Archive for the ‘Claudia Bauer’ Category

Wenn alt und jung sich radikalisieren – Katja Brunners „geister sind auch nur menschen“ am Schauspiel Leipzig und Sasha Marianna Salzmanns „Zucken“ am Maxim Gorki Theater Berlin

Dienstag, März 28th, 2017

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SPRECHEN OHNE ZUKUNFT – In Katja Brunners außergewöhnlichem Stück geister sind auch nur menschen verschaffen sich die verstummten Alten Gehör. Claudia Bauer hat die Deutsche Erstaufführung in der Diskothek des Schauspiels Leipzig inszeniert

geister sind auch nur menschen am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

„Die Alten sind unter den Lebenden wie die Geister überall.“ heißt es zu Beginn des 2015 in Luzern uraufgeführten Stücks der jungen Schweizer Dramatikerin Katja Brunner, das nun am Schauspiel Leipzig in der Regie von Claudia Bauer seine deutsche Erstaufführung erlebte. In geister sind auch nur menschen geht es um die professionell betriebene Ausgrenzung der Alten in einer Gesellschaft, die sich über Leistung definiert, und das sogar noch im Pflegedienst der Heime, in denen die einst selbst in dieser Gesellschaft Tätigen nun auf das Hinübergleiten in den Tod warten. Den Stummen, nicht mehr Gehörten will die Autorin ihre Stimmen zurückgeben. Kein versöhnliches Sprechen, eher eine Art verwundertes, verwundetes Wutgeheul, das die 2013 für von den beinen zu kurz mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnete Brunner trotzdem in einen fast poetischen Sprachfluss bringt.

„Sie sind angealtert, sie sind angekrankt von der Zeit, sie können sich kaum wehren, sie sind in die Gebrechlichkeit und ins Alter hineingefallen wie eine Wespe in einen Honigtopf.“ Sprachgewaltig ist der Text, voll von Metaphern, die das Unsagbare, das unausweichliche Gefühl des Alterns in eine literarische Form zu bringen versuchen. Claudia Bauer, die mit ihrer letzten Inszenierung 89/90 nach dem Roman von Peter Richter zum Berliner Theatertreffen eingeladen ist, findet für diese Sprache die richtige Verpackung. Das sechsköpfige Ensemble betritt die Spielfläche in der Leipziger Diskothek mit Pilzkopffrisuren, in farbigen Jungmädchenkleidern und spricht die ersten Textpassagen über das Altwerden, das Verschwinden aus dem Alltag mit großem staunenden Fragezeichen, bis der erste Fremdkörper in fleischfarbenem Fett-Faltensuite auf dem Boden des sich beständig wie ein Karussell drehenden Bühnenrondells liegt und von den anderen argwöhnisch beäugt wird.

„Ein Körper, der meiner nicht mehr ist. (…) Zu wem gehörst du?“ Die geistige Abspaltung vom nicht mehr funktionierenden Körper, in den man oben hineinschiebt und unten alles wieder herausfällt. Ein letzter Kampf um Autonomie und Eigenverantwortung in einer Umgebung, die mit vollautomatisierter Navigationsstimme die Regeln des Heims diktiert. Nach und nach sondern sich die SpielerInnen aus dem Jungmädchenkreis ab und übernehmen die Rollen der Alten in der monströsen Kostümierung, die mit ihrer Gebrechlichkeit und den überdeutlichen Genitalteilen die Reduzierung der Alten auf ihren Körper verdeutlicht und dabei auch als Verfremdungseffekt dient, um rührseligen Einfühlungskitsch zu vermeiden. Trotz allem wirken die DarstellerInnen, die hier mit langem Haar und teilweise gendermäßig gegen den Strich besetzt sind, auch wie verlorene Engel, ihrer Flügel beraubt.

 

geister sind auch nur menschen am Schauspiel Leipzig
Foto (c) Rolf Arnold

 

Sie bezeichnen sich selbst als „dem Sozialstaat auf den Möglichkeitstaschen herumfläzende, gerade noch durchblutete Skelette“. Hier wird der Text oft sehr explizit. Los geht ein „SPRECHEN OHNE ZUKUNFT“ – wie es im Stück heißt – „Zukunft, diese kompromittierende Sau – daher freier als manch anderes Sprechen.“ Und sie sprechen von ihren Wünschen, noch einmal „ohne den Geschmack von Funktionalität“ berührt zu werden, dem Traum von Sexualität, von ihrem früheren Leben und ihren jetzigen Gebrechen. Nichts wird ausgelassen, weder Demenz, Krebs noch das unkontrollierte Koten.

Es gibt keine klaren Rollenzuschreibungen, nur Namen wie Frau Heisinger, Herr Metzler oder Frau Simplon. Man beschwert sich über das Heimpersonal, das man um Bier anbetteln muss, oder über den Raucher-Glaskasten im Foyer. Eine verqualmte Vorhölle mit geregelten Öffnungszeiten. Die Alten erfahren die tagtägliche Erniedrigung, die von der Heimleitung als Kooperation bezeichnet wird. Claudia Bauer lässt das an einer Geburtstagstafel mit Tee, Saft und Kuchen spielen. Mal kommt ein Fernsehgerät, mal eine Zinkwanne oder ein Servierwagen dazu. Der Pfleger ist ein Zwitterwesen, das man Pferdeschwanzfachkraft nennt, und dem der Herr mit dem langen Genital gern an den Hintern fasst. Dafür stellt der den Insassen für eine extra gebückte Haltung die Rollatoren tiefer. Die lieben Alten sind in seinen Augen ziemlich aufmüpfig, klingeln ohne Grund und schimpfen auf die gähnende Jugend und ihre Mütter, die lieber Karriere machen, als sich um ihre Kinder zu kümmern.

Zu diesem unvermittelten Kindergeburtstags-Tohuwabohu, das die Alten schließlich anrichten, gesellt sich natürlich auch irgendwann der Tod, der „dazugehört wie das Atmen zum Leben“. Und ob man nun nicht loslassen kann oder den Tod sehnsüchtig als Erlöser erwartet, hier tritt er am Ende als Conférencier im Glitzeranzug auf, der versucht so etwas wie eine Ahnung vom Danach zu vermitteln. Ein Wegziehen wie ein warmer Lufthauch aus einer unerlösten Umarmung. Beruhigen kann das nicht.

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geister sind auch nur menschen (DE) – (Diskothek, 17.03.2017)
von Katja Brunner
Deutsche Erstaufführung
Regie: Claudia Bauer
Bühne & Kostüme: Andreas Auerbach
Musik: Smoking Joe
Dramaturgie: Katja Herlemann
Licht: Veit-Rüdiger Griess
Mit: Andreas Dyszewski, Timo Fakhravar, Sophie Hottinger, Julia Preuß, Katharina Schmidt, Florian Steffens
Premiere war am 17. März 2017 in der Diskothek des Schauspiels Leipzig
Termine: 13., 19., 28.04.2017

Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de/

Zuerst erschienen am 18.03.2017 auf Kultura-Extra.

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Zucken – Sebastian Nübling übersetzt am Maxim Gorki Theater Sasha Marianna Salzmanns Stück über die Radikalisierung Jugendlicher in ein körperbetontes Spiel

Zucken am Maxim Gorki Theater
Foto © Esra Rotthoff

Die wachsende Radikalisierung unter Jugendlichen ist das große Thema dieser Theatersaison. Meist ideologisch beeinflusst unter dem Deckmantel des Glaubens an einen Gott oder an ein bestimmtes politisches Ideal ziehen viele europäische Jugendliche in die verschiedensten Kriegsgebiete oder laufen bereits in ihrer Heimat Amok. Worauf bereits Stücke wie Inside IS von Yüksel Yolcu am Grips Theater oder Kuffar. Die Gottesleugner von Nuran David Calis am DT versuchten, eine Antwort zu finden; das hat nun auch Sasha Marianna Salzmann zu ihrem neuen Theaterstück Zucken angeregt.

