Archive for the ‘Daniela Löffner’ Category

Väter und Söhne – Daniela Löffner inszeniert am Deutschen Theater Berlin Iwan Turgenjews Generationenroman in einer Bühnenbearbeitung von Brian Friel

Donnerstag, Dezember 17th, 2015

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Foto DT-Schaukasten

Foto DT-Schaukasten

Im Gegensatz zu Fjodor Dostojewskij und Leo Tolstoi wird Iwan Turgenjew als der realistischere und am ehesten westlich orientierte unter den russischen Schriftstellern des 19. Jahrhunderts bezeichnet. Er gilt aber auch als einer der poetischsten. Seinen Roman Väter und Söhne zählte Thomas Mann zu den sechs Büchern, die er auf eine einsame Insel mitnehmen würde. Und Kollege Anton Tschechow fand ihn „einfach genial“. Turgenjew prägte in diesem bedeutenden russischen Gesellschafts- und Generationenpanorama, das 1962 kurz vor der Beseitigung der Leibeigenschaft erschien, den Begriff des „Nihilismus“, der sich in die literarische und politische Geschichte Russlands einschreiben sollte.

„Ein Nihilist ist ein Mensch, der sich vor keiner Autorität beugt, der kein einziges Prinzip auf guten Glauben hin annimmt!“ heiß es im Roman, für dessen Hauptfigur Jewgenij Basarow, einem Medizinstudenten und radikalen Idealisten, weder Kunst und Poesie noch der Glauben oder die liberalen Ansichten der trägen Vätergeneration etwas zählen. In dem jungen Studenten Arkadij Kirsanow hat er einen glühenden Bewunderer. In mehreren Episoden, die in den Elternhäusern der beiden jungen Männer spielen, beschreibt der Roman die politische Auseinandersetzung der Söhne mit ihren Vätern, die letztendlich aber ohne Sieger bleibt. Nicht nur die alte Gesellschaft, auch der „neue Mensch“ Basarow scheitert. „Russland braucht mich? Nein, offenbar doch nicht. Wen braucht man denn schon?“ fragt der sterbende Basarow, der sich fahrlässig bei einer Obduktion mit Typhus angesteckt hat.

Was den kühlen Wissenschaftler und Denker Basarow aber letztendlich aus der Bahn wirft, ist nicht nur die starre noch weitestgehend feudalistisch denkende russische Gesellschaft, sondern vor allem seine unglückliche Liebe zur verwitweten Großgrundbesitzerin Anna Odinzowa. In zweiter Ebene ist Turgeniews Roman nämlich auch großes Sitten- und Standesportrait. Die Beziehung des jungen Arztes zu einer Dame aus höherem Hause ist zu jener Zeit noch undenkbar, selbst wenn Arkadij Kirsanows Vater am Ende seine Liebschaft mit der Hausmagd Fenitschka ehelich legitimiert. Es bleibt bei Reförmchen, einem ewigen Herumdoktern am Symptom.

 

Väter und Söhne am DT Berlin - Foto (C) Arno Declair

Väter und Söhne am DT Berlin – Foto (C) Arno Declair

 

Die Bühnenfassung des im Oktober verstorbenen irischen Dramatikers Brian Frierl dient nicht zum ersten Mal als Vorlage für eine Theaterinszenierung. Die deutsche Erstaufführung besorgte 1998 Stephan Kimmig im Maxim Gorki Theater. Am Deutschen Theater Berlin hat nun die Regisseurin Daniela Löffner eine Neubearbeitung auf die Bühne der Kammerspiele gebracht. Sie ist ihr recht locker und leicht geraten, was das Ganze mit immerhin vier Stunden aber nicht gerade zum Leichtgewicht macht. Das Publikum sitzt mal wieder auf und vor der Bühne, die mit Holzplanken abgedeckt ist. Allerlei Gestühl und Tische ergänzen das sommerliche Landgutambiente bei den Kirsanows. Man wartet auf die Ankunft des Sohnes Arkadij aus Sankt Petersburg, der seinen Freund Jewgenij Bazarow mitbringt, was zum Auslöser für die besagten Generationenkämpfe vor allem mit dem Schöngeist und Dandy Pawel Kirsanow, dem Onkel von Arkadij, wird.

Die beiden bekennenden Nihilisten Arkadij (Marcel Kohler) und Jewgenij (Alexander Khuon) tragen ein existentialistisches Paint-It-Black, während die übrigen Charaktere alltäglich normal und zeitlos gekleidet sind. Wer nicht spielen muss, sitzt am Rand der Bühne im Publikum. Auch bei der Figurenzeichnung macht Daniela Löffner ziemlich klare Unterschiede. Die alte Welt auf dem Lande gibt sich gemütlich und gesprächig, oder in den Augen Jewgenij Basarows einfach nur lächerlich sentimental. Sie neigen dabei fast schon zur komischen Karikatur, wie etwa Onkel Pawel (Oliver Stokowski), genannt die „Duftwolke“, der im feinen Anzug auch immer einen Parfümzerstäuber wie eine Abwehrwaffe mit sich führt. Besonders ihm gilt Bazarows Ablehnung. Er bezeichnet Pawel als einen degenerierten Lackaffen und lebenden Anachronismus. Allerdings geraten die beiden dann nicht im philosophischen Duell aneinander, sondern ganz althergebracht wegen der Frauen.

Alexander Khuons Bazarow wirkt hier eher wie ein verstockter Flegel, als dass er seiner Goldmedaille in Rhetorik alle Ehre machen würde. An einer wirklichen Auseinandersetzung mit den Zielen der Nihilisten scheint schon Turgenjew wenig gelegen zu haben. Angesichts dessen, wohin Nietzsches Weiterentwicklung des Nihilismus-Begriffs geführt hat, ist er dann heute vermutlich auch nur noch obsolet. So verlegt sich die Inszenierung immer mehr dahin, die anderen Figuren umso liebeswerter aussehen zu lassen, dass man sich irgendwann fragt, was diese netten, Mozarts „Reich mir die Hand, mein Leben“ singenden Leute dem dauergereizten Stinkstiefel Bazarow eigentlich getan haben.

Väter und Söhne am DT - Bühne: Regina Lorenz-Schweer - Foto: St. B.

Väter und Söhne am DT, Bühne: Regina Lorenz-Schweer
Foto: St. B.

Die Gefühlsverwirrungen sind dennoch riesig und greifen fröhlich linkisch um sich. Das gilt für die ihre Unsicherheiten wortreich wegredenden Eltern Basarows (Katrin Klein und Bernd Stempel) genauso wie für die junge und schöne Witwe Anna Odinzowa (Franziska Machens) oder selbst den superverständigen Vater von Arkadij, Fjodor Kirsanow (Helmut Mooshammer), der weder mit seinem Gut und den aufmüpfigen Angestellten noch mit seiner Liebe zur taffen Magd Fenitschka (Lisa Hrdina) klar kommt. Niemand kann hier wirklich über seinen Schatten springen, oder dem anderen seine Liebe gestehen. Das führt für den, wegen der ihn plötzlich ereilenden romantischen Gefühlsaufwallungen seine Ideale drangebenden Bazarow schließlich in die Katastrophe.

Als Gegenentwurf dient die zart aufkeimende Liebe zwischen Arkadij und der jüngeren Schwester Annas, Katja (Kathleen Morgeneyer). Hier hat die Inszenierung ihre schönsten Momente. Am Ende gerät das Ganze in einer langen Abschiedsfeier an großer Tafel dann aber gänzlich zur melancholisch angehauchten Tschechow-Komödie. Halb Vaudeville, halb Einfühlung wie noch zu Peter Steins Schaubühnenzeiten. Allerdings hat noch niemand so schön „Big Science“ von Laurie Anderson im Theater gesungen wie Kathleen Morgeneyer und Marcel Kohler. Mindestens dafür und in Anbetracht der letzten Pleiten am DT ist der lang anhaltende Premierenapplaus dann irgendwie auch gerechtfertigt.

