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„Eine Familie“ und „Eine Frau“ – BE-Intendant Oliver Reese setzt mit Stücken von Tracey Letts ganz auf die Publikumswirksamkeit US-amerikanischer Well-Made-Plays

Mittwoch, November 22nd, 2017

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EINE FAMILIE am BE
Foto (c) Birgit Hupfeld

Oliver Reese, Intendant des neuen Berliner Ensembles, legt sich nicht erst seit kurzem in die Bresche für das well-made Play, den gut gemachten Theaterhappen, der von Kritikern auch schon mal als geschmackloser Whopper bezeichnet wird, wie soeben in einem Artikel der US-amerikanischen Theaterwissenschaftlerin Amy Stebbins für die Hamburger Wochenzeitschrift Die Zeit. Stebbins vergleicht darin zunächst Stücke von Autoren wie Tracy Letts oder Noah Haidle mit dem „satt und friedlich“ machenden und „überall auf die gleiche Weise: nach nichts“ schmeckenden Stück amerikanischen Fastfoods, bevor sie sich näher mit dem durch Nestroy- und Pulitzerpreis geadelten Stück Geächtet von Ayad Akhtar auseinandersetzt. Ganz so schlecht wie Akhtars well-made Play, dem Stebbins gar Islamophobie und eine identitäre Ideologie vorwerfen möchte, kommt Tracy Letts nicht weg. Besonders sein ebenfalls mit dem Pulitzerpreis geehrtes Erfolgsstück Eine Familie läuft an vielen deutschsprachigen Bühnen und ist von Oliver Reese auch schon für das Schauspiel Frankfurt inszeniert worden. Nach der Übernahme ans Berliner Ensemble konnte sich nun auch das Hauptstadtpublikum von der Güte des Stücks überzeugen. Das Publikum signalisiert durchaus Zufriedenheit. Die Kritiken fielen dagegen etwas verhaltener aus.

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Auch ich verstehe ehrlich gesagt nicht ganz, warum Tracy Letts‘ Stück (wir kennen leider nur dies eine, die frühen Stücke sollen ja noch richtige Skandale ausgelöst haben) nun in Deutschland hoch und runter gespielt wird. Die starbesetzte Hollywood-Verfilmung von John Wells wird einiges dafür getan haben, den wohlmundenden Happen geschmacklich aufzuwerten. Als geschmacksverstärkend wirkt bekanntlich nicht nur an der Kinokasse sondern auch am Theater immer noch das richtige Ensemble. Und das hat in diesem Fall Oliver Reese, der hier mit einigen auch in Berlin bestens bekannten DarstellerInnen aufwarten kann. Allen voran Ex-Schaubühnen-Star Corinna Kirchhoff und Ex-DT-Schauspielerin Constanze Becker in den Rollen der sich fetzenden Mutter und Tochter Weston.

 

EINE FAMILIE am BE – Foto (c) Birgit Hupfeld

 

Besonders Kirchhoffs im Alkohol- und Tablettenrausch delirierende Violet Weston führt sich zu Beginn schon entsprechend ein. Trotz des sie plagenden Mundhöhlenkrebs, der Auslöser ihrer Tablettensucht ist, macht sie schon mal mit einem knalligen „Du kannst eine Sau in den Arsch ficken“ bekannt, was sie von ihrem ebenfalls zynischen, dauerbedröhnten Ehemann Beverly (Wolfgang Michael) hält. Letts nimmt hier kein Blatt vor den Mund, wenn er über die zerrütteten Familienverhältnisse der Westons schreibt, und Reeses Ensemble nimmt den Ball dankbar auf, wenn es, von Reeses Regie nicht weiter behelligt, gnadenlos chargiert und sich in Stellung bringt. Das kann noch am besten Bettina Hoppe als etwas unscheinbare Tochter Ivy, die sich nun gegen das Muttertier behaupten muss. Der Hauptpart der Auseinandersetzung mit Mutter Weston liegt aber bei Beckers Tochter Barbara, die gegen Ende ihrer Mutter fast vollständig zu gleichen beginnt. Der über Generationen andauernde, patriarchale Familienterror zeigt nun an den Frauen seine welken Früchte.

