Archive for the ‘Constanza Macras’ Category

On Fire – The Invention of Tradition – Eine Koproduktion von Constanza Macras und DorkyPark mit südafrikanischen KünstlerInnen als Gastspiel im Maxim Gorki Theater

Freitag, Oktober 2nd, 2015

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Nachdem sich die argentinische Choreografin Constanza Macras 2014 in der Schaubühne mit der Erinnerung (The Past) und beim TANZ IM AUGUST 2015 mit der Geschichte chinesischer Akrobaten (Ghosts) beschäftigt hat, steht in ihrer neuen Produktion die Neubewertung von Erbe und Tradition im Kontext des afrikanischen Postkolonialismus und im Speziellen der Post-Apartheid in Südafrika im Mittelpunkt. Das Stück On Fire ist in Koproduktion mit südafrikanischen Künstler- und TänzerInnen entstanden und im Februar diesen Jahres in Johannesburg uraufgeführt worden. Am Maxim Gorki Theater fand nunmehr die europäische Premiere statt. Das Stück wird noch einmal im Januar dort zu sehen sein und dann weiter touren an das Thalia Theater Hamburg und das Teatro Comunale di Ferrara in Italien.

 

On Fire von Constanza Macras - Foto (C) John Hogg AugustinPR
     Foto (C) John Hogg AugustinPR

 

Der Abend zerfällt auffallend in zwei sehr unterschiedliche Teile. Er beginnt zunächst mit starken, intensiven – wie immer bei Macras -auch sehr körperbetonten Tanzszenen. So stehen sich z.B. ein schwarzer und ein weißer Tänzer gegenüber und versuchen aneinander vorbei zu kommen. Sie imitieren die Bewegungen, stoßen sich an und ab, beginnen sich dabei fast zu verknoten. Man könnte auch sagen Schwarz und Weiß, der afrikanische und westeuropäische Stil überblenden sich. Formen und Verformen – das wird sich noch einige Male so oder ähnlich wiederholen. Es gibt Sreet- und Breakdance-Einlagen. Ein Mann geht auf Krücken über die Bühne und ist im Video gedoppelt in einer Landschaft zu sehen.

Plötzlich wird der zunächst weiße Bühnenboden weggerissen und die schwarzen TänzerInnen beginnen sich zu traditionellen Trommel-Rhythmen zu bewegen. Der Untertitel „Erfundene Traditionen“ weist die Richtung. Es geht um traditionelles Erbe und Neuorientierung, um Klischees über den schwarze Körper in einer weißen und in der Selbstwahrnehmung der Afrikaner. Zur allgemeinen Verwirrung macht sich da auch eine afrikanische Variante des Schuhplattlers ganz gut.

Macras arbeitet dabei natürlich auch wieder interdisziplinär. Die Musik kommt teils vom Band mit christlichen Chorälen, oder bis zur Unkenntlichkeit verlangsamten italienischen Opernarien, zu denen sich die TänzerInnen wie in Zeitlupe bewegen und ironisch klassische Ballettnummern persiflieren. Am eindrucksvollsten wird es aber, wenn zum Beat der Percussion-Sektion aus Schlagzeug und afrikanischen Trommeln gruppendynamisch getanzt wird. Hier kommen dann auch erste Wortbeiträge, die wie in mythologische Erzählungen von Feuer, Erde und Göttern berichten.

 

On Fire von Constanza Macras - Foto (C) John Hogg AugustinPR

Foto (C) John Hogg AugustinPR

 

Im zweiten Teil zerfällt der Abend etwas zu Gunsten vieler Einzelperformances. Es wird weiter erzählt, gestritten und ein Casting einer weißen Regisseurin für eine Shaka-Zulu-Show nachgespielt. Immer wieder gefrieren die TänzerInnen zu Tableaus, die den Fotografien der südafrikanischen Künstlerin Ayana V. Jackson nachempfunden sind, die in mehreren Fotoserien den ethnografisch- kolonialen Portraitstil dekonstruiert und mit modernen Symbolen verfremdet hat. So tragen die TänzerInnen Golf- und Tennisschläger zu westlichen oder auch traditionell afrikanischen Kostümen.

Der Diskurs dreht sich zunehmend um Identität, Gender, Metrosexualität, Travestie und afrikanische Tanztruppen, die ihre traditionelle Kultur für Chinesen darbieten. Es geht dabei vor allem um die Präsentation des schwarzen Künstlers in Tradition, Mythen und modernen Medien. Eine Schöpfungsgeschichte mit gewaltvollem Ende wird erzählt, oder der viel gecoverte afrikanische Hit Malaika gesungen. Das ist oft witzig, aber Constanza Macras beackert da auch etwas zu viele Baustellen. Sicher soll damit der erste Tanztheaterteil des Abends wieder etwas dekonstruieren werden, was aber leider auch sehr konfus, uneinheitlich und thematisch überladen wirkt. Soviel scheint klar: Aus Tradition soll eine Art Subversion erwachsen. Die Befreiung vom Klischee, das Finden einer eigenen, modernen afrikanischen Identität und Kultur.

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On Fire – The Invention of Tradition
Von Constanza Macras | DorkyPark
Europa-Premiere am Maxim Gorki Theater: 29.09.2015
Regie, Choreographie und Kostüme: Constanza Macras
Dramaturgie: Carmen Mehnert
Visual Artists: Ayana V. Jackson
Video Design: Dean Hutton
Sound Design: Jelena Kuljic / Abigail Thatcher
Licht Design: Catalina Fernandez
Mit:
Louis Becker / Emil Bordás / Lucky Kele / Jelena Kuljić / Fernanda Farah / Diile Lebeko / Mandla Mathonsi / Thulani Mgidi / Melusi Mkhwanjana / Felix Saalmann / Fana Tshabalala / John Sithole
in englischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Infos: http://www.gorki.de/

http://www.dorkypark.org/site/

Weitere Termine: 22. und 23.01.2016 im Maxim Gorki Theater

Tourdaten: 26.01.2016, Thalia Theater Hamburg (Lessingtage)
15.10.2016, Teatro Comunale di Ferrara, Italien

Video-Trailer (c) Constanza Macras | DorkyPark

Zuerst erschienen am 01.10.2015 auf Kultura-Extra.

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THE GHOSTS – Constanza Macras und Dorky Park beschließen den Tanz im August 2015 in der Berliner Schaubühne mit einem Stück über das Schicksal ausrangierter chinesischer Akrobaten.

