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Christoph Marthaler, Anna Viebrock und Ensemble geben nach über 20 erfolgreichen Jahren ihren Abschied von der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz – Abschiede an Berliner Theatern (Teil 1)

Samstag, November 5th, 2016

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Es ist das Jahr des großen Abschiednehmens an Berliner Theatern. Neben Claus Peymann am Berliner Ensemble scheidet auch Frank Castorf an der Volksbühne als Intendant aus dem Amt. Ganz verloren gehen wird er den Berliner Theatergängern wohl nicht. Man kann ihn sicher am neuen BE unter Oliver Reese wiedersehen. Verabschieden müssen sich aber auch langjährige Volksbühnenmitstreiter wie Herbert Fritsch, René Pollesch oder Christoph Marthaler. Alle sind sie bereits seit Längerem auch an anderen Theaterhäusern von Hamburg über München und Wien bis nach Zürich unterwegs. Herbert Fritsch wird an der Schaubühne ein neues Berliner Zuhause finden. Noch nichts dergleichen weiß man aber von René Pollesch und Christoph Marthaler.

Christoph Marthaler - (c) Theater der Zeit

Arbeitsbuch Marthaler
(c) Theater der Zeit, 2014

Besonders der Meister der unbegrenzten theatralen Entschleunigung, hat lange Jahre sehr intensiv die Volksbühne künstlerisch geprägt. Wer denkt nicht gern an Inszenierungen wie Horvaths Geschichten aus dem Wiener Wald oder Glaube Liebe Hoffnung zurück, bei der Marthaler mit einer doppelten Elisabeth überraschte. Und davor an ±0 ein subpolares Basislager bei dem er mit einem echten schmelzendem Grönland-Eisberg aufwartete. Ein kleiner eisiger Totentanz der grenzenlosen menschlichen Ignoranz und Extravaganz. Marthaler setzte dem in bewährter Manier provozierender Langsamkeit einige Momente traurig schöner Melancholie entgegen. Schöner scheitern mit Musik – eines der Hauptthemen seiner zeitlos schönen Musiktheaterabende. Ein lang gespielter Klassiker, bleibt sicher unvergessen – der 1993 entstandene Abend Murx den Europäer! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn! Murx ihn ab! Der Evergreen Danke hat es sogar in die Telefonwarteschleife der Volksbühne geschafft. Marthaler war seit dem auch fast Dauergast auf dem Berliner Theatertreffen.

Fans des Schweizers mit dem Hang zur ironischen Nostalgie konnten 2014 in Berlin gleich doppeltem Genuss frönen. Christoph Marthaler war neben seiner Inszenierung Tessa Blomstedt gibt nicht auf an der Volksbühne auch in der Staatsoper im Schillertheater zu erleben. Sein in Koproduktion mit den Wiener Festwochen entstandener Liederabend Letzte Tage – Ein Vorabend ist im September endlich auch in Berlin angekommen. Es ist dies eine liebevolle Hommage an jüdische Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts und ihr fast vergessenes Werk. Sozusagen am Vorabend der 100. Wiederkehr des Ausbruchs des Ersten Weltenbrandes, an dem das Habsburger Kaiserreich nicht unwesentlich beteiligt war, fand die Premiere im Mai 2013 im historischen Sitzungssaal des Alten Wiener Parlament statt. Ein Ort, an dem von 1883 an die österreichische Vielvölkermonarchie ihren Reichstag abhielt und später die Nationalversammlung der ersten Republik bis 1934 tagte.

 

Tessa Blomstesdt gibt nicht auf 2014 an der Volksbühne - Foto: St. B.

Tessa Blomstesdt gibt nicht auf 2014 an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz – Foto: St. B.

 

Die Sitzreihen des historischen Ortes wurden von Regisseur Marthaler und seinen Akteuren benutzt, das Publikum nahm auf einer Tribüne im Bereich des Präsidiums Platz. In der Staatsoper im Schillertheater saß man nun auf der Bühne, während die Schauspieler und Musiker sich in der Weite des Zuschauerraums fast verloren. Die Dimensionen sind hier doch etwas anders, was der Intensität der Vorstellung zwar kaum Abbruch tat. Aber letztendlich nicht ganz die Wirkung wie im realen Raum des Alten Parlaments in Wien entfaltete, und das nicht nur allein wegen der akustischen Probleme. Das historische Flair konnte man sich zur Not ja dazu denken.

Dass es sich hier um einen historischen Ort handelt, der außer für Touristenführungen heute dem Vergessen anheimgeben ist, trägt Marthaler mit einer Multikulti-Putzfrauenkolonne Rechnung, die zunächst mit großer Akribie die Sitzreihen entstaubt, samt der sich langsam einfindenden Parlamentsabgeordneten. Dann beginnt hier wie da mit einer fiktiven Rede zum 200. Jubiläum der Befreiung der Konzentrationslager, die an einen „Kaiser von Habsburg-Europa“ gerichtet ist. Marthaler lässt hier wieder seine leicht abseitig tiefgründige Ironie aufblitzen, wenn Clemens Sienknecht über die Erklärung des Antisemitismus zum UNESCO-Weltkulturerbe berichtet und auch den Rassismus für selbige Ehrung vorschlägt.

