Archive for the ‘Dennis Kelly’ Category

„Krieg“ von Rainald Goetz und „Girls & Boys“ von Dennis Kelly – große und kleine Stücke der Stunde, inszeniert von Robert Borgmann und Lily Sykes am Berliner Ensemble

Sonntag, April 1st, 2018

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Krieg – Robert Borgmann inszeniert am großen Haus die textlich schwierigen Stücktrilogie und Mash-up der alten Bundesrepublik von Rainald Goetz an einem Abend

Krieg am BE – Foto (c) Julian Röder

Es war ein wenig ruhig geworden um den Theaterautor Rainald Goetz. Die Uraufführung seines letzten Stücks Jeff Koons liegt auch schon wieder 10 Jahre zurück. Die Abrechnung mit dem Hype im Kunstbetrieb bleibt wohl auch Goetz‘ bekanntester Theatertext. In Berlin ist er zuletzt 2004 am Deutschen Theater inszeniert worden. Ansonsten haben es Goetz-Texte hier nur noch in zwei Inszenierungen von Patrick Wengenroth geschafft. In Katarakt / Brief an Deutschland verknüpfte der Theaterironiker 2012 am HAU 2 Goetz‘ Monolog eines alten Mannes mit den Bild-Kolumnen des Boulevard-Journalisten Franz Josef Wagner und bereits 2010 integrierte Wengenroth in seiner HAU-Inszenierung von Karl Kraus‘ Mammut-Drama Die letzten Tage der Menschheit den Klagenfurter Bachmann-Preis-Text Subito, bei dessen Lesung sich der angehende Popliterat 1983 die Stirn mit einer Rasierklinge aufschlitzte. Drei Jahre später schrieb Rainald Goetz seine 1987 von Hans Hollmann am Schauspiel Bonn uraufgeführte Bühnentrilogie Krieg. Drei Stücke – Heiliger Krieg, Schlachten und Kolik – über die Bonner Republik, die sich damals in einer politischen Wende von Helmut Schmidts SPD zu Helmut Kohls CDU befand, an drei Abenden. Beim Berliner Theatertreffen wurde die Trilogie in einer Neun-Stunden-Marathonaufführung gezeigt. Den Mülheimer Dramatikerpreis gab es obendrein. 31 Jahre später und auch schon wieder über 25 Jahre nach der gesamtdeutschen Wende hin zu Kohl feiert nun das Berliner Ensemble die Premiere aller drei Stücke an einem Abend.

Aber was hat uns Goetz‘ popkulturelles Mash-up der alten Bundesrepublik in den Zeiten der neuen Berliner Republik noch zu sagen? In den drei Stücken treten Gestalten aus der deutschen Vergangenheit auf, alte und neue Nazis, Soldaten, die Terroristen des deutschen Herbstes, desillusionierte Revolutionäre, ein Chor junger hübscher Mädchen, Künstler und sogenannte mündige Bürger. Namen und Zitate verweisen auf Heidegger, Stockhausen, Stammheim, Harald Juhnke, Bubi Scholz oder Joseph Beuys. Im Großen und Ganzen ist Krieg aber auch eine einzige Textzernichtung. Gleichzeitig geht es um den unmöglichen Kampf, Sprache in körperliche Handlung umzusetzen. Der fast mathematisch genau rhythmisierte Text im Stakkato-Ton bietet im ersten Teil kaum Regieanweisungen nur Zwischenüberschriften wie Gliedern, Zerstückeln, Ordnen, The Texas Chainsaw Massacre oder Welcome To The Pleasure Dome. Der Mensch im Sprachgefängnis.

 

Krieg am BE – Foto (c) Julian Röder

 

Der 38jährige Regisseur Robert Borgmann formt aus dem ersten Teil Heiliger Krieg ein szenisches Panorama, das trotz stark eingekürztem Text einen ganz guten Einblick in das Stück bietet. Allerdings nimmt Borgmann auch weitestgehend den Beat aus Goetz‘ Text, vor allem in einigen der längeren Monologe. Einen ersten Kontrapunkt setzt der Regisseur aber bereits zu Beginn, an dem ein Junge die Projektion des Gemäldes Wanderer über dem Nebelmeer des Romantikers Caspar David Friedrich übermalt. Die große Wand aus Gipskartonplatten wird dann vom 7köpfigen Ensemble weiter mit roter Farbe bepinselt und schließlich mit Hammer, Händen und Füßen traktiert, bis sie in Einzelteilen zerschrotet am Boden liegt. Minutenlange Aktionskunst zu düsteren New-Wave-Klängen. Man isst Weintrauben, zermatscht sie, und ein goldbemalter Amor mit Pfeil und Bogen schreitet über die Bühne. Hier soll römischer Dekadenz und deutscher Romantik der Gar ausgemacht werden.

