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Panikherz – Am Hamburger Thalia Theater bringt Christopher Rüping die Suchtbekenntnisse von Benjamin von Stuckrad-Barre ein weiteres Mal auf die Bühne

Montag, März 26th, 2018

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Vor genau einem Monat von Oliver Reese am Berliner Ensemble erstmals aufgeführt, ist Panikherz – die 2016 veröffentlichte Autobiografie von Benjamin von Stuckrad-Barre – nun in einer weiteren Bearbeitung von Christopher Rüping am Thalia Theater Hamburg zu sehen. Ähnlich wie Reese in Berlin stellt Rüping einen kollektiven Benjamin auf die Bühne. Bernd Grawert, Julian Greis, Franziska Hartmann, Pascal Houdus, Peter Maertens, Oda Thormeyer und Sebastian Zimmler teilen sich die Rolle des jungen wie auch des Mitte zwanzig- bis vierzigjährigen Journalisten und Schriftstellers, der mehrere Jahre seines Lebens im Drogenrausch verbrachte und auch an Bulimie litt.

 

Foto: St. B.

 

Christopher Rüping taucht aber wesentlich tiefer in die Abgründe dieses „Vollgaslifestyles“ ein. Wie im Buch geht es hier los mit der Ankunft im legendären Hotel Chateau Marmont in Los Angeles, wo Stuckrad-Barre mit Udo Lindenberg, seinem Idol aus Jugendjahren, eincheckt und für ein ganzen Jahr bleiben wird, um runter zu kommen und über sein bisheriges Leben nachzudenken. Panikherz ist dort entstanden. Immer wieder blickt der Autor von hier zurück auf seinen Werdegang, reflektiert seine Medienkarriere und das Abdriften in die Sucht. Auf zunächst leerer Bühne treten Peter Maertens und Sebastian Zimmler im Trockeneisnebel an die Rampe. Zimmler ganz in weiß gibt hier den Hauptpart als aus L.A. zurückschauender Stuckrad-Barre, Maertens wirkt wie eine Art Alter Ego. Ein Überlebender und in die Jahre gekommene Star. Sie sind aber auch ein aneinander gebundenes Zwillingspaar. „Verweile doch! Du bist so schön!“ hängt als große Leuchtreklame über der Bühne. Rüping sieht Stuckrad-Barres Leben auch als eine große Wette. Faust und Mephisto in einer Person. Die immer währende Walpurgisnacht eines Duos infernale.

Die Jugend des Pastorensohns, beginnend im Elternhaus in Rotenburg an der Wümme, wird dann vom restlichen Ensemble in Kapuzenpullis und Jogginghosen performt. Pubertäres Gehabe wechselt mit der Verehrung für sein Idol Udo Lindenberg, dessen Musik für Stuckrad Barre zur Initialzündung seines Lebenstraums wird. „Im Licht stehen.“ Kurz abgehandelt werden auch die ersten Stationen als Musikkritiker beim Nigthlife-Stadtmagazin in Göttingen, als Redakteur des Rolling Stone und der taz in Hamburg. Ein Traum wird war: Jeder Abend ein Spektakel. Rüping inszeniert diesen Beginn atmosphärisch dicht, nimmt Tempo auf, aber auch immer wieder raus, um in ruhigen Momenten den Fokus auf das Innenleben des Autor zu lenken. Das geschieht vorn am Mikrofon. Mikros hängen auch vom Schnürboden. Die Begleitmusik mixt Live-Musiker Christoph Hart. Ein Soundmix aus Technoklängen und Samplings bekannter Songs von Nirvana, Oasis, Blur, Elvis Costello, den Bates, einer Punkband, die heute kaum noch jemand kennt, und natürlich Udo Lindenberg, dessen Musik auch mal lauthals eingefordert wird und der als Double immer stumm anwesend ist.

 

Panikherz am Thalia Theater Hamburg
Foto (c) Krafft Angerer

 

Eine nicht ganz von Sentimentalität freie Reminiszenz an die Musik der 1980er und 90er Jahre, in denen alles begann, aber auch die Zeit des kalten Neoliberalismus nach der Wende eingeläutet wurde. Stuckrad-Barre liest Brett Easton Ellis und Jög Fauser, Idole, denen er nicht nur im Aussehen nacheifert. Nach dem kometenhaften Aufstieg folgt der Absturz in die Kokain- und Magersucht. Hin und wieder kommt Stuckrad-Barres Erzengelstimme vom Band, und einmal wird sein Besuch bei der WDR-Talksendung „Zimmer frei“ in den Bühnennebel projiziert. Da ist der Autor 27 Jahre alt und Götz Alsmann kündigt ihn mit den vielsagenden Worten an: „Was soll aus dem Jungen noch werden? Entweder Weltstar oder Drogensüchtiger.“ Warum nicht beides? Schnelle Kostüm- und Stimmungswechsel durchziehen den Abend. Das Ensemble stüzt sich in glitzernden Abendroben in die für Rüping typischen Infantilitäten und feiert eine italienische Nacht im Berliner Drogenrausch. Nach der Party folgt der Kater, Kotz-Arien, Klo-Meditationen, diverse Aufenthalte in Suchtkliniken.

Die Rettung kommt von Udo. Das asiatische Double nimmt die vor dem durchdringenden Udo-Blick schützende Brille ab. Stuckrad-Barre kehrt in den Schoß der Familie zurück wie ein verlorener Sohn. Ein wenig pathetisch steht dann nach der Pause Sebastian Zimmler in seinem weißen Anzug an der Rampe und wendet sich direkt ans Publikum, macht Konversation, etwas, was dem monologisierenden Buch in seiner konsequenten Ichbezogenheit fehlt. Er holt Zuschauerinnen in eine Sitzecke mit Plastikpalme auf die Bühne und monologisiert seinen Text zu zweit. In den Arm möchte man ihn hier nehmen. Ein Bild, das für die Liebes- und Anerkennungsbedürftigkeit des Soloalbum-Manns Stuckrad-Barre steht. In L.A. endet eine lange Nacht im Rausch. Was bleibt, ist ein latentes Suchtverlangen nach Action und Ruhm in Kopf und Körper, das nur durch Schlaftabletten ruhig gestellt werden kann.

Rüpings Inszenierung bleibt in den drei Stunden des Abends nah am Text des Autors. Die Dimension einer allgemeingültigen Analyse von Gesellschaft und Pop-Business, die zwischen den Zeilen von Stuckrad-Barres Suchtbekenntnissen steht, vermag aber auch Rüping nicht zu lesen. Stimmungsmäßig erfasst er den Roman allerdings wesentlich besser als Oliver Reese am BE, gerade weil er sich mehr Zeit dafür nimmt. Schauspielfutter für Selbstdarsteller ist Panikherz allemal. Alle bekommen hier ihren kleinen Soloauftritt. Und letztendlich überzeugt auch im Thalia Theater ein spielfreudiges Ensemble, das vom Publikum zurecht dafür gefeiert wird.

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Panikherz
von Benjamin von Stuckrad-Barre
in einer Bearbeitung von Christopher Rüping
Regie: Christopher Rüping
Musik: Christoph Hart
Bühne: Jonathan Mertz
Live-Musik: Christoph Hart
Kostüme: Anna-Maria Schories
Video: Su Steinmassl
Dramaturgie: Matthias Günther
Mit: Bernd Grawert, Julian Greis, Franziska Hartmann, Pascal Houdus, Peter Maertens, Oda Thormeyer, Sebastian Zimmler
Udo Lindenberg-Double (alternierend) Wenyen You / Chen Ding
Die Premiere war am 17. März 2018 im Thalia Theater Hamburg
Termine: 21., 23.03. / 07., 08., 18.04. / 06.05. / 08.07.2018

Infos: https://www.thalia-theater.de/de/

Zuerst erschienen am 18.03.2018 auf Kultura-Extra.