 

Letze Tage - ein Vorabend im historischen Sitzungssaal des Wiener Parlaments – Foto © Walter Mair

Letze Tage – ein Vorabend im historischen Sitzungssaal des Wiener Parlaments – Foto © Walter Mair

 

In diesem Stil geht es munter weiter. Marthaler schickt seine Akteure nach bewährtem Muster in Zeitschleifen, lässt sie aus der Zeit fallen oder an der Auserwähltheit ihrer Art leiden. Immer wieder unterbrochen werden die Spielszenen, Monologe und fiktiven Reden durch Musikeinlagen eines kleinen Kammerorchesters namens Wiener Gruppe, die Stücke aus besagtem Werk jüdischer Komponisten intoniert. Die Mezzosopranistin Tora Augestad ist dabei eine Entdeckung.

In Endlosreihe bewegt sich der Trupp durch über die Galerie. Die Musik- und Sangesschleife ebbt mal kurz ab, schwillt wieder an und verliert sich schließlich langsam im weiträumigen Foyer. Eine typische Art von Marthaler, der hier die Verlorenheit und das langsame Vergessen spiegelt. Dabei ist man immer wieder tief beeindruckt von der leichten Regie-Hand des Meisters und der Virtuosität seiner Darsteller, die selbst noch so seichte Liederabende wie Tessa Blomstedt gibt nicht auf, ein Testsiegerportal in die Jahre gekommener, schlagernder Datingportal-Teilnehmer, oder Hallelujah (Ein Reservat) mit nostalgischer Westernmusik für alte DDR-Indianer-Fans erstrahlen lassen.

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Virtuos ist sicher auch der neue Marthaler-Abend Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter an der Berliner Volksbühne. Man begegnet hier einigen aus der langjährig verquickten Marthaler-Familie wieder. Der Mitte Oktober 65 Jahre alt gewordene Regisseur vereint noch einmal die bekanntesten Gesichter zu einem still verschmitzten Potpourri aus bekannten Melodien und Zitaten aus älteren Inszenierungen. Schon die Bühne seiner treuen, viel gelobten und kopierten Bühnenbildnerin Anna Viebrock, die ihm immer wieder zeitlos schöne Räume für seine zuweilen recht skurrilen Geschichten geschaffen hat, ist eine reine Kopie der 2000 in Basel entstanden Inszenierung 20th Century Blues. Eine Zeitenwende, wie sie sich nun im nächsten Jahre auch an der Volksbühne Berlin vollziehen wird.

 

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Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter – der letze Marthaler an der Berliner Volksbühne – Foto: St. B.

 

Marthaler und Viebrock bauen wieder einen in der Zeit verlorenen Erinnerungsabend in gedeckten Tönen, aber ohne jede larmoyante Wehmut, dafür mit umso mehr verstecktem Witz und Anspielungen auf die kommende Zeit unter dem neuen Intendanten und Museumskurator Chris Dercon, der hier mit keiner Silbe erwähnt werden muss, aber dessen beginnende Ära in der Leere des fensterlosen, museumsartigen Bühnenbaus mit Lichtdecke über dem weiten Innenraum erahnbar ist. Ein Abgesang an das Theater im Allgemeinen und an das Haus am Rosa-Luxemburg-Platz und seine Spieler, die hier in Umzugskisten durch eine Art Hausmeister im Kittel (Marc Bodnar) hereingeschoben werden und ihre Plätze zugewiesen bekommen, sich aber immer wieder ihrer drohenden Mumifizierung durch Flucht, oder widerständiges Verhalten zu entziehen versuchen. Und der Satz: „Ich hasse diese Wanderausstellungen.“ ist ein kleiner, süffisanter Seitenhieb auf die kommende Intendanz.

Christoph Marthaler borgt sich den Titel seines Abends beim Dramatikers Botho Strauß und dessen Komödie Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle. Ein Hotel in dem drei befreundete Ehepaare leben, wird über die Jahre zum „Museum von Leidenschaften“. Die Gefühle erlöschen im Leistungsdruck und Konkurrenzkampf. Als Utopie bietet das Stück surreale Zauberkünste gegen die Wirklichkeit. Und genau in diesem Sinne ist Marthalers Hommage an die Zauberkunst der Bühne auch zu verstehen. Am Ende ist die Bühne genauso leer wie am Anfang.“ ist ein bekanntes Zitat von Botho Strauß, das das ebenfalls vom Intendanzwechsel betroffene BE auf seiner Website führt. Diese Leere zu füllen, ist Segen und Fluch gleichermaßen und eine der Herausforderungen für Chris Dercon. Denn nicht zuletzt daran wird man ihn messen. Christoph Marthaler schafft es hier mit leichter Hand.

 

Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter - Die Marthalerfamilie beim Beifall - Foto: St. B.

Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter in der Volksbühne
Die Marthalerfamilie beim Applaus – Foto: St. B.