Was folgt ist ein Defilee des deutschen Kleinbürgertums mit Stahlhelmen, Netzhemden, Stiefeln und Bomberjacken. Ingo Hülsmann und Stefanie Reinsperger als Stockhausen und Stammheimer brüllen Parolen, predigen Bier und prosten sich zu. „Ach Harald“, „Mensch Bubi“, „Sprechen wir über die guten alten Zeiten.“ Aljoscha Stadelmann schimpft als telefonierender Heidegger über die „berufsnotorische Künstlerflausenidiotie“. Querschläger aufs userfeindliche Theater gibt es auch von Stefanie Reinsperger. Desillusionierte Erinnerungsmonologe von Veit Schubert als alt-68er Lehrer oder einen Abgesang auf Politik und Vernunft von Ingo Hülsmann als enttäuschter Künstler, Historiker, Revolutionär. Wieder Reinsperger ergeht sich nackt in wirrem Gebrabbel über die befreite Frau. Hass und wissenschaftlich verbrämte Ideologie, das ist auch heute noch durchaus aktuell.

 

Krieg am BE – Foto (c) Julian Röder

 

Kabarettistisch ist der Auftritt von Gerrit Jansen und Annika Meier in einer Joseph-Beuys-Parodie mit Trage und Filzdecke, der noch eine bildszenische Anspielung auf dessen Performance I like America and America likes Me folgt. Der Höhepunkt der ersten zwei Stunden vor der Pause ist mit Sicherheit beim stampfenden Monolog The Texas Chainsaw Massacre von Constanze Becker im Sado-Maso-Kostüm erreicht. Hier greift auch wieder der musikalische Beat von Rainald Goetz, zu dem ein sich drehendes, mit Neonröhren und großem Zeiger bestücktes Weltenrad von der Decke nach unten bewegt. Der Maschinen-Sound von Techno-Clubs mischt sich mit Beschreibungen eines presslufthämmernden Industrial-Konzerts und kulminiert in einem Theaterbrand bei dem Trockeneisnebel den Saal flutet. Borgmann erweist sich hier auch wieder als großer Bildkünstler.

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Nach der Pause verpufft das Bühnenfeuerwerk allerdings zu Gunsten eines recht konventionellen Familiendramas. Schlachten handelt von einem Schlachtenmaler, der mangels Kriegen seit dreißig Jahren kein Bild mehr gemalt hat und seine Frau und Töchter terrorisiert. Gerrit Jansen spielt ihn als fiebernden Patriarchen im Biedermeierfrack, der monologisierend über die Bühne wütet, Eheknast, weiberbedingten Genieverlust beklagt und die Nacht beschwört. Das übrige Ensemble spielt hier puppenhaft die Frauen in roter gesichtsloser Schwesterntracht. Nach einer Wut-Attacke gegen die Frauen mit einer zerbrochenen Flasche am Essenstisch liegt der Maler später im irren Delirium im Krankenbett und wird mit Medikamenten ruhig gestellt. Das zieht sich dann schon auch etwas hin.

Krieg am BE – Foto (c) Julian Röder

Die langsame Auslöschung eines Individuums beschreibt der Monolog Kolik im letzten Teil des Abends. Nachdem Heiliger Krieg in der Anlage und Sprache stark an österreichische Autoren wie Karl Kraus oder Werner Schwab und Schlachten an die sprachwütenden Künstlerdramen von Thomas Bernhard erinnert, ist Kolik wiederum sehr nah an Samuel Becketts Endzeitstücken. Aljoscha Stadelmann sitzt hier in clownesk zu großem Hemd und Hose auf einem Sessel in einer schmalen Kiste und monologisiert sich (bei Goetz immer wieder trinkend) langsam zu Tode. Der Redefluss wird hier immer wieder durch kurze Blacks unterbrochen. Auch das ist ein an der Sinnlosigkeit des Lebens, der Wissenschaft, Bildung, Kunst und vergehenden Zeit verzweifelnder rhythmisch aufgebauter Nonsenstext. „Delirium ad infinitum“ bis zur endgültig erlösenden Stille und Finsternis. Regisseur Borgmann gelingt im ersten Teil ein durchaus interessanter Versuch Goetz‘ sicher nicht für konventionelles Theater geeignete Sprache ästhetisch umzusetzen. Der zweite Teil zeigt deutlich die Grenzen dieses 4,5stündigen Unterfangens. Trotzdem ist der Besuch des Abends unbedingt lohnend.