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VÄTER UND SOHNE (Kammerspiele, 12.12.2015)
von Brian Friel nach dem Roman von Iwan Turgenjew
Deutsch von Inge und Gottfried Greiffenhagen
Bearbeitung von Daniela Löffner und David Heiligers
Regie: Daniela Löffner
Bühne: Regina Lorenz-Schweer
Kostüme: Katja Strohschneider
Musikalische Einstudierung: Katharina Debus und Ingo Schröder
Dramaturgie: David Heiligers
Besetzung:
Hanna Hilsdorf… Dunjascha; Dienstmädchen bei den Kirsanows
Marcel Kohler… Arkadij Nikolajitsch Kirsanow; Student
Alexander Khuon… Jewgenij Wasiljew Bazarow; Student
Helmut Mooshammer… Nikolaj Petrowitsch Kirsanow; Arkadijs Vater, Gutsbesitzer
Oliver Stokowski… Pawel Petrowitsch Kirsanow; Arkadijs Onkel, pensionierter Offizier
Bernd Stempel… Wasilij Iwanowitsch Bazarow; Jewgenijs Vater, pensionierter Militärarzt
Katrin Klein… Arina Wlasjewna Bazarow; Jewgenijs Mutter
Lisa Hrdina… Fenitschka Fedosja Nikolajewna; Nikolajs Geliebte
Franziska Machens… Anna Sergejewna Odinzowa; verwitwete Gutsbesitzerin
Kathleen Morgeneyer… Katerina Sergejewna; Annas Schwester
Elke Petri… Fürstin Olga; Annas Tante
Hanna Hilsdorf… Dunjascha; Dienstmädchen bei den Kirsanows
Markwart Müller-Elmau… Prokofjitsch; Kammerdiener bei den Kirsanows
Benjamin Radjaipour… Pjotr; Diener bei den Kirsanows / Fedka; Aushilfsdiener bei den Bazarows
DT-Premiere war am 12. Dezember 2015
Weitere Termine: 17., 25. 12. 2015 / 2., 10., 11., 20. 1. 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.deutschestheater.de

Zuerst erschienen am 14.12.12015 auf Kultura-Extra.

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All By Myself – Maxim Gorki und Deutsches Theater Berlin zwischen modernem Heldentum und blanker Erregungspose

Donnerstag, Mai 28th, 2015

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Jede Stadt braucht ihren Helden – In der Box des Deutschen Theaters bringt Daniela Löffner das neue Stück von Philipp Löhle zur Uraufführung

dt-logoEigentlich dachte man, die Zeit für Helden in Strumpfhosen sei längst vorbei. Aber weit gefehlt. Theaterautor Philipp Löhle lässt – nach einigen Stücken, in denen er noch Sympathien für moderne Antihelden (Marke Genannt Gospodin oder Die Überflüssigen) hegte – den echten Super Hero in seinem neuen Stück Jede Stadt braucht ihren Helden, das er für das Deutsche Theater Berlin geschrieben hat, wieder auferstehen. Die Uraufführung in der Box des DT besorgte (wie schon bei Löhles Globalisierungsstück Das Ding) Regisseurin Daniela Löffner.

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„Ich weiß zwar nicht, wer hier gegen wen kämpft, aber Krieg kommt von kriegen, und irgendjemand kriegt seiner Meinung nach zu wenig.“ Das in etwa ist der Grundtenor des Stücks, in dem Autor Löhle die heutige Welt zunächst mal in allen Schattierungen alltäglicher Gewalt ausmalt. Dazu lässt Daniela Löffner die DarstellerInnen immer wieder über den Überfall in eine Spielbank, ein herbeigeführtes Zugunglück, diverse Wohnungsdiebstähle, gewaltsame Streitigkeiten zwischen Ex-Ehepartnern oder Mord und Totschlag an einer Bearbeiterin im Jobcenter bzw. dem Mitarbeiter eines Landratsamts berichten. Die Psychologie der Aggression als eine Form der Kommunikation bekommt der Zuschauer in Löhles Text gleich mitgeliefert. Ein andauernder Dialog mit dem Schmerz, bis die Schmerzgrenze für einen der Partner überschritten ist. Wobei Gewalt natürlich nicht nur körperlich, sondern auch psychisch durch Ausgrenzung, Ablehnung, Demütigung oder Ignoranz ausgeübt werden kann.

Nun hat Löhle aber bei weitem keine düstere Anthologie der Welt des Schmerzes verfasst. Die eingestreuten Prosatexte – u.a., wie es eigentlich in der Menschheitsgeschichte zur Herausbildung des Eigentums kam – bilden hier den Verweis oder auch eine Art gedankliche Metaebene zur Wirklichkeit. Ansonsten arbeitet der Autor wie immer mit Elementen der Komik und Ironie und verpackt seine Kritik an den herrschenden Eigentumsverhältnissen und Verteilungsungerechtigkeiten unserer Gesellschaft in eine hübsche, kleine Tragikomödie über zwei Mitarbeiter einer Firma für Sicherheitstechnik, die sich ihre schmale Kasse mit kleineren Gaunereien und Diebstählen nach dem Prinzip „erst Schloss einbauen, dann wieder knacken“ aufbessern. Dabei scheint dann beim letzten Bruch einiges schief gelaufen zu sein.

Jede Stadt braucht ihren Helden - Foto: DT-Schaukasten

Jede Stadt braucht ihren HeldenFoto: DT-Schaukasten

Jedenfalls hat Daniel (Timo Weisschnur), einer der beiden Kleinganoven, auf der Flucht seine Jacke mit dem Wohnungsschlüssel verloren und steht nun selbst etwas hilflos vor seiner verschlossenen Wohnungstür. Eine tolle Gelegenheit mit der Nachbarin Ella (Wiebke Mollenhauer) anzubändeln, die Daniel ganz offensiv zum Kaffee zwecks Kennenlernen einlädt. Da Chef Jörg (Christoph Franken) die Tür mangels passendem Werkzeug einfach eintritt, steht Ella nun selbige immer offen, was die junge Frau auch weidlich ausnutzt, nicht ohne Nachbar Daniel auch als Sicherheitsfachmann für ihre Kunstgalerie zu engagieren. Zu sichern gäbe es dort u.a. ein angeblich sehr wertvolles diamantbesetztes Hühnerei vom Superkünstler Rush – wer auch immer das sein mag.

Die ziemlich misstrauische Alma (Lisa Hrdina), eine Kollegin von Jörg und Daniel, vervollkommnet schließlich das Personal in Philipp Löhles Heldenstück zum Quartett Infernale. Sie trifft in Daniels leerer Wohnung auf die etwas undurchsichtige Ella und entwickelt, nachdem sie auch noch Zeugin wird, wie ein brutaler Tarantino-Typ im Anzug (UdK-Student Eric Wehlan) ihren Chef Jörg malträtiert, eine regelrechte Paranoia. Dazu beginnt Alma sich nach und nach einen eigenen Super Hero zu imaginieren, wobei nun die Fantasie kräftig mit ihr und der Inszenierung durchgeht. Der abends ständig abwesende Daniel mutiert in den Augen Almas zum Retter Veto in enganliegenden Strumpfhosen, Umhang und Glitzer-V auf nackter Brust. Und das von Jens immer wieder wie ein Mantra vorgetragene Motto, das alles gut würde, nimmt nun tatsächlich Gestalt an.

Regisseurin und Ausstatterin (Sigi Colpe) packen das in schöne, überdrehte Bilder. Von der Decke hängen schwarze Müllsäcke, die nach und nach aufgeschlitzt, passende Requisiten, Styroporkugeln oder anderes freigeben. Das spielfreudige Ensemble hängt sich mit Körper, Stimme und viel Elan mächtig rein. Superheld Daniel stemmt sich gegen einen Zug aus Müllsäcken, rettet Leben, verteilt Deo, Klopapier und Hustenbonbons. Dazu schmachtet Eric Carmen sein „All By Myself“ vom Band. Doch die romantischen Träume platzen wie die aufgeblasenen Luftballons und die Würde des Menschen ist wieder antastbar.

Die Handlungsfäden laufen schließlich zielgerichtet in Ellas Galerie zusammen, wo Jens und Daniel im Trockeneisnebel mit Taschenlampen bewaffnet dem Glitzer-Fake-Ei der Erkenntnis auf der Spur sind und die verkappte Zielfahnderin Ella schon auf sie wartet. Dass die Geschichte nicht so ausgeht, wie es sich die beiden verzweifelt herumfunzelnden Einbrecher oder die sich aus Angst vor dem Draußen in ihre Wohnung einschließende Alma vorstellen, ist vorprogrammiert. Auch wenn sie sich schließlich selbst in eine V-Woman verwandelt, wird das Alma nicht mehr aus ihrer Angst-Isolation befreien. Die Realität lässt sich nicht aussperren. Wir sind gemeint und gefordert im alltäglichen Leben. Zumindest das will uns Philipp Löhles Stück über modernes Real-Life-Heldentum sagen.

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Jede Stadt braucht ihren Helden
von Philipp Löhle
Uraufführung: 20.05.2015 Deutsches Theater Box
Regie: Daniela Löffner
Bühne / Kostüme: Sigi Colpe
Dramaturgie: Ulrich Beck
Mit: Timo Weisschnur, Christoph Franken, Lisa Hrdina, Wiebke Mollenhauer

Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Premiere war am 20. Mai 2015

Termine: 10.,26. und 29.06.2015

Info: https://www.deutschestheater.de/home/jede_stadt/

Zuerst erschienen am 23.05.2015 auf Kultura-Extra.