Aber ansonsten ist es salopp ausgedrückt schon ein rechter Schmarrn. Dass der amerikanische Traum und die Familie am Arsch sind, weiß man seit Arthur Miller und Tennessee Williams. Letts kann dem nicht allzu viel Neues hinzufügen, außer vielleicht einer diskriminierten Ureinwohnerin als Dienstmädchen(Katrin Hauptmann). Zumindest scheint man in den Dramaturgiestübchen des subventionierten Stadttheaters mit dem Frauenbild, das hier teilweise transportiert wird, kein Problem zu haben. Letts soll ja seine eigenen Eltern als Vorbild genommen haben. Aber warum bekommt man hier eher Mitleid mit den geplagten Herren der Schöpfung, die scheinbar schicksalhaft von keifenden Furien in den Wahnsinn und Selbstmord durch Be- und schließlich Ersaufen getrieben werden? Wo reflektiert der Autor einmal die Ursache dessen?

 

EINE FAMILIE am BE – Foto (c) Birgit Hupfeld

 

Dafür trägt Letts dick auf mit Untreue, Habgier, Verlogenheit, Notgeilheit, Inzucht, Rassismus etc. Das grenzt fast schon an eine griechische Tragödie. Nur ohne wirkliche Fallhöhe. Der exemplarische Verursacher bekommt einen netten Anfangsauftritt als älterer, in seine Bücherwelt zurückgezogener Herr und darf sich dann aus dem Dilemma durch mysteriöses Verschwinden mit anschließendem Suizid selbst herausexpedieren. Der alte Mann zitiert mit seinem Bonmot „Das Leben ist lang.“ aus T.S. Eliots „The Hollow Men“. Schöne versoffene Selbsterkenntnis oder besser noch elendiges Selbstmitleid. Dass das im Grunde schon am Anfang feststeht, nimmt dem Ganzen irgendwie die echte Pointe. Aber gut, einen Anlass muss der irre Familientanz ja haben. Aber was sagen uns verwahrloste Intellektuelle aus dem Mittelwesten, was wir nicht schon von Tschechows nutzloser Intelligenzija erfahren haben? Irgendwelche Zusammenhänge zur Ära Busch und Trump lassen sich sicher konstruieren. Vielleicht waren die da drüben bei Clinton und Obama grad mal weniger auf irgendwelchen Pillen drauf, oder auch auf anderen. Der Rassismus und die Misogynie sind aber keine Erfindungen der Ära Trump. Das Übel liegt bekanntlich sehr viel tiefer.

Well-made bleibt eben auch nur ein Label, was man diesen meist aus dem Englischen und Amerikanischen stammenden Stücken anklebt. Sie lassen sich mit entsprechendem Ensemble sehr gut fürs Publikum umsetzen. Was leider noch nicht viel über die inhaltliche Güte aussagt. Letts hat zwar eine sehr direkte, rotzige Sprache. Das macht ihn interessant. Mehr aber auch nicht. Diese Spitzen lassen sich leicht brechen. Es ist letztendlich doch nur ein Abklatsch von Altbewährtem. Die Vorbilder lassen sich mühelos erkennen. Letts hat auch eine Version der Drei Schwestern geschrieben. Da stellt er sich bestens in die Reihe von Tschechow- und Ibsen-Modernisierern wie u.a. Simon Stone.

Für eine „Cocktail-Party“ nach T.S. Eliot fehlt hier der unbekannte Gast zur Würze. Aber zumindest ist der Versuch der Umsetzung von Erkenntnissen aus Eliots Stück wie „Die Hölle, das sind wir selbst.“ oder „Man kommt an einen Punkt, wo jede Empfindung aufhört, und dann sagt man, was man denkt.“ erkennbar. Nur führt das zu keinem nennenswerten Erkenntnis-Mehrwert, außer dass es einen gewissen Unterhaltungswert hat. Wirklich etwas anfangen kann Oliver Reese mit dem Text aber nicht. Es bleibt gehobener Boulevard mit Star-Actricen, der auch noch mit Country-Music (wenn auch stark gesungen von Carina Zichner) und On-The-Road-Videobildern zugekleistert wird.