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Bertolt Brecht wird aktuell wieder landauf, landab gespielt – Die Münchner Kammerspiele zeigen seine frühen „Trommeln in der Nacht“ (frisch zum Theatertreffen 2018 eingeladen), das Staatstheater Cottbus die Hitlerparabel „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ und am vergleichsweise kleinen Berliner Theater unterm Dach ist das selten gespielte Stück „Die Tage der Commune“ zu sehen

Mittwoch, Januar 31st, 2018

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Trommeln in der Nacht – An den Münchner Kammerspielen versucht sich Christopher Rüping beim Kriegsheimkehrerstück von Bertolt Brecht in ästhetischer Abstraktion

Trommeln in der Nacht an den Münchner Kammerspielen – Foto (c) Julian Baumann

„Glotzt nicht so romantisch!“ steht an den Saaltüren der Münchner Kammerspiele und an der Balustrade zum Rang. Es wird Trommeln in der Nacht gegeben, ein Stück von Bertolt Brecht, das hier 1922 als sein erstes von Theaterlegende Otto Falkenberg uraufgeführt wurde. Brecht räumt hier mit dem bürgerlichen Illusionstheater auf. Der junge Autor schickt den nach vier Jahren aus dem Ersten Weltkrieg heimkehrenden Artilleristen Andreas Kargler durch das Berlin des Spartakusaufstands 1919. „Es geht los, die Massen erheben sich, Spartakus steht auf. Der Mord geht weiter.“ Kargler will zu seinem Mädchen Anna Balicke, die nach Jahren des Wartens auf den in Afrika Verschollenen von ihren Eltern mit dem Kriegsgewinnler Friedrich Murk verlobt werden soll. Sie erwartet auch bereits ein Kind von ihm. Fabrikbesitzer Balicke will von Granatkörben auf Kinderwagen umsatteln. Vor dem sich auf den Straßen sammelnde Revolutionsmob verkriecht man sich in die gute deutsche Stube. Der besitzlose Kriegsheimkehrer stört da nur wie ein unliebsames Gespenst. Enttäuscht schließt sich Kragler kurz den revolutionären Massen an. Als ihm Anna folgt, verlässt er aber die Aufständischen und verrät die Idee für ein großes, weiches Ehebett. „Mein Fleisch soll im Rinnstein verwesen, dass eure Idee in den Himmel kommt? Seid ihr besoffen?“

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95 Jahre nach der Uraufführung inszeniert nun Hausregisseur Christopher Rüping. Neben den Spruchbändern hat er sich von seinem Bühnenbildner Jonathan Mertz für die ersten Akte die Originalkulissen von 1922 nachbauen lassen. Familie Balicke sitzt dort in der heimischen Wohnstube, im Hintergrund ragen expressionistische Wohntürme des Molochs Berlin in den Bühnenhimmel. Wiebke Puls und Hannes Hellmann als Mutter und Vater Balicke, Wiebke Mollenhauer als Anna und der sich zur Verlobung anschickende Murk (Nils Kahnwald) wirken hier wie statische, expressionistische Textaufsagemaschinen. Ihnen ist der Naturalismus ausgetrieben, dem Brecht den Kampf angesagt hatte. Zuvor aber lässt Rüping noch Nils Kahnwald einen Text von Lion Feuchtwanger sprechen, in dem der Schriftsteller das Stück lobt und das Bühnenbild der Uraufführung beschreibt. Brecht hatte es ihm 1919 zu lesen gegeben, wohl in der Hoffnung auf Führsprache, die dann auch prompt kam. Trotzdem brauchte es drei weitere Jahre, bis der notorisch klamme Brecht eine Stelle als Dramaturg an den Kammerspielen und die Chance einer ersten Uraufführung bekam.

Man hört nostalgische Musik vom Grammophon. Das Deutschlandlied mit Sprüngen und das religiöse Lied Ich bete an die Nacht der Liebe, das als Nachtgebet preußischer Soldaten immer noch Bestandteil des Großen Zapfenstreichs der Bundeswehr ist. In diese steife Runde platzt der weiß gekalkte Christian Löber als Kragler tatsächlich wie ein Geist aus einer noch älteren Zeit. Er hat sich in Algier als Leichnam etabliert, doch daheim wird der deutsche Kriegsheld nicht mehr gebraucht. Rüping beginnt nun langsam immer mehr zu abstrahieren. Im zweiten Akt in der Piccadilly-Bar, in der Murk mit den Balickes die Verlobung feiern will, kommen die Stimmen aus einer alten Tonaufnahme vom Band. Später wird großes Drama und Komödie gespielt, wenn sich die Widersacher Murk und Kragler gegenüberstehen, man den Heimkehrer verspottet und Mutter Balicke nach mehr Kirschwasser schreit.

 

Trommeln in der Nacht an den Münchner Kammerspielen 
Foto (c) Julian Baumann

 

Nun wird auch eine Jukebox auf die Bühne geschoben, und Damian Rebgetz in der Rolle des Journalisten Babusch mimt den musikalischen Conferencier des Abends und singt Songs quer durch die Popgeschichte wie Billie Jean, I shot the Sheriff oder When a Man Loves a Woman. Dabei steigt er immer wieder für einen Kommentar oder Gag aus seiner Rolle aus. Nachdem die nachgebauten Brechtkulissen abgeräumt sind, löst Rüping die Rollenzuschreibungen in den Szenen in der Destille des Schnapshändlers Glupp weitestgehend auf. Batterien von Leuchtstoffröhren fahren herunter, und das durchweg starke Ensemble agiert in futuristischen Plastikfolienanzügen. Man skandiert an Mikrofonen Straßenparolen, der Text wird auch mal im Chor gesprochen, und Rebgetz mixt dazu als DJ an den Turntables einen minimalistischen Technosound. Verfremdung modern sozusagen. Da dem Regisseur die Propaganda im Stück so peinlich wie Brecht der Rückzug seines Protagonisten ins Private zu sein scheint, gleitet die Inszenierung nun allerdings immer mehr ins Ungefähre.

Wie würden Sie sich in Zeiten des Umbruchs entscheiden? Die große moralische Frage des Abends wird zwar nicht direkt ausgesprochen, kreist aber über allem, wenn da nicht das Paar Anna und Kragler mit Ansprachen direkt ins Publikum die Bühnenillusion des falschen Happy Ends der Zweisamkeit im Bett zerstören und wie zum Beweis auch noch Teile des Bühnenbilds samt rotem Mond zerschreddert würden. Radikal will hier die Inszenierung sein, so radikal wie Brechts Sprache. Das gelingt dem Regisseur auch in Ansätzen. Der Abend im Ganzen bleibt aber mehr ein rein ästhetischer Versuch Brecht neu zu fassen. Christopher Rüping bietet auch ein zweites, alternatives Ende „nach Brecht“ an, bei dem sich Kragler für den Kampf im Zeitungs-Viertel entscheidet. Doch auch da wird es dem Publikum überlassen bleiben, die richtigen Schlüsse selbst zu ziehen.

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TROMMELN IN DER NACHT (Kammer 1, 01.01.2018)
Von Bertolt Brecht
Inszenierung: Christopher Rüping
Bühne: Jonathan Mertz
Kostüme: Lene Schwind
Licht: Christian Schweig
Musik: Christoph Hart, Damian Rebgetz, Paul Hankinson
Dramaturgie: Katinka Deecke
Mit: Christian Löber, Damian Rebgetz, Hannes Hellmann, Nils Kahnwald, Wiebke Mollenhauer, Wiebke Puls
Die Premiere war am 14. Dezember 2017 in den Münchner Kammerspielen
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
Termine:
In der Version von Brecht: 04., 22.02.2018
In der Version nach Brecht: 15.02.2018

Infos: https://www.muenchner-kammerspiele.de/

Zuerst erschienen am 03.01.2018 auf Kultura-Extra.

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Gangster, Knarren und Kohlköpfe – Malte Kreuzfeldt inszeniert Bertolt Brechts Hitler-Parabel Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui als große Sigrun-Fischer-Show

Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui am Staatstheater Cottbus
Foto (c) Marlies Kross

Bertolt Brecht wollte sein 1941 im finnischen Exil Exil geschriebene Stück Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui von Erwin Piscator in den USA als parabelhaftes Beispiel für den Aufstieg Adolf Hitlers in Deutschland der 1930er Jahre uraufführen lassen. Obwohl er es auch an die Geschichte des US-amerikanischen Gangsters Al Capone anlegte, stieß der Text auf kein großes Interesse. Die Uraufführung konnte erst nach dem Krieg 1958 in Stuttgart stattfinden. Den Arturo Ui spielte der große Wolfgang Kieling. In der Aufführung des Berliner Ensembles gab Ekkehard Schall ab 1959 über 500 Mal den Ui. Der berühmteste gesamtdeutsche Ui-Darsteller dürfte wohl Martin Wuttke sein, der von 1995 bis zum Ende der Peymann-Ära am Berliner Ensemble in der Rolle des skrupellos nach Macht strebenden Chicagoer Gangsterbosses auf der Bühne stand. Die Heiner-Müller-Inszenierung soll auch unter Oliver Reese wieder ins Programm genommen werden.

