Archive for the ‘Dominic Friedel’ Category

„Europa“ von Soeren Voima und „Europa verteidigen“ von Konstantin Küspert – Stücke über den Zustand des Kontinents Europas in Potsdam und Senftenberg

Dienstag, April 10th, 2018

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Europa  – Potsdams Noch-Intendant Tobias Wellemeyer inszeniert die ironisch warnende Antiken-Überarbeitung des Autorenkollektivs Soeren Voima als gediegenes Stadttheater

 

Europa am Hans Otto Theater Potsdam – Foto (c) HL Böhme

Tobias Wellemeyer, noch Intendant des Hans Otto Theaters Potsdam, denkt sicher schon ans große Abschiednehmen. Bevor er es jedoch im Mai noch mal mit Shakespeare stürmisch auf der großen Bühne zugehen lassen will, musste Wellemeyer für den Regisseur Christian Weise einspringen und das Stück Europa, ein Antiken-Digest des Autorenkollektivs Soeren Voima inszenieren. Für Voima-Spezi Weise wäre dieser Zusammenschnitt aus drei Tragödien nach Sophokles und Euripides wohl auch eher ein großer Spaß gewesen. Man kennt seine ironisch überbordenden Regiearbeiten aus dem Maxim Gorki Theater und dem Ballhaus Ost in Berlin. Tobias Wellemeyer kann sich hier aber nicht so recht zwischen Tragödie und Komödie entscheiden und macht auf gediegenes Stadttheater.

Europa wurde 2000 im Theater am Turm (TAT) in Frankfurter a.M. uraufgeführt. Hinter dem Autorenpseudonym Soeren Voima verbargen sich damals u.a. der Uraufführungsregisseur Robert Schuster, sein Kollege Tom Kühnel und der Schauspieler und Autor Christian Tschirner, der mittlerweile allein weitermacht. Gemeinsam wollte man ab 1999 das traditionsreiche TAT (u.a. inszenierten hier Claus Peymann und Rainer Werner Fassbinder) reformieren. Ein Versuch, der nach drei Spielzeiten beendet war. Seit der Flüchtlingskrise europat es wieder gewaltig auf deutschen Bühnen, und selbst Ersan Mondtag hatte Textteile des Voima-Stücks für seine Inszenierung von Ödipus und Antigone am Maxim Gorki Theater verwendet. Und auch in Potsdam geht es dann zunächst um Sophokles‘ Tragödie von König Ödipus, der ohne Wissen seinen Vater Laios tötete, das Rätsel der Sphinx von Theben löste und seine Mutter, die Königin Iokaste ehelichte.

Auch Ödipus-Tochter Antigone kommt im Stück vor, allerdings mehr als Randfigur im zweiten Teil, den Phönizierinnen von Euripides, der den Kampf der beiden Ödipus-Söhne Eteokles und Polynikes um den Thron von Theben behandelt. Eine weitaus größere Rolle als Antigone, die sich nach dem Zweikampf ihrer Brüder gegen den Befehl Kreons widersetzt und den Theben-Feind Polynikes begraben will, spielt aber die zweite Ödipus-Tochter Ismene, die hier eine vermittelnde, zukunftsgewandte Rolle an der Seite ihres blinden, von Kreon aus Theben verbannten Vaters im letzten Teil Ödipus auf Kolonos von Sophokles übernimmt. Das ist zwar so nicht ganz korrekt, da dieser Teil zeitlich eigentlich zwischen den ersten beiden steht. Für das Stück Europa stellt der heilige Eumenidenhain vor den Toren des demokratisch regierten Athens allerdings das erlösende Ideal gegenüber einem sich in Kriegen vernichtenden Theben als Sinnbild für Europa dar.

 

Europa am Hans Otto Theater Potsdam – Foto (c) HL Böhme

 

Soweit gut und schön gedacht. Allerdings dekliniert der erste Teil des Abends trotz Kürzungen die allbekannte Ödipus-Tragödie in fast ermüdender Weise durch. Theben ist hier eine moderne Schaltzentrale der Macht, ein sogenanntes „Silikon Theben“. René Schwittay sitzt als Konzernchef Ödipus am Schreibtisch. Hinter einer Glaswand sieht man einen blinkenden Schaltkreis, und die Bürger Thebens laufen in weißen Kitteln aufgeregt hin und her. Irgendein Fehler steckt im System. Gemeint ist der Fluch der Pest, der über der Stadt liegt. Der Mörder des Königs Laios muss laut Orakelspruch von Delphi gefunden werden. Dass es Ödipus selbst ist, wird erst nach und nach klar. Christoph Hohmann tritt hier in Pennerkluft erst prophezeiend als blinder Seher Teiresias und dann als Licht ins Dunkel bringender Hirte auf. Danach gibt es Großalarm, das System stürzt ab und alle schleppen kaputte Computerteile und verknäulte Kabelreste aus der zerstörten Leitzentrale.

