Archive for the ‘Christopher Rüping’ Category

„Der Spieler“ in München und „Der Idiot“ in Dresden – Gemeinsamkeiten und Unterschiede zweier Adaptionen von Dostojewski-Romanen

Mittwoch, April 6th, 2016

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Christopher Rüping inszeniert an den Münchner Kammerspielen unter neuer Intendanz eine verspielte Adaption des Romans Der Spieler

Die Überraschung war groß, als im September 2013 bekannt wurde, dass Matthias Lilienthal, der ehemalige Leiter des Berliner Hebbel am Ufer, die Nachfolge von Johan Simons als Intendant der Münchner Kammerspiele antreten würde. Lilienthal steht programmatisch eher für interdisziplinäre Kunst und ein genreübergreifendes Theater. Und obwohl er versprach, dass drei Viertel des Programms ganz normales Ensemble- und Repertoiretheater sei, werden nun auch Musik, Architektur, bildende Kunst und Performance im Traditionshaus an der schicken Shoppingmeile Maximilianstraße Einzug halten. Neben den an deutschsprachigen Stadttheatern bereits gut bekannten Regisseuren wie Nicolas Stemann, Stefan Pucher, David Marton oder Simon Stone werden weitere internationale Künstler wie Rabih Mroué, Philippe Quesne und Boris Nikitin sowie freie Theaterkollektive wie Rimini Protokoll, Gob Squad und She She Pop an den Kammerspielen arbeiten.

 

Dostojewski in der Kammer 1 - Foto: St. B.

Dostojewski in der Kammer 1 – Foto: St. B.

 

Ein weiterer Neuzugang als junger Hausregisseur ist Christopher Rüping, der bereits mit seiner Stuttgarter Bühnenadaption des Dogma-Klassikers Das Fest zum letzten Theatertreffen eingeladen wurde und u.a. auch für das Deutsche Theater Berlin inszeniert. Das hoffnungsvolle Regietalent hat sich mit einer Adaption des Romans Der Spieler von Fjodor Dostojewski gleich einen Brocken Weltliteratur als Einstand ausgesucht. Wobei Der Spieler mit seinen nur etwas über 200 Seiten eher als Leichtgewicht unter den immer wieder gern für die Bühne adaptierten Werken des russischen Schriftstellers zählt. Auch Frank Castorf hat ihn schon an der Volksbühne inszeniert. Dostojewski – selbst an permanenter Geldnot leidend – diktierte die Story um eine illustre Gesellschaft, die im fiktiven Ort Roulettenburg ihrer Spielsucht frönt, innerhalb von nur einem Monat seiner Frau, um wegen der Schulden gegenüber seinem Verleger nicht die Rechte an seinen Romanen zu verlieren. Die Geschichte des jungen Aleksej, Hauslehrer im Dienste des Generals Sagorjanski, der in seiner Liebe zu dessen Stieftochter Polina der Spielsucht verfällt, trägt auch autobiografische Züge.

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Passend zum Thema geht Christopher Rüping seine Inszenierung, die am 17. Dezember 2015 Premiere hatte, auch ganz spielerisch an. Als Art Katalysatoren dienen ihm dabei die beiden jüngeren Kinder des Generals Mischa und Nadja, die verdoppelt in der Gestalt der 9-12-jährigen Kinder Kaspar Huber, Jasper Kohrs, Zoë von Weitershausen und Marlene Witzigmann zu Anfang im Bühnenbild aus lauter aufgestapelten Umzugskisten auftreten, dem Souffleur Joachim Wörmsdorf (der nebenbei noch einen eher wortlosen Mr. Astley gibt) das Textbuch wegnehmen und eben wie im Spiel die ersten Seiten des Romans mit der Vorstellung aller handelnden Personen bei einer Gesellschaft im Haus des Generals szenisch lesend performen. Zu launiger Klaviermusik arbeiten sie sich besonders schön an der recht bildlichen Darstellung der Charaktere ab und stupsen nach und nach die noch etwas lethargisch wirkenden SchauspielerInnen des Ensembles in ihre Rollen.