Montag, September 7th, 2015

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Zu Beginn von The Ghosts, der neuen Tanzperformance der bereits seit langem in Berlin residierenden argentinischen Choreografin Constanza Macras, zerreißen zwei markerschütternde Schreie den Theatersaal der Schaubühne am Lehniner Platz. Wie in einer Art Séance alter chinesischer Mythen schließt sich eine Prozession weiß verhüllter Gestalten an, begleitet von drei chinesischen Akrobatinnen, die in jeder Hand surrend drei Teller jonglieren. Mit einem alten chinesischen Jonglage-Gerät aus zwei Halbkugeln, dem sogenannten Diabolo (Deutsch: durcheinanderwerfen), das u.a. auch bei Straßenkünstlern sehr beliebt ist, erzeugt dazu einer der beiden großartigen ebenfalls chinesischen Musiker ein anschwellend sonores Geräusch in der Luft. Zum Abschluss vom TANZ IM AUGUST 2015 hat auch Constanza Macras passend zum diesjährigen Asien-Schwerpunkt einen ganz interessanten Beitrag über aussortierte chinesische Akrobaten abgeliefert.

The Ghosts_Schaubühne2
Foto: St. B.

Bereits in The Past zeigte sich Macras‘ Affinität zu asiatischen Schlangenmenschen, als sich ihr japanischer Tänzer Nile Koetting aus einer Einkaufstasche schälte. Nun vergleicht die Choreografin die schon in jungen Jahren in staatlichen chinesischen Akrobatenschulen gedrillten und dann bereits mit Mitte Zwanzig kurz nach ihrem Leistungshöhepunkt ohne ökonomische Absicherung wieder aussortierten Künstler mit den sogenannten „hungrigen Geistern“ aus der asiatischen Mythologie, die von Geistern verstorbener Ahnen berichtet, die immer wieder nach Hause zurückkehren, um ihren Hunger zu stillen. Um diese Geister zu besänftigen, stellen ihnen die Verwandten bei einem jährlichen Fest in Form von Essen und verbranntem Geld Opfergaben vor die Tür. Eine fast ebenso lange Tradition hat auch die Akrobatik in China.

Der deutsche Zuschauer liebt das Dokutheater, hat die 15jährige Huanhuan Zhang bei den Proben gelernt, und so erzählt die junge Akrobatin anhand eines Vortrags mittels an die Rückwand der Bühne geworfenen Videobildern von ihrem Alltag auf einem chinesischen Vergnügungspark, auf dem sie mit den beiden Schwestern Xiaorui Pan und Huimin Zhang, die ebenfalls im Stück mitwirken, und ihrem Onkel als Akrobatentruppe auftritt. Das so Vorgetragene wird noch durch weitere Biografien ergänzt inklusive der Geschichte der chinesischen Akrobatik. Bereits vor unserer Zeitrechnung verbürgt, wurde sie im 14. Jahrhundert Volkskunst und schließlich auch von den Kommunisten in den 1950er Jahre entdeckt. Mao spannte die Akrobatik als „revolutionäre Kunst“ für seine Ziele ein. Constanza Macras‘ TänzerInnen bilden hier immer wieder kämpferische Gemeinschafts-Tableaus mit den chinesischen Akrobaten. Weiter erfahren wir, dass sich der soziale Status der Truppen in den staatlichen Akrobatenschulen zunächst verbesserte, allerdings die Akrobatik in der Zeit der Kulturrevolution dann auch schnell wieder als bürgerliche Unterhaltungskunst verunglimpft wurde.

 

The Ghosts in der Schaubühne am Lehniner Platz - Foto (C) Thomas Aurin

The Ghosts in der Schaubühne am Lehniner Platz
Foto (C) Thomas Aurin

 

So reihen sich die Vorträge an artistische Nummern wie Jonglagen, Körper-Kontorsionen und Akrobatik an einem von der Decke hängendem Tuch. Es wird viel auf Händen gelaufen und zirzensisch in den Seilen gehangen. Eines der Mädchen jongliert liegend relativ abenteuerlich zunächst einen großen Tisch und dann eine ihrer Schwestern auf den Füßen. Irgendwann sind wir dann auch noch auf dem Tian’anmen-Platz und landen schließlich in der Gegenwart der sich rasant entwickelnden chinesischen Industriegesellschaft, in der die Hochhäuser wie Pilze aus dem Boden in den damals noch blauen Himmel schießen. China startet zum nächsten großen Sprung. Sogar die Einkind-Politik wird noch mit eingeflochten. Dabei kommt nochmal sehr schön der Mythos der traurigen Geisterfrauen zum Tragen. Eine Tochter ist kein Junge, aber am Ende besser als nichts, und kann zumindest als Akrobatin den Unterhalt für das Studium eines Familienmitglieds erarbeiten.

Nach dem Entzünden einer auf der Bühne stehenden Opferschale gibt es noch einen schönen Auftritt der Frauen in Ballkleidern, die künstlerische Wiederbelebung der „Hungergeister“ will aber so recht nicht gelingen. Der viele Text und die natürlich das Publikum begeisternden, akrobatischen Darbietungen dominieren die ganze Performance und drücken das tänzerische Element zu sehr an den Rand. Die fünf unterstützenden TänzerInnen von DorkyPark treten dabei zu Gunsten der chinesischen ProtagonistInnen und ihrer Emotionen heischenden Geschichten fast völlig in den Hintergrund. Es ist dann auch mehr die mit alten chinesischen Instrumenten erzeugte, wunderbar schräg anmutende Musik, die sich als wirklich künstlerisches Ereignis an diesem sonst so disparaten Abend angenehm ins Unterbewusstsein drängt.

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Tanz im August_logoTHE GHOSTS
Regie und Choreographie: Constanza Macras
Bühne: Janina Audick
Kostüme: Allie Saunders
Musik: Chico Mello in Kollaboration mit Wu Wei, Jiannan Chen, Fernanda Farah und Yi Liu
Sound: Stephan Wöhrmann
Dramaturgie: Carmen Mehnert
Licht: Sergio de Carvalho Pessanha
Von und mit: Emil Bordás, Jiannan Chen, Fernanda Farah, Lu Ge, Yi Liu, Chico Mello, Juliana Neves, Xiaorui Pan, Daisy Phillips, Wu Wei, Huanhuan Zhang, Huimin Zhang

Premiere in der Schaubühne Berlin: 03.09.2015

Eine Produktion von Constanza Macras | DorkyPark und Goethe-Institut China in Koproduktion mit Tanz im August, Schaubühne am Lehniner Platz, CSS Teatro stabile di innovazione del FVG, Udine und dem Guangdong Dance Festival.

Weitere Vorstellungen von THE GHOSTS am 7. + 8.9.2015

Infos: http://www.tanzimaugust.de/programm/festivalplan/constanza-macras-dorkypark-the-ghosts/

Weitere Informationen und Tickets: www.schaubuehne.de/de/produktionen/the-ghosts

Zuerst erschienen am 06.09.2015 auf Kultura-Extra.

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Die Körpertechnik der Erinnerung – In „The Past“ zeigen Constanza Macras und Dorky Park an der Berliner Schaubühne getanzte Erinnerungsbilder.

