Archive for the ‘Burgtheater Wien’ Category

KARTONAGE von Yade Yasemin Önder und YOUR VERY OWN DOUBLE CRISIS CLUB von Sivan Ben Yishai in der Langen Nacht der Autorinnen bei den AUTORENTHEATERTAGEN im Deutschen Theater Berlin

Donnerstag, Juni 29th, 2017

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Höhepunkt der AUTORENTHEATERTAGE ist seit Jahren die „Lange Nacht der Autoren“, die in diesem Jahr ganz ohne großes Binnen-I auskommt, und gleich Lange Nacht der Autorinnen genannt werden kann, sind doch alle drei von der Jury (bestehend aus der Kulturjournalistin Anke Dürr, dem Regisseur Jan Ole Gerster und der Schauspielerin Annette Paulmann) prämierten Stücke tatsächlich von Frauen. Zudem ist die Auswahl so international wie noch nie. Flucht, Fremdheit, Heimat sind die Themen der Texte, die in Inszenierungen des die AUTORENTHEATERTAGEN ausrichtenden Deutschen Theaters, dem Schauspielhaus Zürich und dem Burgtheater Wien uraufgeführt wurden. Die Ergebnisse der Stückausschreibungen und ihre Uraufführungsinszenierungen waren häufig umstritten. In diesem Jahr konnten jedoch besonders zwei der ausgewählten Stücke durchaus überzeugen.

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Da ist zunächst mal Kartonage, das Debütstück der 1985 in Wiesbaden geborenen Yade Yasemin Önder, die ihr Handwerk am Deutschen Literaturinstitut Leipzig erlernte. Die Autorin mit türkischen Wurzeln lässt in ihrem Text das schwarz-humorige Volksstück nach Vorbild des österreichischen Dramatikers Werner Schwab wieder aufleben, was zunächst nicht nur wegen der Kartonbehausung der Protagonisten in Eiche rustikal etwas Retro wirkt. Einem Ewald Palmetshofer würde man so etwas wohl nicht mehr durchgehen lassen. Mit räuber.schuldengenital hatte der Österreicher noch vor ein paar Jahren ein ganz ähnliches Generationendrama geschrieben. Es war 2013 in einer Inszenierung des Burgtheaters Wien in der Regie von Stephan Kimmig bei den AUTORENTHEATERTAGEN in Berlin zu sehen. Palmetshofer hat sich mittlerweile nicht nur inhaltlich etwas von seinem Vorbild Werner Schwab und dessen Fäkaliendramen entfernt.

 

Applaus bei Kartonage vom Burgtheater Wien – Foto St. B.

 

Bei Yade Yasemin Önder sind es dann auch weniger Körperausscheidungen, sondern der mit Vorliebe eingekochte Marmeladenbrei der in Österreich so beliebten Marillenfrucht, der schließlich nicht nur die Bühne im Deutschen Theater besudelt. Die Uraufführung dieser kleinen Farce in Koproduktion mit dem Burgtheater Wien besorgte dann auch der österreichische Regisseur Franz-Xaver Mayr, der sich mit dem Schauspielhaus Wien und Miroslava Svolikovas Stück Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt schon bei den diesjährigen AUTORENTHEATERTAGEN als Meister der schwarzen Komödie bewiesen hat.

In Kartonage will ein altes Ehepaar, das sich selbst in trauter Zweisamkeit Wernereins (Bernd Birkhahn) und Wernerzwei (Petra Morzé) nennt, den sprichwörtlichen Deckel nicht nur aufs Marillen-Einmachglas setzen, sondern auch über die familiäre Vergangenheit stülpen. Die beiden leben seit 16 Jahren gefangen in einem Karton genanntem Heim mit Holzsitzecke und Küchenzeile, an der die Frau mit Fatsuit und blonder Betonfrisur einen riesigen Topf mit Marillenmarmelade am stetigen Kochen hält. Es wird „gekaut“, „geschluckt“, „geschwiegen“ und hin und wieder durch ein mit einem Schlüsselwappen verdecktes Loch nach draußen gespannt. Man streicht Marmeladenbrote, redet davon, wie gut alles ist, lebt aber in ständiger Angst vor den Nachbarn und der Vergangenheit.

Diese dunkle Vergangenheit, nach der es nicht lohnt zu suchen, flimmert zu Beginn kurz in einem Video über der Kartonkastenszene. Die Tochter Rosalie (Irina Sulaver) hatte mit ihrer Freundin Ella (Marta Kizyma), um dem Kleinstadtmief aus Einkaufszentrum und geilen Jungskliquen zu entkommen, dem Vater aus dem Einmachglas Geld und den Jungs das Auto geklaut, mit dem beide allerdings verunglücken. Dazu singt France Gall verführerisch ihr Ella, elle l’a. 16 Jahre später rutscht dann die tot geglaubte Rosalie mit blutigem Knie wieder in den Karton der Werners und bringt die durch alltägliche Verdrängungsmechanismen zusammengehaltene Funktionsgemeinschaft der beiden in bedrohliche Schieflage. Während der Vater das „Tier“ von Tochter mit Verwünschungen überhäuft und die Familienehre bedroht sieht, versucht die Mutter alles mit ihrem Marillenbrei zu übertünchen.

Kein Schlüssel und Ausweg nirgends. Der Versuch der Vergangenheitsbewältigung führt natürlich geradewegs in die Familienkatstrophe, in der erst der wiedererwachte Patriarch der Mutter an die Wäsche geht, die sich ihrerseits dann mit „bitter-süßer“, vergifteter Marillenmarmelade rächt. Das Stück erreicht nicht ganz die Schärfe der Dramen eines Werner Schwab, ist aber in der Anlage vielversprechend und in der gelungenen Einrichtung von Franz-Xaver Mayr durchaus sehenswert.

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Foto (c) Arno Declair

Komplett in Englisch geschrieben hat die aus Israel stammende Autorin Sivan Ben Yishai ihr als „Ein übersetztes Klagelied mit furchtbarem Akzent“ annonciertes Stück Your Very Own Double Crisis Club. Es kam in einer besonders gewürdigten Übersetzung von Henning Bochert in der Inszenierung des ungarischen Regisseurs András Dömötör auf der Hinterbühne der DT-Kammerspiele zur Uraufführung. Die Kooperation mit der Universität der Künste Berlin geht dann ab Juli in den Spielplan des Deutschen Theaters über.

Sechs Studierende der UdK bilden hier den Chor, der aus einer in großer Feuersbrunst untergegangen Stadt Entkommenen. Assoziationen zur biblischen Legende des Loth sowie zu kriegerischen Ereignissen im Nahen Osten sind durchaus beabsichtigt. Die Erlebnisse der Geflüchteten werden jedoch nicht explizit verortet. Den Text zeichnet dabei aber eine hohe sprachliche Qualität aus. Die Autorin arbeitet mit metaphorischen Umschreibungen wie auch direkten Ansprachen ans Publikum.

Das nicht näher beschriebene chorische Wir symbolisiert in blauen Freizeitanzügen mit aufgedruckten EU-Sternen vor dem Eisernen Vorhang der Kammerspiele auch das kollektive schlechte Gewissen Europas vor Krieg, Gewalt und Vertreibung. Der Text wird zunächst in Hebräisch, dann Englisch und in Deutsch vorgetragen. Das vielstimmige Klagelied handelt von einer sterbenden Stadt, die „gegangbangt“ wird, während wir zuschauen. Es wird viel von Tod und Vergewaltigung gesprochen.

 

Foto (c) Arno Declair

 

Die doppelte Krise besteht darin, dass wir uns als Publikum mit der „Hand in der Unterwäsche“ an der Geschichte, die uns vom Chor verkauft wird, wie an einem „Kriegsporno“ ergötzen, während die Theater von der „Migrantenpoesie“ noch profitieren. Mehrfach steigt der Chor aus seiner Erzählerrolle aus und bedankt sich dafür beim Publikum oder skandiert: „Weint nicht um uns.“ Regisseur Dömötör setzt dem noch einen drauf, in dem er das Theater mit Geräuschen als Horrorhaus darstellt, aus dem es kein Entrinnen gibt. Durch Bühnenarbeiter an den Rand gedrängt, klopft der Chor an die unsichtbare vierte Wand eines schnell aufgebauten Biedermeierbühnenbilds.

Unterstützung bekommt der Chor durch die DT-Schauspieler Judith Hofmann und Felix Goeser. Letzterer sitzt nach der Öffnung des Eisernen Vorhangs am Schlagzeug und schlägt als umjubelter Bürgermeister und Kriegsherr den Beat der Diktatur, während Judith Hofmann eine Suada vom Krieg der „Schwänze und Ärsche“ hält und dem maskulinen „Geruch von Hass und Sperma“ beschwört. Worte wie „Schwanzkrieg“ und „Schwanzmoral“ wirken da in ihrer übertriebenen Eindringlichkeit vielleicht auch etwas kurios. Die Geflüchteten werden nun mehr und mehr zum Backgroundchor degradiert, und Goeser tönt ein There Is A Light That Never Goes Out von The Smiths.

„Alles passiert gleichzeitig.“ Der Text beschreibt die Schwierigkeit des Verstehens wie auch das Ineinandergreifen der Ereignisse im „Haus der Geschichte“. Die Frage geht nach der Hauptfigur, als die sich der Chor nicht empfindet. Die Toten werden in die Welt der Lebenden zurückholt. Ihre Albträume wiederholen sich. Sivan Ben Yishai scheint ihren Heiner Müller gelesen zu haben. Das Klagelied wird zum Kampf um die Deutungshoheit des Erzählens über gute und schlechte Kunst und den „Emigrantenpoesie-Ausverkauf“ auf der Bühne. „Die Menschen sind so schön, wenn sie nicht mehr Gegenstand der Geschichte sind“, heißt es am Ende. „Vielleicht ist es besser aufzuhören“, spricht die Autorin vom Band. Doch die Leere will gefüllt sein. Es gibt kein Entkommen aus der Geschichte. Das Maxim Gorki Theater hat sich bereits die Uraufführung von Sivan Ben Yishais neuem Stück The story of life and death of the new bew wew woopidu Jew gesichert. Man darf gespannt sein.

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KARTONAGE (Deutsches Theater, 24.06.2017)
von Yade Yasemin Önder
Regie: Franz-Xaver Mayr
Bühne: Michela Flück
Kostüme: Korbinian Schmidt
Video: Sophie Lux
Musik: Levent Pinarci
Licht: Norbert Gottwald
Dramaturgie: Florian Hirsch
Uraufführung am 23. Juni 2017 im Deutschen Theater Berlin
Koproduktion mit dem Burgtheater Wien
Premiere dort am 27. September 2017 im Kasino
Besetzung:
Bernd Birkhahn: Herr Werner
Petra Morzé: Frau Werner
Irina Sulaver: Rosalie
Marta Kizyma: Ella

Info: https://www.burgtheater.at/de/

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YOUR VERY OWN DOUBLE CRISIS CLUB (DT-Kammerspiele, 24.06.2017)
Ein übersetztes Klagelied mit furchtbarem Akzent
von Sivan Ben Yishai
Übersetzt aus dem Englischen von Henning Bochert
Regie: András Dömötör
Bühne / Kostüme: Sigi Colpe
Musik: Tamás Matkó
Dramaturgie: Claus Caesar, Marion Hirte
Uraufführung wam am 23. Juni 2017, Kammerspiele D
Mit: Hicham-Tankred Felske, Felix Goeser, Christian Hankammer, Esther Maria Hilsemer, Judith Hofmann, Richard Manualpillai, Til Schindler, Mariann Yar
Deutsches Theater Berlin in Kooperation mit der Universität der Künste Berlin
Termine: 03. und 14.07.2017

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 25.06.2017 auf Kultura-Extra.

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Diskurs und Solo – Mit „Carol Reed“ und „Die Welt im Rücken“ präsentiert das Wiener Akademietheater zwei starke Sprechtheaterabende

Donnerstag, Juni 8th, 2017

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Baby, das Drama ist weg – René Pollesch nimmt in seinem neuen Stück Carol Reed am Wiener Akademietheater die Bedeutung aus den Dingen raus

Foto: St. B.

Wer bei den diesjährigen Wiener Festwochen ein wenig das gute alte Sprechtheaterformat vermisst, ist im Burgtheater immer noch gut aufgehoben. Genauer gesagt in der Nebenstelle für neue Dramatik, dem Akademietheater. Bereits seit einigen Jahren ist hier auch der Diskurstheaterspezialist der Berliner Volksbühne, René Pollesch, aktiv. Vorzugweise mit dem Dream-Team Minichmayr-Wuttke, die nicht erst seit Simon Stones Festwochen-Hit John Gabriel Borkman die kleine Bühne in der Lisztstraße rocken. Was natürlich auch gerade in Wien immer ein Garant für ein volles Haus ist.

Für sein neues Wiener Stück Carol Reed recycelt Pollesch mal wieder sein altes Thema der Repräsentation. Fühlte sich Martin Wuttke mit seinen Mitstreitern im Volksbühnen-Diskurs-Zweiteiler noch im falschen Bühnenbild, so ist die Bühne am Akademietheater schlicht und ergreifend leer. Nur eine Batterie Scheinwerfer und Spotlights scheint ein reges Eigenleben zu führen und fährt an mehreren Prospekten befestigt rauf und runter, als tanze es ein kleines Scheinwerfer-Ballett.

Die Bühnenbildnerin Katrin Brack, heißt es, sei mit dem Bühnenbild durchgebrannt. Die mit mondänen Abendroben aufgedonnerte Party-Gesellschaft steht sichtlich ohne Möbel und Plan da und weiß nicht so recht wie es weiter oder erst einmal richtig losgehen soll, wie die DarstellerInnen-Riege (neben Martin Wuttke und Birgit Minichmayr sind das noch Irina Sulaver und Tino Hillebrand) nicht müde wird immer wieder festzustellen. Ein weiterer Running Gag des Abends ist der sogenannte MacGuffin, „der von Alfred Hitchcock geprägte Begriff für mehr oder weniger beliebige Objekte oder Personen, die in einem Film meist dazu dienen, die Handlung auszulösen oder voranzutreiben, ohne selbst von besonderem Nutzen zu sein.“ (Quelle Wikipedia)

Schaukasten Akademietheater
Foto: St. B.

Diese These treibt nun das Quartett in wie bei Pollesch üblicher offener Rollengestaltung, wechselnden Situationen und Kostümen den ganzen Abend über an. Das Scheinwerferballett bietet dazu einen sogar wörtlich genommenen Aufhänger. Wuttke fühlt sich von den eigentlich leblosen Spots beobachtet, sie reagieren auf Ansprache und lassen sich auch mal herzen. Pollesch verknüpft den MacGaffin-Effekt aus der Filmdramaturgie mit dem Liebesleben der ProtagonistInnen, die sich mal völlig verzweifelt vor dem Selbstmord und dann wieder unbeschreiblich glücklich fühlen.

Nun sucht man selbst ständig nach dem Ding, dass die Geschichte in Gang bringen würde. Nur müsste dafür auch die Bedeutung aus den Dingen rausgenommen werden. Die unentwegte Aufladung mit Bedeutung ist es, was dem Verstehen von Darstellung und eigentlichem Gefühl im Wege steht. Man ist nicht das, was man zu sein scheint oder vorgibt zu sein. Also das typische Repräsentationsproblem des Theaters. Das Quartett führt das an einigen witzigen Beispielen auf, wie einem vergeblichen Opernbesuch von Mussolini und Hitler, der die Weltgeschichte auch nicht zu ändern vermochte, oder der Polizeiaktion beim Räumen des alternativen Wohnprojekts „Pizzeria-Anarchia“ in der Leopoldstadt. Man müsse sich Hilfsmittel zulegen, sein wahres Ich zu zeigen, oder was man nicht ist.