Es hat durchaus seinen Witz, das Spiel hier buchstäblich wörtlich zu nehmen, was sich dann auch in den weiteren Romanszenen fortsetzt, die Christopher Rüping recht chronologisch abhandelt. Hie und da läuft dem jungen Regisseur sein performativer Grundgedanke, das Ganze wie eine improvisierte Stellprobe aussehen zu lassen, in der jeder noch nach der Haltung zu seiner Figur sucht, aber etwas aus dem Ruder. Der hochverschuldete General (Gundars Āboliņš) tritt irgendwann als tapsiger russischer Bär auf, der den alle finanziell in der Hand habenden Franzosen Marquis de Grieux ständig angrunzt. Niels Bormann spielt ihn näselnd im Rokokokostüm mit Perücke. Mademoiselle Blanche, die Geliebte des Generals, ist bei Ivana Uhlířová eine rätselhafte Frau mit Vergangenheit, die ihre Kostüme wie die Namen wechselt. Halbwegs normal wirkt da noch die Polina der Anna Drexler, die sich allerdings mit Thomas Schmauser, dem Darsteller der Hauptfigur Alexej, ein paar schöne dann auch wieder recht eigenwillige Rededuelle liefert. Mit diesen beiden steht und fällt die gesamte Inszenierung.

 

Der Spieler an den Münchner Kammerspielen - Foto (C) David Baltzer

Der Spieler an den Münchner Kammerspielen
Foto (C) David Baltzer

 

Einerseits macht Rüping im intensiven Zusammenspiel von Polina und Alexej sehr schön die zerstörerischen Wechselwirkungen des Spiels um Geld und/oder Liebe deutlich, andererseits übertreibt es der Regisseur auch ein wenig, wenn Schmauser immer wieder aus der Inszenierung aussteigt und auch noch mit Pieps-Stimme die plötzlich in Roulettenburg auftauchende Tante des Generals spielen muss. Die Babuschka, an deren Rockzipfel die Kinder hängen, haut nun das Erbe, auf das die ganze Blase eigentlich wartet, bei einem Kasinobesuch auf den Kopf, während die anderen hilflos über die gesamte Pause in Schaukelseilen hängend dem finanziellen Crash zusehen müssen. Zero, nichts geht mehr. Das Spiel im Spiel ufert nun in wildem Tanz, Schlagen mit Schaumstoffschlangen sowie ständigem Umstapeln und Einstürzenlassen der Kisten aus. Der Einsatz von Mikrofonen, das Projizieren von Live-Videos auf die Kisten und laute Sounds vom Band verstärken noch die etwas zu infantil geratene Dekonstruktion, ohne wirklich den Spielzwang als Ausbruchsversuch zu erklären.

Ein bisschen Ernüchterung ob all des Spaßes am Spiel macht sich dann auch gegen Ende des gut dreistündigen Abends breit. Die Hinterbühne öffnet sich, und die Figuren, nun in Paris angekommen, irrlichtern verloren in den Kulissen herum. Niels Bormanns erzählt in aller Ruhe Alexej das Ende der Geschichte und dass Polina nun bei Mr. Astley in der Schweiz sei, ihn aber gerne noch einmal wiedersehen würde. Allein Schmausers Alexej hat sich nun vollends seiner Sucht ergeben und findet wie ein völlig überdrehtes aber erschöpftes Kind nicht mehr raus aus dem Spielmodus. Wie zu Beginn wieder an der Rampe stehend deklamieren die Kinder: „Das sind alles nur Worte und wieder Worte, und hier sind Taten nötig!“ Rüpings assoziatives Spiel-Experiment zeigt sich da selbst etwas ratlos.

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Der Spieler (Kammer 1, 30.12.2015)
von Fjodor Dostojewski
in der Übersetzung von Swetlana Geier
Regie: Christopher Rüping, Bühne: Jonathan Mertz, Kostüme: Lene Schwind, Musik: Christoph Hart, Video: Bert Zander, Licht: Christian Schweig, Dramaturgie: Benjamin von Blomberg
Mit: Gundars Āboliņš, Niels Bormann, Anna Drexler, Thomas Schmauser, Ivana Uhlířová, Kaspar Huber, Nikolai Huber, Jasper Kohrs, Zoë von Weitershausen, Marlene Witzigmann, Joachim Wörmsdorf

Premiere an den Münchner Kammerspielen war am 17.12.2015
Dauer: 3 Stunden 20 Minuten, eine Pause

Termine: 14.05.2016

Infos: http://www.muenchner-kammerspiele.de

Zuerst erschienen am 07.01.2015 auf Kultura-Extra.