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KRIEG (Berliner Ensemble, 26.03.2018)
Regie und Bühne: Robert Borgmann
Kostüme: Bettina Werner
Licht und Video: Carsten Rüger
Musik: Rashad Becker
Dramaturgie: Sabrina Zwach
Mit: Constanze Becker, Ingo Hülsmann, Gerrit Jansen, Annika Meier, Stefanie Reinsperger, Veit Schubert und Aljoscha Stadelmann
Premiere war am 17. März 2018.
Weitere Termine: 07., 13.04. / 17., 25.05.2018

Weitere Infos siehe auch: http://www.berliner-ensemble.de

Zuerst erschienen am 29. März 2018 auf Kultura-Extra.

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Girls & Boys von Dennis Kelly – Als Stück der Stunde und Kommentar zur Me-Too-Debatte annonciert, entpuppt sich die Inszenierung von Lily Sykes doch als etwas dünne Dramedy mit Stephanie Eidt in der Hauptrolle

Girls & Boys am Berliner Ensemble – Foto (c) Matthias Horn

Grandios, furios, umwerfend brillant – die Kritiker der Uraufführungsinszenierung von Girls & Boys, dem neuen Stück von Dennis Kelly, das im Februar am Royal Court Theatre in London mit Kino-Star Carey Mulligan in der Hauptrolle Premiere hatte, sind zumeist voll des Lobes. Der britische Dramatiker ist mit seinen nicht gerade einfachen Stücken wie Schutt, Liebe und Geld, Waisen oder DNA auch in Deutschland recht erfolgreich. Er behandelte darin bisher auf teilweise recht schockierende Weise zwischenmenschliche Störungen und familiäre Verwerfungen in der kapitalistischen Gesellschaft. Nun hat Oliver Reese, der ein besonderes Faible für neue Dramatik aus dem englischsprachigen Raum besitzt, die deutsche Erstaufführung des Stücks ans Berliner Ensemble geholt. Nach Die Frau, die gegen Türen rannte von Roddy Doyle wieder ein großer Bühnenmonolog, in dem eine vom Leben gebeutelte Frau ihre Biografie vor dem Publikum ausrollt.

„Ein Stück der Stunde“, ist im Programmheft zu lesen, sei Girls & Boys. Kleiner ist es wohl nicht mehr zu haben, wenn man damit seitens des Theaters einen Kommentar zur Me-Too-Debatte annoncieren will. Kelly hat das Stück allerdings bereits vor den Vorwürfen gegen Filmproduzent Harvey Weinstein geschrieben. Ein feministisches Stück von einem Mann, das den Wandel der Geschlechterrollen im 21. Jahrhundert thematisiert. Das trifft es wohl eher. Und dennoch ist dieser von Kelly mit sicherlich großem Idealismus und Herzblut verfasste Text wohl doch der erste Fehlgriff des in Sachen Well-Made-Play bisher so sicheren neuen Intendanten des Berliner Ensembles.

Mit Stephanie Eidt steht natürlich eine großartige, in Berlin nicht unbekannte Schauspielerin auf der Bühne des Kleines Hauses, die Jelena Nagorni mit einem Stahlgerüst ausgestattet hat, das mit Treppen, Fenster- und Türöffnungen das traute aber trügerische Heim der Protagonistin darstellen soll. Stephanie Eidt klettert während des ganzen Abends darin herum. Regisseurin Lily Sykes hat ihr mit dem Pianisten David Schwarz einen Mann am Klavier beigestellt, der für die musikalische Untermalung des Textes sorgt, dafür harmonische bis dissonante Töne beisteuert und zumeist eine Barversion des Nirvana-Songs All Appologies spielt. „Married / Buried“ heißt es darin. Das sagt schon alles über die von Stephanie Eidt geschilderte Beziehung zu einem Partner, der zuerst ein Traummann zu sein scheint und dann doch zum „Auslöscher“ einer ganzen Familie mutiert. Wie es dazu kommt, erzählt das Stück in etwa 100 Minuten, wobei der Text strikt bei der Sicht der Frau auf ihr Leben und die Beziehung bleibt. Ob es dabei etwas zu entschuldigen gibt, wird das Stück nicht klären können.