Eigentlich heißt Salzmanns Stück vollständig Verstehen Sie den Dschihadismus in acht Schritten! (Zucken). Für die Koproduktion des Maxim Gorki Theater mit dem jungen theater basel unter der Leitung von Sebastian Nübling wurde aber eine verkürzte Spielfassung erarbeitet, die nun mit sieben jugendlichen LaiendarstellerInnen [Namen s.u.] zuerst in Berlin zur Uraufführung kam. Die Erwartung, die Jugendliche von der Welt haben, ist für die Autorin wie ein Nerv, der zuckt. So heißt es jedenfalls in einem der chorisch vorgetragenen Textpassagen. Dieses impulsive Zucken übersetzt Regisseur Nübling, wie schon des Öfteren, in choreografierte Bewegung und Tanz. Bestandteil der Inszenierung ist auch von Beginn an Musik, die die Jugendlichen zumeist direkt von ihren Smartphones einspielen oder diese gar selbst als Sound- und Geräuschmaschinen benutzen.

In mehreren Kapiteln mit Zwischenüberschriften wie „Wann, Was, Wohin“ oder „Wüste, Wir, Wind“ werden drei Beispiele für den Radikalisierungsweg von Jugendlichen vorgespielt. Dazwischen gibt es Rap- und Tanzeinlagen, gepaart mit schon besagten Passagen, die die Stimmen der Radikalisierten zu einem Wut-Chor, der die vom gesellschaftlichen Mainstream der pazifistischen Wegducker, die Lösungen nur durch Reden erreichen wollen, Enttäuschten sammelt. Der Ausbruch aus der Normalität wird zum neuen Wir-Gefühl einer für die westlichen Werte verlorenen Generation.

Die Reibung mit der Welt, in der sich die Jugendlichen nicht verstanden fühlen, beginnt bekanntlich im unmittelbaren Freundeskreis, der Schule oder dem Elternhaus. So auch bei einem Mädchen, das im breitesten Schwyzerdütsch mit einem unbekannten Dschihadisten chattet, der (statt wie in sozialen Netzwerken üblich) nicht in Emojis kommunizieren will, sondern Worte für Gefühle einsetzt und mit „Ja“ oder „Nein“ und nie mit „Ich weiß nicht“ antwortet. Diese klare Ansprache gefällt dem Mädchen, und es will zu dem Jungen, der plötzlich abtaucht, nach Syrien. Dennoch bleibt es relativ rätselhaft, warum sich die Enttäuschte danach mit Messern im Rucksack zum Bahnhof aufmacht.

Die zweite Geschichte beschreibt das Schwanken eines ukrainischen Jungen zwischen seinen unklaren Gefühlen für einen Schulfreund und dem vom Vater geschürten Nationalismus gegen alles Russische. Gruppendruck und die Angst nicht dazuzugehören, lassen ihn schließlich in den Krieg in die Ostukraine ziehen.  Schon gefestigter scheint dagegen das mit den Handykameras gefilmte Statement einer Tochter in einem Abschiedsvideo an ihren Vater. Sie übermittelt ihm ihre Gründe, warum sie gemeinsam mit jungen Menschen aus ganz Europa in Kurdistan eine neue Welt aufbauen will, für die sie auch bereit ist zu sterben. Das Warum versuchen Text und Spiel mehr dynamisch zu umkreisen.

Doch nach der ersten Geschichte scheinen die Macher des Abends ihren aufgeworfen Thesen selbst nicht so recht getraut zu haben. Zu unterkomplex, heißt es da. Sie gehen auf Anfang und lassen doch die Maschinerie aus Text, Sound und Bewegung umso stärker wieder einsetzen. Dem straffen Durchboxen, auch wenn man sich immer wieder auf vier große, schwarze Ledersofas zurückwirft, fehlt dann doch so etwas wie eine kleine Ruhephase der Reflexion. Am Ende stöpseln sich die Jugendlichen einfach aus. „Wir brauchen euch nicht.“ rufen sie trotzig. Und das ist die eigentliche Gefahr. Das Stück spricht da nicht nur junge Menschen an. Ob‘s ankommt, wird die Zukunft zeigen.

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Zucken (UA) – (Maxim Gorki Theater, 19.03.2017)
Von Sasha Marianna Salzmann
Regie: Sebastian Nübling
Ausstattung: Ursula Leuenberger
Sound: Lukas Stäuble
Dramaturgie: Ludwig Haugk, Uwe Heinrich
Mit: Martha Benedict, Yusuf Çelik, Doğan Çoban, Elif Karci, Timo Muttenzer, Helena Simon, Cara Stauffenegger
Eine Produktion des jungen theater basel und des Maxim Gorki Theater Berlin
Premiere war am 17. März 2017 im Maxim Gorki Theater
Dauer: ca. 70 Minuten
Termine: 03. und 04.06. / 03. und 04.07.2017

Infos: http://gorki.de/  bzw.  http://www.jungestheaterbasel.ch

Zuerst erschienen am 22.03.2017 auf Kultura-Extra.

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KRUSO und 89/90 – Das Schauspiel Leipzig startet mit zwei Romanadaptionen über die Wende in die neue Spielzeit

Samstag, Oktober 8th, 2016

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Schauspiel Leipzig - Foto: St. B.

Schauspiel Leipzig – Foto: St. B.

Eine Auseinandersetzung mit dem „Schlüsselmoment der deutschen Geschichte“ nennt das Schauspiel Leipzig sein Unterfangen, mit gleich zwei Romanadaptionen zum Thema Wende und deutsche Wiedervereinigung in die neue Spielzeit zu starten. Pünktlich zum langen Einheitswochenende bringt man hier mit der Adaption von Lutz Seilers Hiddensee-Roman Kruso die zweite Wende-Inszenierung auf die Bühne. Bereits am 16. September hatte die Leipziger Bühnenfassung des Dresdner Wende-Romans 89/90 von Peter Richter Premiere.

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Kruso – Armin Petras adaptiert den Hiddensee-Roman von Lutz Seiler am Schauspiel Leipzig als magisches Bildertheater mit Anja Schneider in der Hauptrolle

Für die Adaption von Kruso konnte man einen alten Bekannten des Schauspiels, der schon unter Wolfgang Engel und Sebastian Hartmann in Leipzig inszenierte, wiedergewinnen. Armin Petras, zurzeit Intendant am Schauspiel Stuttgart, hat hier u.a. 2008 in Koproduktion mit dem Maxim Gorki Theater Berlin den im letzten Jahr verfilmten Roman Als wir träumten von Clemens Meyer erfolgreich auf die Bühne gebracht. Nun also ein weiteres Mal Lutz Seilers Buchpreisgewinner von 2014, der auch schon auf den Spielplänen in Magdeburg, Gera und dem Hans-Otto-Theater in Potsdam steht.

Auffallend ist zunächst die Bühne von Olaf Altmann, die nicht (wie bei ihm gewöhnlich) einen Sperrholzkasten zeigt, sondern einen dichten Wald aus vom Schnürboden gespannten Perlonfäden. Eine Bild-Metapher für Einengung und Verlorenheit wie auch für das unüberwindbare Meer zwischen Hiddensee und der dänischen Insel Møn, auf die es die sogenannten „Schiffbrüchigen“ zieht, die vor der Flucht eine kurze Bleibe auf Hiddensee suchen. Der Chor dieser Schiffbrüchigen wird hier von 6 Schauspielstudierenden dargestellt, die mal in den Fäden hängen oder zwischen ihnen in einer Art choreografierten Bewegung agieren. Einmal stellen sie sich sogar an der Rampe mit kleinen Modellen ihrer „Notunterkünfte“ auf der Insel vor.

