Archive for the ‘Das Helmi’ Category

Zweimal Hamlet einmal anders – Im Schauspiel Leipzig als als Prinzessin und im Berliner Ballhaus Ost kopfüber gebondaged

Donnerstag, Dezember 28th, 2017

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Hamlet gebondaged – Dasniya Sommer und Florian Loycke führen im Ballhaus Ost frei nach Shakespeare das Kinbaku-Drama Hamlet und seine Geister auf, was allerdings nach einer Stunde technisch und dramaturgisch etwas in den Seilen hängt

(c) Das Helmi, Ballhaus Ost

Dasniya Sommer und Florian Loycke kennen sich über die Arbeit im Puppentheater Das Helmi, in dem Loycke eine Art Mastermind darstellt und Sommer für Choreografien zuständig ist. Gemeinsam haben sie sich mit der Geschichte der Shakespeare-Figuren Hamlet und Ophelia beschäftigt und daraus das Kinbaku-Drama Hamlet und seine Geister mit Bondage-Performance, Tanz und Puppen entwickelt. Premiere hatte die Arbeit im Sommer im Kamagol Theater Gijang, einem Stadtteil der südkoreanischen Stadt Busang. Anschließend war sie noch auf weiteren Festivals in Korea zu sehen und hatte nun im Ballhaus Ost ihre Berlin-Premiere. Kinbaku oder auch Shibari ist die japanische Kunst des Fesselns, im Westen eben auch als Bondage, einer Spielart des BDSM, bekannt. Dasniya Sommer gibt Kurse in Kinbaku. In ihren Performances verbindet sie auch Tanz mit Bondage-Kunst.

Die Beziehung des Dänenprinzen Hamlet zu seiner Geliebten Ophelia als sadomasochistischen Geschlechterkampf darzustellen, ist nicht so abwegig und sogar auf Stadttheaterbühnen nicht ganz unüblich. Die Frage ist nur, wer hier wen beherrscht. Im Shakespeare‘schen Normalfall ist Ophelia bedauernswerter Spielball der Männer und endet im Wahn als Wasserleiche, während Hamlet seinen eigenen Wahn todbringend ausleben darf und weiter Intrigen spinnt, bis er selbst einer Intrige zum Opfer fällt. Die Geschichte ist bekannt und viel gespielt: „Hamlet ist der Held, der sich in der eigenen Geschichte immer mehr verstrickt und schließlich, wenn er stürzt, die halbe Welt mitreißt – am Ende sind alle tot und es kommt Fortinbras.“ So verkürzt sieht diese Performance den Kampf Hamlets gegen die Mörder seines Vaters, der ihm als Geist erschienen aufträgt, seinen Tod zu rächen.

 

Hamlet und seine Geister im Ballhaus Ost
Foto (c) Sophie Östrovski

 

Im Wege sind ihm dabei nicht nur irgendwelche Geister, sondern vor allem sein eigener Geist, den zu befreien er nicht im Stande ist. Symptomatisch dafür steht sein berühmter Monolog „Sein oder Nichtsein“, in dem der Zweifler zwischen „Des wütenden Geschicks erdulden oder / Sich waffnend gegen eine See von Plagen“ schwankt. Wenn aber nun die Pein selbst zur Lust wird, dann können irdische Verstrickungen, oder besser die des Körpers Hülle, auch zur willkommenen Fessel werden. Dasniya Sommer und Florian Loycke spielen dieses Arrangement ganz anschaulich in ihrer Performance durch, wobei auch die Geschlechter- und Abhängigkeitsrollen gewechselt werden. Es entspinnt sich so ein Spiel aus Tanz, Gesang und gegenseitiger Fesselung, wobei sich zu Beginn Florian Loycke in einer relativ ausgetüftelten Hängebondagepartie befindet, bei der er nackt wie ein Jesus zu Karfreitag in den Seilen hängt. Man könnte es auch passend zur Jahreszeit für eine besonders raffinierte Art des Schnürens eines passenden Weihnachtspakets halten.

Dass es hier aber auch um das Ausprobieren einer neuen Identität, um das Spiel mit Manipulation und verabredeten Ritualen geht, zeigt diese mit Masken, Schminke und Kostümen dem japanischen Kabuki oder Nō Theater nahe Performance zunächst recht eindrucksvoll. Das Einfangen des anderen ist immer auch die Fesselung des eigenen Geistes, dem sich der Gefesselte mit seinem Körper stellvertretend hingibt. Leider verheddert sich dieser mit der Lust am Schmerz arbeitende Abend zusehends in Details. Loyke projiziert mit einem Overheadprojektor Zeichnungen mit Hängebondage-Fantasien, ähnlich denen des Dada-Künstlers und Surrealisten Hans Bellmer, bekannt für seine rätselhaften Fotos von Bondage-Puppen, an die Wand. Das jeweils gefesselte Bunny wird in allerlei Posen fotografiert, oder auch mal der in Südkorea erfundene Gangnam Style des Rappers Psy getanzt.

An die Tragödie Shakespeares erinnern hier nur ein paar Zeilen aus besagtem Hamlet-Monolog, der stimmlich verfremdet aus dem Off ertönt. Recht psychologisch klingen die ebenfalls vom Band eingespielten Reflektionen über den Schmerz und das Verlassen der Komfortzone. An die Ordnung der Welt rüttelt da nicht sehr viel. Dasniya Sommer schnürt dazu die restlichen Puppendarsteller des Dramas zu einem Knäuel und entsorgt sie in der Kulisse. Dass es mit der Lust am Schmerz auch eine Last sein kann, zeigt sich bei der Bondage-Session mit der Meisterin, bei der Schüler Hamlet sichtlich den Faden verliert. Trotz Degeneinsatz zur finalen Fechtszene wird die Performance nicht nur technisch, sondern zunehmend auch dramaturgisch zur Hängeparty. „He laughed to free himself from his mind’s bondage.” heißt es im Shakespeare-Disput in James Joys’ Roman Ulysses. Ob nun Tragödie oder Komödie, schlussendlich haben wir uns für ein befreiendes Lachen entschieden.

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Hamlet und seine Geister (Ballhaus Ost, 19.12.2017)
Ein dramatisch getanztes Theaterstück mit Puppen und Menschen von und mit Dasniya Sommer und Florian Loycke
Künstlerische Mitarbeit: Chae Lee, Cora Frost
Eine Produktion von Das Helmi und Haus Sommer.
Mit freundlicher Unterstützung von Ballhaus Ost, Tom Stromberg und Tina Pfurr.
Termine: 19. und 20. Dezember 2017

Infos: https://www.ballhausost.de

Zuerst erschienen am 20.12.2017 auf Kultura-Extra.

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„Ich bin nicht Hamlet.“ – Für die Diskothek am Schauspiel Leipzig inszeniert Lucia Bihler die Deutsche Erstaufführung des Stücks Prinzessin Hamlet, eine feministische Shakespeare-Überschreibung der finnischen Dramatikerin E. L. Karhu

Prinzessin Hamlet am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

Shakespeares Tragödie um den melancholischen Dänenprinzen Hamlet einen feministischen Anstrich geben zu wollen, ist nicht neu. An der Berliner Schaubühne inszenierte die britische Regisseurin Katie Mitchell das düster-tragische Stück Ophelias Zimmer mit Texten der Autorin Alice Birch aus der Sicht der von Männern manipulierten Hamlet-Geliebten. Nun hat in der Discothek am Schauspiel Leipzig die junge deutsche Regisseurin Lucia Bihler in deutscher Erstaufführung das von der finnischen Dramatikerin und Dramaturgin E. L. Karhu geschriebene Theaterstück Prinzessin Hamlet inszeniert. Das Stück ist allerdings nicht einfach nur Shakespeares Drama mit vertauschten Rollen. Karhu nutzt die Shakespeare’sche Vorlage lediglich als gedankliches Gerüst für eine Hinterfragung von Geschlechterrollen. Prinzessin Hamlet soll die Krone des Königreichs übernehmen, kann und will aber, wie es scheint, den an sie gestellten Ansprüchen nicht genügen. Sie zieht sich oft auf einen Felsen am Meer zurück, um dort allein ihren Selbstmordgedanken nachzuhängen.

