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Tief im Sumpf der Gesellschaft – „Der Hauptmann von Köpenick“ und „schlammland gewalt“ – Das Deutsche Theater Berlin veranstaltet im Dezember einen Premierenmarathon (Teil 2)

Samstag, Dezember 30th, 2017

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Der Hauptmann von Köpenick – Jan Bosse inszeniert Carl Zuckmayers „Deutsches Märchen in drei Akten“ mit Milan Peschel in der Hauptrolle

Foto (c) Arno Declair

Da steht einer einsam vor dem großen Tor und kann nicht rein oder raus. So ganz genau weiß man das noch nicht zu Beginn der Inszenierung von Carl Zuckmayers Stücks Der Hauptmann von Köpenick, das 1931 am Deutschen Theater Berlin uraufgeführt und nun von Jan Bosse am selben Ort neu eingerichtet wurde. Der da auf der leeren Bühne von Stéphane Laimé steht, ist der Ex-Knacki Wilhelm Voigt, gelernter Schuster und wegen Betrugs vorbestraft. Ein Berliner Vorfahr des Hamburger Willi Kufalt aus Falladas Roman Wer einmal aus dem Blechnapf frisst. Wir schreiben das Jahr 1890. Voigt wird ins wilhelminische Berlin entlassen und will nun ehrlich sein Geld verdienen. Dafür fehlen ihm allerdings die nötigen Papiere und die bekommt er nicht ohne feste Anstellung. Es herrschen Ordnung und preußischer Untertanengeist. Nach oben buckeln, nach unten treten. Mann muss gedient haben. Die Uniform macht den Menschen, und der ist stolz auf die Helden von Sedun.

Milan Peschel spielt den Voigt als einen aus der Welt Gekippten, der ohne Papiere nicht Einlass findet in die Gesellschaft und in den Moloch Berlin, daen er nach Öffnung der großen Schiebetür im Rundhorizont selbst aufbauen muss. Peschel zieht Häuserattrappen verschiedenster Zeitepochen auf die Bühne. Gründerzeit- und Naziarchitektur neben DDR-Plattenbau mit Staatsratsgebäude (heute Managerschule) und Potsdamer-Platz-Glasfassadenschick der Nachwendezeit. Eine Livekamera verfolgt Voigt auf seinem Weg durch die Stadt. Gesichter in Großaufnahme und bunte Werbefotos auf den Pappfassaden. Dazwischen der Heimatlose mit einem Volksbühnen-Stoffbeutel – Aufschrift: Krise. Hier verliert sich ein Leben zwischen Amtsstube, Schneidergeschäft und Berliner Eckkneipe.

Regisseur Bosse lässt den Mann nicht alleine irren, er hat ihm andere Außenseiterschicksale, aufgeschrieben vom Autor/Regisseur Armin Petras, an die Seite gestellt. Martin Otting erzählt eine Geschichte vom Flaschensammeln, Peschel erinnert sich als mit dem Zug reisender DDR-Fußballfan an eine willkürliche Festnahme durch der Transportpolizei und die Schauspielerin Steffi Kühnert schwärmt von Ensemblezeiten bei Leander Haußmann in Bochum, ist aber immer wieder gern nach Berlin zurückgekehrt. Nun muss sie aus ihrer langjährigen Wohnung, die verkauft werden soll, raus und fühlt sich zunehmend fremd im schick gentrifizierten Prenzlauer Berg. Geschichten von gestern und heute, die zeigen sollen, dass Elend, Unrecht, Gier und Bürokratie keine Frage der Zeit sind.

 

Foto (c) Arno Declair

 

Sie sind auch nicht das Problem eines bestimmten Milieus. Und so ist Bosses Inszenierung trotz des typischen Berliner Dialekts und Verweisen auf die ursprüngliche Herkunft der verschiedenen Protagonisten nicht nur nostalgische Sozialstudie oder gar Darstellung eines bestimmten Zeit- und Lokalkolorits, sondern durchaus heutig, so dass es der begleitenden Einwürfe sicher nicht unbedingt bedurft hätte. Ansonsten spult Bosse die Story des nach sozialem Anschluss und Gerechtigkeit suchenden Schusters Voigt in allen Einzelheiten ab. Die Nebenfiguren des Stücks schrammen dabei allerdings immer ein wenig zu sehr an der bloßen Karikatur vorbei. Ein Defilee der Typen vom parlierenden Hauptmann von Schlettow (Timo Weisschnur) über den geschäftssinnigen Uniformschneider Wormser (Steffi Kühnert) bis zum saturierten Köpenicker Bürgermeisterpaar Obermüller, das Katrin Wichmann und Felix Goeser in monströsen Fatsuits spielen müssen.