 

Irm Hermann, ganz die große Diva grüßt galant zur fröhlichen Geisterstunde der Untoten und Jürg Kienberger spielt dazu auf dem Spinett. Auch ein Berg von Decken kann seinen Gesang nicht verstummt lassen. Olivia Grigolli springt gelenk aus einem kleinen Umzugskarton, in dem sie mühelos Platz hat. Hildegard Alex, Tora Augestad, Magne Håvard Brekke, Raphael Clamer, Altea Garrido, Ueli Jäggi und Ulrich Voß, alle entsteigen sie ihrem Kästchen und beginnen ein wundersames Eigenleben zu führen. Bewegungsclownerien wechseln mit Satzfetzen, chorischem Gesang und kleinen Arien von Tora Augestad. Sophie Rois schaut vorbei und singt französische und italienische Chansons. Benedix Dethleffsen und Jürg Kienberger begleiten auf Klavier und Spinett.

Hier ein leicht melancholisches Ich bin aus tiefem Traum erwacht von Gustav Mahler, dort ein Kyrie Eleison im Chor. Das ist virtuos, zärtlich anrührend, aber nie sentimental. Auch selbstironische Reminiszenzen erklingen mit Wir sind jung, die Welt ist offen oder einem zaghaften Brüder zur Sonne zur Freiheit. „Der Vollmond steigt, der Nebel weicht“, ein letzter Tanz zur Rampe. „Wo waren wir stehengeblieben?“ – Danke…

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Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter (Volksbühne, 05.10.2016)
Eventuell von Christoph Marthaler, Anna Viebrock und Ensemble
Regie: Christoph Marthaler
Bühne: Anna Viebrock
Kostüme: Anna Viebrock
Licht: Johannes Zotz
Ton: Klaus Dobbrick
Dramaturgie: Malte Ubenauf, Stefanie Carp
Mit: Hildegard Alex, Tora Augestad, Marc Bodnar, Magne Håvard Brekke, Raphael Clamer, Bendix Dethleffsen, Altea Garrido, Olivia Grigolli, Irm Hermann, Ueli Jäggi, Jürg Kienberger, Sophie Rois und Ulrich Voß
Spieldauer: 2 Stunden 10 Minuten
Premiere war am 21.09.2016 in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Termine: 06.11. und 27.11.

Infos: https://www.volksbuehne-berlin.de/

Theaterabschiede Teil 2: Herbert Fritsch an der Volksbühne und Robert Wilson am BE

Theaterabschiede Teil 3: Frank Castorf an der Volksbühne

Theaterabschiede Teil 4: Claus Peymann und Philip Tiedemann am BE, Michael Thalheimer an der Schaubühne

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Zum Start der neuen Spielzeit in Berlin. Eine Rückschau und ein Ausblick auf Vergangenes und Künftiges an den fünf Stadttheatern der Hauptstadt. Teil 2: Die Volksbühne

Montag, September 1st, 2014

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Frank Castorf ist ja schon in Teil 1 der Vorberichterstattung zur neuen Spielzeit in den Berliner Stadttheatern erwähnt worden. Er wird sich außerhalb von Berlin wieder Hans Henny Jahn (Deutsches Schauspielhaus Hamburg) und Brechts Menschenvernichter Baal (Residenztheater München) widmen. Was er für sein eigenes Haus, die Berliner Volksbühne mit der Inszenierung Kaputt Tour de force européenne nach Malaparte bereithält, ist aber wie immer noch gut gehütetes Geheimnis. Der deutschstämmige italienische Schriftsteller und Journalist Curzio Malaparte (Kurt Erich Suckert) erregte großes Aufsehen mit seinem 1944 erschienen Roman Kaputt, der in seinen reißerischen Schilderungen der Grausamkeiten des Zweiten Weltkriegs durchaus auch faschistische Züge trägt. Nach dem Krieg wandte sich Malaparte dann dem Kommunismus zu. Castorfs neue Roman-Adaption wird demnach wohl eine Fortsetzung in der Auseinandersetzung mit zwiespältigen Künstlerpersönlichkeiten wie Limonow oder Celine sein.

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Foto: St. B.

Die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz – Foto: St. B.

Für einiges (Miß)Vergnügen sorgte kürzlich ein Artikel des Literaturchefs der Welt-läufigen Tageszeitung gleichen Namens. Tilmann Krause degradierte darin Castorf ganz stiefmütterlich zum kleinkarierten Vorgartenzwerg der Nation Ost. Krause hatte sich da wohl im Resort geirrt, als er fälschlicherweise den Grünen Hügel in Bayreuth beackerte. Sein als Polemik getarntes Essay in der Welt, geriet zum Tief- und Rundumschlag nicht nur gegen das seiner Meinung nach auf eine DDR-Fixierung beschränkte Theater von Regisseuren mit Ostbiografie, sondern auch noch unfairer Weise gegen völlig unbeteiligte Schriftsteller wie Volker Braun und Christoph Hein, deren Theaterstücke leider immer seltener auf deutschen Bühnen zu finden sind. Gerade kleinere Ostbühnen machen sich da immer wieder einen Namen mit Neuinszenierungen ihrer Roman- und Bühnenwerke. Dieser unqualifizierte Ausfall Krauses offenbart aber nur erneut den niederen Horizont und eine selbst in höchstem Maße kleinkarierte Weltsicht der bürgerlichen Springerpresse.