Vor der Pause wird noch ein bisschen Krieg gespielt. Die Thebaner tragen nun Militärmäntel und bereiten sich auf den Ansturm der von Polynikes angeführten sieben Barbarenstämme vor. Frédéric Brossier tritt als drohender Samurai mit Talibanbart auf, und Florian Schmidtkes Eteokles verkündet heroisch das Verdikt, nach seinem Tod den Feind der Stadt nicht zu begraben, und bestimmt Kreons Sohn Haimon (Friedemann Eckert) zum Bräutigam seiner Schwester Antigone (Claudia Renner). Bevor er nach der Pause die Macht an sich reißen kann, wird Kreon (Bernd Geiling) aber noch gemäß Weissagung seinen jüngsten Sohn Menoikeus (wieder Friedemann Eckert) für den Sieg verlieren. Als Französisch singende phönizische Klageweiber in Schwesterntracht sehen wir noch Rita Feldmeier, Denia Nironen und Sabine Scholze.

Sehr viel kann hier im Wüten der Männer die besänftigende Ismene nicht ausrichten. Auch später als Ödipus-Begleiterin bleibt Franziska Melzer eher blass. Warum das alles mit einem fast heiligen Ernst, der immer wieder unfreiwillig komisch wirkt, und das vielleicht in ein paar Szenen auch soll, gespielt werden muss, bleibt unklar. Dafür haben Soeren Voima aber in ihr Stück einen erklärenden Erzähler eingebaut. Jan Kersjes gibt ihn als Kadmos, Bruder der phönizischen Königstochter Europa, der auf der Suche nach seiner von Zeus als Stier entführten Schwester vom heutigen Libanon bis nach Griechenland gekommen ist und dort gemäß des Orakelspruchs aus Delphi die Stadt Theben gründete. Aus den ausgesähten Zähnen eines von ihm getöteten Drachens erwuchsen sich bekriegende Männer. Nun ist der weitgereiste Kadmos Wachmann in Theben und später Rechtsanwalt in Athen.

Jan Kersjes unterbricht im ironischen Umgangston immer wieder die sonst im hohen Verston gesprochene Handlung und führt den Fluch der Zerstörung auf die von Gottvater Zeus verübte Untat zurück. Dazu kommt die Hybris der führenden Männer Thebens. Ein vorprogrammierter Zivilisationscrash. Wissenschaft und Fortschritt versinken im alles vernichtenden Krieg. Das moderne Theben sind wir, will uns das Stück sagen. Dem stellt Regisseur Wellemeyer im letzten Teil die heilige Halle eines Kulturtempels entgegen. Ein Museumssaal mit antiken Skulpturen und dem Gemälde Raub der Europa von Max Beckmann (wohl als Reminiszenz an die Potsdamer Beckmann-Ausstellung im Museum Barbarini), in dem der blinde Ödipus erstmal einen Vase vom Sockel haut. Athen ist zudem eine Stadt der Frauen. Rita Feldmeier, zuvor noch Iokaste, ist nun König Theseus und regiert Athen mit ihren adretten Museumswärterinnen, die dem tollpatschigen Mann, der darum bittet, hier sterben zu können, eine von ihm umklammerte Statue entreißen. Nicht ganz unwitzig kann das den ansonsten eher schwachen fast dreistündigen Theaterabend allerdings auch nicht mehr retten.

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Europa
Von Soeren Voima
Nach Sophokles und Euripides
Regie: Tobias Wellemeyer
Bühne: Matthias Müller
Kostüme: Ines Burisch
Dramaturgie: Christopher Hanf
Musik: Marc Eisenschink
Theaterpädagogik: Kerstin Kusch
Besetzung:
Kadmos, Erzähler: Jan Kersjes
König Ödipus: René Schwittay
Iokaste / Theseus: Rita Feldmeier
Ismene: Franziska Melzer
Kreon: Bernd Geiling
Teiresias, Hirte: Christoph Hohmann
Antigone / 1. Aufsichtshabende: Claudia Renner
Eteokles: Florian Schmidtke
Polynikes: Frédéric Brossier
Menoikeus / Haimon: Friedemann Eckert
Die Zuständige: Denia Nironen
Frau aus Korinth / 2. Aufsichtshabende: Sabine Scholze
Thebaner: Philipp Mauritz
Thebanischer Chor: Ensemble
Chor der Phönizierinnen: Rita Feldmeier, Denia Nironen, Sabine Scholze
Die Premiere war am 7. April 2018 im hans Otto Theater Potsdam
Termine: 11., 12., 22.04. / 05., 10.05.2018

Infos: http://www.hansottotheater.de/

Zuerst erschienen am 07.04.2018 auf Kultura-Extra.

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Europa verteidigen – Im Studio der Neuen Bühne inszeniert Dominic Friedel den geschichtlichen Abriss Europas von Konstantin Küspert mit einem Ensemble aus Senftenberger Kindern

Europa verteidigen am Neuen Theater Senftenberg – Foto (c) Steffen Rasche

„Ist Europa eine Trutzburg, eine Festung gegen ,Überfremdung‘? Eine Oase des Wohlfühlens? Wer darf es sich in Europa gemütlich machen, wer muss leider draußen bleiben?“ Ist diese Europa nur in seinen Grenzen zu sehen oder nicht vielleicht doch auch als eine Idee darüber hinaus? All diese Fragen behandelt der Autor Konstantin Küspert in seinem 2016 von Cilli Drexel in Bamberg uraufgeführten Stück Europa verteidigen, das 2017 zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen und dort mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde.