In Zeiten rechter, die Massen verführender Populisten steht der Arturo Ui wieder verstärkt auf den Spielplänen der Theater. Pegida und AfD machen Front gegen Flüchtlinge und sogenannte Volksverräter. Am Ort des nun Brechts Parabel aufführenden Staatstheaters Cottbus heißt der Verein der selbsternannten besorgten Bürger „Zukunft Heimat“. Nach Messerattacken zweier jugendlicher Syrer organisierten die Rechten eine Demonstration für einen Aufnahmestopp weiterer Geflüchteter, auf der auch Journalisten beschimpft und attackiert wurden. Die Parallelen zum Schutz anbietenden Gangsterboss Arturo Ui drängen sich also auf, wenn auch historisch gesehen nicht ganz eins zu eins. Was allerdings passt, ist die Besetzung des Ui mit der Schauspielerin Sigrun Fischer. Eine Art Alice Weidel im Hosenanzug mit Zopf und Charlie-Chaplin-Melone. Nicht die erste weibliche Besetzung der Rolle, und auch Regisseur Malte Kreuzfeldt wartete bereits 2014 mit einer Hosenrolle von Shakespeares Richard III. am Schauspiel Chemnitz auf.

Das fügt sich gut, hatte doch auch Brecht nicht nur Al Capone und echte Zeitgenossen Hitlers unter anderen Namen für Uis gewaltsame, die Stadt geschickt erpressende Machtübernahme im Sinn, sondern parodierte in der Szene der Einverleibung der Nachbarstadt Cicero in den Chicagoer Karfioltrust neben Goethes Faust auch den buckligen Königsmörder Richard. Diese die Angliederung Österreichs an Deutschland darstellende Spielszene ist mit das Beste des Abends, aber auch schon so gut wie das Ende einer Inszenierung, bei der Malte Kreuzfeldt Brechts Stück relativ glatt vom Blatt weg spielen lässt. Fischer kann sich hier ein ums andere Mal stark in Szene setzen. Beim Begräbnis des Ignatius Dullfeet (Boris Schwiebert) macht ihr Ui, nachdem er den Sarg ausgeräumt hat, der trauernden Witwe erst einen Antrag und verschafft sich dann die Zusage der Vereinigung mit einer Runde Waterboarding. Zwar erscheinen Ui wie Richard die Toten seines blutigen Aufstiegs, die Furcht hat da aber schon längst ja-sagendes Stimmvieh aus den Bürgern Ciceros gemacht.

 

Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui am Staatstheater Cottbus – Foto (c) Marlies Kross

 

Malte Kreutfeldt lässt den Abend am Cottbuser Staatstheater mit einem Vorspiel aus MPi-Salven zur filmreifen Orchestermusik beginnen. Jede Menge Blumenkohlköpfe rollen über die mit Mulch bedeckte Bühne, und Sigrun Fischer rennt in Zeitlupe zur Rampe, diverse nordamerikanische Städte aufzählend. Am Anfang ist das noch wie ein Traum des mit Minderwertigkeitskomplexen und einem zischenden Sprachfehler belasteten Möchtergern-Gangsters. Am Ende werden weitere Städte der Welt in dieser Aufzählung folgen. Im Stil amerikanischer Gangsterfilme sitzt hier der Browning locker. Man trägt zwar Stiefel statt Gamaschen, ansonsten sind die Kostüme von Katharina Beth den 1930er Jahren nach passend gewählt. Der alte Dogsborough (Rolf-Jürgen Gebert), den die Mitglieder des Chicagoer Karfioltrusts (Boris Schwiebert, Axel Strothmann, Michale von Benningsen) mit einem dicken Aktienpaket bestochen haben, trägt Weiß und hört Arien der Callas. Die Trust-Männer sind wie Manager gekleidet, verdankte doch auch Hitler seinen Aufstieg korrupten Politikern und Konzernen.

Den Prolog des Ansagers teilt Kreuzfeldt auf zwei Mädchen auf, die immer wieder im Stück Teile daraus aufsagen. Das mag eine Konzession an Brechts epischen Stil sein, sonst ist das nur netter Gag, genau wie die Auftritte von Gunnar Golkowski und Thomas Harms als Uis Kumpane Givola und Giri. Letzterer trägt die Hüte der von ihm Umgebrachten übereinander. Die Lehrstunde des kleinen Diktators Ui wird dann ganz zur clownesken Chaplinade mit Reclamheften dem ganzen Ensemble als Schauspielerchor. Hier darf sich Fischer zum ersten Mal als großer Populist auf dem Tisch zeigen. Bedrohlich ernst wird es an diesem Abend dann allerdings erst recht spät.

Bis dahin spult die Regie brav alle Stationen des Stücks ab, vom Pakt mit Dogsborough und dem Karfioltrust über den Lagerhausbrand mit gefaktem Prozess und falschen Zeugen bis zum Verrat und Mord am außer Kontrolle geratenen Roma (Volker Weidlich), der dem Aufstieg des alten Busenfreunds im Wege steht. Im Wege scheinen dem Regisseur auch sein Hang zur großen Oper und die Last der Vorbildern gestanden zu haben. Schon Heiner Müller hielt nicht viel von Brechts Stück. Er hat es als böse Farce mit lauten Showeffekten inszeniert. Leider ist auch in Cottbus trotz starker Hauptdarstellerin und guter Ensembleleistung außer Gangster-Show nicht allzu viel mehr zu sehen.

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Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui (Staatstheater Cottbus, 27.01.2018)
Stück von Bertolt Brecht
Regie & Bühne: Malte Kreutzfeldt
Kostüme: Katharina Beth
Dramaturgie: Bettina Jantzen
Regieassistenz: Maria Bock
Besetzung:
Arturo Ui: Sigrun Fischer
Ernesto Roma: Volker Weidlich
Manuele Giri: Thomas Harms
Bowl/Giuseppe Givola: Gunnar Golkowski
Dockdaisy/Zeugin/Arzt: Lisa Schützenberger
Butcher/Ignatius Dullfeet: Boris Schwiebert
Caruther/Hook: Axel Strothmann
Flake/Fish: Michael von Bennigsen
Der alte Dogsborough: Rolf-Jürgen Gebert
Grünzeughändlerin/Frau/Betty Dullfeet: Kristin Muthwill
Grünzeughändler/Sheet/O´Casey/Verteidiger: Amadeus Gollner
Der junge Dogsborough/Inna: Moritz Baumert / Jannes Kroß
Mädchen: Mathilde Goetze, Nina Preusche
Die Premiere war am 27.01.2018 im Staatstheater Cottbus, Großes Haus
Termine: 01., 15.02. / 07.03. / 14.04. / 12.05. / 06.06.2018

Infos: http://www.staatstheater-cottbus.de/

Zuerst erschienen am 28.01.2018 auf Kultura-Extra.

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Die Tage der Commune – Berliner Erstaufführung der Originalfassung von Bertolt Brecht aus dem Jahr 1949 durch das Simon Dach Projekttheaters im Theater unterm Dach

Will man über proletarische Revolutionen sprechen, kommt man neben der russischen Oktoberrevolution, die sich gerade zum 100. Male jährt, nicht um die Erwähnung der Pariser Kommune herum, die sich in den Wirren des ausgehenden Deutsch-Französischen Kriegs 1871 ganze 72 Tage hielt, bevor sie von den aus Preußen finanzierten französischen Regierungstruppen blutig niedergeschlagen wurde. Karl Marx grüßte die Pariser Kommunarden aus London und bezeichnete sie als „Himmelstürmer“. August Bebel brachte seine Unterstützung für die Kommune in einer Rede vor dem Reichstag zum Ausdruck. Als frühestes Beispiel für eine rätedemokratische Gesellschaftsorganisation und erste Diktatur des Proletariats von Kommunisten und Sozialisten noch heute verehrt, gilt sie im bürgerlich-konservativen Lager eher als Aufstand des Pariser Mobs, der selbstermächtigt handelte, die Stadt anzündete und Geiseln erschoss. In der Entstehung und im Beginn sind die beiden Ereignisse durchaus vergleichbar. Was sie unterscheidet, ist das Ende.