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Eine Frau – Mary Page Marlowe im BEFoto (c) Julian Röder

Von all dem weit entfernt und doch nicht sehr viel anders gestrickt ist das neue Stück von Tracy Letts, das Regisseur David Bösch nun am 9. November im Berliner Ensemble zur Deutschen Erstaufführung brachte. Bösch ist einer der sanften jungen Talente. Böse Überraschungen muss man bei ihm nicht fürchten. Der Plot von Eine Frau – Mary Page Marlowe ist ein Stationen-Karussell, das sich von der Kindheit jener Mary Page Marlow bis zu ihrem Tod in Jahren, Personen und Orten aufgereiht auf der großen BE-Drehbühne zwar nicht linear, sondern entsprechend den verschiedenen Lebensphasen dieser Frau mal vor- und mal zurückspringend bewegt.

Bettina Hoppe, Corinna Kirchhoff, Carina Zichner und Wilhelmina Mischorr bzw. Elisabeth Moell stellen diese Frau den Lebensaltern entsprechend wechselnd dar. Annika Meier, Arsseni Bultmann bzw. Barney Lubina, Luisa-Céline Gaffron, Bineta Hansen, Ruby Commey, Martin Rentzsch, Sascha Nathan übernehmen ebenfalls im Wechsel alle weiteren Rollen von Freundinnen und Kindern über Ehemännern und Liebhabern bis zu Therapeuten und Krankenschwestern. Was schon einiges über das aus ihrer eigenen Sicht doch eher unspektakuläre Leben der Mary Page Marlow aussagt. In elf Schlüsselszenen entfalten sich vor dem Auge des Betrachters frühe Jugendträume, erste Enttäuschungen, drei Ehen, Affären, Todesfälle und ein Autounfall infolge von Alkoholsucht.

Mary Page ist ungeliebtes Kind eines streitenden Paars. Als der Vater sich aus dem Staub gemacht hat, trinkt die Mutter und lästert über die Sangesambitionen ihrer Tochter. Später wird Mary Page selbst zur Flasche greifen und einen folgenschweren Autounfall unter Alkoholeinfluss verursachen, der sie schließlich ins Gefängnis bringt. Davor hat Letts eine junge Frau (Karina Zichner) mit Ambitionen gestellt, die in den 60th nicht den High-Schoolschwarm ehelicht, weil sie einfach nur sie selbst sein will, später aber nicht mehr so genau weiß, was das eigentlich bedeutet, oder warum sie ständig fremd geht. Ihrem Psychologen gesteht sie, dabei nicht sie selbst zu sein und klagt über ihre vorgefertigte Rolle als Frau. Die Alkoholikerin und gescheiterte Ehefrau, die ihren Kindern zwischen Coke und Fritten den plötzlichen Umzug nach Kentucky erklären muss, gibt Bettina Hoppe als Reminiszenz ihrer Rolle als Frau, die gegen Türen rannte. Als aus dem Knast entlassene Dame (Corinna Kirchhoff) fängt sie nochmal neu an, aber auch eine letzte selbstbestimmte Liebe findet nur eine kurze Erfüllung. Fast schon sentimental und sogar ein wenig altersweise blickt Mary Page auf ihr Leben zurück.

 

Eine Frau – Mary Page Marlowe im BE – Foto (c) Julian Röder

 

Regisseur Bösch tut eigentlich nicht viel dazu und verlässt sich bei dieser eher unspektakulären Inszenierung ganz auf das Können seines durchweg solide agierenden Ensembles. Gespielt wird der Soundtrack einer lebenslangen Suche nach Glück und Sinn des Lebens, das mit What a wonderful World beginnt, sich mit Give me a Ticket for an Aeroplane und Run away, turn away unstet dahinzieht und als Twist in my Sobriety endet. Ein nicht nur nüchtern verlebtes Leben im Vor- und Rücklauf.

Das ist an sich alles nicht uninteressant, allerdings sehen wir hier immer nur bestimmte Schlaglichter im Leben Mary Page Marlows aufblitzen, bis sich das Bühnenkarussell aus Diners, Motels, schäbigen Wohnungen und Krankenzimmern immer wieder unbeirrt weiter dreht. Und immer stellt sich dabei die Frage, nach einem selbst- oder unabänderlich vorbestimmten Leben. Persönlich gefärbte Erinnerung oder gestörte Selbstwahrnehmung – was ist wichtig im Leben eines Menschen? Letts schüttet Mary Pages Leben wie ein unfertiges Puzzle, bei dem einige Teile nicht passen wollen und andere wiederum unter den Tisch gefallen scheinen, vor uns aus. Letztendlich fügt es sich zwar nicht, wie von der Protagonisten gewünscht, aber doch ohne große Reue. Wenn man so will, ist auch das well-made.