Diese Endlos-Diskursschleife zieht sich nun über knapp 90 Minuten hin, nur unterbrochen durch die üblichen Musikeinspielungen wie dem Super-Hit Trouper lights are gonna find me von den in Österreich immer noch sehr beliebten ABBA oder dem Barbarella-Soundtrack It’s a wonder, Wonder woman, zu dem alle in orangenen Raumanzügen an einem riesigen Joint ziehen. Weiter geht’s im 60th Glitzeroutfit, nur hat das Team mit dem Joint im Dauerbodennebel nicht nur sämtlichen Sinn aus der Sache rausgeblasen, sondern sich auch noch in einen wahren Dauer-Laberflash hineinmanövriert.

Dass es nebenbei auch um den im Wiener Untergrund spielenden Agententhriller Der dritte Mann vom titelgebenden Regisseur Carol Reed gehen könnte, ist ebenso nebensächlich wie die im Programmheft angegebenen Theorietrigger Lacan in Hollywood von Slavoj Žižek oder die französische Liebeskomödie Ein Elefant irrt sich gewaltig von Yves Robert, auf die natürlich immer mal wieder in Szenen angespielt wird. Pollesch frönt hier seiner Liebe zum Kino, wie Wuttke und Minichmayr ihrer zu darstellerischer Übertreibung und Slapstick. Da wird selbst noch ein Schluckauf Wuttkes zum Ereignis. Wir hätten es gern langweilig und aufregend zugleich, ist der Tenor Polleschs nicht erst seit diesem Stück. Trotz allem Witz ist das Drama raus, Baby, und die gerauchten Kippen liegen im großen Ascheeimer auf der Bühne. Man darf trotzdem auf René Polleschs nächsten Berliner Streich Dark Star, der bald in diesem und letzten Volksbühnen-Monat Premiere hat, gespannt sein.

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Carol Reed (Akademietheater, 01.06.2017)
von René Pollesch
Regie: René Pollesch
Bühnenbild: Katrin Brack
Dramaturgie: Eva-Maria Voigtländer
Kostüme: Tabea Braun
Licht: Michael Hofer
Mit: Birgit Minichmayr, Irina Sulaver, Martin Wuttke, Tino Hillebrand
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
Die Uraufführung war am 29.04.2017 im Akademietheater
Termine: 28.06.2017

Weitere Infos unter: http://www.burgtheater.at

Zuerst erschienen am 02.06.2017 auf Kultura-Extra.

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Die Welt im Rücken – Joachim Meyerhoff glänzt im Wiener Akademietheater in der Rolle des manisch-depressiven Erzählers aus Thomas Melles autobiografischem Roman

Schaukasten Akademietheater
Foto: St. B.

Dass der Schauspieler Joachim Meyerhoff eine Art manische Seite hat, wird kaum jemand, der ihn auf der Bühne spielen sah, ernsthaft bezweifeln. Ihm sei nichts peinlich genug, offenbarte Meyerhoff anlässlich eines Interviews für die DVD Spielweisen – Videogespräche mit Schauspielern. Der seit 2005 am Wiener Burgtheater engagierte Meyerhoff ist selbst im Interview immer auch ein begnadeter Entertainer. Seine Soloabenden Alle Toten fliegen hoch mit autobiografischen Texten am Rande der Fiktion waren nicht nur da ein großer Erfolg. Die Geschichten sind mittlerweile in drei Bänden veröffentlicht worden. Von daher scheint Meyerhoff geradezu prädestiniert für die Rolle des Protagonisten in der Bühnenfassung des Romans Die Welt im Rücken von Thomas Melle. Melles autobiografisches Werk stand 2016 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Der Schriftsteller und Dramatiker berichtet darin recht eindrucksvoll und freizügig über seine bipolare Störung. Ein offenes Umgehen mit der Scham, die eigene Katastrophe auszustellen, wie er es nennt.

Aber natürlich spricht Melle in seinen Erinnerungen selbst auch von einer großen Theaterleidenschaft, die er in seiner manischen Phase am Theater Erlangen voll ausgekostet hat. Hierzu scheucht der hibbelige Meyerhoff nach der Pause einen ganzen Trupp von Bühnenarbeitern vor sich her, der sich davon allerdings wenig beeindruckt zeigt. Der Abend beginnt aber zunächst recht unspektakulär mit dem Bericht des Verlusts einer Bibliothek. Sie ist Melles sogenannte „Welt im Rücken“, seine nach und nach schwindende Identität, die er sich über die Jahre aufgebaut hat. Bildung als etwas, über das wir uns definieren. Geradezu süchtig nach Kultur häufte er Buch für Buch an als Bestandteil seiner Persönlichkeit, die er mit dem Verkauf der Bibliothek in der ersten manischen Phase Stück für Stück wieder verramschte. Leere Wände in der Wohnung illustrieren das Scheitern eines Lebensentwurfs.

Leer ist auch die Bühne im Wiener Akademietheater, auf die Stéphane Laimé eine Tischtennisplatte gestellt hat, an der sich Meyerhoff immer wieder mit den kleinen weißen Bällen ausagiert, die Begrenzungsstriche der Platte abreißt und umständlich den Frühstückstisch in Melles WG aufbaut, an dem alles begann. „Etwas stimmte nicht – Ich meinte: mit der Welt. Er meinte natürlich: mit mir!“ Im noch ruhigen, aus dem Abstand der Zeit reflektierenden Ton erzählt Meyerhoff, wie Melles Problem als „Elefant im Zimmer“ für jeden sichtbar ist, aber niemand darüber spricht – bis auf jenen Morgen in der WG, der den Beginn des jahrelangen Kampfes des Autors mit sich und der Welt markiert.

Wir nehmen teil an einer jahrelangen Achterbahnfahrt aller Phasen Melles bipolarer Störung, seinen emotionalen Höhenritten und Tiefen der nachfolgenden Depressionen, in denen sich Melle in seiner Wohnung verkroch. Wir hören vom überspannten, aufstrebenden Literaten, der seine schreibende Konkurrenz genauestens beobachtet, sich beim Bachmannpreislesen zu Höherem berufen fühlt, bei Suhrkamp aber erst noch ankommen muss. Immer mehr fantasiert sich Melle in einen Wahn der äußeren Signale, die scheinbar nur ihm gelten. Verliert sich in einer Schnitzeljagd der Zeichen, auf der Suche nach einer nur für ihn versteckten Party in Berlin, reißt ziellos umher und hat in seiner Phantasie Sex mit Madonna. Das wird größtenteils von Meyerhoff szenisch performt. Er bepöbelt manisch die erste Reihe im Zuschauerraum, vergrößert seine Körperteile auf zwei hereingeschobenen Kopiergeräten und tackert die Ergebnisse als riesiges Messias-Abbild an die Rückwand der Bühne. Die Inszenierung von Jan Bosse entzieht sich dennoch weitestgehend einer bloßen Bebilderung der geistigen Zustände des Autors. Vorm Selbstmord rettet ihn nur die Musik von Coldplay und ABBA.

 

Die Welt im Rücken – Joachim Meyerhoff beim Applaus im Wiener Akademietheater – Foto: St. B.

 

Den Hochphasen folgen der Zusammenbruch und die Erkenntnis, kein Mensch mehr, sondern nur lebloses Objekt und nicht mehr erreichbar zu sein. Ein knochenloser Parasit, gefangen im winzigen Universum der Wohnung. Wieder willenlos der Psychiatrie ausgeliefert und als typischer Krankheitsverlauf den Medizinstudenten vorgeführt. Meyerhoff nimmt dazu den Kreuzbalken von der Wand und hüpft wie ein verwundeter Vogel am Boden, der nicht mehr fliegen kann. Doch die nächste manische Flugphase kommt mit Sicherheit, die Melle bei der besagten Theaterarbeit in Erlangen ereilt. Probenstress und nächtliches Schreiben unter Alkoholeinfluss führen direkt wieder in die Manie. Dazu reitet Meyerhoff auf einem von Bühnenarbeitern hereingeschobenen und an Seilen hochgezogenen Riesen-Brain aus Wachs und Pappmaché. Er begibt sich vollkommen in Melles „Reich des Wahns“, dabei mehrere Schichten seiner wechselnden Bühnenkleidung durchschwitzend.

Und Regisseur Bosse lässt ihn machen, verlässt sich ganz auf das Können und die Kunst der Performance seines Hauptdarstellers, der sich am Ende in der großen Gehirnattrappe wie ein Fötus im Uterus verliert, aber oben nochmal wieder zum Vorschein kommt und die Normalität für sich beansprucht, die letztendlich auch ein Weiterleben mit der Krankheit bedeutet. Standing Ovation im Akademietheater für Joachim Meyerhoff und auch für Thomas Melles großen, sensiblen Text.

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Die Welt im Rücken
nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Melle
Regie: Jan Bosse
Bühne: Stéphane Laimé
Kostüme: Kathrin Plath
Musik: Arno Kraehahn
Licht: Peter Bandl
Dramaturgie: Gabriella Bußacker
Mit: Joachim Meyerhoff
Dauer: ca. 165 Min., 1 Pause
Die Premiere war am 11. März 2017 im Wiener Akademietheater
Termine: 18., 27.06.2017

Infos: https://www.burgtheater.at/

Zuerst erschienen am 04.06.2017 auf Kultura-Extra.

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„Látszatélet / Imitation of Life“ und „Eiswind / Hideg szelek“ – Zwei verstörende ungarische Theaterstücke zu Gast in Wien und Berlin

Dienstag, November 1st, 2016

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Schutthaufen der Erinnerung – Der ungarische Regisseur und Theatermacher Kornél Mundruczó ist mit seinem Proton Theatre Budapest und dem Stück Látszatélet / Imitation of Life zu Gast im Berliner HAU 2

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Foto: St. B.

Vor gut zwei Jahren bereits gastierte der ungarische Film-Regisseur und Theatermacher Kornél Mundruczó mit seiner Produktion Dementia, or the Day of My Great Happiness beim ungarischen Theater-Festival “Leaving is not an option?” im Hebbel am Ufer. Nun ist er mit einer weiteren Koproduktion mit den Wiener Festwochen zurück in Berlin. Und auch in Látszatélet / Imitation of Life (zu Deutsch: Scheinleben) geht es um soziale Verwerfungen in der ungarischen Gesellschaft.

Statt eine alte abgewrackte Nervenheilanstalt zu schließen, versucht nun eine Investmentfirma mit Hilfe eines Inkassobüros mit Namen Liquid GmbH eine ältere Frau mit Mietschulden aus ihrer Wohnung zu werfen. Lörinc Ruszó (Lili Monori) ist Angehörige der Roma-Minderheit und setzt sich zunächst tapfer gegen die Ausfragungen und Belehrungen des Mitarbeiters vom Inkassobüro (Roland Rába) zur Wehr. Schließlich erzählt sie ihm aber verzweifelt die Geschichte ihres Lebens, das aus ständiger staatlicher Bevormundung, gesellschaftlicher und institutioneller Diskriminierung und anderen daraus resultierenden Schicksalsschlägen besteht.

Die Zuschauer sehen das Gesicht der Frau in Nahaufnahme auf einer Videoleinwand, die, wenn sie gefallen ist, eine kleine schäbige Wohnung in einem engen Bühnenkasten freigibt. Hier hat Frau Ruszó die letzten Jahre ihres Lebens verbracht und wartet nur noch auf die Rückkehr ihres Sohnes, der sie verlassen hat, da er sich für seine Herkunft schämt und seine Haut und die Haare bleichte, um nicht als Rom zu gelten. Die Androhung einer weiteren Umsiedlung lässt sie zusammenbrechen.

 

Látszatélet / Imitation of Life - (Foto (c) Marcell Rév

Látszatélet / Imitation of Life(Foto (c) Marcell Rév

 

Der Inkassomann bekommt es mit der Angst und versucht die Rettung zu rufen. Da sich aber die Adresse in einer Roma-Siedlung befindet, reagiert die Dame am Telefon recht abweisend und mit vorurteilsbehafteten Fragen. Etwa ob die Frau getrunken habe oder von ihrem Mann geschlagen wurde. Da hier andere Prioritäten gelten, könne man erst in 74 Minuten kommen, sonst würde das ungarische Volk untergehen. Was letztendlich untergeht, ist wiedermal die Menschlichkeit in einem System, in dem sich jeder selbst der nächste und für Minderheiten erst recht kein Platz mehr ist.

Das symbolisiert Mundruczó mit einem plötzlichen Gewitter und Regen, was sich wie ein Schleier über die Szene legt. Langsam beginnt sich die kleine Behausung um die eigene Achse zu drehen, und die Einrichtungsgegenstände fallen lautstark und effektvoll durcheinander. Ein Leben hebt sich aus den Angeln, und Berge von Erinnerungsschutt entladen sich aus Bettkasten und Schrankschubladen.

 

Látszatélet / Imitation of Life im HAU 2 - Foto Applaus: St. B.

Látszatélet / Imitation of Life im HAU 2
Foto Applaus: St. B.

 

Im zweiten Teil des 95minütigen Abends bezieht die junge Frau Veronika (Annamária Láng) die durcheinandergewirbelte Wohnung und verschweigt dem Vermieter ihren Sohn Jónás (Dáriusz Kozma). Denn: „Kindersegen ist das große Druckmittel der Minderheiten“, wie der Mann sagt. Parallel montierte und seitlich angeordnete Videoszenen zeigen den verloren Sohn der mittlerweile im Krankenhaus verstorbenen Frau Ruszó in seinem neuen Leben, in dem Szilveszter (Zsombor Jéger) aber bald das alte mit der Mutter wieder einholt. Aus seinem Scheinleben verdrängt erscheint er wie ein untoter Geist in der dunklen Wohnung und begegnet dort dem ebenfalls blonden Jónás, der von seiner Mutter über Nacht alleingelassen wurde. Hier schließt sich ein magischer Kreis, Vergangenheit und unausweichlich scheinende Zukunft stehen sich gegenüber wie zwei nicht zu trennende Brüder.

Zum Abspann erfährt das Publikum auch noch den Hintergrund der Geschichte. Grundlage ist ein 2005 aktenkundig gewordener Fall der Budapester Polizei, bei dem ein junger Rom in einem Bus mit einem Samuraischwert angegriffen wurde. Das zog viel Medienrummel und Demonstrationen gegen Rassismus nach sich, da der Täter einer nationalistischen, rechtsextremen Gruppierung angehörte. Wie sich später herausstellte, war er aber ebenso ein Rom wie sein Opfer. Im Thema der Verleugnung der eigenen Herkunft lehnt sich Mundruczó auch entfernt an den Film Imitation of Life von Douglas Sirk an. Wie eine ungerechte, rassistische Gesellschaft so ein Verhalten befördert und was daraus folgen kann, zeigt der Regisseur bei aller szenischen Sparsamkeit in doch sehr eindrucksvollen Bildern.

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Látszatélet / Imitation of Life (HAU2, 28.10.2016)
Von Kornél Mundruczó / Proton Theatre
Regie: Kornél Mundruczó
Bühne: Márton Ágh
Kostüme: Márton Ágh, Melinda Domán
Licht Design: András Éltető
Text: Kata Wéber
Dramaturgie: Soma Boronkay
Musik: Asher Goldschmidt
Produktion: Dóra Büki
Produktion Management: Zsófia Csató
Produktion Assistenz: Ágota Kiss
Technische Leitung: András Éltető
Lichttechnik: Zoltán Rigó
Soundtechnik: Zsigmond Farkas Szilágyi
Bühnenmeister: Benedikt Schröter
Requisiten: Tamás Fekete
Dresser: Melinda Domán
Mit: Lili Monori, Roland Rába, Annamária Láng, Zsombor Jéger, Dáriusz Kozma
Ungarisch mit deutschen und englischen Übertiteln
Dauer: ca. 95 Minuten, keine Pause
Eine Koproduktion mit HAU Hebbel am Ufer, Wiener Festwochen, Theater Oberhausen, La rose des vents – Scène nationale Lille Métropole Villeneuve d’Ascq (Maillon), Théâtre de Strasbourg / Scène européenne, Trafó Kortárs Művészetek Háza (Budapest), HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste (Dresden), Wiesbaden Biennale
Die Uraufführung war 27.04.2016 im Trafó House of Contemporary Arts, Budapest
Premiere bei den bei den Wiener Festwochen war am 21.05.2016
Die Berliner Premiere war am 28.10.2016
Weitere Termine: 29. und 30.10.2016

Infos: http://www.hebbel-am-ufer.de/

Zuerst erschienen am 29.10.2016 auf Kultura-Extra.