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Das Kohlhaas Prinzip am Maxim Gorki Theater – In ihrer Adaption von Heinrich von Kleists Rachenovelle lassen Yael Ronen und Ensemble das Latte-macchiato-Berlin in Flammen aufgehen.

Einer der zugleich rechtschaffensten wie entsetzlichsten Menschen seiner Zeit sei Michael Kohlhaas gewesen, so heißt es am Anfang von Kleists Novelle, in der ein durch adlige Willkür geprellter brandenburgischer Rosshändler mit übersteigertem Rechtsgefühl zum Räuber und Mörder wird. Von der Rechtschaffenheit bis zum Zünden von Molotowcocktails und brennenden Autos ist es nur ein kurzer Schritt, will uns der neue Theaterabend von Yael Ronen und Ensemble am Maxim Gorki Theater auch schon zu Beginn sagen. Hier stehen nun die SchauspielerInnen Jerry Hoffmann, Cynthia Micas, Taner Şahintürk, Dimitrij Schaad und Thomas Wodianka in eherner Kämpferpose an der Rampe, und Schaad lässt nun in bewehrter ironischer Manier einen Monolog voller provozierender Äußerungen zur Bedeutung und Wirkung von Theater, aber auch zum Aussehen und Können seiner Schauspielkollegen vom Stapel, der mit teils sogar sexistisch bis rassistisch anmutenden Anspielungen die anderen schließlich auch in die gewünschte Rage versetzt.

Maxim Gorki Theater_Mai 2015

Maxim Gorki Theater Berlin – Foto: St. B.

Was den Erregungszustand eines korrekt seinen Müll trennenden und seine Steuern zahlenden Entrepreneurs für Elektro-Bikes (Thomas Wodianka) betrifft, so köchelt dieser genau in dem Moment hoch, als der Vertreter des heutigen Wut-Bürgertums mit Sohn (als Puppe von Jerry Hoffmann geführt) und Fahrrad vom BMW-Fahrer und Industriellen-Sohn Hajo von Tronka (wieder schön blasiert: Dimitrij Schaad) unsanft aus dem Verkehr geschubst wird. In einer ersten Reaktion kippt unser Kohlaas aus Berlin-Friedrichshain dem Gegenspieler im Auto seinen heißen Kaffee ins Gesicht und wird daraufhin mangels Glaubwürdigkeit von der Polizei schikaniert und von Tronka auch noch auf Schadenersatz verklagt. Der Gang durch die Instanzen mit seinem Rechtsanwalt führt – wie beim echten Kohlhaas – in eine Sackgasse, aus der sich der im Recht Wähnende nur mit einem Aufruf an die Öffentlichkeit befreien zu können glaubt. Dazu bekommt er noch den zwielichtigen Arbeitslosen und Saufkumpan Max Schneider (Taner Şahintürk) an die Seite. Eine Art moderner Johann Nagelschmidt aus Kleists Novelle, der der neuen Stimme der Stimmlosen in ihrem Akt des zivilen Ungehorsams sofort die Größe von Gottesarbeit bescheinigt.

Diese auf Krawall gebürstete Räuberpistole wird nun in schnellen Rollenwechseln vom gesamten Ensemble bewältigt, das die von oben auf die Bühne gefallenen Kostüme und Requisiten (wie z.B. Autotüren) zu immer neuen Bildern zusammenfügt. Allerdings wirkt das Runterbrechen von Kleists Kohlhaas auf einen Latte trinkenden Ökofaschisten in Radlerhosen, der im Internet zu Gerechtigkeits-Kampagnen aufruft und damit einen infernalischen Flächenbrand auslöst, wie ein ziemlich schlechter Witz, der in seiner spielerischen Überzeichnung eher bedauernswert ist, auch wenn sich Thomas Wodianka bewundernswürdig in diese Rolle hineinkniet. Nicht dass wir uns alle nicht schon mal an der Entertaste des Computers abreagiert hätten. Brennende Autos und ähnlich Gewaltaktionen gibt es ja auch. Wir regen uns über Prenzlschwaben, laute Biergärten, Bahnstreiks oder die allgemeine Gentrifizierung mehr auf als über Flüchtlingsprobleme oder Machenschaften von Geheimdiensten. Dass das hier aber wiedermal nur in eine Frage nach der Verhältnismäßigkeit von Gewalt mündet und schließlich sogar in die Nähe der R.A.F. gerückt wird, ist äußerst kurzsichtig und zeugt nicht von einer dialektischen Denke, wie sie z.B. Stéphane Hessel in seinen Werken Empört Euch! und Engagiert Euch! einfordert.

Kohlhaas-Prinzip im Gorki_Fotos (c) Esra Rotthoff

Foto (c) Esra Rotthoff

Interessanter Weise macht Yael Ronen nebenbei noch eine zweite Baustelle auf, in der ein entrechteter Palästinenser namens Michail (wieder Taner Şahintürk) aus Israel nach Berlin flieht, dem dortigen Wutbürger Kohlhaas als Zeuge seines Unbills zufällig über den Weg läuft und schließlich in einer Geheimdienstposse (erst israelischer, dann deutscher Art) als Sündenbock herhalten muss. Dem kommt dann auch, wenn die Bomben vor dem Berliner Soho-Haus explodieren, plötzlich alles so bekannt vor. In der Geschichte eines kleinen Käsehändlers, der am israelischen Checkpoint in Ramallah an Bürokratie und Willkür scheitert, steckt echtes Potential. Recht poetisch erzählt Cynthia Micas noch eine Parabel über die „Biologische Invasion“ schwarzer Indischer Raben, die die Fantasie der Zuhörer in Bezug auf Fremdenfeindlichkeit und Rachemotive durchaus beflügelt.

Leider wird dieser Plot nicht wirklich weiter verfolgt, dazu hätte es einer guten, plausiblen Story bedurft, die Fragen unserer tatsächlichen Verfasstheit betrifft. Und hiermit meine ich durchaus auch ein Nachdenken über den Sinn des deutschen Grundgesetztes. Das hat die Regisseurin Anja Gronau mal anhand des Kohlhaas‘ sehr schön in ihrem Theatersolo Kohlhaas. Hiermit kündige ich als Staatsbürger getan. Oder erst letztens der scheidende Dessauer Intendant André Bücker in Goethes Fehde-Drama Götz von Berlichingen. Rachefabel hin oder her, der Kleist`sche Kohlhaas zweifelt neben der Absurdität einer kleinstaaterischen Anmaßung von Lokalrecht und Bürokratie (siehe israelischer Checkpoint oder Ignoranz deutscher Polizeibeamter) auch die allgemeine, gottgewollte Rechtsordnung seiner Zeit an. Das betrifft dann schließlich den Landesfürsten selbst, und da hörte der Spaß bekanntlich auch bei Luther auf, der mitnichten ein pazifistischer Einbeter war, und wenig zu tun hat mit dem von Yael Ronen herbeizitierten US-amerikanischen Bürgerrechtler gleichen Namens M. L. King und dem Begründer des passiven Widerstands Mahatma Gandhi, die hier gemeinsam den außer Kontrolle geratenen Gerechtigkeitsfanatiker mit den Worten des Reformators aus Kleists Novelle im Traum zur Ordnung rufen wollen.

Letztendlich ergibt sich der Wodianka-Kohlhaas in einen rechtsstaatlich fragwürdigen Kuhhandel, was tatsächlich einige grundsätzliche Fragen aufwirft, die sonst den so vielgerühmten diskursiven Grund (s. Common Ground) in Yael Ronens bisherigen Theaterprojekten erst ausmachten. Natürlich lässt es sich in Deutschland als unbescholtener, rechtschaffender Bürger relativ unberührt von den Sorgen der Welt recht gut leben. Kaum jemand würde das ernsthaft in Frage stellen. Das ist dann vielleicht auch der Punkt, wo das Denken einsetzen muss, und nicht beim Streit BMW-Schlitten mit Pandafell-Bezügen versus kaputtem E-Bike. Leider geigelt sich der Abend dann doch lieber von einer Kabarettnummer zur nächsten, was sicher darstellerisches Futter für das durchweg spielfreudige Ensemble bietet, aber nicht annähernd in die Tiefen der Kleist’schen Novelle vordringt.

Was zur komödiantischen Geißelung deutscher Befindlichkeiten dienen soll und nebenbei noch ein paar Probleme der repräsentativen Demokratie und ihrer drei Gewalten des Rechtsstaats aufzeigt, die sich allzu sehr mit der Wirtschaft verbandeln, wird somit auch zum großen Manko des Abends, der über diese Mätzchen hinaus keinerlei echte politische Haltung zeigt. Als wenn es politische Essays wie Der kommende Aufstand oder die schon erwähnten Hessel-Bücher nicht geben würde. Zudem lässt das Organisationen wie Blockupy, Attac oder Wikileaks wie eine Ansammlung von unkontrollierten Wutbürgern erscheinen. Eigentlich ein Schlag ins Gesicht echter politischer Empörung und Bürgerbewegtheit. Und das ist nun wirklich schade.