 

Kruso am Schauspiel Leipzig - (c) Rolf Arnold

Kruso am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

 

Es beginnt aber zunächst vor dem Eisernen Vorhang mit der Vorgeschichte des Literaturstudent Ed (Florian Steffens), der hier aus seinen Erinnerungen an die verunglückte Freundin G. erzählt und den es dann später nach Hiddensee verschlägt, wo er eine Unterkunft in der Gemeinschaft des Urlauberrestaurants „Zum Klausner“ findet. Hier führt der Abwäscher Kruso sein Regime aus Ritualen und der Verheißung von Freiheit, die die vom Festland angespülten Schiffbrüchigen an der Flucht und vor dem sicheren Tod in der Ostsee retten sollen. Armin Petras besetzt diese Rolle mit der Schauspielerin Anja Schneider, was zunächst verwundert, aber letztendlich wunderbar aufgeht.

Man muss dem aber weiter keine große Bedeutung beimessen. Sehr subtil gehen nach und nach die Handlungsfäden von Eds poetischen Naturschilderungen und Begegnungen mit einem Fuchs (Markus Lerch im grünen Pelz und Dreispitz) zu Kruso über, der ihn unter seine Fittiche nimmt. Petras spult die Geschehnisse auf Hiddensee überschaubar ab, ohne stur nacherzählend zu bebildern. Er greift den mal epischen, mal lyrischen Sound der Textvorlage auf und gibt ihn mittels szenischen Dialogen, Einzelvorträgen oder bewegten Gruppenchoreografien wieder. Als Requisiten dienen lediglich Handtücher und ein paar Töpfe für die Speisung mit der „ewigen Suppe“, deren Zutaten in einem traumwandlerischen Defilee über die Bühne getragen werden. Der „Lurch“ aus dem Abfluss der Geschirrspültische hängt an im Bühnenboden eingelassenen Gitterrosten, mit denen Ed kämpft.

 

Kruso am Schauspiel Leipzig - (c) Rolf Arnold

Kruso am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

 

Als tragischer Alter und Bewahrer der schützenden Arche tritt der Klausner-Chef Krombach (Berndt Stübner) auf, der mit seinem Schlips Seemannsknoten bindet, was aber wie eine Schlinge aussieht. Er erklärt die Philosophie des Klausners als Poesie und Gastronomie, spricht von Abrechen und Abdriften der Küste, einem Landverlust im doppelten Sinne und rezitiert auch mal Brechts Lob des Kommunismus. Die anderen Figuren der Belegschaft bleiben hier eher im Hintergrund. Zwei Grenzsoldaten mit DDR-Stahlhelmen haben ihren komischen Kurzauftritt mit Pistole.

Viel Raum nehmen dafür Krusos Rituale mit den Schiffbrüchigen und ein wildes aus den Fugen geratenes Sommerfest mit Live-Schlagzeug-Begleitung und archaischen, magischen Tänzen ein. Die immer wiederkehrenden Bemühungen Krusos, Ed von seinen Visionen zu überzeugen, gestaltet Anja Schneider oft anrührend komisch bis improvisiert und slapstickhaft. Die „Karte der Wahrheit“ steckt sie mit Wimpeln ab und erklärt die Phasen des Ertrinkens, wobei der Chor der Schiffbrüchigen magisch in den Schnüren hängt. Kruso führt Ed seine erste Vergabe, die Schiffbrüchige C., zu, schließt Blutsbrüderschaft und predigt vom Kochtopf herunter von den „Wurzeln der Freiheit”.

Nach der Pause beerdigt Armin Petras dann die DDR. Es wird viel gewinkt, ein Grab für den toten Fuchs ausgehoben, und die Stimme von Angelika Unterlauf darf noch mal zum 40. Jahrestag gratulieren. Der verletzte Ed erfährt noch von Rommstedt (Dirk Lange) die Geschichte des Generalssohn Kruso, was im Hintergrund mit einem akrobatischen Soldatendenkmal illustriert wird. Die neue Zeit hält mit Haribo und Flitter Einzug. Ed und Kruso schmeißen ihren „McKlausner“ jetzt allein im Ketchup- und Senftubenkostüm. Bis auch Kruso langsam verstummt und verschwindet, nicht ohne vorher Eds Verrat und die neue Spezies des Einbauküchenmenschen zu beklagen. Das Ende markiert die in der Drehung mit den Perlonfäden verhakte Bühne. Es geht nicht vor und nicht zurück. Ein durchaus eindrucksvolles Bild für das Ende einer Utopie.

Eingeladen zu den Autorentheatertagen 2017 im Deutschen Theater Berlin.

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KRUSO (02.10.2016, Schauspiel Leipzig)
Nach dem gleichnamigen Roman von Lutz Seiler
Für die Bühne bearbeitet von Armin Petras und Ludwig Haugk
Regie: Armin Petras
Bühne: Olaf Altmann
Kostüme: Patricia Talacko
Live-Musik: Johannes Cotta
Choreographie: Denis Kuhnert
Dramaturgie: Christin Ihle, Clara Probst
Licht: Jörn Langkabel
Besetzung:
Alina-Katharin Heipe (Chor der Schiffbrüchigen), Ellen Hellwig (Monika / Inselärztin), David Hörning (Chor der Schiffbrüchigen), Andreas Keller (Koch-Mike / Rebhuhn), Jonas Koch (Soldat, Chor der Schiffbrüchigen), Dirk Lange (Rimbaud / Rommstedt), Ferdinand Lehmann (Soldat, Chor der Schiffbrüchigen), Markus Lerch (René / Fuchs), Elias Popp (Chor der Schiffbrüchigen), Anja Schneider (Kruso), Nina Siewert (Chor der Schiffbrüchigen), Florian Steffens (Ed) und Berndt Stübner (Krombach)
Premiere war am 01.10.2016 im Schauspiel Leipzig
Termine: 29., 30.10. / 19., 20.11. / 01., 02.12.2016

Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de

Zuerst erschienen am 04.10.2016 auf Kultura-Extra.

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89/90 – Regisseurin Claudia Bauer und Komponist Peer Baierlein sampeln am Schauspiel Leipzig eine Text- und Soundcollage aus dem Dresdner Wende-Roman von Peter Richter

Peter Richter beim signieren seines Buchs 89/90 am Schauspiel Leipzig - Foto: St. B.

Peter Richter beim signieren seines Buchs 89/90 am Schauspiel Leipzig – Foto: St. B.

Das Land verlassen ohne eine Grenze zu übertreten. Was sich in Lutz Seilers Kruso eher beiläufig und abseits der großen Politik auf einer kleinen Insel vollzieht, erlebt der 16jährige Ich-Erzähler aus dem Roman 89/90 von Peter Richter live und leibhaftig in Dresden, auch wenn es da am Ende über den 3. Oktober 1990 ganz ähnlich heißt: „…und wir waren, ohne uns vom Fleck bewegt zu haben, in einem anderen Land.“ Was im letzten Sommer des Sozialismus geschah, beschreibt Richter in vielen kleinen Momentaufnahmen, Anekdoten und Geschichten als vielstimmigen Soundtrack eines kleinen untergehenden Lands. Ende August am kleinen Haus des Staatsschauspiels Dresden in nacherzählenden Spielszenen mit Live-Band-Begleitung uraufgeführt, versucht man nun am Schauspiel Leipzig sich auf eine ganz andere Art dem Buch von Peter Richter zu nähern.

Doch auch Regisseurin Claudia Bauer und ihr Dramaturg Matthias Huber gehen den Stoff sehr musikalisch an. Aber zunächst sieht man auf einer Videoleinwand über der Bühne, die wie ein altes DDR-Kultur- oder Funkhaus mit braunem Holz vertäfelt ist, Wenzel Banneyer, der Text des Ich-Erzählers aus dem Buch spricht und dabei in alten Fotos wühlt. Zu ihm gesellt sich der Berliner Neuzugang Roman Kanonik, der die Rolle des Freundes S. übernimmt. Wie Peter Richter in seinem Buch blicken die beiden auf damals zurück, als sich die ganze Clique noch gemeinsam im nächtlichen Schwimmbad traf. Dazu tritt das restliche Ensemble in Ganzkörperschaumstoffanzügen mit riesigen Kahlköpfen im Trockeneisnebel auf. Ein traumwandlerischer Erinnerungsreigen.