Nach Frank Castorfs Ausflug im Sommer 2013 nach Bayreuth zu Wagners heiligem Grünen Hügel, wo er dann den Ring nicht einfach in den Sand, sondern bis über die Ellenbogen in das den kapitalistischen Weltmotor schmierende Erdöl setzte, hatte man mit einer kleinen Rekonvaleszenz in der letzten Spielzeit gerechnet. Dem war nicht so. Castorf, produktiver denn je, stellte ganze fünf Inszenierungen auf die großen Bühnen der Wiener Burg, des Residenztheaters München und der heimischen Volksbühne. Einladungen zum Theatertreffen im Mai waren die Folge. Regisseur Castorf und auch die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz stehen so gut wie seit Jahren nicht mehr. Neben dem Intendanten sind René Pollesch (Glanz und Elend der Kurtisanen) und Herbert Fritsch (Ohne Titel Nr.1) die Garanten dieses Erfolges. Lediglich die vierte Stütze im seit Jahren eingespielten Männerquartett der Berliner Volksbühne, Martin Wuttke, schwächelte mit seiner Balzac-Adaption Trompe l’amour auf Grund einer beruflich bedingten Selbstüberschätzung.

Glamour Glanz und Elend mit Balzac an der Volksbühne - Foto: St. B.

Glamour, Glanz und Elend mit Balzac an der Volksbühne 2013-14 – Foto: St. B.

Die zum Ende der letzten Volksbühnensaison ausgefallene Pollesch-Premiere von Cruel to be Kind wird nun unter dem Titel House for sale die neue Spielzeit am Rosa-Luxemburg-Platz eröffnen. Die ursprüngliche Inszenierung von René Pollesch zum Zitat „I must be cruel only to be kind” aus Shakespeares Hamlet (In dt. Übersetzung von August Wilhelm von Schlegel: „Zur Grausamkeit zwingt bloße Liebe mich.“, was den Kern der Aussage natürlich nur bedingt poetisch trifft.) wird nun voraussichtlich mit den Drei Schwestern von Tschechow verschnitten, wenn man die Vorankündigung der Volksbühne richtig deutet. Mit Sicherheit gibt es aber den üblichen philosophischen Pollesch-Mix aus Liebe, Leben und Glauben in Zeiten des Kapitalismus. Zitat: „Mir scheint, der Mensch muss gläubig sein oder muss nach einem Glauben suchen, sonst ist sein Leben leer, leer…“ In Keiner findet sich schön, einer weiteren Uraufführung von René Pollesch im Juni 2015, geht es natürlich auch wieder um sein ewiges Thema Liebe und Körper.

Voll wird die Volksbühne dann sicherlich wieder bei einem neuen Streich von Komödienregisseur Herbert Fritsch. Er bringt im Februar 2015 mit Der die Mann Texte von Konrad Bayer auf die Bühne. Der mit erst 32 Jahren nach heftiger Kritik durch die Gruppe 47 1964 freiwillig aus dem Leben geschiedene österreichische Schriftsteller und Dandy dürfte mit Sicherheit die dadaistische Blödellust von Herbert Fritsch angeregt haben. Nachdem sich Fritsch bereits mit einer sogenannten Oper in der Volksbühne beschäftigt hat und im Februar mit Don Juan sogar einen Ausflug an die Komische Oper Berlin wagt, wird sich auch René Pollesch im März 2015 dem Genre zuwenden. Der Titel, der von Dirk von Lowtzow (Sänger und Gitarrist der Band Tocotronic) komponierten Oper mit Texten von René Pollesch, steht aber noch nicht fest.

Volksbühne - Foto: St. B.

Keine abgetragenen Lumpen. Die Volksbühne setzt weiter auf Bewährtes – Foto: St. B.

Außerdem wird es eine Rückkehr von Christoph Marthaler nach Berlin geben. Neben Letze Tage. Ein Vorabend, einer Übernahme von den Wiener Festwochen 2013 an die Staatsoper im Schillertheater, wird sich der Schweizer Regisseur im Oktober mit Tessa Blomstedt gibt nicht auf Ein Testsiegerportal zur elektronischen Kontaktaufnahme in die Weiten der Daten-Profile auf Partneranbahnungsportalen begeben. Denn nur entdeckt und angeklickt werden, heißt auch, begehrt zu sein. Der mit Villa Verdi bereits in der letzten Spielzeit an die Volksbühne zurückgekehrte Choreograf Johann Kresnik ehrt mit Die 100 Tage von Sodom den vor 200 Jahren gestorbenen Marquis de Sade und passend zur Ausstellung PASOLINI ROMA im Martin Gropius Bau den italienischen Filmregisseur Pier Paolo Passolini. Der nächste Rückkehrer, Videoschnipsler Jürgen Kuttner, beschäftigt sich im Dezember mal wieder mit Geschichte. Ach Volk, du obermieses ist eine Revue am Bülow-Wessel-Luxemburg-Platz.

