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„Vater“ von Dietrich Brüggemann und „Versetzung“ von Thomas Melle – Das Deutsche Theater Berlin mit neuer Dramatik in den Nebenspielstätten

Mittwoch, November 29th, 2017

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Krankenzimmer / Vater / Sohn – In der Box des Deutschen Theaters inszeniert Filmemacher Dietrich Brüggemann seinen Bühnenerstling Vater als Monolog eines Sohns in der Krise

Foto (c) Arno Declair

Der deutsche Filmemacher Dietrich Brüggemann – bekannt durch Kinofilme wie das auf der Berlinale preisgekrönte Stationendrama Kreuzweg, die Nazisatire Heil oder die Beziehungskomödie 3 Zimmer/Küche/Bad – hat sein erstes Theaterstück geschrieben und gleich selbst in der Box des Deutschen Theaters zur Uraufführung gebracht. Es heißt kurz Vater und ist der Monolog eines Sohns am Bett des sterbenden Vaters. Das klingt recht existenzialistisch schwer, ist es aber nicht wirklich, hat Brüggemann doch ein recht gutes Gespür für Humor und Ironie. An Monologen für die Bühne mangelt es derzeit nicht. Lebensbeichten sind da besonders beliebt, und im Grunde ist Vater nichts anderes als eine in den Zeiten vor- und rückspringender Bilanz des Sohns über sein bisheriges Leben und das Hadern mit verpassten Gelegenheiten und falschen Entscheidungen, die er maßgeblich auf die Figur seines Vaters zurückführt, der nicht nur ständig in seinem Kopf spukt, sondern bleischwer in ihm steckt und ihn im wahrsten Sinne des Wortes blockiert und hemmt.

Den Sohn Michael, einen Mann Mitte Dreißig, gibt der DT-Schauspieler Alexander Khuon, der bereits in Brüggemanns Film 3 Zimmer/Küche/Bad die Rolle eines zwischen zwei Frauen schwankenden jungen Mannes gleichen Namens spielte. Wenn man so will eine Vertiefung des Stoffs auf der Theaterbühne. Gerade hat Nina, eine neue Flamme Michaels, per SMS mit ihm Schluss gemacht. Und während er mit einer Antwort noch hadert, sprudelt plötzlich seine ganze bisherige Misere aus ihm heraus. Ein traumatisches Kindheitserlebnis wird sicher jeder Sohn (aber auch so manche Tochter) mit dem Vater in Verbindung bringen. Die Weltliteratur ist voll von klagenden Briefen an den Vater. Viel Neues kann man darüber kaum noch erfahren. Bei Michael ist es die Missachtung der Leidenschaft des 5jährigen Sohns für den Schlagersänger Heino durch den schreienden Vater, der ihm nun immer wieder groß und höhnisch lachend am Horizont erscheinen wird. Sei es nun beim Treffen mit Katja im Restaurant oder mit Desiree allein am Ostseestrand. Aber Brüggemann lässt seinen Michael nicht in Verzweiflung und Selbstmitleid versinken.

Mit viel Selbstironie und fast schon kabarettistischem Spaß spielt Alexander Khuon den jungen Orientierungslosen in der Krise seiner Männlichkeit und verkörpert selbst die Frauen, die er vergebens anhimmelte oder mit denen er kurze, erfolglose Beziehungen führte, sowie alle weiteren Personen, die sein Leben streiften. Und das macht Khuon auf sehr anschauliche Weise. In Mimik und Gestik springt er in immer neue Charaktere wie die unerreichbare Desiree, seine Dauerfreundin Katja, die vom Vater kleingemachte und verlassene Mutter oder die Tanten, die von den weiteren Frauengeschichten ihres Bruders berichten, wie etwa eine frustrierte, vom Vater wieder abgelegte Stiefmutter. Zur Illustration seiner Erzählung knippst Khuon immer wieder Lichtkästen mit Röntgenbildern von Schädeln und Körpern der Personen an. Eine Tiefendurchleuchtung auf der Suche nach sich selbst.