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DAS KOHLHAAS-PRINZIP
Maxim Gorki Theater, 23.05.2015
Regie: Yael Ronen
Bühne: Heike Schuppelius
Kostüme: Miriam Marto
Musik: Nils Ostendorf
Video: Hanna Slak
Dramaturgie: Irina Szodruch
Mit: Jerry Hoffmann, Cynthia Micas, Taner Şahintürk, Dimitrij Schaad, Thomas Wodianka

Dauer: ca. 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

Premiere war am 23. Mai 2015

Weitere Termine: 4. + 14. 6. 2015

Weitere Infos siehe auch: http://www.gorki.de/

Zuerst erschienen am 25.05.2015 auf Kultura-Extra.

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Theater und Politik – Ein aktueller Jahresrückblick (Teil 1) – Rimini Protokoll holen die Realität in den fiktionalen Raum Theater. Wolfram Lotz löst Realität mit Mitteln der Fiktion auf. Die Bilder müssen in beiden Fällen im Kopf neu zusammengesetzt werden.

Montag, Dezember 29th, 2014

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Realität oder Fiktion, das ist die Frage, die politisch denkende Theatermacher derzeit umtreibt. Während Rimini Protokoll die reale Welt in den fiktionalen Raum des Theater holen, greifen Theaterautoren wie Wolfram Lotz mit Mitteln der ins Absurde getriebenen Fiktion die Realität an. „Das Theater ist der Ort, wo Wirklichkeit und Fiktion aufeinandertreffen, und es ist also der Ort, wo beides seine Fassung verliert in einer heiligen Kollision.“ Für Lotz sind Theaterstücke Anleitungen für die Wirklichkeit. In seiner „Rede für das unmögliche Theater“ plädiert er für das Theater als Ort, „an dem Fiktion in Wirklichkeit umgesetzt wird.“

Dass irgendwie alles mit allem verbunden ist, weiß man spätestens seit der Chaosforschung oder dem rhizomatischen Denk- und Weltbeschreibungsmodell der Postmoderne von Gilles Deleuze und Félix Guattari. Festgefügte Begriffe wie Logos, Ursprung, Wahrheit und Vernunft lösen sich auf und beginnen zu gleiten. Nichts hat Anfang und Ende. Früher sprach man mit Heraklit: „Alles fließt.“, oder besser: „Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.“ Nur, dass die Einheit aller Dinge, wie Heraklit sie noch sah, heute einen ontologischen Knacks bekommen hat.

Das Verhältnis von Wirklichkeit und Möglichkeit ist daher wieder besonders interessant für das Theater. Wird der Zuschauer im HAU 2 beim Video-Stück Situation Rooms von Rimini Protokoll als in einer Installation fiktiv handelnde Person in reale Zusammenhänge verstrickt, denen er sich nicht, ohne das Spiel bewusst zu verlassen, entziehen kann, bringt Wolfram Lotz in seinem Hörspiel Die lächerliche Finterniss die als real empfundene Welt des Zuschauers mit seinem fiktiven Text in Unordnung, um Realität neu verhandeln zu können. Wobei Regisseurin Daniela Löffner am Deutschen Theater dieser Verunsicherung die entsprechenden Bilder entgegenzusetzen versucht. Ein Unterfangen, das in beiden Fällen fast zwangsläufig zu Wahrnehmungsproblemen führen sollte.

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Situation Rooms – Rimini Protokoll zeigen ihr zum Theatertreffen 2014 eingeladenes interaktives Video-Stück im Rahmen des Themenschwerpunkts „Waffenlounge“ am Berliner HAU 2.

Situation Rooms_HAU 2_Plakat Waffenlounge

Schwerpunkt Waffenlounge im HAU 2 Foto: St. B.

Wir stehen an einem langen Tisch im HAU 2. Eine kleine Gemeinschaft von zwanzig ganz normalen Personen, die durch einen Spielleiter auf das nun Folgende eingeschworen werden. In den nächsten rund 80 Minuten sollen wir, den Anweisungen auf einem Tablet-PC folgend, nacheinander in zehn von zwanzig Charaktere des Videostücks Situation Rooms der bekannten Doku-Theatermacher Rimini Protokoll schlüpfen. Der Titel ist dem Schnappschuss aus dem Weißen Haus entlehnt, der die US-Administration bei der Live-Video-Übertragung der Liquidierung Osama Bin Ladens durch eine Spezialeinheit von US-Marines zeigt.

Nun schauen wir also auf kleine flimmernde Bildschirme, vor uns ein räumlicher Parcours mit zwanzig nummerierten Eingangstüren, durch die wir einzeln in die uns nur von Berichten aus Film, Fernsehen oder den unterschiedlichen Print- und Internetmedien bekannte Welt der Rüstungsindustrie, des globalen Waffenhandels sowie der militärischen Krisen mit allen ihren Folgen eintreten werden. Für kurze Zeit tauschen wir unsere persönliche Identität gegen die der von Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel ausgewählten Experten des Alltags, denen wir sonst so bequem im Theatersesel beim Erzählen ihrer Geschichten lauschen durften.

Der Alltag ist hier zumeist ein blutiger. Ich stehe zunächst in einem einfachen Raum, der eine Schule in Kisangani (Demokratische Republik Kongo) darstellt. Der neunjährige Yaoundé Mulamba Nkita erzählt von einem Angriff der Kabila-Milizen, nach dem er mit den anderen Schülern entführt und zum Kindersoldaten ausgebildet wurde. Ich ziehe die Fahne Zaires hoch und muss sie nach dem Machtwechsel wieder einholen. Später, fast am Ende des Parkours, werde ich wieder vorbeikommen und die Hand von Richard Khamis, einem Journalisten aus dem Süd-Sudan schütteln, der hier sein Rundfunkstudio aufgebaut hat und ehemalige Kindersoldaten zu Journalisten ausbildet. Khamis zeichnet an einer Tafel noch einmal den Weg der Waffen im sudanesischen Bürgerkrieg nach. Die Regierungstruppen hatten deutsche G3-Gewehre, die Rebellen kauften Kalaschnikows in Osteuropa.

Situation Rooms_HAU 2_Dez. 2014

Situation Rooms im HAU 2
Foto: St. B.

Und darum geht es auch. Wir sollen, den Weg der Waffen zurückverfolgend, unsere Verstrickung in die Konflikte dieser Welt nachvollziehen können. Ich wechsele dazu in die Identität eines Computer-Hackers, der Sicherheitssysteme von Banken checkt oder auch zu knacken weiß. Die von ihm entwickelten Programme werden also auch für ihr Gegenteil missbraucht. So stehe ich wenig später mit einem Hipster-Hut neben dem sorglosen Schweizer Arbeiter eines Rüstungsbetriebs und schaue ihm beim Werkeln über die Schulter. Einen Computer-Stick, den er benutzt, stecke ich wenig später in die Jacke seines Spindes zurück, bevor ich sie selbst anziehen muss, um mich nun als Konstrukteur von High-Tech-Waffenteilen zu betätigen. Beim abendlichen Teller Borschtsch flimmert der Krieg bei den Nachrichten in die Wohnstube, und der Mann erklärt seiner Frau am anschaulichen Beispiel aus dem Golfkrieg, was er am Tage zusammengebaut hat.

So hängt alles mit Allem zusammen, will uns das Spiel von Rimini Protokoll erklären. Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar, aber auch sehr variabel – durch das Auge des jeweiligen Betrachters gesehen. Nichts ist dabei von Anfang an so, wie es einem zunächst scheint. Man muss die Bilder auf dem Tablet im Kopf neu montieren. Dazu bleibt aber relativ wenig Zeit. Das Spiel ist auf den Punkt getimt, man muss Anschluss halten. Und so erfahre ich, dass die Möglichkeiten an einem Krieg zu verdienen, genauso vielgestaltig sind, wie in einen verwickelt zu werden. Die einen tun dies aus freien Stücken, andere eher unwissentlich oder auch gezwungener Maßen. Im Hinterhof der Installation reflektiert ein israelischer Soldat seine Situation auf dem täglichen Patrouillengang. Man kann bequem am Joystick des Dohnenkrieges sitzen oder deren Opfer vor Gericht verteidigen.