 

Girls & Boys am Berliner Ensemble – Foto (c) Matthias Horn

 

Stephanie Eidt stellt zunächst eine recht taffe junge Frau dar, die gegen eingefahrene Lebensbahnen rebelliert. Einer Phase mit Sex and Drugs folgt ein Selbsterfahrungstrip durch Europa, bei dem sie jenen Mann in der Warteschlange eines Easy-Jet-Schalters kennenlernt. Erst unsympathisch kann er schließlich doch durch eine gewissen Witz und Schlagfertigkeit Eindruck machen. Was folgt, ist eine Phase sehr intensiver, sogar irrsinnig genannter Liebe, die schließlich in eine Ehe mit Haus und zwei Kindern mündet. Beide finden zunächst Erfüllung in ihrer Arbeit. Sie setzt sich geschickt über ein Praktikum als Assistentin in ihrem Traumberuf als Dokumentarfilmproduzentin durch. Er baut ein Möbelgeschäft auf, scheitert aber, weil er die Zeichen der Zeit nicht erkennt und Pleite geht.

Das Stück ist durchzogen mit Anspielungen an Rollenbilder, die sich vage in der unterschiedlichen Auffassung vom Kinderkriegen oder in politischen Diskussionen zeigen. Im Job erlebt die Frau auch einmal einen sexistischen Annährungsversuch eines älteren Regisseurs. Letztendlich manifestiert sich das Männerbild aber in der kalten Abwendung des Ehemannes von seiner Frau und der Drohung, nachdem sie sich scheiden lassen will, dass er ihr die Kinder nicht überlassen wird. Aus einer zunächst perfekten Beziehung entwickelt sich über die Jahre fast unmerklich ein Albtraum. Kelly beschreibt das allerdings sehr langsam über das gesamte Stück. Ob aus reinen Suspense-Gründen oder um die dramatische und emotionale Fallhöhe über ein anfängliches Himmelhoch jauchzend bis zum finalen zu Tode betrübt sein zu definieren, bleibt das Geheimnis des Autors. Wir erleben es als furiosen Start einer Stand-up Comedian, die nicht vor knalligen und expliziten Worten zurückschreckt.

Später baut Kelly Zwischenepisoden ein, in der die Frau mit ihren imaginierten Kindern spricht und spielt. Es geht auch da ganz thesenhaft um Rollenbilder. Die Tochter ist der kreative Part, wogegen der Junge zu destruktivem Spielverhalten neigt. Der Mann ist hier nicht anwesend. Irgendeine Brechung oder Erklärung gibt es dazu nicht. Alles rollt auf das tragische Ende zu, das wohl von Euripides inspiriert ist, aber tatsächlich eine nicht seltene Art der männlichen Gewaltausübung darstellt, die hier bis ins Detail geschildert wird. Dafür muss schließlich sogar noch die Statistik herhalten. Es geht letztendlich um männlichen Kontrollverlust, Erfolgsneid und um die Angst dem angestammten Rollenbild nicht mehr entsprechen zu können. Das ist soziologisch untersucht und auch nicht von der Hand zu weisen. Diese Art von Mann einfach so aus dem Kopf einer Frau auslöschen zu können, wie es im Text heißt, wird ohne entsprechende Debatte kaum möglich sein. Das Stück ist allerdings zu dünn, um einen echten Beitrag dazu leisten zu können.

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Girls & Boys (BE, Kleines Haus, 12.03.2018)
Von Dennis Kelly
Deutsch von John Birke
Regie: Lily Sykes
Bühne/Kostüme: Jelena Nagorni
Komposition/Live-Musik: David Schwarz
Künstlerische Beratung: Clara Topic-Matutin
Mit: Stephanie Eidt
Premiere war am 10.03.2018 im Kleinen Haus des Berliner Ensembles
Dauer: ca. 1:40 h, keine Pause
Termine: 20., 21., 22.04. / 05., 06.2018

Infos: https://www.berliner-ensemble.de/

Zuerst erschienen am 14.03.2018 auf Kultura-Extra.