 

Das Simon Dach Projekttheater zu Gast am Theater unterm Dach

 

Bertolt Brecht sah nach seiner Rückkehr aus dem amerikanischen Exil im geschlagenen Deutschland eine ähnliche Situation und verarbeitete das Scheitern der Pariser Kommune in einer politischen Parabel. Sein 1949 entstandenes Stück Die Tage der Commune stützt sich dabei auf das Lehrstück Die Niederlage des norwegischen Dichters und Kommunisten Nordahl Grieg. Die Übersetzung stammt von Brechts langjähriger Mitarbeiterin Margarete Steffin. Zunächst wollte Brecht mit Griegs Stück sogar das Berliner Ensembles eröffnen. Entschied sich dann nach der Lektüre aber für eine Überarbeitung. Am Text selbst arbeitete maßgeblich Ruth Berlau mit. Brecht bedachte sie in seinem Testament sogar mit der Hälfte der künftigen Einnahmen an dem Stück. Bis zu seinem Tod hat Brecht gemeinsam mit Benno Besson und Manfred Wekwerth den Text immer wieder überarbeitet.

Die Uraufführung 1956 – nach Brechts Tod – in der Regie von Benno Besson in Chemnitz hatte wenig Erfolg. Eine Bearbeitung des Stücks von Manfred Wekwerth und Joachim Tenschert kam 1962 am Berliner Ensemble heraus. Die Inszenierung ist bis heute legendär und wurde 1966 auch für das DDR-Fernsehen aufgezeichnet. Die Neuinszenierung des unabhängigen Simon Dach Projekttheaters (SiDat!), die am 17.11.2017 (auf den Tag genau 61 Jahre nach der Chemnitzer Uraufführung) im Theater unterm Dach ihre Berliner Erstaufführung feierte, fußt wiederum auf Brechts Originalfassung.

Wie SiDat!-Leiter Peter Wittig auf der Website der Theatergruppe mitteilt, wolle man kein Historiendrama spielen, sondern den Rückblick auf vergangene Kämpfe als Vorblick auf die zukünftigen riskieren. Es geht hier also nicht nur um die Würdigung der Pariser Kommune als historisches Ereignis, sondern um die kritische Betrachtung ihrer revolutionären Leistung sowie deren Fehler in Hinblick auf die heutige und zukünftige Zeit. Da ist man in der Tat nah an Brechts Intension.

 

Die Tage der Commune von Brecht im Theater unterm Dach
Foto (c) Linda Loechte

 

Der Dichter schildert die 72 Tage der Kommune aus der Sicht der fiktiven Pariser Familie Cabet aus der Rue Pigalle. Neben Freunden und Nachbarn treten vor allem Kämpfer der rebellierenden Nationalgarde, regierungstreue Liniensoldaten, Offiziere, Bürger und Delegierte der Pariser Kommune sowie historische Persönlichkeiten wie etwa der französische Außenminister Favre, der Ministerpräsident der Nationalversammlung Thiers, der preußische Kanzler Bismarck und der Kommunardenführer Delescluze auf. Brecht hielt sich bei der Darstellung der historischen Fakten an das Buch Geschichte der Commune von 1871, geschrieben vom Journalisten und Teilnehmer an der Pariser Kommune Prosper Lissagaray. Später in Berlin standen ihm auch Material des Historikers Hermann Duncker und Kopien der Protokolle der 31 Sitzungen der Kommune zur Verfügung.

Die Musik zu Brechts Gedichten und Liedern der Commune wurde vom Komponisten Hanns Eisler beigesteuert. Am Theater unterm Dach erklingen einige Orchesterzwischenstücke vom Band, die Lieder wie Resolution (In Erwägung…), Keine oder alle, Margot ging auf den Markt heut früh oder Père Josèphe werden im Chor oder solistisch vorgetragen und von Uwe Streibel am Klavier begleitet. Zusätzlich eingefügt hat Peter Wittig die berühmte Ballade vom Wasserrad (gesungen von Margarete Steinhäuser, der Darstellerin der Madame Cabet), die eigentlich aus Brechts Lehrstück Die Rundköpfe und die Spitzköpfe stammt, dem Regisseur hier aber wegen der Aussage „dass, was oben ist, nicht oben bleibt“ passend erschien.

Die Inszenierung beginnt mit einem musikalischen Vorspiel vom Band, bei dem das Ensemble auf der Bühne steht und auf die Rückwand der Titel der zugrunde liegenden Spielfassung, in Brechts Versuche Bd. 15 abgedruckt, eingeblendet wird. Das ist das Bekenntnis zum Original, dass dann auch relativ ungekürzt vom Blatt gespielt wird. In weiteren Szenen sieht man den Hühnerraub im Café in der Rue Pigalle, die Verteidigung der Kanone durch die Kommunarden, viele weitere Straßenszenen, zahlreiche Sitzungen der im Stadthaus versammelten Kommunarden sowie die Unterredung zwischen Favre und Thiers über die Notwendigkeit der Niederschlagung der Kommune und später die Vereinbarungen zwischen Favre und dem preußischen Kanzler Bismarck über die Freilassung kriegsgefangener französischer Bataillone zum Einsatz gegen die Kommune.

Wittig lässt das durchaus brechtisch spielen. Es kommen Masken für die bourgeoisen Politiker zum Einsatz, die SpielerInnen treten für Erklärungen kurz aus ihren Rollen heraus. Es werden Tafeln mit Losungen gezeigt, Umbau und Kostümwechsel erfolgen auf offener Bühne, und das Publikum wird sogar mit einbezogen beim chorischen Sprechen von Texten oder einem Tänzchen mit dem Ensemble zur Feier der Wahlen. Gemäß Brecht kommt hier auch der kulinarische Genuss nicht zu kurz. Nationalgardist „Papa“, bei Robert Schonk ein beherzter und bezopfter Proletarier mit Bauarbeiterhelm, weiß: „Mein Sohn, man lebt für das Extra. Es muß her, und wenn man Kanonen dafür benötigt. Denn wofür leistet man etwas? Dafür, daß man sich etwas leistet! Prost!“ Das freie Volk macht nun die Gesetze, versteht sich als Arbeitende und Genießende gleichermaßen.

Natürlich kommt man hier zwangsläufig nicht an der Gewaltfrage vorbei, die im Stadthaus auch heiß diskutiert wird. Man ist sich nicht einig, will die errungene persönliche Freiheit zwar schützen, kann sich aber nicht dazu durchringen gegen die nach Versailles geflüchtete Regierung zu marschieren. Doch wie es schon in der Heiligen Johanna der Schlachthöfe heißt: „Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht“, so wird die Uneinigkeit den Kommunarden schließlich zum Verhängnis. Den blutigen Barrikadenkampf gegen die zahlenmäßig überlegenen Regierungstruppen können sie nicht gewinnen.

Der Apfelbaum in der Rue Pigalle blüht hier am Ende in den Kränzen auf den Köpfen der Kommunarden. Man kann das verschiedentlich interpretieren. Als Requiem oder Hoffnungsschimmer. Das steht und fällt mit der Einstellung zum marxistischen Standpunkt Brechts. Und der besteht bei Regisseur Wittig nicht nur aus dem Winken mit der roten Fahne, sondern im konkreten Zusammenspiel des Möglichen mit dem Nötigen. Das ist sicher aus der Sicht heutiger Brecht-Interpretationen des modernen Regietheaters etwas verpönt, undenkbar ist es deswegen nicht. Die Fragen nach Demokratie oder Diktatur, Räteregierung oder bürgerlichem Parlamentarismus, Sozialismus oder sozialer Marktwirtschaft mit Hartz-IV-Regelungen bleiben aktuell.

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Die Tage der Commune (Theater unterm Dach, 19.11.2017)
Von Bertolt Brecht, Musik: Hanns Eisler
Berliner Erstaufführung der Originalfassung
Vom Simon Dach Projekttheater (SiDat!)
Regie und Ausstattung: Peter Wittig
Musikalische Leitung und Klavier: Uwe Streibel
Choreographie: Nadja Herzog
Regieassistenz: Linda Loechte
Mit: Margarete Steinhäuser, Robert Schonk, Anne Sophy Schleicher,
Markus Riexinger, Maximilian Wrede, Bianca Faber, Jerome Winistädt, Konstantin Klemm, David Hannak, Merlin Delhaes und Peter Wittig
Premiere war am 17. November 2017
Weitere Termine: 23., 24., 25.02.2018
Weitere Infos siehe auch: http://www.sidat-pro.de/

Zuerst erscheinen am 22.11.2017 auf Kultura-Extra.