Mittwoch, Dezember 3rd, 2014

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Constanza Macras bringt mit ihrem kraftvollen Bewegungstheater seit Jahren Stadtlandschaften und Bewohner auf die Bühne und zum Tanzen. Seien es die Gated Communities in Brickland, die meandernden Metropolen mit ihren unkontrolliert ausfransenden Rändern in Megalopolis oder die moderne globale Großstadt schlechthin wie in Berlin Elsewhere. Im letzten Jahr bespielte sie mit ihrer internationalen Compagnie DorkyPark sogar den Köpenicker Müggelwald. Die argentinische Choreografin legt mit schöner Regelmäßigkeit immer wieder ihre Tanztheaterprojekte an der Berliner Schaubühne vor.

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the_past4_Miki Shoji, Luc Guiol_Foto (c) Thomas Aurin

The Past von Constanza Macras | DorkyPark und Oscar Bianchi
Foto (C) Thomas Aurin

Nun betreibt sie mit The Past in Kooperation mit dem Europäisches Zentrum der Künste in Dresden-Hellerau getanzte Erinnerungskultur. Und auch hier dreht es sich wieder um Stadträume. Unsere Erinnerungen orientieren sich immer auch an bestimmten Bildern von vergangener Architektur, Symbolen und Räumen, in denen wir aufgewachsen sind. Wir verbinden diese gewohnten Bilder mit unserer eigenen Geschichte. Persönlich abgespeicherte Eindrücke aus der Vergangenheit bilden irgendwann das kollektive Gedächtnis einer ganzen Generation oder der Bevölkerung einer Stadt bzw. eines Landes. Verschwinden diese Orte, sei es durch den modernen Wandel und Umbau oder z.B. auch eine durch Krieg hervorgerufene Katastrophe, entstehen nicht nur räumliche Lücken, die mit der Zeit nach und nach wieder neu gefüllt werden, sondern u.a. auch unwiederbringliche Lücken im Gedächtnis.

Im Speziellen geht es in The Past um die schreckliche Bombennacht des 13. Februar 1945, in der Dresden durch alliiertes Bombardement zerstört wurde. Constanza Macras hat Geschichten Überlebender gesammelt, die sie mal im O-Ton einspielt oder durch ihre Tänzer erzählen lässt. Als philosophischen Überbau gibt es neben der choreografierten Umsetzung in wieder sehr spezifische Tanzfiguren auch einen kleinen Vortrag über Erinnerungstechniken, nach dem lateinischen ars memoriae auch die Kunst der Erinnerung oder aus dem Griechischen kurz Mnemonik genannt.

Der Tänzer Luc Guiol geht in seinem recht umfassenden Bericht zu den Wurzeln der Gedächtniskunst und ihren Techniken, die bis zum griechischen Dichter und Staatsmann der Antike Simonides von Keos zurückreichen, der nach dem Einsturz einer Festhalle durch das Erinnern der Sitzplätze der Gäste an der Tafel, deren Leichen identifizieren konnte. Eine etwas makabre Verbindung zur Erinnerung an die Dresdner Bombennacht. Im antiken Flötenchor sitzen die Tänzer irgendwann auch mal im Halbkreis und intonieren ein sirenenartiges Pfeifkonzert. Auch ein Ton der sich diesbezüglich aufdrängt und einprägt.

Weiterhin erfahren wir etwas über die Art der Erinnerung in den verschiedenen Kulturepochen, die mnemotechnischen Mentalfaktoren und die Anwendung der antiken Loci-Technik, bei der sich Text in bestimmten Räumen gemerkt wird und dann später durch die Bilder der Architektur wieder abgerufen werden kann, zum Beispiel auch die einer Treppe, über die der Vortragende ständig stolpert. Wohl ein ironischer Verweis auf die Tücken jeder Methode zur genauen Erinnerung. In seiner Ausführlichkeit lenkt das allerdings ein wenig vom eigentlichen Tanztheater ab. Man könnte die Theorie auch in dem begleitenden Programmheft nachlesen, zumal einem das Wissen darüber nicht die eigene Fähigkeit zur direkten Assoziation der Bilder auf der Bühne abnimmt. Dazu haben Laura Gamberg und Chika Takabayashi ein Gerüst mit mehreren Ebenen, Dachbalken und abgehängten Gazevorhängen und Tapetenmustern auf die Bühne gestellt. Eine fragmentarische Raumskulptur die sich bestens für die sehr artistischen Tanzeinlagen der Truppe eignet.

The Past von Constanza Macras | DorkyPark und Oscar Bianchiin - Foto (C) Thomas Aurin

The Past von Constanza Macras | DorkyPark und Oscar Bianchi
Foto (C) Thomas Aurin

Parallel zu den recht emotionalen Erinnerungssplittern der Zeitzeugen aus ihrer Kindheit, die von Spielen, Tanzvergnügen aber auch Tod, Zerstörung und der Leistung des Wiederaufbaus erzählen, stehen andere Texte der Performer über ein nach der Wende verschwundenes Lenindenkmal, die Veränderung der Stadt durch Gentrifizierung und die Verdrängung der alten Bevölkerung durch Neuzuzug in historische Stadtviertel. Aber nebenbei läuft hier auch noch ein ganz eigener Film ab. Ständige Wechsel in Tempi, Kostümen und Tanzstilen schaffen zunächst Verwirrung und fordern dadurch die volle Konzentration des Publikums auf die einzeln oder in Gruppen agierenden Tänzer. In Choreografien aus akrobatischen Verwindungen, Paar- und Soloeinlagen, rhythmischem Breakdance sowie kleinen komödiantischen Spielszenen verarbeiten die Tänzer Techniken lokaler raumgreifender Erinnerungsarbeit, die bis ins Private hinein wirken.

Ein Fliehen und Fangen, Springen und Stürzen. Ein Treiben in der Zeit und aus der Zeit fallen. Constanza Macras schwelgt in einem schier unendlichen Ideenreichtum. Dem Bewegungsdrang ihrer Tänzer sind da kaum Grenzen gesetzt. Sie agieren durchweg technisch und künstlerisch auf ziemlich hohem Niveau. Dazu hat der italienische Komponist Oscar Bianchi einen recht minimalistisch experimentellen Sound komponiert, der durch die Musiker Miako Klein und Michael Weilacher mit Klang- und Schlagwerken, Violine sowie anderen alternativen Streich- und Blasinstrumenten erzeugt wird. Ein sphärischer Soundtrack zwischen Himmel und hereinbrechendem Inferno.

Eine große Windmaschine, die voll aufgedreht das Dröhnen von Flugzeugmotoren imitiert, weht nach und nach alle Protagonisten von der Fläche und hebt die Ordnung der Dinge und Plätze endgültig auf. Der bereits anfangs mit unglaublich gelenkigen Körperverwicklungen aufgefallene Nile Koetting stemmt sich nun mit flatterndem Gewand allein der Kraft des Windes entgegen. Man muss unweigerlich an Walter Benjamin – auch ein großer Erinnerungstheoretiker – denken und seinen Engel der Geschichte, den der Sturm des Fortschritts unaufhörlich in die Zukunft treibt, während sich vor ihm die Trümmer der menschlichen Katastrophen auftürmen.