Und wie sich die beiden oben erinnern, entsteht unten in kleinen, anekdotisch gefärbten Szenen ein Bild von damals, dass zuweilen an einen alten Hollywoodfilm erinnert, etwas kitschig und mit angedeuteten Liebesszenen des Erzählers und seiner linientreuen Freundin L. (Bettina Schmidt) mit Blondhaarperücke und im langen Kleid aus einer DDR-Fahne. Immer wieder tritt nun ein 24-köpfiger Chor in Alltagskleidung auf. Sie singen auf Stühlen sitzend den DDR-Punk-Klassiker von Feeling B „Wir wollen immer artig sein“ als vielstimmigen Kanon, „Kinder der Maschinenrepublik“ von der Band Die Firma oder Textsplitter aus dem Buch zu minimalistischen Arrangements von Peer Baierlein.

 

89/90 am Schauspiel Leipzig - (c) Rolf Arnold

89/90 am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

 

Das Chorische vermischt sich unter dem körperbetonten Dirigat von Chorleiter Daniel Barke wunderbar mit kurzen Szenen aus der Schule, Geplapper in der Raucherecke, allerlei Zwischenrufen oder auch Episoden aus dem Wehrlager. Denis Petković brüllt im Stakkato-Ton die Befehle des Wehrlagerleiters, oder das „Zuführen!“ der Polizei bei den Demos vor dem Dresdner Hauptbahnhof.  Gemeinsam tanzt das Ensemble die rhythmischen Statements der Staatsbürgerkundelehrerin (Anna Keil) über den Unterschied von Arbeitnehmer und Arbeitgeber oder zu Reisen nach Prag oder Paris. Das ist einerseits ein herrlicher musikalischer Verfremdungseffekt, anderseits wirken diese minutiös einstudierten Chorpassagen wie kleine vertonte Absurditäten aus der späten DaDaR.

Bis zur Pause bekommt die Inszenierung dadurch einen wunderbaren Drive. Dann dreht sich das Bühnenbild nach hinten weg, und auf der Rückseite laufen nun bunte Werbefilmpersiflagen, die signalisieren sollen, was nach der Wende viel und heftigst auf die DDR-Bürger zukommen wird. Der Ton bleibt weitestgehend ironisch, auch wenn bei der L. die große Wende-Depression losgeht. Wenzel Banneyer und Bettina Schmidt wirken auf der ersten Fahrt des Erzählers mit seiner Freundin nach West-Berlin wie ein Hollywoodfilmpaar kurz vor der schmerzhaften Trennung.

 

89/90 am Schauspiel Leipzig - (c) Rolf Arnold

89/90 am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

 

Ein aufgeblasener Helmut Kohl mit Birnenkopf (Andreas Dyszewski) tänzelt vorbei und empfängt den von den Massen vor der Frauenkirche verströmten Willen zur deutschen Einheit. Leider wird es für die Nichtkenner des Romantextes nun auch etwas unübersichtlich. Auf den Erzähler und das Publikum prasseln dichte Textsamplings aus scheinbar wahllos aus dem Roman entnommenen Sätzen. Das mag gut zur chorischen Man-müsste-dies-und-jenes-könnte-aber-auch-Choreografie passen, die die allgemeine Konfusion nach der Wende zeigen soll, könnte aber auch leicht übersättigend wirken.

Dazu wird weiter munteres Typenkabarett gespielt: Bettina Schmidt gibt einen Zuhälter mit riesiger aufblasbarer Sexpuppe. Tilo Krügel spielt den Transvestiten T. als dauer-hibbeligen Fanatiker, der die Stasizentrale stürmt und später in den Untergrund abtaucht. Anna Keil schlägt im Glitzerkleid und Springerstiefeln den Takt der Schlägereien zwischen Punks und Skinheads mit dem Baseballschläger, und Roman Kanonik singt „Nazi Punks Fuck off“ von den Dead Kennedys oder Kim Wildes „Kids in America“ als Punk-Version. Ein großer Spaß. Auch wenn dabei die in Richters Textvorlage leicht mitschwingende politische Botschaft etwas unterzugehen droht. Die unglaublich künstlerische Raffinesse der kolossalen Chorarbeit rettet aber die Inszenierung von Claudia Bauer ins Ziel.

Wie in Dresden kulminiert der Abend auch hier in den 90ern mit dem alles gleichmachenden Technosound. Das Ensemble verschwindet wieder unter den großen Pappköpfen. Politik ist out. Dass das Versäumte und Vergessene heute als Pegida wieder hochkocht, konnte man gerade an diesem aktuellen Tag der Einheit vor allem wieder in Dresden erleben. Peter Richter sprach davon im Februar in seiner Dresdner Rede, die nun zum Essay Dresden revisited erweitert in Buchform erschienen ist. In diesem Sinne braucht es vor allem auch solch ein Theater gegen das Vergessen.

 

Spielzeitmotto am Schauspiel Leipzig - Foto: St. B.

Spielzeitmotto am Schauspiel Leipzig – Foto: St. B.

Die Inszenierung ist zum 54. Theatertreffen in Berlin eingeladen.

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89/90 (03.10.2016, Schauspiel Leipzig)
Nach dem Roman von Peter Richter
Für die Bühne bearbeitet von Claudia Bauer und Matthias Huber
Regie: Claudia Bauer
Bühne: Andreas Auerbach
Kostüme: Andreas Auerbach, Doreen Winkler
Komposition und musikalische Leitung: Peer Baierlein
Chorleitung: Daniel Barke
Dramaturgie: Matthias Huber
Mit: Anna Keil, Annett Sawallisch, Bettina Schmidt, Wenzel Banneyer, Andreas Dyszewski, Roman Kanonik, Tilo Krügel, Denis Petkovic und Chor
Premiere am Schauspiel Leipzig war am 16.09.2016
Spieldauer: ca. 3 Stunden, eine Pause
Termine: 23.10. / 03., 17.11. / 16.12.2016  / 14.01. / 17.02. / 19.03. / 27.04.2017

Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de

Zuerst erschienen am 06.10.2016 auf Kultura-Extra.

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Adoleszenz und Apokalypse – Zweimal neue junge Dramatik in der Diskothek des Schauspiels Leipzig

Samstag, Oktober 24th, 2015

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Mit Stücken von Wolfram Höll (Und dann), Ferdinand Schmalz (am beispiel der butter), Nolte Dekar (Das Tierreich) oder Lukas Linder (Die zweieinhalb Leben des Henrich Walter Nichts) ist die kleine Spielstätte Diskothek unter dem Dach des Schauspiels Leipzig seit der Übernahme der Intendanz durch Enrico Lübbe auf Erfolgskurs. Ob Retzhofer Dramapreis, Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkts oder Kleist-Förderpreis, die Bilanz der hier seit 2013 uraufgeführten jungen, deutschsprachigen Dramatik lässt sich durchaus sehen. Wolfram Höll wurde für sein Stück Und dann 2014 sogar mit dem begehrten Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet und zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen. Auch in der Spielzeit 2015/16 stehen insgesamt fünf Uraufführungen auf dem Leipziger Spielplan, die zum Teil bereits wieder Preise eingeheimst haben.

 

Das Schauspiel Leipzig - Foto: St. B.

Das Schauspiel Leipzig – Foto: St. B.