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„Der Spieler“ in München und „Der Idiot“ in Dresden – Gemeinsamkeiten und Unterschiede zweier Adaptionen von Dostojewski-Romanen

Mittwoch, April 6th, 2016

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Christopher Rüping inszeniert an den Münchner Kammerspielen unter neuer Intendanz eine verspielte Adaption des Romans Der Spieler

Die Überraschung war groß, als im September 2013 bekannt wurde, dass Matthias Lilienthal, der ehemalige Leiter des Berliner Hebbel am Ufer, die Nachfolge von Johan Simons als Intendant der Münchner Kammerspiele antreten würde. Lilienthal steht programmatisch eher für interdisziplinäre Kunst und ein genreübergreifendes Theater. Und obwohl er versprach, dass drei Viertel des Programms ganz normales Ensemble- und Repertoiretheater sei, werden nun auch Musik, Architektur, bildende Kunst und Performance im Traditionshaus an der schicken Shoppingmeile Maximilianstraße Einzug halten. Neben den an deutschsprachigen Stadttheatern bereits gut bekannten Regisseuren wie Nicolas Stemann, Stefan Pucher, David Marton oder Simon Stone werden weitere internationale Künstler wie Rabih Mroué, Philippe Quesne und Boris Nikitin sowie freie Theaterkollektive wie Rimini Protokoll, Gob Squad und She She Pop an den Kammerspielen arbeiten.

 

Dostojewski in der Kammer 1 - Foto: St. B.

Dostojewski in der Kammer 1 – Foto: St. B.

 

Ein weiterer Neuzugang als junger Hausregisseur ist Christopher Rüping, der bereits mit seiner Stuttgarter Bühnenadaption des Dogma-Klassikers Das Fest zum letzten Theatertreffen eingeladen wurde und u.a. auch für das Deutsche Theater Berlin inszeniert. Das hoffnungsvolle Regietalent hat sich mit einer Adaption des Romans Der Spieler von Fjodor Dostojewski gleich einen Brocken Weltliteratur als Einstand ausgesucht. Wobei Der Spieler mit seinen nur etwas über 200 Seiten eher als Leichtgewicht unter den immer wieder gern für die Bühne adaptierten Werken des russischen Schriftstellers zählt. Auch Frank Castorf hat ihn schon an der Volksbühne inszeniert. Dostojewski – selbst an permanenter Geldnot leidend – diktierte die Story um eine illustre Gesellschaft, die im fiktiven Ort Roulettenburg ihrer Spielsucht frönt, innerhalb von nur einem Monat seiner Frau, um wegen der Schulden gegenüber seinem Verleger nicht die Rechte an seinen Romanen zu verlieren. Die Geschichte des jungen Aleksej, Hauslehrer im Dienste des Generals Sagorjanski, der in seiner Liebe zu dessen Stieftochter Polina der Spielsucht verfällt, trägt auch autobiografische Züge.

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Passend zum Thema geht Christopher Rüping seine Inszenierung, die am 17. Dezember 2015 Premiere hatte, auch ganz spielerisch an. Als Art Katalysatoren dienen ihm dabei die beiden jüngeren Kinder des Generals Mischa und Nadja, die verdoppelt in der Gestalt der 9-12-jährigen Kinder Kaspar Huber, Jasper Kohrs, Zoë von Weitershausen und Marlene Witzigmann zu Anfang im Bühnenbild aus lauter aufgestapelten Umzugskisten auftreten, dem Souffleur Joachim Wörmsdorf (der nebenbei noch einen eher wortlosen Mr. Astley gibt) das Textbuch wegnehmen und eben wie im Spiel die ersten Seiten des Romans mit der Vorstellung aller handelnden Personen bei einer Gesellschaft im Haus des Generals szenisch lesend performen. Zu launiger Klaviermusik arbeiten sie sich besonders schön an der recht bildlichen Darstellung der Charaktere ab und stupsen nach und nach die noch etwas lethargisch wirkenden SchauspielerInnen des Ensembles in ihre Rollen.

Es hat durchaus seinen Witz, das Spiel hier buchstäblich wörtlich zu nehmen, was sich dann auch in den weiteren Romanszenen fortsetzt, die Christopher Rüping recht chronologisch abhandelt. Hie und da läuft dem jungen Regisseur sein performativer Grundgedanke, das Ganze wie eine improvisierte Stellprobe aussehen zu lassen, in der jeder noch nach der Haltung zu seiner Figur sucht, aber etwas aus dem Ruder. Der hochverschuldete General (Gundars Āboliņš) tritt irgendwann als tapsiger russischer Bär auf, der den alle finanziell in der Hand habenden Franzosen Marquis de Grieux ständig angrunzt. Niels Bormann spielt ihn näselnd im Rokokokostüm mit Perücke. Mademoiselle Blanche, die Geliebte des Generals, ist bei Ivana Uhlířová eine rätselhafte Frau mit Vergangenheit, die ihre Kostüme wie die Namen wechselt. Halbwegs normal wirkt da noch die Polina der Anna Drexler, die sich allerdings mit Thomas Schmauser, dem Darsteller der Hauptfigur Alexej, ein paar schöne dann auch wieder recht eigenwillige Rededuelle liefert. Mit diesen beiden steht und fällt die gesamte Inszenierung.

 

Der Spieler an den Münchner Kammerspielen - Foto (C) David Baltzer

Der Spieler an den Münchner Kammerspielen
Foto (C) David Baltzer

 

Einerseits macht Rüping im intensiven Zusammenspiel von Polina und Alexej sehr schön die zerstörerischen Wechselwirkungen des Spiels um Geld und/oder Liebe deutlich, andererseits übertreibt es der Regisseur auch ein wenig, wenn Schmauser immer wieder aus der Inszenierung aussteigt und auch noch mit Pieps-Stimme die plötzlich in Roulettenburg auftauchende Tante des Generals spielen muss. Die Babuschka, an deren Rockzipfel die Kinder hängen, haut nun das Erbe, auf das die ganze Blase eigentlich wartet, bei einem Kasinobesuch auf den Kopf, während die anderen hilflos über die gesamte Pause in Schaukelseilen hängend dem finanziellen Crash zusehen müssen. Zero, nichts geht mehr. Das Spiel im Spiel ufert nun in wildem Tanz, Schlagen mit Schaumstoffschlangen sowie ständigem Umstapeln und Einstürzenlassen der Kisten aus. Der Einsatz von Mikrofonen, das Projizieren von Live-Videos auf die Kisten und laute Sounds vom Band verstärken noch die etwas zu infantil geratene Dekonstruktion, ohne wirklich den Spielzwang als Ausbruchsversuch zu erklären.

Ein bisschen Ernüchterung ob all des Spaßes am Spiel macht sich dann auch gegen Ende des gut dreistündigen Abends breit. Die Hinterbühne öffnet sich, und die Figuren, nun in Paris angekommen, irrlichtern verloren in den Kulissen herum. Niels Bormanns erzählt in aller Ruhe Alexej das Ende der Geschichte und dass Polina nun bei Mr. Astley in der Schweiz sei, ihn aber gerne noch einmal wiedersehen würde. Allein Schmausers Alexej hat sich nun vollends seiner Sucht ergeben und findet wie ein völlig überdrehtes aber erschöpftes Kind nicht mehr raus aus dem Spielmodus. Wie zu Beginn wieder an der Rampe stehend deklamieren die Kinder: „Das sind alles nur Worte und wieder Worte, und hier sind Taten nötig!“ Rüpings assoziatives Spiel-Experiment zeigt sich da selbst etwas ratlos.

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Der Spieler (Kammer 1, 30.12.2015)
von Fjodor Dostojewski
in der Übersetzung von Swetlana Geier
Regie: Christopher Rüping, Bühne: Jonathan Mertz, Kostüme: Lene Schwind, Musik: Christoph Hart, Video: Bert Zander, Licht: Christian Schweig, Dramaturgie: Benjamin von Blomberg
Mit: Gundars Āboliņš, Niels Bormann, Anna Drexler, Thomas Schmauser, Ivana Uhlířová, Kaspar Huber, Nikolai Huber, Jasper Kohrs, Zoë von Weitershausen, Marlene Witzigmann, Joachim Wörmsdorf

Premiere an den Münchner Kammerspielen war am 17.12.2015
Dauer: 3 Stunden 20 Minuten, eine Pause

Termine: 14.05.2016

Infos: http://www.muenchner-kammerspiele.de

Zuerst erschienen am 07.01.2015 auf Kultura-Extra.