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Der Idiot – Ex-Burgdirektor Matthias Hartmann lässt am Staatsschauspiel Dresden Dostojewskis Roman nacherzählen

Auch Der Idiot hat wie schon der zwei Jahre zuvor entstandene Roman Der Spieler autobiografische Bezüge. Fjodor Dostojewski litt wie seine Hauptfigur, Fürst Myschkin, an Epilepsie. Die Anfälle verursachten bei ihm tagelange Dämmerzustände und Depressionen. Die Augenblicke kurz davor empfand Dostojewski allerdings als „solches Glück, wie es in gewöhnlichem Zustand nicht möglich ist…“. „Ich fühle in mir und in der Welt eine vollständige Harmonie, und dieses Gefühl ist so stark und so süß, dass man für einige Sekunden dieser Seligkeit, zehn Jahre seines Lebens, ja, meinetwegen das ganze Leben hingeben könnte.“ Über solche „Lichtblitze“, oder „Augenblicke höheren Bewusstseins“ berichtet auch Lew Nikolajewitsch Myschkin. Er betrachtet diese Empfindungen aber auch ganz nüchtern als eine „Unterbrechung des normalen Zustandes, eben als seine Krankheit“.

 

Dostojewski am Staatsschauspiel Dresden - Foto: St. B.

Dostojewski am Staatsschauspiel Dresden – Foto: St. B.

 

Dostojewski hat mit dem jungen Fürsten Myschkin, der nach einem längeren Aufenthalt in einem Schweizer Sanatorium nach St. Petersburg zurückkehrt, eine große idealistische Außenseitergestalt geschaffen, einen „vollkommen guten und schönen Menschen“, der von den anderen nur als unschuldiger „armer Ritter“, oder auch „Christus-Narr“ bezeichnet wird. Und dennoch verfallen alle seiner grundehrlichen, einnehmenden Art und beginnen völlig irrational gegen ihren eigenen Vorteil zu handeln. So wie im Spieler der Protagonist Aleksej Iwanowitsch das Geld als Voraussetzung für das Glück in der Liebe ansieht und damit der Spielsucht verfällt, sind die Figuren im Roman Der Idiot bereit für die Leidenschaft ihren Reichtum bedingungslos hinzugeben. Aber auch sonst gibt es einige Ähnlichkeiten zwischen den Personen beider Romane. Hier wie da geht es um Geld oder Liebe.

Und natürlich endet auch Der Idiot tragisch. Einerseits steht Myschkin zwischen zwei Frauen, der Geliebten des Großgrundbesitzer Totzkij, Nastassja Filippowna Baraschkowa, und der Generalstochter Aglaja Iwanowna Jepantschina, anderseits bilden der Fürst und der Kaufmann Rogoschin eine weitere verhängnisvolle Dreiecksbeziehung mit Nastassja. Myschkin will die als junges Mädchen von Totzkij missbrauchte Nastassja aus Mitleid heiraten, was diese allerdings in letzter Minute ablehnt und später vom eifersüchtigen Rogoschin erstochen wird. Daraufhin verfällt Myschkin wieder in seinen alten Krankheitszustand und kehrt ins Schweizer Sanatorium zurück.

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Legendär ist sicher die knapp sechsstündige Adaption von Frank Castorf im Neustadt-Bühnenbild von Bert Neumann an der Berliner Volksbühne mit Martin Wuttke in der Hauptrolle. Ganz so wild treibt es Matthias Hartmann in seiner ersten Regiearbeit am Staatsschauspiel Dresden nach dem schmählichen Rauswurf am Burgtheater Wien, dessen juristische Folgen für ihn immer noch nicht gänzlich absehbar sind, nicht. Ist dadurch Hartmanns Ansehen als Intendant mit Sicherheit etwas ramponiert, so hat er sich zumindest seinen doch teils ironisch boulevardesken Regiestil bewahrt. Und noch etwas Bewährtes hat der Ex-Burgdirektor mitgebracht. Johannes Schütz recycelt sein Türen-Bühnenbild aus Hartmanns Wiener Inszenierung von Schillers Der Parasit. Diesmal sogar mit herausziehbaren Wänden. Und ganz im Stile seiner Krieg und Frieden-Stückentwicklung am Kasino Wien lässt der Regisseur auch in Dresden das Ensemble an die Rampe treten und alle tragenden Rollen erzählender Weise vorstellen.