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Festung Europa – In ihrem österreichisch-ungarischen Theaterprojekt Eiswind / Hideg szelek untersuchen die Autorin Éva Zabezsinszkij und der Regisseur Árpád Schilling, wie Tendenzen vom rechten Rand ins Herz Europas vordringen

Alexandra Henkel (Judith), Zsolt Nagy (János)

Eiswind / Hideg szelek im Akademietheater Wien
Foto (c) Reinhard Werner

In ihrem parabelartigen Theaterprojekt Eiswind / Hideg szelek zeigen die Autorin Éva Zabezsinszkij und der Regisseur Árpád Schilling, wie eine Waldhütte in den österreichischen Bergen zur Festung Europa ausgebaut wird. In der Nacht eines Schneesturms treffen hier der deutsche Hochschulprofessor mit DDR-Biografie, Frank (Falk Rockstroh), und seine österreichische Frau Judith (Alexandra Henkel) auf das ungarische Paar Ilona (Lilla Sárosdi) und János (Zsolt Nagy). Ilona ist vor ihrem Mann und den politischen Verhältnissen in Ungarn geflohen und verdingt sich als Haushälterin bei Frank, der ebenfalls in einer Sinnkrise Wien und seinen Job verlassen hat. Ilonas Mann, ein ungarischer Polizist, will seine Frau in die Familie zurückholen und sie an ihre Pflicht als Mutter erinnern. Dazu gesellen sich schließlich noch Franks Frau, eine reiche, emanzipierte Verlegerin, und ihr gemeinsamer Sohn Felix (Martin Vischer), ein etwas labiler, dauerkiffender Schauspieler.

Es treffen hier zwei recht unterschiedliche Lebensentwürfe aufeinander. Einerseits eine patriarchale Familientradition in Verbindung mit einer national-konservativen politischen Ausrichtung á la Viktor Orbán – andererseits eine liberal-westliche Haltung, die sich allerdings mit intellektuellem Dünkel schmückt. Zerrüttet sind letztendlich die Beziehungen beider Paare, was sich in den emotional recht angespannten Gesprächen der Eheleute verdeutlicht. Und hier sind es vor allem die Männer, die sich zunächst noch ganz unterschiedlich verhalten. Während der Intellektuelle Frank am liebsten aus seiner kriselnden Ehe und einer beruflichen Sackgasse ausbrechen möchte, ist János jedes Mittel recht, seine abtrünnige Frau zurück zu bekommen, um seinen gewohnten Familienstatus aufrecht zu erhalten.

Auf der Hütte, einem aufgeständerten Quader mit Glasflächen, der nach Schneesturm und Zusammenbruch des Kommunikationsnetzes zur unerreichbaren Exklave wird, kollidieren nun diese unterschiedlichen Interessen relativ ungebremst. Was sich zunächst noch durch männliches Imponiergehabe und in Eifersüchteleien äußert, entwickelt sich bald zu einer perfiden Art der Umerziehung, die János an den Westeuropäern vollzieht. Der starke Mann mit Hang zur Führung will ihnen – wie er es ausdrückt – nur helfen, sich zu finden. Dabei spielen das Gewehr von Frank, eine Rolle Maschendraht und die heraufbeschworene Gefahr von hungrigen Wölfen eine tragende Rolle.

Éva Zabezsinszkij und Árpád Schilling entwerfen hier einen Plot, der nicht ganz frei von Klischees ist, aber dennoch einige interessante Fragen aufwirft. Zum Beispiel die, inwieweit man bereit ist, für die eigene (innere) Sicherheit seine Freiheitsideale zu opfern. Der ehemalige Ossi Frank, der schon zu DDR-Zeiten kein großer Kämpfer war und nur bei der Grabrede für einen alten Freund von Freiheit, der Schlange Wohlstand und dem Aufstand der Sklaven schwadroniert, ergibt sich nach der ersten Begegnung mit den ominösen Wölfen (Statisterie), die die Hütte auf der Suche nach Futter umkreisen, schließlich ziemlich kleinlaut den totalitären Anweisungen von János bei der Befestigung und Verteidigung des Heims. Die Männer sind sich hier schnell dahingehend einig, dass etwas getan werden muss.

 

Eiswind / Hideg szelek im Akademietheater Wien - Foto (c) Reinhard Werner

Eiswind / Hideg szelek im Akademietheater Wien
Foto (c) Reinhard Werner

 

Franks Sohn Felix ist da die vielleicht die zwiespältigste Figur des Stücks. Zunächst noch recht ziellos und gleichgültig, lässt er sich erstaunlich schnell, ohne erkennbare Entwicklung, von János manipulieren. Als junger Mensch, dem seine dekadenten Eltern eher als verachtenswert gelten, mag das als Vorbild durchaus stimmig sein. Auch wenn er den eher liberalen Beruf eines darstellenden Künstlers ausübt, ist er nicht vor übertriebenem Redikalismus gefeit. Dass gerade die Erziehung Jugendlicher nicht ganz unwichtig ist, zeigt eine Szene, in der Ilonas und János‘ fünfzehnjähriger Sohn Levente (András Lukács) via Skype zugeschaltet wird. Er ist auf einem Gymnasium für nationale Verteidigung und lernt den Einsatz von Überwachungsmethoden gegen die Feinde des Vaterlands.

Es bleibt allein den Frauen Judith und Ilona überlassen, einen Gegenpart zu den Macho-Allüren der Männer zu geben. Hierbei greift das Stück einerseits zu ungarischen Epen wie das des Nationalhelden
János von Sándor Petöfi, das z. B. der nationalistisch eingestellte Regisseur Attila Vidnyánszky zur Eröffnung seiner Intendanz am Ungarischen Nationaltheater in Budapest inszenierte, oder dem titelgebenden Volkslied Eisige Winde wehen. Anderseits wird ein Bezug zu Frauengestalten der antiken Mythologie und der Bibel wie Helena und Judith hergestellt. Die eine galt den Griechen als Störenfried, die andere enthauptete den Tyrannen Holofernes.

„Jedes Volk trägt seinen eigenen latenten, mitunter jedoch ausbrechenden Faschismus in sich“, wird der ungarische Autor und linke Philosoph György Konrád im Programmheft zitiert. Der immer offenere Antisemitismus wäre noch zu ergänzen. Es läuft letztendlich darauf hinaus, dass die deutsch-ungarischen Tendenzen, die vom rechten Rand ins Herz Europas vordringen – wie es im Erklärungstext des Burgtheaters heißt – im Modellraum Hütte (sprich: Festung Europa) sich entsprechend dramatisch zuspitzen und zu eskalieren beginnen. Dass sich die Macher auch auf Ibsen und den österreichischen Filmregisseur Michael Haneke mit seinen Werken Funny Games und Das weiße Band berufen, scheint einleuchtend, spiegelt sich allerdings nur in der szenischen Dramaturgie des Stücks wider, nicht aber in seinen doch recht einfach gestrickten Dialogen. Die Radikalität der Bilder eines Oliver Frljić wird dabei allerdings nicht erreicht. Dennoch ein wichtiger und durchaus gut gemeinter Versuch, die Gespaltenheit Europas in der aktuellen Flüchtlingsdebatte zu verdeutlichen.

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Eiswind / Hideg szelek (02.06.2015, Akademietheater Wien)
Ein Projekt von Árpád Schilling und Éva Zabezsinszkij
Mitarbeit: Annamária Láng
Deutsch von Anna Lengyel
Regie: Árpád Schilling
Bühne und Kostüme: Juli Balázs
Musik: Imre Lichtenberger Bozoki, Karwan Marouf, Moritz Wallmüller
Licht: Peter Bandl
Dramaturgie: Hans Mrak
Mit: Lilla Sárosdi, Falk Rockstroh, Zsolt Nagy, Alexandra Henkel, Martin Vischer, András Lukács sowie Imre Lichtenberger Bozoki, Karwan Marouf, Moritz Wallmüller (Statisterie)
Uraufführung war am 25. Mai 2016 im Akademietheater Wien
Dauer: ca. 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause
Termine: 13.11.2016

Info: http://www.burgtheater.at/

Zuerst erschienen am 04.06.2016 auf Kultura-Extra.

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Nord-Süd-Gefälle – Inszenierungen aus Zürich, München und Hamburg beim 53. Theatertreffen in Berlin

Donnerstag, Mai 26th, 2016

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Whistleblower im Demokratiesumpf – EIN VOLKSFEIND vom Schauspielhaus Zürich

Henrik Ibsen geht immer, hat sich die Jury des 53. Theatertreffens gesagt und auch in diesem Jahr zwei Inszenierungen von Stücken des norwegischen Dramatikers aus dem 19. Jahrhundert eingeladen. Nur genau das geht eben nicht – zu Ibsens etwas in die Jahre gekommenen Dramen, die auch gern als Stücke der Stunde bezeichnet werden, gehört natürlich auch ein aufgefrischter, heutiger Text.

Bereits vor einem Jahr versuchte sich der australische Newcomer-Regisseur Simon Stone an Ibsens Banker-Drama John Gabriel Borkman. Er überschrieb in seiner modernen Übersetzung für das Akademietheater Wien den Text mit einer Art Neusprech aus netzaffinen Wortschöpfungen und Floskeln wie „Internetshopping“, „Play Station spielen“, „Googeln“ und „Fannys Rezepte auf Facebook“. Dazwischen wirkte der langhaarige Borkman wie ein anachronistisches Mammut im rieselnden Bühnenschnee. Trotzdem – oder gerade deswegen – eine etwas mühselige Angelegenheit. Obwohl wir das beim Theatertreffen 2015 in einer Inszenierung von Karin Henkel vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg schon wesentlich witziger gesehen hatten, kann man die mit Birgit Minichmayr, Caroline Peters und Martin Wuttke hochkarätig besetzte Wiener Inszenierung nun bei der 53. Berliner Leistungsschau der zehn bemerkenswertesten Inszenierungen sehen.

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Merkwürdig Retro wirkt auch die aus dem Jahr 1882 in eine nicht näher definierte Zukunft katapultierte Neufassung von Ibsens Gesellschaftsdrama Ein Volksfeind, für die der Publizist und Schriftsteller Dietmar Dath eine neue Textüberschreibung geschaffen hat. Regisseur Stefan Pucher hat sie zum Spielzeitstart im Herbst 2015 am Schauspielhaus Zürich inszeniert.

 

(c) Schauspielhaus Zürich

 

Die Story um den engagierten Badearzt Tomas Stockmann (Markus Scheumann), der eine Verschmutzung des Kurbad-Wassers durch die heimische Gerberei aufdecken will, ist im Zeitalter des Internets und der Whistleblower angekommen. Dabei müssen sich die Schauspieler immer wieder mit den Smartphones selbst filmen, vegan essen, und Stockmanns Frau Katrine (Isabelle Menke) kommt auch mal als Tabletbildschirm-Erscheinung hereingefahren. Die Wasseranalysen bringt allerdings immer noch die Post. Das Ergebnis ist ein durch Fracking chemisch und radioaktiv verseuchter Boden.

Die von Bühnenbildnerin Barbara Ehne recht funktional gestaltete, allerdings auch etwas steril wirkende theatrale Benutzeroberfläche hat große Videoleinwände und in der Mitte ein Spielzeugmodel des grünen Kleinstadtidylls. Der Kurort zeigt sich als fortschrittliche Modeldemokratie, die sich durch den Energiedeal mit einem Ölkonzern finanziert und den Erlös in die Selbstverwaltung mittels E-Gouvernment steckt. Demokratie braucht also Energie und Kohle. Man fährt hippe Rennräder oder treibt Aerobic zu Robot-Dance-Beats von Musikerin und Fitnesstrainerin Becky Lee Walters. „Yes we can!“ Die Aufdeckung des Öko-Übels durch den Badearzt stört das schöne, basisdemokratische Gesellschaftsgefüge allerdings erheblich. Stockmanns Bruder und Stadtvorsteher Peter (Robert Hunger-Bühler) befürchtet das Versiegen der Geldquelle und den kommunalen Niedergang.

Problematisch ist die Verfrachtung von Stoffen aus dem 19. Jahrhundert in die Gegenwart immer. Das wirkt dann hier auch oft etwas unfreiwillig komisch, obwohl das selbst immer wieder ironisch angesprochen wird. Nun ist das Ganze ja ein Gedankenspiel. Daths Überschreibung ist wie alle seine utopischen Romane mehr in einer möglichen Zukunft angesiedelt als in der Gegenwart. Dabei wollen uns Autor und Regisseur nicht nur die Welt erklären, wie sie ist, sondern wie sie sein könnte, wenn Wirtschaftskonzerne mehr Macht und Einfluss auf die Politik bekämen. So läuft z.B. gerade in den USA der politische Wahlkampf fast nur noch übers Geld. Wie anders könnte auch sonst der Wirtschaftsmilliardär und Populist Donald Trump solche Meinungsmacht generieren. Er braucht dazu momentan nicht mal sein eigenes Geld, er bekommt die garantierte Medienaufmerksamkeit auch so.

Das wird auch wunderbar in der Zürcher Volksfeind-Inszenierung deutlich. In der auch hier einberufenen Bürgerversammlung wird Tomas durch Abstimmungsspielchen seines Bruders im Bunde mit dem um den Mittelstand besorgten Softwarehersteller Aslaksen (Matthias Neukirch) am Reden gehindert, indem beide das Publikum auffordern, mit ihnen den Saal zu verlassen. Der auf der Bühne stehengelassene, aufgebrachte Badearzt redet sich nun im Eifer über die „Arschlochdemokratie“ mit ihren „Arschlochergebnissen“ um Kopf und Kragen. Mittels Diffamierungen und populistischer Äußerungen von beiden Seiten zeigt sich etwas dramatisch überhöht, wie demokratische Meinungsbildung durch gezielte Manipulation und Selbstmanipulation unterwandert wird. Das sich zunächst noch unabhängig gebende Demokratie-Online-Portal des zur smarten Enthüllungs-Bloggerin gegenderten Volksboten-Redakteurs Hovstad (Tabea Bettin) und ihres Assistenten Billing (Nicolas Rosat) macht sich dabei zum Sprachrohr derer, deren Meinung gerade am populärsten erscheint.

Also durchaus ein gesellschaftliches Problem, über das sich im Zeitalter der propagierten Informationsfreiheit und Meinungsvielfalt im Internet diskutieren ließe. Leider lädt die außer im recht agilen Mittelteil merkwürdig altbackene und mit Schlagworten wie „Nachhaltigkeit“, „Transparenz“, „Crowdfunding“ und „Klickzahlen“ ironisch um sich werfende Inszenierung nicht unbedingt dazu ein. Auch in diesem Fall braucht‘s – wie schon im Borkman – wesentlich mehr als ein digitales Update mit mimisch eingefrorenen Text- und Bühnenbild-Avataren.

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EIN VOLKSFEIND (Haus der Berliner Festspiele, 11.05.2016)
Regie: Stefan Pucher
Bühne: Barbara Ehnes
Video: Ute Schall
Kostüme: Annabelle Witt,
Musikalische Leitung: Christopher Uhe
Dramaturgie: Andreas Karlaganis
Live-Musik: Becky Lee Walters
Mit: Tabea Bettin, Sinan und Timur Blum, Sofia Elena Borsani, Robert Hunger-Bühler, Isabelle Menke, Matthias Neukirch, Nicolas Rosat, Markus Scheumann und Siggi Schwientek
Premiere am Schauspielhaus Zürich war am 10. September 2015
Gastspiel zum Berliner THEATERTREFFEN 2016

Zuerst erschienen am 17.05.2016 auf Kultura-Extra.