Das wirkt ähnlich wie Mitchells Versuch von Anfang an etwas konstruiert und ist es textlich leider auch. Karhus Drama fokussiert auf ein spezielles Konstrukt. Prinzessin Hamlet ist das Bild einer Frau, die nicht ihr eigenes Leben leben kann, sondern einem bestimmten Bild von ihr entsprechen muss. Ähnlich dem von Prinzessin Diana, der Ex-Gattin des britischen Thronfolgers Prinz Charles, oder auch dem der US-amerikanischen Schauspielerin Marilyn Monroe, die als Vorbild für diese Inszenierung fungiert. Die fünf DarstellerInnen, drei Schauspielerinnen (Alina-Katharin Heipe, Anna Keil, Bettina Schmidt) und zwei Schauspieler (Tilo Krügel, Andreas Dyszewski) aus dem Leipziger Ensemble, stecken in farblich dem Bühnenhintergrund angepassten Abendroben und tragen für Marylin Monroe typische Lockenperücken. Beides kreiert durch den auch für Ersan Mondtag arbeitenden Bühnen- und Kostümbildner Josua Marx. Leider lenkt dieses Outfit nicht nur optisch vom allgemeinen Problem gesellschaftlich konstruierter Frauenbilder ab. Im Programmheft stützt man sich auf Judith Butlers Text Gender is Burning. Drag als „Ort einer bestimmten Ambivalenz“ ist aber letztendlich auch nur Ausdruck einer Imitation von Rollen in bestimmten Machtverhältnissen.

 

Prinzessin Hamlet am Schauspiel Leipzig – Foto (c) Rolf Arnold

 

Die Monroe ist vor allem ein Männertraum der 1950er Jahre und längst unauslöschlicher Bestandteil der Popkultur geworden. Ihre damalige Präsenz und ihr früher Tod haben einen immer währenden Mythos kreiert. Den nutzte auch Jürgen Kuttner in seinem am Deutschen Theater Berlin inszenierten Stück Feminista Baby!, dem Valery Solanas SCUM-Manifesto als Textvorlage diente. Auch E. L. Karhu bezieht sich in ihrem Stück auf den Unsterblichkeits-Mythos, wenn Prinzessin Hamlet zu ihrem 29. Geburtstag ein Fanal setzen und sich als brennende Fackel vom Felsen stürzen will. „Man erinnert sich an jene Prinzessinnen, die sich umbringen, die zeitig abtreten, spektakulär, mit großer Flamme. Die anderen, das sind Frauen, die nicht fähig waren zu leben, (…) Mir wird es nicht so ergehen.“

Gespielt wird das recht puppenhaft. Die Figuren werden in Pose gesetzt, sprechen wiederholt mit verstellten Stimmen ins Mikrofon. Es gibt keine bestimmte Rollenaufteilung. Jeder ist mal Prinzessin Hamlet oder ihre Kammerzofe Horatia. Zu Beginn verneinen alle nacheinander Hamlet zu sein und sind es dann doch. Ein dauerndes Spiel der Imitation, das schließlich auch im Stück seine Entsprechung findet, wenn Horatia auf Hamlets Wunsch deren Rolle am Hof einnimmt. Prinzessin Hamlet, durch Horatia verraten, wird von Königin Gertrud nach England an den Buckingham Palast geschickt, was sich als Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt mit Chorsingen entpuppt. Dort begegnet Prinzessin Hamlet auch Ofelio, der ebenso mehr in ein Bild von ihr verliebt ist. Das endet schließlich nicht mit dem Sprung vom Felsen, aber von der London Bridge. Der Chor singt dazu den Kinderreim „London Bridge is Falling Down“. Die Musik liefert Jam Rostron aka Planningtorock.

Vom ursprünglichen Drama Hamlet liegt nur noch der berühmte Totenschädel auf dem Schrank, in den hin und wieder Prinzessin Hamlet gesteckt wird. Aber das Volk will seine Thronerbin sehen und bekommt eine Kopie als Fake vorgesetzt. Ausdruck bekommt die Verzweiflung Hamlets nur durch die wiederholt vorgetragenen Zeilen: „Das Entsetzen schiebt ihr die Hand in die Kehle und ballt die Hand zur Faust.“ Ansonsten bleiben das poppige Tagesprogramm aus „Wahnsinn, Tod und Katastrophen“ genau wie die erwähnten Anklänge an Sarah Kane oder Heiner Müllers Hamletmaschine eher Behauptung. Das Konstruierte von Text und Inszenierung wird dieser Abend leider nie ganz los.

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Prinzessin Hamlet (Diskothek, 23.12.2017)
von E. L. Karhu
Aus dem Finnischen von Stefan Moster
Deutschsprachige Erstaufführung
Regie: Lucia Bihler
Bühne & Kostüme: Josa Marx
Musik: Planningtorock
Künstlerische Beratung: Sonja Laaser
Dramaturgie: Christin Ihle
Licht: Jörn Langkabel
Mit: Alina-Katharin Heipe, Anna Keil, Bettina Schmidt, Tilo Krügel, Andreas Dyszewski
Spieldauer: ca. 1:30, keine Pause
Die Premiere in der Diskothek am Schauspiel Leipzig war am 02.12.2017
nächste Termine: 27.01.2018

Infos: https://www.schauspiel-leipzig.de/

Zuerst veröffentlicht am 27.12.2017 auf Kultura-Extra.

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Kleines und großes Welttheater – „Schere Faust Papier“ von Michel Decar am Thalia Theater Hamburg und „Fatrasien“ von Das Helmi am Berliner Ballhaus Ost

Mittwoch, Dezember 28th, 2016

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Die ganze Welt im Trichter – Ersan Mondtag inszeniert Schere Faust Papier von Michel Decar als spielerische Zivilisations-Farce mit Fellwesen auf Mondlandschaft

Michel Decar hat ein neues Stück geschrieben. Der Ort der Handlung ist ein Trichter. Da muss jede Menge durch: alle möglichen Bühnenbilder, sehr verschiedene Kostüme und Requisiten, dazu reichlich Personal aus der bewohnten Welt und der Geschichte der Menschheit.“ So versucht es jedenfalls die Website des Thalia Theaters zu erklären, an dessen Dependance in der Altonaer Gaußstraße das neue Stück des Autors am vergangenen Sonntag uraufgeführt wurde. Decar lässt darin eine nicht näher genannte Anzahl von Personen die Weltgeschichte aus Kriegen, Irrtümern, Sex, Mord und Totschlag nachspielen. Dazu werden Platons Höhlengleichnis, Stanley Kubricks Kultstreifen 2001: Odyssee im Weltraum und noch einige andere Filme, Ereignisse und Personen der Weltgeschichte bemüht. Frei nach dem Zitat von Karl Marx wiederholt sich für Decar die Geschichte aber nicht nur einmal als Tragödie und einmal als Farce, sondern 20fach als Tragikomödie, ZDF-Zweiteiler, als BBC-Miniserie, Telenovela, Eventmovie, Kriminalkomödie etc. etc.