Doch zunächst hat der junge Dresdner Schauspieler André Kaczmarczyk in einer Art Prolog seinen großen Auftritt als Fürst Myschkin mit besagten Lichtblitzen, Störgeräuschen und einem Monolog über die höchste Harmonie und Schönheit gegen die Störung des Normalzustands durch die Krankheit. Im ersten Teil des Abends entwickelt sich nun Stück für Stück und Szene für Szene die Handlung von der Ankunft des Fürsten im Zug, der Begegnung mit Rokoschin (auftrumpfend Christian Erdmann) und dem Beamten Lebedjew (fast hündisch auf Knien rutschend Philipp Lux) über den Antrittsbesuch im Haus des Generals Jepanschin (Holger Hübner) und der Vorstellung bei Gattin (mit viel trockenem Humor Rosa Enskat) und Töchtern (Lieke Hoppe als Aglaja und Cathleen Baumann im Kopftuchwechsel die beiden anderen) bis hin zur bildhaften Erscheinung von Nastassja (Yohanna Schwertfeger), die von Totzkij (Rainer Philippi) mit Ganja Iwolgin (Kilian Land) mitgiftschwer verkuppelt werden soll. Das ist viel Stoff und daher braucht das Publikum auch eine erste Pause.

 

Der Idiot - Foto (c) Matthias Horn

Der Idiot Foto (c) Matthias Horn

 

Bis ist hierher das höchst lebendig gestaltet, nebst Nebel, Geräuschen und Myschkins wundersamen Geschichten über ein schwindsüchtigen Mädchen in der Schweiz, Hinrichtungen mit der Guillotine in Frankreich und die Mysterien der menschlichen Seele. Der naive, gute „Fürst Christus“ presst sein Bündelchen an sich und wagt seine ersten erstaunten Schritte in der St. Petersburger Gesellschaft, die entweder von ihm fasziniert ist, ihn nicht ganz ernst nimmt, oder für erste kleine Intrigen einspannen will. Hartmann versucht dabei etwas zu sehr die Komödie aus dem schweren Stoff zu kitzeln. Ein paar schöne Szenen mit Gesang hathier vor allem Rosa Enskat als Generalin Jepanschina. Allerdings schafft das auch nicht viel mehr als eine leicht ironisch aufgelockerte Atmosphäre.

Der zweite Teil beginnt bei der Familie Gawrila (Ganja) Iwolgins mit dessen besoffenen Vater (Jan Maak), lässt sich noch mit großem Video-Kaminfeuer etwas länger bei der Geburtstagparty von Nastassja aus mit der Versuchung Ganjas, sich für die 100.000 Rubel Rogoschins die Finger zu verbrennen. Der Rest bis zur zweiten Pause wird nur kurz erzählt, einer der Nachteile dieser Art zu inszenieren. Es folgen kurze Gesprächs- und Briefszenen auf dem Landgut zwischen Rogoschin, dem Fürsten, Aglaja und Nastassja. Der Spannungsbogen steigert sich zum Ende hin vor dem Zusammenbruch noch einmal in ein fast mystisch dunkles Spiel vom Leiden und einer unter Schleiern aufgebarten Braut Nastassja. Herausfahrende Wände verdeutlichen immer wieder die Isolation der Figuren und Myschkin ist am Ende wieder der Ausgestoßene, ganz in seiner Krankheit Gefangene.

Die geistige Spannung des Anfangs lässt sich über den zweiten und dritten Teil des Abends nicht ganz halten. Um eine echte philosophische oder höhere, transzendente Problematik scheint es Matthias Hartman in seiner kollektiven Nacherzählung des Romans nicht zu gehen. Er hält sich im Großen und Ganzen an die eher einfach zu fassenden Dinge, wie die Verwirrnisse aus Geldangelegenheiten und Liebesgeflechten, die sich bei Dostojewski zwischen den einzelnen Figuren entspinnen. Hartmann hat den weitläufigen Personenkreis auf die zentralen Gestalten hin ausgedünnt. Der ideologische Gegenpart Myschkins, Ippolit Terentjew, fehlt gar völlig. Überfordert wird hier sicher niemand. Man kann sich also ganz auf die recht unterhaltsame Erzähldramaturgie einlassen, ohne Angst haben zu müssen, den Faden zu verlieren. Was das Ganze allerdings auch ein wenig zu einfach und gefällig macht.