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Eine Familie (BE, 15.10.2017)
von Tracy Letts
Aus dem Amerikanischen von Anna Opel
Regie: Oliver Reese
Bühne: Hansjörg Hartung
Kostüme: Elina Schnizler
Musik & Songs: Jörg Gollasch
Video: Meika Dresenkamp
Licht: Johan Delaere, Steffen Heinke
Dramaturgie: Michael Billenkamp
Live-Musik: Peer Neumann, Tim Roth, Radek Stawarz, Tilo Weber, Tomek Witiak
Besetzung:
Wolfgang Michael als Beverly Weston
Corinna Kirchhoff als Violet Weston
Constanze Becker als Barbara Fordham
Oliver Kraushaar als Bill Fordham
Carina Zichner als Jean Fordham
Bettina Hoppe als Ivy Weston
Franziska Junge als Karen Weston
Josefin Platt als Mattie Fae Aiken
Martin Rentzsch als Charlie Aiken
Sascha Nathan als Little Charles Aiken
Katrin Hauptmann als Johnna Monevata
Aljoscha Stadelmann als Sheriff Deon Gilbeau
Till Weinheimer als Steve Heidebrecht
Premiere im Berliner Ensemble war am 05.10.2017
Dauer: 3 Std 30 Min, 1 Pause
Termine: 30.12.2017

Eine Frau  (BE, 16.11.2017)
von Tracy Letts
Deutsch von Anna Opel
Regie: David Bösch
Bühne: Patrick Bannwart
Kostüme: Meentje Nielsen
Musik: Karsten Riedel
Dramaturgie: Sibylle Baschung
Mit: Corinna Kirchhoff, Bettina Hoppe, Carina Zichner, Wilhelmina Mischorr / Elisabeth Moell, Annika Meier, Arsseni Bultmann / Barney Lubina, Luisa-Céline Gaffron, Bineta Hansen, Ruby Commey, Martin Rentzsch, Sascha Nathan
Premiere war 09.11.2017 im Großen Haus des Berliner Ensembles
Termine: 24.11. / 04., 21., 22.12.2017

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/

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Drei Mal Leben und Sterben – ganz unterschiedliche Generationenkonflikte in drei Inszenierungen am DT und HAU Berlin