 

So auch Der Mann aus Oklahoma von Lukas Linder. Die Uraufführung des mit dem Kleist Förderpreis ausgezeichneten Stücks fand bereits im Juni bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen statt. Nach der Preisverleihung Anfang Oktober in Frankfurt/Oder ist die Adoleszenz-Komödie nun auch in der Diskothek Leipzig zu sehen. Der 31jährige Schweizer Dramatiker beschreibt die Probleme des 13jährigen Fred, ohne eine männliche Identifikationsfigur erwachsen werden zu müssen. Er idealisiert seinen vor kurzem abgehauenen Vater Jack, verklärt die Erinnerung an ihn und träumt sich im Trenchcoat in die amerikanischen Kriminalromane von Raymond Chandler. Hauptdarsteller Felix Axel Preißler gibt gleich zu Beginn eine Kostprobe der blühenden Fantasie des Jungen, indem er eine aufregende Doppelszene mit seiner Traumheldenfigur, dem Privatdetektiv Ray, und seiner Auftraggeberin in verteilten Rollen vorspielt.

Ansonsten gehört Fred in der Schule eher zur Gruppe der Niedlichen, für die es nie in Frage kommt, mit den Hübschen oder Coolen zu gehen. Seine Angebetete Cordula ist für ihn so unerreichbar. Ebenso wenig wie es für ihn möglich scheint, seine etwas überambitionierte Lehrerin (Annett Sawallisch) mit einem Vortrag zum Thema „Vater, Du Idol“ zufrieden zu stellen. Mit dem Thema scheitert auch die ebenso unscheinbare Mitschülerin Astrid (Runa Pernoda Schaefer), deren Vater, ein ehemaliger Ringer (Hartmut Neuber), beim Zerreißen ihres französischen Grammatikbuches versagt. Der absolute Tiefpunkt in Sachen heroischer Vaterfigur. Er tritt hier als liebenswerter, melancholisch philosophierender Trottel im roten Ringerdress auf.

 

Der Mann aus Oklahoma von Lukas Linder am Schauspiel Leipzig - Foto (C) Rolf Arnold

Der Mann aus Oklahoma von Lukas Linder am Schauspiel Leipzig – Foto (C) Rolf Arnold

 

Die Männer kommen insgesamt etwas schlechter weg, wogegen die Damenwelt völlig überdreht wirkt, und im Fall von Freds Mutter (Anne Cathrin Buhtz) wie ein 40er-Jahre-Hollywoodverschnitt von Lauren Bacall aussieht. Sie hat sich zur Ablenkung den erotomanischen Fitnesscoach Ehrlicher (Jonas Fürstenau) geangelt (auch nicht gerade ein Humphrey-Bogart-Typ), der Fred mit seiner Sammlung erotischer Grafik in die Welt der Männer einführen will. Bei diesem leicht übergriffigen Aufklärungsgespräch steckt der Ersatzpapa Fred einen Schnuller in den Mund, während vom Band der Rühmann-Klassiker La le lu erklingt.

Die sämtlich überzeichneten Figuren hat Autor Linder auch sonst stark am Klischee gebaut. Regisseur Marc Lunghuß setzt mit seiner Inszenierung noch einen drauf. Da versinkt doch manches zu sehr im Klamauk. Die Bühne von Tobias Schunck ist eine aufklappbare Waschbetonfassade, aus deren Öffnungen heraus die Figuren wie in einem Puppenhaus agieren. Die Villa des wohlstandsverwahrlosten Chris (Florian Steffens), hinter deren Fenstern Fred seinen Vater vermutet, ist ein Kitsch-Traumgebilde mit Triton-Brunnen, Pelikan und grünen Elefanten. Hier versucht Fred, gefolgt von Astrid, in einer Gewitternacht einzusteigen. Allerdings, der titelgebende Mann aus Oklahoma (ein alte Ringer-Anekdote von Astrids Vater) bleibt natürlich reine Jungs-Fantasie und das Ende relativ offen. Auch wenn Fred nach seinem Sturz von der Leiter leicht weggetreten in einen Krankenhauskittel gesteckt nochmal das Victory-Zeichen macht, ist ihm schon klar, dass es für seinen Traum von einer echten Vater-Sohn-Beziehung wohl irgendwann zu spät sein wird.

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Weitestgehend Klischee sind die Figuren aus Bernhard Studlars Stück Die Ermüdeten oder Das Etwas, das wir sind. Der Hausherr einer Dachgeschosswohnung im 8. Stock überrascht bei den Vorbereitungen zu einer Party auf seiner Terrasse einen ungebetenen Gast, eine junge, lebensmüde Frau. Diese findet schnell gefallen an der Situation und zwingt den Gastgeber mit dessen Pistole, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Wer sich am Ende der ausufernden Party von der Terrasse stürzen wird, bleibt dabei offen. Der österreichische Autor lässt im Folgenden eine illustre Gesellschaft von typischen Großstädtern aus der bürgerlichen Mittelschicht aufeinandertreffen. Lauter Nichtraucher, Biofanatiker, Ökokleingärtner, Linksliberale oder Anlagestrategen und vor allem gestresste Eltern am Rand des Wahnsinns, die mit zunehmendem Alkoholkonsum ihre Kontenance fahren und es danach umso mehr krachen lassen.

 

Die Ermüdeten oder Das Etwas, das wir sind von Bernhard Studlar am Schauspiel Leipzig - Foto (C) Rolf Arnold

Die Ermüdeten oder Das Etwas, das wir sind von Bernhard Studlar am Schauspiel Leipzig – Foto (C) Rolf Arnold

 

Werden die Szenen zwischen dem Gastgeber (Dirk Lange) und der jungen Frau (Sophie Hottinger) immer wieder per Video eingespielt, hat Hausregisseurin Claudia Bauer für die Gespräche auf der eigentlichen Party dann eine fast schon geniale Idee. Während ein Teil der in neonfarbenen Satinkleidern steckenden SchauspielerInnen am Rand die Texte per Mikro einspricht, bewegen sich die anderen dazu pantomimisch in immer wieder neuen, teils bizarr durchchoreografierten Szenen. Dabei tragen sie Masken und spielen ihre namenlosen Figuren unabhängig vom Geschlecht, wobei auch die Stimmen teils cross gesprochen oder verzerrt und immer wieder in Loops, fast schon wie ein melodiöser Sing Sang vorgetragen werden.

Ein großartiger Verfremdungseffekt, der tatsächlich auch über den gesamten Abend seine Spannung halten kann. Die sechs SchauspielerInnen Sophie Hottinger, Dirk Lange, Wenzel Banneyer, Tilo Krügel, Annett Sawallisch und Katharina Schmidt lösen sich immer wieder beim Sprechen und Performen ab. Es gibt keine Charaktere, nur ein Typenballett austauschbarer Figuren. Sie wirken wie fremdgesteuert und reagieren in einer körperlich stark überzogenen Dauererregung direkt auf die jeweiligen Gegenüber. Gehetzte ihrer selbst, übermüdet und im ständigen Stress nicht wahrgenommen zu werden. Abhängig voneinander oder dem Handy, das wie ein monströser Hinkelstein an ihnen hängt. Identifizieren kann man sie, wenn überhaupt, nur mittels ihrer ständig wiederholten in Worthülsen gekleideten Satzfetzen.

Dem gegenüber stellt die Regisseurin am Beginn des Abends noch während des Einlasses, kaum bemerkt vom Publikum, Versfragmente aus der Offenbarung des Johannes über die apokalyptischen Reiter in Dauerschleife. Zu einer Art Apokalypse entwickelt sich schließlich auch die ganze Party. Und so sind die folgenden Gespräche lose mit den Schlagworten Hunger, Krieg, Krankheit und Tod überschrieben. Von verhasstem Smalltalk über kleine Komplimente und Sticheleien bei Biobier und asiatisch veganem Essen gerät man schnell in Ekstase über Themen wie Kindererziehung, Biogärtnern, Sex oder Politik und teilt seine Ängste, Psychosen und Coachingversuche. Wobei man sich schnell wieder aus zu anstrengenden, fordernden Beziehungsgesprächen verabschiedet und lieber über sich selbst spricht. Die Partygäste mutieren dabei langsam von Maskenmenschen zu Pelzkopfträgern mit Pestschnabelmasken, und schließlich bleibt auf der zugemüllten Bühne nur noch ein schmatzendes Wurmwesen übrig, während im Video ein großer Komet auf die Stadt zurast. Eine bemerkenswerte Inszenierung und Schauspielleistung, die Appetit auf mehr machen.