In drei Erzählsträngen gibt Küspert dabei einen klugen historischen Abriss Europas von seinem Gründungsmythos mit der Sage der von Göttervater Zeus in Gestalt eines Stiers entführten lykischen Königstochter Europa über viele historische Kriege, die im Namen von Nationen, Religionen und Wirtschaftsinteressen geführt wurden, bis zu einem Blick ins Heute und in die Zukunft, bei dem europäische Bürger und die Besatzung eines Frontex-Schiffs im Mittelmeer zu Wort kommen. Das erinnert im szenischen Aufbau ebenso an Heiner Müllers deutschen Geschichtsexkurs Germania wie auch dem Stück Die lächerliche Finsternis von Wolfram Lotz, der ironisch die „Verteidigung Deutschlands am Hindukusch“ mit den Verwerfungen westlichen Kolonialerbes verbindet.

Für die Neue Bühne Senftenberg lässt Regisseur Dominic Friedel, der hier bereits 2017 mit seiner Inszenierung des Fritz-Kater-Stücks Sterne über Senftenberg überzeugte, Küsperts Stück fast ausschließlich von einem Ensemble aus Senftenberger Kindern [Namen s.u.] spielen. Ihn interessierte dabei die andere, neue Sicht auf den Text, die durch diese Art der speziellen Verfremdung entsteht. Einerseits werden wir dabei ebenso wie die spielenden jungen Menschen neu mit längst vergangener und z.T. auch vergessener europäischer Geschichte konfrontiert, über die wir längst glaubten alles zu wissen. Und außerdem, was läge näher beim Blick in die Zukunft an unseren Nachwuchs zu denken, dessen Weltbild heute mehr durch Privat-TV und Internet geprägt wird, was nicht unbedingt der Garant für eine faktentreue historische Wissensvermittlung ist.

 

Europa verteidigen am Neuen Theater Senftenberg
Foto (c) Steffen Rasche

 

Friedel lässt den Abend dann zunächst ganz spielerisch angehen. Die Kinder und die beiden Senftenberger Ensemblemitglieder Anna Schönberg, Sebastian Volk tollen umher, kitzeln einen der Erwachsen durch, erzählen sich Witze und wollen Theater spielen. Das ist die Überleitung zu einer zunächst pantomimischen Darstellung der antiken Sage durch Sebastian Volk und eines der Kinder, bis Volk den Mythos von Zeus‘ Entführung der schönen Königstochter Europa von den Gestaden des heutigen Syriens über das Mittelmeer bis zur griechischen Insel Kreta erzählt.

Es folgen kurze Spielszenen über den Mythos von der „Verteidigung Europas“ mit dem Sieg über Hannibal, der mit seinem karthagischen Heer auf Kriegselefanten über die Alpen nach Europa kam. Ein Junge mit Helm spricht als römischer Feldherr Scipio von der afrikanischen Gefahr und schilt die Zauderer im Senat, die Leute wie ihn dann ja doch rufen würden, wenn der Feind vor den Toren steht. Er fordert dazu auf, das Problem direkt in Afrika zu beseitigen, was letztendlich mit dem Untergang Karthagos in den Punischen Kriegen auch geschah. Weitere Beispiele, wie Europa und das christliche Abendland mit Kriegen und Eroberungen verteidigt wurde, sind eine Episode, in der Wikinger Erik „der Rote“ Thorvaldsson Grönland in Besitz nimmt und deren Ureinwohner tötet, sowie die Kreuzzüge nach Jerusalem, wobei die Kinder Passagen aus Walther von der Vogelweides Palästinalied über die religiöse Bedeutung des Heiligen Landes in mittelhochdeutscher Sprache aufsagen. Was wiederum durch den Hinweis auf die Plünderung der christlichen Stadt Konstantinopel im Vierten Kreuzzug aus rein wirtschaftlichem Interesse gebrochen wird.

Weiterhin gibt es einen Exkurs in Sachen deutscher Kolonialismus mit dem Völkermord an den Herero durch die Strafexpedition des wilhelminischen Oberst Lothar von Trotha in Südwestafrika. Der deutsche Altertumsforscher und SS-Sturmbahnführer Herbert Jankuhn spricht über den sagenumwobenen Teppich von Bayeux, auf dem über 68 m lang die Schlacht von Hastings um den englischen Thron im Jahr 1066 zwischen Angelsachsen und Normannen dargestellt ist. Für Jankuhn ein wichtiges Relikt zur ideologischen Verklärung des nordisch-arischen Ahnenkults. An der Küste der Normandie wird wenig später 1944 Europa durch Wehrmachtssoldaten mit Maschinengewehren gegen die Eindringlinge aus England und den USA verteidigt.