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Der Idiot (25.03.2016, Staatsschauspiel Dresden)
nach dem Roman von Fjodor M. Dostojewskij
Bühnenfassung auf der Basis der Übersetzung von Swetlana Geier von Matthias Hartmann, Janine Ortiz und dem Ensemble
Regie: Matthias Hartmann, Bühne: Johannes Schütz, Kostüm: Tina Kloempken, Musik: Parviz Mir-Ali, Video: Moritz Grewenig, Licht: Michael Gööck, Dramaturgie: Janine Ortiz, Dramaturgische Mitarbeit: Nora Otte
Mit: André Kaczmarczyk, Christian Erdmann, Yohanna Schwertfeger, Holger Hübner, Rosa Enskat, Cathleen Baumann, Lieke Hoppe, Jan Maak, Kilian Land, Rainer Philippi, Philipp Lux.
Dauer: 4 Stunden, zwei Pausen
Premiere war 16.01.2016 im Schauspielhaus
Termine: 08., 13. und 26.04. / 05. und 16.05. / 04.06.2016

Infos: http://www.staatsschauspiel-dresden.de

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„Das Fest“ vom Staatstheater Stuttgart – Christopher Rüpings furiose Inszenierung nach Thomas Winterbergs Dogma-Klassiker beim Theatertreffen 2015 – (Teil 4)

Freitag, Mai 15th, 2015

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Das Fest am Schauspiel Stuttgart - Foto (C) JU Ostkreuz

Foto (C) JU Ostkreuz

Wenn es nach Armin Petras, dem Schauspielintendanten des Staatstheaters Stuttgart, geht, dann kommt, was in Stuttgart bei der Premiere ausgebuht wird, mit Sicherheit zum THEATERTREFFEN nach Berlin. Wenn Petras tatsächlich eine Regel daraus ableiten wollte, müssten wohl einige Inszenierungen mehr auf dem Einladungsplan der Jury gestanden haben. Der ehemalige Intendant des Berliner Maxim Gorki Theaters hat es, was die Reaktionen des Publikum und der regionalen Kritik betrifft, noch nicht ganz in die Herzen der Stuttgarter geschafft. Da ist eine Einladung nach Berlin pro Jahr allein schon bemerkenswert genug. Gab im vergangenen Jahr der sogenannte „Mut zur Entschleunigung“ den Ausschlag für die Einladung von Robert Borgmanns Onkel Wanja-Inszenierung, die nicht wenige THEATERTREFFEN-Besucher zur Flucht oder in den Schlaf trieb, so dürfte es in diesem Jahr wohl der Mut sein, eine nicht gerade einfache, massenkompatible Geschichte auch noch relativ unkonventionell zu inszenieren.

Christopher Rüping, ein weiterer der zahlreich in diesem Jahrgang vertretenen tt-Debutanten, hat sich an eine in der Tat ungewöhnliche Adaption des Dogma-Klassikers Das Fest von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov gewagt. Der 1998 entstandene Film erzählt die Geschichte eines Inzests in einer dänischen Hoteliers-Familie. Vater Helge hat die Zwillinge Linda und Christian im Kindesalter sexuell missbraucht, wovon auch die Mutter wusste, was aber später nie wieder zur Sprache kam. Auf der Feier zum 60. Geburtstag des Patriarchen geht Christian an die Öffentlichkeit und hält, ausgelöst durch den Schock des Selbstmords seiner Zwillingsschwester, eine den Vater anklagende Rede. Der Film zeigt über die Zeit von 24 Stunden Christians schweren Kampf für die Wahrheit und gegen die familiäre Verdrängung, bis der aufgetauchte Abschiedsbrief Lindas das Lügengebäude endgültig einstürzen lässt.

