Archive for the ‘Bruno Cathomas’ Category

Lost in Web-Communication – Eigentlich schön! von Volker Schmidt in der Regie von Bruno Cathomas am Schauspiel Leipzig.

Montag, März 23rd, 2015

___

Gilt ein klingelndes Handy im Theater normaler Weise als No-Go und steckt das Twittern im Tempel der Hochkultur noch immer in den Kinderschuhen, ist das Mobiltelefon nun fast in den Rang des Hauptdarstellers oder zumindest zum wichtigsten Requisit der neusten Studioinszenierung des Schauspiels Leipzig aufgestiegen. Auf theatertexte.de als Stück über die „Generation Rollkoffer“ angekündigt, ist Eigentlich schön vom österreichischen Autor, Regisseur und Schauspieler Volker Schmidt eigentlich eher das Stück zur Generation Smartphone, die sich zusehends in sozialen Netzwerken und anderen Arten der Internet-Kommunikation verliert, immer flexibel auf dem Sprung ist und sich nie festgelegt. Schauspieler und Regisseur Bruno Cathomas hat das Stück nun mit sechs Studierenden des Schauspielinstituts „Hans Otto“ der HMT Leipzig in der kleinen Spielstätte Diskothek zur Uraufführung gebracht.

 

Eigentlich Schön - Foto ® Rolf Arnold

Eigentlich schönFoto ® Rolf Arnold

 

„Blablabla” – Das Ensemble läuft sich zunächst zu elektronischer Beschallung warm und repetiert das Hashtag-Vokabular und die üblichen Slogans des World-Wide-Webs. Auf Facebook, Twitter und Skype herrscht die digitale Dauer-Logorrhoe und verklebt sämtliche Kanäle. Und die Gründe dafür sind natürlich vielgestaltig. Die sechs jungen Menschen um die dreißig in Schmidts Stück sind zumeist irgendwie kreativ unterwegs. Heute Berlin, morgen Konstanz und übermorgen vielleicht New York oder Mumbai. Ihre Fernbeziehungen erschienen ihnen dabei wie reine Zweckbündnisse. Sie sind nur noch zusammen aus der Angst vor Trennung und dem Alleinsein. Und daraus generiert sich nun eine ganze digitale Kommunikationsindustrie nebst ihren bekannten Risiken und Nebenwirkungen, die Schmidt natürlich auch als Schmierstoff für den Fortgang seiner schnellen Beziehungsdramatik nutzt.

Das Paar Magda (Stefanie Schwab) und Eike (Erik Born) lebt in einer solchen Fernbeziehung. Wobei beide es nicht so ganz genau mit der Treue nehmen, sich in Emails und Chats mit dem Partner oder anderen Personen aus dem weiteren Freundeskreis immer wieder in Ausreden, Lügen und ihren Phantasien verstricken. Magda fliegt aus Verzweiflung über ihr tristes Leben nach New York zum kompromisslosen Musiker Kurt (Loris Kubeng), den sie in einem Internetchat kennengelernt hat, Eike im Glauben lassend, sie wäre beruflich in Mumbai. Der nutzt die Gelegenheit, um mit dem etwas naiven angehenden Fotomodel Annika (Lara Waldow) anzubändeln. Ergänzt wird das Quartett über Kreuz noch durch den Wahrheitsfanatiker und schwulen Fotografen Jonathan (Brian Völkner) sowie die beruflich erfolgreiche und alleinerziehende Anne (Andreas Dyszewski in einer herrlich genderübergreifenden Travestienummer), die ihre Einsamkeit durch eine aufgesetzte bürgerliche Fassade mit Haus und Garten kompensiert.

 

Eigentlich Schön - Foto ® Rolf Arnold

Eigentlich SchönFoto ® Rolf Arnold

 

Die vertrackte Situation der ProtagonistInnen erzeugt natürlich so manche Gelegenheit für Wortwitz, Verwechselungskomik und Slapstick. Ein gefundenes Fressen für Regisseur Cathomas und seine sechs DarstellerInnen. So wie Autor Schmidt seinen Text auf besondere Weise der schnelllebigen Kommunikation im Netz angepasst hat, treibt das Geschehen auf der von Hugo Gretler mit drei verfahrbaren Videowänden, einem Garderobenständer für das schnelle Umkleiden (Kostüme: Agathe MacQueen) sowie Getränkeautomat und -kühlschrank ausgestalteten Bühne fast pausenlos ins Groteske. Dadurch, dass sich die SchauspielerInnen ständig selbst mit Handykameras filmen, werden die Spielszenen auf den Videoleinwänden noch zusätzlich verdoppelt. Kleine Ruhepunkte setzen kurze Monologe, in denen die Figuren über ihr Leben, Ängste und Träume reflektieren. Niemand fühlt sich hier wirklich wohl in seiner Haut.