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MITTELREICH – Anna-Sophie Mahler verbindet ihre elegische Bühnenfassung von Josef Bierbilchers Seewirts-Roman mit dem Deutschen Requiem von Johannes Brahms

Es beginnt mit einer Beerdigung und endet mit dem Warten auf den Tod. Anna-Sophie Mahler lässt dazu Brahms‘ Ein deutsches Requiem spielen, das auch zum großen Begräbnisakt des Seewirts Pankraz Birnberger gespielt wird. „Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden.“ heißt es da im ersten Satz. Leid ist auch viel, Trost weniger im autobiografisch angehauchten Roman Mittelreich des bayerischen Film- und Theaterschauspielers Josef (Sepp) Bierbichler, den die junge Regisseurin und ehemalige Assistentin von Christoph Marthaler und Christoph Schlingensief für die neuen Münchner Kammerspiele unter Matthias Lilienthal adaptiert hat.

 

Mittelreich von Sepp Bierbichler an den Münchner Kammerspielen – Foto (c) Judith Buss

 

Bierbichler ist ein körperlich starker Mime, der neben einigen stillen Momenten, in denen er selbst gern singt, auch mal kraftvoll auf der Bühne Holz hacken kann. Holzschlachten. Ein Stück Arbeit hieß ein Soloabend an der Berliner Schaubühne von und mit ihm, bei dem er Vergangenheitsbewältigung mit der Axt betrieb. Kraftvoll ist auch die ans Bayerische angelehnte Kunstsprache seines Romans über den Aufstieg und Niedergang einer Wirtsfamilie am Starnberger See, die über drei Generationen Vergangenheit verdrängt. Dabei erlebt der Leser ein gutes Stück deutsche Geschichte vom Ersten Weltkrieg über die Weimarer Republik, den Zweiten Weltkrieg, Flucht und Vertreibung, die Wirtschaftswunder-Nachkriegszeit bis hinein in die 1980er Jahre des NATO-Doppelbeschlusses aus der Perspektive der ländlichen Bevölkerung mit ihrer katholisch geprägten Tradition.

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Diese Kraft der Sprache soll in der nun zum Theatertreffen nach Berlin eingeladenen Inszenierung von der pathosgeladenen, kathartisch wirkenden Musik Brahms‘ übernommen werden. Unter der musikalischen Leitung von Bendix Dethleffsen spielt ein kleines, mit zwei Flügeln und Pauke instrumentiertes Ensemble im Orchestergraben. Der Chor des Jungen Vokalensembles München singt vom 1. Rang, marschiert auf der Bühne auf, gibt sich mal als Statisterie, mal als tragendes Element. Das ist gut gedacht und auch wirkungsvoll in der Umsetzung der Musikpassagen, allein das Spielerische hinkt dem doch vor allem im ersten Teil vor der Pause etwas hinterher.

 

Mittelreich von Sepp Bierbichler an den Münchner Kammerspielen – Foto (c) Judith Buss

 

Anna-Sophie Mahler beschränkt die Spielszenen stark auf das rein Familiäre, was natürlich auch im Buch einen breiten Raum einnimmt, nicht zuletzt, weil die Seewirtschaft während des Zweiten Weltkriegs Ausgebombte aus (dem hier immer Hauptstadt genannten) München und nach dem Krieg Flüchtlinge aus dem Osten aufnehmen muss. Wer aber den Roman nicht gelesen hat, dem wird hier Einiges, was die Inszenierung nur anreißt, doch zum tieferen Verständnis fehlen. Die Übergabe des Erbes und der Verantwortung vom alten Seewirt (Stefan Merki) zum jungen (Thomas Hauser), der lieber eine Gesangskarriere begonnen hätte, erfolgt hier mit dem Wechsel des Jacketts. Familiengründung mit der Lothoftochter Theres (Anette Paulmann) nebst Kinderkriegen und Einzug zum Kriegsdienst folgen im Schnelldurchlauf. Daneben wird die Vorgeschichte des ostpreußischen Fräuleins Zwittau (Damian Rebgetz) mit einer Fast-Vergewaltigung durch die Russen erzählt.

Gespielt wird das alles auf einer leeren Bühne als Gastraum mit Tisch und Stühlen vor zunächst noch geschlossener Faltwand, die dann später einen weiteren, fast identischen Raum mit abgeblätterter Wand- und Deckenfarbe freigibt. Spätestens hier tritt ein erster Marthalereffekt ein, der sich durch die recht statische, fast elegische Spielweise vor der Pause noch verstärkt. Nach etwa einer Stunde wird bei stark gedämpftem Licht noch recht dramatisch der Sturm in der ersten Nachkriegsfaschingsfeier im Wirtshaus gegeben, bei dem das Dach vom Hause wegzufliegen droht. Ein schwerer Kampf mit sich und der Natur sowie ein entscheidender Schnitt für den Seewirt Pankraz (jetzt dargestellt durch Stefan Merki), der nun gänzlich sein Hadern mit dem eigenen Schicksal, gegen die Verantwortung gegenüber dem „verfluchten“ Erbe und der Familie eintauschen muss.

Als fast stummer Beobachter sitzt die ganze Zeit am Rand Pankraz‘ Sohn Sebi (Steven Scharf), der zunächst noch leise erste Fragen nach dem „was der Wehrmachtssoldat, der mein Vaters war, im Krieg gemacht hat“ stellt und erst nach der Pause immer stärker in den Mittelpunkt der Handlung rückt. Ins Klosterinternat abgeschoben, erlebt Sebi körperliche Nähe nur beim Turnen, was in drastische, stotternd vorgetragene Schilderungen von sexuellem Missbrauch durch einen Pater mündet. Hier gelingen Anna-Sophie Mahler ein paar eindrückliche Bilder, bei der sie den Vortrag Scharfs mit der Szene vom Sauschlachten und dem nackten Körper von Thomas Hauser verbindet. Wer den Roman kennt, kann das auch mit dem späteren, furchtbaren Mord am Pater assoziieren. Etwas verunglückt dagegen die Verkörperung des Fräulein Zwittau in einer Travestienummer. Ihr Anderssein als tragisches Zwitterwesen kann zumindest noch für die Abneigung der Seewirtsfrau gegen alles Fremde herhalten, während die Missbrauchsvorwürfe von Sebi unerhört an ihr abperlen.

Das Politische und die Schilderung der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte mit ihrer nicht nur auf dem Land versäumten „Entnazifizierung“, die sichtlich bis heute nachwirkt und für die Bierbichler vor allem in einigen Kneipenszenen starke Worte findet, erschöpft sich hier auf die späte Kriegsbeichte des 70jährigen Seewirts, der der Vergasung von jüdischen Kindern in seinem Feldküchenwagen tatenlos zusah. Die Toten wie das Fräulien Zwittau, die gelähmte Mutter, der Seewirt und der treue, aus Schlesien stammende Knecht Victor (Jochen Noch) gehen in den Orchestergraben ab, bis nur noch der an Vergangenheit wie Zukunft gleichermaßen verzweifelnde Sebi auf der leeren Bühne zurückbleibt und die Klappe des Plattenspielerschranks, der musikalischen Wirtschaftswundermaschine des Vaters, zutritt. Das geht tief, und das „Deutsche Requiem“ ist hier wieder beim Anfang angelangt. „Und der Seewirt begriff, daß Kunst Leben ist. Und Leben Geschichte. Und Geschichte Menschheitsgeschichte.“ Bei Anna-Sophie Mahler bleibt das ein wenig Behauptung.

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Mittelreich (18.05.2016, Gastspiel im Deutsches Theater Berlin)
Musiktheater nach dem Roman von Josef Bierbichler
in einer Fassung von Anna-Sophie Mahler und Johanna Höhmann für die Münchner Kammerspiele
Regie: Anna-Sophie Mahler
Bühne: Duri Bischoff
Kostüme: Pascale Martin
Musik und musikalische Leitung: Bendix Dethleffsen
Dirigentin: Julia Selina Blank
Licht: Jürgen Tulzer
Dramaturgie Johanna Höhmann
Übersetzung: Anna Galt
Übertitelung: Yvonne Griesel (Sprachspiel)
Semi: Steven Scharf
Junger Semi / Junger Seewirt: Thomas Hauser
Alter Seewirt / Seewirt: Stefan Merki
Theres / Kammersängerin: Annette Paulmann
Victor: Jochen Noch
Fräulein von Zwittau: Damian Rebgetz
Am Flügel: Bendix Dethleffsen, Stefan Wirth sowie alternierend Sachiko Hara, Manfred Manhart
Pauke: Anno Kesting
Chor: Junges Vokalensemble München
Statisterie: Renate Krämer, Anna Molitor
Uraufführung an den Münchner Kammerspielen war am 22.11.2015
Dauer ca. 2 h 30 min, eine Pause

Infos: http://www.muenchner-kammerspiele.de

Zuerst erschienen am 20.05.2016 auf Kultura-Extra.

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EFFI BRIEST – ALLERDINGS MIT ANDEREM TEXT UND AUCH ANDERER MELODIE durch das Deutsche Schauspielhaus Hamburg

Recht versöhnlich beendete am Freitagabend auf der Seitenbühne der Berliner Festspiele eine kleine, feine und witzige Inszenierung den diesjährigen Reigen der 10 bemerkenswertesten Inszenierungen im deutschsprachigen Theaterraum. Die Auswahl-Jury des Berliner Theatertreffens wird in ihrer Abschlussdiskussion am heutigen Samstag trotzdem Einiges zu erklären haben. Unser Fazit folgt.

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Clemens Sienknecht, erprobter Musiker aus der Marthaler-Familie, inszeniert schon seit ein paar Jahren, oft zusammen mit seiner Frau, der Regisseurin Barbara Bürk, ganz erfolgreich eigene Musiktheaterabende. Nun haben sie ebenfalls gemeinsam Fontanes großen wilhelminischen Gesellschaftsroman Effi Briest vertheatert: Allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie, wie sie im Untertitel ihrer Inszenierung für das Deutsche Schauspielhaus Hamburg behaupten.

 

Effi Briest – allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie am Deutschen Schauspielhaus Hamburg – Foto (c) Matthias Horn

 

In Sienknechts Vita liest man, dass er einige Zeit als Klavierspieler tourte und aus der Gala-Kapelle von Vicky Leandros rausgeflogen war. Dafür scheint der Musiker sich jetzt öffentlich rächen zu wollen. Seine musikalische Romanadaption ist eine Radioshow, die sich genüsslich an den besten Songs der 70er, 80er und 90er vergreift. Vor allem die Zeit der Schlaghosen und Fönfrisuren hat es Sienknecht sichtlich angetan. Mit ihm bevölkert ein Team von vier Kollegen (Yorck Dippe, Markus John, Friedrich Paravicini, Michael Wittenborn) und einer Kollegin (Ute Hannig) die zum Studio des Radiosenders „Briest“ umgebaute und mit 70er Jahre-Accessoires und Nippes vollgestellte Bühne.

Das Repertoire der zu Klavier, Gitarre, Violine, Bass, Saxofon und Trompete vorgetragenen Songs reicht von „Sympathy for the devil“ von den Rolling Stones über Hits von Frank Sinatra, Queen oder Frank Zappas vieldeutigem „I have been in you“ bis zum Hip-Hop-Klassiker „The Sugarhill Gang“ von Rapper’s Delight. Aber auch Mozarts Requiem aeternam erklingt sehr schön zum traurigen Finale mit Effis frühem Tod. Ansonsten lässt das Radioteam keine Gelegenheit aus, um den Klassiker der Weltliteratur, der Generationen von Schulklassen albträumen ließ, in ein sattes Ironiebad zu legen.

Das wirkt hier aber nie platt und aufgesetzt, sondern hangelt sich witzig, atmosphärisch passend und fast werktreu entlang an Fontanes Plot um (wie schon das Programmheft verspricht): „Lust und Leidenschaft, Verrat und Verhängnis, Eifersucht und Gier, Tod und Verbrechen“. Die sittenstrengen Gebaren und Ansichten des bigotten preußischen Landadels werden hier herrlich überzeichnet und karikiert. Das geht von einer betulichen Runde am Couchtisch, genannt „Stille Tage in Kessin“, bei der man einer alten Hörfunkeinspielung des Romans lauscht und splapstigartig die Nadel des Plattenspielers immer weiterscratchen lässt, über eine dramatische Schlittenfahrt in Bademoden bis zur urkomisch steifen Anbahnung des Duells zwischen Prinzipienreiter Baron von Instetten (Markus John) und dem Galan seiner Frau Effi, Major von Crampas (Yorck Dippe).

Durchbrochen und geerdet werden die kleinen Spielszenen ganz im Stile von privaten Radiosendern mit Programm-Jingles, die neue Folgen der Serie „Berühmte Seitensprünge der Weltliteratur“ ankündigen, Werbespots für Backmittel senden sowie Wetter- und Verkehrsmeldungen durchsagen. Als einzige Frau auf der Bühne macht Ute Hannig auch im Bikini und Wintermuff eine gute Figur. Die preußische Männerrunde ergeht sich derweil in Posen, kleinen chauvinistischen Seitenhieben, und Michael Wittenborn darf als alter Briest James Browns „This is a Man’s world“ und Stevie Wonders „Lately (Oh, I’m a man of many wishes / I hope my premonition misses)“ röhren.

Der berühmte Satz des alten Briest: „Das ist ein weites Feld, Luise.“ – Frau von Briest wird von Sienknecht selbst im Hochgeschlossenen gespielt – darf dabei ebenso wenig fehlen, wie das von Instetten antrainierte „O gewiss, wenn ich darf“ der kleinen Tochter Anni, das hier als verzerrter Loop immer wieder vom Band eingeschaltet wird. Eine Fortsetzung soll es dann, wie am Ende mit Graf Wronski und Tolstois Anna Karenina angedroht, auch noch geben. Man darf also gespannt sein.

Und sollte sich tatsächlich jemand fragen: Darf man das mit einem Klassiker machen? Wenn man’s kann. Die Frage, ob so etwas nun unbedingt beim THEATERTREFFEN gezeigt werden muss, erübrigt sich da angesichts des bisher Gezeigten sowieso. Und um einen weiteren Hochkultur-Klassiker (?) der deutschen Literatur zu zitieren: „Das putzt ganz ungemein.“ Vor allem in Berlin.

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EFFI BRIEST – ALLERDINGS MIT ANDEREM TEXT UND AUCH ANDERER MELODIE (Haus der Berliner Festspiele, Seitenbühne – 20.05.2016)
Regie: Clemens Sienknecht und Barbara Bürk
Bühne und Kostüme: Anke Grot
Licht: Björn Salzer
Dramaturgie: Sybille Meier
Es spielen: Yorck Dippe, Ute Hannig, Markus John, Friedrich Paravicini, Clemens Sienknecht und Michael Wittenborn
Premiere am Deutschen Schauspielhaus Hamburg war am 19. September 2015
Gastspiel zum Berliner THEATERTREFFEN 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.berliner-festspiele.de/theatertreffen

Zuerst erschienen am 21.05.2016 auf Kultura-Extra.

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Entdramatisiertes Retrotheater mit Peter Handke und René Pollesch am Berliner Ensemble und an der Volksbühne

Mittwoch, Mai 11th, 2016

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Langer Titel, langes Warten, Langeweile – Nach Wien biegen Claus Peymann und Peter Handke mit Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße endlich am Berliner Ensemble in die Zielgerade

Die Unschuldigen_BE-Plakat

Foto: St. B.

Peter Handke hat sich etwas Zeit gelassen. Bereits seit Längerem konnte man auf der Website des Berliner Ensembles lesen, dass Claus Peymann die Inszenierung eines neuen Stücks des österreichischen Schriftstellers und Dramatikers, mit dem ihn eine langjährige Hassliebe verbindet, plane. Vor einem Jahr wurde dann freudig die Uraufführung für Januar 2016 am Wiener Burgtheater, an dem Claus Peymann 13 lange Jahre selbst Direktor war, angekündigt. Ein durchaus denkwürdiges Ereignis, ist es doch nun immerhin auch schon wieder 17 lange Jahre her, dass Peymann Wien samt Hose sowie anderem toten und lebenden Inventar in Richtung Berlin verlassen hat.