Sonntag, April 10th, 2011

Am 05.04.11 war im HAU 2 noch einmal das seit einem Jahr laufende und zum Theatertreffen 2011 eingeladene Stück „Testament“ der Performancegruppe „She She Pop“ zu sehen. Grund war die Verleihung des Friedrich-Luft-Preises der Berliner Morgenpost. Herzlichen Glückwunsch dem Team noch nachträglich zu dieser verdienten Ehrung. Anhand des Shakespeare-Dramas um den greisen „König Lear“ der seine Macht aufgibt, sein Reich an seine drei Töchter aufteilen will und an den ungeregelten Verhältnissen aller untereinander scheitert, verhandelt das Performerteam mit ihren Vätern den Generationenvertrag neu aus. Eine verspätete Vorbereitung zum Generationenwechsel nennt sich der Abend im Untertitel und weist damit schon darauf hin, dass man meist erst viel zu spät über das Altern der Elterngeneration und die damit auftretenden Probleme und Unannehmlichkeiten nachdenkt, auf die man nie so richtig vorbereitet scheint.
Zuerst stellen die mitwirkenden Performer (zwei Töchter und ein Sohn) ihre Väter vor, nur eine Tochter wollte ihren Vater lieber nicht auf der Bühne sehen. Die Väter nehmen dann auf Sesseln Platz, ihre Gesichter werden groß auf umrahmte Leinwände an die Bühnerückwand geworfen. Es sind Herren zwischen 60 und 70 Jahren aus dem gutsituierten Bildungsbürgertum meist schon im Ruhestand, durchaus theaterbegeistert aber kritisch gegenüber dem Performancegedanken der Töchter. In nachgespielten Probenausschnitten wird der Kampf um die Deutungshoheit dieses Theaterexperiments verdeutlicht. Streit bleibt nicht aus und die Väter drohen schon mal damit das Ganze platzen zu lassen. Das Ergebnis ist dennoch interessant anzusehen. An einem Flipchart werden erst mal verschieden Themen aufgeschrieben, die verhandelt werden sollen.
Der Text des Shakespearestücks läuft auf einer Leinwand mit und wird in Auszügen zu jedem Akt gelesen. So bleibt das Stück als Hintergrund und Aufhänger erhalten und wird mit heutigen Entsprechungen neu interpretiert. Zum Beispiel die Aufteilung des Reichs mit dem Anspruch der Kinder auf die Hinterlassenschaft der Väter. Was möchte man erben, auf was hat man ein Recht. Beispiele werden von den Töchtern aufgeführt. Ein Diagramm zeigt das Verhältnis von Liebe der Nachkommen proportional zur Abgabe des Vermögen der Eltern. Ist es besser alles sofort abzugeben oder sich die Liebe mit einer rationierten Werteabgabe dauerhaft zu sichern. Das ist natürlich ironisch gemeint, ernster wird es schon wenn noch Enkel ins Spiel kommen, sich die alleinstehenden Töchter dadurch benachteiligt fühlen und die Enkelstunden in einen monetären Ausgleich umrechnen. Das nächste Problem tritt zwangsläufig auf, wenn die Väter mit ihrem Tross „Ritter“ zu den Töchtern ziehen und diese nicht darauf vorbereite oder eingerichtet sind. Dies wird anhand der Bücher eines der Väter bildlich am Flipchart verdeutlicht. Aber es geht natürlich auch um lieb gewordenen Eigenheiten, die die Töchter natürlich ganz anders sehen und schließlich ist man bei der Würde der Väter angelangt, die sich darüber definiert im Alter noch gebraucht zu werden und auch vehement einfordert wird. Es geht darum gemeinsam Zeit zu verbringen, dem anderen aber trotzdem genügend Platz für sich zu lassen.
Ein Generationenkonflikt wäre aber kein Konflikt, wenn es nicht auch um verschiedene Interessen und Ansichten ginge, hier im speziellen die der politisch aktiven 68er-Generation zur heutigen, die das ewige Gerede von früher nur nervt. Es werden einige Vorurteile und Klischees ausgetauscht. Letztendlich gipfelt das dann im besagten Generationenwechsel, zu dem die Sturmszene im Lear genutzt wird. In einem gemeinsamen Ritual, werden den Vätern die Hemden ausgezogen und letzte Lieblingslieder gemeinsam gesungen. Dann treten die Töchter in die Stiefel ihrer Väter und nehmen auf den Sesseln Platz. Die nun hilfsbedürftigen Väter sind dem Schutz der Töchter anheim gegeben, das Pflegethema wird nun verhandelt. In einem Monolog spricht eine Tochter über den immer mehr verfallenden Körper des Vaters, den sie bis zum Tod begleitet. Die Tochter deren Vater nicht an der Performance teilnimmt, vergibt ihm in einem weiteren Monolog, dass er nie wirklich für sie da war und lieber für die Arbeit gelebt hat Es werden letzte Fragen gestellt, die natürlich nicht zur Gänze beantwortet werden, einer der Väter liegt dazu in einem Pappsarg. In einem schönen Schlussbild liegen die Väter und Töchter wie Lear und Cordelia im Tod vereint im Knäuel auf der Bühne.
Das mag alles sehr oberflächlich erscheinen, viele Themen können natürlich nur angerissen und skizziert werden. Die angestrengte Arbeit zu diesem Theaterstück ist auf der Bühne natürlich nicht komplett abzubilden. Es liegt hier am Zuschauer, das für ihn wichtige zu entnehmen und selbst mit seinen Eltern im gemeinsamen Dialog durchzuspielen. In der Laudatio zur Verleihung des Preises im Anschluss an die Vorstellung ist von einem „gleichermaßen mutigen wie berührenden Dokumentartheater-Abend“ die Rede, der ein großes Wagnis eingehe zu einer echten Begegnung über den Generationenkonflikt hinaus. Dem kann man durchaus zustimmen.