Eigentlich schön wird zu Floskel für die Lebens-, Liebes-, und Beziehungslügen aller. In einem großen, finalen Moment der Wahrheit bei der alkoholschwangeren Wohnungseinweihungsfete des wieder zueinandergefunden Paares Magda und Eike platzt der Traum von Glück, Solidität und einem selbstbestimmten Leben wie eine Seifenblase. Da niemand gelernt hat, ehrlich mit dem anderen zu kommunizieren, zerreißt das Netz der digitalen Kommunikation schließlich an der Realität, da es nichts einfangen kann, was wirklich wesentlich ist. Auch wenn sich das vielleicht banal anhört: Likes, Smileys und andere Emotional Icons ersetzen eben auf Dauer keine echten Gefühle. Der Regisseur und die großartigen Leipziger Studierenden setzen das in ein echtes, durchweg dynamisches Spiel um und machen aus dem Stück mehr als nur ein flüchtig gepostetes Selbstdarstellungs-Selfie im Netz.

***

EIGENTLICH SCHÖN (Diskothek, 20.03.2015)
Regie: Bruno Cathomas
Bühne: Hugo Gretler
Kostüme: Agathe MacQueen
Musik: Jonas Martin Schmid
Dramaturgie: Alexander Elsner
Mit: Erik Born, Andreas Dyszewski, Loris Kubeng, Stefanie Schwab, Brian Völkner und Lara Waldow
Uraufführung war am 20. März 2015
Weitere Termine: 21. / 27 .11. 2015

Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspiel-leipzig.de

Zuerst erschienen am 22.03.2015 auf Kultura-Extra.

__________

Ulysses – Ein medienübergreifendes Projekt nach James Joyce von Marat Burnashev & Swantje Basedow im Ballhaus Ost und im Internet.

Dienstag, Mai 13th, 2014

___

James Joyce im Sommer 1904 - Foto: Constantine P. Curran (Wikipedia.de)

James Joyce im Sommer 1904 – Foto: Constantine P. Curran (Wikipedia.de)

Ulysses, den bekanntesten Roman des großen irischen Schriftstellers James Joyce, der eigentlich über keine wirklich gesicherte deutsche Übersetzung verfügt, auf die Bühne zu bringen, ist vermutlich schon vorab zum Scheitern verurteilt. Joyce hatte in seiner erstmals 1922 erschienen Schilderung eines kompletten Tagesablaufs die verschiedensten Sprach- und Schreibstile miteinander zu einem großen, schwer verständlichen Bewusstseinsstrom verknüpft. In 18 lose an die Odyssee des Homer angelehnten Episoden irrt der Anzeigenakquisiteur Leopold Bloom am 16. Juni 1904 durch Dublin. Der sogenannte Bloomsday, der von Anhängern des Romans jedes Jahr weltweit begangen wird, beschreibt einerseits sehr detailliert die irische Hauptstadt und lässt andererseits Gedanken, Reflexionen und Assoziationen der Protagonisten größtenteils ungeordnet auf den Leser einströmen.

Marat Burnashev und Swantje Basedow haben nun eine multimediale Fassung erarbeitet, die sich in zwei Teilen das Werk von James Joyce als Vorlage nimmt, um Alltäglichkeit und große Fragen der Menschheit, die der Roman auch behandelt, ins Hier und Jetzt zu transportieren. Bereits seit Februar ist man langsam an das Projekt herangeführt worden. Wöchentlich gab es einen kurzen Videofilm im Internet zur Vorbereitung auf das Zusammentreffen der beiden Hauptpersonen des Romans Leopold Bloom und Stephen Dedalus, das drei Monate später auf der Bühne im Ballhaus Ost tatsächlich stattfinden sollte. Es sind 14 Episoden, analog der einzelnen Kapitel des Romans, in denen Menschen über die Lust und Last der täglichen Verrichtungen und die Schwierigkeiten und Schönheit des Lebens gleichermaßen berichten.