Mit wenigen Handgriffen und kleinen Kostümwechseln auf der sonst fast leeren Bühne verwandeln sich die Kinder immer wieder in die historischen Figuren. Zur Clownsnummer in Tracht mit Pappboot wird der Ausflug ins Jahr 2020 auf das österreichische Fortex-Schiff „Salzburger Land“, das im Mittelmeer ein Flüchtlingsboot versenkt. Angesichts der heutigen Realität mit einem Bundeskanzler Kurz im Bündnis mit der rechtsnationalen FPÖ bleibt einem spätestens das Lachen im Halse stecken, wenn es heißt: „Es sind immer die Österreicher, die Europa retten.“

Zwischendurch gibt es immer wieder stark choreografierte chorische Szenen, in denen heutige Europäer wie Jonathan oder Natalia in der dritten Person ihre Zweifel und Vorurteile über Europa und seine Bürokratie vortragen. Auch diese recht ironischen Bemerkungen von intellektuell besserwisserischer Seite werden durch den Vortrag des alten, stummen Försters Heinrich gebrochen, der erst spät seine Stimme wiederfindet, um von seinen Erlebnissen aus dem Zweiten Weltkrieg zu erzählen. Was letztendlich mit der Bemerkung schließt, dass seine Enkel – also wir – ihr Rentenalter in einer Zeit erleben werden, in der es in Kerneuropa seit Jahrzehnten keine Kriege mehr gegeben hat. Natürlich täuscht das auch über so manche sozialen und wirtschaftlichen Verwerfungen hinweg. Aber diese Bank als Verheißung auf die Zukunft, wie es so schön im Schlussmonolog von Sebastian Volk heißt, der wieder bei der mythischen Figur der Europa anlangt, für einen weiteren Kreuzzug gegen vermeintliche Feinde Europas zu verspielen, wäre in der Tat sehr fatal.

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Europa verteidigen (Studiobühne, 09.03.2018)
von Konstantin Küspert
Regie: Dominic Friedel
Bühnenbild: Norman Plathe-Narr
Kostümbild: Michaela Muchina
Mit: Anna Schönberg, Sebastian Volk, Finn Jannes Bergen, Kalila Koritnik, Károly Koritnik, Jette Lachmann, Julia Magister, Pauline Palatinus, Amelie Slomka, Julian Thaler, Phillip Thaler, Tim Thomä
Die Premiere war am 03.03.2018 am Neuen Theater Senftenberg
Nächste Vorstellungen: 14.03./ 20.04.2018

Infos: http://www.theater-senftenberg.de/de/

Zuerst erschienen am 11.03.2018 auf Kultura-Extra.

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„Sterne über Senftenberg“ und „Wir kommen“ – Theaterstücke über die Nachwende-Generation in Senftenberg und die Generation der Millennials in Dresden

Mittwoch, Mai 3rd, 2017

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Sterne über Senftenberg – Dominic Friedel inszeniert die Neuauflage eines alten Fritz-Kater-Stücks über ostspezifische Wendeprobleme an der Neuen Bühne Senftenberg

Sterne über Senftenberg von Fritz Kater – Foto (c) Neue Bühne Senftenberg

Bereits im September 2016 hat sich die Neue Bühne Senftenberg mit „Wir sind 70!“ ein Theaterfest zum Jubiläum ausgerichtet. Etwas verspätet kommt dazu nun auch noch ein separates Stück, das man beim Autor Fritz Kater [im sonstigen Leben Theaterregisseur und Intendant des Schauspiels Stuttgart mit Namen Armin Petras] bestellt hatte. Sterne über Senftenberg ist eine Art Fortschreibung des 2003 in Leipzig von Petras selbst uraufgeführten Stücks Sterne über Mansfeld. Darin sind diverse Wendeschicksale verschiedener, in der Region des ehemaligen Kupferbergbaus lebender Personen miteinander verwoben. Kater erzählte von Wünschen, neuen Zielen und Perspektiven im Umbruch sowie dem tragischen Scheitern von Träumen und Beziehungen.

Im neuen Stück, das der Ex-Regieassistent von Armin Petras am Berliner Gorki Theater und heute selbst vielbeschäftigte Regisseur Dominic Friedel in der Studiobühne des Senftenberger Theaters zur Uraufführung brachte, sind dieselben ProtagonistInnen eher lockerer ost-verortet in einer Region, die mit dem Wandel zur gestalteten Kulturlandschaft aber deutlich an die ehemaligen Gebiete des Braunkohletagebaus rund um Senftenberg und Cottbus erinnert. Und auch sonst kann man die Handlung ganz gut mit dem zum Theaterfest uraufgeführten Stück Birkenbiegen des in Cottbus geborenen Autors Oliver Bukowski vergleichen. Hiergebliebene treffen auf Rückkehrer und Zugezogene, die sich mit alten Wunden und neuen Problemen auseinandersetzen müssen.