Regisseur Rüping reduziert das Personal des Films auf den engsten Kreis der Familie aus Vater, Mutter, Geschwister und Großeltern und lässt seine DarstellerInnen Maja Beckmann, Paul Grill, Pascal Houdus, Matti Krause, Svenja Liesau und Christian Schneeweiß sehr spielerisch an die Sache herangehen. Es wird hier ein großer, ungebremster Kindergeburtstag gefeiert, was man auch als eine Art Familienaufstellung ohne Erwachsene deuten könnte, weshalb dann alle immer wieder in XXL-Pullover mit Großbuchstaben (Kostüme: Lene Schwind) schlüpfen, die ihre momentane Rolle anzeigen sollen. Außerdem wechseln mit den Pullovern auch immer wieder die Rollenzuschreibungen von Opfer, Täter und die der verschiedenen Familienmitglieder. Das ist sicher geschickt gestrickt, wenn es auch immer die Gefahr der Banalisierung des ernsten Themas in sich birgt. Dennoch wirkt das Spiel über die gesamte Zeit nie wirklich platt, und bei aller Infantilisierung bleibt der eigentliche Film-Plot doch erstaunlich gut erkennbar.

Das Fest am Schauspiel Stuttgart - Foto (C) JU Ostkreuz

Foto (C) JU Ostkreuz

Die durch die klaren Dogma-Regeln bestimmte, starre Dramaturgie des Films bricht Rüping durch die Art der Verfremdung und offene Spielanordnung komplett auf. Offen ist auch die Bühne von Jonathan Mertz. Stapel von Stühlen und Tischen werden immer wieder neu arrangiert und als Abgrenzungsbarrieren, Podium für Ansprachen oder Laufsteg für Showeinlagen zu Dance-Beats genutzt. Man beginnt hier bei einer vom gesamten Ensemble vorgeführten Rede nach dem Motto „Jede Familie hat ein Geheimnis“, die Geschichte der Klingenfeld-Hansen vom dänischen Özi über Erfinder und Entdecker bis zur dunklen NS-Zeit zu beleuchten. Die SchauspielerInnen gehen dabei in den vollen Körpereinsatz und versuchen auch immer wieder durch direkte Ansprache das Publikum mit einzubeziehen. Es zünden Konfettikanonen, wirbeln Windmaschinen, man erzählt sich unkorrekte Witze, und Matti Krause chargiert seinen „Oppa“ immer wieder ins gnadenlos Mundartliche.

Rüping verliert über dem Klamauk aber nie ganz den Ernst aus dem Blickfeld. Zwischen Slapsticks und Popsongs von Cat Stevens‘ „Father and Son“ über „I Follow Rivers“ von Lykke Li bis zu „I’ll stand by you“ von den Pretenders treten immer wieder ruhige Phasen mit intensiven Reden und Dialogen, bevor sich die Party wieder gnadenlos weiter dreht. Figuren werden entlarvt, eingeschüchtert, isoliert oder wieder in den Kreis der schützenden grauen Masse aufgenommen. Der Regisseur macht es einem so nicht gerade einfach, Partei zu ergreifen. Wieder sehr emotional sind eine Badewannenszene, in der Christian seine tote Schwester erscheint, oder wenn sie sich zwischen ihn und seine Liebe Pia drängt. Und auch an den Geschwistern Helen und Michael gehen die Enthüllungen nicht spurlos vorbei. Der Schluss gehört dann noch einmal dem ausgestoßenen Vater und seiner Rechtfertigungsrede aus dem Hintergrund. Ein Zeichen, dass es wohl nie ganz aufhören wird.

Die Inszenierung ist unglaublich dicht, emotional aufwühlend, und die Intensität des Spiels hält einen so bis zum Schluss gefangen. Das ist sicher zeitweise auch schwer erträglich, wobei die Reaktionen des Publikums bei der Premiere in Berlin dann doch recht positiv ausfielen. Wenn auch nicht in allen Szenen gelungen, so bleibt Christopher Rüpings Inszenierung doch zumindest bemerkenswert kontrovers und pustet damit etwas frischen Wind in das bisher doch recht vorhersehbar verlaufende Theatertreffen-Programm.