Ulysses am Ballhaus Ost (c) Marat Burnashev

Ulysses im Ballhaus Ost
(c) Marat Burnashev

Und jedes der einzelnen Videos ist dabei ein kleines Kunstwerk für sich. Man sollte sie sich nicht entgehen lassen (siehe unter http://ulyssesprojekt.de ). Marat Burnashevs Dublin ist das heutige Hamburg. Wir sehen einen Medizinstudenten, der seinen abwesenden Mitbewohner Stephen beschreibt, Schüler schwärmen liebevoll von ihrem leicht verhuschten Geschichtslehrer, und ein Blinder erzählt von seinen Wahrnehmungen und seiner ganz speziellen Beziehung zu seinem Blindenhund. In weiteren Episoden sehen wir Menschen bei ihrer Arbeit. Ein Metzger, eine Drogistin und ein Friedhofsverwalter berichten von ihrem Alltag mit seinen schönen wie schweren Momenten. Ein Onlineredakteur referiert über die Zukunft der Printmedien und die wachsende Bedeutung des Internets für den Beruf des Journalisten.

Liebeserklärungen an die Kunst, die Liebe auf den ersten Blick und das Leben überhaupt liefern ein Impresario, eine alleinstehende Italienerin auf der Suche und eine Hebamme, die gern dabei ist, wenn das Leben beginnt. Nachdenkliches über Glück und Geld liefern ein Spieler und ein ehemaliger Millionär, der sein Geld bewusst verzockt hat und nun die Vorzüge der öffentlichen Suppenküche preist. In einer Bibliothek unterhalten sich zwei Literaturwissenschaftler anhand der Werke von Shakespeare über die Vergeblichkeit der Literatur, Alltagsmanagement und die großen philosophischen Fragen der Welt. Hier werden nicht einfach nur die bekannten Stationen des Romans abgehakt, sondern die zeitlose Allgemeingültigkeit der auch von James Joyce symbolisch angerissenen Themen wie Geburt, Tod, Literatur, Musik und wissenschaftlicher Fortschritt angedeutet. Die Geschichte als ständiger Albtraum, aus dem man erwachen möchte.

Der dies bemerkt, ist der junge Geschichtslehrer und Nachwuchspoet Stephen Dedalus. Im Ballhaus Ost steht er auf einer Palette vor drei großen in U-Form angeordneten Videoleinwänden und schaut wie ins Nichts seiner Gedanken. Hinter ihm flimmert noch einmal als loser Gedankenstrom ein Querschnitt der einzelnen Kurzepisoden aus dem Internet, durchsetzt mit einzelnen Zitaten aus dem Roman. Nicht einfach nur Zugabe, sondern wieder ganz eigenständige Kunstform ist das Zusammentreffen von Leopold Bloom und Stephen Dedalus, die sich bereits mehrmals zuvor unbewusst in den Episoden des Romans über den Weg gelaufen sind oder für kurze Zeit gleichzeitig an einem Ort weilten. Der zu diesem Zeitpunkt bereits ziemlich betrunkene Stephen Dedalus trifft nun wie rein zufällig auf den ihn suchenden Leopold Bloom. Die Projektmacher haben zum großen Glück für die Produktion die beiden großartigen Schauspieler vom Thalia Theater Hamburg Bruno Cathomas als Bloom und Mirco Kreibich als dessen jugendlichen Schützling Dedalus gewinnen können.

Bruno Cathomas und Mirco Kreibich im Ballhaus Ost Foto: St. B.

Bruno Cathomas und Mirco Kreibich im Ballhaus Ost
Foto: St. B.

Die theatrale Umsetzung ihres weiteren gemeinsamen Wegs durch die Nacht Dublins gestaltet sich dann durchaus recht witzig. Der etwas spröde junge Mann, der nach dem ausschweifenden Besuch in Bella Cohens Bordell gerade den Fängen eines Soldaten entkommen ist, wird von Bloom aufgelesen und nach alter Samariterweise wieder aufgerichtet. Bloom betreibt etwas Konversation über den Vater von Dedalus und überredet den sichtlich Derangierten mit ihm essen zu gehen. So philosophiert das ungleiche Paar, der ältere bedächtige Bloom und der impulsive vom Leben aber schon recht enttäuschte junge Literat, über Gott und die Welt, die Frauen, die Seele und das Leben vor dem Tod. Was sich in den Videos bereits andeutete, erfährt hier auf der Bühne seine Fortsetzung mit Bruchstücken aus Joyces Monsterwerk. Nebst Video und Smartphone kommen auch ein paar aktuelle Gedankenspielereien zur Urknalltheorie und dem Teilchenbeschleuniger von Cern hinzu.