Fast ebenso lang ist auch Peymanns Liste mit Handke-Uraufführungen, angefangen mit der 1966 am Frankfurter Theater am Turm uraufgeführten Publikumsbeschimpfung. Recht lang ist auch der Titel ihrer 11. Zusammenarbeit, und ein wenig geschimpft wird auch hier. Peter Handke hat mit Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße (auf 180 Seiten) eine mal in poetischem, dann wieder gebräuchlichem Prosa-Ton anklagende bis selbstironisch klagende Suada (in vier Jahreszeiten) auf die moderne Welt und die darin „unschuldig“ umherstreifende Menschheit geschrieben. Der Autor bedient sich dabei so manchem literarischeren Zitats und einiger Anspielungen an den herrschenden Dramenkanon von der Bibel über Shakespeare und Goethe bis hin zu Brecht.

Ein zunächst einsames Ich, das sich immer wieder in einen Ich-Erzähler und ein Ich, der Dramatische spaltet, wandert mit Rucksack auf einer ebenso einsamen Landstraße. Es ersehnt und flieht die Menschen, beschimpft sie z.B. als (Achtung Kalauer) „Pack, Doppelpack, Tetrapack“ und wartet auf die eine Unbekannte, die ihn erlöst. Der poetisch-prosaische Ich-Wandersmann, den Claus Peymann ins Rennen schickt, ist Christopher Nell, gut bekannt als wahn-wütiger Hamlet des Leander Haußmann und wahn-witziger Mephisto des Robert Wilson. Hier ist Nell ganz der lustige Kerl mit leichten Anwandlungen zum Rumpelstilzchen. Während das Ich auf der Bühnenschräge von Karl-Ernst Herrmann mit geschwungener und beleuchteter Kurve wandelt, fabuliert es sich beim Gehen so seine Theater- und Menschheitsgeschichte hin, denn nichts zu suchen, das war sein Sinn.

 

die Unschuldigen ... am BE - Foto (c) Monika Rittershaus

Die Unschuldigen … am BE – Foto (c) Monika Rittershaus

 

Es läuft ihm dann alles mehr wie zufällig und dennoch recht erwartbar über den Weg. Allerdings ist dieses Stück Straße im dramatischen Nirgendwo auch eine theatrale Sackgasse, und das ist zunächst nicht mal abschätzig gemeint. Mit ein bisschen Fingerschnipsen entstehen Theaterdonner und Blitze, Vogelgezwitscher; und eine ruinöse, aufgelassene Bushaltestelle fährt aus der Unterbühne hoch, die sich das Handke-Ich als elfenbeinernen Ausguck wählt, auf dem es wachträumt oder von dem es immer wieder über die vorbeiziehenden Sprechblasenkrebse, tätowierten Schwimmlehrer, Gegoogelten, Rundinformierten und sämtlich Smartphoneabhängigen vom Planeten der Traumlosen, die ihm einfach nicht zuhören wollen, mit fast schon oberlehrerhaftem Tonfall herzieht.

Das schlägt natürlich auch mal in die andere Richtung aus. Mit dem Häuptling und der Häuptlingsfrau gibt es so etwas wie einen weiblichen und einen männlichen Gegenpart, die die nicht wenigen Unschuldigen, wie sie Handke nennt, an- und wortführen. Da wird viel von Maria Happel tremolierend gekichert und gejodelt oder mit weiser Stimme von Martin Schwab geschnarrt. Claus Peymann veranstaltet ein wenig Budenzauber und spielt Komödchen mit Handkes selbstreferenzieller Lebensbeichte eines mit sich und der Welt hadernden Intellektuellen, der den letzten freien Weg der Welt verteidigt. Das ist selten wirklich witzig, eher unfreiwillig komisch und putzig anzuschauen.

Schlussendlich stößt die doch noch aufgetauchte und zunächst stumm gestikulierende Unbekannte unseren blinden, selbstverliebten Denker etwas unsanft und wortschwallend vor die Stirn. Meret Becker musste sich in nur drei Tagen die Rolle der verletzten Burgtheaterschauspielerin Regina Fritsch drauf bringen. Die Berlinpremiere wurde dafür um einen Tag verschoben. Da weht dann schon mal so etwas wie Anarchie durch das Mausoleum der ewig Gestrigen, die hier viel von Damals reden.

Die etwas lang geratenen Unschuldigen mit dem noch längerem Namen sind gegen Gotscheffs bemerkenswert leichte und dennoch schwergewichtigere Handke-Inszenierung von Immer noch Sturm (Shakespeares Prospero wird hier dann auch noch bemüht) leider ein ziemlich laues Theaterlüftchen. Da macht sich am nicht enden wollenden Ende, dem nach Handke letzten Stündlein fürs Theater, trotz flehendem Hoffnungsgeraune an Brechtgardine auf Dauer doch etwas Langeweile breit. Und jetzt? Da wäre nichts gewesen, was uns Peter Handke nicht an anderer Stelle schon wesentlich pointierter gesagt hätte.

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Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße (01.05.2015)
Ein Schauspiel in vier Jahreszeiten von Peter Handke
Eine Koproduktion des Berliner Ensembles mit dem Burgtheater Wien
Uraufführung war am 27.01.2016 im Burgtheater Wien
Berlinpremiere war am 01.05.2016 im Berliner Ensemble
Regie: Claus Peymann
Bühne: Karl-Ernst Herrmann
Kostüme: Margit Koppendorfer
Dramaturgie: Jutta Ferbers und Anke Geidel
Licht: Karl-Ernst Herrmann und Friedrich Rom
Musikalische Mitarbeit: Moritz Eggert
Geräusche / Töne: David Müllner
Mit: Christopher Nell („ich“ im Wechsel zwischen „Ich, Erzähler“ und „Ich, der Dramatische“), Krista Birkner, Anatol Käbisch, Luca Schaub, Hermann Scheidleder, Martin Schneider, Fabian Stromberger, Jörg Thieme (Die Unschuldigen, nicht wenige), Felix Strobel (Die Unschuldigen, unter ihnen mein Doppelgänger), Martin Schwab (Der Wortführer der Unschuldigen oder: Häuptling/Capo), Maria Happel (Die Wortführerin der Unschuldigen oder: Häuptlingsfrau/Häuptlingin/Frau), Meret Becker (Die Unbekannte von der Landstraße)
Dauer: ca. 3 Stunden, eine Pause

Termine: 12. und 13.06.2016

Infos: http://www.berliner-ensemble.de/repertoire/titel/120

Zuerst erschienen am 03.05.2016 auf Kultura-Extra.

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Mit der Bong auf dem Balkon – Im neuen René Pollesch I love you, but I’ve chosen Entdramatisierung wird an der Berliner Volksbühne der Kunst des Stoner-Movies und der virtuosen Beleidigung gehuldigt.

Nicht nur Peter Handke kann lange Stücktitel, nein auch René Pollesch hat schon einige Textwürmer kreiert wie etwa Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte oder Wann kann ich endlich in einen Supermarkt gehn und kaufen was ich brauche allein mit meinem guten Aussehen? Sein neuer Streich an der Berliner Volksbühne heißt etwas kryptisch in Denglisch: I love you, but I’ve chosen Entdramatisierung. Eine geistige Darmwurst, sprich Abfallprodukt, des großen Twitter-Nachrichtendienstes on WorldWideWeb, wo sich der Autor Pollesch im Gegensatz zum Autor Handke ziemlich aktiv herumtreibt.

 

(c) Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

(c) Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

 

Wie Handkes Unschuldige … am Rand der Landstraße befinden sich die vier Pollesch-Akteure Kathrin Angerer, Inga Busch, Trystan Pütter und Samuel Schneider auf der Retrospur, wobei sie sich mit ihren Glitzerkostümen, dem Hang zum Kiffen und der Musik von Scott Walker wohl in den 1960er und 70er Jahren befinden. Im Bühnenbild, das aus drei Wagen der Rollenden Roadshow von Bert Neumann besteht, die seitlich auf der Asphaltfläche des Theatersaals stehen, spiegelt sich ein wenig die guten alten Volksbühnenzeiten, und das Publikum sitzt direkt davor wie einst im Prater, einem schönen Nebenspielplatz, den René Pollesch in den Anfangsjahren der Castorf-Ära etablierte. Man bewegte sich damals auf einer kleinen Seitenstraße der Volksbühne, die nun selbst im Mainstream angekommen ist, wie US-Rocker Bruce Springsteen, der „Hiding on the Backstreet“ röhrt.

Im Gegensatz zu Peter Handke findet René Pollesch zum Glück immer wieder einen Diskurs-Schleifenweg back to Futur oder zumindest ins aktuelle politische Alltagsgeschehen. Im Rückblick auf die Jammer-Kultur des No Futur der 1980er ist Zukunft heute kein Thema mehr für Gesprächsrunden. Keine Zukunft, kein Zuhause. Der Pollesch‘sche moderne und spaßverliebte No-Futur-Mensch lebt wie ein Nomade der hippen Airbnb-Welt auf irgendeiner Couch, einem Hybrid-Möbel zwischen Bett und Stuhl, und lässt die Tüte kreisen. Was hier ausgiebig getan wird, bevorzugt hinter der Wagenplane mit Livekameras auf zwei große Videoscreens übertragen.

 

 

Foto: St. B.

Foto: St. B.

 

Dazu fällt man sich immer wieder ins Word, wirft Gedanken hoch und fängt die der anderen wortreich wieder ab. So werden etwa Theorien über die soziale Praxis der Konfliktbewältigung durch Beleidigung im multiethnischen Burkina Faso oder die befreiende Wirkung des Lachens über das Beschimpfen des Gegners vor bewaffneten Kämpfen in Zentralafrika ausgetauscht. Zum besseren Abbau von Spannungen und der Herstellung des sozialen Friedens wird sogar über ein Gesetz, das zur gegenseitigen Beleidigung verpflichtet, nachgedacht. Man könnte das durchaus als einen augenzwinkernden Kommentar zur aktuellen Böhmermann-Debatte verstehen oder als lustige Diskurs-Fortsetzung von Frank Castorfs Thesen gegen die herrschende Konsenskultur. Zumindest kämpft man hier ein wenig gegen deren entdramatisierende Wirkung an, wenn da so herrliche Sätze fallen wie: „Beleidigung kann auch was Kathartisches haben, wenn man sie nicht übel nimmt.“

Den philosophischen Überbau bilden diesmal theoretische Schriften wie Soziale Raumzeit von Gunter Weidenhaus, Peripherie und Ungleichzeitigkeit von Klaus Ronneberger, Was ist ein Ereignis von Slavoj Žižek sowie Der Implex von Dietmar Dath und Barbara Kirchner, deren selbstgeschöpftes Amalgam René Pollesch wie immer in leicht ironischen Dosen beimengt und damit sein Diskurstheater mit kapitalismuskritischen Thesen zu Raum, Zeit, Realität und Fortschritt befeuert.

Zusammen mit der US-Komödie Half Baked (1998) über vier durchgeknallte Marihuana-Dealer und ihre Freundin Mary Johanna, was hier zu einigen schönen Kalauern ausgebaut wird, huldigt man viel der Kunst der virtuosen Beleidigung und dem Genre der Stoner-Movies, die in den 1990er Jahren wie bunte psychodelische Pilze aus dem Boden schossen. Allerdings macht Shit in der Birne auch ein wenig bewegungsfaul, und ein Fahrrad ist nun mal kein Pit-Bike. Ein Ausflug der Vier mit qualmender Bong auf den Balkon ist da schon das aufregendste Ereignis dieses sanft entdramatisierten und trotzdem recht witzigen Abends. Da träumt der Dude von.

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I love you, but I’ve chosen Entdramatisierung (UA)
Text und Regie: René Pollesch
Bühne: entwickelt von Lenore Blievernicht / Nina Peller mit den Wagen der Rollenden-Road-Schau (RRS) von Bert Neumann, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz 2000-2006
Kostüme: Nina von Mechow
Licht: Frank Novak
Kamera: Mathias Klütz, Ute Schall
Videoschnitt: Cemile Sahin
Ton: Hans-Georg Teubert, Georg Wedel
Tonangel: William Minke
Dramaturgie: Anna Heesen
Mit: Kathrin Angerer, Inga Busch, Trystan Pütter und Samuel Schneider
Premiere war am 04.05.2016 in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause

Termine: 03., 16. und 27.06.2016

Infos: http://www.volksbuehne-berlin.de

Zuerst erschienen am 05.05.2016 auf Kultura-Extra.

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dosenfleisch – Die Uraufführung des neuen Stücks von Ferdinand Schmalz zum Auftakt der Autorentheatertage 2015 am Deutschen Theater Berlin

Donnerstag, Juni 18th, 2015

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Bereits zum fünften Mal finden in diesem Jahr die Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin statt. Zu sehen sind in den nächsten zwei Wochen neben zwölf eingeladenen Inszenierungen von Theatertexten aus dem deutschsprachigen Raum und fünf Produktionen des DT vier noch nicht aufgeführte Stücke, die von einer vierköpfigen Jury (bestehend aus dem Publizisten Peter Michalzik, der Regisseurin Jorinde Dröse, der Autorin Nino Haratischwilli und dem Schauspieler Ulrich Matthes) aus 217 Einsendungen ausgewählt wurden. Den Auftakt machte am Samstag im Großen Haus die in Koproduktion mit dem Burgtheater Wien entstandene Uraufführungsinszenierung von dosenfleisch – einem neuen Text des jungen österreichischen Autors Ferdinand Schmalz, der bereits mit seinem ersten Stück am beispiel der butter den Retzdorfer Dramatikerpreis 2013 gewann und mit der Leipziger Uraufführung zu den Mülheimer Theatertagen 2014 eingeladen wurde.

Foto: St. B.

Foto: St. B.

Schmalz setzt mit dosenfleisch seine als Triptychon gedachte Stückanthologie über Lebensmittelmetaphern fort. Im nächsten Jahr wird mit der herzelfresser der dritte Teil wieder am Schauspiel Leipzig uraufgeführt. Nachdem der Autor im ersten Teil am Beispiel der Butter ökologische mit gesellschaftlichen und lebensphilosophischen Themen kurzgeschlossen hatte, gehen seine Untersuchungen nun ganz ins Fleischliche. Wobei er die Verbindung zur allgemeinen Natur auch hier nicht ganz außer Acht lässt. Das titelgebende Dosenfleisch fällt zu Beginn von einem auf der Autobahn umgekippten Laster und legt sich als „Fleischnebel“ aus zerplatzenden Dosen neben einem ebenfalls zerplatzen Falter auf die Windschutzscheiben vorbeifahrender Blechdosen mit menschlichem Inhalt. Daniel Jesch als Fernfahrer breitet in seinem Gebet an den Mittelstreifen diese hochpoetische Fleischallegorie vor uns. Er singt förmlich eine Ode an den Fernverkehr und die Schnelligkeit der Autobahn, die sich ihren Weg drunter, drüber und mitten durch die Wildnis bahnt.

Zur stark rhythmisierten Sprache des Textes schlägt Katharina Ernst den Beat auf einem Schlagzeug, das mitten auf der Bühne steht, die eine Autobahnraststätte darstellen soll. Die ist kein Ziel, eher Unort eines zeitlosen Dazwischen. Hier herrscht im doppelten Wortsinn das Verderben in Form gammelnder Bratwürste und wartender Körper, denen das Verfallsdatum bereits auf der Stirn geschrieben steht. Nur wer in Bewegung ist, vergammelt nicht. Die „Bremsbelegschaft“ aus der Spur Geworfener besteht hier neben dem liegengebliebenen Fernfahrer aus dem nach einer Systematik in den häufig auftretenden Schadensereignissen suchenden Versicherungsvertreter Rolf (Tino Hillebrand) mit einem Aktenkoffer voller Wunden, der geheimnisvollen, ein schnelles Sport-Coupé fahrenden Filmschauspielerin Jayne (Frida-Lovisa Hamann) und der Raststättenkellnerin Beate (Dorothee Hartinger) mit Hang zum Skurrilen. Ihre Arbeitsstätte liegt am früheren Ort des Elternhauses. Die Autobahn durchteilt nicht nur ihr ehemaliges Kinderzimmer, sondern mittlerweile auch ihr Leben.