Die Welt – oder ein fremder Planet – ist Trichter, Höhle oder einfach im Arsch. Ein Betonbunker zurückgebombt in die Steinzeit. „Da kommst du nicht raus, kannst machen was du willst, kannst dir ein Seil denken, kannst auf Gedanken kommen“, heißt es zu Beginn mehrmals. Nur ein leichtes Kratzen mit langem Vokal A glauben die Insassen immer wieder zu vernehmen. Aber nichts Bestimmtes, also macht man halt einfach weiter. Das scheint auf den ersten Blick etwas surreal und abstrus. Keine wirkliche Story – mehr eine verrückte Parabel oder eben eine Farce auf den unabänderlich scheinenden Lauf der Dinge. Und so verwundert es auch nicht, dass der Autor sein als Botenbericht, Mysterien- oder Satyrspiel mit einer Vielzahl von möglichen Bühnenbildern angekündigte Stück vom preisgekrönten Regie-Wunderkind Ersan Mondtag inszeniert haben wollte, der selbst für eine sehr offene, assoziative und zitatenreiche Spielführung bekannt ist.

 

Schere Faust Papier am Thalia Theater Hamburg
Foto (c) Armin Smailovic

 

 

Und Ersan Mondtag nimmt diesen Spielauftrag an. Er hat fünf Figuren – die Besetzung ist vom Autor als variabel angegeben – auf eine nicht näher definierte, klinische Mondlandschaft (Bühne: Paula Wellmann) mit kleinen Hügeln und Tälern gesetzt. Dort singen diese fünf an Bauch und Rücken bepelzten Wesen (Kostüme: Josa Marx) mit hellblauen Eierköpfen und langen Insektengliedmaßen zunächst im Dunklen zur Musik des Komponisten Max Andrzejewski den blauen Planeten Erde an. Fünf außerirdische Mondschafe, menschliche Mutanten oder was auch immer erzählen dann in einem rhythmischen Sing-Sang von ihrem Trichter, was sie hören oder sehen und was sich ihrer Meinung nach draußen abspielt, bis man sich selbst auf den Weg macht. Das lässt zunächst tatsächlich viel Raum für Assoziationen und Überlegungen, worum es sich da eigentlich handelt.

Bis man merkt, auf jeden Einschlag von draußen folgt ein Zeit- und Evolutionssprung in der Geschichte der Menschheit, die die fünf unter den Kostümen steckenden Thalia-SchauspielerInnen Marie Löcker, Thomas Niehaus, Cathérine Seifert, Oda Thormeyer und Tilo Werner nun in 90 recht kurzen Minuten durchlaufen. Ein zunächst recht witziger Exkurs von den Höhlen der Urmenschen über die Steppen mit Urrinderherden und den ersten Dörfern mit sesshaften Ackerbauern, aber auch eine Geschichte der Entwicklung der Zivilisation mit Gesetzen, Regeln und Religionen, des technischen Fortschritts und den Nebenwirkungen von Macht, Misstrauen, Gewalt und Kriegen.

 

Schere Faust Papier am Thalia Theater Hamburg
Fotos von der Premiere: St. B.

 

Das ist perfekt durchgestylt, soundtechnisch arrangiert und auf den Punkt hin inszeniert. Es wird ein bisschen rumgefickt, gemotzt, gemobbt und angebetet. Natürlich hat man das Ganze nach etwa 30 Minuten kapiert. Es ist alles ziemlich vorhersehbar. Und es wiederholt sich natürlich. Die menschähnlichen Urtierchen sitzen wie in einer Zeitschleife von immer höher technisierten Vernichtungsmaschinerien vom Dolch über den Panzer bis zum Krieg ohne Menschen. Wir sitzen mit im Trojanischen Pferd, durchlaufen das Zeitalter der Kreuzzüge, der Kolonisierung Amerikas mit der Sklaverei und der Französischen Revolution mit der blutigen Beseitigung aller Gegner. Wir hören von undeutschen Ohrläppchen, sibirischen Lagern, Schurkenstaaten und kommen irgendwann auch beim Vietnamkrieg, 68er-Pazifismus und K-Gruppengequatsche über Begrifflichkeiten sowie UN-Friedenseinsätzen an. Schuld an den vielen Toten im Vorrübergehen sind natürlich immer die anderen – oder Ausreden wie die, dass man mit dem Rauchen aufgehört hätte.

Am Ende will man irgendwelche Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen, hat alles zu verhindern versucht und selbst immer nur Befehle ausgeführt. Die üblichen, unschuldigen Litaneien, die niemandem wirklich wehtun. Das es anders und durchaus auch ernst gemeint ist, ist natürlich auch klar. Nur fehlen eben auch ganz konkrete Bezüge, und das Stück besitzt in seiner durchweg ironischen Haltung, albernen Sprache und philosophischen Dürftigkeit fast schon Sesamstraßenniveau. Es fehlt nur noch ein netter Erklärbär, den uns die Regie dann doch erspart, aber nicht die Erkenntnis, das Marx nur auf ein Zitat reduziert auf einen ganzen Abend bezogen auch ziemlicher Murx sein kann.

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Schere Faust Papier (UA) – Thalia in der Gaußstraße, 18.12.2016
von Michel Decar
Regie: Ersan Mondtag
Musik-Komposition: Max Andrzejewski
Sounddesign: Florian Mönks
Bühne: Paula Wellmann
Kostüme: Josa Marx
Dramaturgie: Matthias Günther
Mit: Marie Löcker, Thomas Niehaus, Cathérine Seifert, Oda Thormeyer, Tilo Werner
Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause
Premiere war am 18.12.2016 im Thalia in der Gaußstraße
05., 21., 22.01. / 08.02.2017

Info: https://www.thalia-theater.de/

Zuerst erschienen am 20.12.2016 auf Kultura-Extra.

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Mit dem Licht die Welt zeichnen – Das Helmi zeigt Fatrasien. Ein Unsinnswelttheater in sieben Akten am Ballhaus Ost

(c) Ballhaus Ost

In ihrer neuen Produktion Fatrasien. Ein Unsinnswelttheater in sieben Akten begeben sich die kultigen Schaumstoffhelden von Das Helmi auf große Weltreise. Mit dem deutschen Filmemacher Wim Wenders und dem brasilianische Coffee-Table-Book-Fotograf Sebastiao Salgado einmal Nordpol-Südsee und zurück. Es geht um den preisgekrönten Dokumentarfilm Das Salz der Erde, den Regisseur Wenders 2014 über den solzialdokumentarisch arbeitenden Fotografen Salgado mit seinen perfekten, fast sakralen Schwarz-Weiß-Bildern von Landschaften, Tieren und Menschen gedreht hat.

Das steht natürlich in totalem Kontrast zu den flippigen, eben ganz bewusst nicht perfekten Puppenwesen aus Schaumstoffresten, die Das Helmi seit Jahren für ihre Inszenierungen baut. Und so ist das auch nicht in erster Linie eine Hommage an die Perfektion eines Wim Wenders, der seinem Idol Sebastiao Salgado beim Erklären seiner Arbeiten über die Schulter schaut, sondern eher ein liebevoll ironischer Blick in die Hinterhof-Werkstatt der Prenzlberger Kleinkunstenthusiasten vom Ballhaus Ost mit ihrem verrückten Vierspartentheater aus Puppen, Schauspiel, Tanz und Musik.

