Archive for the ‘Theater unterm Dach Berlin’ Category

Feministische Positionen auf der Bühne – „Beute Frauen Krieg“, ein Gastspiel aus Zürich beim 55. THEATERTREFFEN in der Regie von Karin Henkel und „Gefalle, du Schöne“, eine Recherchetheaterabend von Amina Gusner im Theater unterm Dach

Sonntag, Mai 20th, 2018

___

Beute Frauen Krieg – Beim Theatertreffen zeigt Karin Henkel mit ihrer Züricher Inszenierung die Kriegsleiden von Frauen mit antiker Wucht

 

(c) Berliner Festspiele

Auch 2018 lädt das Berliner THEATERTREFFEN wieder zu einer der 10 bemerkenswerten Inszenierungen in die Rathenau-Hallen nach Oberschöneweide. Die alten Industriegebäude an der Spree haben sich schon im letzten Jahr mit der Borderline Prozession aus Dortmund als Ort für technisch aufwendige und räumlich ungewöhnliche Theaterproduktionen bewährt. Es muss also nicht immer der Flughafen Tempelhof sein, um eine andere gerade wieder heiß diskutierte Berliner Location zu nennen. Ein interessanter ehemaliger Industriestandort ist auch die Schiffbauhalle in Zürich, wo Karin Henkel im Dezember 2017 für das dortige Schauspielhaus einen Antikenzyklus mit dem Titel Beute Frauen Krieg auf die Bühne gebracht hat. Bemerkenswert daran ist neben dem recht aktuellen Thema aber v.a. auch die technische Umsetzung, bei der das Publikum vor der Pause dem Geschehen mit Kopfhörern folgen muss, da der lange Bühnensteg von Muriel Gerstner durch zwei Wände dreigeteilt wird. Das ebenfalls in drei Gruppen geteilte Publikum folgt nun wechselnd jeweils einer Schilderung eines Frauenschicksals aus der im Krieg mit den Griechen unterlegenen Stadt Troja. Gespielt wird nach der antiken Tragödie des Euripides in einer heutigen Textbearbeitung von John von Düffel.

Plakatmotiv vom Schauspielhaus Zürich

Die Troerinnen, um 415 v. Chr. in Athen uraufgeführt, behandelt die Versklavung der trojanischen Frauen nach der Eroberung der Stadt und die Ermordung aller Männer durch die Griechen. Allen voran Hekabe, Witwe des Königs Priamos, beklagt den vielfachen blutigen Mord und das unbeschreibliche Leid der nun als Kriegsbeute für die Griechen aufgeteilten Troerinnen. Schon beim Einlass ist die Stimme von Lena Schwarz in den Kopfhörern zu vernehmen. Das Ensemble streicht hier gleich ziellosen Untoten über die Spielfläche, bis sich die beiden Wände senken und das eigentliche Spiel beginnt. In der Mitte agieren Hilke Altefrohne und Isabelle Menke als doppelte Helena, wegen derer Entführung durch Prinz Paris, die Griechen gegen Troja gezogen sind. Als blondes Schönheitssymbol geben die beiden Schauspielerinnen die in den Augen ihres Mannes Menelaos (finster hinkend: Christian Baumbach) untreue Ehefrau und versuchen die ihnen angelastete Schuld von sich zu weisen. Ein Monolog des sinnlosen Aufbegehrens gegen die männliche Deutungshoheit im 1960er-Jahre-Ambiente mit kleinen Couchtischen entlang der antiken Vorgeschichte bis zum Parisurteil.

Viel ist hier von Schuld und Leid die Rede. Ihre Opferrolle reflektierenden Frauen stehen stumpfe, sie demütigende Männern gegenüber. Feldherr Agamemnon (Michael Neuenschwander) in Offiziersuniform ist vor der Pause ein geschlagener, dem Wahn naher Jammerlappen, der die für ihn auf einer Pooldancefläche von Kate Strong (als Hetäre) ausstaffierte Kassandra (Dagna Litzenberger Vine) für seine vor dem Krieg von ihm selbst geopferte Tochter Iphigenie hält. Die von den Griechen geschändete Seherin, die nur wie puppenhaft agiert, prophezeit ihm den Tod durch seine Frau Klytaimnestra. Auch hier überwiegt der hohe Klageton, der in der dritten Station seine Vollendung findet. In fast gänzlicher Dunkelheit liegt die durch den Tod ihres Mannes Hektor und die Schändung seines Leichnams durch Achill traumatisierte Andromache (Carolin Conrad). Odysseus (Fritz Fenne) lässt noch ihren Sohn Astyanax töten, wofür er eine Babypuppe an die Wand schlägt. Das Blut tropft, bis auch Hekabes jüngste Tochter Polyxena (Madita Keller) für den Helden Achill geopfert und auf einer Prozession über den Laufsteg getragen wird.