Den Regie-Männern zwischen 50 und 75 hat Frank Castorf in der neuen Spielzeit nur noch zwei jüngere Regisseure entgegenzusetzen. Das ewige Volksbühnentalent Sebastian Klink, der mit Der Sandmann nach E.T.A. Hoffmann vor zwei Jahren auf der großen Bühne noch scheiterte, bekommt nun mit einer Adaption des 2013 unter dem Titel Blutsbrüder wiederaufgelegtem Romans des relativ unbekannten Autors Ernst Haffner aus dem Jahr 1932 eine neue Chance. In Jugend auf der Landstraße Berlin beschrieb der nach 1938 spurlos verschollene Haffner das harte Leben einer Gruppe obdachloser Jugendlicher. David Marton wird mit Pelleas und Melisande ein Schauspiel mit Gesang nach Maurice Maeterlinck inszenieren. In Das Schottenstück. Konzert für Macbeth, seiner letzten Inszenierung für die Volksbühne, rückte Marton mit der Lady Macbeth, dargestellt von der grandiosen Lilith Stangenberg,  zumindest mal eine starke Frauenfigur in den Mittelpunkt.

Volksbühne

Der Osten leuchtet am Rosa-Luxemburg-Platz. La Cousine Bette in der Regie von Frank Castorf – Foto: St. B.

Nach seinem Ausflug zu den Frauenfiguren der französischen Literatur mit Balzacs La Cousine Bette kehrt Frank Castorf aber lieber wieder zu Dostojewskij zurück. Er erneuert seine Zusammenarbeit mit den Wiener Festwochen (Juni 2015) und tritt mit Die Brüder Karamasow in Konkurrenz zu Luk Percevals Inszenierung am Thalia Theater Hamburg aus dem Jahr 2012. Premiere an der Volksbühne ist dann im November der übernächsten Spielzeit. Castorf sitzt also weiter fest im Sattel. Er wird sich nicht wie sein Alter Ego Baumeister Solness vor jungen Nachwuchstalenten verstecken und die Tür der Volksbühne zu halten müssen. Castorfs selbstironische Ibsen-Inszenierung am Ende der letzten Spielzeit ist eine direkte Antwort an die nicht enden wollenden Nachfolgediskussionen von Journalisten, die schon das Ende seiner Intendanz für das Jahr 2016 sehnsüchtig herbeischreiben.

Die Männerbündler an der Volksbühne bleiben demnach weiter unter sich. Lediglich Silvia Rieger schlägt im 3. Stock mit der Schriftstellerin Gisela Elsner Fliegeralarm. Trotz der Schlagworte Glaube, Liebe und Hoffnung im Spielzeitmotto glaubt an der Volksbühne wohl auch keiner an die baldige Einsetzung einer weiteren Intendantin in Berlin, neben Shermin Langhoff, die mit dem Maxim Gorki Theater nun sogar eine preisgekrönte erste Spielzeit hingelegt hat. Und das ganz ohne Einladung zum Theatertreffen.

Fortsetzung folgt…

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Weitere Infos der Volksbühne unter: http://www.volksbuehne-berlin.de/deutsch/repertoire/premieren_2014_15/

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Am Rosa-Luxemburg-Platz schmilzt still ein Eisberg. Ibsen ±0 – Von zweierlei Theaterschlaf

Dienstag, September 20th, 2011

Im Pavillon neben der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz steht ein Eisklumpen aus Grönland. Und während er dort so vor sich hin schmilzt, macht derweil Christoph Marthaler in der Volksbühne das Vergehen von Zeit erlebbar. „±0 Ein subpolares Basislager“ heißt seine neue Produktion, die bereits in Grönland selbst und bei den Wiener Festwochen zu sehen war. Der Mensch scheint gefangen in dieser Basis, der Basis seiner Gedanken und Empfindungen. Und so sind auch wir ganz allgemein gefangen oder befangen in unserer Erwartung dieses Abends. Denken ist immer wie ein „Déja-vu“. Als ein „dilettantisches Unterfangen“ beschreibt es der Literaturwissenschaftler Georg Steiner in seinem Essay „Warum Denken traurig macht. Zehn (mögliche) Gründe“, einer Beschreibung des menschlichen Scheiterns. Marthaler zitiert daraus und es schwebt wie ein pessimistisches Fatum über dieser Inszenierung. Die Menschheit als Tausendfüssler, der vorwärts strebt ohne an den nächsten Schritt zu denken, um nicht in einer selbstzerstörerischen Blockade ins Stolpern zu geraten. „Ein Gedanke, der einen frösteln lässt.“ wie es Steiner formuliert.
Diese Blockade führt uns Marthaler nun mit diesem Abend über Grönland, schmelzende Gletscher und die Zerstörung der Natur vor. Die Hybris des zivilisierten Menschen, Fortschrittsglauben gegen Tradition, Ignoranz der westlichen Kultur gegenüber den Naturvölkern usw. Es ist auch ein Abend über Vergeblichkeit, die Erkenntnis nichts ausrichten zu können. Man ist in der eigenen antrainierten Gedankenwelt gefangen. Anna Viebrocks Bühnenbild ist so ein Gedankengefängnis, ausgekleidet mit Matratzen, so dass man sich beim vergeblichen Ausbruchsversuch nicht weh tun kann. Und dennoch versucht man es immer wieder, muss es versuchen. Ein Anheben der Stimmen, ein Innehalten, ein Verstummen und wieder Ansetzen zu einem neuen Choral. Es erklingen Beethoven, Mozart, eine Arie aus Puccinis „Madam Butterfly“ im Hundekäfig, Brahms „Deutsches Requiem“ mit „Denn wir haben hie keine bleibende Statt“, Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ und schließlich Procol Harums Song „A wither Shade of Pail“, welcher sich einer eindeutigen Interpretation genauso entzieht wie das Geschehen auf der Bühne.
Eine bisweilen traurig melancholische Langsamkeit, ganz in bewährter Marthaler-Art, nur dass der Meister der theatralen Entschleunigung diesmal noch einen Gang weiter runter geschalten hat. Und trotz all dem fällt dieser Abend nicht in eine totale Froststarre, sondern hebt sich immer wieder aus der Enge des Raums und erwärmt sich an den großartigen Darstellern, die alles mit einer gewissen Leichtigkeit versehen, die über die volle Distanz der gut zwei Stunden trägt. Man singt, tanzt und spielt Eisstockschießen mit Handys. Es werden Sagen über stürzende Schweizer Gletscher und Texte aus Jorge Luis Borges´ „Sandbuch“ vorgetragen, man lauscht dabei einer knarzenden Stimme aus einem Lautsprecher: „Aber, aber … Es muss doch weiter gehen.“ Oft Stillstand und Wiederholung, aber nie sinnloser Leerlauf auf der Bühne. Ein sanftes Hinüberdämmern in die Marthaler´sche Traumwelt breitet sich im Publikum aus, wobei die einen in den Schlaf der gerechten Ignoranz verfallen, während die anderen hineingesogen werden in den Strudel der eigenen Gedanken und Assoziationen. Der Gletscher tropft hörbar und draußen rollt der Donner eines vorbeiziehenden Gewitters. Oder ist es doch nur der starke Beifall der Erwachten?