 

Fatrasien von das Helmi im Ballhaus Ost
Foto (C) Brian Morrow

 

Nach einem rockigen Tai-Chi-Kurs zweier Pferdeflüsterer zwischen einer ganzen Herde von Schaumstofrössern mit der magischen Geburt eines Fohlens treffen sich die beiden Weltreisenden bei einem schrägen Künstlerfrühstück bei Familie Salgado, wo noch der Sohn Juliano aufgegabelt wird. Wim Wenders im Trenchcoat (dargestellt von der Schauspielerin Janet Rothe) begibt sich dann zu auf einen kleinen Zwischenbesuch bei Pablo Picasso nach Paris. Der Meister (als Schaumstoffpuppe in seinem berühmten Matrosenshirt) sitzt zwischen seinen singenden Malpinseln und lädt den deutschen Filmemacher zu einem Disput über Malerei, Fotografie und Theater. Auf einer Schaumstoff-Leinwand tummeln sich bekannte Picasso-Motive mit den typischen mehrperspektivischen Gesichtern oder afrikanischen Masken, die der weltberühmte Maler hin und her scheucht, nebst Stierkampfeinlage.

Vater Salgado und Sohn treffen wir dann wieder im arktischen Eis beim Pinguinebeobachten und einem kleinen Gespräch über modernes Heldentum, während Wim Wenders lauthals die große Stille preist. Herrlich sind auch der Chor der Blues singenden Schaumstoff-Seelelefanten, Josephine Baker im Bananenröckchen, ein asiatischer Lichtertanz und vieles mehr. Sogar dem Wenders-Kumpel Peter Handke wird ein Ständchen dargebracht. Dem Einfallsreichtum der Puppenmacher sind hier keine Grenzen gesetzt. Schmal und kerzengrade wie Giacometti-Skulpturen stehen die Südsee-Ureinwohner und geben den beiden Kunstreisenden Nachhilfe in Soziologie und Familienplanung.

Mit viel Witz und Ironie zerstören die Helmis hier das Pathos der beiden Großkünstler, nicht ohne sich selbst am Ende ein wenig zu glorifizieren. Ganz zu recht natürlich. Ihre verrückte Fantasiewelt Fatrasien ist ein Muss für alle Helmi-Fans und die, die es noch werden wollen.

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Fatrasien. Ein Unsinnswelttheater in sieben Akten (Ballhaus Ost, 22.12.2016)
Von und mit das HELMI
Installation, Skulpturen, Performance, Komposition, Tanz: Okka Hungerbühler, Felix Loycke, Florian Loycke, Brian Morrow, Johanna Olausson, Janet Rothe, Dasniya Sommer, Emir Tebatebai
Technik, Bühne, Ideen: Burkhart Ellinghaus
Künstlerische Mitarbeit: Marcel Bugiel, Cora Frost
Produktionsleitung: ehrliche arbeit – freies Kulturbüro.
Eine Produktion von und mit Das Helmi in Ko-Produktion mit dem Ballhaus Ost
Premiere war am 15. Dezember 2016 am Ballhaus Ost Berlin
Weitere Vorstellungen: 03., 04., 05.02.2017

Infos: http://www.ballhausost.de/produktionen/fatrasien/

Zuerst erschienen am 22.12.2016 auf Kultura-Extra.

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Große Vögel, kleine Vögel – Die Berliner Puppenbühne Das Helmi adaptiert Pasolinis Filmsatire im Ballhaus Ost

Dienstag, Februar 24th, 2015

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italienisches Filmplakat

italienisches Filmplakat

Nach einem kurzen Ausflug in die Theater-Hochkultur (Faust-Marathon und Kleists Ritterspiel Das Käthchen von Heilbronn) sind die Helmis mit ihren pusseligen Schaumstoffpuppen seit geraumer Zeit wieder recht erfolgreich am Ballhaus Ost im heimischen Prenzlauer Berg zu sehen. Ob nun Der Name der Rose, Sündenstadt oder Starwurst, die Literatur-, Comic- und Film-Verwurstungen der Berliner Puppenbühne Das Helmi sind Kult im Kiez. In ihrem neuen Streich hat sich die Truppe um die Brüder Florian und Felix Loycke, Emir Tebatebai und Brian Morrow den 1966 entstandenen Film Uccellacci e uccellini (dt. Titel: Große Vögel, kleine Vögel) des italienischen Regisseurs, Dichters und Kommunisten Pier Paolo Pasolini vorgenommen. Eine der wenigen Komödien des sozialkritischen Kultfilmers der italienischen Unterschicht.

Eine gefährliche Lachattacke nannte Pasolini selbst Uccellacci e uccellini im musikalischen Vorspann von Ennio Morricone, den auch das Helmi leicht umgedichtet zur Vorstellung der Mitwirkenden adaptiert hat. Der Film erzählt „die Geschichte eines ruhigen Spaziergangs in Richtung Glück und Hoffnung auf goldene Ideale“. Vater Marcellino und Sohn Ninetto (verkörpert von dem bekannten Komödianten Totò und dem jungen Schauspieler Ninetto Davoli) streichen durch die Randzonen der italienischen Vorstädte. Auf ihrem Weg folgt ihnen ein sprechender Rabe, der die beiden in politisch-philosophische Debatten über Gott, Christus, den Hunger der Welt, Marx und die Revolution verwickelt. Zur Veranschaulichung erzählt er ihnen die titelgebende Parabel über die Falken und Spatzen, denen sie im Auftrag des heiligen Franziskus das Evangelium predigen sollen. Doch Vater und Sohn erweisen sich als ziemlich ignorant und erklärungsresistent. Am Ende landet das nervende Federvieh im Kochtopf.

(c) Ballhaus Ost / Das Helmi

(c) Ballhaus Ost / Das Helmi

Nicht ganz so tragikomisch wie Pasolini sieht das Helmi die Sache. Für etwas Melancholie ist hier nur der knittrig dreinschauende Schaumstoff-Mond über der wackeligen Brechtgardinenstange des fadenscheinigen Vorhangs zuständig. Vater und Sohn heißen hier Emilio (Emir Tebatebai) und Solino (Solène Garnier). Ihnen begegnen gleich mehrere gefiederte Schaumstoff-Einflüsterer aus der Stadt der Ideologie im Land des Kapitals. Doch nachdem ihre Kuh keine Milch mehr gibt, sind die beiden hier recht sympathisch wirkenden Kleinbürger aus der Stadt der Dummen eher auf der Suche nach der Straße der Hummer. Und was bei Pasolini noch karge Provinz war, würde man heute wohl eher als Berliner Speckgürtel bezeichnen. Nach Bertolt Brecht kommt das Fressen bekanntlich vor der Moral, und darüber stehen nur noch die fleischlichen Gelüste. Die Freuden am Wegesrand, denen sie in Gestalt der üppigen Straßenprostituierten Luna (Julia Gräfner) begegnen.

Der heilige Franz von Assisi (Dasniya Sommer) taucht natürlich auch noch in Gefolge jutebesackter Jünger auf, und die schöne Parabel mit der Predigt an die gewalttätigen Falken und die demütigen Spatzen wird nach einem gesungenen Vierjahreszeitengebet (Komm lieber Mai und mache, Der Herbst ist da, etc.) endlich auch erhört, bis die Spatzen es von den Kirchendächern pfeifen: Liebe statt Fasten. Es folgt ein schaumstoffknuddeliges Übereinanderherfallen im Namen der Liebe von Vögeln, Bienen, Blumen und Menschen. Doch auch diese schöne Utopie bekommt einen Knacks. Nicht so die andauernde Helmi-Attacke auf die Lachnerven des Publikums. Im Folgenden wird die Bühne erst so richtig zugemüllt und fröhlich aufgeräumt mit allerhand Ideologien und Weltanschauungen. Es wird gerockt das die Federn fliegen, Fidel Castro tritt auf und Gaststar Franz Rogowski (Love Steaks, Victoria) gibt ein Lookalike des schwulen Pasolini in Anzug und Sonnenbrille. Der Regisseur ist hier wohl auf der Suche nach unverbildeten Laiendarstellern für seine Filme unter den Naturburschen eines ausgelassenen Fußballmatchs.