Das spielfreudige Ensemble schlüpft auch in alle anderen Rollen. Božidar Kocevski gibt als Schneidergeselle Wabschke, Kleinkrimineller Kalle oder einfacher Soldat ein jeweils beklemmend echtes Typenportrait. Neben situationsbedingter Komik und reinster Klamotte, wenn etwa Steffi Kühnert als Gefängnisdirektor mit den Häftlingen in gestreiften Anzügen die Schlacht von Sedan nachspielt, oder Milan Peschel in eine Heinz-Rühmann-Parodie verfällt, kommt auch der ernste Hintergrund von Zuckmayers Stück nicht zu kurz. Nach dem zweiten, nun zehnjährigen Gefängnisaufenthalt wegen des Einbruchs in eine Polizeistation, um sich dort Papiere zu besorgen, kommt Voigt für kurze Zeit bei seiner Schwester (Katrin Wichmann) unter. Die Gespräche mit dem Schwager (Felix Goeser) und dem dort zur Untermiete wohnenden kranken Mädchen (Lisa Hrdina) zeigen den ausgeprägten Sinn des Ausgestoßenen für soziale Belange und Fragen der Gerechtigkeit.

Die Inszenierung verliert aber auch nicht den zweiten Hauptakteur in Zuckmeyers Stück aus den Augen. Die Hauptmannsuniform, die Voigt, nachdem sie mehrfach den Besitzer gewechselt hat, beim Trödler (Martin Otting) erwirbt, erstrahlt hier im Glitzer eines großen Showkostüms. Die sich anschließende, eigentliche Köpenickiade mit der Beschlagnahme der Stadtkasse, bei der Voigt wieder nicht sein Ziel, einen Pass zu erlangen, erreicht, verläuft ohne großen Klamauk und zeigt nur umso eindrücklicher deutsche Obrigkeitsgläubigkeit und gelernten Untertanengeist. Die finale Lustigkeit der Vorlage erspart uns der Regisseur und lässt Milan Peschel nun vor dem geschlossenen Eisernen Vorhang ans Tor klopfen. Doch auch jetzt tritt ihm wieder nur die Bürokratie mit lauter Sinnfragen gegenüber. Der Mensch in den Mühlen des Staatsapparats. Manch einer kann ein Lied davon singen.

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Der Hauptmann von Köpenick (Deutsches Theater, 21.12.2017)
von Carl Zuckmayer
Fassung von Jan Bosse und David Heiligers
Mitarbeit und zusätzliche Texte von Armin Petras
Regie: Jan Bosse
Bühne: Stéphane Laimé
Kostüme: Kathrin Plath
Musik: Arno Kraehahn
Video: Jan Speckenbach
Dramaturgie: David Heiligers
Die Premiere war am 21. Dezember 2017 im Deutschen Theater
Besetzung:
Milan Peschel: Wilhelm Voigt
Steffi Kühnert: Wormser, Jellinek, Gefängnisdirektor, Inspektor
Božidar Kocevski: Wabschke, Kalle, Pudritzki, Eisenbahner, Soldat
Felix Goeser: Grenadier, Friedrich Hoprecht, Obermüller
Katrin Wichmann: Marie Hoprecht, Frau Obermüller
Lisa Hrdina: Plörösenmieze, das kranke Mädchen, Fanny
Timo Weisschnur: v. Schlettow, Oberwachtmeister, Polizist, Rosencrantz
Martin Otting: Willy, Schlickmann, Kellner, Schutzmann, Bulcke, Kilian
Live-Kamera: Jan Speckenbach
Termine: 31.12. / 06., 13., 25.01.2018

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schlammland gewalt  – In der Reihe „Limited Edition“ in der Box des DT bringt Josua Rösing das neue Stück von Ferdinand Schmalz zur Uraufführung

Foto (c) Arno Declair

Der österreichische Dramatiker Ferdinand Schmalz ist bekannt für seine poetischen, sprach- und bildgewaltigen Texte, die an Elfriede Jelinek oder Werner Schwab erinnern. Nachdem der Autor in diesem Jahr den Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt gewinnen konnte, wird er wohl auch bald seinen ersten Roman vorlegen. Zunächst hat er aber für die Box des Deutschen Theaters mit schlammland gewalt wieder einen seiner mit Wortspielereien reichen Theater-Text vorgelegt. Das Stück läuft in der Reihe „Limited Edition“, in der sich junge DramaturgInnen und RegisseurInnen in recht kurzer Vorbereitungszeit dem Publikum präsentieren können.