Während eine Videowand nach der anderen wie die schwindende Selbstgewissheit fällt, sehen wir eine Wahrsagerin aus einem Astrokanal, die Bloom die Karten legt, und seine untreue Frau Molly (im Video die Thalia-Schauspielerin Patrycia Zielkowska) aus einer Vorstellung von Dostojewskis Brüder Karamasow in die Garderobe eilen und sich abschminken. Bloom betrachtet sie sehnsüchtig beim sinnlichen Nachziehen ihrer Lippen. Im vorletzten Kapitel wird von Cathomas und Kreibich wie bei Joyce im Frage-Antwort-Spiel detailgetreu der Einstieg Blooms in sein Haus, die Küche und das Bereiten von Teewasser beschrieben. Bevor die letzte Wand gefallen ist, kommt der locker fließende Bewusstseinsstrom mit dem Joyce’schen Wortspiel von Sindbad dem Seefahrer (Tindbad dem Teefahrer usw.) so langsam zum Erliegen. Wie die vergebliche Lektüre des ausufernden Romans lässt einen der ironisch angehauchte Bühnenauftritt der beiden freundschaftlich verbunden umherirrlichternden Sinnsucher etwas unbefriedigt zurück. Aber so sind sie halt, das Theater wie das Leben selbst. Wer einfache Antworten sucht, muss in die Kirche gehen.

***

Ulysses
nach James Joyce / Marat Burnashev
Regie MARAT BURNASHEV
Buch SWANTJE BASEDOW
Bühne, Lichtdesign THOMAS GIGER
Kostüme SIBYLLE WALLUM
Musik MARCUS THOMAS
Dramaturgie CHRISTINA BELLINGEN
mit BRUNO CATHOMAS, MIRCO KREIBICH
im Video PATRYCIA ZIOLKOWSKA, ELIA HARZER, PRASHANTI, EISENHANS

EINE KOPRODUKTION VON MARAT BURNASHEV UND SWANTJE BASEDOW MIT DEM BALLHAUS OST UND DER GARAGE X WIEN

PREMIERE im Ballhaus Ost war am 09. MAI 2014

WEITERE VORSTELLUNGEN: 13. / 14. / 16. JUNI 2014

Infos: http://ballhausost.de/spip.php?article619

Zuerst erschienen am 12.05.2014 auf Kultura-Extra.

__________

Himmelhoch jauchzend zu Tode betrübt – Bruno Cathomas sucht am Potsdamer HOT das ganz große Pathos der Liebe in Shakespeares Romeo und Julia