Foto (c) Dasniya Sommer

Foto (c) Dasniya Sommer

Gänzlich die Straße der beiden glückssuchenden Tramps verlassend, begibt sich die Inszenierung auf ein ganz anderes Filmset. Es ist eine Parodie der Parodie. Das Helmi gibt nun ziemlich detailgetreu die zwei, einem manieristischen Gemälde nachempfundenen, äußerst farbigen Kreuzabnahmeszenen aus Pasolinis halbstündiger Bibelfilm-Satire La ricotta (Der Weichkäse). Cora Frost als Orsino Wellino (den im Film Orson Wells verkörpert) lässt den Regie-Macho raushängen und Brian Morrow gibt den hängenden Jesus und anschließend noch den guten Schächer, der hier kein Stück Weichkäse und auch nichts von der üppigen Cateringtafel abbekommt. Auch ein gelungenes Statement zum Thema Nächstenliebe und Ignoranz sowie ironischer Seitenhieb auf die eitle Kunst- und Filmszene.

Am Ende zitiert Heinz vom Obdachlosentheater „Die Ratten“ in einer Videoeinspielung auf die dünne Brechtgardine den Linken-Chef Gregor Gysi: „Der Kapitalismus hat nicht gesiegt. Er ist übrig geblieben.“ Und den Brecht hat Heinz dann tatsächlich auch noch in petto mit einem Auszug aus dem Lied von der Moldau: „Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine. / Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.“ Ein kleiner Hoffnungsschimmer am verhangenen Himmel über dem Horizont, zu dem die beiden komischen Vagabunden bei Pasolini schon vor fast fünfzig Jahren in Richtung neue Zeit aufbrachen. Die andauernden Fragen nach der Gerechtigkeit in der Welt berechtigen dann wohl auch diese leicht ironisch Zugabe. Auch wenn hier einen recht kurzweiligen Abend lang auf Schaumstoffköpfe geklopft wird, muss niemand Angst haben, wegen Ideologieverdachts den Hals umgedreht zu bekommen. Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Ein großer Spaß zum Nachdenken für Jung und Alt.

Foto (c) Das Helmi

Foto (c) Das Helmi

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Große Vögel, kleine Vögel (22.02.2015)
Das Helmi nach Pier Paolo Pasolini
Premiere am Ballhaus Ost: 13.02.2015
von und mit Cora Frost, Solene Garnier, Julia Gräfner, Felix Loycke, Florian Loycke, Brian Morrow, Franz Rogowski, Dasniya Sommer, Emir Tebatebai
Burkart Ellinghaus, Jenny Dechene, Ceca Stanic, ehrliche arbeit – freies kulturbüro

Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause

Termine: 15., 16. und 17.05.2015

Infos: http://www.ballhausost.de/produktionen/grosse-voegel-kleine-voegel/

http://www.das-helmi.de/index.php/produktionen/197-grosse-voegel-kleine-voegel

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Postdramatik, schräges Regietheater und ausufernde Performance, das Theater wird Event. Die Longplayer FAUST I+II und JOHN GABRIEL BORKMANN beim Theatertreffen 2012 (Teil 3)

Freitag, Mai 18th, 2012

Ich wünschte sehr der Menge zu behagen,
Besonders weil sie lebt und leben läßt.
Die Pfosten sind, die Bretter aufgeschlagen,
Und jedermann erwartet sich ein Fest.
Sie sitzen schon mit hohen Augenbraunen
Gelassen da und möchten gern erstaunen.
Ich weiß, wie man den Geist des Volks versöhnt;
Doch so verlegen bin ich nie gewesen:
Zwar sind sie an das Beste nicht gewöhnt,
Allein sie haben schrecklich viel gelesen.
Wie machen wir’s, daß alles frisch und neu
Und mit Bedeutung auch gefällig sei?
Denn freilich mag ich gern die Menge sehen,
Wenn sich der Strom nach unsrer Bude drängt,
Und mit gewaltig wiederholten Wehen
Sich durch die enge Gnadenpforte zwängt;
Bei hellem Tage, schon vor vieren,
Mit Stößen sich bis an die Kasse ficht
Und, wie in Hungersnot um Brot an Bäckertüren,
Um ein Billet sich fast die Hälse bricht.
J. W. Goethe: Direktor, Faust I, Vorspiel auf dem Theater

Begann der Faustmarathon, den Nicolas Stemann am Thalia Theater Hamburg in Koproduktion mit den Salzburger Festspielen erarbeitet hatte, dort noch um 17:00 Uhr und dauerte bis gegen viertel nach 1:00 Uhr morgens, halten sich die Berliner Festspiele beim Theatertreffen 2012 textgetreu an „schon vor vieren“. Also ging „bei hellem Tage“ am letzten Wochenende in der „Bude“ an der Schaperstraße der Lappen hoch zu Stemanns großer An- und Zueignungsshow.  „Was ich besitze, seh ich wie im Weiten, Und was verschwand, wird mir zu Wirklichkeiten.“ Von einer Zueignung im Wortsinne die Herrschaft über eine Sache zu ergreifen, sich Goethes Text also anzueignen, kann hier dann auch kaum die Rede sein. Gelesen hat den ersten Teil fast jeder, den zweiten kennt man zumindest leidlich gut oder hat ihn schon das eine oder andere mal im Theater gesehen. Gänzlich erfassen oder verinnerlichen wird man ihn wohl dennoch nie. Sich dem riesigen Textgebirge Goethes vielleicht auf Sichtweite anzunähern, dem Ergebnis dieses langwierigen Versuchs von Nicolas Stemann und seinem Team, dürfen wir nun beiwohnen. Und so muss man das Ganze dann auch als einen Versuch der Zueignung als Widmung an das Publikum verstehen, auch wenn man dafür erst einmal nur einen mehr oder weniger bequemen Theaterstuhl sein Eigen nennen kann. Was sich aber dann im Laufe des über achtstündigen Abends entwickelt, ist weit mehr als übliches Bildungsprogramm oder postdramtischer Zerstörungs- und Aktualisierungswahn. Sicher ist da von allem etwas dabei, Stemann umschifft aber mit viel Ironie die Klippen des theoretischen Interpretationsgehabes und schafft so, wenn auch nur für Augenblicke und vorrangig im „Faust I“ eine ganz eigene Faszination von modernem Theater.

hamburger-thalia_faust-1.JPG Foto: St. B.
Faust I + II am Thalia Theater in Hamburg (Oktober 2011)