Ganz anders da das neue Stück „Die Ängstlichen und die Brutalen“ vom viel versprechenden und preisgekrönten Jungautor Nis Momme Stockmann, das am 07.04.11 an den Kammerspielen des DT aufgeführt wurde. Hier ist der Vater bereits tot und die Nachkommen stehen entgeistert vor den Überresten gelebten Lebens. Die Bühne läuft nach hinter schräg an, auf einem Sessel sitzt eine zur Seite gesunkene Puppe, eine kahle verdreckte Matratze, zwei Umzugskartons und ein Telefon, das sind die sparsamen Requisiten. Die Wände zieren Sprüche wie „Geduld braucht es für das Hineinwachsen eines Menschen in die Welt“. Das mutet wie Waldorfschulpsychologie an oder soll sehr existentialistisch klingen, ist aber doch nur pseudophilosophische Brühe. Es sind Zitate aus dem Stück und stehen auf vielen Zetteln, die in den Kisten auf der Bühne verborgen sind. Elaborate des verstorbenen Vaters, den seine beiden Söhne da auf dem Sessel finden, in seiner finalen Kacke.
„Kacke!“ ist dann auch das meist gebrauchte Wort zu Beginn des 90-minütigen Kammerspiels über die Unfähigkeit der beiden Brüder, mit dem plötzlichen Tod ihres Vaters klar zu kommen, den sie sichtlich nicht wirklich gekannt haben, noch bisher irgendein geartetes Interesse an dessen verflossenem Leben zeigten. Und so dreht sich all ihr Bestreben erst mal um die Suche nach einer Möglichkeit aus dieser absurden Situation wieder heraus zu kommen, die Schuld für die Situation beim Pflegdienst zu suchen oder sich gegenseitig in die Schuhe zu schieben. Mit der Klobürste muss Berg den Vater säubern, diese bleibt dann der Puppe im Hintern stecken, als sichtbares Zeichen, das in Würde Sterben in dieser Welt so nicht möglich ist.
So weit so gut, daraus ließe sich schon etwas machen. Aber Autor Stockmann will die ganz große Familientragödie bedienen und so haben beide Söhne jede Menge Mutti- und Vati-Komplexe und halten sich ihre verpfuschten Leben vor. Der ältere Eirik (Werner Wölbern) hat eine gescheiterte Ehe hinter sich, die er noch nicht überwunden hat und der etwas tollpatschig, unsicher wirkende jüngere Berg ist sichtlich nicht in der Lage eigene Entscheidungen zu treffen. So wird er auch von seinem großen Bruder tyrannisiert und rumgeschupst, das führt bis zu einem ersten Gewaltausbruch mit dem Abrasieren des Schurrbarts, da der zu sehr an den überpräsenten Vater erinnert. Berg revanchiert sich dann mit dem Geständnis mit Eiriks Frau geschlafen zu haben, nur um ihm etwas weg zu nehmen. Nachdem beide hinter den wahren Grund des Gestanks in der Wohnung des Vaters gekommen sind, es hebt sich die Bühnenrückwand und eine riesiger Berg Müll kommt zu Vorschein, eskaliert das Ganze zum verzweifelten Selbstreflektionsdrama und beide werfen sich ihre Ängste und psychotischen Traumsequenzen über Spinnen, Katzen, Mütter und Väter (Freud lässt grüßen) ungefiltert an den Kopf, unfähig zur wirklichen Kommunikation miteinander. „Hör auf, ich will das alles nicht hören.“
Beim verzweifelten Aufräumen fällt ihnen dann die Zettelsammlung des Vaters mit Gedichten und philosophischen Abhandlungen in die Hände. Das nimmt ihnen nun gänzlich die Fassung. „Hast du das gewusst?“ und „Ich fühl mich verarscht.“ sind die Reaktionen, was wunder, der Zuschauer fühlt dies mit zunehmendem Maße auch. Der junge Regisseur David Bösch deckt lieber den Mantel des Schweigens über den Inhalt der Zettelkisten, ein Zitat ist im Programmheft abgedruckt. Es scheint als wollte Bösche retten was zu retten ist, die beiden ehrlich bemühten Darsteller Werner Wölbern und Christoph Franken sind aber nicht mehr zu retten. Stockmann zieht seinen Figuren ohne ersichtlichen Grund, plötzlich den Boden unter den Füßen weg, sie straucheln und stürzen ziellos in der einsamen Gedankenwelt ihres Autors herum, aussichtslos der totalen Leere ausgeliefert. Schließlich erhebt sich der geknechtete Berg über seinen Bruder Eirik und erschlägt ihn nach einem weiteren Gewaltexzess im Müllberg. Einen Ausweg aus der Situation findet er nicht, gefangen in seiner Angst vor dem wahren Leben bricht er zusammen.
Das Stockmann die Seele der kleinbürgerlichen Familie feinfühlig sezieren kann, hat er in „Kein Schiff wird kommen“ bewiesen, hier zeigt er nur große Abgründe, aber ohne wirklich deren Tiefen auszuloten. Gähnende, nihilistische Leere beherrscht trotz der großen Müllberge die Bühne. Durch dieses Stück weht so tief der schwere Atem von Beckett, dass kein hochrangiger Regisseur mehr Lust verspüren wird, diese hohlen, ausgelutschten Signifikanten noch mit Leben zu füllen. Stockmann erliegt hier sichtlich selbst dem „Teufel Signifikant“, den er eigentlich anprangern wollte. Wenn die neue Form der Dramatik bedeutet, jegliche Relevanz zu verweigern, so ist das Stockmann hier bestens gelungen. Man kann sich die eigene Autorenschaft aber auch schön reden, nur wird Stockmann so irgendwann als Schaumschläger nicht als großer Dramatiker enden. Es ging ihm um das Anliegen des Autors, als Seele seiner Arbeit, dieses Stück ist aber leider seelenlos und ein Anliegen nirgends greifbar. Dem Markt wird es egal sein, Allgemeingültigkeit und Nachhaltigkeit sind mit diesen gesichtslosen Figuren allemal gegeben, die Frage ist nur, wie lange das Publikum das noch mitmacht.