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Im Frühjahr 2016 soll der zweite Teil der Produktion uraufgeführt werden, der sich mit der Entkoppelung von Erinnerungen und Orten im digitalen Zeitalter beschäftigen soll. Ein Thema, mit dem sich ja bereits auch Falk Richter und TOTAL BRUTAL in Never Forever auseinandergesetzt haben. Die Schaubühne erweist sich hier zumindest tänzerisch voll auf der Höhe der Zeit.

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The Past (UA)
von Constanza Macras | DorkyPark und Oscar Bianchi
Eine Produktion von Constanza Macras | DorkyPark und HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste Dresden in Koproduktion mit der Schaubühne Berlin. Gefördert im Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes. Mit Unterstützung der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia.
Regie/Choreographie: Constanza Macras
Musik/Komposition: Oscar Bianchi
Bühne: Laura Gamberg / Chika Takabayashi
Kostüme: Allie Saunders
Kostüm-Assistenz: Daphna Munz
Dramaturgie: Carmen Mehnert
Licht: Sergio de Carvalho Pessanha
Ton: Stephan Wöhrmann
Produktion: Katharina Wallisch
Produktionbüro: René Dombrowski
Von/Mit: Louis Becker, Emil Bordás, Fernanda Farah, Luc Guiol, Miako Klein, Nile Koetting, Johanna Lemke, Ana Mondini, Felix Saalmann, Miki Shoji, Michael Weilacher
Musiker: Miako Klein / Michael Weilacher

Termine: 29.01. und 30.01.2015

Infos: www.hellerau.org
www.schaubuehne.de
www.dorkypark.org

Zuerst erschienen am 02.12.2014 auf Kultura-Extra.

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Der Theatersommer 2013 geht in den Stadtraum – „King Bethel“ von Shakespeare im Park und „Forest: The Nature of Crisis“ von Constanza Macras.

Donnerstag, August 22nd, 2013

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All Aboard / Einsteigen Bitte: „King Bethel“, eine Art Lecture-Performance am Rande des Görlitzer Parks über einen Eisenbahnkönig der Gründerzeit, die Wurzeln des Kreuzberger Stadtbezirks und die Macht der menschlichen Vorstellungkraft

Henry Bethel, rail and pickle king!
All flock to hear his hammer ring… (Shakespeare im Park)

King Bethel Karte

King Bethel I-III von
Shakespeare im Park

Seit drei Jahren nutzen die Macher von Shakespeare im Park bereits die weitläufige Kreuzberger Parkanlage zwischen Wienerstraße, Görlitzer Straße und dem Landwehrkanal als Spielwiese für ihre Performance-Theaterstücke, die sich bisher immer um eine Gestalt des Shakespeare‘schen Dramenkreises wie König Heinrich IV. oder Thomas Moore mit seinen Vorstellungen von der Insel Utopia drehten. Da sie im letzten Jahr mit ihrer wilden Performance „Utopia™ – Where All Is True“ Teilnehmern einer türkischen Feier in die Quere kamen, haben sie sich in diesem Jahr freiwillig an den Rand des Görlitzer Parks verzogen und stellen dort an der Parkmauer in einem Buddelkasten die Gründerzeitstory um den jüdisch-deutschen Eisenbahnkönig des 19. Jahrhunderts Bethel Henry Strousberg und damit ein gutes Stück Kreuzberger Geschichte nach.„King Bethel“ ist eine Art Lecture-Performance, in drei Teilen angelegt, die, thematisch gesehen, auch gut für sich allein stehen könnten. Verbindendes Element ist die historische, heute fast vergessene Figur des 1823 in Ostpreußen geborenen und in England aufgewachsenen, ideenreichen Gründers und Eisenbahnunternehmers Bethel Henry Strousberg (eigentlich Baruch Hirsch Strousberg). Er begann mit Hilfe guter Beziehungen zur preußischen Regierung und englischer Finanziers ab 1962 ein kleines deutsches Eisenbahnimperium aufzubauen. Man könnte auch sagen, Strousberg war einer der ersten und sehr erfolgreichen Lobbyisten in eigener Sache, der seine Beziehungen zur preußischen Regierung geschickt zu nutzen wusste, bevor er selbst in die Politik einstieg und Abgeordneter im damaligen Reichstag des Norddeutschen Bundes wurde. Heute verlaufen die Karieren deutscher Politiker eher andersherum.Das Interessante, und damit der wirkliche Link in die Gegenwart, ist aber die, für damalige Verhältnisse einfallsreiche Finanzierung seiner kostspieligen Eisenbahnbauvorhaben. Er bezahlte die ausführenden Generalunternehmer mit Anteilen an seinen Eisenbahnaktien, die jedoch weit überzeichnet waren und somit das vermeintliche Kapital seiner Gesellschaft künstlich aufblähten. Eine faule Finanzblase also, die einem heute auch nicht von ungefähr so aktuell erscheint. Nach dem Platzen der finanziellen wie politischen Träume in den 1870er Jahren verstarb Bethel Henry Strousberg in eher einfachen Verhältnissen 1884 in Berlin.

King Bethel_Teil 1

King Bethel. Das kleine Journal – Foto: St. B.

Strousberg hatte aber auch eine durchaus fortschrittliche und soziale Seite an sich, die man nicht ganz unerwähnt lassen sollte. Er zahlte vergleichsweise gute Löhne, baute Arbeitersiedlungen in der Nähe seiner Fabriken und verkürzte die Arbeitszeit von seinerzeit 11 auf 10 Stunden pro Tag. Diese Ambivalenz eines einerseits an hochproduktivem Manchesterkapitalismus und dubiosen Finanzierungsmechanismen orientiertem Industriellen und andererseits eines am gesellschaftlichen Fortschritt interessierten Entwicklers ganzer Stadteile und überregionalen Infrastrukturen bietet genug Stoff für eine abendfüllende künstlerische wie auch politische und in Teilen nicht ganz unironische Betrachtung seitens der Macher von Shakespeare im Park. Jedes der drei Stücke nimmt sich dann auch eine ganz bestimmte Episode aus der bewegten Biografie Strousbergs zum Thema einer spielerisch didaktischen Performance mit viel Musik und regional spezifischem Bezug zum Spielort Görlitzer Park.Zu Beginn des 1. Teils, der am 10. August Premiere hatte, verteilt das Team (Katrin Beushausen, Maxwell Flaum, Alberto Di Gennaro und Brandon Woolf), in blaue historische Schaffnerkostüme gekleidet, „Das kleine Journal“. Ein Handzettel, auf dem anhand von Leitartikeln und in kleinen Randglossen die Story in groben Zügen nachlesbar ist. Innerhalb von ca. 45 min. entwickeln die Performer ein Bild des Mannes, um den es laut Titel dieser „ortsspezifischen Performance“ im Weiteren gehen wird. Und dazu werden in einem Buddelkasten am Rande des Görlitzer Parks mit Paletten und Metallstangen auch Schienen verlegt. Ein Prozedere, das sich an den folgenden Tagen immer wiederholen wird.