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DER MANN AUS OKLAHOMA (18.10.2015)
Regie: Marc Lunghuß
Bühne & Kostüme: Tobias Schunck
Musik: Simon Bodensiek
Licht: Carsten Rüger
Dramaturgie: Christin Ihle
Mit: Simon Bodensiek, Anne Cathrin Buhtz, Jonas Fürstenau, Hartmut Neuber, Felix Axel Preißler, Annett Sawallisch, Runa Pernoda Schaefer und Florian Steffens
Koproduktion mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen 2015 und dem Kleist Forum Frankfurt/Oder
Uraufführung bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen war am 9. Juni 2015
Leipziger Premiere in der Diskothek: 11. 10. 2015
Weitere Termine: 29. 10. / 22. 11. 2015

DIE ERMÜDETEN ODER DAS ETWAS, DAS WIR SIND (17.10.2015)
Regie: Claudia Bauer
Bühne & Kostüme: Andreas Auerbach
Musik: Jonas Martin Schmid
Licht: Veit-Rüdiger Griess
Video: Gabriel Arnold
Dramaturgie: Matthias Huber
Mit: Wenzel Banneyer, Sophie Hottinger, Tilo Krügel, Dirk Lange, Annett Sawallisch und Katharina Schmidt
Uraufführung in der Diskothek war am 25. September 2015
Weitere Termine: 1., 29. 11. 2015

Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspiel-leipzig.de

Zuerst erschienen am 21.10.2015 auf Kultura-Extra unter:

http://www.kultura-extra.de/theater/spezial/urauffuehrung_bernhardstudlar_diermuedeten.php

http://www.kultura-extra.de/theater/spezial/urauffuehrung_lukaslinder_dermannausoklahoma.php

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Innehalten! Gegen Überproduktion und Dramatiker-Burnout bei den Autorentheatertagen am Deutschen Theater Berlin und den Mülheimer Theatertagen 2014

Donnerstag, Juni 26th, 2014

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Zum Innehalten! forderte Alleinjuror und Theaterkritiker Till Briegleb die Besucher der Autorentheatertage 2014 am Deutschen Theater Berlin auf. Für die diesjährige Ausgabe konnten keine neuen Stücke für die Lange Nacht der Autoren eingereicht werden. Briegleb hat sich ganz in Ruhe auf Rückschau verlegt. Ob das Theater heute tatsächlich einem alles aufsaugenden Tampon gleicht, mit dem man reiten, schwimmen und radfahren kann – den alten o.b.-Witz brachte der Kritiker Briegleb in einer Rede zur Eröffnung der ATT – sei mal dahin gestellt. Sicher ist, dass sich das deutschsprachige Theater, dem Druck um Aktualität und Attraktivität Rechnung tragend, wilden Aktionismus und Betriebsamkeit vortäuschend, um sich selbst dreht und dabei den Blick für das Wesentliche wie Qualität und nachhaltige Entwicklung von Schreibtalenten immer mehr verliert. Und aufsaugen sollte es dabei eben nicht nur alles aus sich selbst heraus kommende – um mal beim unappetitlichen Vergleich zu bleiben – sondern neben dem ständigen Drang zur Innovation auch ein Auge auf die Fehlentwicklungen der uns umgebenden Gesellschaft haben. Das Überköcheln des eigenen Betriebssüppchen, das in den aktuellen Klassikerinszenierungen die Selbstreflexion fast schon zum Gebot erhebt, weicht hier der Besinnung auf, wenn man so will, ganz konservative Werte wie Geduld, Ausdauer und Können. Der Autor, alles begierig um sich herum einsaugend, um es in Text und im besten Falle zu Kunst zu verarbeiten, im Zentrum eines Theaterbetriebs, der ihn als wichtigen Mittler zwischen Innen und Außen wieder selbst zum Schrittgeber der Produktion von Dramatik werden lässt.

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…bei den Autorentheatertagen 2014 am Deutschen Theater Berlin – Foto: St. B.

Das Augenmerk der Autorentheatertage 2014 lag also wie schon in den letzten Jahren nicht allein im Privaten (2012: Sei nicht du selbst! 2013: Das Weite suchen!), sondern durchaus im Allgemeingesellschaftlichen und somit auch im Politischen. Das deutlich abgespeckte Programm bot dann auch neben einem Wiedersehen mit dem Regisseur der nachhaltigen Entschleunigung Christoph Marthaler (Das Weisse vom Ei) einiges zum Innehalten und Nachdenken, wie z.B. Stephan Kimmigs locker rockende, dabei allerdings nicht besonders tiefgehende Neuinszenierung des 2003 uraufgeführten Stücks Tag der weißen Blume des russischen Dramatikers Farid Nagim, das historische Ereignisse der 1920er Jahre auf der Krim mit den heutigen Verhältnissen in Russland kurzschließt. Oder die von den Historikern Sönke Neitzel und Harald Welzer zusammengestellten Abhörprotokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben, die Regisseur Thomas Dannemann in Hannover zu seiner Inszenierung Soldaten verdichtete. (Das hatten wir eigentlich im Kontext von Volker Löschs Draußen vor der Tür-Inszenierung an der Berliner Schaubühne schon interessanter gesehen.) Luc Percevals Hamburger Inszenierung seiner Antikriegspolyphonie Front erinnerte dann noch mit Texten von Erich Maria Remarque und Henri Barbusse an den 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs.

Autor/Regisseur Kevin Rittberger deutete mit seinem plebs coriolan, einem Auftragswerk in Eigenregie für das Schauspielhaus Wien, den klassischen Coriolanusstoff von Shakespeare in einen Umverteilungskampf Besitzloser gegen die Wahrer des privaten Besitzstands um. Ein bisweilen spaßiges Unterfangen, das die Domestiken einer Dame aus reichem Hause und deren Unterstützer beim Versuch des sogenannten „Aushegens“ und wieder Einverleibens der in Teilen freiwillig übergebenen Güter in kollektiven Besitz zeigt. Es scheitert allerdings wiedermal etwas banal an der Gewalt(en)frage und dem kollektiven Unvermögen die Utopie des Endes vom Eigentum in die Tat umzusetzen. Der eigene Hang zum kleinen Privatbesitz schlägt dem zunächst noch recht unorthodox handelnden plebs allerdings schnell ein Schnippchen, genau wie der eiserne Wille eines wunderbar zynisch monologisierenden Notars, Alt- und Bewahrenswertes mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verteidigen. So zeigt man sich seine Wunden – das einzige, was das Stück recht ironisch aus dem Shakespearstoff übernommen hat – kommt aber leider über ziemlich unkonkretes Theoriegewaber nicht hinaus.

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Aber vor allem gab es wieder die Gelegenheit einige der Anwärter für den Mülheimer Dramatikerpreis 2014 im direkten Vergleich zu begutachten. Fast wie zufällig standen dann auch die beiden Stücke, die es in Mülheim in die Endrunde geschafft hatten, kurz hintereinander auf dem Spielplan der ATT. Und unterschiedlicher können zwei Theaterstücke und -philosophien kaum sein. In Gasoline Bill, vom Diskursschleifer und Stückwerkphilosophen René Pollesch an den Münchner Kammerspielen inszeniert, kämpfen sich die Schauspieler mal wieder durch Texte der Art: „Ich habe mit Greenpeace zwei Delfine gerettet und werde immer trauriger.“ oder „Ich habe eine Doppelhaushälfte gekauft… Wo ist die andere Hälfte vom Haus?“ Die Fragen der Darsteller zielen dabei aber nicht einfach nur auf banale Probleme wie dem des allgemeinen Helfersyndroms oder der Sinnlosigkeit von sexuellen Paarbeziehungen. Der Grund dessen, weswegen sie eigentlich hier sind, ist das allseits bekannte Spiel René Pollesch‘, das man im weitesten Sinne ein Essenzmemory seiner momentanen, meist höchst philosophischen Lektüre bezeichnen kann.