 

Karin HenkelFoto © Anne Zeuner / Salzburger Festspiele

 

Regisseurin Karin Henkel, die bereits mehrfach zum THEATERTREFFEN eingeladen und in diesem Jahr für herausragenden Verdienste um das deutschsprachige Theater mit dem Theaterpreis Berlin bedacht wurde, zeichnet ein düsteres Bild erlittener Kriegstraumata, das sie nach der Pause noch um das Vorspiel zum trojanischen Krieg ergänzt. Iphigenie in Aulis (ebenfalls nach Euripides und in moderner Fassung von Soeren Voima) erzählt die Geschichte der Opferung Iphigenies, um Göttin Artemis für guten Fahrtwind nach Troja günstig zu stimmen. Der anfänglich zaudernde Kriegsherr Agamemnon ergibt sich schließlich dem durch Populisten wie Odysseus aufgehetzten Volk. Mann ist hier um Erklärungen für den Krieg nicht verlegen. Die Wahrheit endet als eigentliches Opfer auf dem Altar des Nationalstolzes. Die Platte hat einen Knacks, doch die Stimme der Vernunft – gespielt von Kate Strong – dringt nicht mehr durch. Begleitet wird das durch Angstvisionen der im Inneren des Trojanischen Pferdes wartenden Griechen.

Henkel bemüht sich um psychologische Differenzierung der einzelnen Frauenfiguren, allein die pathetische Wucht des Leids, das einem natürlich auch nahe gehen soll, lässt das Gezeigte doch ziemlich gleich erscheinen. Wirkten die neun Iphigenies in dem für die DerconVolksbühne produzierten Castingshow-Stück [Iphigenie von Mohammad Al Attar und Omar Abusaada] in der Weite des Hangar 5 auf dem Flughafen Tempelhof doch sehr verloren, hat auch der Iphigenie-Chor von Karin Henkel im kammerspielartigen Ambiente der abgeteilten Rathenau-Hallen kaum mehr Gewicht. Ähnliches hat man auch schon von Henkels Regiekollegin Karin Beier zum Start ihrer Intendanz am Deutschen Schauspielhaus Hamburg gesehen. Die Rasenden umfasste einen immerhin 6,5stündigen Antiken-Querschnitt um den Trojanischen Krieg mit anschließender Orestie inklusive eben jener gezeigten Tragödienteile. Hier kann lediglich das Konzept der technischen Umsetzung überzeugen. Als Lehrstück über die Leiden von Frauen in Kriegsgebieten mag das exemplarisch sein, aber Frauen allein als leidende Opfer zu zeigen, das dachte man eigentlich künstlerisch schon ad acta gelegt.

***

BEUTE FRAUEN KRIEG (Rathenau-Hallen, 08.05.2018)
Fassung unter Verwendung von Die Troerinnen von John von Düffel nach Euripides (Interlinearübersetzung Gregor Schreiner) und Iphigenie in Aulis von Soeren Voima nach Euripides
Regie: Karin Henkel
Bühne: Muriel Gerstner
Kostüme: Teresa Vergho
Musik: Avild J. Baud
Licht: Michel Güntert
Dramaturgie: Anna Heesen
Hekabe / Klytaimnestra: Lena Schwarz
Andromache / Iphigenie: Carolin Conrad
Kassandra / Iphigenie: Dagna Litzenberger Vinet
Helena / Iphigenie: Hilke Altefrohne
Helena / Hetäre: Kate Strong
Polyxena / Iphigenie: Madita Keller
Helena / Iphigenie: Isabelle Menke
Agamemnon: Michael Neuenschwander
Menelaos: Christian Baumbach
Pyrrhos / Achill: Milian Zerzawy
Odysseus: Fritz Fenne
Gastspiel des Schauspielhaus Zürich
Die Premiere war am 02.12.2017 im Schiffbau/Halle
Termine beim TT: 06., 07., 08.05.2018
In Zürich wieder am: 25., 26., 27., 28.05.2018

Infos: https://berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/theatertreffen/programm_tt/tt18
http://www.schauspielhaus.ch

Zuerst erschienen am 10.05.2018 auf Kultura-Extra.

**

*

Gefalle, Du Schöne – Eine Recherchetheaterabend von Amina Gusner nach Maxi Wanders Protokollbuch Guten Morgen, du Schöne im Theater unterm Dach

„Ich spiele allen Leuten vor, dass ich eine tolle Person bin. Ich bin gütig und mitfühlend, ich glaube, so muss man sein als Frau. Ich spiele den Clown, der immer gute Laune hat. Aber ich fühle mich allen Menschen fremd.“ sagt Ruth aus Maxi Wanders 1977 erschienenem Buch Guten Morgen, du Schöne. Protokolle nach Tonband. Ein Aussage, die das Bild der Frau in der Gesellschaft noch heute bestimmt. Die Autorin hatte Berichte von 19 Frauen im Alter von 16 bis 92 Jahren von unterschiedlichster Herkunft, ob berufstätig oder Hausfrau, literarisch zu Portraits verdichtet. Ein feministisches Buch, das damals in BRD und DDR gleichermaßen Verbreitung und Anklang fand, wenn sich auch bis heute am Image der Frauen so viel nicht geändert zu haben scheint.