Wie im Mansfeld ist Polizist Christian (Roland Kurzweg) auch in der Lausitz mit dem Fernrohr immer auf der Suche nach den Sternen, die er seiner Nichte Janica (Marianne Helene Jordan) auf dem Dach eines Bühnenkubus, der am Beginn noch mit Papier eingeschlagen ist, zeigen will. In jenem Kubus steht nach dem Abreißen der Papierbahnen Janicas Vater, der Ex-Rockmusiker Thomas (Robert Eder), der seine E-Gitarre immer wieder einstöpselt und den rauen Sound des Abends gibt. Thomas war vor dem Ende der DDR mal kurz ganz nah dran an einem Plattenvertrag, wie der Schlagzeuger von Rockhaus, einer bekannten Ostband, der nun in einer Stones-Revival-Band spielt. Früher hat Thomas etwas gewagt, wie seine Frau Betty (Eva Geiler) am Küchentisch erzählt – heute verkauft er Versicherungen, um die Schulden für das Haus abzubezahlen. Die Idee einer Go-Kart-Bahn scheitert nicht nur an den Banken, sondern auch an über 600 fehlenden alten Autoreifen.

 

Sterne über Senftenberg – Foto (c) Neue Bühne Senftenberg

 

Ein weiterer Wendeverlierer liegt schon zu Anfang im Straßengraben. Benjamin, ein Parteiarbeiter im Ruhestand (Sybille Böversen), hat versucht sich das Leben zu nehmen und wird vom zugereisten Pastor (Sebastian Volk) gefunden, der im Osten auf Missionarstour ist. Das rund um den drehbaren Kubus sitzende Publikum zieht der junge idealistische Pastor immer wieder mit ein. So fragt er z.B. nach einem Handy, dem fehlenden Glauben oder der Wahrheit. Finden wird er nur Isabell, eine junge Frau auf der Suche nach Liebe (Katrin Flüs), die von einem Jesus an der Fleischtheke im Supermarkt phantasiert, der mit christlichen Litaneien aber in diesem Leben nicht zu helfen ist.

So hat hier jeder sein Päckchen zu schultern, nur der junge Pastor versucht noch die Last des alten Parteigenossen, dessen Gott eine versteckte Stalinbüste ist, mit zu tragen. Unermüdlich fordert er den am Bein Versehrten zum Weiterlaufen auf, aber Benjamin sackt immer wieder in sich zusammen. Er hat den einzigen Schuss der Wendeunruhen abbekommen. Ein Betriebsunfall der Geschichte. Den Pastor bezeichnet Benjamin als Reaktionär, einen der das Rad der Geschichte zurück drehen will. Einziger Hoffnungsschimmer bleibt die junge Janica, die den Absprung vom Graffiti-Sprayen an die Londoner Kunsthochschule schafft, trotz eines fast tödlich ausgehenden Zugunglücks.

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Soweit ist die Senftenberger Story fast identisch mit der aus dem Mansfeld, und man fragt sich schon, ob dieser als Uraufführung angesetzte Abend nicht nur eine örtlich umgesetzte Mogelpackung ist. Auch die recht sprunghafte Inszenierung von Dominic Friedel sorgt da nicht wirklich für Klärung. Das Neue ist dann aber nicht etwa das Weglassen des Chors der älteren Damen, sondern die Einführung der neuen zukunftsweisenden Figur, des Jungen Jeremias, den die aus London zurückgekehrte Janica mit in die alte Heimat bringt. Ihren Sohn, den sie mit einem Jamaikaner zeugte, spielt der 13jährigen Dae Eun Choi, Kind einer Koreanischen Musikerin und eines Senftenberger Schauspielers.

Der knapp 100minütige Inszenierung wird nicht nur von vereinzelten Versen des DDR-Literaten Wolfgang Hilbig und der an Metaphern reichen Sprache Fritz Katers aufgewertet. Am Ende gibt es, nachdem der Bühnenkubus wieder mit Spanplatten verkleidet ist, auch noch einen Blick in die Zukunft des freiwilligen Nierenspenders Christian, der Altenpflegerin Betty sowie von Mutter Janica und Sohn Jeremias. Regisseur Friedel lässt sie um den Kubus rotieren und immer wieder gemeinsam ihre Texte ins Publikum sprechen. „Es gibt keine Wahrheit. Keine Lüge. Nur Aktion. Aber die muss man schon selber machen.“ sagt Jeremias. Oder etwa: „Wir müssen wieder magische Orte schaffen.“ Zumindest dieses vage Versprechen des Theaters kann hier in Teilen erfüllt werden.

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STERNE ÜBER SENFTENBERG (Studiobühne Senftenberg, 08.04.2017)
Von Fritz Kater
Regie: Dominic Friedel
Bühne und Kostüm: Peter Schickart
Dramaturgie: Maren Simoneit
Besetzung:
Thomas, früher mal Rockmusiker … Robert Eder
Christian, sein Bruder, Ex-Polizist, Frührentner, Tauchlehrer … Roland Kurzweg
Pastor, nicht von hier … Sebastian Volk
Benjamin, Parteiarbeiter i. R. … Sybille Böversen
Isabell, auf der Suche nach Liebe … Katrin Flüs
Betty, Frau von Thomas … Eva Geiler
Janica, ihre Tochter … Marianne Helene Jordan
Jeremias, Janicas Sohn … Dae Eun Choi
Uraufführung an der Neuen Bühne Senftenberg: 8. April 2017
Weitere Termine: 22., 23.05.2017

Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-senftenberg.de/

Zuerst erschienen am 10.04.2017 auf Kultura-Extra.