 

Foto (c) Arno Declair

 

Viel wird über Frauen- und Männerbilder geredet und warum es bei einigen eben nie klappt. Als Referenzperson dient Michael da aber nicht nur sein ansonsten komatös im Bett liegender Über-Vater (hier in stummer Rolle Michael Gerber), von dessen wachsendem Tumor er träumt, sondern Über-Kumpel Sven, der für alle Probleme immer eine gute Erklärung parat hat. Mit „Sven sagt…“ beginnen diese gönnerhaften Lehrstunden in Sachen Frauen. Eine davon ist die von den Schafen und den Hunden. Wobei die Frauen natürlich nur auf die Hunde stehen. Eine andere handelt von der zweiten Wahl, die wohl auch die Grundlage der gescheiterten Ehe von Michaels Eltern war. Eine ernüchternde Absage an die große Liebe. Aber das Autor-Ego Michael philosophiert auch noch über das Problem der ersten und zweiten Geige als Ausdruck männlicher Dominanz, und die scheint hier vererbbar.

Die Selbstbefreiung vollzieht sich aber gerade in der Bewusstmachung dessen, dass man wohl zeitlebens nicht von seinem Vater loskommen wird. Und wie um das zu beweisen, irrlichtert dann plötzlich der bis dahin regungslos im Bett Liegende durch das Krankenzimmer auf der Suche nach seinem Erzeuger. Auch für Michaels Vater war das Wort des Vaters immer Gesetz. Ein wohl niemals endendes Trauma erfährt nun doch auch Michael per SMS von künftigen Vaterfreuden.

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VATER (Box, 25.11.2017)
Text / Regie: Dietrich Brüggemann
Bühne / Kostüme: Janja Valjarevic
Dramaturgie: Joshua Wicke
Mit: Michael Gerber und Alexander Khuon
Uraufführung am Deutschen Theater Berlin: 11. November 2017
Weitere Termine: 06., 16., 28.12.2017

Weitere Infos siehe auch: http://www.deutschestheater.de

Zuerst erschienen am 27.11.2017 auf Kultura-Extra.

Vater am DT Berlin – Foto (c) Arno Declair

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Macken wohin man sieht – Mit Versetzung inszeniert Brit Bartkowiak an den Kammerspielen des DT Thomas Melles Stück über einen Lehrer mit bipolarer Störung

Foto (c) Arno Declair

Mit seinem als Auftragswerk für das Deutsche Theater entstanden Stück Versetzung überführt der Schriftsteller und Dramatiker Thomas Melle seinen autobiografischen Prosatext Die Welt im Rücken (von Jan Bosse am Burgtheater Wien als Solo für Joachim Meyerhoff inszeniert) in eine fiktionale Dramenform. Es geht darin um den sehr engagierten Lehrer Ronald, der wie Melle an einer bipolaren Störung leidet. Allerdings gibt es in diesem explizit für die Bühne geschriebenen Text wie auch schon in Melles Stück Bilder von uns viele monologische Passagen in reinster, recht eindrucksstarker Prosa.

In der Inszenierung von Brit Bartkowiak, die bereits einige Bühnentexte von Melle aufgeführt hat, nehmen diese Passagen dann auch einen ganz besonderen Stellenwert ein. Sie sind zur charakterlichen und psychologischen Einordung der Figuren in Bezug zur Hauptperson auch eminent wichtig. Die Regisseurin lässt ihre DarstellerInnen dabei jedes Mal entsprechend deutlich aus der Spielsituation aussteigen. Eröffnet wird der Abend allerdings mit einer Art Unterrichtsstunde, bei der Lehrer Ronald vor dem Eisernen Vorhang versucht seinen Schülern etwas über die psychologische Wirkungsweise von Wörtern und Beschimpfungen, im Speziellen des neuerdings verwendeten Schimpfworts „Opfer“ zu vermitteln. Hauptdarsteller Daniel Hoevels hält hier einen glühenden Vortrag zum Thema Diskurs als Mittel zur Konsensfindung sowie Herausbildung sozialer Regeln und Normen.