 

Gefalle, du Schöne von Armina Gusner im Theater unterm Dach, Berlin – Foto (c) Jan Lehmann

 

Das zum Anlass nehmend, hat sich die Theaterregisseurin Amina Gusner von Max Wanders Buch inspirieren lassen und das Recherche-Stück Gefalle, Du Schöne geschrieben. Dazu führte sie selbst Interviews mit Frauen aus ihrer Umgebung, deren Aussagen sie wiederum mit Texten von bekannten Autorinnen wie etwa Sylvia Plath, Sibylle Berg, Virginia Woolf, Elfriede Jelinek und Ingrid Lausund zu einer Collage über die Selbstwahrnehmung und das allgemeine Bild der Frauen von heute mischte.

Den Rahmen bildet ein Tangokurs für Frauen in einer Tanzschule, deren Lehrerin (Inga Wolff) die Teilnehmerinnen nicht nur zu körperlichen Höchstleitungen treibt, sondern auch Ausgangspunkt für Selbstreflexionen, Lebensbeichten und Familienaufstellungen wird, bei denen sich die Frauen den Fragen an sich, ihren Körpern, die Sexualität sowie den Ansprüchen ans Leben stellen. Zu Beginn stehen die Frauen (neben den beiden Schauspielerinnen Inga Wolff und Franziska Kleinert noch sieben Studentinnen des ETI Schauspielschule Berlin) in zumeist roten oder rosafarbenen Abendkleidern im Pulk, aus dem heraus erste Stimmen zum Selbstbild als Frau zu hören sind. Und da ist viel von Körpereigenschaften wie „zu dick“, „wabbelig“, „stämmig“, „abstoßend“ oder „sprich nicht perfekt“ die Rede.

 

Gefalle, du Schöne von Armina Gusner im Theater unterm Dach, Berlin – Foto (c) Jan Lehmann

 

Dass Frauen zum größten Teil über das Aussehen, die Figur, Kleidung und den Habitus definiert werden, ist traurige Wahrheit nicht nur einer Gesellschaft im Schönheits- und Selbstoptimierungswahn, sondern auch eines immer noch traditionell patriarchal bestimmten Frauenbilds mit klar definierten Rollenzuschreibungen. Küche, Körper, Kind heißt da zumeist noch die weibliche Dreifaltigkeit. Karriere bedeutet oft genug Verzicht und setzt Frauen häufiger einem Rechtfertigungsdruck aus, dem sich nicht zu beugen es viel Kraft bedarf.

Und da machen sich die Frauen durchaus auch untereinander das Leben schwer. In kleinen Spielszenen entwickelt sich nun ein reger Schlagabtausch der Gedanken und Erfahrungen, wobei die Frauen mal lustvoll, mal tragisch aber immer auch mit viel Humor weibliche Klischees und Stereotypen durchackern. Nach den Körperwahrnehmungen beschäftigt sich das Frauenensemble mit den Erinnerungen an die Väter, deren Rolle in der Familie, schwierigen Tochter-Mütter-Beziehungen sowie der eigenen Position zu Job, Karriere, Kinderkriegen. Nichts wird ausgelassen, auch nicht ein Gespräch einer Tochter mit ihrer Mutter über die Schwester, die nach einem nächtlichen sexuellen Übergriff Tabletten nimmt. Auch hier werden traditionelle Ansichten und Schuldgefühle über Generationen in weiblicher Linie übertragen. Selbst nach dem Tod der Mutter bleibt die Verantwortung für die Haushaltsauflösung bei der Schwester, weil der Bruder keine Zeit dafür hat.

Zumeist ist es doch die Frau, die sich bereitwillig um alles kümmert und die Schuld für gescheiterte Ehen, eine schlechte Mutter zu sein oder persönliche Unzulänglichkeiten annimmt. Preise gewinnt frau damit sicher nicht. Umso erlösender ist dann die „Fuck“-Rede von Anna Stock, die in einer gespielten Dankesrede zu einer fiktiven Oscarverleihung über ihre wahren Gefühle spricht. Auch wenn sich Amina Gusner, die auch Mitgründerin des Vereins „Pro Quote Bühne“ ist, nicht direkt auf aktuelle Debatten bezieht, ist ihre Textzusammenstellung durchaus repräsentativ für das vorherrschende Bild der Frau in unserer Gesellschaft. Von nichts kommt nichts, geschenkt wird den Frauen sicher auch heute nichts. Und so schließt auch der Abend mit einer Aufmunterung zum Machen: „Doch macht euch nichts vor, geht den Krümeln hinterher, in den Kleinigkeiten, liegt die Antwort, da liegt das Große. Ihr seid Frauen, Ihr seid schön, Ihr seid…“