Den Anfang mit der Annährung an den Faust-Berg macht zunächst Sebastian Rudolph ganz allein, mit dem Reclamheftchen in der Hand. Eine Methode die von Stemann schon des Öfteren angewendet wurde. Hier nicht allein um des einfachen Gags willen, oder Textreue behauptend, um sie im nächsten Moment fallen zu lassen, sondern hier soll im wahrsten Sinne des Wortes das Buch zum Sprechen gebracht werden. Dazu will die buchstäbliche Angst vor der Übermacht des Textes erst einmal gebrochen sein, ohne ihn dann an den platten Theatereffekt zu verraten. Und das zelebriert hier Sebastian Rudolph bis ins Detail. Auf leerer Bühne nähert er sich diesem Text in Buchdeckeln an und schlüpft förmlich in ihn hinein, ist Theaterdirektor, Dichter, Gott, Mephisto und Faust in einem. Das zu verdeutlichen, genügen Stemann nur wenige Requisiten. Es geht um das Texthören, um die Erschaffung seines Geistes aus einer einzigen Person. Und Rudolph wägt die Worte ab, überlegt, zweifelt und prüft sie auf ihren Gehalt. Hier scheint tatsächlich einer zu stehen, der erkennen will, „was die Welt im Inneren zusammenhält“. Trotz Tisch und Stuhl ist das weitaus mehr als nur eine szenische Lesung und wirkt eher wie eine szenische Erarbeitung des Fauststoffs. Rudolph wird vom passiven Rezitator schließlich zum Gestalter, zum Künstler, der das Wort in die Tat umsetzen will und den Text samt Buch an eine Leinwand matscht. Die Geister erscheinen dort als eine Projektion seines Unterbewusstseins. Die Macht der Gedanken als Zündfunke für den gestaltenden Geist. Die explosive Kraft, die davon ausgehen kann, symbolisiert Stemann durch den von Rudolph aus einem Benzinkanister gegossenen Bannkreis.

hamburg-okt-2011-11.JPG Foto: St. B.

Weh! weh!
Du hast sie zerstört
Die schöne Welt,
Mit mächtiger Faust;
Sie stürzt, sie zerfällt!
J. W. Goethe: Geisterchor, Faust I, Studierstube

Später gesellt sich dann Philipp Hochmair zu ihm, ein Kampf um den Text entspinnt sich, der nach und nach die Rollenverteilung in Faust und Mephisto bestimmt. Das Ringen Fausts mit seinen inneren Geistern erfährt hier seinen Fortsetzung. Als dritte Person kommt Patrycia Ziolkowska in der Hexenküchenszene zunächst als Videobild ins Spiel. Auch sie übernimmt mehrere Rollen, ist Faust und Gretchen in einer Person, die männliche und weibliche Seite der Hauptfigur. Ziolkowskas Gretchen ist stolz und sinnlich. Sie verkörpert es ganz und gar, dieses ewig lockende Weibliche, zu dem es Faust hinzieht. Die aus einer Figur gespaltenen Teile zieht es nun wie die Kugelmenschen aus Platons „Symposion“, das jeweils Fehlende im anderen suchend, unweigerlich wieder an. Dass das schließlich schief geht, resultiert allerdings nicht nur aus gottgewollter Geschlechterspaltung. Faust allein ist hier nicht der treibende Keil, er hat dafür seinen Mephisto, der ihm sogar die Antworten zur Gretchenfrage soufflieren muss. Stemann arbeitet weiter mit fliesenden Rollenwechseln, setzt Video, Tanz und Gesang ein. Auerbachs Keller ist eine Discohölle in der Stemann selbst den Conférencier gibt. Zur Walpurgisnacht entschweben Faust und Mephisto als Videoprojektion. Nach einer sehr ergreifenden Kerkerszene, in der Faust und Gretchen noch einmal förmlich zusammenprallen, spricht sich Gretchen schließlich selbst frei, ist erlöst und auch der Zuschauer kann nach fast 3 Stunden intensivstem Theatererlebnis die erste Pause genießen.

Zur Einführung des zweiten Teils gibt Nicolas Stemann eine erklärende Einführung. Als wenn er sich und seinen Mitteln misstrauen würde, erfährt der Zuschauer, was ihn nun bis zur nächsten Pause erwarten wird. Neben dem angebotenen Faust-Menü ein durchaus verzichtbarer Service, der Stemann aber als interaktive Kommunikation mit dem Publikum oder einfach nur als notwendiges Bildungsupdate wichtig erscheint. Fausts Reset auf Null findet dann auch nur in der Erklärung Stemanns statt. Aus der „Anmutigen Gegend“ geht es sofort in die „Kaiserpfalz“. Stemann fährt jetzt sofort volles Programm auf. Die Rezeptionsgeschichte des Faust inszeniert er gleich mit. An einer Expertentafel sitzen u.a. Eckermann und Gustav Gründgens als Puppen von der aus dem Ballhaus Ost bekannten Truppe „Das Helmi“, die Stemann für seinen Marathon engagiert hat. Barbara Nüsse ist sogar Goethe selbst und gibt, wie in Stemanns Jelinek-Inszenierungen, dem Autor selbst eine Stimme. Indem Stemann den alten Geheimrat immer wieder höchst persönlich zu seinem Werk plaudern lässt, hält er ihn sich sonst ganz geschickt vom Leibe. Josef Ostendorf als Mephisto eröffnet nun den „Mummenschanz“ einer Welt, die sich dem schönen Versprechen der Gelderschaffung aus dem Nichts ergeben hat. Die Scheine fliegen durch die Luft und über die Videoleinwand flimmern die altbekannten Bilder von Börsencrash und Protestbewegung. Stemann bietet gewohnte Kost mit viel Video, Puppen und Musik. Birte Schnöink gibt den Homuculus im großen Glasbehälter, der seine Menschwerdung mit den griechischen Philosophen diskutiert, dazu liefert Stemann einen Disput zweier Wissenschaftler per Videoeinspielung.

Stemann übersetzt Goethes ausufernde Antikenbeschreibungen in recht konventionelle Regietheaterbilder. Mit viel Selbstironie lässt er Philipp Hochmair den postdramatischen Geheimrat mimen, der in breitem Wienerisch parliert, bis er zum Einlauf abgeholt wird. Hier wird die zu erwartende Kritik an der Inszenierung gleich mitgeliefert, und den Mäklern von vornherein der Wind aus den Segeln genommen. Für Faust geht es nun um Helena und nach einem Candle Light Dinner folgt der normale Familienalltag mit Kinderwagen, Sandkasten und Joggern wie auf dem Kollwitzplatz in Berlin-Prenzlauerberg. Nach dem Begräbnis von Sohn Euphorion im obligaten Regen geht es zur letzten Etappe in Fausts Odyssee durch die Zeitalter mit Krieg und folgendem Landgewinn. Hier nimmt die Inszenierung wieder etwas Fahrt auf und Faust wird zum schaffenden Menschen. „Herrschaft gewinn‘ ich, Eigentum! Die Tat ist alles, nichts der Ruhm.“ Arbeiter streichen den Bühnehorizont weiß und lassen schwarze Wolkenkratzer darauf entstehen. Die Papphütte von Philemon und Baucis brennt und der alte Goethe im Hintergrund rekapituliert noch einmal wie alles begann, während Faust im Fordergrund nur die Sorge (Birte Schnöink) umtreibt, sein Werk nie vollenden zu können, was ihn schließlich erblinden lässt. Die Lemuren scharren geschäftig und schaufeln Faustens Grab, dem er Dank wunderbarem „Chorus Mysticus“ und buntem Engelspuppeneinsatz entfliehen kann. Das Grande Finale kitscht schon gewaltig. Stemann und die Seinen jauchzen nach über acht Stunden zufrieden auf. Es scheint gelungen, wenn da nicht das ungute Gefühl wäre, vier Stunden lang nur braver Faustbebilderung beigewohnt zu haben. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Text, wie noch im ersten Teil, hat im Faust II nicht stattgefunden. Des Denkens Faden scheint zerrissen, das Abstreichen von Textzeilen, hier wird`s Event. Zu einer wirklich gewagten Neuinterpretation war das Ganze wohl selbst Multitalent Stemann zu komplex. Mit dieser fast schon Faust`schen Unzufriedenheit entlässt er uns, die wir doch trotz allem froh sind, dabeigewesen zu sein, wieder in die Nacht.