Ein deutscher Sportschütze lässt sich vom Waffenhersteller Heckler & Koch sponsern. Er testet die neuesten Modelle auf der Schießanlage. Und ich, einst selbst Wehrdienstleistender bei der NVA, gehe gehorsam in den liegenden und stehenden Anschlag. Auf einer Waffenmesse führe ich einen elektronischen Handschuh für Sicherheitschecks vor und helfe einer Mitspielerin in eine schusssichere Jacke. Wo die deutsche Hochburg der Rüstungsindustrie steht, erfahre ich in der Rolle eines Friedenaktivisten, der die Geschichte der Waffenstadt Olberndorf mit dem Mauserwerk bis zurück ins Dritte Reich rekapituliert.

Situation Rooms_HAU 2_Waffenlounge1

Installation Waffenlounge im HAU 2 – Foto: St. B.

Schnell wird das Spiel dann wieder als Kriegsfotograf vor Ort. Hier treffe ich auch noch einmal den Kindersoldaten. Ein Foto kostet Geld oder auch das Leben. „Heute war mein Leben ganze 4 Dollar wert“, gibt der dpa-Mann zu Protokoll. Nicht gerade viel im Gegensatz zum Profit der Waffenlobbyisten, die sich in klinisch sauberen Konferenzräumen treffen. Am Ende stehen dort alle rund um einen großen Tisch, die Tablets flimmern. Wir kehren zurück in unsere Realität. Die Bilder werden noch eine Weile bleiben.

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Rimini Protokoll
Situation Rooms (19.12.2014)
Von: Helgard Haug, Stefan Kaegi, Daniel Wetzel
Szenografie: Dominic Huber / blendwerk
Video: Chris Kondek
Ton: Frank Böhle
Technische Leitung und Licht: Sven Nichterlein
Mit: Abu Abdu Al Homssi (Syrien), Alberto (Mexiko), Shahzad Akbar (Pakistan), Jan van Aken (Deutschland), Narendra Divekar (Indien), Nathan Fain (USA), Reto Hürlimann (Schweiz), Maurizio Gambarini (Deutschland), Andreas Geikowski (Deutschland), Marcel Gloor (Schweiz), Barbara Happe (Deutschland), Volker Herzog (Deutschland), Richard Khamis (Süd-Sudan), 
Wolfgang Ohlert (Deutschland), Irina Panibratowa (Russland), Ulrich Pfaff (Deutschland), 
Emmanuel Thaunay (Frankreich), Amir Yagel (Israel), Yaoundé Mulamba Nkita (Kongo), Familie R (Lybien). Sowie: Christoper Dell, Alexander Lurz, Karen Admiraal
Recherche: Malte Hildebrand, Cornelius Puschke
Regieassistenz: Ann-Kathrin Büdenbender, Malte Hildebrand
Mitarbeit Szenografie / Assistenz: Claudia Bartel, Ute Freitag, Sophie Reinhard, Leonie Süess
Produktions-leitung: Heidrun Schlegel
Video-Assistenz: Philipp Hochleichter
Werkstatt Leitung: Steffen Fuchs
Licht: Hans Leser, Stefan Neumann
Elektronik Effekte: Georg Werner
Assistenz der Produktions-leitung: Caroline Lippert, Christin Prätor
Übersetzung: Amina Orth, Günter Orth, Djengizkhan Hasso, Riad Ben Ammar, Othman Saeed, Nahal Saeed, KITA Berlin
Produktion: Rimini Apparat und Ruhrtriennale
Koproduktion: HAU Hebbel am Ufer, Schauspielhaus Zürich, SPIELART festival & Münchner Kammerspiele, Perth International Arts Festival, Grande Halle et Parc de la Villette Paris, Künstlerhaus Mousonturm Frankfurt am Main, Onassis Cultural Center – Athens.
Dauer: ca. 80 Minuten, keine Pause
Premiere bei der Ruhrtriennale: 23.08.2013
Berlin Premiere im HAU 2 am: 14.12.2014
Weiter Termine: 15.-22.12., 27.-30.12.2014, 2.-11.1.2015 / HAU2 /
Begrenzte Kapazität, Anmeldung erforderlich

Infos: http://www.2013.ruhrtriennale.de/de/programm/produktionen/rimini-protokoll-situation-rooms/

http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/programm/alphabetisch/rimini-protokoll-situation-rooms/

http://www.hebbel-am-ufer.de/programm/festivals-und-projekte/waffenlounge/

Zuerst erschienen am 23.12.2014 auf Kultura-Extra.

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Die lächerliche Finsternis von Wolfram Lotz inszeniert Daniela Löffner an den Kammerspielen des DT als Reigen kurioser Situationen

Das Rhizomatische an Wolfram Lotz‘ Geschichte ist, dass sie wie Rimini Protokolls Situation Rooms Zusammenhänge sichtbar machen will. Nur das Lotz dazu in die Trickkiste greift und zwei bereits aufeinander beruhende Fiktionen miteinander verschränkt, indem er sie gleichzeitig in unsere Gegenwart holt. Im Untertitel nennt der Autor seine Bezüge. Das Hörspiel Die lächerliche Finsternis nach Francis Ford Conrads Herz der Apokalypse fußt auf dem Afrika-Roman Das Herz der Finsternis von Joseph Conrad und dem Vietnamfilm-Klassiker Apokalypse Now von Francis Ford Coppola.

Lichter in der Finsternis - Weihnachten am Deutschen Teater Berlin - Foto: St. B.

Lichter in der Finsternis – Weihnachten am Deutschen Teater Berlin – Foto: St. B.

Die Neuadaption von Lotz versetzt das Geschehen nach Afghanistan an den Hindukusch, in der Annahme, so die Annäherung an die Vorlagen, dass dieser ein Fluss sei. Zwei Bundeswehrsoldaten, der Hauptfeldwebel Oliver Pellner und der Unteroffizier Stefan Dorsch, fahren mit einem Boot in den Dschungel Afghanistans, auf der Suche nach dem abtrünnigen Oberstleutnant Deutinger, der mehrere Soldaten im Wahn getötet hat. Das Wasser ist dabei das alles verbindende Element, wie auch der Transportweg aus der sicher geglaubten westlichen Zivilisation in die Irre der Finsternis aus wirtschaftlichen Verflechtungen und Kriegen. Kein Tablet weist hier den Weg zurück in die Realität. Aus dieser Verunsicherung wird eine ganz neue Realität erschaffen.

Lotz macht trotz bissiger Satire und jeder Menge surreal komischer Momente schon im Prolog des somalischen Piraten klar, dass es ihm durchaus auch ernst ist. Meist mit angeklebtem Schnurrbart darf Kathleen Morgeneyer hier alle übrigen männlichen Rollen verkörpern, u.a. eben auch die des Somaliers Ultimo Michael Pussis, der sich wegen des durch westliche Fischereiflotten leergefischten Meers vor Somalias Küste mit seinem Freund Tofdau als diplomierter Pirat verdingen muss. Morgeneyer setzt dabei vor dem geschlossenen Eisernen Vorhang ganz in schwarz ohne das übliche Blackface zu einer recht poetischen, in ruhigem Ton vorgetragenen Verteidigungsrede vor einem Hamburger Strafgericht an.

Die lächerliche Finsternis - Foto DT-Schaukasten

Die lächerliche FinsternisFoto DT-Schaukasten

Dagegen werden dann Hauptfeldwebel Pellner (Alexander Khuon) als desinteressierter Zyniker und Unteroffizier Dorsch (Moritz Grove) als anscheinend zu kurz gekommenen Ossi, der seine einzige Aufstiegschance bei der Bundeswehr sieht, vorgestellt. Pellner behandelt den verzweifelt um Anerkennung Ringenden stets von oben herab. Die Spielszenen mit den Beiden sind geprägt durch Slapstick mit einem Radio, das als einziges Requisit noch an den Ursprung des Stücks als Hörspiel erinnert. Die Feldverpflegung besteht ausschließlich aus Bananen, aus Plastikflaschen klatscht man sich Wasser unter die Achseln und an die Brust. Besonders schweißtreibend ist das Unterfangen der beiden die meiste Zeit auf einer Art in Kunststofffolie eingepacktem Floß schwebenden Soldaten aber eher nicht. Die lyrische Metapher des Flusses in die Finsternis geht im Klamauk unter.

Immer wieder kreuzen skurrile Typen die Fahrt der Soldaten. Es begegnen ihnen italienische Blauhelmsoldaten, die Coltan abbauende Einheimische (zu dem Thema hatte Roland Schimmelpfennig schon am Deutschen Schauspielhaus Hamburg ein poetisches Rührstück in den afrikanischen Bühnensand gesetzt) beaufsichtigen. Man isst Pizza und wirft den unzivilisierten „Eingeborenen“ (hier uns Zuschauern) ein paar Brocken zu. Ein in einer Aluminiumkiste vorbeischwimmender Händler vom Kriegsschauplatz Balkan bietet mitten im Dschungel den üblichen Ramsch der Zivilisation an und geht dafür mit dem Unglück seiner Familie hausieren. Ein lüsterner Missionar lässt sich über den Islam aus und kultiviert Wilde. Ein sprechender Papagei sagt die bittere Wahrheit als antrainiertes Kunststück und im Gleichnis vom Lippenbär und dem Mädchen Paya spiegelt sich der westliche Sextourismus. Die Statisterie des DT bietet dafür noch ein paar stramme UNO-Blauhelme auf und engelsgleich umherhuschende Wilde mit goldigem Lametta-Haar.