(c) Deutsches Theater Berlin

(c) Deutsches Theater Berlin

Autor Schmalz betrachtet in seiner sprachspielerischen Autobahnverwurstung die im Schneller und Weiter Gescheiterten wie verkehrstechnische Totalschäden. Lauter Individuen im tiefgefrorenen Wachkoma, für die der Gefühlsstau des grauen Alltags nur über den Unfall aus dem Normalfall führt. Am Rande der Todeskurve kollidieren die „verdellten Körper“ in der Knautschzone „Ich“ und brechen auf wie gecrashte Autos. Ein Ausbruch aus der eingefahrenen Ordnung und Konserve ihrer selbst. Auch wenn es hier und da etwas zu sehr jeline(c)kisch kalauert, hat Ferdinand Schmalz eine philosophisch recht unterhaltsame Bestandsaufnahme des in der Schnelllebigkeit unserer Zeit orientierungslos gewordenen, traumatisierten Menschen geschaffen. Regisseurin Carina Riedl choreografiert diesen Versuch zwischenmenschlicher Verkehrsanbahnung als Sprachtanz mit trommelndem Herzschlagbeat. Nach finalem Schrei und Knall regt sich wieder was unter dem Asphalt, der Haut der Straße. Und wenn es nur Verkehrsschildkröten sind. Fortsetzung erbeten.

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Dosenfleisch
von Ferdinand Schmalz
Regie: Carina Riedl, Bühne: Fatima Sonntag, Kostüme: Dagmar Bald, Musik: Arthur Fussy, Licht: Norbert Gottwald, Dramaturgie: Amely Joana Haag
Mit: Frida-Lovisa Hamann, Katharina Ernst, Daniel Jesch, Tino Hillebrand, Dorothee Hartinger
Uraufführung vom 13. Juni 2015 im Deutsches Theater Berlin
Koproduktion mit dem Burgtheater Wien
Premiere dort am 18.09.2015 im Kasino am Schwarzenbergplatz
Dauer: 75 Minuten

Infos: http://www.deutschestheater.de/spielplan/premieren_repertoire_2014_2015/dosenfleisch/

Zuerst erschienen am 16.06.2015 auf Kultura-Extra.

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Requiem aus Staub – Jette Steckel hält am Wiener Burgtheater mit der Antigone des Sophokles eine archaische Totenmesse für die Lebenden ab.

Mittwoch, Juni 10th, 2015

Zur Rezeption der Antigone des Sophokles gehört neben den vielschichtigen Ansätzen der Interpretation auch immer die gewählte Übersetzung als Grundlage zum Verständnis der antiken Tragödie über die Ödipus-Tochter, die entgegen dem Verbot König Kreons ihren toten Bruder Polyneikes beerdigt und dafür in den Tod geht. Trotz ihrer Fehler hat sich die Übertragung Friedrich Hölderlins mittlerweile durchgesetzt. Sie hat nicht nur Bertolt Brecht zu seinem Antigonemodell inspiriert, sondern gilt als die gängige Textbasis für fast alle Inszenierungen im deutschsprachigen Raum. Für das Regiedebüt Jette Steckels am Burgtheater Wien hat ihr Vater, der bekannte Theater-Regisseur Frank-Patrick Steckel, eine neue Übertragung erarbeitet, die aber ebenfalls auf der Übersetzung Hölderlins fußt.

Aenne Schwarz (Antigone), Joachim Meyerhoff (Kreon) in der Antigone am Burgtheater Wien  Foto (C) Georg Soulek

Aenne Schwarz (Antigone) und Joachim Meyerhoff (Kreon) am Burgtheater Wien
Foto (C) Georg Soulek

Textfassung und Regie versuchen die Antigone wieder mehr in die Nähe des antiken Stoffes zu rücken. Frank-Patrick Steckel bezieht sich dabei laut Programmheft auf einen Vortrag des Religionswissenschaftlers Klaus Heinrich (Der Staub und das Denken), in dem er den Staub, aus dem wir sind und zu dem wir wieder werden, als das Zentrale in Sophokles‘ Tragödie der Antigone begreift. Dieser Staub ist durch seine Unerklärbarkeit das eigentlich „Heilige“. Er trägt das Wohl der Menschheit und den Schrecken der Zerstörung gleichermaßen in sich. Und das wiederum weicht die bisherige Position der Erklärung von Gut und Böse für die Unterscheidung von Recht und Unrecht auf. Antigone unterscheidet nicht zwischen gutem und schlechtem Toten, Freund und Feind, wie es Kreon tut, für sie sind beide Brüder gleich, und damit ist ihr die Pflicht der Bestattung heilig. Sie tut das, was sie tut, aus vollster Überzeugung und nimmt dafür die Bestrafung auf sich.

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Den Staub mitzudenken, also das Wissen um den Widerspruch, nicht die Kanonisierung einer Meinung, wäre demnach das Heutige in der Antigone-Rezeption. Und so ziehen sich denn Staub und Denken gleichermaßen durch Text und Inszenierung. Das zeigt schon das Bühnenbild von Florian Lösche, das eine mit rötlichem Staub bedeckte Leere darstellt, mit einem Rampensteg ins Publikum. Und nachdem Martin Schwab als blinder Seher Teiresias den Leonard Cohen Song „The Futur (baby: it is murder“) zum Besten gegeben hat, fährt eine riesige Lichtwand auf, die das Publikum noch mehrmals an diesem Abend blenden wird. Im Gegenlicht trägt Aenne Schwarz als Antigone den nackten Körper des Polyneikes auf die Bühne und beginnt im Trockeneisnebel mächtig Staub aufzuwirbeln. Im Disput mit ihrer herbeigeeilten Schwester Ismene (Marvi Hörbiger) bekräftig sie ihr Vorhaben ob Staatsfeind oder Bruder, ihr Blut zu achten. Hier prallen die moralische Rebellion der Antigone und die Ohnmacht Ismenes gegenüber der Herrschgewalt der Männer aufeinander.

Im Kampf um die Krone Thebens hatte sich der Ödipus-Sohn Polyneikes gegen den Zwillingsbruder Eteokles gestellt und die Stadt angegriffen. Der sich nach dem Sieg der Verteidiger selbst zum Herrscher ausrufende Kreon (Joachim Meyerhoff) mit Krone und schwarzer Stola schwört, nachdem er seine Lanze zerbrochen hat, das Volk Thebens an der Rampe auf die neue Ordnung ein. Kreon erklärt Eteokles zum Freund der Stadt und Polyneikes zu deren Feind, der nicht bestattet werden dürfe. Bei Zuwiderhandlung gegen dieses Gesetzes droht der Tod durch Steinigung, ein unerlässliches Gebot, für den Erhalt der Gemeinschaft. Das ist der Konsens der Polis, den der Chor mit Chorführer Oliver Masucci im Zuschauerraum stehend gern bekräftigt.

Antigone am Burgtheater Wien - Foto (C) Georg Soulek

Antigone am Burgtheater Wien – Foto (C) Georg Soulek

Dazu singt immer wieder zwischen den Szenen ein echter Chor aus den Logen und Rängen des Burgtheaters wunderbare Choräle zu den Standliedern aus der Tragödie. Die Musik stammt von Anja Plaschg (Soap&Skin) und Anton Spielmann (1000 Robota), die schon am Thalia Theater Hamburg mit Jette Steckel zusammengearbeitet haben. Aus Hamburg hat sie auch den Schauspieler Mirco Kreibich mitgebracht, der hier, gleich seiner Braut Antigone, einen ebenfalls recht widerständigen Haimon gibt. Doch bevor sich Sohn und Vater Kreon in die Haare bekommen, bringt noch der Bote (Phillipp Hauß), selbst ganz mit Staub bedeckt, als linkischer Running Gag die Botschaft von der Gebotsübertretung und schleppt wenig später auch die Frevlerin herbei.

Antigone wie Kreon berufen sich als Grundlage für ihr Handeln auf Gesetze. Während Kreon dabei das Wohl seiner Stadt im Auge hat und sich immer mehr in Rage redet, hält ihm Antigone die Übertretung des Gebots des Hades vor, das gleiche Rechte für die Toten fordert. Sie klammert sich dabei zunächst noch ängstlich an ihren Onkel und rückt dann immer mehr von ihm ab, bis sie selbst ganz Starrsinn vor Kreon ausspuckt. Die Konfrontation der Argumente lässt Jette Steckel auch im Disput des Vaters mit seinem Sohn Haimon eskalieren, der Kreon falsches Denken vorwirft und seine Alleinherrschaft anzweifelt („Das ist kein Staat, dem wenige befehlen“). Während Antigone, immer mehr in die Enge getrieben, schließlich ganz weggesperrt hinter der großen Lichtwand verschwindet, die hier das Göttliche und Unerklärbare wie das restriktiv Scheidende symbolisiert, mutiert Meyerhoffs Kreon immer mehr zum Staatsmann und Politiker im Anzug.

Trotz der Widersprüche, in die sich Kreon angesichts des kommentierenden Chores und des Fluchs des Tereisisas immer wieder verwickelt, beugt sich der König schließlich nur dem Zwang der Prophezeiung des blinden Sehers, der ihm ob seines anmaßenden Götterfrevels eine Tüte blutiger Innereien hinwirft. Allerdings scheint Jette Steckel dem diskursiven Denkansatz und den Worten des Textes doch etwas zu misstrauen und lässt zum Schluss noch mal ganz gewaltig die archaische Bühnenüberwältigungsmaschinerie anwerfen. Das Scheitern des Denkens, das hier unweigerlich in die Katastrophe führt, bebildert die Regisseurin wieder mit ordentlich Gegenlicht, Bombast-Sound und einer am Seil vom Bühnenhimmel hängenden Antigone, die auf den Schultern Haimons schwankt, bis dieser selbst zusammenbricht und sich in den Armen des Vaters tötet. Das lässt einen im Lichtschein zuckenden Kreon zurück, der sich aber nach seiner Klage schließlich den Schlips umbindet und vermutlich zur alternativlosen Tagesordnung übergeht. Da lugt schon ein moderater Tyrann um die Ecke. Die letzten Worte: „Kein Mensch soll mich begraben“, sind da sicher auch metaphorisch gemeint.

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Antigone
von Sophokles
Fassung des Burgtheaters nach einer Übertragung von Frank-Patrick Steckel
Regie: Jette Steckel
Bühne: Florian Lösche
Kostüme: Pauline Hüners
Musik: Anja Plaschg, (Soap&Skin), Anton Spielmann, (1000 Robota)
Licht: Peter Bandl
Dramaturgie: Florian Hirsch, Carl Hegemann
Chorleitung: Hannes Marek
Besetzung:
Antigone: Aenne Schwarz
Ismene: Mavie Hörbiger
Kreon: Joachim Meyerhoff
Haimon: Mirco Kreibich
Teiresias: Martin Schwab
Bote: Philipp Hauß
Chorführer: Oliver Masucci
Chor: Sophie-Christine Behnke, Bernd Birkhahn, Aaron Friesz, Hans Dieter Knebel, Maria Magdalena Mund, Robert Reinagl, Rebekka Reinholz, Marie-Luise Stockinger
Chorsänger: Stefan Adamski, Anna Anderluh, Karin Bachner-Ravelhofer, Boglárka Bábiczki, Cho Da-young, Kiril Chobanov, Stefan Drnek, Maria Ecker, Michael Feigl, Hans-Jörg Gaugelhofer, Claudia Haber, Helmut Höllriegl, Christian Klmykiw, Arthur Koncar, Andreja Krt, Patrick Kühn, Nicole Lubinger, Peter Lukan, Marie-Christiane Nishimwe, Andreas Salzbrunn, Elisabeth Sturm, Gerhard Sulz, Joachim Unger, Thekla Wagner, Michael Weiland, Andreas Werner
Junge: Tobias Wimmer/Arthur Klestil/Jacob Ogonowski

Dauer: ca. 1 Stunde, 45 Minuten, keine Pause

Premiere am Burgtheater Wien war am 31.05.2015

Weitere Termine: 21.06., 23.06.und 27.06.2015

Infos: http://www.burgtheater.at

Zuerst erschienen am 02.06.2015 auf Kultura-Extra.

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Klassikermodernisierung bei den Wiener Festwochen (Teil 3) – Ibsens John Gabriel Borkman am Akademietheater und Marlowes Edward II. am Schauspielhaus

Dienstag, Juni 9th, 2015

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Foto: St. B.

Foto: St. B.

Geklonte Mammuts im Schnee – Regisseur Simon Stone veralbert Ibsens John Gabriel Borkman mit Starensemble am Wiener Akademietheater

Gerade eben erst beim Theatertreffen in Berlin – nun bei den Wiener Festwochen: Das alte Bankerdrama John Gabriel Borkman des Norwegers Henrik Ibsen mausert sich zum Hit der laufenden Theatersaison. Aus der Gruft altbackener Übersetzungen befreit, massenkompatibel aufbereitet und mit Starschauspielern aufgepeppt, kommt es nun als ironisch frische Boulevardkomödie daher. Eine Milieu-Studie der verkommenen bürgerlichen Mittelschicht, die sich in Karin Henkels Hamburger Inszenierung, nach vergangenem Ruhm und dem Saft der Jugend gierend, lustvoll als Zombis auf einer Showtreppe im Betonbunker-Grab präsentierte.

Am Akademietheater Wien erheben sich nun die Untoten aus hügeligen Schneeverwehungen, die Karin Brack auf die Bühne gehäuft hat. Es schneit unablässig im Heim der Borkmans, die seit Jahren ihr Haus nicht mehr verlassen haben. Doch unerwarteter Besuch klingelt an der Tür, und mit der Ruhe der „Mammuts“ im Permafrost-Zustand ist es alsbald vorbei. Die Metapher des alles, selbst die größte Schande überdeckenden Schnees verbindet Regisseur Simon Stone mit einer weiteren, wenn er den verlotterten Waldschrat Borkman (der vielgereiste Martin Wuttke mit zotteliger Langhaarperücke), der sich die Zeit vor einem alten Röhrenfernseher mit dem Sehen von Wissenschaftssendungen vertreibt, über geklonte Wollhaar-Mammuts sinnieren lässt. Deren DNA könnte man ja in einen Elefanten einpflanzen. Die Gesichter der anderen Tiere möchte er dann sehen. Und das Wiener Publikum sah.

Martin Wuttke (John Gabriel Borkman)

Martin Wuttke ist John Gabriel Borkman im Akademietheater Wien – Foto (c) Reinhard Werner

Mit dem Elefanten ist hier natürlich Sohn Erhart gemeint, der nicht nur die Nachfolge von John Gabriel antreten und mit ihm zu neuer Größe aufsteigen soll. Es gilt den Ruf des nach der Veruntreuung von Anlegergeldern zu fünf Jahren Gefängnis verurteilten Bankdirektors gegen alle Verächter zu verteidigen und den beschmutzten Namen schließlich voll auf zu rehabilitieren. Ähnliches hat Mutter Gunhild (Birgit Minichmayr) vor, nur ohne ihren Mann, dessen Namen sie auf ewig aus dem Gedächtnis der Welt tilgen möchte, und dazu ebenfalls ihren Sohn braucht. Die Dritte im Bunde ist Gunhilds Zwillingsschwester Ella (Caroline Peters) und wegen eines „Scheißjobs“ verhökerte Ex-Geliebte Borkmans, die Erhart nach dem Banken-Skandal eine Zeitlang aufnahm und dann nach der Pleite das Haus, in dem die Borkmans wohnen, gekauft hat. Nun will sie Erhart adoptieren, damit der Name Rentheim nach ihrem Krebstod nicht ausstirbt. Und wieder grüßt das Mamma-Mammuttier.