0.JPG Schmelzendes Eis, Herkunft: Grönland. Pavillon der Volksbühne am Rosa-Luxenburg-Platz – Foto: St.B.

Weitere Vorstellungen vom 14. bis 17. Dezember 2011 sowie vom 28. Februar bis 2. März 2012.

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Ruhig und bedenkenlos weiterschlafen kann man bei Leander Haußmanns „Suspense“-Veruch über Henrik Ibsen mit dessen psychologisierendem Schuld-und-Sühne-Drama „Rosmersholm“. Ibsens 1887 geschriebenes Drama über den ehemaligen Pfarrer Rosmer und seine verhinderte Liebe zur fortschrittlichen aber geheimnisvollen Rebekka West, leitete sein düster symbolbeladenes Spätwerk ein. Rosmer schwankt zwischen Tradition und modernem Gedankengut. Die Gespräche mit Rebekka geben ihm die Gewissheit mit seinem bisherigen Leben zu brechen. Aber durch Intrigen der verfeindeten Gegenspieler im Ort, Enthüllungen um Rebekkas Vergangenheit und die Tatsache, dass Rosmers verstorbene Frau Beate sich nicht in vermuteter geistiger Umnachtung in den Mühlbach gestürzt hat, sondern durch Rebekka bewußt dazu gedrängt wurde, wird die Beziehung wieder zerstört. Rosmer gibt sich schließlich selbst die Schuld dafür und geht mit Rebekka gemeinsam in den Tod. Diese teilweise recht verquaste Story spannend wie einen Krimi zu erzählen, hatte sich Leander Haußmann für seine Rückkehr an die Theaterbühne vorgenommen.
Nachdem Haußmann Anfang der 90er Jahre nicht an der Volksbühnen-Wiedererweckung mit seinem alten Kumpel Frank Castorf teilnehmen durfte, tingelte er durch die Theaterprovinz und ging 1995 für fünf Jahre als Intendant ans Schauspielhaus Bochum. Nebenbei drehte er auch einige Kinofilme, wie den mittlerweile zum Kult gewordenen Ostalgiestreifen „Sonnenallee“ und der Westvariante „Herr Lehmann“ nach dem erfolgreichem Roman von Sven Regener. 2000 kam Haußmann schließlich doch noch an die Berliner Volksbühne und inszenierte dort den DDR-Filmklassiker „Paul und Paula“. Mit dem damals debütierenden Fabian Hinrichs in der Hauptrolle, verbreitete er eine fröhliche Lagerfeuerstimmung inklusive Gitarre und jeder Menge Hippieflair. Hinrichs hat sich seither glücklicherweise zu einem gefragten Bühnen- und Filmschauspieler entwickelt. Haußmann zog weiter ans Berliner Ensemble und wuchtete dort zweimal optisch gewaltig Shakespeare auf die Bühne. Im „Sommernachtstraum“ jagte er die verirrten Athener Pärchen durch einen riesigen Märchenwald und im „Sturm“, mit seinem Vater Edzard Haußmann als Prospero, strandete ein riesiger Schiffsbug auf der Bühne. Große Ausstattungen und popige Bühnenshows waren von jeher Haußmanns Markenzeichen.
Davon ist nun an der Volksbühne nur noch die Ausstattung übrig geblieben. Ein historisierendes Gründerzeitambiente mit Sesseln, Couch und Schrank hat ihm der Filmbühnenbildner Uli Hanisch gebaut. Der Vorhang gibt später den Blick auf eine gewaltige, drehbare Treppenanlage frei. Davor spielt sich das Drama dann auch über drei lange Stunden ab. Der Filmschauspieler Peter Lohmeier, als vom Kinderglauben abgefallener Pfarrer Rosmer, bewegt sich darin als hätte er einen Stock verschluckt. Annika Mauers freidenkende Rebekka West mit Kurzfrisur wurde von Schwiegermutter Doris Haußmann erst in eine rotseidene Robe und später etwas unvorteilhafter in Reformklamotten eingekleidet. So sitzt sie nun die meiste Zeit mit den anderen Beteiligten, wie dem von Ralf Dittrich verkörperten konservativen Eiferer Rektor Kroll, auf der Couch und gibt erst die mitfühlende Naive, bis dann endlich, zäh entrungen, die ganze schlimme Wahrheit über ihre Vergangenheit, Motivation und Triebe ans Tageslicht gezerrt werden.