Wie schon in seinem letzten Stück an den Münchner Kammerspielen Eure ganz großen Themen sind weg! geht es dann aber trotzdem auch wieder genau darum. Diesmal tummeln sich im Cowboyoutfit Katja Bürkle, Benny Claessens sowie die Pollesch-Newcomer Sandra Hüller und Kristof Van Boven vor einem nach einer Seite offenen, von Bert Neumann aus Holzlatten zusammengezimmerten Westernsaloon. Gleich einer Zigarettenpause im Büro wird im gemeinsamen Smalltalk zunächst der allgemeine Themenrahmen abgesteckt. Einer der Orte (neben dem Theater) wo  noch wirklich die ganz großen Themen unter Gleichgesinnten verhandelt werden. Hier treten aber auch auf schönste Weise die Diskrepanzen zu Tage, zwischen gelebtem Alltag und der Vorstellung dessen, was man sich idealer Weise immer so vornimmt. Die Kluft zwischen Wollen und Tun geht bekanntlich oft weit auseinander. Dazu kommt der Terror von Mitmenschen umgeben zu sein, die uns mit ihrer Anwesenheit belasten. Sogenannten toxischen Subjekten (nach Slavoj Zizek), die ständig unsere Tolernanz herausfordern, und unser Menschrecht auf Abstand gefährden.

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Beifall am DT für Gasoline BillFoto: St. B.

Der Wunsch nach Entlastung und Erlösung aus diesem Zustand (z.B. durch so „lässig coole Kapitalistenschweine“ wie Steve Jobs) dringt dabei bis auf die Theaterbühne vor. Wir delegieren, um nicht zu verzweifeln, unsere Emotionen das Elend der Welt betreffend an den Schauspieler, und können so wieder über die eigenen, alltäglichen Probleme nachdenken, z.B. wo man seinen Füller verlegt hat. Um das dem Schauspieler nun auch zu ermöglichen, wirft Benny Claessens schließlich einfach das Textbuch ins Holzhaus und die Entlastungs-Gebetsmühle an. Das Haus dreht sich und im diskursives Matratzenlager auf weichem, unsicheren Boden treffen Siegmund Freud und TV-Seelenversteher Domian auf Sandra Bullock in Gravity allein im All. Vom Band schmettern die Beasty Boys Party und Sabotage und ein Proust-Zusammenfassungs-Wettbewerb Auf der Suche nach der verlorenen Zeit wird in Abendgarderobe zelebriert. Max Webers Erlösungstheorien über soziales Handeln kulminieren in der Enttäuschung eines Afrikahelfers über den Undank der Betroffenen.

Unsere vier Rampen-Hillbillys tanzen und rennen gegen die wachsende Bedeutungsmanie des modernen Theaters bei gleichzeitig um sich greifender Begriffsresistenz an. Dabei schlägt man sich selbstredend auch den Kopf beim Versuch ganz weit offene Türen einzurennen, wo gar keine sind. Obwohl die offensichtliche Salonschwingtür das problemlos in beide Richtungen zuließe. Sandra Hüller präsentiert den Slapstick als letzte Rettung aus der Repräsentationsmisere. Last Chance verheißt die Vorderfront der einsamen Doppelhaushälfte, Keep Out! steht auf der Rückseite. Einstieg und Ausweg in einem – ein Witz der ein ums andere Mal ins Leere läuft, sein Ziel aber dennoch nicht ganz verfehlt. Von Sigmund Freud (Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten) über Jacques Lacan (Die Ethik der Psychoanalyse) bis zu Robert Pfaller (Die Illusionen der anderen: Über das Lustprinzip in der Kultur) ein vergnüglich um sich selbst rotierender Ausflug durch mehr als 100 Jahre Psychoanalyse und trotz allem auch ein Beitrag zum Innehalten und darüber Nachdenken, ob es tatsächlich immer so weitergehen muss, wie bisher.

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Eher ein Fall für den Kinderpsychologen scheint dagegen das Mülheimer Gewinnerstück Und dann des jungen Leipziger Dramatikers Wolfram Höll. Es brachte dem Autor Einladungen zum Stückemarkt des Berliner Theatertreffens und zum Heidelberger Stückemarkt 2012 sowie die Verleihung diverser Preise ein. Ähnlich der von Bert Neumann gestalteten Diskursbretterbude in Polleschs Gasoline Bill steht hier ein Lattengerüst mit Sperrholzbeplankung auf der Bühne (entworfen inkl. der Kostüme von Andreas Auerbach), die von den vier Leipziger Schauspielern Wenzel Banneyer, Daniela Keckeis, Heiner Kock und Markus Lerch in Buratino-Kostümen (die russische Variante des italienischen Pinocchios) mit großen Köpfen, langen Nasen und kurzen Hosen bevölkert wird. Die bildliche Imitation der Sichtweise eines Sechsjährigen, der noch nicht anders als in solch kindlichen Bildern und sich wiederholender, rhythmischer Kurzsatzsprache erfassen kann, was da gerade mit ihm und der ihn umgebenden Welt passiert.

Und dann (UA) Foto © Rolf Arnold

Und dann (UA)
Foto © Rolf Arnold

Vom Videobildschirm klingt es bereits beim Einlass im Dauerloop: „ein Vater, zwei Kinder, drei Verlierlinge, eine Mauer, die keine mehr ist“. Familiäre und systemumwälzende deutsch-deutsche Gletscherverschiebungen mit nach sich ziehender Geschichtseinebnung haben die beiden Brüder und ihren Vater wie drei eiszeitliche Findlinge in den Schluchten der Plattenbauten zurückgelassen. Das plötzliche Fehlen der Mutter, die Wende und langsame Zerrüttung der verbliebenen Rumpffamilie in einem randstädtischen, vermutlich Leipziger Plattenbau sind die Eckpfeiler einer Geschichte über Verlorenheit und Verlustschmerz. Die „Verlierlinge“ stehen hier als Sinnbild menschlich-tektonischer Verwerfungen in Zeiten des gesellschaftlichen und politischen Umbruchs.

Die Perspektive des Kindes zu wählen, erweist sich dabei als sprachlich interessanter Kunstgriff. Autor Höll tauscht damit ganz bewusst die Ebene des erwachsenen, allwissenden Erzählens gegen eine lückenhaft kindliche Erinnerung des Nichtverstehenkönnens. Diese Erinnerungssplitter rekapitulieren in kurzen Momentaufnahmen ein aus den Fugen geratendes Weltbild einer versehrten Kleinfamilie. Mittels Projektionen und Sprachbildern vermittelt der Text Stimmungen wie Aufbruch und Hoffnung oder Ängste und Wut. Die rhythmisierte Sprachmelodie mit der bindenden Aufzählungsformel „Und dann…“ lässt den Text fast strophenhaft klingen, was die Inszenierung von Claudia Bauer auch in kleinen repetitiven Sangeseinlagen aufnimmt. Text und Inszenierung verbinden sich dabei trotz der gewollten Künstlichkeit zu einem virtuosen Ganzen.

Das Erinnern funktioniert hier über alte Familienfilme, die mittels eines Videoprojektors das Bild der verlorenen Mutter für das Kind wiederbeleben und überdimensional an die betonsteinharten Häuserwände der Plattenbauten werfen. Der beruflich gescheiterte Vater, in den Vorstellungen des Kindes in einem großen Haus, ein Hausriese, ganz weit oben, verschanzt sich nun mehr in die eigenen engen Wände das Plattenbaus an seinem Funkgerät horchend, das für den Sohn die unbegreifliche Weite und Verbindung zur Welt darstellt. Ein geheimnisvoller „Würfelmittausendstimmendrinnen“, der sich nach seinem Verstummen in den vielen Fernsehgeräten der umliegenden Plattenbauten draußen wiederspiegelt.