So in etwa hält sich Regisseur Stone noch an Ibsens Plot, nur dass er den von Martin Thomas Pesl neu und alltagstauglich übersetzten Text „nach Ibsen“ nennt und zudem mit jeder Menge lässlicher Modernismen überziehen ließ. Und das beginnt sofort mit der Ankunft Ellas, die sich von Gunhild eine gefühlte halbe Stunde lang die letzten 8 Jahre der Borkmans als eine Geschichte der guten alten 90er Jahre von Stefan Raabs „Maschendrahtzaun“ bis zu Britney Spears‘ „Hit me baby one more time“ anhören muss. Ein verkorkstes Hausfrauendaseins in der Totalisolation, das sich zunehmend ins Internet verlagert hat. Gunhilds Lieblingsbeschäftigungen neben dem Alkohol sind nämlich das Internetshoppen, Play Station spielen und Googeln des eigenen Namens, den das allbekannte Suchprogramm mit Ergänzungen wie Betrug, Gefängnis usw. belegt. Der Gag trägt eine Weile, wirkt dann aber zunehmend fad, wenn auch noch die Problematik, wie man alte Partyfotos aus dem Netz gelöscht bekommt, diskutiert wird. Man denkt da unweigerlich an bestimmte Polit-Promis. Allerdings befindet man sich hier doch eher in der Polit-Provinz, wo man es anstatt ins Parlament oder Präsidialamt höchsten noch bis zum Bürgermeister schafft.

Birgit Minichmayr (Gunhild Borkman), Martin Wuttke (John Gabriel Borkman), Max Rothbart (Erhart Borkman), Nicola Kirsch (Fanny Wilton), Caroline Peters (Ella Rentheim) - Foto (c) Reinhard Werner

Birgit Minichmayr (Gunhild Borkman), Martin Wuttke (John Gabriel Borkman), Max Rothbart (Erhart Borkman), Nicola Kirsch (Fanny Wilton), Caroline Peters (Ella Rentheim) – Foto (c) Reinhard Werner

Das alles wird in nöligen Dauerschreikrämpfen unter der großzügigen Verwendung möglichst vieler Fäkalinjurien abgespult, die besonders bei Birgit Minichmayr und Martin Wuttke nur eine Tonlage kennen. Die Ehegemeinschaft bürgerlichen Rechts, die es acht Jahre lang geschafft hat, sich aus dem Weg zu gehen, holt nun binnen eines Abends all die nichtgehaltenen Konversationen nach. Die bevorzugten Kosenamen für John Gabriel sind dabei u.a. „alter Stinkstiefel“, „psychopatisches Arschloch“ oder auch schon mal „verfickter Neandertaler“. Borkman weiß sich da nur noch mit „Halt die Fresse!“ zu helfen. Eigentlich wollte er irgendwann mal wieder ganz groß rauskommen, derweil tut es aber auch einfach etwas mehr Senf auf dem Sandwich, das ihm der getreue Trottel Foldal täglich vorbeibringt. Roland Koch spielt ihn als gleichmütigen Schluffi, der, wie Borkman, alten Träumen und Idealen nachhängt, sich aber ansonsten seinen Möglichkeiten entsprechend eingerichtet hat.

Der Ruf des „alten Sexsacks“ Borkman nach mehr Eiern angesichts seines Sohnes Erhart (Max Rothbart), der auch bei Stone eigentlich nicht weiß, was er wirklich will außer sein eigenes Leben zu leben, wird zielsicher mit Fannys Rezepten auf Facebook getoppt. Da hat zumindest Tante Ella kein Profil und somit das Nachsehen. Die Entscheidung zwischen Backpacken in Mexico mit Fanny Wilton (Nicola Kirsch) und der coolen E-Gitarrenbraut Frida (Liliane Amuat) oder Abkacken mit den Wollhaar-Mammuts im ewigen Schnee fällt nach fast zwei Stunden Quarktreten, bis er vollkommen zerschneestöbert, ziemlich leicht. Simon Stone soll 2013 eine vielumjubelte Wildente zu den Festwochen serviert haben. Es fällt anhand des nun vorliegenden Fastfood-Borkmans mit zu wenig Jalapeños sehr schwer daran zu glauben. The Rest in Peace, John Gabriel Borkman.

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John Gabriel Borkman
nach Henrik Ibsen
von Simon Stone
Übertragung ins Deutsche: Martin Thomas Pesl
Regie: Simon Stone
Bühne: Katrin Brack
Kostüme: Tabea Braun
Musik: Bernhard Moshammer
Licht: Friedrich Rom
Dramaturgie: Klaus Missbach
Besetzung:
John Gabriel Borkman: Martin Wuttke
Gunhild Borkman, seine Frau: Birgit Minichmayr
Student Erhart Borkman, ihr Sohn: Max Rothbart
Ella Rentheim, Frau Borkmans Zwillingsschwester: Caroline Peters
Frau Fanny Wilton: Nicola Kirsch
Wilhelm Foldal: Roland Koch
Frida Foldal, seine Tochter: Liliane Amuat

Koproduktion Wiener Festwochen, Burgtheater Wien, Theater Basel

Premiere war am 28.05.2015 im Akademietheater Wien

Termine bei den Festwochen: 31.05., 01.06., 04.06., 06.-08.06., 13.06., 14.06., 18.06. und 20.06.2015

Dauer: ca. 2 Stunden, keine Pause

Infos: http://www.festwochen.at/programmdetails/john-gabriel-borkman/

Zuerst erschienen am 30.05.2015 auf Kultura-Extra.

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Edward II. Die Liebe bin ich – Christopher Marlowes Königsdrama in einer Neuübertragung von Ewald Palmetshofer am Schauspielhaus Wien.

Die mühsame Herrschaft und der beklagenswerte Tod Eduards des Zweiten heißt das Königsdrama, das der junge Dichter Christopher Marlowe 1591 geschrieben hat. Es ist in Blankvers und fünfhebigen Jamben verfasst – eine Sensation für das Theater des elisabethanischen Zeitalters und eine Inspiration nicht nur für Marlowes Zeitgenossen Shakespeare, sondern auch für zeitgenössische Autoren des 19. und 20. Jahrhunderts wie etwa Bertolt Brecht und Lion Feuchtwanger, die 1923 eine Bearbeitung des Dramas vorlegten, oder den österreichischen Dramatiker Ewald Palmetshofer, dessen Neuübertragung Edward II. Die Liebe bin ich nun bei den Wiener Festwochen im kleinen, ganz dem zeitgenössischen Theater verpflichteten Schauspielhaus in der Porzellangasse Premiere feierte.

Simon Zagermann (Edward) und Thiemo Strutzenberger (Gaveston) in Edward II. Die Liebe bin ich am Schauspielhaus Wien - Foto (C) Alexi Pelekanos

Simon Zagermann (Edward) und Thiemo Strutzenberger (Gaveston) in Edward II. Die Liebe bin ich am Schauspielhaus Wien
Foto (c) Alexi Pelekanos

Das Besondere an Marlowes Stück über den englischen König Edward II. ist, dass die historische Figur hinter den eigentlichen Menschen zurücktritt. Edward führt einen persönlichen Kampf gegen die Macht der Peers für seinen, ihm sehr nahe stehenden Günstling Gaveston, einem Emporkömmling von niederem Stand, und riskiert so die Staatsführung aus den Augen und Händen zu verlieren. Ein Drama über Macht und Ränke, die verbissen und blutrünstig geführt, England in die Unregierbarkeit treiben und einige der Lords und kirchlichen Würdenträger, sowie Gaveston und schließlich Edward selbst das Leben kosten.

Palmetshofer fokussiert in seiner Bearbeitung noch viel mehr auf die schwule Liebe Edwards, als es Marlowe zu seiner Zeit konnte. Edward (ganz in Gold: Simon Zagermann) spricht hier frei von seiner Zuneigung zu Gaveston (Thiemo Strutzenberger) und stellt die Liebe zu ihm über den Staat. Dagegen stehen die hier ganz offensichtlich homophoben Lords des englischen Hofs und die Vertreter der päpstlichen Kirche zu Rom. Sie wollen den „lüsternen, liederlichen und geilen Gaveston“ von der Seite des Königs entfernen. So ist Lord Mortimers (Michael Wächter) Ansprache an die Peers zu Beginn des Stücks auch ein klares Signal, gegen den aus der französischen Verbannung Heimgekehrten vorzugehen. Mortimer weiß hier geschickt die Ressentiments und den Neid der Kirche und der übrigen Lords zu schüren und dabei das Wohl des Landes („wie eine Frau im Wochenbett ausgeblutet“) vorzuschieben.

Gespielt wird bei der Uraufführungsinszenierung von Regisseurin Nora Schlocker auf einem goldbronzenen Bühnenpodest von Marie Roth, zu dem einige steile Stufen hinauf führen. Davor befindet sich eine mit Gitterrosten abgedeckte Wassergrube. Das Setting ist klar in oben und unten eingeteilt. Und nach oben gelangt man zunächst nur durch die Gunst des Königs. Palmetshofer hat Marlowes Stückpersonals auf knapp ein Drittel der Rollen zusammengestrichen. Florian von Manteuffel, Thomas Reisinger und Elias Eilinghoff geben die hier nicht näher benannten Lords und Bischöfe, die gegen Edward aufbegehren. Als zurückgesetzte, eifersüchtige Königin Isabella ist Myriam Schröder zu sehen.

Edward II. Die Liebe bin ich am Schauspielhaus Wien - Foto (C) Alexi Pelekanos

Edward II. Die Liebe bin ich am Schauspielhaus Wien
Foto (C) Alexi Pelekanos

Kostümbildnerin Sanna Dembowski hat die Darsteller in schwarze Renaissance-Kleider mit Pluderhosen und weißen Halskrausen gesteckt. Königin Isabella trägt einen Reifrock. Das passt zwar nicht in die eigentliche Zeit Edwards II. (1284-1327), aber in die Marlowes und seiner Sprache, die Palmetshofers kunstbetonter Jambentext einerseits erhalten möchte, aber andererseits auch „ins Gegenwärtige laufen zu lassen“ versucht. Das gelingt nicht immer überzeugend, hebt sich aber wohltuend von sonstigen Modernisierungsversuchen ab. Als Ausdruckmittel der beiden Liebenden funktioniert die Sprache jedenfalls recht gut, besonders bei Edwards Plädoyer für die Liebe, „diesem Gott der keiner ist“. Gegen die Macht der Pfaffen huldigt er seinem Priester Gaveston, der ihm dafür eine hoch poetische Beschreibung eines Liebesaktes schenkt, bei dem er seine Zunge den Körper des Königs entdecken lässt. In einer weiteren Szene badet Edward Gaveston in einem Zuber.

Palmetshofer schreckt hier weder vor Kitsch und großem Pathos noch vor expliziten Worten zurück, wenn er Edward nach dem gewaltsamen Tod des Gaveston, der nackt vor den hämischen Lords in seinem Blut liegt, das Blut der Pfaffen fordern lässt. Trotzdem schwankt der König immer wieder zwischen seiner Liebe, seinen Rachegefühlen und den Forderungen aus Rom, den Erhalt der gottgewollten Ordnung betreffend. Nach der Flucht seiner Gattin mit dem Prinzen und später auch der des Intriganten Mortimer nach Frankreich rollen die Köpfe der Peers und versinkt das Land im Bürgerkrieg. Das ist auch die Wende in der bislang recht intensiven Inszenierung mit ihren schnellen Auftritten aus dem Zuschauerraum heraus, die die verkürzte Handlung dennoch jederzeit nachvollziehbar machen.

Die Hybris der Liebe muss sich schließlich der geforderten Staatsräson beugen. Nach der Pause, wenn König Edward zum Abdanken gezwungen, gedemütigt und selbst beschmutzt in der stinkenden Gosse liegt, aus der sein Günstling einst kam, verliert die Inszenierung auch ihr eigentliches Zentrum, das die nun fast endlos folgenden Machtspielchen zwischen Prinz Edward, Königin Elisabeth und ihrem Liebhaber Mortimer nicht mehr ausfüllen können. Da zollt auch der Fall ins allzu Private zuvor seinen Tribut an das eigentliche Drama. Das weitere Intrigenspiel um die vakante Krone kann lange nicht mehr so berühren wie der Kampf um die Liebe zuvor. Schließlich erfasst die einstige Hybris des Vaters auch den Sohn, der sich nach dem Mord an Edward gegen die eigene Mutter stellt und den Kopf des stetig nach oben strebenden Mortimer, den man ihm als roten Fußball überreicht, die Stufen wieder nach unten kickt.

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Edward II. Die Liebe bin ich (UA) – (29.05.2015)
Text von Ewald Palmetshofer
nach dem Drama Edward II. von Christopher Marlowe
Premiere war am 26.05.2015 im Schauspielhaus Wien
Regie: Nora Schlocker
Bühne: Marie Roth
Kostüme: Sanna Dembowski
Musik: Hannes Marek
Dramaturgie: Constanze Kargl
Besetzung:
Peer #1: Florian von Manteuffel
Peer #2 / Spencer: Elias Eilinghoff
Peer #3 / Bischof: Thomas Reisinger
Mortimer: Michael Wächter
Gaveston: Thiemo Strutzenberger
Edward II: Simon Zagermann
Isabella: Myriam Schröder
Prinz Edward: Rafael Lesage / Fabian Rihl

Koproduktion der Wiener Festwochen mit dem Theater Basel und dem Schauspielhaus Wien

Dauer: 2 Stunden, 35 Minuten, inklusive einer Pause

Weitere Termine bei den Festwochen: 31.05., 01.06. und 02.06.2015

Infos: http://www.festwochen.at/programmdetails/edward-ii-die-liebe-bin-ich/

Zuerst erschienen am 31.05.2015 auf Kultura-Extra.

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„die unverheiratete“ von Ewald Palmetshofer und „Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz. Zwei bemerkenswerte Wiener Inszenierungen mit starkem Damenensemble beim Theatertreffen 2015 (Teil 5)

Samstag, Mai 16th, 2015

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tt15_promo_media_gallery_resZu den beim THEATERTREFFEN 2015 jeweils doppelt vertretenen deutschen Bühnenmetropolen Berlin, München und Hamburg gesellt sich diesmal auch wieder die österreichische Hauptstadt Wien mit zwei durchaus bemerkenswerten Inszenierungen, die auch ganz gut zu den vom Veranstalter Berliner Festspiele selbst gelabelten politischen Themen Krieg, Flucht und Traumata passen.

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Den Anfang machte Ewald Palmetshofers für das Wiener Akademietheater verfasste Auftragsstück die unverheiratete. Hier der Link zur ausführlichen blog-Kritik aus dem Januar…

die unverheiratete - Plakat des Burgtheaters Wien

die unverheiratete – Plakat des Burgtheaters Wien

Die Rhythmik von Palmetshofers sehr atifiziellem Jambentext überführen die durch weg großartigen Darstellerinnen in eine entsprechende Sprachmelodie. Borgmann bricht die Schwere nur hin und wieder mit ironischen Einspielungen und viel Musik. Das hat natürlich so seine Längen und schreit geradezu nach Kürzungen im Text, die ihm Borgmann – sonst auch ein wahrer Spezialist im expressiven Auspinseln von Regieeinfällen – allerdings nicht gönnt; daher dauert die Aufführung satte 2 h 20 min. Die hervorragend aufspielenden Damen des Burgtheaterensembles machen die Uraufführung dieses etwas sperrig geratenen Sprachgebildes dennoch recht sehenswert.