„Bierzeltluft, Brathendl und Blasmusik: In dieser Atmosphäre spielt der neue Text des Bachmann-Preisträgers Ferdinand Schmalz.“ heißt es in der Vorankündigung. Schmalz schaut wieder einmal in die österreichische Provinz, in der sich das Zusammentreffen von Natur- und menschlicher Gewalt zu einer Katastrophe entwickelt. Auf einem Dorffest mit Bierzelt und entsprechender Musi sorgen der Bauer Zeiringer und sein Knecht Scheuersberger dafür, das alles so bleibt wie es war. Während sein Sohn Toni sich draußen mit der nicht standesgemäßen Sandra trifft und auch der als Erzähler fungierende Brathendlverkäufer sich mit der Frau vom Scheuersberger in seinem Kühlanhänger verlustiert, versuchen die beiden Alteingesessenen die alte Ordnung mit Gewalt wieder herzustellen.

 

Foto (c) Arno Declair

 

Schmalz schickt seinem kleinen Stück einen poetischen, vom Schauspieler Thorsten Hierse vorgetragenen Monolog voraus, indem wie in einer alten Sage die im Nebel verirrten toten Wanderer des Teufelsfelds beschworen werden. Eine mystische Naturbeschreibung, in der es um den Verlust der Orientierung, das Ungewisse in der Nebelwand und das Im-Kreis-Laufen geht. Zusammen mit dem braunen Schlamm, in den sich im dauernden Regen das Land um das Dorffest verwandelt, ergibt das eine recht gute Metapher für die sich momentan in Auflösung befindliche Gesellschaft. Die Gewalt, die sich im Stück Bahn bricht und vom Zeiringer als Gottesgeschenk empfunden wird, schlägt als Naturkatastrophe einer Schlammlawine auf die Dorfbewohner zurück.

Der Autor arbeitet wie schon in seinem Stück dosenfleisch mit Fleischmetaphern. So werden hier etwa die nackten Hendl im Kühlwagen mit den Leibern der sich dort Liebenden verglichen. Oder die Gesellschaft versinkt ähnlich wie im herzerlfresser in einem stinkenden Sumpf. Schmalz verdichtet Öko- und Gesellschaftskrise zu schaurigen Sozialmärchen. Obwohl viel vom Fleischschneiden, von Dreck, Blut und spritzendem Bratensaft die Rede ist, bleibt die Inszenierung von Josua Rösing fast schon aseptisch rein. Die Bühne von Mira König besteht aus einer Plastikplane in deren Mitte Sebastian Deufel sein Schlagzeug zum Takt der Worte bedient. Thorsten Hierse, Caner Sunar, Olga Wäscher stecken wie nackte Hendl in beigefarbenen Kapuzenanzügen mit Gummischürzen. Sie pellen sich aus Folienverkleidungen und sprechen den Text sehr bedächtig die Worte dehnend. Josua Rösing verlässt sich hier ganz auf die Wirkung der deftigen Sprachbilder, ohne selbst bildend einzugreifen. Was das Spiel letztendlich aber so künstlich wie die Sprache selbst bleibt lässt.

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Limited Edition

schlammland gewalt
von Ferdinand Schmalz
Regie Josua Rösing
Bühne / Kostüme Mira König
Musik Sebastian Deufel
Dramaturgie Ulrich Beck, Joshua Wicke
Mit: Thorsten Hierse, Caner Sunar, Olga Wäscher
Live-Musik: Sebastian Deufel
Die Uraufführung war am 22. Dezember 2017 in der Box des Deutschen Theaters
Termine: 07., 24.01.2018

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst veröffentlicht am 23.12.2017 auf Kultura-Extra.

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