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SCHUTT (Debris) – Mit Dennis Kellys Erstling gibt Marike Moiteaux ihr Regiedebut in der Box des Deutschen Theaters Berlin

Samstag, Februar 8th, 2014

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„Mein Sohn, Mein Sohn, warum hast du mich verlassen?“ sind die letzten Worte von Michaels Vater, der sich just am 16. Geburtstag des Jungen mittels einer selbstgebauten, perfid-perfektionierten Maschinerie in der eigenen Wohnung selbst ans Kreuz genagelt hat. In Dennis Kellys Erstling Schutt/Debris, das 2003 im Latchmere Theatre London uraufgeführt wurde und bereits ein Jahr später seine deutschsprachige Erstaufführung im Vestibül des Wiener Burgtheaters erlebte, wird diese Kreuzigung des Vaters am Beginn des Stücks durch den Sohn wortreich im Detail beschrieben. In teilweise recht poetischer Sprache erzählt dann auch noch Michaels Schwester Michelle die Story ihrer Geburt bei gleichzeitig dreifachem Tod der Mutter, die dabei wahlweise an einem Hühnerknochen erstickt, oder neben dem desinteressierten Vater beim gemeinschaftlichen Fernsehen einfach vom Sofa rutscht.

Dennis Kelly ist ein Meister des explizit bis versponnen Surrealen. Sein Theaterstück Schutt ist voll von sprachlichen Anspielungen und Metaphern. Dabei sind Worte für den Dramatiker nur Mittel um die verschüttete Gefühlswelt seiner meist aus der britischen Arbeiterklasse stammenden Protagonisten an die Oberfläche zu bringen. Mimisch und gestisch ist dem kaum noch etwas ergänzend hinzuzufügen. Deutschsprachige Umsetzungen scheitern da in schöner Regelmäßigkeit fast immer an den sprachlichen Eskapismen des 45jährigen englischen Dramatikers. Kelly ist mittlerweile eine eingeführte Größe und sichere Bank. Er gehört neben Sara Kane, Simon Stephens oder Enda Walsh zu den im deutschen Sprachraum meistgespielten britischen Theaterautoren. Besonders der DT-Regisseur Stephan Kimmig hat sich mit Inszenierungen dieser Autoren einen Namen gemacht.

Das Deutsche Theater in Berlin - Foto: St. B.

Das Deutsche Theater Berlin – Foto: St. B.

Nun versucht sich in der Box des Deutschen Theaters Regieneuling Marike Moiteaux an Kellys eigenwilliger sozialer Traumstudie um die Geschwister Michelle und Michael (in den Rollen Olivia Gräser und Thorsten Hierse). Schon die Bühne stellt dabei deutlich den Realismus gegen die Traumwelt der Geschwister. Auf der einen Seite ein angedeuteter Campingwagen als schäbige Behausung, auf der anderen ein großer, schräggestellter Pfeil als Auftrittsfläche für jede Menge Bühnenzauber. Der versoffene Vater verscherbelt die Geschwister nach dem Tod der Mutter an den schmierigen, pädophilen Onkel Arry, der die beiden wiederum an Mister Bodenschmeiß mit der Aussicht auf ein Leben jenseits von Pommes und Kleinkriminalität weiterreichen will. Was sich dabei in der Phantasie der Kinder abspielt, stellt Marike Moiteaux als Zaubernummer mit Zylinder, Bonbons und Gorilla-Maske dar.

Als Michael später ein Baby im Müll findet, es mit nach Hause bringt und ihm den Namen Schutt gibt, wandelt sich die anfängliche Konkurrenz der beiden Geschwister schließlich in eine Art familiäre Notgemeinschaft. Für die Beiden scheint die Kopie des von den Eltern vorgelebten Entwurfs ganz selbstverständlich, wie schon der seltsame Fund im Schutt oder die Unabdinglichkeit eines Fernsehers, den Michael auch sofort beschaffen geht. Der Traum von körperlicher Nähe und Geborgenheit ist natürlich zum Scheitern verurteilt. Für Dennis Kelly liegt nicht nur einiges im Argen, sondern eine ganze Welt in Trümmern. Gott hat die Welt und den Menschen aus lauter lange Weile erschaffen und sieht längst nicht mehr zu. Dem hat Marike Moiteaux außer ein wenig buntem Tand, Torten-Kostümen und ironischen Liedchen à la „In heaven, everything is fine“ nicht allzu viel hinzuzufügen.