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Sprachlich mindestens so ungewöhnlich wie Ewald Palmetshofers die unverheiratete ist auch der von Wolfram Lotz eigentlich als Hörspiel verfasste Text Die lächerliche Finsternis. Das Stück hatte im letzten Jahr auf mehreren Bühnen, so auch am Deutschen Theater Berlin und dem Thalia Theater in Hamburg einen regelrechten Erfolgslauf. Zum Theatertreffen eingeladen wurde aber die Uraufführung von Dušan David Pařízek, die im September 2014 die erste Burgtheaterspielzeit nach Matthias Hartmanns Rauswurf als Intendant eröffnete.

„Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz Regie Dušan David Pařízek Burgtheater im Akademietheater, Wien Uraufführung 6. September 2014 www.burgtheater.at Regie und Bühne: Dusan David Parizek Kostüme: Kamila Polívková Licht: Felix Dreyer Dramaturgie: Klaus Missbach mit: Catrin Striebeck, Stefanie Reinsperger, Dorothee Hartinger, Frida-Lovisa Hamann Motiv v.l.n.r.: Stefanie Reinsperger, Catrin Striebeck, Frida-Lovisa Hamann, Dorothee Hartinger

Die lächerliche Finsternis vom Burgtheater Wien
Foto (C) Reinhard Maximilian Werner

Lotz greift für seine bissige Satire über die Verteidigung westlicher Werte am Hindukusch auf zwei bereits aufeinander beruhende fiktionale Werke zurück, indem er sie wiederum miteinander verschränkt in unsere Gegenwart holt. Das Hörspiel Die lächerliche Finsternis nach Francis Ford Conrads Herz der Apokalypse, wie das Stück im Untertitel heißt, fußt auf dem Afrika-Roman Das Herz der Finsternis von Joseph Conrad und dem Vietnamfilm-Klassiker Apokalypse Now von Francis Ford Coppola. Schon im kuriosen Prolog des somalischen Piraten Ultimo Michael Pussi, den hier Stefanie Reinsperger im breitesten Wienerisch gibt, macht der Autor klar, dass es ihm nicht nur um die reine Wirklichkeit geht, sondern um eine aus der Fiktion des Theaters heraus erschaffene neue Realität. Die Inszenierung zitiert auch aus Lotz’s Rede zum unmöglichen Theater.

In der Annahme, dass der Hindukusch ein Fluss sei, begeben sich Hauptfeldwebel Oliver Pellner und Unteroffizier Stefan Dorsch mit einem Boot auf die Suche nach dem abtrünnigen Oberstleutnant Deutinger in den Dschungel Afghanistans. Soweit die etwas schräge Analogie zu den beiden Vorlagen. Was nun folgt, ist eine surreale Reise aus der sicher geglaubten westlichen Zivilisation in die Irre der Finsternis aus wirtschaftlichen Verflechtungen und Kriegen. Was hier auch zu einer Fahrt in die eigenen und europäischen Innereien wird, die sich – wie so oft im postmodernen deutschen Drama – um die ganz persönlichen Darmwindungen dreht. Hier aber eben auf eine sehr lustvoll poetische und auch ironisch selbstkritische Art.

Die lächerliche Finsternis vom Burgtheater Wien - Foto (C) Reinhard Maximilian Werner

Die lächerliche Finsternis vom Burgtheater Wien
Foto (C) Reinhard Maximilian Werner

Als zusätzliche theatrale Verfremdung lässt Regisseur Pařízek alle Rollen von Frauen spielen. Sicher auch eine Reaktion auf die im Text enthaltende Frage der Mutter an Sohn und Autor Lotz: „Und es kommen keine Frauen vor?“ Die fremde Umgebung, die die beiden Soldaten (Catrin Striebeck als Pellner und Frida-Lovisa Hamann als Dorsch) langsam in den Wahnsinn treibt, wird noch durch die Wesensfremdheit des zynischen Pellner zu seinem ostdeutschen, leicht sächselnden Untergebenen Dorsch verstärkt. Den Beiden begegnen italienische Blauhelmsoldaten, die Coltan abbauende Einheimische beaufsichtigen und wohlmeinende rassistische Vorurteile pflegen. Ein vorbeischippernder Händler vom ehemaligen Kriegsschauplatz Balkan bietet den typischen Ramsch der Zivilisation an und geht dafür mit dem Unglück seiner Familie hausieren. Ein lüsterner Missionar kultiviert islamische Wilde und ein sprechender Papagei berichtet von Kollateralschäden in der Zivilbevölkerung. Dorothee Hartinger und Stefanie Reinsperger spielen alle weiteren Rollen mit österreichischem oder italienischem Spracheinschlag nebst einer bajuwarisch-exotischen Musikeinlage Wo samma, oder sorgen nebenbei für elektronische Dschungelgeräusche aus dem Hintergrund.

Des mit öliger Schmiere angedeuteten Blackfacing hätte es sicher nicht bedurft. Man kann es aber auch als einen Verweis auf Coppolas Film, in dem sich die Soldaten auch mit Kampftarnfarben im Gesicht bemalen, oder als Öl, das Blut der Wirtschaft, deuten. Sehr schön auch die Idee, die Reflexionen von Lotz über sein Gefühl, über Dinge zu schreiben, die einem „fremd“ sind, in der improvisierten Pause mit sprechen zu lassen. Dabei wird von den Schauspielrinnen die zuvor eingestürzte Bretterrückwand Stück für Stück durch einen Gartenhexler gejagt, während sie den vielgecoverten Song The Lion Sleeps Tonigth in Endlosschleife singen. Das karikiert wunderbar den kolonialen Ökoraubbau wie auch die popkulturelle Vereinnahmung ethnischer Folklore. Besser kann man westliche Selbstgewissheit nicht auf die Spitze treiben.

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die unverheiratete (UA)
von Ewald Palmetshofer
UA am Akademietheater Wien: 14.12.2015
Regie und Bühne: Robert Borgmann
Kostüme: Janina Brinkmann
Musik: webermichelson
Licht: Peter Brandl
Dramaturgie: Klaus Missbach
Mit: Stefanie Reinsperger, Christiane von Poelnitz, Elisabeth Orth, Petra Morzé, Sylvie Rohrer, Sabine Haupt, Alexandra Henkel
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, keine Pause

Termine beim Theatertreffen: 06.05. und 07.05.2015

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Die lächerliche Finsternis
von Wolfram Lotz
UA am Akademietheater Wien: 06.09.2015
Regie und Bühne: Dušan David Pařízek
Kostüme: Kamila Polívková
Licht: Felix Dreyer
Dramaturgie: Klaus Missbach.
Mit: Frida-Lovisa Hamann, Dorothee Hartinger, Stefanie Reinsperger, Catrin Striebeck
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, „eine Pause, wenn Sie möchten“

Termine beim Theatertreffen: 13.05. und 14.05.2015

Weiter Infos: http://www.theatertreffen.de

und http://www.burgtheater.at

Zuerst erschienen am 15.05.2015 auf Kultura-Extra.

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Friederike Mayröckers REQUIEM FÜR ERNST JANDL vom Burgtheater Wien als Gastspiel zum 90. Geburtstag der Schriftstellerin am Berliner Ensemble.

Dienstag, Januar 13th, 2015

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Paraphrase auf 1 Gedicht
von Ernst Jandl

(„in der küche ist es kalt
ist jetzt strenger winter halt
mütterchen steht nicht am herd
und mich fröstelt wie ein Pferd“ EJ)

in der Küche stehn wir beide
rühren in dem leeren Topf
schauen aus dem Fenster beide
haben 1 Gedicht im Kopf

6.6.2000, Friederike Mayröcker

 

Friederike Mayröcker, eine der wohl bekanntesten österreichischen Schriftstellerinnen und Lyrikerinnen, ist Ende letzten Jahres 90 Jahre alt geworden. Am 20. Dezember hat ihr zur Ehren das Wiener Burgtheater ihr 2001 entstandenes Requiem für Ernst Jandl bei einer Feierstunde im Akademietheater aufgeführt. Mit dem Dichter Ernst Jandl verband die Mayröcker eine über 50jährige sehr innige Lebens- und Arbeitspartnerschaft. Zwar die meiste Zeit örtlich getrennt (beide lebten in eigenen Wohnungen, um sich besser auf ihre Arbeit konzentrieren zu können), bestand trotzdem ein reger, inspirierender Meinungsaustausch, der die beiden in ihrer dichterischen Arbeit beflügelte.

Burgtheater Wien - Foto: St. B.

Burgtheater WienFoto: St. B.

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Bereits 2010 zum 10. Todestag Ernst Jandls hat der ORF das Hörspiel Will nicht mehr weiden. Requiem für Ernst Jandl mit Jutta Lampe als Sprecherin und einer eher klassisch strengen Musik des Komponisten und Organisten Martin Haselböck aufgenommen. Hier ist auch klanglich der Requiem-Charakter stark betont. Mit Chris Pichler und Martin Schwab wurde das Werk dann auch auf CD eingespielt. Man kann diese zum Vergleich heranziehen, muss man aber nicht. Am Burgtheater ist nun ein ganz anderes Werk mit einer von Lesch Schmidt (dem Komponisten und Bruder der Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz) ebenfalls originär für diesen Text geschaffenen Musik entstanden, die nicht nur versucht die Rhythmik des poetischen, sehr bildstarken („das HUSCHEN der Stille“) Prosatextes der Mayröcker neu zu interpretieren, sondern sich auch am Lebenspuls des Dichters Ernst Jandl mit seiner experimentellen Lyrik orientiert, die ebenfalls einem ganz eigenen Sprachrhythmus folgt.

Ernst Jandl hat, wie Friederike Mayröcker, neben seinem dichterischen Werk auch als Hörspielautor gearbeitet. Aufnahmen seiner unnachahmlichen Lesungen, die zu einem wichtigen Bestandteil seines Wirkens als Sprach- und Klangkünstlers gehörten, sind mittlerweile legendär und auf etliche Tonträger gebannt. Mit der LP him hanflang war das wort oder dem BBC-Hörstück 13 Radiophone Texte & das röcheln der mona lisa ist Ernst Jandl zu einem regelrechten Klassiker der Sound-Poetry geworden. Was wiederum vor allem Jazz-Musiker zu Wort- und Klang-Experimenten mit Jandls Gedichten inspirierte. Jandl ist immer ein großer Fan des Jazz und Bebob gewesen. Mit seinen Dialektgedichten, den „stanzen“, wandte er sich sogar der österreichischen Volksmusik zu. Auch Rap und Poetry-Slam waren ihm nicht fremd. Ja, Jandl ist mittlerweile Pop. In Österreich ist er Schulstoff, jeder kennt mindestens ein Gedicht von ihm, und wenn es nur ottos mops ist.

Requiem für Ernst Jandl - Foto (C) Reinhard Werner, Burgtheater

Requiem für Ernst JandlFoto (C) Reinhard Werner, Burgtheater

Diesem Sprechgedicht mit dem Jandl eigenen Humor widmete Friederike Mayröcker 1976 einen kleinen Prosatext. Er ist im Suhrkamp-Bändchen Requiem für Ernst Jandl enthalten. Sie würdigt darin „die sprachliche Auseinandersetzung des Autors mit einem Vokal“. Das „hohe Lied vom O, vom O-Tier, vom O-Gott“ usw., als geglückte Verwandlung „von der Liebe zum Vokal zur Wirklichkeit des Bilds; vom Glauben an das O zur Offenbarung Poesie“. Daraus spricht nicht nur die Liebe zum Autor als Wort-Schöpfer und Poet, sondern auch als Herzensmensch, ihrem „HAND- und HERZGEFÄHRTEN“, wie sie Jandl im Requiem auch nennt.

Für die szenische Einrichtung des Requiems durch den Dramaturgen des Berliner Ensembles Hermann Beil, die am Sonntag auch im BE gastierte, hat Friederike Mayröcker den Text selbst eingesprochen. Ihre brüchige Stimme mit dem noch immer markant rollenden R kommt vom Band. Der Text, der kurz nach dem Tod Ernst Jandls entstand, ist ihr wie „schwarze Tränen“ aus der Feder geronnen. Sie spricht im Klageton: „jammervoll, erbärmlich ist der Tod“, hält Zwiesprache mit Dichterfreunden wie Adolf Muschg oder Elke Erb und beschreibt immer wieder eindrücklich zärtlich den auf dem Totenbett liegenden Jandl, will sich gar in seine Nachtwäsche verweinen. In Erinnerung an gemeinsame Reisen nach Meran kommen der Mayröcker Naturbilder („Wann werden wir ein Loch in den Himmel machen?“) und vergangene Düfte in den Sinn. Trost ist ihr die Vorstellung mit ihrem „HERZ- und LIEBESGEFÄHRTEN“ weiter Gespräche führen zu können und vermutlich sogar Antworten erwarten zu dürfen.

Requiem für Ernst Jandl_Dagmar Manzel  Foto (C) Reinhard Werner, Burgtheater

Requiem für Ernst Jandl mit Dagmar Manzel
Foto (C) Reinhard Werner, Burgtheater

Diesen Text in ein passendes Klanggewand zu kleiden, der seine Pathetik auffängt und entsprechend transportiert, ist Aufgabe der Musik, die Lesch Schmidt als einen eher locker swingenden Jazz anlegt, der die Schwere der Sätze etwas konterkariert und eine Hommage an den Musikgeschmack Jandls sein soll. Der Komponist sitzt selbst am Klavier, begleitet von Violine (Nikolai Tunkowitsch), Saxophon (Dirko Juchem), Tuba (Alexander Rindberger) und gedämpftem Schlagzeug (Manni von Bohr). Dazu steuert die Schauspielerin und Sängerin Dagmar Manzel ein paar Vokalimprovisationen bei. Immer dann, wenn Alexander Rindberger zum Bass wechselt, kommt auch etwas mehr Druck in den Sound. Dagmar Manzel kann weitere stimmliche Akzente beim Singen von ein paar zusätzlich ausgewählten Gedichten (Knöpferauschen, und Attersee, oder Vermont, an Ernst Jandl und dieser graue grimme grimmige ich meine Wolf…) Friederike Mayröckers setzen. Das soll improvisiert wirken, was mal mehr und mal weniger gut aufgeht.

Die Manzel swingt und singt souverän mit. Lässig lässt sie die Sätze und Textblätter vom Notenständer fallen. Auch sonst hebt hier nichts wirklich ab. Eine ganz bodenständig ordentliche Leistung des Ensembles um Lesch Schmidt. Das wirkt zunächst recht erhaben durch den ruhigen, akademischen Duktus des Mayröcker-Vortrags, aber auch auf Dauer ein wenig einschläfernd. Per Video werden im Hintergrund Fotos von Mayröcker und Jandl aus verschiedenen Lebensphasen des Dichterpaars eingeblendet, mal auf sie, mal auf ihn fokussiert. Sie wirken da so selbstverständlich untrennbar verbunden wie die siamesischen Zwillinge der österreichischen Literatur. So plätschert es dann gut eine Stunde dahin. Dabei kann man sich wunderbar in den Worten und intimen Gedanken („Eigentlich habe ich nur eine Innensprache.“) der Mayröcker verlieren oder die eigenen schweifen lassen. Die Musik stört nicht. Mit dem schrägen Wortwitz und sperrigen Sprachklang eines Ernst Jandl hat diese Performance mit ihrem zuweilen einlullenden Kaffeehaus-Jazz allerdings eher wenig zu tun.

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Requiem für Ernst Jandl
Text von Friederike Mayröcker
Musik von Lesch Schmidt
Einrichtung: Hermann Beil
Mit: Dagmar Manzel
Musiker: Dirko Juchem, Alexander Rindberger, Lesch Schmidt, Nikolai Tunkowitsch und Manni von Bohr
Uraufführung am 20. Dezember 2014 im Akademietheater
Gastspiel am Berliner Ensemble: 11.01.2015
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

Infos: http://www.burgtheater.at/Content.Node2/home/spielplan/event_detailansicht.at.php?eventid=963618926

www.burgtheater.at

Literaturhinweis:

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Friederike Mayröcker
Requiem für Ernst Jandl
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001
ISBN 9783518412169
Kartoniert, 48 Seiten

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Zuerst erschienen am 13.01.2015 auf Kultura-Extra.

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