Die erste Konversationsrunde zu Beginn hätte durchaus auch im für gediegene Langeweile eigentlich zuständigen Berliner Ensemble stattfinden können, bis dann irgendwann Uwe Dag Berlin als philosophierender Pinkelpenner auftaucht und sich seiner Klamotten entledigt. Ist Rosmers alter Hauslehrer Ulrik Brendel bei Ibsen noch eine tragisch gescheiterte Randfigur, ähnlich einem Dr. Rank in „Nora“, wird er hier zum Running Gag, indem er zum Schluss, nun sichtlich derangiert, noch mal auftaucht, um seinen Trolligen Hampel-Sketch zuende zu spielen. Komplettiert wird der Schrundkrimi noch vom Volksbühnenmimen Axel Wandke, als schmierigem Zeitungsverleger Mortensgárd, der einen Kurzauftritt mit Keksen und Piepsstimme hat und Margit Carstensen als Haushälterin Helseth, die wie ein Gespenst durch die Kulissen geistert und dadurch wenigstens etwas für geheimnisumwitterte Spannung sorgt. Eine große Überraschung ist die Auflösung der Story dann aber zum Schluss nicht mehr. Wie ein Vogel auf dünnen Draht, wie ein Betrunkener in mitternächtlichem Chor stürzt Haußmanns müde Dramaturgie langsam ab. Leonard Cohen säuselt aus den Lautsprechern und Dr. Kroll greift zum Akkordeon und singt Tom Waits. Das unheilvolle Paar steigt schließlich zum Schluss die Stufen zum Steg über den Mühlbach hinauf, dann sind wir endlich frei.
Leander Haußmann hat die gesamte bürgerliche Ibsenrezeption von Strindberg, Hofmannsthal, über die Psychoanalyse der Rebekka von Freud, bis zum schimpfenden Nietzsche aufgesogen und das Ganze, mit einigen Anleihen beim Krimi, vermischt als lahme Satire, angereichert mit etwas Trash, auf die Bühne gespuckt. Ein Hitchkok oder Chandler wird es trotzdem nicht, fesselnder Suspense sieht anders aus. Hier gerät es zu einer nicht enden wollende Folter. Die stocksteife Teeparty wird zum spannungslosen Ibsen-Exorzismus und Annika Mauer windet sich dazu filmreif auf der Couch. Auf die Couch möchte man nun ebenfalls sinken, hat aber über die gesamten drei Stunden nur den, trotz neuem Bezug, noch immer sehr unbequemen Volksbühnentheatersessel. Es staubt zusehends bei all der Lümmelei und Dümmelei auf der Bühne. Nur Kekse und Tee? Nee!
Familienprojekte an der Volksbühne stehen, nach dem ebenfalls missglückten Versuch von Clemens Schönborn Dumas „Kameliendame“ mit Verdis Oper „La Traviata“ zu vermischen, unter einem schlechten Stern. Selbst Sophie Rois und Zazie de Paris konnten die lahme Produktion um Suppenwürfel und Brie nicht retten. Die Frage ist, was Frank Castorf mit dieser aus der Not geborenen Idee von vor einem Jahr erreichen wollte. Leander Haußmann hat sich damit sicher keinen großen Gefallen getan und sollte zukünftig besser beim Kino bleiben. Sein nächster Film „Hotel Lux“ wurde übrigens auch schon als sehr verstörendes Tanztheater von Johann Kresnik an der Volksbühne aufgeführt. Bleibt zu konstatieren, dass es schon wesentlich bedeutendere Ibsen-Interpretationen an diesem Hause gab. Von Castorf selbst und von einem ehemaligen Apologeten des großen Meisters. Dieser hat gerade in Leipzig die Flinte ins Korn geworfen und dürfte nun sicher bald in Berlin aufschlagen, um am Portal und dem Theaterschlaf der Volksbühne zu rütteln. Unvergessen zumindest ist Sophie Rois als Helene Alving mit Turmfrisur in Sebastian Hartmanns Gespenster-Inszenierung. Dagegen war Leander Haußmanns Veralberungsversuch von Ibsens „Rosmersholm“ ein Nullsummenspiel. Der Eisberg im Pavillon ist abgeschmolzen, nichts ist davon übrig geblieben und ±0 geht dann auch die erste Runde in der neuen Volksbühnenspielzeit aus.