***

GEFALLE, DU SCHÖNE (Theater unter Dach, 05.05.2018)
von Amina Gusner
Idee / Textentwicklung / Regie: Amina Gusner
Ausstattung: Inken Gusner
Mit: Franziska Kleinert Inga, Wolff und Erika Mosonyi, Pia Noll, Marie Rautenberg, Friederike Serr, Kateryna Shatsyllo, Anna Stock, Lisa Störr, (Studentinnen des ETI)
Eine Produktion von Amina Gusner in Koproduktion mit dem Theater unterm Dach
Die Premiere war am 04.05.2018 im Theater unterm Dach
Termine: 06., 07.05. / 02., 03., 21., 22.06.2018

Informationen: http://www.theateruntermdach-berlin.de/spielplan.html

Zuerst erschienen am 09.05.2018 auf Kultura-Extra.

__________

Bertolt Brecht wird aktuell wieder landauf, landab gespielt – Die Münchner Kammerspiele zeigen seine frühen „Trommeln in der Nacht“ (frisch zum Theatertreffen 2018 eingeladen), das Staatstheater Cottbus die Hitlerparabel „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ und am vergleichsweise kleinen Berliner Theater unterm Dach ist das selten gespielte Stück „Die Tage der Commune“ zu sehen

Mittwoch, Januar 31st, 2018

___

Trommeln in der Nacht – An den Münchner Kammerspielen versucht sich Christopher Rüping beim Kriegsheimkehrerstück von Bertolt Brecht in ästhetischer Abstraktion

Trommeln in der Nacht an den Münchner Kammerspielen – Foto (c) Julian Baumann

„Glotzt nicht so romantisch!“ steht an den Saaltüren der Münchner Kammerspiele und an der Balustrade zum Rang. Es wird Trommeln in der Nacht gegeben, ein Stück von Bertolt Brecht, das hier 1922 als sein erstes von Theaterlegende Otto Falkenberg uraufgeführt wurde. Brecht räumt hier mit dem bürgerlichen Illusionstheater auf. Der junge Autor schickt den nach vier Jahren aus dem Ersten Weltkrieg heimkehrenden Artilleristen Andreas Kargler durch das Berlin des Spartakusaufstands 1919. „Es geht los, die Massen erheben sich, Spartakus steht auf. Der Mord geht weiter.“ Kargler will zu seinem Mädchen Anna Balicke, die nach Jahren des Wartens auf den in Afrika Verschollenen von ihren Eltern mit dem Kriegsgewinnler Friedrich Murk verlobt werden soll. Sie erwartet auch bereits ein Kind von ihm. Fabrikbesitzer Balicke will von Granatkörben auf Kinderwagen umsatteln. Vor dem sich auf den Straßen sammelnde Revolutionsmob verkriecht man sich in die gute deutsche Stube. Der besitzlose Kriegsheimkehrer stört da nur wie ein unliebsames Gespenst. Enttäuscht schließt sich Kragler kurz den revolutionären Massen an. Als ihm Anna folgt, verlässt er aber die Aufständischen und verrät die Idee für ein großes, weiches Ehebett. „Mein Fleisch soll im Rinnstein verwesen, dass eure Idee in den Himmel kommt? Seid ihr besoffen?“

*

95 Jahre nach der Uraufführung inszeniert nun Hausregisseur Christopher Rüping. Neben den Spruchbändern hat er sich von seinem Bühnenbildner Jonathan Mertz für die ersten Akte die Originalkulissen von 1922 nachbauen lassen. Familie Balicke sitzt dort in der heimischen Wohnstube, im Hintergrund ragen expressionistische Wohntürme des Molochs Berlin in den Bühnenhimmel. Wiebke Puls und Hannes Hellmann als Mutter und Vater Balicke, Wiebke Mollenhauer als Anna und der sich zur Verlobung anschickende Murk (Nils Kahnwald) wirken hier wie statische, expressionistische Textaufsagemaschinen. Ihnen ist der Naturalismus ausgetrieben, dem Brecht den Kampf angesagt hatte. Zuvor aber lässt Rüping noch Nils Kahnwald einen Text von Lion Feuchtwanger sprechen, in dem der Schriftsteller das Stück lobt und das Bühnenbild der Uraufführung beschreibt. Brecht hatte es ihm 1919 zu lesen gegeben, wohl in der Hoffnung auf Führsprache, die dann auch prompt kam. Trotzdem brauchte es drei weitere Jahre, bis der notorisch klamme Brecht eine Stelle als Dramaturg an den Kammerspielen und die Chance einer ersten Uraufführung bekam.