Gerettet ist das edle Glied
Der Geisterwelt vom Bösen,
Wer immer strebend sich bemüht,
Den können wir erlösen.
Und hat an ihm die Liebe gar
Von oben teilgenommen,
Begegnet ihm die selige Schar
Mit herzlichem Willkommen.
J. W. Goethe, seelige Knaben und Engel, Faust II, Bergschluchten

hamburg-okt-2011-15.JPG Foto: St. B.

Alles Vergängliche
ist nur ein Gleichnis;
das Unzulängliche,
hier wird’s Ereignis;
das Unbeschreibliche,
hier ist es getan;
das Ewigweibliche
zieht uns hinan.
J. W. Goethe, „Chorus Mysticus“, Faust II

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Ein ähnliches Gefühl dürfte einem wohl auch nach dem Besuch der zwölf Stunden dauernden Ibsen-Performance „John Gabriel Borkman“ von Vegard Vinge und Ida Müller im Prater der Berliner Volksbühne beschleichen. Dabei gewesen zu sein und doch nicht alles gesehen zu haben. Nur dass das hier eben zum Konzept gehört, da jeder Abend von vornherein verspricht anders zu sein. Und so kann man auch getrost auf eine detaillierte Beschreibung des Geschehens verzichten, gibt es doch schon Erlebnisberichte und Erklärungsversuche in ausreichendem Maße. Die Faszination die einem beim Besuch dieses Gesamtkunstwerks aus Bühnenbild, Maske und Performance erfasst, inklusive der teilweise sehr expliziten Aktionen von Vegard Vinge, erklärt sich hier eben nicht nur über die zum Teil befremdlichen Bilder, die sich einem erst nach und nach erschließen oder auch komplett abstoßen, einen dabei aber nie völlig kalt lassen werden. Es ist vor allem die radikale Herangehensweise Vinges und Müllers an den klassischen Stoff, die den norwegischen Volksautor Ibsen, im Stellenwert einem Goethe durchaus gleichzustellen, vom Sockel holen und dabei arg zusetzen, aber nie mit der Absicht ihn zu völlig zu zerstören. Aus den Bruchstücken, die die Performer mit Gewalt jeden Abend aufs Neue aus Ibsen Drama schlagen, setzen sie immer wieder akribisch Stück für Stück ein komplett eigenständiges Kunstwerk zusammen.

Dabei ist es fast vollkommen egal, an welcher Stelle der Performance man ein- oder wieder aussteigt, man wird den roten Faden immer wieder aufgreifen können, auch wenn einem das Stück im Detail nicht vollends bekannt ist. Es geht ja auch im Großen und Ganzen um die altbekannten Grundthemen der Menschheit, wie Liebe, Macht, Sexualität, Gewalt und Tod. Und dafür finden Vegard/Vinge immer wieder die passenden Bilder, die sich an die losen Eckpunkte von Ibsen Drama andocken, zügellos verselbstständigen und auf wundersamste Weise weiterentwickeln. Zentrale Figuren sind dabei der Hausherr Borkman, dargestellt von Vegard Vinge und sein Sohn Erhart, unter dessen Maske sich Ida Müller verbirgt. Der Banker Borkman hat Geld veruntreut und ist dafür verurteilt worden. Wie bei Ibsen sitzt dieser Borkman nun im oberen Geschoss seines Hauses, das hier die gesamte Bühne einnimmt, und sinnt über seine Rückkehr zur verlorenen Macht nach, während sich im Erdgeschoss der Hoffnungsträger der Familie, Mutter und Tante erwähren muss und um seine Emanzipation von Schicksal und Schande ringt. Er ist ein pubertierenden Teenager, der in seiner eigenen Bilderwelt lebt. Das kurios Comikartige der Figuren wird noch durch die grotesk rhythmisierten Bewegungen verstärkt. Die Kernsätze des Dramas, die verzerrt von Band eingespielt werden, schweben in ihrer permanenten Wiederholung wie große Sprechblasen über der Szenerie. Ibsens Stück ist in den Sätzen klar erkennbar. Wie Untote, die nicht mehr aus ihrer Geschichte auszubrechen vermögen, zum ewigen Leben verdammt, bewegen sich alle in den immer gleichen Mustern. Ob Splatter, Körpersäfte und -ausscheidungen aller Art oder permanente Folter mit Wagnermusik, der Zuschauer begibt sich mit Vegard Vinge in menschliche Abgründe entlang der ewigen Phantasien um Macht, Schuld und Sühne.

borkman2.jpg Foto. St. B.
Vegard Vinge dirigiert Borkmans Todesoratorium

Die Macher gehen dabei oft bis weit über Grenzen des im herkömmlichen Theater Darstellbaren. Ob sich Vinge das Gesetz rektal einführen lässt, Krieg, Terror und Vergewaltigung die Bühne verheeren oder das Theaterblut in Strömen fliest, so geht es doch bei all dieser Überspitzung immer um das Zwanghafte im Handeln von Ibsen Figuren, die sich permanent von Schuld selbst freisprechen oder die übergroße Schande zu tilgen versuchen. Durch das Auftreten der Figur des Advokaten Hinkel, der mit einer Teufelsmaske versehen „Das Recht kennt keine Ausnahme“ schnarrt, wird es Borkman nun unmöglich gemacht, sich von seiner Schuld zu befreien. Bei Ibsen von Borkman als Urheber seines Elends nur am Rande erwähnt, wird er hier zum personifizierten schlechten Gewissen, das den gescheiterten Banker unentwegt verfolgt. In einer weiteren eindrücklichen Szene übergibt Ella, Borkmans frühere Geliebte, ihm ihr herausgeschnittenes Herz. Schließlich wird noch Hand an das bunte Papphaus gelegt. Es wird zersägt und Stück für Stück abgetragen. Die Bühne öffnet sich nach hinten und gibt einen großen Berg aus Pappmaché frei, Borkmans Traum vom Erz symbolisierend. Während eine große Grube in Bühnenmitte ausgehoben wird, kriecht Vinge, große Klumpen vor sich herschiebend, durch die engen Gänge unter der Bühne. Der Kampf der beiden Schwestern Ella und Gunhild endet schließlich für beide tödlich und Erhart bedeckt sie mit der ausgehobenen Erde. Nach all diesen ausgiebigen Exorzismen kehrt die Inszenierung aber immer wieder zu ruhigen Bildern zurück. Vinge dirigiert sich ein eigenes Oratorium mit einem Orchester aus lauter Skeletten und wenn bereits der eine oder andere sanft entschlafen scheint, wird unter den Klängen von Wagners „Fliegendem Holländer“ wieder reichlich frische Luft in den Zuschauerraum gewedelt. Vinge steht als Steuermann auf der Brücke und das verbliebene Publikum ist wieder hell wach. Nachdem Erhart mit Fanny Wilton und Frida sich bereits ins „Café Schwarzsauer“ um die Ecke abgesetzt haben, klingt der Abend so gegen 4:00 Uhr morgens langsam aus, aber nur um sich nach einer kurzen Pause unentwegt fortzusetzen.