King Bethel, Teil 1 Foto: St. B.

King Bethel, Teil I – Foto: St. B.

King Bethel Strousberg im weißen Frack, in der Gestalt des sonst stummen Musikers Leigh Jonathan Thomas, wird in einer Art Schatztruhe auf Rädern über diesen provisorischen Schienenstrang geschoben. Sein Leben entsteht in Erzählungen, Spielszenen und kleinen Moritaten wie dem „Choo, Choo Sham!“ (Eisenbahnschwindel), einer Art Präludium, das, auf einem kleinen Flügel vorgetragen, zum alles verbindenden musikalischen Hauptthema des Stückes wird. Es geht um die Anfänge Strousbergs, seine erste Maschinenfabrik in Hannover-Lenden und dem von ihm errichteten Musterstädtchen, das bei einer Art imaginierten Führung bildlich aus Pappe vor uns entsteht. Der Wohltäter King Bethel, der seine Nähe zu den Arbeitern betonte und sie sogar als „Schwingen des Kapitals“ bezeichnete, schloss das Werk in Hannover allerdings nach einer ersten Krise sofort und zog nach Berlin.

King Bethel Teil II. Die kleine blaue Lokomotive - Foto: St. B.

King Bethel, Teil II. Die kleine blaue Lokomotive – Foto: St. B.

Hier finanzierte er mit Hilfe von Aktienverkäufen z.B. den Bau des Görlitzer Bahnhofs, baute die erste Markthalle und wurde von Friedrich Engels bereits zum neuen Kaiser von Deutschland geadelt. Der 2. Teil, der wie ein lustiger Kindertheaternachmittag beginnt, und von der Willenskraft der kleinen blauen Lokomotive aus einem gleichnamigen Kinderbuch berichtet, führt das Publikum spielerisch an die schwierig zu verstehenden Zusammenhänge und Finanzierungspraktiken Bethel Strousbergs heran. Es treten ein erster Gastarbeiter Mr. Spider und die schlauen Anwälte Herr Fuchs und Herr Igel auf, die Spider einen imaginären Phantasietaler überreichen. Dazu philosophiert Kant, der andere große Ostpreuße aus Königsberg und Experte für gesunden Menschenverstand, über die Vorstellungskraft und den Satz vom Widerspruch. Apriori oder a posteriori, mit der Kraft der Imagination und Phantasie lässt sich auch eine hohe Parkmauer bezwingen, wie dieser sehr unterhaltsame Nachmittag beweist.Im Teil 3 geht es dann noch um die globalen Unternehmungen Strousbergs. In einer fiktiv satirischen Rede des osmanischen Botschafters spricht Katrin Beushausen von den Bestrebungen des Eisenbahnkönigs um 1868 eine Bahn nach Istanbul zu bauen. Er nutzte dazu wiederum seine Beziehungen zum Haus der Hohenzollern, dessen Prinz Karl Eitel Friedrich Fürst von Rumänien war. Finanzierungsengpässe, Pfusch am Bau und der Russisch-Osmanische Krieg 1878-79, in dessen Ergebnis sich Rumänien unabhängig erklärte, lassen Strousbergs Expansionsträume jedoch platzen. Der Gründerkrach bringt ihn um 1879 dann schließlich ins Schussfeld nationalliberaler Reichstagsabgeordneter wie Eduard Lasker und Heinrich von Treitschke, die mit antisemitischen Ressentiments und entsprechenden Schriften Stimmung gegen die „Gier des Gründerunwesens“ und das „Zeitalter deutsch-jüdischer Mischkultur“ machen. Treischkes Machwerk „Unsere Aussichten“ wird verteilt und das Team setzt sich Masken mit krummen Nasen auf.

King Bethel, Teil III Foto: St. B.

King Bethel, Teil III – Foto: St. B.

Strousberg landet schließlich hinter Gittern und eine Pappeisenbahn geht in Flammen auf. Im letzten Teil der Trilogie überschlagen sich die Ereignisse etwas, was sich auch im leicht chaotischen Spiel der multilingualen Truppe bemerkbar macht. Die Fäden laufen nicht mehr so zielsicher zusammen, wie noch beim Bau der Spreewaldgurkenbahn. Und wie eine Bahnlinie mit den Stationen London, Berlin, Istanbul nicht an einem Nachmittag erbaut ist, so lässt sich selbst mit den Mitteln der Imagination in einem Stündchen Theater vergleichsweise wenig an Informationen unterbringen.

Was in den letzten Jahren das Pfund war, mit dem die Truppe wuchern konnte, erweist sich nun vor den Mauern des Parks als großes Manko. Die Einengung auf ein beschränktes Areal, tut der schier grenzenlos, ausufernden Performance nicht immer gut. Ob es dem Mangel an Fördergeldern geschuldet ist, oder den in Kreuzberg allgegenwärtigen Mechanismen zwischen Migration, Integration und Verdrängung, die das Stück ja auch indirekt thematisiert. Egal, was das Performanceteam daraus machen, ist in jedem Fall sehenswert. Es ist den Machern von Shakespeare im Park auf jeden Fall zu wünschen, dass es auch im nächsten Jahr mit ihrem stadtteilerkundenden Spiel weitergeht.

King Bethel. Der Musiker Leigh Jonathan Thomas - Foto: St. B.

King Bethel. Der Musiker Leigh Jonathan Thomas – Foto: St. B.

„Disconto is the New World Esperanto…”
(Shakespeare im Park)

Letzte Termine:

Teil I: So, 25.8 (16h)
Teil II: Sa, 24.8 (19h)
Teil III: Fr, 23.8 (19h)

Ort: Görlitzer Park, Berlin
Wiener Str. Ecke Görlitzer Ufer,
an der äußeren Parkmauer
Der Eintritt ist frei.

zur Livekritik

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„Forest: The Nature of Crisis“ – Im romantisch verwunschenen Müggelwald lässt Constanza Macras die Krise tanzen.

„In der lebendigen Natur geschieht nichts, was nicht in der Verbindung mit dem Ganzen steht.“ Johann Wolfgang Goethe

Die Idee, die satten Kulturgroßstädter im Sommer raus aufs Land zu bringen, ist nicht neu. Es ist noch nicht allzu lange her, dass bei sogenannten Landpartien willige Bildungsbürger Berlins eingesammelt und mit Bussen nach Groß Leuthen, Neuhardenberg oder sonst wohin ins Brandenburgische gekarrt wurden. Meistens klingt das irgendwie nach romantischer Sommernacht in einem abgelegenen Wasserschloss mit angeschlossenem Park, wo feenhafte Wesen auf Ruderboten bei Fackelschein Goethe, Shakespeare, Nietzsche oder Selbstgedichtetes zur Laute deklamieren, während sich das geneigte Publikum am Ufer des Sees bei einem guten Tropfen Wein und Mitgebrachtem aus dem Picknickkorb niederlässt. Als Kontrastprogramm dazu gibt es moderne Kunst in alten ruinösen Gemäuern zu sehen. Das Ganze nennt sich dann Rohkunstbau, und findet immer noch in abgelegen Schlössern im Umland von Berlin statt. Dazu aber vielleicht später noch mehr.