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Schutt
von Dennis Kelly
in der Box des Deutschen Theaters Berlin
Deutsch von Johannes Schrettle

Regie: Marike Moiteaux
Bühne: Merle Vierck
Kostüme: Karin Rosemann
Musik: Jacob Suske
Dramaturgie: Malin Nagel
es spielen:
Michelle: Olivia Gräser
Michael: Thorsten Hierse
Premiere war am 30.01.2014
Dauer: ca. 75 Minuten, keine Pause
Weitere Termine: 09. / 22. Februar 2014

Informationen: https://www.deutschestheater.de/spielplan/schutt/

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„Liebe und Geld“ von Dennis Kelly, Thalia Theater Hamburg

Montag, Juni 21st, 2010

Eine Inszenierung von Stephan Kimmig zu Gast im Deutschen Theater Berlin

Eine Liebesgeschichte vom Ende zum Anfang hin zu erzählen ist nicht neu, im französischen Kinofilm 5×2 von François Ozon spielen Valeria Bruni Tedeschi und Stéphane Freiss ein Paar, dessen Geschichte rückwärts von der Scheidung, Krise über Kind, Hochzeit bis zur Begegnung beider erzählt wird. Die Episoden werden auch wie in der Inszenierung von Stephan Kimmig mit Musik von einander getrennt. Bei Kelly schafft es das Paar allerdings nicht zum Kind und die Scheidung fällt wegen frühzeitigem Tod der Frau aus, an der ihr Mann tatkräftig mithilft, indem er ihr zu ihrem Selbstmordversuch mit Schlaftabletten noch Wodka einflößt. Das ganze wird als Email-Roman mit seiner Geliebten im Detail ausgemalt. Schuld für die erkaltete Liebe ist das liebe Geld, das Jess mit vollen Händen rauswirft, weil sie an Kaufsucht leidet und David lieber ein neues Auto hätte. Die Möglichkeiten an Geld zu kommen sind schlecht, es müssen zusätzliche Jobs her. Als ihm das Gehalt als Lagerarbeiter anstatt Vertriebsmanager zu gering ist, bekommt David von seiner Chefin und Ex-Frau den Rat, lieber Blowjobs zu machen und die Fotos davon zu verkaufen.

Flankiert wird die Story des Paars von weiteren durch Geld und Liebe getriebenen Gestalten, die Grabsteine auf Jess Beerdigung schänden, um mal wieder den Kick zu kriegen, die glauben bei einer Story über Photosynthese ginge es nur um Kohle, weil das Zeug mit den Pflanzen ja so langweilig ist, oder sie sind einfach nur geil und kommen zu dem ergreifenden Schluss, dass das Leben Scheiße ist und man auch noch alt dabei wird. Wie oft soll einem so was eigentlich noch als große Dramatik verkauft werden? Hier die Spannung zu halten, die sonst nie aufgekommen wäre, gelingt Dennis Kelly tatsächlich nur damit, das man auf ein dickes Ende wartet. Zu banal und unwirklich sind die Figuren aus seinem Stück. Der Text soll hart und dreckig klingen, ist aber eher peinlich und unfreiwillig komisch.

Bei Stephan Kimmigs Inszenierung fragt man sich irgendwann, was ihn tatsächlich an den Figuren interessiert und warum Susanne Wolff als tote Jess ständig durch das Hamsterhäuschen turnen muss und auf dem Dach der Dinge harrt, die da kommen werden. Kimmig verbrennt hier gute Schauspieler für eine Brüllszene mit Mikroport, damit auch in der letzten Reihe alle mitkriegen, wie Scheiße es denen auf der Bühne geht, obwohl die Kiste fast mitten im Zuschauerraum steht.

Das dicke Ende zum Schluss ereilt uns dann endlich auch mit der Hochzeit und Jess darf rotweinselig einen Vortrag über Schwerkraft, das Universum und den Fisch (ach nein, das war von einem anderen Briten und wirklich witzig) halten und kommt, wer hätte das gedacht, zu der Erkenntnis, dass das ja alles gar nicht wichtig ist und nur die Liebe zählt. In der anschließenden Suche nach dem Glück treten dann erst die blöden Probleme mit dem Geld auf. Das ist biedere Küchenpsychologie und man versteht nachträglich wirklich nicht, was die Auswahljury zum Theatertreffen bewogen, hat dieses Stück samt uninspirierter Inszenierung einzuladen. Wahrscheinlich hat gerade noch ein Stück zum Thema Geld und der universellen Lösung Liebe gefehlt. Unglaublich, aber scheinbar wahr.