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SCHUTT (Debris) – Mit Dennis Kellys Erstling gibt Marike Moiteaux ihr Regiedebut in der Box des Deutschen Theaters Berlin

Samstag, Februar 8th, 2014

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„Mein Sohn, Mein Sohn, warum hast du mich verlassen?“ sind die letzten Worte von Michaels Vater, der sich just am 16. Geburtstag des Jungen mittels einer selbstgebauten, perfid-perfektionierten Maschinerie in der eigenen Wohnung selbst ans Kreuz genagelt hat. In Dennis Kellys Erstling Schutt/Debris, das 2003 im Latchmere Theatre London uraufgeführt wurde und bereits ein Jahr später seine deutschsprachige Erstaufführung im Vestibül des Wiener Burgtheaters erlebte, wird diese Kreuzigung des Vaters am Beginn des Stücks durch den Sohn wortreich im Detail beschrieben. In teilweise recht poetischer Sprache erzählt dann auch noch Michaels Schwester Michelle die Story ihrer Geburt bei gleichzeitig dreifachem Tod der Mutter, die dabei wahlweise an einem Hühnerknochen erstickt, oder neben dem desinteressierten Vater beim gemeinschaftlichen Fernsehen einfach vom Sofa rutscht.

Dennis Kelly ist ein Meister des explizit bis versponnen Surrealen. Sein Theaterstück Schutt ist voll von sprachlichen Anspielungen und Metaphern. Dabei sind Worte für den Dramatiker nur Mittel um die verschüttete Gefühlswelt seiner meist aus der britischen Arbeiterklasse stammenden Protagonisten an die Oberfläche zu bringen. Mimisch und gestisch ist dem kaum noch etwas ergänzend hinzuzufügen. Deutschsprachige Umsetzungen scheitern da in schöner Regelmäßigkeit fast immer an den sprachlichen Eskapismen des 45jährigen englischen Dramatikers. Kelly ist mittlerweile eine eingeführte Größe und sichere Bank. Er gehört neben Sara Kane, Simon Stephens oder Enda Walsh zu den im deutschen Sprachraum meistgespielten britischen Theaterautoren. Besonders der DT-Regisseur Stephan Kimmig hat sich mit Inszenierungen dieser Autoren einen Namen gemacht.

Das Deutsche Theater in Berlin - Foto: St. B.

Das Deutsche Theater Berlin – Foto: St. B.

Nun versucht sich in der Box des Deutschen Theaters Regieneuling Marike Moiteaux an Kellys eigenwilliger sozialer Traumstudie um die Geschwister Michelle und Michael (in den Rollen Olivia Gräser und Thorsten Hierse). Schon die Bühne stellt dabei deutlich den Realismus gegen die Traumwelt der Geschwister. Auf der einen Seite ein angedeuteter Campingwagen als schäbige Behausung, auf der anderen ein großer, schräggestellter Pfeil als Auftrittsfläche für jede Menge Bühnenzauber. Der versoffene Vater verscherbelt die Geschwister nach dem Tod der Mutter an den schmierigen, pädophilen Onkel Arry, der die beiden wiederum an Mister Bodenschmeiß mit der Aussicht auf ein Leben jenseits von Pommes und Kleinkriminalität weiterreichen will. Was sich dabei in der Phantasie der Kinder abspielt, stellt Marike Moiteaux als Zaubernummer mit Zylinder, Bonbons und Gorilla-Maske dar.

Als Michael später ein Baby im Müll findet, es mit nach Hause bringt und ihm den Namen Schutt gibt, wandelt sich die anfängliche Konkurrenz der beiden Geschwister schließlich in eine Art familiäre Notgemeinschaft. Für die Beiden scheint die Kopie des von den Eltern vorgelebten Entwurfs ganz selbstverständlich, wie schon der seltsame Fund im Schutt oder die Unabdinglichkeit eines Fernsehers, den Michael auch sofort beschaffen geht. Der Traum von körperlicher Nähe und Geborgenheit ist natürlich zum Scheitern verurteilt. Für Dennis Kelly liegt nicht nur einiges im Argen, sondern eine ganze Welt in Trümmern. Gott hat die Welt und den Menschen aus lauter lange Weile erschaffen und sieht längst nicht mehr zu. Dem hat Marike Moiteaux außer ein wenig buntem Tand, Torten-Kostümen und ironischen Liedchen à la „In heaven, everything is fine“ nicht allzu viel hinzuzufügen.