Große Themen werden auch in der zweiten Premiere im Deutschen Theater am 08.04.11 verhandelt. In den Stücken „Leas Hochzeit“, „Heftgarn“ und „Simon“, erzählt die niederländische Autorin Judith Herzberg die Geschichte einer jüdischen Familie von 1972 bis 1998. Stephan Kimmig hat diese drei Teile nun zu einem 4 ½-stündigen Abend „Über Leben“ zusammengefügt. Judith Herzberg, Jahrgang 1934, ist Tochter von Holocaust-Überlebenden und hat von 1943-45 in wechselnden niederländischen Familie auf dem Lande gelebt. Ihre Erfahrungen dieser Zeit sind in dieses Werk mit eingeflossen.
Die Hauptperson Lea (Susanne Wolff) ist ebenfalls bei einem nichtjüdischen Ehepaar aufgewachsen und liebt die Pflegemutter Riet (großartig Christine Schorn), die ziemlich offen ihre Rechte einfordert und immer wieder für kuriose Einwürfe sorgt, genauso wie ihre leiblichen Eltern Ada (Almut Zilcher) und Simon (Christian Grashof). Im ersten Teil wird Leas dritte Hochzeit gefeiert, neben dem Bräutigam Nico (Daniel Hoevels) sind die früheren Männer Leas, die Exfrau von Nico sowie etliche Verwandte und Bekannte anwesend. Durch dieses weitverzweigte Gestrüpp der Verhältnisse muss man sich erst mal durchfinden, bis die Beziehungen der Figuren zueinander klar werden. Die Grundidee Herzbergs war, dass das Stück auf einem Balkon vor dem Hochzeitsaal stattfindet. Eine etwas boulevardeske Situation, Kimmig lässt hier die Protagonisten alle zusammen auf der Bühne stehen, die Figurengruppen im Gespräch treten immer wieder aus dem Kreis heraus und tanzen ansonsten zu Lateinamerikanischer Musik. Das wirkt etwas statisch, ist aber mit 1 Stunde recht kurz und reicht so zur Einführung aller Personen. Wir erfahren, das Nico immer noch in seine Ex Dory (Maren Eggert) verliebt ist und das diese einen Vaterkomplex hat, begründet dadurch ihn nie kennen gelernt zu haben, da er im Holocaust umgekommen ist. Sie versucht immer wieder Informationen aus Simon herauszubekommen. Das ist das eigentliche Problem des Stücks, dass nicht über dieses Thema gesprochen werden kann. Der einzige der immer wieder laut über seine tote Frau klagt ist der nichtjüdische Zwart (Markwart Müller-Elmau) Vater von Nico, der nun mit Duifje (Simone von Zglinicki) verheiratet ist und diese seine Stiefgattin nennt. Ada ist durch die Geschehnisse im Lager traumatisiert und will eine stationäre Therapie machen. Simon hält das für Untreue und droht sie zu verlassen. Er wird später ein Verhältnis mit Dory anfangen aus dem ein Sohn (Isaac) entsteht, der bei Simon und Lea aufwachsen wird, da Dory als Geigerin ständig auf Tour ist. Auch Leas dritte Ehe wird scheitern, Nico geht zu Dory zurück.
