigen sich die Performer in ihrer Produktion „We love Africa and Africa loves us“ davon eher unbelastet. Ihnen geht es auch mehr um den alltäglichen Rassismus, der sich hier wie selbstverständlich aus der eigenen Psyche entwickelt. Zu Beginn sitzen die vier Mitglieder der Familie Fritzl, die wir bereits 2010 am Ballhaus Ost im preisgekrönten „Conte d’Amour“ kennen gelernt haben, friedlich auf dem häuslichen Sofa in einer Pose, die Normalität heischen will. Aber der Keller hat seine tiefenpsychologischen Spuren hinterlassen. Zum Teil nervtötende Störgeräusche und pure Langeweile künden von den schlummernden Trieben. Die Performance spielt sich wieder in einem großen Kasten mit vorgelagertem Gartenzaun ab. Die Bilder aus dem Inneren werden auf die Vorderseite des Kastens übertragen. Mit viel Trockeneisnebel und düsterer Musik kündigt sich das kommende Geschehen an. Aus dem Keller entronnen, hat sich die Familie dem Oberhaupt mehr und mehr entfremdet, obwohl Daddy weiterhin versucht die Vormachtstellung zu behaupten. Es gelingt ihm aber nurmehr mittels der Erniedrigung seines Sohnes und einem vorgeschnallten Penis. Die Familie vom Jüngsten bis zum Familienvorstand macht hier wieder die verschieden Phasen der Freudschen Fixierungen durch. Anus privat, Phallus öffentlich. „Mein Körper gehört mir.“ versucht der Sohn sich zu positionieren. Es werden ungelöste Vater-Sohn-Konflikte, Macht- und Rollenspiele ausgelebt. Analphilosophisches wechselt sich mit sexistischem und schwulenfeindlichem Vokabular ab.

africa-_-marcus-ohrn.jpg
Noch ist der Familie Fritzl fad. Die Performer Elmer Bäck, Anders Carlsson, Jakob Öhrman und Rasmus Slätis auf dem Familiensofa. © Markus Öhrn

Die Allmachtsphantasien der europäischen Kernfamilie wenden sich aber bald einem anderen Thema zu. Der „dunkle Kontinent“ regt die Phantasien des Vaters neu an und er verschwindet wieder im Keller. Familie Fritzl projiziert ihre eigenen ungelösten Konflikte auf eine neue, alte Ebene. Der hilfsbedürftige Afrikaner, reduziert auf Puppenkörperteile und exotische Masken, ist nun das Ziel. Dass das so nicht funktionieren kann, ist schnell klar. Der Vater ergeht sich in einem regelrechten Kunstblutrausch der wiedergefundenen Potenz, während die restliche Familie andächtig in Popsongs schwelgt. Die Nachahmungsversuche des Sohns enden wie oberhalb des Kellers wieder am dominanten Vater, der ihm sein Schwulsein vorwirft und mit den Worten: „Weist Du, was die mit Schwulen in Afrika machen?“ die Sache erledigt. Es wird hier ausgiebig das europäische Helfersyndrom vorgeführt, das sich in Form der Familie Fritzl in verzweifelten Ersatzhandlungen regelrecht pervertiert. Die schwere Musik dient hier einerseits der konkreten Untermalung, anderseits ist sie Mittel zur Kompensation der überbordenden Handlungen. Im abschließenden Song der schwedischen Kultband Broder Daniel „Happy People Never Fantasize“ wird die ausufernde Performance dann mental verarbeitet und wieder auf die trügerische Ebene vermeintlicher Normalität zurückgeführt. Schließlich winden sich die Figuren noch einmal in einem zeitlupenartigen Tempo in verzweifelten Posen, bis sich wieder alles zum Anfang hin zurücknivelliert hat. Was natürlich einerseits das Scheitern des Ausbruchsversuchs zeigt und andererseits aber auch das utopische Unvermögen der Kleinfamilie recht pessimistisch konstatiert.