„to be continued…“

Foto: St. B. borkman.jpg

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Kleist und kein Ende – In Berlin gibt es nun ein doppeltes „Käthchen von Heilbronn“

Sonntag, Dezember 11th, 2011

Jan Bosse am Gorki und Andreas Kriegenburg am DT versuchen sich auf recht unterschiedliche Weise am großen historischen Ritterschauspiel

„Ich sagte, daß, so geschickt er auch die Sache seiner Paradoxe führe, er mich doch nimmermehr glauben machen würde, daß in einem mechanischen Gliedermann mehr Anmut enthalten sein könne, als in dem Bau des menschlichen Körpers.
Er versetzte, daß es dem Menschen schlechthin unmöglich wäre, den Gliedermann darin auch nur zu erreichen. Nur ein Gott könne sich, auf diesem Felde, mit der Materie messen; und hier sei der Punkt, wo die beiden Enden der ringförmigen Welt in einander griffen.“

Heinrich von Kleist aus „Über das Marionettentheater“ (1810)

„Tanzen ist Träumen mit den Füßen“ marionette_clara-diercks_pixeliode.jpg
Foto: Clara Diercks / pixelio.de

Kleists Essay „Über das Marionettentheater“ ist Ausdruck seines ästhetischen Empfindens der darstellenden Kunst wie auch seiner Skepsis über das zeitgenössische Theater seiner Zeit. Es zeigt Kleists Zerrissenheit der Seele, genauso wie seine Zweifel an der realen Welt, in welcher der aus dem Paradies vertriebene Mensch durch seine Gravitation an den Boden gefesselt bleiben muss. Was Wunder also, dass sich zwei Regisseure in Berlin nun u.a. mit Hilfe von Puppen einem als unspielbar geltenden Werk Kleists nähern, dem so wundersam hirnspinnstigen, großen historischen Ritterschauspiel „Das Käthchen von Heilbronn oder Die Feuerprobe“. Goethe, wird kolportiert, hatte das ihm überlassene Manuskript nach der Lektüre mit den Worten: „Ein wunderbares Gemisch von Sinn und Unsinn! Die verfluchte Unnatur!“ in das lodernde Feuer des Ofen geworfen. Er weigerte sich das Stück aufzuführen, „… wenn es auch ganz Weimar verlangt.“ 

Was für eine Ironie, ist doch das Feuer neben dem Wasser ein entscheidendes Element in Kleists Dichtung über die geradezu unterwürfige Liebe des einfachen Mädchens Katharina Friedeborn zum Ritter Friedrich Graf Wetter vom Strahl. Erst muss es buchstäblich durchs Feuer gehen und dann auch noch einen reißenden Fluss überqueren. Dabei steht ihr ein echter Schutzengel zur Seite, „ein Cherub in der Gestalt eines Jünglings, von Licht umflossen, blondlockig, Fittiche an den Schultern und einen Palmzweig in der Hand.“ Soviel Pathos kennt man nur noch aus der Oper, wie z.B. aus Mozarts „Zauberflöte“ oder den Werken Richard Wagners, der auch in Tränen ausbrach, beim Lesen von Kleists Drama. Man glaubte damals, eine Parodie auf die romantischen Ritterschauspiele der Zeit vor sich zu haben, musste aber feststellen, dass es Kleist, den lang ersehnten Erfolg vor Augen, durchaus ernst damit wahr. Ihm gelang hier ein Anschlag auf die aufgeklärte Welt seiner Zeit, mit Hilfe der romantischen Schilderung eines Traums von der bedingungslosen Liebe.

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Axel hol den Rotkohl und Orbital Freaks im Ballhaus Ost Berlin

Samstag, Juni 19th, 2010

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Orbital Freaks von Streunende Hunde und Pawel Schwejka

Der Raum im 3.Stock des Ballhaus Ost ist mit einer langen leeren Tafel ausgefüllt. Daran sitzen Ein Mann und eine Frau, die über verschiedenste Themen wie Liebe, Sex, Geld und gestresste Beziehungen über SMS und Internet kleine Geschichten entwickeln.
Nadine Dubois und Pawel Schwejka werfen sich die Texte zu und ergänzen sich wunderbar. Verstärkt werden sie noch durch Molekularmusiker Dirk Woite, der einen herrlichen Vortrag über Dioxyamphetaminderivate, LSD und kosmische Harmonien hält. Nadine Dubois legt dazu einen irren Tanz auf dem Tisch hin. Die kurzen Szenen werden immer wieder durch einige Musikeinlagen vom Band unterbrochen, die von den Schauspielern mit Stimme und Körper mit performed werden. Es entseht so eine dichter Abend über die Möglichkeit von Sprache, Körper und Musik, eine kurzweilige Performance, die Lust auf mehr macht.

Orbital Freaks Eine Personanz für einen Raum, eine Situation und drei Körper.
mit NADINE DUBOIS, PAWEL SCHWEJKA, DIRK WOITE und WIEBKE HENSLE als Gabi
Regie, Text PAWEL SCHWEJKA Raum OLF KREISEL Musik KLAUS
EINE PRODUKTION VON STREUNENDE HUNDE IN KOOPERATION MIT DEM BALLHAUS OST
MIT FREUNDLICHER UNTERSTÜTZUNG DURCH DAS THEATERHAUS MITTE

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Axel hol den Rotkohl von und mit Helene Hegemann und Das Helmi

„Das Puppentheater Das Helmi, das mittlerweile in der von Anne Tismer begründeten freien Spielstätte Ballhaust Ost residiert, hat sich für seine neuste Produktion – man lese und staune! – von dem allseits geachteten nachtkritik.de-Kommentator Stefan inspirieren lassen, der am 8. März 2010 um 13:02 Uhr im sogenannten Axolotl-Thread seine Idee für die Theatralisierung des Romans „Axolotl Roadkill“ von Helene Hegemann postete: „Wie wäre es, wenn unter der Regie von Volker Lösch, ein Chor entrüsteter Blogger auf der Bühne sein Recht auf Anerkennung der Urheberschaft am Werk einklagen würde?“ (Unüblicherweise ist die Quelle im Programmheft sogar genannt.)“ Wolfgang Behrens von Nachtkritik, nachzulesen unter www.nachtkritik.de

Nun, ich bin auch noch einen kleinen Kommentar schuldig. Vielen Dank übrigens noch mal an das Ballhaus für die Freikarte, ich habe mich köstlich amüsiert. Klasse Figuren und wie immer beim Helmi, dieser herrlich trockene Humor. Die entrüsteten Blogger und Literaturkritiker tragen Pappmasken und werfen der Helene im Stück (Gaststar Stephanie Stremler) wie in der wirklichen Feullitondebatte immer wieder vor “„Du hast das alles nicht erlebt““. Es werden einzelne Szenen aus dem Buch von Helene Hegemann, natürlich stark verfremdet mit den Puppen nachgespielt. Sehr witzig ist die Einlassszene vor dem Berghain-Club mit dem Türsteher Sven Marquardt als alles verschluckendem Müllkübel. Man nimmt sich erfreulicher Weise nicht zu ernst und so kann der herrlich dilettierende Abend auch nur über die Runden kommen. Die starken Musikeinlagen peppen die Sache noch zusätzlich auf. Sieht sich Helene Hegemann tatsächlich als eine neue Janis Joplin? Ein Gedanke der mir gut gefällt.

Zum Schluss doch noch eine kleine Frage meinerseits: Who the Fuck is Volker? Der Volker Lösch hätte vielleicht mal gerne so eine tolle Idee, aber ich will ja nicht meckern.

St. B., 09. Mai 2010

Axel hol den Rotkohl von und mit BURKART ELLINGHAUS, HELENE HEGEMANN, FELIX LOYCKE, FLORIAN LOYCKE, BRIAN MORROW, KATHARINA SCHRÖDER, STEPHANIE STREMLER, EMIR TEBATEBAI

www.ballhausost.de