„Worte sind Taten.“,  erklärt Ronald seine Schülerschaft, die mit der Frontalanrede ans Publikum klar definiert ist, und bekennt sich dazu, immer lieber das Opfer als der Täter sein zu wollen. Auch das eine durchaus wichtige Einführung, da es im folgenden Drama auch genau darum geht, wie einem Menschen die Deutungshoheit über Gesagtes immer mehr entgleiten kann und ihm daraus gewonnene Vorurteile, sowie Neid und Hass der anderen schließlich zum Verhängnis werden. Eingeführt wird der Lehrer Ronald als integre Person, die von den Schülern verehrt, von den Kollegen geachtet und schließlich vom Direktor wegen seiner nachgewiesen Kompetenz und Charakterstärke zu seinem Nachfolger erkoren wird. Symbolisch überreicht hier der etwas überspannte Rektor Schütz (Helmut Mooshammer) Ronald die Fischfutterdose seines übergroßen Aquariums als Vermächtnis.

 

Foto (c) Arno Declair

 

Bartkowiak versucht hier den zugegebener Maßen etwas zu pathetisch geratenen Text Melles immer wieder durch fein ironisches Spiel aufzulockern. So geraten etwa auch die Dialoge zwischen Ronald und seiner Frau Kathleen (Anja Schneider) etwas aus dem Ruder. Erst freut man sich euphorisch über den kommenden Nachwuchs und dann geht die Beziehung dramatisch in Brüche, als Roland die verschwiegene Vergangenheit seiner Krankheitsgeschichte wieder einholt. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt ist der volkstümliche Begriff zur Erklärung von Ronalds bipolaren Schüben, wie es Rektor Schütz im klärenden Gespräch vor den besorgten aber auch lauernden Kollegen (Judith Hofmann, Christoph Franken) so dahinsagt. Etwas krasser formuliert es der Betroffene selbst.

Der sich zur Erklärung Genötigte kann dem Lehrerzimmerklatsch und den böswilligen Nachreden des Elternsprechers Lars Mollenhauer (Michael Goldberg) und Manu Cordsen (Birgit Unterweger), einer rachsüchtigen Verflossenen Ronalds, bald nichts mehr entgegensetzen. Der eine geriert sich als militanter Impfgegner und Verschwörungstheoretiker, die andere spielt den Männer verschlingenden Vamp. Beide sind sie Eltern von Leon (Caner Sunar), einem Einzelgänger und Computerspielfreak und der Klassenbesten Sarah (Linn Reusse), die sich gegenseitig beharken, bis der Jungen trotz der Versuche Ronalds, positiv auf ihn einzuwirken, explodiert und gewalttätig wird. Das ist bisweilen nah am Klischee gebaut, soll aber den allgemeinen sozialen und gesellschaftlichen Wahn nicht nur im Schulalltag verdeutlichen. Die Sprache als Vermittler von Wahrheit versagt hier nicht nur bei Ronald.

Der Lehrer verhört sich immer wieder als Zeichen eines beginnenden psychotischen Schubs. Man kann sich das natürlich auch als Divergenz von Gesagtem zu Gedachtem vorstellen. Die Lage samt quadratischer Bühnenplattform kippt schließlich. Von Kippfiguren spricht auch einmal Ronald, der psychisch zusammenbricht, beginnt in Versen zu reden, bis er ganz ausflippt und von den Kollegen ans Aquarium gefesselt wird. Das Ganze ist als dramatische Krankengeschichte recht ergreifend, funktioniert allerdings auch gut als soziale Parabel, was die Inszenierung anstelle eines kollektiven Chors am Ende etwas deutlicher hätte ausführen können. Der bipolare Ronald wird zum Opfer einer Gesellschaft, die keine Abweichungen von der Norm duldet, obwohl hier jeder sein eigenes stilles tiefenpsychologisches Trauma oder Steckenpferd hat und nicht ganz ohne Macken ist.

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Versetzung (DT-Kammerspiele, 23.11.2017)
von Thomas Melle
Regie: Brit Bartkowiak
Bühne: Johanna Pfau
Kostüme: Carolin Schogs
Musik / Sounddesign: Joe Masi
Chor-Einstudierung: Bernd Freytag
Dramaturgie: David Heiligers
Mit: Daniel Hoevels, Anja Schneider, Helmut Mooshammer, Judith Hofmann, Christoph Franken, Linn Reusse, Caner Sunar, Birgit Unterweger, Michael Goldberg
Uraufführung am 17.11.2017 in den Kammerspielen des Deutschen Theaters
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
Termine: 04., 14., 26.12.2017

Infos: http://www.deutschestheater.de

Zuerst erschienen am 24.11.2017 auf Kultura-Extra.

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