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Bleierne Traurigkeit – Im Kleinen Haus 3 am Staatsschauspiel Dresden bringt Tea Kolbe Ronja von Rönnes Debut-Roman Wir kommen auf die Bühne

Wir kommen (nach dem gleichnamigen Roman von Ronja von Rönne) am Staatsschauspiel Dresden – Foto (c) Matthias Horn

Wir kommen heißt der erste Roman der 1992 in Berlin geborenen und im oberbayerischen Markt Grassau aufgewachsenen Bloggerin und Journalistin Ronja von Rönne. Woher, wohin, ob zu früh oder zu spät, spielt dabei eher eine untergeordnete Rolle. Der Roman beschreibt nur das vage Gefühl es womöglich nicht zu wissen, sich das Recht zum Ausprobieren aber nicht nehmen lassen zu wollen. Beim Bloggen wie beim Schreiben für die Tageszeitung Die Welt (das Springerblatt für Intellektuelle) vertritt Ronja von Rönne aber auch gern mal „Radikalpositionen“. Eine solche zum Thema Warum mich der Feminismus anekelt brachte ihr 2015 nicht nur von Seiten radikaler Feministinnen einigen Ärger ein. Viel Lob gab es dann allerdings auch aus der eher konservativen Ecke.

Infolge dieses medialen Hypes und ihrer Teilnahme am Ingeborg-Bachmann-Peis-Lesen in Klagenfurt ging es bald nicht mehr nur um Inhalte und literarisches Können. Eine gewisse Frechheit kann man dem sogenannten „Rönne-Sound“ ihres Blogs Sudelheft allerdings nicht absprechen. Ronja von Rönne polarisiert und scheint selbst davon überrascht zu sein. Wie man lesen kann, bedauert sie heute ihre damals spontan dahingeworfene Wutrede. Einen Axel-Springer-Preis für ihren kontrovers aufgenommenen Text lehnte sie ab. Durchaus gespalten fiel auch die bundesdeutsche Literaturkritik zu von Rönnes Debutroman aus. Die Einschätzungen gehen von exzellent, raffiniert und witzig bis zu lustlos, wurstig oder gar verzichtbar.

Am 9. April hatte nun die erste Bühnenadaption von Wir kommen am Staatsschauspiel Dresden Premiere. In der Welt lieferte danach die anwesende Autorin unter dem Titel: So gruselig ist es, das eigene Theaterstück zu sehen höchst selbst einen Bericht davon ab. Nebenbei ein recht guter Beitrag zum Verständnis der Figuren, die, wie von Rönne meint, „viel jammern, in einem Beziehungsgeflecht miteinander feststecken und ansonsten wenig tun“. Das klingt nicht gerade nach großer dramatischer Spannung, und wie bei jeder Romanadaption für die Schauspielbühne braucht es dazu nicht nur einen triftigen Grund, sondern auch ein paar gute Ideen, um dem Ganzen eine Wirkung im Theater zu verleihen. Aber wie exzellent oder verzichtbar stellt sich die Geschichte auf der Bühne wirklich dar?

Nora, die junge Protagonistin des Romans, leidet seit einiger Zeit an allmorgentlichen Panikattacken, die ihr die Luft zum Atmen nehmen. Nicht erst seit Thomas Melles Die Welt im Rücken sind Beschreibungen von Depressionen oder bipolaren Störungen ein Thema in der deutschsprachigen Literatur. Auch Ronja von Rönne weiß, wovon sie da schreibt. Allerdings ist das Ergebnis weit davon entfernt, die psychopathologische Analyse einer Krankheit zu sein. Die Autorin liefert eher ein düsteres Stimmungsbild einer Generation, die Meister der Aufarbeitung ist und darüber die Orientierung verloren hat, worum es im Leben überhaupt geht. Diffuse Vorstellungen von Glück, Liebe und beruflicher Karriere gehen mit einer ebenso undefinierbaren lähmenden Angst davor einher.

 

Wir kommen (nach dem gleichnamigen Roman von Ronja von Rönne) am Staatsschauspiel Dresden – Foto (c) Matthias Horn

 

Der besondere Clou der Inszenierung von Regisseurin Tea Kolbe im Kleinen Haus 3 ist es, die Schauspielerin Hannelore Koch als personifizierte Panik auftreten zu lassen. Wirklich angsteinflößend ist diese Figur jedoch nicht. Sie ist wie im Roman eher ein zur Gewohnheit gewordener Partner, der in Stunden der Einsamkeit behutsam mit Sätzen wie „Du verpasst nicht viel.“ das schlechte Gewissen, sich gehen zu lassen, wegreden will, aber auch beharrlich am Selbstbewusstsein nagt. Abhilfe soll der Besuch bei einem Psychotherapeuten schaffen. Als der mit seinem „perfekten Leben“ in den Urlaub fährt, empfiehlt er Nora in seiner Abwesenheit Tagebuch zu führen. Auch ein bewährtes Mittel zur Selbstreflexion. Und so bekritzelt Antje Trautmann als Nora schon zu Beginn mit Kreide den Boden eines runden, drehbaren Spiegelkabinetts.