Komplizierte Zusammenhänge, die noch durch weitere Nebenpersonen wie Freunde von Nico und Lea komplettiert werden. Ihr erster Ex David bringt sich gleich bei ihrer Hochzeit mit Nico um und der zweite Mann Alexander (Peter Moltzen) ist mit einer Prostituierten verheiratet und zieht im 2. Teil „Heftgarn“ mit Frau und Kind in die Nähe von Ada und Simon, da er selbst ohne Eltern eine innige Beziehung zu Ada aufgebaut hat. Es dreht sich im Großen und Ganzen um die Menschen die fehlen und das schwierige Leben mit dieser Last überlebt zu haben. Eine ziemlich leergeräumte Bühne mit hohen Sperrholzwänden dreht sich und symbolisiert die vergehende Zeit. Dennoch ist dieses Stück nie schwermütig oder pathetisch. Der Text von Judith Herzberg besitzt eine große Ironie, die sich im 2. Teil nach und nach entfaltet, leiser Humor und die sparsame Bebilderung von Stephan Kimmig verhelfen diesem schweren Thema ohne jeglichen Einfühlungskitsch und Betroffenheitsgedusel zu seinem Recht. Von Rührseeligkeit keine Spur. Es wird geliebt, geboren und gestorben. Ada stirbt und auch Alexander und seine Frau kommen bei einem Autounfall ums Leben. Von außen dringt immer wieder nur ein Klempner in die abgeschlossnen Welt der Familie ein, die sich ganz um sich selbst dreht. Diese Figur steht aber nicht nur für einen schönen Running Gag im zweiten Teil, in dem Gerber mit Rohrzange mal von links und mal von rechts über die Bühne latschen darf und schönen, trockene Sätze abliefert, sondern für die Außenwelt, die ein echtes Interesse am Leben dieser Familie als ganz normale Menschen zeigt. Kluiters begleitet den Lebensweg der Figuren und ist selbst noch am Schluss als Stromableser da, wenn Simon schon alt und klapprig ist und ihn kaum noch wiedererkennt.
Im Zentrum des 3. Teils steht nun Simon, der nach dem Tod von Ada allein mit Lea im Haus der Familie lebt, das längst an Hans (Jörg Pose) den alten Freund von Nico verkauft ist, aber Simon kann wieder nicht mit seiner Tochter darüber sprechen. Hans hat seine Frau Pien (Meike Droste), die er auf der Hochzeit Leas kennen gelernt hat, mit sieben Kindern sitzen lassen und ist in Amerika zu Reichtum gelangt. Die Kinder sind nun selbst erwachsen und rebellieren gegen die ältere Generation wie Isaac (Paul Schröder), der nicht Stellvertreter für die vielen Toten des Holocaust sein will, fordern ihre Geschichte ein, wie Xandra (Claudia Eisinger), die im Waisenhaus aufgewachsene Tochter von Alexander oder lehnen ihre Väter ganz ab, wie Piens und Hans Sohn Chaim (Moritz Grove). Die Figuren stehen dazu dicht an der Rampe und artikulieren ihre Wut oder Resignation. Aber es wird auch noch mal träumerisch und die Toten Ada und Alexander nehmen die Hinterbliebenen noch mal an die Hand und bitten zu einem letzten Tänzchen. Am Sterbebett von Simon schließt sich der Kreis, alte Wunden zwischen Lea und Dory werden wieder aufgerissen oder man versucht sich zu versöhnen. Und der alte Fuchs Simon will und will nicht sterben. Ein Theaterabend mit großartigen Schauspielern, wie es lange keinen mehr am DT gab. Dank an das Team und an Stephan Kimmig, dass er diese Stücke von Judith Herzberg wieder ausgegraben hat und sich mit seiner Inszenierung alles in allem wohltuend zurückhält. Nach dem nihilistischen Debakel vom Vorabend in den Kammerspielen, ist das ein reines Fest fürs Leben, das auch den Blick auf den Tod, das Unfassbare sowie die Schwächen der Menschen und ihre Unfähigkeit damit umzugehen nicht ausspart.

Judith Herzberg und Stephan Kimmig im Gespräch   (tip Berlin)