Im Großen und Ganzen karikiert Lotz hier die Klischees des in der westlichen Welt sozialisierten wie zivilisierten Kleinbürgers über das ihm Unbekannte, das zu erklären er aber nie müde wird. Während Dorsch noch um etwas Anteilnahme bemüht ist, versucht Pellner sichere Distanz zu wahren. Die Figuren verstrickten sich hier eher beiläufig in lächerliche Situationen. In allzu große Zweifel werden sie dabei aber kaum gestürzt. Dass am Ende der Abtrünnige Deutinger doch noch in der Gestalt von Kathleen Morgeneyer im kleinen Schwarzen auftaucht und Pellner sich die Bühne mit dem auf dem Meeresgrund dahergelaufenen Tofdau teilen muss, spielt da eigentlich nur eine kurios numerische Nebenrolle. Der Irsinn des Krieges als arithmetische Gleichung mit mehreren Unbekannten.

Die lächerliche Finsternis - Foto DT-Schaukasten

Die lächerliche FinsternisFoto DT-Schaukasten

Es ist schon so schwierig mit dem Stück, aber fast unmöglich mit der Inszenierung von Daniela Löffler klar zu kommen. Am besten ist da noch das Bühnenbild von Claudia Kalinski. Es geht mit diesem kleinen Wolken/Wellen-Schiffchen solange rauf und runter, bis alles zerfließt, was uns als sicher erscheint und nichts mehr da ist, was es zu verhandeln gäbe. Da kommt Regisseurin Daniela Löffner, die schon so verschiedene Gegenwartsstücke wie Das Ding von Philipp Löhle oder Rebekka Kricheldorfs Alltag & Ekstase auf die Bühne gebracht hat, der Intension des Autors schon sehr nahe. Eine absurde Überhöhung der Realität, die uns eh nur aus den öffentlichen Medien bekannt ist.

Leider ist in der Inszenierung auch nichts wirklich lächerlich Finsteres zu sehen, außer der Lächerlichkeit unserer Welt selbst. Und die ist ja wohl auch ohne dem meist ziemlich finster. Vielleicht ist das ja die Absicht des Autors. Nur wird das in der Inszenierung nicht wirklich deutlich. Lotz will absurd sein und mischt Fiktion mit der Wirklichkeit, wobei beides trotzdem immer klar erkennbar bleibt. Daraus macht Löffner hilflose Maskerade und Farce. Die beabsichtige Verunsicherung bleibt aus und es wirkt alles eher uninteressant. Das ist dann eben genau das „Pimmelschwäne-Theater“, von dem Lotz in seiner Rede zum unmöglichen Theater spricht.

Aber vielleicht ist ja auch ganz o.k., mal den Pimmel raushängen zu lassen, um ordentlich abzustrullen. So ist es! Und so ist es auch wieder nicht. Aber da kann man auch Beckett oder Heiner Müllers Bildbeschreibung lesen. „Eine Landschaft zwischen Steppe und Savanne, der Himmel preußisch blau, zwei riesige Wolken schwimmen darin, wie von Drahtskeletten zusammengehalten, jedenfalls von unbekannter Bauart, die linke größere könnte ein Gummitier aus einem Vergnügungspark sein, das sich von seiner Leine losgerissen hat, oder ein Stück Antarktis auf dem Heimflug, …“ – Mag sein.

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Die lächerliche Finsternis (21.12.2014)
von Wolfram Lotz
Regie: Daniela Löffner, Ausstattung: Claudia Kalinski, Musik/ Sounddesign: Sebastian Purfürst, Licht: Marco Schwerle, Dramaturgie: Ulrich Beck.
Mit: Alexander Khuon, Moritz Grove, Kathleen Morgeneyer, Andy Kubiak, Patrick Sommer, Marof Yaghoubi.

Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

Premiere in den Kammerspielen des Deutschen Theaters war am 14.12.2014

Termine: 03., 10. und 23.01. / 15. und 28.02.2015

Infos: www.deutschestheater.de

Fortsetzung folgt…

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Innehalten! Gegen Überproduktion und Dramatiker-Burnout bei den Autorentheatertagen am Deutschen Theater Berlin und den Mülheimer Theatertagen 2014

Donnerstag, Juni 26th, 2014

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Zum Innehalten! forderte Alleinjuror und Theaterkritiker Till Briegleb die Besucher der Autorentheatertage 2014 am Deutschen Theater Berlin auf. Für die diesjährige Ausgabe konnten keine neuen Stücke für die Lange Nacht der Autoren eingereicht werden. Briegleb hat sich ganz in Ruhe auf Rückschau verlegt. Ob das Theater heute tatsächlich einem alles aufsaugenden Tampon gleicht, mit dem man reiten, schwimmen und radfahren kann – den alten o.b.-Witz brachte der Kritiker Briegleb in einer Rede zur Eröffnung der ATT – sei mal dahin gestellt. Sicher ist, dass sich das deutschsprachige Theater, dem Druck um Aktualität und Attraktivität Rechnung tragend, wilden Aktionismus und Betriebsamkeit vortäuschend, um sich selbst dreht und dabei den Blick für das Wesentliche wie Qualität und nachhaltige Entwicklung von Schreibtalenten immer mehr verliert. Und aufsaugen sollte es dabei eben nicht nur alles aus sich selbst heraus kommende – um mal beim unappetitlichen Vergleich zu bleiben – sondern neben dem ständigen Drang zur Innovation auch ein Auge auf die Fehlentwicklungen der uns umgebenden Gesellschaft haben. Das Überköcheln des eigenen Betriebssüppchen, das in den aktuellen Klassikerinszenierungen die Selbstreflexion fast schon zum Gebot erhebt, weicht hier der Besinnung auf, wenn man so will, ganz konservative Werte wie Geduld, Ausdauer und Können. Der Autor, alles begierig um sich herum einsaugend, um es in Text und im besten Falle zu Kunst zu verarbeiten, im Zentrum eines Theaterbetriebs, der ihn als wichtigen Mittler zwischen Innen und Außen wieder selbst zum Schrittgeber der Produktion von Dramatik werden lässt.

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…bei den Autorentheatertagen 2014 am Deutschen Theater Berlin – Foto: St. B.

Das Augenmerk der Autorentheatertage 2014 lag also wie schon in den letzten Jahren nicht allein im Privaten (2012: Sei nicht du selbst! 2013: Das Weite suchen!), sondern durchaus im Allgemeingesellschaftlichen und somit auch im Politischen. Das deutlich abgespeckte Programm bot dann auch neben einem Wiedersehen mit dem Regisseur der nachhaltigen Entschleunigung Christoph Marthaler (Das Weisse vom Ei) einiges zum Innehalten und Nachdenken, wie z.B. Stephan Kimmigs locker rockende, dabei allerdings nicht besonders tiefgehende Neuinszenierung des 2003 uraufgeführten Stücks Tag der weißen Blume des russischen Dramatikers Farid Nagim, das historische Ereignisse der 1920er Jahre auf der Krim mit den heutigen Verhältnissen in Russland kurzschließt. Oder die von den Historikern Sönke Neitzel und Harald Welzer zusammengestellten Abhörprotokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben, die Regisseur Thomas Dannemann in Hannover zu seiner Inszenierung Soldaten verdichtete. (Das hatten wir eigentlich im Kontext von Volker Löschs Draußen vor der Tür-Inszenierung an der Berliner Schaubühne schon interessanter gesehen.) Luc Percevals Hamburger Inszenierung seiner Antikriegspolyphonie Front erinnerte dann noch mit Texten von Erich Maria Remarque und Henri Barbusse an den 100. Jahrestag des Ersten Weltkriegs.

Autor/Regisseur Kevin Rittberger deutete mit seinem plebs coriolan, einem Auftragswerk in Eigenregie für das Schauspielhaus Wien, den klassischen Coriolanusstoff von Shakespeare in einen Umverteilungskampf Besitzloser gegen die Wahrer des privaten Besitzstands um. Ein bisweilen spaßiges Unterfangen, das die Domestiken einer Dame aus reichem Hause und deren Unterstützer beim Versuch des sogenannten „Aushegens“ und wieder Einverleibens der in Teilen freiwillig übergebenen Güter in kollektiven Besitz zeigt. Es scheitert allerdings wiedermal etwas banal an der Gewalt(en)frage und dem kollektiven Unvermögen die Utopie des Endes vom Eigentum in die Tat umzusetzen. Der eigene Hang zum kleinen Privatbesitz schlägt dem zunächst noch recht unorthodox handelnden plebs allerdings schnell ein Schnippchen, genau wie der eiserne Wille eines wunderbar zynisch monologisierenden Notars, Alt- und Bewahrenswertes mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu verteidigen. So zeigt man sich seine Wunden – das einzige, was das Stück recht ironisch aus dem Shakespearstoff übernommen hat – kommt aber leider über ziemlich unkonkretes Theoriegewaber nicht hinaus.