Der Müggelturm - Foto: (c) Andreas Steinhoff

Der Müggelturm – Foto: (c) Andreas Steinhoff

Nicht ganz so deliziös und leicht verdaulich ist die Kost, die uns ebenfalls ab dem 10. August die Choreografin Constanza Macras mit ihrer Tanzcompany „DorkyPark“ im Köpenicker Müggelwald auftischt. Sie bringt die allgegenwärtige Krise samt krisengeschütteltem Kunstpersonal in die Natur. Das nennt sich dann „Forest: The Nature of Crisis“ und stützt sich wohl auf die Theorie vom naturgegebenen Zyklus des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Das Gesetzmäßige dieses zyklischen Auf und Abs lässt sich schon bei Karl Marx nachlesen. Constanza Macras, sonst an der Schaubühne aktiv, interessiert sich nun für die Umsetzung dieser Bewegung in modernen Tanz. Wobei ihr das Gelände am Teufelssee um das stillgelegte Ausflugslokal Müggelturm eine kongeniale Umgebung zu sein scheint. Nur das dieses kriselnde ostdeutsche Vehikel eher eine wendebedingte Altlast darstellt, und nun in Zeiten des allgemeinen Investitionsstillstands wohl endgültig in seinem andauernden Dornröschenschlaf dahindämmern wird.

Nun ist das Gelände wenigsten zeitweilig durch Musenkuss erweckt, und muss sich gleich einer ungewohnt hohen Anzahl nach Kunst gierender Eindringlinge erwehren, die mit Klapphockern, Taschenlampen und mehr oder weniger tauglichem Schuhwerk ausgerüstet, über die alten Waldwege trampeln. Einem Herdenauftrieb gleich strömt das Volk den Weg zum Müggelturm und zur ersten Station der Krisenperformance hinauf, während links im Wald die ersten Opfer gesichtet werden, die schreiend den Hang hinunter stürzen. Oben stehen Dixiklos. Erstaunlicherweise muss nur ich. Das Sturzbier beim Rübezahl-Biergarten am Müggelsee, der pünktlich um 19:00 Uhr schließt, drückt. Jetzt fängt es zu allem Übel auch noch an zu regnen. Das musste ja bei dem andauernden schönen Wetter mal so kommen. Erste Regenschirme werden aufgespannt, während wir an der Prinzessin auf der Erbse, die sich albtraumartig räkelt (sie drückt vermutlich eher der eingenähte Notgroschen), einem herumspringenden Zottelwesen und einem freundlich winkendem Menschen mit Wolfskopf vorbeigehen. „Es wird Ihnen nichts passieren.“ verspricht er fröhlich.

Forest_Eingang

Treffpunkt am Rand des Müggelwaldes zu „Forest: The Nature of Crisis“ von Constanza Macras. – Foto: St. B.

Da bin auch ich froh und ziehe den Reißverschluss meiner Regenjacke bis unters Kinn zu. Auf einer Waldlichtung sitzen einige der Performer und blasen auf Mundharmonikas Krisensound, während sich Tänzerinnen über den Waldboden drehen, winden und das Haar schütteln. Wir sind zweifellos bei Rapunzel angekommen, wie das Programmheft verheißt. Dazu singt schaurig schön eine Sängerin Schumannlieder, wie Heinrich Heines „Lotosblume“ („Der Mond, der ist ihr Buhle…“) und anderes. Ein Mondlicht ist leider nicht zu sehen. Dafür gibt es jetzt moderne Märchen vom armen Jazzdance Teacher und bösen ausbeuterischen Pizza Master sowie dem Schneewittchen, das heute eine Studentin aus Zaragossa ist, Drogen nimmt, sich für eine Eigentumswohnung schwer verschuldet und eine böse Stiefmutter mit Hang zur plastischen Chirurgie hat. Und der Apfel, der Schneewittchen vergiftet, ist zwar Bio, aber mit Quecksilber belastet. Da hilft wohl nur eine Rückkehr zu den Zeiten vor der großen Depression in den USA. Aber auch das kann Schneewittchen nicht wirklich erwecken. Das ultimative Ziel ist da ein starkes widerstandfähiges Ego, wie wir lernen.

Die nächste Station lädt zu einem ebenfalls recht ironischen Ausflug in die Historie des John Law, einem Ökonomen und Banker der ersten Stunde, der, in England in Ungnade gefallen, Anfang des 18. Jahrhunderts in Frankreich Papiergeld, Kreditwirtschaft- und Aktienhandel einführte und somit die wundersame Vermehrung von Reichtum. Irgendetwas scheint aber damals schon schief gegangen zu sein. Während heutzutage, auch ganz ohne Regen, ein Rettungsschirm nach dem anderen aufgeht, musste Law mal wieder das Land verlassen und verfiel dem Glücksspiel. Kommt einem trotzdem irgendwie bekannt vor. Sich regen, bringt Segen. Und wohl auch deshalb wird wieder getanzt und auf dem Klavier erklingt Richard Claydermans romantische „Ballade pour Adeline“, bevor wir mit dem gestörten Ökosystem der Großstädte, den globalisierten Wegen des Grünen Punkts und der Müllmafia, die unseren Plastikabfall im Indischen Ozean verklappt, konfrontiert werden. Voyage voyage oder der Mensch wird zum Survivalist in einer Welt aus giftigen Plastikgeräten. Thanks BP.

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Im verwunschenen Müggelwald. „Forest: The Nature of Crisis“ von Constanza Macras. – Foto: St. B.

Vor der Ruine des Ausflugslokals am Müggelturm angekommen, haben derlei lehrreiche Abhandlungen dann erst mal Pause und die Truppe tanzt wild über den Betonparkplatz, während der Himmel die Schleusen weiter öffnet. Wohl auch deshalb geht es ziemlich schnurstracks zur letzten Station von Constanza Macras „Tour de force de la crise dans marche de la nature“ durch den mittlerweile ziemlich dunklen und rutschigen Müggelforst. Vom Teufelssee her winken feenhafte Gestalten. Das kennt man ja schon als alter KulTourist, und streut schon mal vorsichtshalber Kiesel auf den Weg, um den Abzweig zur Straße nicht zu verfehlen. Auf einer erleuchteten Waldlichtung sitzt eine Performerin und erzählt dann tatsächlich die Geschichte von Hänsel und Gretel, nur unter ganz anderen Vorzeichen, als noch bei den Brüdern Grimm. Die zwei werden hier von der Stiefmutter zum Betteln nach Buenos Aires gebracht und merken sich den Rückweg an den vielen Werbeplakaten. Als die in Folge der Krise immer mehr aus dem Stadtbild mit seinen Häuserschluchten verschwinden, treffen unsere hungrigen Kids wieder auf den Pizza Master und Hänsel übernimmt, nachdem er aus diesem Traum erwacht, einen Job als Pizzabote und Gretel als Mädchen für alles. Und wenn sie nicht gestorben sind, werden sie bestimmt in nicht allzu langer Zeit reich sein.