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Das Fest (Haus der Berliner Festspiele, 11.5.2015)
nach dem Film von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov
tt15_promo_media_gallery_resBühnenfassung von Bo hr. Hansen
in der Übersetzung von Renate Bleibtreu
Regie: Christopher Rüping
Bühne: Jonathan Mertz
Kostüme: Lene Schwind
Musik: Christoph Hart
Dramaturgie: Bernd Isele
Mit: Maja Beckmann, Paul Grill, Pascal Houdus, Matti Krause, Svenja Liesau, Christian Schneeweiß, Norbert Waidosch (Pianist)
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause
Premiere am Schauspiel Stuttgart war am 20.04.2015
Termine beim tt15: 11. und 12.05.2015

Weitere Infos: http://www.theatertreffen.de
http://www.schauspiel-stuttgart.de

Zuerst erschienen am 13.05.2015 auf Kultura-Extra.

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Brandung – Das mit dem Kleist-Förderpreis ausgezeichnete Stück von Maria Milisavljevic feierte in der Regie von Christopher Rüping am 10. Oktober seine Berlin-Premiere in der Box des Deutschen Theaters.

Donnerstag, Oktober 31st, 2013

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„Ein Schrei durch die Brandung! Und brennt der Himmel, so sieht man’s gut. Ein Wrack auf der Sandbank, noch wiegt es die Flut; Gleich holt sich‘s der Abgrund.“ Otto Ernst, aus: Nis Randers, verwendet in Brandung von Maria Milisavljevic

Diese und noch einige andere poetische Einlassungen im sonst recht epischen Text von Maria Milisavljevic geben ihrem Stück Namen und Richtung. Und noch von anderer Seite ist poetisch Hochtrabendes in den Text geflossen. Regisseur Christopher Rüping stellt den Musiker des Abends, Christoph Hart, als bebildertes Zitat an den Anfang. Er, oben Mensch und unten Fisch, spricht einen Auszug aus Hermann Hesses Demian. Bei Hesse heißt es in der Einleitung zum Roman weiter: „Und allen sind die Herkünfte gemeinsam, die Mütter, wir alle kommen aus demselben Schlunde; aber jeder strebt, ein Versuch und Wurf aus den Tiefen, seinem eigenen Ziel zu. Wir können einander verstehen; aber deuten kann jeder nur sich selbst.“ Maria Milisavljevic geht es um die Rückkehr zu den Wurzeln der Kindheit, um die Herkunft und Heimat des Menschen.

Deutsches Theater und Kammerspiele Berlin – Foto: St. B.

Im Stück, dass im Juni bereits bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen zur Uraufführung kam, sind es zunächst drei, Milisavljevic nennt sie ICH, ER, SIE, die einen weiteren, namens Karla, suchen. Karla ist von einem schnellen Ausflug zum Supermarkt um die Ecke nicht mehr zurückgekehrt. Die Freunde melden sie als vermisst und beginnen ihrerseits mit einer groß angelegten Suchaktion. Was wie ein spannend inszenierter Krimi daherkommt, hat im zweiten Hinsehen aber wesentlich tiefere Ursachen. Ungeklärte Freundschafts- und Liebesbeziehungen quälen die Protagonisten und lassen sie schließlich auf eine Reise zurück bis zu ihren familiären Wurzeln gehen.

Die von Natalia Belitski gespielte Ich-Erzählerin ist mit Vlado, dem ER, zusammen, zeigt aber auch Interesse an den Annäherungsversuchen von Jo, was sie Vlado natürlich verschweigt. Der neu aus Leipzig zum Ensemble des DT gestoßene Benjamin Lillie spielt die beiden erst nichts voneinander wissenden und dann sich beargwöhnenden Kontrahenten. SIE (Barbara Heynen) heißt eigentlich Martina und ist die Schwester der Ich-Erzählerin. Als Mitbewohnerin Karlas und einzig scheinbar unbelastete Figur wirft sie sich pflichtschuldig in die Suche nach ihr, organisiert das Erstellen von Webseiten und Handzettel, macht Druck bei der örtlichen Presse und Polizei.

Die anderen beiden bergen weiter ihr Geheimnis, werden aber von einem inneren Gefühl, wie einem schlechten Gewissen angetrieben, die Verschwundene zu finden. In wechselnden Monolog- und Dialogpassagen forschen sie einander aus, suchen nach Ursachen des plötzlichen Verschwindens. Ihre einst innige Beziehung ist an einem gewissen Kältepunkt angelangt, was sich im Text in der Metapher des gefrorenen Sees, der erst später die Leiche der jungen Karla freigeben wird, wiederfindet und sich auf der Bühne in Form einer Wand voller quadratischer, schmelzender Eisscheiben spiegelt.