Samstag, Januar 29th, 2011

Nun, man kann von Shakespeares „Romeo und Julia“ ja so einiges halten, ein wohl bekannter Kritiker hält es sogar für eine große Scharteke. Das es aber auch zum veritablen Gefühlsverwirrungsspiel reicht, hätte man erst mal nicht für möglich gehalten. In Potsdam beweist genau das nun Schauspieler Buno Catomas. Erst vor kurzem tobte er noch als liebes- und geschlechtsverwirrter Sir Toby Rülp in Jan Bosses „Was ihr Wollt“ über die Bühne des Thalia Theaters in Hamburg und nun versucht er sich mal eben selbst als Regisseur eines Shakespeare-Klassikers.
„Romeo und Julia“ ist nun der Liebes- und Schmachtfetzen unter Shakespeare Stücken schlechthin, Romeo stürzt sich aus unerfüllter Liebe ins Vergnügend, erblickt auf einem Fest Julia und verfällt ihr augenblicklich, der Rest ist bekannt, man muss zum Inhalt nicht mehr allzu viel sagen, er ist sogar den eher theaterfernen Kreisen nicht erst seit Leonardo DiCaprio durchaus geläufig. Die neuesten Versionen dieses Stückes, dieser der bedingungslosen Liebe verfallenen Teenager zwischen zwei bis auf Blut verfeindeten Familien in Verona, chargieren zwischen Schwulst und Klamauk mit allerlei modernisierenden Mätzchen wie Hip-Hop, Jugendgangs und Ähnlichem. Cathomas will nun die ehrliche große Emotion in den Vordergrund stellen, die absolute Liebe in all ihrem Pathos. Und das wird erst mal ungeniert und fett behauptet, von allen Beteiligten in teilweise kurioser Überzeichnung. Überall Liebessehnsucht und -wahn, mit melancholischer, stimmungsvoller Tangomusik pinselt Cathomas satt nach und das scheint durchaus gewollt. Er vollzieht gekonnt einen Spagat zwischen Kitsch, Klamauk und großen Gefühlen.
Es wird allen Arten der Liebe Platz eingeräumt, die Mutter Julias, Elzemarieke de Vos als Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs, ist unglücklich verheiratet mit einem golfspielenden, dauerkalauernden Irren, grandios Wolfgang Vogler als Capuletkarikatur, dessen Wutausbruch über die ungehorsame Tochter, die Säulen des Pappmachebühnenbilds von Thomas Giger zum Krachen bringen. Ähnliches sah ich nur in „Sieben Sommersprossen“ von Regisseur Herrmann Zschoche, ein DEFA-Film über eine Schülergruppe, die im Sommerlager Shakespeares Stück aufführt und sich darin gefühlsmäßig verstrickt. Und so haben auch hier einige eine unerfüllte Sehnsucht, allen voran Lady Capulet, die dem ihrer Tochter angedachten Bräutigam Paris (Jan Dose) hinterher schmachtet und im Hochzeitswahn die Brautinsignien etwas Altes, etwas Neues, etwas Blaues selbst anzieht. Das Geliehene fehlt aber als Zeichen des Glücks, das sie nicht erreichen kann. Auch die Amme (Meike Fink) findet das gestandene Mannsbild Paris interessanter als den Hänfling Romeo, eher auch blass Eddie Irle, der aber in seiner Liebesraserei den Nebenbuhler schließlich ins Jenseits befördert.
Gestorben wird ja in „Romeo und Julia“ auch mit viel Pathos. Erstes Opfer der Familienfehde ist bekanntlich Romeofreund Mercutio, der sich erst mit seinem Kumpel Benvolio (Florian Schmidtke) noch einige lustige Kapriolen, wie Einkaufstaschen- und Fliegenslapstick leisten darf. Holger Bühlow hat sich nach seiner grandiosen Darstellung des Christians im „Turm“ zum Potsdamer Publikumsliebling gemausert. Das Vorgeplänkel zum Duell mit Streithahn Tybalt wird zum brüllend komischen Versuch dem Unausweichlichen u.a. mit einer Wasserpistole aus dem Weg zu gehen, Mercutio zieht schließlich bekannter Maßen den Kürzeren und auch Tybalt wird dann von Romeo regelrecht hingewürgt.
Die leiseren Töne gibt es dann in den nicht fehlen dürfenden Liebesszenen des jungen Paares, hier auf eine Leiter an der dreistöckigen Bühnenbildwand mit lauter Öffnungen. Die Julia der Juliane Götz ist die einzige, die ihre große Liebe lebt und wahrhaft artikuliert. Die Szenen mit ihrem Romeo gehören zu den wirklich anrührenden des Abends. Zur ersten Liebesnacht verkriechen sich beide in einem großen Shirt, es wird später dann zum Totenbett der beiden. Hier steckt das große Pathos eine jungen Liebe, die nicht nach einem Warum oder Wofür fragt.
Und noch einem wird in dieser Inszenierung eine zentrale Rolle eingeräumt, René Schwittay als Bruder Lorenzo philosophiert haareraufend an der Bühnenrampe über die Unerklärbarkeit der Emotionen wie Liebe und Hass und durch was sie ausgelöst werden. Ansonsten sitzt er in seiner Junggesellen-Klause auf einem wahrscheinlich aus lauter Liebesromanen bestehenden Bettlager und sieht dem Geschehen fassungslos kopfschüttelt zu. Ein Liebestor, der sich in seiner Einsamkeit vergraben hat, unfähig seine inneren Gefühle an die Frau (Amme) zu bringen. Zu mehr als einer beiläufigen Einladung zu einem Drink reicht es nicht, die Vergeblichkeit seiner Liebesbemühung ertränkt er mit Dosenbier. Bruno Cathomas schenkt ihm noch einen verzweifelten Schluss-Monolog über die unerfüllte Liebe. Ist das Pathos Liebe doch nur ein großes Missverständnis, Cathomas bleibt die Antwort bewusst schuldig. Es ist ihm kein großer Wurf, aber eine über weite Strecken einleuchtende Interpretation des klassischen Liebesstoffes gelungen. Man darf gespannt sein, wie sich Mona Kraushaar im Mai am Berliner Ensemble mit diesem Stoff schlägt. Bruno Cathomas hat noch etwas Platz unter der Latte gelassen.