Wie um diese ironische Aussicht zu brechen, bewegt sich der ganze Pulk der Performer noch einmal in verstörenden Choreografien der Anziehung und Abstoßung, einem nicht enden wollenden Auf und Ab der krisengeschüttelten Körper. Dazu spielt die Live-Band 80er-Jahre-Rock und Wave-Musik bis die düstere Ballade vom Erlkönig die Show beendet. Und da gibt es tatsächlich nicht mehr viel zu sagen, wie eine Frau im Regen allein am Flügel konstatiert. Der Städter ist wieder mit sich allein und kämpft sich den dunklen Waldweg in Richtung Zivilisation zurück, die er spätestens an der Straße wieder erreicht hat. Und auch wenn die Krise hier recht leicht abperlt, wie der flüchtige Regen, und vorerst abgeschüttelt scheint, wird einiges der Performance sicher noch nachwirken. Ich grolle nicht, und wenn das Herz auch bricht…

Rübezahl - Foto St. B.

Rübezahl.
Foto: St. B.

Darauf schwiegen die Vögelein im Walde.
Über allen Wipfeln ist Ruh
In allen Gipfeln spürest du
Kaum einen Hauch.

Bertolt Brecht nach Goethes „Ein Gleiches“

Siehe auch die Livekritik vom 16.08.13

Keine weiteren Termine mehr in Berlin.

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Wahnsinn! Der Sprung in der Schüssel – neue Choreografien zur Deutschen Einheit und zu anderen Neurosen in Berlin

Freitag, April 15th, 2011

„Wahnsinn!“, dieser Ausruf der überwältigten Menge, ob der plötzlichen Öffnung der Mauer am 9.November 1989, ist wohl auch der am meisten zitierte, zeigt er doch am eindrücklichsten die Fassungslosigkeit der Menschen in der DDR, die nach 40 Jahren Sprachlosigkeit urplötzlich die eigene Sprache wiederfinden mussten. Nach fast 20 Jahren Deutscher Einheit und immer noch meilenweit von ihr entfernt, war das dem Bundestag 2007 einen Beschluss zur Errichtung eines Einheitsdenkmals auf dem Schlossplatz in Berlin wert, der nach unrühmlichem ersten Durchgang 2009 nach weiteren 2 Jahren nun nach erneutem Wettbewerb mit einer Entscheidung für die interaktive Skulptur der szenischen Designer Milla & Partner aus Stuttgart und der in der Theaterszene allseits bekannten Choreografin Sasha Waltz „Bürger in Bewegung“ nun endlich zu einem Ergebnis geführt hat. Was weiterhin kontrovers diskutiert wird und auch berechtigter Weise diskutiert werden sollte.
Ich meine damit aber nicht, dass dieser Entwurf etwa völlig indiskutabel wäre, wie der etwas zynisch anmutende Vorschlag einfach eine vergoldete Banane auf den Kaiser-Wilhelm-Sockel auf dem Schlossplatz zu stellen, sondern kritisiere eher die naive Vorstellung, überhaupt mit einem Denkmal auf dieses Ereignis hinweisen zu müssen. Als wenn es der monumentalen Erinnerungsstütze wirklich bedürfte, dass da etwas im Leben der Menschen in Ost und West passiert ist, das für die meisten die wohl umfangreichsten und denkwürdigsten Veränderungen in ihrem Leben bedeutet hat. Jeder wird diesem Tag anders gedenken, soviel ist sicher, ein vereinheitlichter Gedenkstein wird daran nichts ändern können, genau wie die Einheitspartei im Osten nicht den Traum des Volkes nach individueller Freiheit auf Dauer unterdrücken konnte.
Nun ist es also ein Schüssel geworden, die von der Seite, böswillig betrachtet, immer noch einer Banane ähnelt, aber doch eher eine Wippe oder Schaukel darstellt. Wer oder was damit verschaukelt werden soll, das ist hier die große Frage, die den gesamtdeutschen Steuerzahler aber auch nicht weiter bewegen wird, oder den gemeinen Touristen, der eh mit dem deutschen Slogan „Wir sind das Volk. Wir sind ein Volk“ nicht viel anfangen kann, oder mit den ebenfalls geplanten Zitaten aus dem Widerstand von 1988/89, die sich gleich Stolpersteinen, wie sie für den flanierenden Hans-Guck-in-die-Luft überall auf den Wegen der Stadt verstreut sind, auf der Oberfläche der Schüssel befinden werden. Dabei ist noch nicht mal geklärt, was diese Sprüche im Einzelnen für Inhalte haben werden. Der Szenograf Johannes Milla will dazu mit den Initiatoren der Bürgerbewegung ins Gespräch kommen. Er setzt weiterhin auf eine schnelle Inbesitznahme der Skulptur durch die Bevölkerung, die sich „durch persönliches Erleben“ davon überzeugen und somit wie schon bei anderen strittigen Denkmälern (Holocaustmahnmal) die Kontroverse beenden wird. Das Stuttgarter Büro mit einem Kundenkreis von Mercedes über Siemens bis zu E.ON hat bereits Erfahrungen mit ähnlichen interaktiven Aktionen. Im Rahmen der EXPO 2010 in Shanghai entwickelten sie eine Kugel mit 3 Meter Durchmesser und 1,2 Tonnen Gewicht für den Deutschen Pavillon (ballancity), die durch lautes Rufen des Publikums bewegt werden konnte, bei der erforderlichen Intensität zu kreisen begann und letztendlich zum Strahlen gebracht wurde.
Ganz so Popevent-mäßig wird es auf dem Schlossplatz nicht zugehen. Es müssen mindesten 50 Personen die Seite wechseln, um nur eine leichtes Schaukeln der Schüssel zu erreichen. Ob das unbedingt leiser vonstatten gehen wird als in Shanghai, wird man ja dann sehen und auch hören. Womit wir wieder beim Ausgangspunkt, den damaligen „Wahnsinn“-Rufen sind. Demokratie erfahrbar gemacht, das komplizierte Aushandeln von Kompromissen, um die „Waagschale“ der Einheit nicht zum Kippen in die eine oder andere Richtung zu bringen. Das politische Spiel, das sich tagtäglich mitunter lautstark im Bundestag erleben lässt, als Ausdruck von Machtspielen, die eigentlich hinter verschlossenen Türen ihre finalen Fortsetzungen finden. Die öffentliche Abstimmung verkommt damit nur noch zur Pose einer Vorgaukelung von demokratischer Willensbildung. So wird mit der geplanten Skulptur etwas spielerisch suggeriert, was in seiner Konsequenz das Volk mehr als einmal mit unverständlichen Entscheidungen konfrontiert hat, die radikal einschneidende Auswirkungen auf ihr Leben bedeuten können, wie z.B. Hartz IV oder die Rücknahme des Atomausstiegs.
Sasha Waltz, die mit ihren erfolgreichen Choreografien bisher immer hart am Menschen und seinem „Körper“ arbeitete, hat in der letzten Zeit eher Räume erkundet und damit auch immer mehr „Dialoge“ mit eigentlich toter Substanz geführt. Für Waltz steht ein Mensch im Zentrum ihrer Kunst, der sich in seiner Beziehung zu den ihn umgebenden überstarken, anonymen Räumen und einer feindlichen Umgebung behaupten muss. Das führte gerade in ihrem letzten Werk „Continu” zu einigen Verstörungen beim Publikum, ob der trost- und ausweglosen Situationen ihrer Protagonisten. Das Stück erschien etwas zu fatalistisch, war aber durchaus künstlerisch stark akzentuiert. Mit dieser Einheitsskulptur verlässt Waltz nun entgültig den Boden ernstzunehmender Kunst, zu Gunsten eines fragwürdigen Mitmachspaßes.
Die Choreografin verteidigt nun ihre Idee als „soziale Plastik“. Das Volk ist gezwungen, zum eigentlichen Gelingen des Konzepts beizutragen und soll somit Bestandteil der Skulptur werden. Jeder könne durch kreative Hingabe zum Wohl der Gemeinschaft beitragen und sie mitgestalten, sagt Waltz. Ein hehres Ziel, gegen das im Prinzip nichts einzuwenden wäre, ob dafür eine 10 Millionen Euro teure vergoldete Einheitsschaukel Anregungen liefern kann, darf aber zu Recht bezweifelt werden. Der leere Sockel des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Denkmals als Zeichen der von oben erzwungen Einheit von 1871, kann Bühne genug für Menschen sein, die sich in eigener Kreativität das Terrain erobern, um sich letztendlich selbst auf den Sockel zu heben und zum bewegten Bürgermahl zu werden. Diesen starken Raum sinnvoll zu bespielen, hätte für Sasha Waltz ein Denkanstoß sein können, nicht ein weiteres wenn auch wackeliges Monument, wie diese Schüssel voller Einheitsbrei.