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Fazit zum Berliner Theatertreffen 2010

Freitag, Mai 28th, 2010

Ich habe jetzt erst das Fazit von Rüdiger Schaper im Tagesspiegel vom 25.5.2010 zum Theatertreffen vollends zu Ende gelesen. Was hat denn Herr Schaper so Essentielles gesagt. Er ist wie die Furie über die Inszenierungen hergefallen und hat Sie in Bausch und Bogen abgekanzelt. Dass da sicher einiges Beliebiges dabei war, ohne Frage. Aber da bekommt man als Leser des Tagesspiegels doch ein völlig falsches Bild, wenn man hier nicht auch noch ein paar andere Stimmen dazu hört.

Hier noch mal O-Ton Herr Schaper: „Mit ihrer Agenda 2010 ist die Jury auf dem kleinsten gemeinsten Nenner gelandet. Hier ein schockgefrorener Horváth mit Depressionsopfern, dort die volle Proll-Dröhnung der ‚Schmutzigen, Hässlichen und Gemeinen‘. Hier die miesen Alltagsmonster, die zwischen ‚Liebe und Geld‘ nicht mehr unterscheiden können, dort die Lemuren aus ‚Riesenbutzbach‘. Hier die aufgezogenen amerikanischen Androiden aus ‚Life and Times – Episode 1‘, dort die wortschwalligen ‚Kontrakte des Kaufmanns‘ der Elfriede Jelinek. Als ob die Theater in Köln und Wien, Hamburg und Berlin bloß noch die fiese Krise auf dem Spielplan hätten!“

Was wäre denn die Alternative gewesen? Trust und Die dritte Generation fällt ihm ein. Na ja, darauf könnte man sich sicher noch einigen. Aber wieso hat die Wirtschaftskrise auf der Bühne nichts zu suchen. Was wäre denn noch so relevant heute? Man schreit immer, das Theater ist nicht aktuell an den Problemen der Leute dran, es wird immer nur hinterher gehechelt und jetzt hat man ein überaktuelles Stück der Frau Jelinek und es ist wieder nicht das Richtige. Verstehe das wer will, ich jedenfalls nicht. Alles keine echten Menschen, nur Typen etc. etc. Was wäre denn, wenn die Menschen auf der Bühne so echt wären, das es schon dokumentarisch wird, das wäre auch wieder keine Kunst in den Augen des Herrn Schaper. Performance mit echten Menschen à la Marina Abramovic, die sich im New Yorker MOMA an einen Tisch vor die Besucher gesetzt hat, das findet er gut. Wie funktioniert das denn im Theater? Ich kann mich erinnern, dass so etwas Ähnliches in der Schaubühne stattgefunden hat. Stücke für jeden einzeln nach Wunsch zusammengestellt in Kabinen. Pollesch hat ein Gesellschaftsspiel in der Volksbühne organisiert. Wäre das etwas für Herrn Schaper?

Schlecht gespieltes Elend, ja wie sieht denn gut gespieltes aus? Elend ist Elend. Dann kommt er mit Franz Xaver Kroetz, Klasse, aber wo ist die passende Inszenierung dazu, her damit.

Dann hat er ja wenigstens noch 2 Stücke nicht verrissen. Schimmelpfennigs Goldener Drachen bekommt eine lobende Erwähnung, wegen Ansätzen von Leichtigkeit, was auch immer er da leichtes gesehen haben mag und der „Solitär“ ist der Kleine Mann, na wer hätte das gedacht. Das Stück mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner, auf den man sich einigen kann in diesem Jahrgang, wie schon eine Jury im Fernsehen. Und das ist dann der Volltreffer? Halt mich fest.

Ich will hier nur noch mal eine Lanze für Christoph Marthaler und Anna Viebrock brechen, da die hier in Berlin doch etwas untergegangen zu sein scheinen. Den Rest von Herrn Schapers Reflexionen vergesse ich lieber ganz schnell, sonst kriege ich noch nachträglich die Krise. Die „ewige Verblödungs- und Verödungsmasche“, Figuren, die „bemüht schlaff und maulfaul und lächerlich gekleidet ihre und unsere Zeit totschlagen“, das ist also sein Eindruck von Riesenbutzbach? Das geht doch nun wirklich nicht. Was hat er eigentlich erwartet?

Mein Erlebnis dieser Inszenierung liegt zwar schon etwas zurück, ich sah das Stück bei den Wiener Festwochen im letzten Jahr, aber es ist für mich nach wie vor so präsent, als wenn es gestern gewesen wäre. Es ist eben wie immer ein typischer Marthaler-Viebrock-Abend und die haben nie ein großes Brimborium gebraucht um ihren feinen Charme zu versprühen. Es wird dem Nachbarn direkt übern Gartenzaun geschaut. Wir sehen die Mittelschicht beim Abstieg, beim leisen Goodby-Gesang aus der Konsumwelt. Der Tresor klemmt am Anfang und zum Schluss werden die Möbel abgeholt. Das geht halt heute ohne großes Aufhebens mit der Musik von Schubert, Schumann und Beethovens Fidelio. Wir wollen ja bittschön kulturvoll vor die Hunde gehen. Da schwingt jede Menge feine Ironie und a bisserl Melancholie mit und wenn man schon glaubt alles scheint verloren, dann kommt der Kleinbürger mit viel Schmäh und den Bee Gees zurück. We are „Staying Alive”.