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Schutt
von Dennis Kelly
in der Box des Deutschen Theaters Berlin
Deutsch von Johannes Schrettle

Regie: Marike Moiteaux
Bühne: Merle Vierck
Kostüme: Karin Rosemann
Musik: Jacob Suske
Dramaturgie: Malin Nagel
es spielen:
Michelle: Olivia Gräser
Michael: Thorsten Hierse
Premiere war am 30.01.2014
Dauer: ca. 75 Minuten, keine Pause
Weitere Termine: 09. / 22. Februar 2014

Informationen: https://www.deutschestheater.de/spielplan/schutt/

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„Liebe und Geld“ von Dennis Kelly, Thalia Theater Hamburg

Montag, Juni 21st, 2010

Eine Inszenierung von Stephan Kimmig zu Gast im Deutschen Theater Berlin

Eine Liebesgeschichte vom Ende zum Anfang hin zu erzählen ist nicht neu, im französischen Kinofilm 5×2 von François Ozon spielen Valeria Bruni Tedeschi und Stéphane Freiss ein Paar, dessen Geschichte rückwärts von der Scheidung, Krise über Kind, Hochzeit bis zur Begegnung beider erzählt wird. Die Episoden werden auch wie in der Inszenierung von Stephan Kimmig mit Musik von einander getrennt. Bei Kelly schafft es das Paar allerdings nicht zum Kind und die Scheidung fällt wegen frühzeitigem Tod der Frau aus, an der ihr Mann tatkräftig mithilft, indem er ihr zu ihrem Selbstmordversuch mit Schlaftabletten noch Wodka einflößt. Das ganze wird als Email-Roman mit seiner Geliebten im Detail ausgemalt. Schuld für die erkaltete Liebe ist das liebe Geld, das Jess mit vollen Händen rauswirft, weil sie an Kaufsucht leidet und David lieber ein neues Auto hätte. Die Möglichkeiten an Geld zu kommen sind schlecht, es müssen zusätzliche Jobs her. Als ihm das Gehalt als Lagerarbeiter anstatt Vertriebsmanager zu gering ist, bekommt David von seiner Chefin und Ex-Frau den Rat, lieber Blowjobs zu machen und die Fotos davon zu verkaufen.

Flankiert wird die Story des Paars von weiteren durch Geld und Liebe getriebenen Gestalten, die Grabsteine auf Jess Beerdigung schänden, um mal wieder den Kick zu kriegen, die glauben bei einer Story über Photosynthese ginge es nur um Kohle, weil das Zeug mit den Pflanzen ja so langweilig ist, oder sie sind einfach nur geil und kommen zu dem ergreifenden Schluss, dass das Leben Scheiße ist und man auch noch alt dabei wird. Wie oft soll einem so was eigentlich noch als große Dramatik verkauft werden? Hier die Spannung zu halten, die sonst nie aufgekommen wäre, gelingt Dennis Kelly tatsächlich nur damit, das man auf ein dickes Ende wartet. Zu banal und unwirklich sind die Figuren aus seinem Stück. Der Text soll hart und dreckig klingen, ist aber eher peinlich und unfreiwillig komisch.

Bei Stephan Kimmigs Inszenierung fragt man sich irgendwann, was ihn tatsächlich an den Figuren interessiert und warum Susanne Wolff als tote Jess ständig durch das Hamsterhäuschen turnen muss und auf dem Dach der Dinge harrt, die da kommen werden. Kimmig verbrennt hier gute Schauspieler für eine Brüllszene mit Mikroport, damit auch in der letzten Reihe alle mitkriegen, wie Scheiße es denen auf der Bühne geht, obwohl die Kiste fast mitten im Zuschauerraum steht.

Das dicke Ende zum Schluss ereilt uns dann endlich auch mit der Hochzeit und Jess darf rotweinselig einen Vortrag über Schwerkraft, das Universum und den Fisch (ach nein, das war von einem anderen Briten und wirklich witzig) halten und kommt, wer hätte das gedacht, zu der Erkenntnis, dass das ja alles gar nicht wichtig ist und nur die Liebe zählt. In der anschließenden Suche nach dem Glück treten dann erst die blöden Probleme mit dem Geld auf. Das ist biedere Küchenpsychologie und man versteht nachträglich wirklich nicht, was die Auswahljury zum Theatertreffen bewogen, hat dieses Stück samt uninspirierter Inszenierung einzuladen. Wahrscheinlich hat gerade noch ein Stück zum Thema Geld und der universellen Lösung Liebe gefehlt. Unglaublich, aber scheinbar wahr.