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Modell des gemeinsamen Entwurfs der Choreographin Sasha Waltz und der Stuttgarter Szenografen Milla & Partner für das in Berlin geplante Freiheits- und Einheitsdenkmal.

Gegen die ganze Schwere dieses Mahnmals gesamtdeutscher Befindlichkeit nimmt sich das neue Stück „Berlin Elsewhere“ der argentinischen Choreografin Constanza Macras und ihrer Truppe Dorky Park in der Berliner Schaubühne regelrecht leichtgewichtig aus, was aber nicht mit Belanglosigkeit gleichzusetzen ist. Es ist eher die wunderbare Losgelöstheit ihrer Tänzer von früheren Kraftanstrengungen, wie sie noch in „Megalopolis“ die Bühne beherrschten. Das macht diesen Abend so wunderbar locker und leicht, dass es einige Zuschauer bei der Premiere am Mittwoch nach dem Ende selbst nicht mehr auf ihren Sitzen hielt.
Es geht wieder um Menschen in großen Metropolen, wobei hier am Anfang auf der Videowand erst mal erklärt wird „Dies ist kein Stück über Berlin.“ Der globale Moloch Großstadt, als Bild für Einsamkeit, Verlorenheit und Gewalt, das war noch in „Megalopolis“ das große Thema, nun geht es um den Wahnsinn, der dadurch im Menschen ausgelöst wird, in all seinen Arten und Darstellungsformen. Und wie das die Tänzer darstellen, ist unbedingt sehenswert. Zu Beginn bewegen sich die Tänzer vor der Kulisse von Schaumstoffhochhäusern noch gemeinsam zu verstörenden Choreografien, bis immer wieder einzelne hervortreten und ihr Geschichte erzählen. Wort und Tanz bilden bei Macras immer eine Einheit. Der Sound wird diesmal von zwei Frauen gemacht, Kristina Lösche-Löwensen und Almut Lustig bedienen kraftvoll das Schlagzeug, virtuos die Violine und andere erstaunliche Saiteninstrumente. Es geht dabei rockig und auch mal klassisch zur Sache.
Die Geschichten der Tänzer handeln von Ausgrenzung, Anderssein, Verständigungsschwierigkeiten in einer globalen, multilingualen Welt, aber auch von ganz banalen Zivilisationsneurosen, wie Ökoglauben, Gesundheits- und Konsumwahn. Tipps zur gesunden Ernährung stehen neben Tipps zum richtigen Kotzen für Frauen. Der brasilianische Tänzer Ronni Maciel erzählt von seiner Jugend in einer Favela bei Rio de Janeiro. Immer zu weiß für die anderen im Ghetto und zu schwarz für die weiße Gesellschaft. Um nicht schwul zu werden, musste er immer im Badewasser seines Vaters, einem Bauarbeiter baden, geholfen hat es nicht, sagt er und hebt dann im weißen Catsuite zu klassischer Ballettmusik ab. Eine besonders gelungene Szene stellt mit viel Ironie eine herrlich labelverrückten Städterin dar, die ihre von einigen Tänzern dargestellten Designsofas, die Markenstehlampe, Couchtisch und sogar ein Klo umarmt, die Möbel laufen ihr schließlich davon, um in einer gemeinsames Session „Smells like Teen Spirit“ von Nirvana zu spielen.
Die Tänzer verfallen in wahre Besessenheitsattacken und werfen sich als lauter Egoshooter in eine Orgie auf einer aufblasbaren Riesenhüpfburg, sie karikieren den Unsinn von Einwanderungstests, der Gespaltenheit zwischen ethnischer Herkunft und Staatszugehörigkeit oder dem Integrationszwang. Eine japanische Tänzerin wird als Gartenzwerg dekoriert. Das zerfasert in seiner Vielfalt etwas zum Ende hin, weniger wäre hier oft mehr. Macras versucht das Gezeigte auch immer wieder mit philosophischen Statements zu unterfüttern, der Foucaultzitate z.B. hätte es aber sicher nicht zwingend bedurft. Keine Ahnung, ob Constanza Macras irgendwas vergessen hat, ich mit Sicherheit, aber es blühen halt auch viele Neurosen im Dunkeln. Letztendlich macht sie uns aber klar, dass man alle Probleme gemeinsam überwinden kann. Ob schwul sein, fremd sein oder neurotisch sein, der alltägliche Wahn ist nicht das eigentliche Problem, sondern die fehlende Akzeptanz des anderen. Das alles wirkt in seiner ganzen Vielfalt sicher etwas überladen, Langeweile kommt aber trotzdem nie auf. Mit 1 ¾ Stunden ist der Abend  recht kurz und auch immer kurzweilig. Ihn dennoch in all seinen Facetten zu beschreiben, würde zu weit führen und ihm nicht im geringsten gerecht werden. Also selbst hingehen, gucken, staunen und abheben!