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Aber vor allem gab es wieder die Gelegenheit einige der Anwärter für den Mülheimer Dramatikerpreis 2014 im direkten Vergleich zu begutachten. Fast wie zufällig standen dann auch die beiden Stücke, die es in Mülheim in die Endrunde geschafft hatten, kurz hintereinander auf dem Spielplan der ATT. Und unterschiedlicher können zwei Theaterstücke und -philosophien kaum sein. In Gasoline Bill, vom Diskursschleifer und Stückwerkphilosophen René Pollesch an den Münchner Kammerspielen inszeniert, kämpfen sich die Schauspieler mal wieder durch Texte der Art: „Ich habe mit Greenpeace zwei Delfine gerettet und werde immer trauriger.“ oder „Ich habe eine Doppelhaushälfte gekauft… Wo ist die andere Hälfte vom Haus?“ Die Fragen der Darsteller zielen dabei aber nicht einfach nur auf banale Probleme wie dem des allgemeinen Helfersyndroms oder der Sinnlosigkeit von sexuellen Paarbeziehungen. Der Grund dessen, weswegen sie eigentlich hier sind, ist das allseits bekannte Spiel René Pollesch‘, das man im weitesten Sinne ein Essenzmemory seiner momentanen, meist höchst philosophischen Lektüre bezeichnen kann.

Wie schon in seinem letzten Stück an den Münchner Kammerspielen Eure ganz großen Themen sind weg! geht es dann aber trotzdem auch wieder genau darum. Diesmal tummeln sich im Cowboyoutfit Katja Bürkle, Benny Claessens sowie die Pollesch-Newcomer Sandra Hüller und Kristof Van Boven vor einem nach einer Seite offenen, von Bert Neumann aus Holzlatten zusammengezimmerten Westernsaloon. Gleich einer Zigarettenpause im Büro wird im gemeinsamen Smalltalk zunächst der allgemeine Themenrahmen abgesteckt. Einer der Orte (neben dem Theater) wo  noch wirklich die ganz großen Themen unter Gleichgesinnten verhandelt werden. Hier treten aber auch auf schönste Weise die Diskrepanzen zu Tage, zwischen gelebtem Alltag und der Vorstellung dessen, was man sich idealer Weise immer so vornimmt. Die Kluft zwischen Wollen und Tun geht bekanntlich oft weit auseinander. Dazu kommt der Terror von Mitmenschen umgeben zu sein, die uns mit ihrer Anwesenheit belasten. Sogenannten toxischen Subjekten (nach Slavoj Zizek), die ständig unsere Tolernanz herausfordern, und unser Menschrecht auf Abstand gefährden.

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Beifall am DT für Gasoline BillFoto: St. B.

Der Wunsch nach Entlastung und Erlösung aus diesem Zustand (z.B. durch so „lässig coole Kapitalistenschweine“ wie Steve Jobs) dringt dabei bis auf die Theaterbühne vor. Wir delegieren, um nicht zu verzweifeln, unsere Emotionen das Elend der Welt betreffend an den Schauspieler, und können so wieder über die eigenen, alltäglichen Probleme nachdenken, z.B. wo man seinen Füller verlegt hat. Um das dem Schauspieler nun auch zu ermöglichen, wirft Benny Claessens schließlich einfach das Textbuch ins Holzhaus und die Entlastungs-Gebetsmühle an. Das Haus dreht sich und im diskursives Matratzenlager auf weichem, unsicheren Boden treffen Siegmund Freud und TV-Seelenversteher Domian auf Sandra Bullock in Gravity allein im All. Vom Band schmettern die Beasty Boys Party und Sabotage und ein Proust-Zusammenfassungs-Wettbewerb Auf der Suche nach der verlorenen Zeit wird in Abendgarderobe zelebriert. Max Webers Erlösungstheorien über soziales Handeln kulminieren in der Enttäuschung eines Afrikahelfers über den Undank der Betroffenen.

Unsere vier Rampen-Hillbillys tanzen und rennen gegen die wachsende Bedeutungsmanie des modernen Theaters bei gleichzeitig um sich greifender Begriffsresistenz an. Dabei schlägt man sich selbstredend auch den Kopf beim Versuch ganz weit offene Türen einzurennen, wo gar keine sind. Obwohl die offensichtliche Salonschwingtür das problemlos in beide Richtungen zuließe. Sandra Hüller präsentiert den Slapstick als letzte Rettung aus der Repräsentationsmisere. Last Chance verheißt die Vorderfront der einsamen Doppelhaushälfte, Keep Out! steht auf der Rückseite. Einstieg und Ausweg in einem – ein Witz der ein ums andere Mal ins Leere läuft, sein Ziel aber dennoch nicht ganz verfehlt. Von Sigmund Freud (Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten) über Jacques Lacan (Die Ethik der Psychoanalyse) bis zu Robert Pfaller (Die Illusionen der anderen: Über das Lustprinzip in der Kultur) ein vergnüglich um sich selbst rotierender Ausflug durch mehr als 100 Jahre Psychoanalyse und trotz allem auch ein Beitrag zum Innehalten und darüber Nachdenken, ob es tatsächlich immer so weitergehen muss, wie bisher.

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Eher ein Fall für den Kinderpsychologen scheint dagegen das Mülheimer Gewinnerstück Und dann des jungen Leipziger Dramatikers Wolfram Höll. Es brachte dem Autor Einladungen zum Stückemarkt des Berliner Theatertreffens und zum Heidelberger Stückemarkt 2012 sowie die Verleihung diverser Preise ein. Ähnlich der von Bert Neumann gestalteten Diskursbretterbude in Polleschs Gasoline Bill steht hier ein Lattengerüst mit Sperrholzbeplankung auf der Bühne (entworfen inkl. der Kostüme von Andreas Auerbach), die von den vier Leipziger Schauspielern Wenzel Banneyer, Daniela Keckeis, Heiner Kock und Markus Lerch in Buratino-Kostümen (die russische Variante des italienischen Pinocchios) mit großen Köpfen, langen Nasen und kurzen Hosen bevölkert wird. Die bildliche Imitation der Sichtweise eines Sechsjährigen, der noch nicht anders als in solch kindlichen Bildern und sich wiederholender, rhythmischer Kurzsatzsprache erfassen kann, was da gerade mit ihm und der ihn umgebenden Welt passiert.

Und dann (UA) Foto © Rolf Arnold

Und dann (UA)
Foto © Rolf Arnold

Vom Videobildschirm klingt es bereits beim Einlass im Dauerloop: „ein Vater, zwei Kinder, drei Verlierlinge, eine Mauer, die keine mehr ist“. Familiäre und systemumwälzende deutsch-deutsche Gletscherverschiebungen mit nach sich ziehender Geschichtseinebnung haben die beiden Brüder und ihren Vater wie drei eiszeitliche Findlinge in den Schluchten der Plattenbauten zurückgelassen. Das plötzliche Fehlen der Mutter, die Wende und langsame Zerrüttung der verbliebenen Rumpffamilie in einem randstädtischen, vermutlich Leipziger Plattenbau sind die Eckpfeiler einer Geschichte über Verlorenheit und Verlustschmerz. Die „Verlierlinge“ stehen hier als Sinnbild menschlich-tektonischer Verwerfungen in Zeiten des gesellschaftlichen und politischen Umbruchs.

Die Perspektive des Kindes zu wählen, erweist sich dabei als sprachlich interessanter Kunstgriff. Autor Höll tauscht damit ganz bewusst die Ebene des erwachsenen, allwissenden Erzählens gegen eine lückenhaft kindliche Erinnerung des Nichtverstehenkönnens. Diese Erinnerungssplitter rekapitulieren in kurzen Momentaufnahmen ein aus den Fugen geratendes Weltbild einer versehrten Kleinfamilie. Mittels Projektionen und Sprachbildern vermittelt der Text Stimmungen wie Aufbruch und Hoffnung oder Ängste und Wut. Die rhythmisierte Sprachmelodie mit der bindenden Aufzählungsformel „Und dann…“ lässt den Text fast strophenhaft klingen, was die Inszenierung von Claudia Bauer auch in kleinen repetitiven Sangeseinlagen aufnimmt. Text und Inszenierung verbinden sich dabei trotz der gewollten Künstlichkeit zu einem virtuosen Ganzen.