Man hört nostalgische Musik vom Grammophon. Das Deutschlandlied mit Sprüngen und das religiöse Lied Ich bete an die Nacht der Liebe, das als Nachtgebet preußischer Soldaten immer noch Bestandteil des Großen Zapfenstreichs der Bundeswehr ist. In diese steife Runde platzt der weiß gekalkte Christian Löber als Kragler tatsächlich wie ein Geist aus einer noch älteren Zeit. Er hat sich in Algier als Leichnam etabliert, doch daheim wird der deutsche Kriegsheld nicht mehr gebraucht. Rüping beginnt nun langsam immer mehr zu abstrahieren. Im zweiten Akt in der Piccadilly-Bar, in der Murk mit den Balickes die Verlobung feiern will, kommen die Stimmen aus einer alten Tonaufnahme vom Band. Später wird großes Drama und Komödie gespielt, wenn sich die Widersacher Murk und Kragler gegenüberstehen, man den Heimkehrer verspottet und Mutter Balicke nach mehr Kirschwasser schreit.

 

Trommeln in der Nacht an den Münchner Kammerspielen 
Foto (c) Julian Baumann

 

Nun wird auch eine Jukebox auf die Bühne geschoben, und Damian Rebgetz in der Rolle des Journalisten Babusch mimt den musikalischen Conferencier des Abends und singt Songs quer durch die Popgeschichte wie Billie Jean, I shot the Sheriff oder When a Man Loves a Woman. Dabei steigt er immer wieder für einen Kommentar oder Gag aus seiner Rolle aus. Nachdem die nachgebauten Brechtkulissen abgeräumt sind, löst Rüping die Rollenzuschreibungen in den Szenen in der Destille des Schnapshändlers Glupp weitestgehend auf. Batterien von Leuchtstoffröhren fahren herunter, und das durchweg starke Ensemble agiert in futuristischen Plastikfolienanzügen. Man skandiert an Mikrofonen Straßenparolen, der Text wird auch mal im Chor gesprochen, und Rebgetz mixt dazu als DJ an den Turntables einen minimalistischen Technosound. Verfremdung modern sozusagen. Da dem Regisseur die Propaganda im Stück so peinlich wie Brecht der Rückzug seines Protagonisten ins Private zu sein scheint, gleitet die Inszenierung nun allerdings immer mehr ins Ungefähre.

Wie würden Sie sich in Zeiten des Umbruchs entscheiden? Die große moralische Frage des Abends wird zwar nicht direkt ausgesprochen, kreist aber über allem, wenn da nicht das Paar Anna und Kragler mit Ansprachen direkt ins Publikum die Bühnenillusion des falschen Happy Ends der Zweisamkeit im Bett zerstören und wie zum Beweis auch noch Teile des Bühnenbilds samt rotem Mond zerschreddert würden. Radikal will hier die Inszenierung sein, so radikal wie Brechts Sprache. Das gelingt dem Regisseur auch in Ansätzen. Der Abend im Ganzen bleibt aber mehr ein rein ästhetischer Versuch Brecht neu zu fassen. Christopher Rüping bietet auch ein zweites, alternatives Ende „nach Brecht“ an, bei dem sich Kragler für den Kampf im Zeitungs-Viertel entscheidet. Doch auch da wird es dem Publikum überlassen bleiben, die richtigen Schlüsse selbst zu ziehen.

***

TROMMELN IN DER NACHT (Kammer 1, 01.01.2018)
Von Bertolt Brecht
Inszenierung: Christopher Rüping
Bühne: Jonathan Mertz
Kostüme: Lene Schwind
Licht: Christian Schweig
Musik: Christoph Hart, Damian Rebgetz, Paul Hankinson
Dramaturgie: Katinka Deecke
Mit: Christian Löber, Damian Rebgetz, Hannes Hellmann, Nils Kahnwald, Wiebke Mollenhauer, Wiebke Puls
Die Premiere war am 14. Dezember 2017 in den Münchner Kammerspielen
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
Termine:
In der Version von Brecht: 04., 22.02.2018
In der Version nach Brecht: 15.02.2018

Infos: https://www.muenchner-kammerspiele.de/

Zuerst erschienen am 03.01.2018 auf Kultura-Extra.

**

*

Gangster, Knarren und Kohlköpfe – Malte Kreuzfeldt inszeniert Bertolt Brechts Hitler-Parabel Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui als große Sigrun-Fischer-Show

Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui am Staatstheater Cottbus
Foto (c) Marlies Kross

Bertolt Brecht wollte sein 1941 im finnischen Exil Exil geschriebene Stück Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui von Erwin Piscator in den USA als parabelhaftes Beispiel für den Aufstieg Adolf Hitlers in Deutschland der 1930er Jahre uraufführen lassen. Obwohl er es auch an die Geschichte des US-amerikanischen Gangsters Al Capone anlegte, stieß der Text auf kein großes Interesse. Die Uraufführung konnte erst nach dem Krieg 1958 in Stuttgart stattfinden. Den Arturo Ui spielte der große Wolfgang Kieling. In der Aufführung des Berliner Ensembles gab Ekkehard Schall ab 1959 über 500 Mal den Ui. Der berühmteste gesamtdeutsche Ui-Darsteller dürfte wohl Martin Wuttke sein, der von 1995 bis zum Ende der Peymann-Ära am Berliner Ensemble in der Rolle des skrupellos nach Macht strebenden Chicagoer Gangsterbosses auf der Bühne stand. Die Heiner-Müller-Inszenierung soll auch unter Oliver Reese wieder ins Programm genommen werden.