Die Geschichte entspinnt sich nun zwischen ironischen Gegenwartsspiegelungen Noras und ihrer polyamourösen Beziehung zu Jonas, Karl und Leonie, Mutter der stummen fünfjährigen Tochter Emma-Lou, sowie Rückblenden in Noras Kindheit auf dem Land mit ihrer besten Freundin Maja, die sich gerade das Leben genommen hat. Auf der Rückseite der Spiegelpaneele lassen sich Namen, Alter und Strichsilhouetten zeichnen. Lucie Emons verkörpert dabei immer wieder Maja und zusammen mit Hannelore Koch die anderen Figuren des Romans. Auch Maja, ein früher recht lebensfrohes Mädchen mit ziemlich radikalen Zielen, scheint an einem unverarbeiteten Trauma gelitten zu haben. Der Wunsch, der Enge des Dorflebens zu entfliehen, wird beschrieben. Eine Mutprobe mit tödlichem Ausgang und der Weggang Noras haben die einstigen Freundinnen einander entfremdet.

Nora hadert mit dem Tod Majas, was jedoch nicht der einzige Grund für ihre Angststörungen ist. Auch damals gab es schon eine Vierergruppe, die allerdings nicht unbedingt auf Freiwilligkeit basierte. Nun versucht es Nora besser zu machen. Doch im komplizierten Beziehungsgeflecht der neuen Gruppe kriselt es ebenfalls mächtig. Verschiedene Auffassungen von Liebe und Lebensglück sowie Egotrips und Eifersüchteleien führen trotz einem gemeinsamen dreiwöchigen Urlaub am Meer schließlich zum Bruch. Die gleichen Codes oder eine finale Party liefern nicht den „sozialen Klebstoff“, an dem man schnüffelt, „um wieder abhängig voneinander zu sein“.

Die Dresdner Bühnenfassung versucht von Rönnes zuweilen etwas weitschweifigen Text aufs Wesentliche zu verdichten und die drei Schauspielerinnen schaffen es, die entsprechende Atmosphäre zwischen Hoffnung und bleierner Traurigkeit, von der immer wieder die Rede ist, ganz gut zu transportieren. Trotz einer gewissen, auch treffenden Kritik an typischen Mode-Macken und der im Selbstverwirklichungsstress hyperventilierenden Gesellschaft, die sich erst nach und nach ihrer Müdigkeit bewusst wird (im Programmheft wird mal wieder der Müdigkeits-Philosoph Byung-Chul Han zitiert), meiden Autorin wie Regisseurin die ganz großen Themen. Da ist „ein Tattoo der Bundesrepublik auf dem Rücken“ schon das Schlimmste. Aber eine gewisse Abneigung zur radikalen Gesellschaftskritik scheint der Social-Media-Generation der Millennials, zu der auch Ronja von Rönne gehört, eigen zu sein. Nicht nur, was die Einstellung zum Feminismus betrifft.

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Wir kommen (Kleines Haus 3, 15.04.2017)
Nach dem Roman von Ronja von Rönne
In einer Bearbeitung von Tea Kolbe und Julia Fahle
Regie: Tea Kolbe
Bühne: Anne-Alma Quastenberg
Kostüm: Steffi Rehberg
Licht: Andreas Rösler
Dramaturgie: Julia Fahle
Besetzung:
Nora: Antje Trautmann
Maja: Lucie Emons
Panik: Hannelore Koch
Uraufführung war am 09.04.2017 im Kleinen Haus 3 am Staatsschauspiel Dresden
Dauer der Aufführung: 1 Stunde, 20 Minuten, keine Pause

Termine: 07., 24.05.2017

Info: http://www.staatsschauspiel-dresden.de/

Zuerst erschienen am 19.04.2017 auf Kultura-Extra.

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Mut zu(r) Lükke – „Die Überflüssigen“ von Philipp Löhle

Samstag, Mai 29th, 2010

inszeniert von Dominic Friedel im Studio des Maxim Gorki Theaters Berlin

Wie schon in Genannt Gosbodin müht sich in den Überflüssigen ein hoffnungsloser Utopist, um einen alternativen Lebensentwurf. Ist es mit Gosbodin noch ein weltfremder, schwadronierender Zivilisationsverweigerer, der erst mit dem Fund eines dubiosen Geldkoffers eher unfreiwillig wieder ins reale Leben gespült wird, ist es mit Eddie Seuss ein zivilisationsmüder und stressgeschädigter Workaholic, auf der Suche nach inneren Ruhe.