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Der Idiot – Ex-Burgdirektor Matthias Hartmann lässt am Staatsschauspiel Dresden Dostojewskis Roman nacherzählen

Auch Der Idiot hat wie schon der zwei Jahre zuvor entstandene Roman Der Spieler autobiografische Bezüge. Fjodor Dostojewski litt wie seine Hauptfigur, Fürst Myschkin, an Epilepsie. Die Anfälle verursachten bei ihm tagelange Dämmerzustände und Depressionen. Die Augenblicke kurz davor empfand Dostojewski allerdings als „solches Glück, wie es in gewöhnlichem Zustand nicht möglich ist…“. „Ich fühle in mir und in der Welt eine vollständige Harmonie, und dieses Gefühl ist so stark und so süß, dass man für einige Sekunden dieser Seligkeit, zehn Jahre seines Lebens, ja, meinetwegen das ganze Leben hingeben könnte.“ Über solche „Lichtblitze“, oder „Augenblicke höheren Bewusstseins“ berichtet auch Lew Nikolajewitsch Myschkin. Er betrachtet diese Empfindungen aber auch ganz nüchtern als eine „Unterbrechung des normalen Zustandes, eben als seine Krankheit“.

 

Dostojewski am Staatsschauspiel Dresden - Foto: St. B.

Dostojewski am Staatsschauspiel Dresden – Foto: St. B.

 

Dostojewski hat mit dem jungen Fürsten Myschkin, der nach einem längeren Aufenthalt in einem Schweizer Sanatorium nach St. Petersburg zurückkehrt, eine große idealistische Außenseitergestalt geschaffen, einen „vollkommen guten und schönen Menschen“, der von den anderen nur als unschuldiger „armer Ritter“, oder auch „Christus-Narr“ bezeichnet wird. Und dennoch verfallen alle seiner grundehrlichen, einnehmenden Art und beginnen völlig irrational gegen ihren eigenen Vorteil zu handeln. So wie im Spieler der Protagonist Aleksej Iwanowitsch das Geld als Voraussetzung für das Glück in der Liebe ansieht und damit der Spielsucht verfällt, sind die Figuren im Roman Der Idiot bereit für die Leidenschaft ihren Reichtum bedingungslos hinzugeben. Aber auch sonst gibt es einige Ähnlichkeiten zwischen den Personen beider Romane. Hier wie da geht es um Geld oder Liebe.

Und natürlich endet auch Der Idiot tragisch. Einerseits steht Myschkin zwischen zwei Frauen, der Geliebten des Großgrundbesitzer Totzkij, Nastassja Filippowna Baraschkowa, und der Generalstochter Aglaja Iwanowna Jepantschina, anderseits bilden der Fürst und der Kaufmann Rogoschin eine weitere verhängnisvolle Dreiecksbeziehung mit Nastassja. Myschkin will die als junges Mädchen von Totzkij missbrauchte Nastassja aus Mitleid heiraten, was diese allerdings in letzter Minute ablehnt und später vom eifersüchtigen Rogoschin erstochen wird. Daraufhin verfällt Myschkin wieder in seinen alten Krankheitszustand und kehrt ins Schweizer Sanatorium zurück.

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Legendär ist sicher die knapp sechsstündige Adaption von Frank Castorf im Neustadt-Bühnenbild von Bert Neumann an der Berliner Volksbühne mit Martin Wuttke in der Hauptrolle. Ganz so wild treibt es Matthias Hartmann in seiner ersten Regiearbeit am Staatsschauspiel Dresden nach dem schmählichen Rauswurf am Burgtheater Wien, dessen juristische Folgen für ihn immer noch nicht gänzlich absehbar sind, nicht. Ist dadurch Hartmanns Ansehen als Intendant mit Sicherheit etwas ramponiert, so hat er sich zumindest seinen doch teils ironisch boulevardesken Regiestil bewahrt. Und noch etwas Bewährtes hat der Ex-Burgdirektor mitgebracht. Johannes Schütz recycelt sein Türen-Bühnenbild aus Hartmanns Wiener Inszenierung von Schillers Der Parasit. Diesmal sogar mit herausziehbaren Wänden. Und ganz im Stile seiner Krieg und Frieden-Stückentwicklung am Kasino Wien lässt der Regisseur auch in Dresden das Ensemble an die Rampe treten und alle tragenden Rollen erzählender Weise vorstellen.

Doch zunächst hat der junge Dresdner Schauspieler André Kaczmarczyk in einer Art Prolog seinen großen Auftritt als Fürst Myschkin mit besagten Lichtblitzen, Störgeräuschen und einem Monolog über die höchste Harmonie und Schönheit gegen die Störung des Normalzustands durch die Krankheit. Im ersten Teil des Abends entwickelt sich nun Stück für Stück und Szene für Szene die Handlung von der Ankunft des Fürsten im Zug, der Begegnung mit Rokoschin (auftrumpfend Christian Erdmann) und dem Beamten Lebedjew (fast hündisch auf Knien rutschend Philipp Lux) über den Antrittsbesuch im Haus des Generals Jepanschin (Holger Hübner) und der Vorstellung bei Gattin (mit viel trockenem Humor Rosa Enskat) und Töchtern (Lieke Hoppe als Aglaja und Cathleen Baumann im Kopftuchwechsel die beiden anderen) bis hin zur bildhaften Erscheinung von Nastassja (Yohanna Schwertfeger), die von Totzkij (Rainer Philippi) mit Ganja Iwolgin (Kilian Land) mitgiftschwer verkuppelt werden soll. Das ist viel Stoff und daher braucht das Publikum auch eine erste Pause.

 

Der Idiot - Foto (c) Matthias Horn

Der Idiot Foto (c) Matthias Horn

 

Bis ist hierher das höchst lebendig gestaltet, nebst Nebel, Geräuschen und Myschkins wundersamen Geschichten über ein schwindsüchtigen Mädchen in der Schweiz, Hinrichtungen mit der Guillotine in Frankreich und die Mysterien der menschlichen Seele. Der naive, gute „Fürst Christus“ presst sein Bündelchen an sich und wagt seine ersten erstaunten Schritte in der St. Petersburger Gesellschaft, die entweder von ihm fasziniert ist, ihn nicht ganz ernst nimmt, oder für erste kleine Intrigen einspannen will. Hartmann versucht dabei etwas zu sehr die Komödie aus dem schweren Stoff zu kitzeln. Ein paar schöne Szenen mit Gesang hathier vor allem Rosa Enskat als Generalin Jepanschina. Allerdings schafft das auch nicht viel mehr als eine leicht ironisch aufgelockerte Atmosphäre.

Der zweite Teil beginnt bei der Familie Gawrila (Ganja) Iwolgins mit dessen besoffenen Vater (Jan Maak), lässt sich noch mit großem Video-Kaminfeuer etwas länger bei der Geburtstagparty von Nastassja aus mit der Versuchung Ganjas, sich für die 100.000 Rubel Rogoschins die Finger zu verbrennen. Der Rest bis zur zweiten Pause wird nur kurz erzählt, einer der Nachteile dieser Art zu inszenieren. Es folgen kurze Gesprächs- und Briefszenen auf dem Landgut zwischen Rogoschin, dem Fürsten, Aglaja und Nastassja. Der Spannungsbogen steigert sich zum Ende hin vor dem Zusammenbruch noch einmal in ein fast mystisch dunkles Spiel vom Leiden und einer unter Schleiern aufgebarten Braut Nastassja. Herausfahrende Wände verdeutlichen immer wieder die Isolation der Figuren und Myschkin ist am Ende wieder der Ausgestoßene, ganz in seiner Krankheit Gefangene.

Die geistige Spannung des Anfangs lässt sich über den zweiten und dritten Teil des Abends nicht ganz halten. Um eine echte philosophische oder höhere, transzendente Problematik scheint es Matthias Hartman in seiner kollektiven Nacherzählung des Romans nicht zu gehen. Er hält sich im Großen und Ganzen an die eher einfach zu fassenden Dinge, wie die Verwirrnisse aus Geldangelegenheiten und Liebesgeflechten, die sich bei Dostojewski zwischen den einzelnen Figuren entspinnen. Hartmann hat den weitläufigen Personenkreis auf die zentralen Gestalten hin ausgedünnt. Der ideologische Gegenpart Myschkins, Ippolit Terentjew, fehlt gar völlig. Überfordert wird hier sicher niemand. Man kann sich also ganz auf die recht unterhaltsame Erzähldramaturgie einlassen, ohne Angst haben zu müssen, den Faden zu verlieren. Was das Ganze allerdings auch ein wenig zu einfach und gefällig macht.