In Zeiten rechter, die Massen verführender Populisten steht der Arturo Ui wieder verstärkt auf den Spielplänen der Theater. Pegida und AfD machen Front gegen Flüchtlinge und sogenannte Volksverräter. Am Ort des nun Brechts Parabel aufführenden Staatstheaters Cottbus heißt der Verein der selbsternannten besorgten Bürger „Zukunft Heimat“. Nach Messerattacken zweier jugendlicher Syrer organisierten die Rechten eine Demonstration für einen Aufnahmestopp weiterer Geflüchteter, auf der auch Journalisten beschimpft und attackiert wurden. Die Parallelen zum Schutz anbietenden Gangsterboss Arturo Ui drängen sich also auf, wenn auch historisch gesehen nicht ganz eins zu eins. Was allerdings passt, ist die Besetzung des Ui mit der Schauspielerin Sigrun Fischer. Eine Art Alice Weidel im Hosenanzug mit Zopf und Charlie-Chaplin-Melone. Nicht die erste weibliche Besetzung der Rolle, und auch Regisseur Malte Kreuzfeldt wartete bereits 2014 mit einer Hosenrolle von Shakespeares Richard III. am Schauspiel Chemnitz auf.

Das fügt sich gut, hatte doch auch Brecht nicht nur Al Capone und echte Zeitgenossen Hitlers unter anderen Namen für Uis gewaltsame, die Stadt geschickt erpressende Machtübernahme im Sinn, sondern parodierte in der Szene der Einverleibung der Nachbarstadt Cicero in den Chicagoer Karfioltrust neben Goethes Faust auch den buckligen Königsmörder Richard. Diese die Angliederung Österreichs an Deutschland darstellende Spielszene ist mit das Beste des Abends, aber auch schon so gut wie das Ende einer Inszenierung, bei der Malte Kreuzfeldt Brechts Stück relativ glatt vom Blatt weg spielen lässt. Fischer kann sich hier ein ums andere Mal stark in Szene setzen. Beim Begräbnis des Ignatius Dullfeet (Boris Schwiebert) macht ihr Ui, nachdem er den Sarg ausgeräumt hat, der trauernden Witwe erst einen Antrag und verschafft sich dann die Zusage der Vereinigung mit einer Runde Waterboarding. Zwar erscheinen Ui wie Richard die Toten seines blutigen Aufstiegs, die Furcht hat da aber schon längst ja-sagendes Stimmvieh aus den Bürgern Ciceros gemacht.

 

Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui am Staatstheater Cottbus – Foto (c) Marlies Kross

 

Malte Kreutfeldt lässt den Abend am Cottbuser Staatstheater mit einem Vorspiel aus MPi-Salven zur filmreifen Orchestermusik beginnen. Jede Menge Blumenkohlköpfe rollen über die mit Mulch bedeckte Bühne, und Sigrun Fischer rennt in Zeitlupe zur Rampe, diverse nordamerikanische Städte aufzählend. Am Anfang ist das noch wie ein Traum des mit Minderwertigkeitskomplexen und einem zischenden Sprachfehler belasteten Möchtergern-Gangsters. Am Ende werden weitere Städte der Welt in dieser Aufzählung folgen. Im Stil amerikanischer Gangsterfilme sitzt hier der Browning locker. Man trägt zwar Stiefel statt Gamaschen, ansonsten sind die Kostüme von Katharina Beth den 1930er Jahren nach passend gewählt. Der alte Dogsborough (Rolf-Jürgen Gebert), den die Mitglieder des Chicagoer Karfioltrusts (Boris Schwiebert, Axel Strothmann, Michale von Benningsen) mit einem dicken Aktienpaket bestochen haben, trägt Weiß und hört Arien der Callas. Die Trust-Männer sind wie Manager gekleidet, verdankte doch auch Hitler seinen Aufstieg korrupten Politikern und Konzernen.