Diese Umkehr der Voraussetzungen und der Kontext, über schrumpfende Städte in der Prignitz zu berichten, bilden die Grundlage für das neue Stück „Die Überflüssigen“ von Philipp Löhle. Übrigens kringelt mein Wordprogramm den Namen dieser brandenburgischen Region auch ein, als wenn er nicht wirklich existieren würde. Und genau so erscheinen einem die Figuren im Stück auch unwirklich, wie in dieser Welt vergessene oder gestrandete Außenseiter.

Der Tod der Eltern, sie sind, wen wundert’s, mit einem Auto gegen eine Alleepappel gefahren, bringt Eddie eher gegen seinen Willen wieder zurück in die Heimatstadt Lükke und es ist für ihn auch genau so wie früher, alles beim alten geblieben, nebst dem blöden Spitznamen Eddie Spaghetti. Nach einem Disput mit dem daheim gebliebenen Bruder Uwe, über die Tatsache, das Eddie und nicht er zuerst vom Tod der Eltern informiert wurden und einem schrägen Begräbnis in, Ironie des Schicksals, Pappelsärgen, fährt Eddie erst mal wieder ins wahre Leben. Aber Lükke und die wiedergetroffene eine Klasse unter Uwe, eine Klasse über ihm Ellen, lassen ihn nicht in Ruhe und so reift der Traum dieses vergessene Nest wieder zu erwecken und zum Ruheidyll auf Matratzen für müde Städter umzuwandeln.

Das ist nun der Knackpunkt der Story, denn nicht wie man meinen würde, Eddie freudig begrüßend, wollen der alte Kumpel Chris, ein stoischer, philosophierender Dorfpolizist und Fitz der Pappelzüchter, gar nicht erweckt werden. Das machen sie ihm nach und nach klar und scheuen letztendlich auch nicht vor dem Einsatz krimineller Mittel zurück. Eddies Steine, die er aus den verlassenen Häusern für eine monumentale Skulptur bricht, verschwinden und er verirrt sich, unter Mithilfe von Chris im Wald, auf der Suche nach den alten Einspurbahnschienen, weil er diese nun zu Geld machen muss. Sein Traum scheitert nicht zuletzt am Geldmangel, die Bank spielt auch irgendwann nicht mehr mit, sondern auch an der massiven Gegenwehr der Einheimischen, die sich in ihrer Lethargie wohl zu fühlen scheinen. Klischeebilder vom Wodkasaufen mit Russensound und zwei kleine Geschichten vom Bubble-Boy, der nur abgeschirmt in einer Blase leben kann und stirbt als er aus ihr befreit wird und der unter Hunden aufgewachsenen Oxana Malaya, sollen diese These verdeutlichen.

Ist das nun eine umgekehrte Utopie oder eine Darstellung, wie man auch ohne allen Fortschritt glücklich leben kann? Aber glücklich scheinen die Bewohner von Lükke ja auch nicht zu sein. Das kommt vor allem in der tragischen Figur der Ellen zum Ausdruck, die ihr mit Eddie gezeugtes Kind lieber an die nach Familienglück gierende Kollegin von Eddie weggibt, als sich mit ihm ein neues Leben in Lükke vorstellen zu können.

Die Geschichte bleibt ein Rätsel, und entwickelt sich sogar noch zum mysteriösen Krimi, als erst Eddies Bruder, der die Idee eines Ladens umsetzten wollte, an geplatzten Krampfadern stirbt und dann auch Eddie selbst im Luk mit aufgeschlagenem Kopf gefunden wird. Die Bewohner von Lükke haben ihre Störenfriede einen nach dem anderen aus dem Weg geräumt und sind nun wieder mit sich und der Welt im reinen. Wer jetzt wirklich „Die Überflüssigen“ sind, bleibt da auch völlig offen.

Nun wäre sicher diese horrende Story zum Scheitern verurteilt, wenn nicht die wunderbaren Bilder der Inszenierung von Dominic Friedel und die tollen Schauspieler wären, die diese herrlich schräge Geschichte retten und nicht vollends ins Klischee abrutschen lassen. Hervorzuheben sind vor allem die Frauen. Ninja Stangenberg als träumerisch, traurige Ellen und Sabine Waibel, die gleich drei Figuren zu stemmen hat, die Bank, die Kollegin von Eddie und eine Klasse Slapstickeinlage als serbischer Türke mit Wiener Dialekt. Aber auch Robert Kuchenbuch als Eddie, Gunnar Teuber als Uwe / Chris und Horst Kotterba als Pappel-Fitz können in ihren Figuren durch leisen und trockenem Humor überzeugen.

Ob nun Philipp Löhle mit diesem Stück den Nerv der Zeit getroffen hat, eine genaue Beschreibung der brandenburgischen Bevölkerung abliefert oder einfach nur eine Parabel über die Unmöglichkeit des Ausfüllens von Lebenslücken geschrieben hat, bleibt letztendlich egal. Befreit vom starren Kontext der Projekt-Vorgabe „Über Leben im Umbruch“, wird das Stück seinen Weg finden, denn Lükke ist schließlich überall.