Das Erinnern funktioniert hier über alte Familienfilme, die mittels eines Videoprojektors das Bild der verlorenen Mutter für das Kind wiederbeleben und überdimensional an die betonsteinharten Häuserwände der Plattenbauten werfen. Der beruflich gescheiterte Vater, in den Vorstellungen des Kindes in einem großen Haus, ein Hausriese, ganz weit oben, verschanzt sich nun mehr in die eigenen engen Wände das Plattenbaus an seinem Funkgerät horchend, das für den Sohn die unbegreifliche Weite und Verbindung zur Welt darstellt. Ein geheimnisvoller „Würfelmittausendstimmendrinnen“, der sich nach seinem Verstummen in den vielen Fernsehgeräten der umliegenden Plattenbauten draußen wiederspiegelt.

Und dann (UA) mit Heiner Kock, Daniela Keckeis, Markus Lerch - Foto © Rolf Arnold

Und dann (UA) mit Heiner Kock, Daniela Keckeis, Markus Lerch – Foto © Rolf Arnold

Die Wende wiederum spiegelt sich in den Augen des Jungen z.B. über die plötzliche Wandlung der einstigen „Panzerparadenlangenstraße“ zur „Jedentagwagenparadenstraße“ der Westwagen, die er aufmerksam beobachtet. Die einen Russen gehen, damit die anderen Russen (nun Spätaussiedler) mit ihren Koffern kommen können. Immer mit gleicher, bildlicher „Vatermutterkindkiste“. Diese Metaphern und Projektionen kindlicher Phantasie bestimmen Hölls Stück über weite Strecken, bis sie immer kleiner werden und in den Händen des Kindes fast verschwinden. Das langsame Verlöschen der Erinnerung und das Warten auf einen neuen Gletscher, der die Geschichte weiter überscheiben wird, schließen das Stück, lassen es aber auch im Bild der drei Findlinge/Verlierlinge im Hof der Plattenbauten weitgehend offen.

Das Innehalten am Ende kommt hier aber eher einem Verharren in einer sich auf der Stelle drehenden Zeitschleife gleich. Zusammen mit dem ebenfalls nach Mülheim eingeladenen Stück am beispiel der butter des österreichischen Dramatikers Ferdinand Schmalz bewies das Schauspiel Leipzig unter dem neuen Intendanten Enrico Lübbe trotz Erfolgsdruck und damit verbundenem nicht immer künstlerisch überzeugendem Hochdruck auf der großen Bühne ein gutes Händchen für kleinere Produktionen an den Nebenspielstätten.

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Dem Vorwurf der Überproduktion von Stücken und dem gezielten Burnout junger Schreibtalente wehte allerdings auch etwas Widerspruch entgegen. Der Dramaturg und ehemalige Theaterkritiker Roland Koberg formulierte in seinem Hätte-wäre-Gedanken auf dem ATT-Blog die Behauptung „Mehr Stücke sind mehr.“ „Die bei Juroren beliebte Hypothese, das Theater werde besser, wenn weniger Dramatiker weniger Stücke mit mehr Qualität schreiben, gehört ins Reich der Phantasie. Nicht weniger ist mehr. Mehr ist mehr.“ Ein Plädoyer für mehr Mut der Autoren zum Stückeschreiben. Etwas anderes hätte man wohl auch kaum erwarten können, obwohl seit einiger Zeit selbst Dramaturgen wie Bernd Stegemann von der Berliner Schaubühne den Sinn der Überproduktion an den großen Häusern in Frage stellen. Er sieht das durchaus in einem größeren Zusammenhang: „Die ständig wachsende Zahl an neuen, von einer Theaterleitung erfundenen Produktionen verkehrt die Druckverhältnisse, die bisher von den Forderungen der Regisseure auf die Institutionen ausgingen. Kürzere Probenzeiten, höhere Aufführungsschlagzahl, kleinere Ensembles und Ausstattungsetats stellen den Regisseur vor Anforderungen, die wieder an die Anfänge seines Berufs erinnern.“ stellte er bereits 2011 in einem Interview mit der Berliner Zeitung fest. Das alles diene letztendlich nur „dem Beschleunigungswillen des Kapitals und der Entsolidarisierung der um dieses Kapital kämpfenden Individuen“. Das Ende der Fahnenstange in Bezug auf die Selbstausbeutung im künstlerischen Theaterbetrieb scheint da durchaus erreicht.

Foto: St. B.

Sind mehr Stücke wirklich gleich mehr? Dramenbaustelle ATT am DT – Foto: St. B.

Diesen Selbstoptimierungswahn gepaart mit einem endlos gesteigerten Leistungsdruck beschreibt in Teilen auch sehr schön eine Produktion des Deutschen Theaters, die ebenfalls nach Mülheim eingeladen war, dort beim Publikum gut ankam, auf den Autorentheatertagen allerdings nicht vertreten war und auf dem Spielplan des DT unerklärlicher Weise selten zu finden ist. In Alltag & Ekstase, einem modernen Sittenbild von Autorin Rebekka Kricheldorf, wird anhand dreier Generationen einer deutschen Durchschnitts-Familie ironisch der alltägliche Druck zum fast schon pathologischen Drang Ich-bezogenen Dauerin- und –outputs beschrieben. Und nach dem Motto: Lass es raus! hat dann hier auch jeder sein eigenes Lang- bzw. auch mal Kurzzeitprojekt am laufen. Vor allem Hauptprotagonist Janne (Jannek Petri) mit gescheiterter Ehe und geschiedenen Eltern, schlechtem Sex und kindischen Angewohnheiten wird hier zwischen seinen selbstfindungsbewussten Nahverwandten aufgerieben.

Wesentlich einfacher macht es sich da der japanische Intimfreund des Vaters, der Spaß, Job und Familie zu trennen weiß, die tägliche Leistungsoptimierung kurzerhand daheim lässt und zum Triebabbau bei völkisch ritualisierten Vergnügungen einfach nach Deutschland kommt. Vom Vater zur unfreiwilligen Eventbetreuung abgestellt, erlebt Janne schließlich eine Initialzündung zwischen gemeinschaftsbildendem Oktoberfest sowie naturnahem und körperbetontem Karnevalsritual, bei dem dann auch für ihn alles irgendwie in Ordnung zu kommen scheint, so lange Bier und Wurst ökologisch korrekter Herkunft sind. Da ist zum Ende des Stücks hin der bisher stoisch in der Ecke an eins der gescheiterten Projekte gemahnende Nachwuchs River aber bereits auf der Flucht vor den Erzeugern nach Nepal. Und irgendwie ist die Geschichte da auch wieder am Anfang angekommen. Der Beginn des Kreislaufs in der Hölle der Ich-Findung. Also doch lieber Innehalten? Mit dem Ausblick auf ein irgendwie gestaltetes Theaternirwana vielleicht keine schlechte Idee. Rebekka Kricheldorf wird jedenfalls in der kommenden Spielzeit ans Deutsche Theater zurückkehren, wie auch die nächsten Autorentheatertage nebst dem dazugehörigen neuen Motto.

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plebs coriolan
von Kevin Rittberger
Uraufführung
Regie: Kevin Rittberger, Bühne/Kostüm: Janina Brinkmann, Musik: Kira Kira.
Mit: Hanna Eichel, Barbara Horvath, Steffen Höld, Gideon Maoz, Myriam Schröder, Thiemo Strutzenberger.
Dauer: 1 Stunde, 50 Minuten, keine Pause

Weitere Infos: http://www.schauspielhaus.at/

Gasoline Bill
von René Pollesch
Regie: René Pollesch, Bühne: Bert Neumann, Kostüme: Nina von Mechow, Dramaturgie: Tobias Staab.
Mit: Katja Bürkle, Sandra Hüller, Benny Claessens, Kristof van Boven.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Weitere Infos: www.muenchner-kammerspiele.de

Und dann (UA)
von Wolfram Höll
Regie: Claudia Bauer, Musik: Peer Baierlein, Bühne und Kostüme: Andreas Auerbach, Dramaturgie: Matthias Huber / Esther Holland-Merten.
Mit: Wenzel Banneyer, Daniela Keckeis, Heiner Kock, Markus Lerch.
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

Weitere Infos: www.schauspiel-leipzig.de

Alltag und Ekstase. Ein Sittenbild (UA)
Von Rebekka Kricheldorf
Regie: Daniela Löffner, Bühne: Claudia Kalinski, Kostüme: Sabin Thoss, Dramaturgie: Ulrich Beck.
Mit: Jannek Petri, Harald Baumgartner, Judith Hofmann, Thomas Schumacher, Franziska Machens, Nermina Jovanovic/Zoë Seelig.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

Weitere Infos: http://www.deutschestheater.de/

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