Den Prolog des Ansagers teilt Kreuzfeldt auf zwei Mädchen auf, die immer wieder im Stück Teile daraus aufsagen. Das mag eine Konzession an Brechts epischen Stil sein, sonst ist das nur netter Gag, genau wie die Auftritte von Gunnar Golkowski und Thomas Harms als Uis Kumpane Givola und Giri. Letzterer trägt die Hüte der von ihm Umgebrachten übereinander. Die Lehrstunde des kleinen Diktators Ui wird dann ganz zur clownesken Chaplinade mit Reclamheften dem ganzen Ensemble als Schauspielerchor. Hier darf sich Fischer zum ersten Mal als großer Populist auf dem Tisch zeigen. Bedrohlich ernst wird es an diesem Abend dann allerdings erst recht spät.

Bis dahin spult die Regie brav alle Stationen des Stücks ab, vom Pakt mit Dogsborough und dem Karfioltrust über den Lagerhausbrand mit gefaktem Prozess und falschen Zeugen bis zum Verrat und Mord am außer Kontrolle geratenen Roma (Volker Weidlich), der dem Aufstieg des alten Busenfreunds im Wege steht. Im Wege scheinen dem Regisseur auch sein Hang zur großen Oper und die Last der Vorbildern gestanden zu haben. Schon Heiner Müller hielt nicht viel von Brechts Stück. Er hat es als böse Farce mit lauten Showeffekten inszeniert. Leider ist auch in Cottbus trotz starker Hauptdarstellerin und guter Ensembleleistung außer Gangster-Show nicht allzu viel mehr zu sehen.

***

Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui (Staatstheater Cottbus, 27.01.2018)
Stück von Bertolt Brecht
Regie & Bühne: Malte Kreutzfeldt
Kostüme: Katharina Beth
Dramaturgie: Bettina Jantzen
Regieassistenz: Maria Bock
Besetzung:
Arturo Ui: Sigrun Fischer
Ernesto Roma: Volker Weidlich
Manuele Giri: Thomas Harms
Bowl/Giuseppe Givola: Gunnar Golkowski
Dockdaisy/Zeugin/Arzt: Lisa Schützenberger
Butcher/Ignatius Dullfeet: Boris Schwiebert
Caruther/Hook: Axel Strothmann
Flake/Fish: Michael von Bennigsen
Der alte Dogsborough: Rolf-Jürgen Gebert
Grünzeughändlerin/Frau/Betty Dullfeet: Kristin Muthwill
Grünzeughändler/Sheet/O´Casey/Verteidiger: Amadeus Gollner
Der junge Dogsborough/Inna: Moritz Baumert / Jannes Kroß
Mädchen: Mathilde Goetze, Nina Preusche
Die Premiere war am 27.01.2018 im Staatstheater Cottbus, Großes Haus
Termine: 01., 15.02. / 07.03. / 14.04. / 12.05. / 06.06.2018

Infos: http://www.staatstheater-cottbus.de/

Zuerst erschienen am 28.01.2018 auf Kultura-Extra.

**

*

Die Tage der Commune – Berliner Erstaufführung der Originalfassung von Bertolt Brecht aus dem Jahr 1949 durch das Simon Dach Projekttheaters im Theater unterm Dach

Will man über proletarische Revolutionen sprechen, kommt man neben der russischen Oktoberrevolution, die sich gerade zum 100. Male jährt, nicht um die Erwähnung der Pariser Kommune herum, die sich in den Wirren des ausgehenden Deutsch-Französischen Kriegs 1871 ganze 72 Tage hielt, bevor sie von den aus Preußen finanzierten französischen Regierungstruppen blutig niedergeschlagen wurde. Karl Marx grüßte die Pariser Kommunarden aus London und bezeichnete sie als „Himmelstürmer“. August Bebel brachte seine Unterstützung für die Kommune in einer Rede vor dem Reichstag zum Ausdruck. Als frühestes Beispiel für eine rätedemokratische Gesellschaftsorganisation und erste Diktatur des Proletariats von Kommunisten und Sozialisten noch heute verehrt, gilt sie im bürgerlich-konservativen Lager eher als Aufstand des Pariser Mobs, der selbstermächtigt handelte, die Stadt anzündete und Geiseln erschoss. In der Entstehung und im Beginn sind die beiden Ereignisse durchaus vergleichbar. Was sie unterscheidet, ist das Ende.

 

Das Simon Dach Projekttheater zu Gast am Theater unterm Dach

 

Bertolt Brecht sah nach seiner Rückkehr aus dem amerikanischen Exil im geschlagenen Deutschland eine ähnliche Situation und verarbeitete das Scheitern der Pariser Kommune in einer politischen Parabel. Sein 1949 entstandenes Stück Die Tage der Commune stützt sich dabei auf das Lehrstück Die Niederlage des norwegischen Dichters und Kommunisten Nordahl Grieg. Die Übersetzung stammt von Brechts langjähriger Mitarbeiterin Margarete Steffin. Zunächst wollte Brecht mit Griegs Stück sogar das Berliner Ensembles eröffnen. Entschied sich dann nach der Lektüre aber für eine Überarbeitung. Am Text selbst arbeitete maßgeblich Ruth Berlau mit. Brecht bedachte sie in seinem Testament sogar mit der Hälfte der künftigen Einnahmen an dem Stück. Bis zu seinem Tod hat Brecht gemeinsam mit Benno Besson und Manfred Wekwerth den Text immer wieder überarbeitet.