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Der Idiot (25.03.2016, Staatsschauspiel Dresden)
nach dem Roman von Fjodor M. Dostojewskij
Bühnenfassung auf der Basis der Übersetzung von Swetlana Geier von Matthias Hartmann, Janine Ortiz und dem Ensemble
Regie: Matthias Hartmann, Bühne: Johannes Schütz, Kostüm: Tina Kloempken, Musik: Parviz Mir-Ali, Video: Moritz Grewenig, Licht: Michael Gööck, Dramaturgie: Janine Ortiz, Dramaturgische Mitarbeit: Nora Otte
Mit: André Kaczmarczyk, Christian Erdmann, Yohanna Schwertfeger, Holger Hübner, Rosa Enskat, Cathleen Baumann, Lieke Hoppe, Jan Maak, Kilian Land, Rainer Philippi, Philipp Lux.
Dauer: 4 Stunden, zwei Pausen
Premiere war 16.01.2016 im Schauspielhaus
Termine: 08., 13. und 26.04. / 05. und 16.05. / 04.06.2016

Infos: http://www.staatsschauspiel-dresden.de

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„Das Fest“ vom Staatstheater Stuttgart – Christopher Rüpings furiose Inszenierung nach Thomas Winterbergs Dogma-Klassiker beim Theatertreffen 2015 – (Teil 4)

Freitag, Mai 15th, 2015

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Das Fest am Schauspiel Stuttgart - Foto (C) JU Ostkreuz

Foto (C) JU Ostkreuz

Wenn es nach Armin Petras, dem Schauspielintendanten des Staatstheaters Stuttgart, geht, dann kommt, was in Stuttgart bei der Premiere ausgebuht wird, mit Sicherheit zum THEATERTREFFEN nach Berlin. Wenn Petras tatsächlich eine Regel daraus ableiten wollte, müssten wohl einige Inszenierungen mehr auf dem Einladungsplan der Jury gestanden haben. Der ehemalige Intendant des Berliner Maxim Gorki Theaters hat es, was die Reaktionen des Publikum und der regionalen Kritik betrifft, noch nicht ganz in die Herzen der Stuttgarter geschafft. Da ist eine Einladung nach Berlin pro Jahr allein schon bemerkenswert genug. Gab im vergangenen Jahr der sogenannte „Mut zur Entschleunigung“ den Ausschlag für die Einladung von Robert Borgmanns Onkel Wanja-Inszenierung, die nicht wenige THEATERTREFFEN-Besucher zur Flucht oder in den Schlaf trieb, so dürfte es in diesem Jahr wohl der Mut sein, eine nicht gerade einfache, massenkompatible Geschichte auch noch relativ unkonventionell zu inszenieren.

Christopher Rüping, ein weiterer der zahlreich in diesem Jahrgang vertretenen tt-Debutanten, hat sich an eine in der Tat ungewöhnliche Adaption des Dogma-Klassikers Das Fest von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov gewagt. Der 1998 entstandene Film erzählt die Geschichte eines Inzests in einer dänischen Hoteliers-Familie. Vater Helge hat die Zwillinge Linda und Christian im Kindesalter sexuell missbraucht, wovon auch die Mutter wusste, was aber später nie wieder zur Sprache kam. Auf der Feier zum 60. Geburtstag des Patriarchen geht Christian an die Öffentlichkeit und hält, ausgelöst durch den Schock des Selbstmords seiner Zwillingsschwester, eine den Vater anklagende Rede. Der Film zeigt über die Zeit von 24 Stunden Christians schweren Kampf für die Wahrheit und gegen die familiäre Verdrängung, bis der aufgetauchte Abschiedsbrief Lindas das Lügengebäude endgültig einstürzen lässt.

Regisseur Rüping reduziert das Personal des Films auf den engsten Kreis der Familie aus Vater, Mutter, Geschwister und Großeltern und lässt seine DarstellerInnen Maja Beckmann, Paul Grill, Pascal Houdus, Matti Krause, Svenja Liesau und Christian Schneeweiß sehr spielerisch an die Sache herangehen. Es wird hier ein großer, ungebremster Kindergeburtstag gefeiert, was man auch als eine Art Familienaufstellung ohne Erwachsene deuten könnte, weshalb dann alle immer wieder in XXL-Pullover mit Großbuchstaben (Kostüme: Lene Schwind) schlüpfen, die ihre momentane Rolle anzeigen sollen. Außerdem wechseln mit den Pullovern auch immer wieder die Rollenzuschreibungen von Opfer, Täter und die der verschiedenen Familienmitglieder. Das ist sicher geschickt gestrickt, wenn es auch immer die Gefahr der Banalisierung des ernsten Themas in sich birgt. Dennoch wirkt das Spiel über die gesamte Zeit nie wirklich platt, und bei aller Infantilisierung bleibt der eigentliche Film-Plot doch erstaunlich gut erkennbar.

Das Fest am Schauspiel Stuttgart - Foto (C) JU Ostkreuz

Foto (C) JU Ostkreuz

Die durch die klaren Dogma-Regeln bestimmte, starre Dramaturgie des Films bricht Rüping durch die Art der Verfremdung und offene Spielanordnung komplett auf. Offen ist auch die Bühne von Jonathan Mertz. Stapel von Stühlen und Tischen werden immer wieder neu arrangiert und als Abgrenzungsbarrieren, Podium für Ansprachen oder Laufsteg für Showeinlagen zu Dance-Beats genutzt. Man beginnt hier bei einer vom gesamten Ensemble vorgeführten Rede nach dem Motto „Jede Familie hat ein Geheimnis“, die Geschichte der Klingenfeld-Hansen vom dänischen Özi über Erfinder und Entdecker bis zur dunklen NS-Zeit zu beleuchten. Die SchauspielerInnen gehen dabei in den vollen Körpereinsatz und versuchen auch immer wieder durch direkte Ansprache das Publikum mit einzubeziehen. Es zünden Konfettikanonen, wirbeln Windmaschinen, man erzählt sich unkorrekte Witze, und Matti Krause chargiert seinen „Oppa“ immer wieder ins gnadenlos Mundartliche.

Rüping verliert über dem Klamauk aber nie ganz den Ernst aus dem Blickfeld. Zwischen Slapsticks und Popsongs von Cat Stevens‘ „Father and Son“ über „I Follow Rivers“ von Lykke Li bis zu „I’ll stand by you“ von den Pretenders treten immer wieder ruhige Phasen mit intensiven Reden und Dialogen, bevor sich die Party wieder gnadenlos weiter dreht. Figuren werden entlarvt, eingeschüchtert, isoliert oder wieder in den Kreis der schützenden grauen Masse aufgenommen. Der Regisseur macht es einem so nicht gerade einfach, Partei zu ergreifen. Wieder sehr emotional sind eine Badewannenszene, in der Christian seine tote Schwester erscheint, oder wenn sie sich zwischen ihn und seine Liebe Pia drängt. Und auch an den Geschwistern Helen und Michael gehen die Enthüllungen nicht spurlos vorbei. Der Schluss gehört dann noch einmal dem ausgestoßenen Vater und seiner Rechtfertigungsrede aus dem Hintergrund. Ein Zeichen, dass es wohl nie ganz aufhören wird.

Die Inszenierung ist unglaublich dicht, emotional aufwühlend, und die Intensität des Spiels hält einen so bis zum Schluss gefangen. Das ist sicher zeitweise auch schwer erträglich, wobei die Reaktionen des Publikums bei der Premiere in Berlin dann doch recht positiv ausfielen. Wenn auch nicht in allen Szenen gelungen, so bleibt Christopher Rüpings Inszenierung doch zumindest bemerkenswert kontrovers und pustet damit etwas frischen Wind in das bisher doch recht vorhersehbar verlaufende Theatertreffen-Programm.

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Das Fest (Haus der Berliner Festspiele, 11.5.2015)
nach dem Film von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov
tt15_promo_media_gallery_resBühnenfassung von Bo hr. Hansen
in der Übersetzung von Renate Bleibtreu
Regie: Christopher Rüping
Bühne: Jonathan Mertz
Kostüme: Lene Schwind
Musik: Christoph Hart
Dramaturgie: Bernd Isele
Mit: Maja Beckmann, Paul Grill, Pascal Houdus, Matti Krause, Svenja Liesau, Christian Schneeweiß, Norbert Waidosch (Pianist)
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
Premiere am Schauspiel Stuttgart war am 20.04.2015
Termine beim tt15: 11. und 12.05.2015

Weitere Infos: http://www.theatertreffen.de
http://www.schauspiel-stuttgart.de

Zuerst erschienen am 13.05.2015 auf Kultura-Extra.