Je weiter die Protagonisten in die Tiefen ihres Beziehungsgeflechts und ungeklärte Vergangenheit vordringen, je schneller das Eis in der Wand schmilzt, umso näher kommen sie sich wieder bei der gemeinsamen Suche nach Karla. Für den nötigen Spannungsbogen sorgt die Autorin mittels einiger Krimibezüge und kolportagereifen Szenen, die der Regisseur auch in entsprechend spritzige Bilder übersetzt. Da will ein zwielichtiger Deutscher die Tasche Karlas in der Nähe eines barackenartigen Russenviertels am Fluss gefunden haben, wo dann auch noch ein roter Gummistiefel mit aufgemaltem Herzen entdeckt wird.

Die drei Schauspieler laufen dabei mit Taschenlampen bewaffnet durch die Zuschauerreihen und treiben das skurrile Spiel mit der Spannung auf die Spitze. Der Musiker Christoph Hart hinter der Wand liefert je nach Stimmung den passenden Keyboardsound dazu. Da schreien mal die Darsteller wie Möwen, ist unablässig tropfendes Wasser zu hören oder später auch feinfühliges Harfenspiel.

Nachdem Karlas Tod Gewissheit wird, flieht das Paar schließlich zu Vlados Großeltern nach Kroatien. Ob es Mord oder Selbstmord war, untersucht die Polizei, während das Paar zur Ruhe zu kommen versucht und sich unter dem Druck von Schuldgefühlen ihre Geheimnisse gesteht. So birgt nicht nur ICH ein Geheimnis, auch Vlado hat Karla die Wahrheit über seine Beziehung zur Ich-Erzählerin verschwiegen.

Mit Einsprengseln über die Geschichte von ICHs und Vlados Familie versucht Maria Milisavljevic die Verlustängste der beiden zu erklären und gibt den beiden dadurch wieder Halt. So können sie ihre Luftwurzeln wieder erden, und aus imaginären Sehnsuchtsorten mit Sonne und Meer werden echte gemeinsame Erlebnisorte. Hier verarbeitet die Autorin mit Wurzeln in Ex-Jugoslawien durchaus auch eigene Erfahrungen. Nicht alle Rätsel über das Verschwinden Karlas können hier gelöst werden. Aber eines ist den beiden Zurückgebliebenen klar: „Wer nicht erzählt, braucht das Schweigen.“ Und das zu brechen, ist manchmal wie Löcher in eine Eiswand schlagen.

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Ein bemerkenswerter Achtungserfolg und neben Marianna Salzmanns Muttersprache Mameloschn weiterer gelungener Beitrag des Deutschen Theaters zum Thema Heimat und Familie. Salzmanns berührendes Familienstück über drei Generationen jüdischer Frauen in Deutschland wird durch die DT-Schauspielerinnen Gabriele Heinz, Anita Vulesica und ein weiteres Mal großartige Natalia Belitski mittels viel Witz und Hilfe einer frischen, lockeren Regie hervorragend in Szene gesetzt. Das mit reichlich Mutter- und Sprachwitz ausgestattete Stück war ganz zu Recht für den diesjährigen Mülheimer Dramatikerpreis 2013 nominiert. Muttersprache Mameloschn in der von Regie von Brit Bartkowiak ist ebenfalls wieder in der Box des DT zu sehen.

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Brandung (UA)
von Maria Milisavljevic
Regie: Christopher Rüping, Bühne: Jonathan Mertz, Kostüme: Lene Schwind, Musik: Christoph Hart, Dramaturgie: Meike Schmitz.
Mit: Natalia Belitski (Ich), Benjamin Lillie (Er), Barbara Heynen (Sie), Christoph Hart (Musiker).
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Termine in der Box des Deutschen Theaters:

01. November 2013, 19.30 – 21.00 Uhr
17. November 2013, 19.30 – 21.00 Uhr
30. November 2013, 18.00 – 19.30 Uhr

Muttersprache Mameloschn wieder am 15., 16., 17. Okt. und 14. Nov. um 20:00 Uhr sowie 29. Nov. und 25. Dez. um 19:30 Uhr

Der Beitrag ist zuerst auf Livekritik erschienen.

siehe auch: http://www.freitag.de/autoren/stefan-bock/brandung-in-der-box-des-dt-berlin

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