Und dann (UA) mit Heiner Kock, Daniela Keckeis, Markus Lerch - Foto © Rolf Arnold

Und dann (UA) mit Heiner Kock, Daniela Keckeis, Markus Lerch – Foto © Rolf Arnold

Die Wende wiederum spiegelt sich in den Augen des Jungen z.B. über die plötzliche Wandlung der einstigen „Panzerparadenlangenstraße“ zur „Jedentagwagenparadenstraße“ der Westwagen, die er aufmerksam beobachtet. Die einen Russen gehen, damit die anderen Russen (nun Spätaussiedler) mit ihren Koffern kommen können. Immer mit gleicher, bildlicher „Vatermutterkindkiste“. Diese Metaphern und Projektionen kindlicher Phantasie bestimmen Hölls Stück über weite Strecken, bis sie immer kleiner werden und in den Händen des Kindes fast verschwinden. Das langsame Verlöschen der Erinnerung und das Warten auf einen neuen Gletscher, der die Geschichte weiter überscheiben wird, schließen das Stück, lassen es aber auch im Bild der drei Findlinge/Verlierlinge im Hof der Plattenbauten weitgehend offen.

Das Innehalten am Ende kommt hier aber eher einem Verharren in einer sich auf der Stelle drehenden Zeitschleife gleich. Zusammen mit dem ebenfalls nach Mülheim eingeladenen Stück am beispiel der butter des österreichischen Dramatikers Ferdinand Schmalz bewies das Schauspiel Leipzig unter dem neuen Intendanten Enrico Lübbe trotz Erfolgsdruck und damit verbundenem nicht immer künstlerisch überzeugendem Hochdruck auf der großen Bühne ein gutes Händchen für kleinere Produktionen an den Nebenspielstätten.

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Dem Vorwurf der Überproduktion von Stücken und dem gezielten Burnout junger Schreibtalente wehte allerdings auch etwas Widerspruch entgegen. Der Dramaturg und ehemalige Theaterkritiker Roland Koberg formulierte in seinem Hätte-wäre-Gedanken auf dem ATT-Blog die Behauptung „Mehr Stücke sind mehr.“ „Die bei Juroren beliebte Hypothese, das Theater werde besser, wenn weniger Dramatiker weniger Stücke mit mehr Qualität schreiben, gehört ins Reich der Phantasie. Nicht weniger ist mehr. Mehr ist mehr.“ Ein Plädoyer für mehr Mut der Autoren zum Stückeschreiben. Etwas anderes hätte man wohl auch kaum erwarten können, obwohl seit einiger Zeit selbst Dramaturgen wie Bernd Stegemann von der Berliner Schaubühne den Sinn der Überproduktion an den großen Häusern in Frage stellen. Er sieht das durchaus in einem größeren Zusammenhang: „Die ständig wachsende Zahl an neuen, von einer Theaterleitung erfundenen Produktionen verkehrt die Druckverhältnisse, die bisher von den Forderungen der Regisseure auf die Institutionen ausgingen. Kürzere Probenzeiten, höhere Aufführungsschlagzahl, kleinere Ensembles und Ausstattungsetats stellen den Regisseur vor Anforderungen, die wieder an die Anfänge seines Berufs erinnern.“ stellte er bereits 2011 in einem Interview mit der Berliner Zeitung fest. Das alles diene letztendlich nur „dem Beschleunigungswillen des Kapitals und der Entsolidarisierung der um dieses Kapital kämpfenden Individuen“. Das Ende der Fahnenstange in Bezug auf die Selbstausbeutung im künstlerischen Theaterbetrieb scheint da durchaus erreicht.

Foto: St. B.

Sind mehr Stücke wirklich gleich mehr? Dramenbaustelle ATT am DT – Foto: St. B.

Diesen Selbstoptimierungswahn gepaart mit einem endlos gesteigerten Leistungsdruck beschreibt in Teilen auch sehr schön eine Produktion des Deutschen Theaters, die ebenfalls nach Mülheim eingeladen war, dort beim Publikum gut ankam, auf den Autorentheatertagen allerdings nicht vertreten war und auf dem Spielplan des DT unerklärlicher Weise selten zu finden ist. In Alltag & Ekstase, einem modernen Sittenbild von Autorin Rebekka Kricheldorf, wird anhand dreier Generationen einer deutschen Durchschnitts-Familie ironisch der alltägliche Druck zum fast schon pathologischen Drang Ich-bezogenen Dauerin- und –outputs beschrieben. Und nach dem Motto: Lass es raus! hat dann hier auch jeder sein eigenes Lang- bzw. auch mal Kurzzeitprojekt am laufen. Vor allem Hauptprotagonist Janne (Jannek Petri) mit gescheiterter Ehe und geschiedenen Eltern, schlechtem Sex und kindischen Angewohnheiten wird hier zwischen seinen selbstfindungsbewussten Nahverwandten aufgerieben.

Wesentlich einfacher macht es sich da der japanische Intimfreund des Vaters, der Spaß, Job und Familie zu trennen weiß, die tägliche Leistungsoptimierung kurzerhand daheim lässt und zum Triebabbau bei völkisch ritualisierten Vergnügungen einfach nach Deutschland kommt. Vom Vater zur unfreiwilligen Eventbetreuung abgestellt, erlebt Janne schließlich eine Initialzündung zwischen gemeinschaftsbildendem Oktoberfest sowie naturnahem und körperbetontem Karnevalsritual, bei dem dann auch für ihn alles irgendwie in Ordnung zu kommen scheint, so lange Bier und Wurst ökologisch korrekter Herkunft sind. Da ist zum Ende des Stücks hin der bisher stoisch in der Ecke an eins der gescheiterten Projekte gemahnende Nachwuchs River aber bereits auf der Flucht vor den Erzeugern nach Nepal. Und irgendwie ist die Geschichte da auch wieder am Anfang angekommen. Der Beginn des Kreislaufs in der Hölle der Ich-Findung. Also doch lieber Innehalten? Mit dem Ausblick auf ein irgendwie gestaltetes Theaternirwana vielleicht keine schlechte Idee. Rebekka Kricheldorf wird jedenfalls in der kommenden Spielzeit ans Deutsche Theater zurückkehren, wie auch die nächsten Autorentheatertage nebst dem dazugehörigen neuen Motto.

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plebs coriolan
von Kevin Rittberger
Uraufführung
Regie: Kevin Rittberger, Bühne/Kostüm: Janina Brinkmann, Musik: Kira Kira.
Mit: Hanna Eichel, Barbara Horvath, Steffen Höld, Gideon Maoz, Myriam Schröder, Thiemo Strutzenberger.
Dauer: 1 Stunde, 50 Minuten, keine Pause

Weitere Infos: http://www.schauspielhaus.at/

Gasoline Bill
von René Pollesch
Regie: René Pollesch, Bühne: Bert Neumann, Kostüme: Nina von Mechow, Dramaturgie: Tobias Staab.
Mit: Katja Bürkle, Sandra Hüller, Benny Claessens, Kristof van Boven.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Weitere Infos: www.muenchner-kammerspiele.de

Und dann (UA)
von Wolfram Höll
Regie: Claudia Bauer, Musik: Peer Baierlein, Bühne und Kostüme: Andreas Auerbach, Dramaturgie: Matthias Huber / Esther Holland-Merten.
Mit: Wenzel Banneyer, Daniela Keckeis, Heiner Kock, Markus Lerch.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

Weitere Infos: www.schauspiel-leipzig.de

Alltag und Ekstase. Ein Sittenbild (UA)
Von Rebekka Kricheldorf
Regie: Daniela Löffner, Bühne: Claudia Kalinski, Kostüme: Sabin Thoss, Dramaturgie: Ulrich Beck.
Mit: Jannek Petri, Harald Baumgartner, Judith Hofmann, Thomas Schumacher, Franziska Machens, Nermina Jovanovic/Zoë Seelig.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

Weitere Infos: http://www.deutschestheater.de/

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