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Brandung – Das mit dem Kleist-Förderpreis ausgezeichnete Stück von Maria Milisavljevic feierte in der Regie von Christopher Rüping am 10. Oktober seine Berlin-Premiere in der Box des Deutschen Theaters.

Donnerstag, Oktober 31st, 2013

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„Ein Schrei durch die Brandung! Und brennt der Himmel, so sieht man’s gut. Ein Wrack auf der Sandbank, noch wiegt es die Flut; Gleich holt sich‘s der Abgrund.“ Otto Ernst, aus: Nis Randers, verwendet in Brandung von Maria Milisavljevic

Diese und noch einige andere poetische Einlassungen im sonst recht epischen Text von Maria Milisavljevic geben ihrem Stück Namen und Richtung. Und noch von anderer Seite ist poetisch Hochtrabendes in den Text geflossen. Regisseur Christopher Rüping stellt den Musiker des Abends, Christoph Hart, als bebildertes Zitat an den Anfang. Er, oben Mensch und unten Fisch, spricht einen Auszug aus Hermann Hesses Demian. Bei Hesse heißt es in der Einleitung zum Roman weiter: „Und allen sind die Herkünfte gemeinsam, die Mütter, wir alle kommen aus demselben Schlunde; aber jeder strebt, ein Versuch und Wurf aus den Tiefen, seinem eigenen Ziel zu. Wir können einander verstehen; aber deuten kann jeder nur sich selbst.“ Maria Milisavljevic geht es um die Rückkehr zu den Wurzeln der Kindheit, um die Herkunft und Heimat des Menschen.

Deutsches Theater und Kammerspiele Berlin – Foto: St. B.

Im Stück, dass im Juni bereits bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen zur Uraufführung kam, sind es zunächst drei, Milisavljevic nennt sie ICH, ER, SIE, die einen weiteren, namens Karla, suchen. Karla ist von einem schnellen Ausflug zum Supermarkt um die Ecke nicht mehr zurückgekehrt. Die Freunde melden sie als vermisst und beginnen ihrerseits mit einer groß angelegten Suchaktion. Was wie ein spannend inszenierter Krimi daherkommt, hat im zweiten Hinsehen aber wesentlich tiefere Ursachen. Ungeklärte Freundschafts- und Liebesbeziehungen quälen die Protagonisten und lassen sie schließlich auf eine Reise zurück bis zu ihren familiären Wurzeln gehen.

Die von Natalia Belitski gespielte Ich-Erzählerin ist mit Vlado, dem ER, zusammen, zeigt aber auch Interesse an den Annäherungsversuchen von Jo, was sie Vlado natürlich verschweigt. Der neu aus Leipzig zum Ensemble des DT gestoßene Benjamin Lillie spielt die beiden erst nichts voneinander wissenden und dann sich beargwöhnenden Kontrahenten. SIE (Barbara Heynen) heißt eigentlich Martina und ist die Schwester der Ich-Erzählerin. Als Mitbewohnerin Karlas und einzig scheinbar unbelastete Figur wirft sie sich pflichtschuldig in die Suche nach ihr, organisiert das Erstellen von Webseiten und Handzettel, macht Druck bei der örtlichen Presse und Polizei.

Die anderen beiden bergen weiter ihr Geheimnis, werden aber von einem inneren Gefühl, wie einem schlechten Gewissen angetrieben, die Verschwundene zu finden. In wechselnden Monolog- und Dialogpassagen forschen sie einander aus, suchen nach Ursachen des plötzlichen Verschwindens. Ihre einst innige Beziehung ist an einem gewissen Kältepunkt angelangt, was sich im Text in der Metapher des gefrorenen Sees, der erst später die Leiche der jungen Karla freigeben wird, wiederfindet und sich auf der Bühne in Form einer Wand voller quadratischer, schmelzender Eisscheiben spiegelt.

Je weiter die Protagonisten in die Tiefen ihres Beziehungsgeflechts und ungeklärte Vergangenheit vordringen, je schneller das Eis in der Wand schmilzt, umso näher kommen sie sich wieder bei der gemeinsamen Suche nach Karla. Für den nötigen Spannungsbogen sorgt die Autorin mittels einiger Krimibezüge und kolportagereifen Szenen, die der Regisseur auch in entsprechend spritzige Bilder übersetzt. Da will ein zwielichtiger Deutscher die Tasche Karlas in der Nähe eines barackenartigen Russenviertels am Fluss gefunden haben, wo dann auch noch ein roter Gummistiefel mit aufgemaltem Herzen entdeckt wird.

Die drei Schauspieler laufen dabei mit Taschenlampen bewaffnet durch die Zuschauerreihen und treiben das skurrile Spiel mit der Spannung auf die Spitze. Der Musiker Christoph Hart hinter der Wand liefert je nach Stimmung den passenden Keyboardsound dazu. Da schreien mal die Darsteller wie Möwen, ist unablässig tropfendes Wasser zu hören oder später auch feinfühliges Harfenspiel.

Nachdem Karlas Tod Gewissheit wird, flieht das Paar schließlich zu Vlados Großeltern nach Kroatien. Ob es Mord oder Selbstmord war, untersucht die Polizei, während das Paar zur Ruhe zu kommen versucht und sich unter dem Druck von Schuldgefühlen ihre Geheimnisse gesteht. So birgt nicht nur ICH ein Geheimnis, auch Vlado hat Karla die Wahrheit über seine Beziehung zur Ich-Erzählerin verschwiegen.

Mit Einsprengseln über die Geschichte von ICHs und Vlados Familie versucht Maria Milisavljevic die Verlustängste der beiden zu erklären und gibt den beiden dadurch wieder Halt. So können sie ihre Luftwurzeln wieder erden, und aus imaginären Sehnsuchtsorten mit Sonne und Meer werden echte gemeinsame Erlebnisorte. Hier verarbeitet die Autorin mit Wurzeln in Ex-Jugoslawien durchaus auch eigene Erfahrungen. Nicht alle Rätsel über das Verschwinden Karlas können hier gelöst werden. Aber eines ist den beiden Zurückgebliebenen klar: „Wer nicht erzählt, braucht das Schweigen.“ Und das zu brechen, ist manchmal wie Löcher in eine Eiswand schlagen.

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Ein bemerkenswerter Achtungserfolg und neben Marianna Salzmanns Muttersprache Mameloschn weiterer gelungener Beitrag des Deutschen Theaters zum Thema Heimat und Familie. Salzmanns berührendes Familienstück über drei Generationen jüdischer Frauen in Deutschland wird durch die DT-Schauspielerinnen Gabriele Heinz, Anita Vulesica und ein weiteres Mal großartige Natalia Belitski mittels viel Witz und Hilfe einer frischen, lockeren Regie hervorragend in Szene gesetzt. Das mit reichlich Mutter- und Sprachwitz ausgestattete Stück war ganz zu Recht für den diesjährigen Mülheimer Dramatikerpreis 2013 nominiert. Muttersprache Mameloschn in der von Regie von Brit Bartkowiak ist ebenfalls wieder in der Box des DT zu sehen.

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Brandung (UA)
von Maria Milisavljevic
Regie: Christopher Rüping, Bühne: Jonathan Mertz, Kostüme: Lene Schwind, Musik: Christoph Hart, Dramaturgie: Meike Schmitz.
Mit: Natalia Belitski (Ich), Benjamin Lillie (Er), Barbara Heynen (Sie), Christoph Hart (Musiker).
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Termine in der Box des Deutschen Theaters:

01. November 2013, 19.30 – 21.00 Uhr
17. November 2013, 19.30 – 21.00 Uhr
30. November 2013, 18.00 – 19.30 Uhr

Muttersprache Mameloschn wieder am 15., 16., 17. Okt. und 14. Nov. um 20:00 Uhr sowie 29. Nov. und 25. Dez. um 19:30 Uhr

Der Beitrag ist zuerst auf Livekritik erschienen.

siehe auch: http://www.freitag.de/autoren/stefan-bock/brandung-in-der-box-des-dt-berlin

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