Zugegeben, der erste Teil über dem Keller zerrt vielleicht etwas an den Nerven. Wer Conte d’Amour gesehen hat, musste sich hier wohl auch zwangsläufig etwas gelangweilt fühlen, bei all der Redundanz der zur Schau gestellten sexuellen Obsessionen und Machtspielchen. Die Entwicklung des einen aus dem anderen Stück heraus erschließt sich aber tatsächlich erst im zweiten Teil im Keller. Da haben aber einige Zuschauer bereits entnervt aufgegeben. Vielleicht haben sie aber auch die ästhetisch etwas ansprechenderen Bilder von Conte d’Amour vermisst. Das Thema war da auch einfach näher an uns dran. Die Performance hatte sogar, wenn es einem nicht all zu abartig vorkam, einen gewissen erlösenden Moment am Ende. Man konnte sich bedingt einfühlen. Es ist natürlich auch der voyeuristische, pornografische Blick jedes Einzelnen, der hier geprüft wird. Die Performer dekonstruieren aber vor allem das zwischenmenschliche Verhalten aus der Sicht der Sexualität heraus – Freud´sche Verhaltensmuster eben – und projizieren das auf die sogenannte Kernfamilie. Es bedarf dazu vielleicht nicht einmal Freud oder Fritzl, um das nachvollziehen zu können. Alles in allem gerät der zweite Teil im Keller etwas zu pathetisch. Man hat tatsächlich das Gefühl, hier sind den Performern nicht mehr genug Bilder eingefallen, für das, was sie eigentlich zeigen wollen und was sich auch, wenn man das Interview im Programmheft liest, ganz gut nachvollziehen lässt. Es wirkt aber zum Thema Afrika leider wie eine etwas verkrampfte Auftragsarbeit, die den Adressaten nicht ganz erreicht. Künstlerisch ist der Abend dennoch ein Erlebnis. Das perfekte Zusammenspiel der Masken und Körper mit dem Bühnenbild und der Musik fasziniert schon. Vor allem ist das Können der Performer einfach große Klasse. Man sieht schon, dass sie es ernst meinen und nicht nur sinnlos provozieren wollen.

Natürlich bleibt das alles weißes Theater für weißes Publikum. Es gibt kaum einen Beitrag, außer besagtem von Brett Bailey, der direkt aus Afrika kommt und somit auch ein schwarzes Publikum ansprechen würde. Das dieses Publikum sich unterrepräsentiert und falsch dargestellt fühlt, obwohl bekannt ist, dass auch in Europa die Zahl der schwarzen Bürger nicht nur aufgrund der kolonialen Geschichte wächst, bleibt ein Problem des etablierten, vorherrschend weißen Theaters in Europa. Nun ist Kolonialismus, abgesehen von der Sklaverei, kein rein afrikanisches Phänomen. Asien und Amerika sind genauso betroffen. Die Festivalleitung muss sich aber dennoch vorwerfen lassen, wenn sie Kolonialismus als Thema setzt und vorher behauptet, Europa ist nicht mehr genug, dass schwarze Positionen hier einfach fehlen. Da besteht dann leider auch die Gefahr, dass das Ganze eher zu einer weißen Nabelschau wird.

„Wenn ich mich mit anderen Gegenständen und Betrachtungen befassen will, dann muß ich mindestens darauf achten, daß ich dabei keinem anderen auf dem Rücken sitze.“
Henry David Thoreau (12.07.1817 – 06.051862) in „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“, deutsch von Walter E. Richartz, Zürich 2004

 ***

foreign-affairs_mobile-house.jpg Foto: St. B.

Marino Formentis 24-Stunden-Klavierperformance „nowhere“ fand vom 28.09. bis  20.10.12 in Kyohei Sakaguchis „Mobile House“ vor dem Haus der Berliner Festspiele statt. Wer wollte, konnte sich nach dem thematisch zum Teil schweren Programm hier wieder erden lassen.

Das Programm von „Foreign Affairs läuft noch bis zum 26.10.2012.

_________