Die Uraufführung 1956 – nach Brechts Tod – in der Regie von Benno Besson in Chemnitz hatte wenig Erfolg. Eine Bearbeitung des Stücks von Manfred Wekwerth und Joachim Tenschert kam 1962 am Berliner Ensemble heraus. Die Inszenierung ist bis heute legendär und wurde 1966 auch für das DDR-Fernsehen aufgezeichnet. Die Neuinszenierung des unabhängigen Simon Dach Projekttheaters (SiDat!), die am 17.11.2017 (auf den Tag genau 61 Jahre nach der Chemnitzer Uraufführung) im Theater unterm Dach ihre Berliner Erstaufführung feierte, fußt wiederum auf Brechts Originalfassung.

Wie SiDat!-Leiter Peter Wittig auf der Website der Theatergruppe mitteilt, wolle man kein Historiendrama spielen, sondern den Rückblick auf vergangene Kämpfe als Vorblick auf die zukünftigen riskieren. Es geht hier also nicht nur um die Würdigung der Pariser Kommune als historisches Ereignis, sondern um die kritische Betrachtung ihrer revolutionären Leistung sowie deren Fehler in Hinblick auf die heutige und zukünftige Zeit. Da ist man in der Tat nah an Brechts Intension.

 

Die Tage der Commune von Brecht im Theater unterm Dach
Foto (c) Linda Loechte

 

Der Dichter schildert die 72 Tage der Kommune aus der Sicht der fiktiven Pariser Familie Cabet aus der Rue Pigalle. Neben Freunden und Nachbarn treten vor allem Kämpfer der rebellierenden Nationalgarde, regierungstreue Liniensoldaten, Offiziere, Bürger und Delegierte der Pariser Kommune sowie historische Persönlichkeiten wie etwa der französische Außenminister Favre, der Ministerpräsident der Nationalversammlung Thiers, der preußische Kanzler Bismarck und der Kommunardenführer Delescluze auf. Brecht hielt sich bei der Darstellung der historischen Fakten an das Buch Geschichte der Commune von 1871, geschrieben vom Journalisten und Teilnehmer an der Pariser Kommune Prosper Lissagaray. Später in Berlin standen ihm auch Material des Historikers Hermann Duncker und Kopien der Protokolle der 31 Sitzungen der Kommune zur Verfügung.

Die Musik zu Brechts Gedichten und Liedern der Commune wurde vom Komponisten Hanns Eisler beigesteuert. Am Theater unterm Dach erklingen einige Orchesterzwischenstücke vom Band, die Lieder wie Resolution (In Erwägung…), Keine oder alle, Margot ging auf den Markt heut früh oder Père Josèphe werden im Chor oder solistisch vorgetragen und von Uwe Streibel am Klavier begleitet. Zusätzlich eingefügt hat Peter Wittig die berühmte Ballade vom Wasserrad (gesungen von Margarete Steinhäuser, der Darstellerin der Madame Cabet), die eigentlich aus Brechts Lehrstück Die Rundköpfe und die Spitzköpfe stammt, dem Regisseur hier aber wegen der Aussage „dass, was oben ist, nicht oben bleibt“ passend erschien.

Die Inszenierung beginnt mit einem musikalischen Vorspiel vom Band, bei dem das Ensemble auf der Bühne steht und auf die Rückwand der Titel der zugrunde liegenden Spielfassung, in Brechts Versuche Bd. 15 abgedruckt, eingeblendet wird. Das ist das Bekenntnis zum Original, dass dann auch relativ ungekürzt vom Blatt gespielt wird. In weiteren Szenen sieht man den Hühnerraub im Café in der Rue Pigalle, die Verteidigung der Kanone durch die Kommunarden, viele weitere Straßenszenen, zahlreiche Sitzungen der im Stadthaus versammelten Kommunarden sowie die Unterredung zwischen Favre und Thiers über die Notwendigkeit der Niederschlagung der Kommune und später die Vereinbarungen zwischen Favre und dem preußischen Kanzler Bismarck über die Freilassung kriegsgefangener französischer Bataillone zum Einsatz gegen die Kommune.

Wittig lässt das durchaus brechtisch spielen. Es kommen Masken für die bourgeoisen Politiker zum Einsatz, die SpielerInnen treten für Erklärungen kurz aus ihren Rollen heraus. Es werden Tafeln mit Losungen gezeigt, Umbau und Kostümwechsel erfolgen auf offener Bühne, und das Publikum wird sogar mit einbezogen beim chorischen Sprechen von Texten oder einem Tänzchen mit dem Ensemble zur Feier der Wahlen. Gemäß Brecht kommt hier auch der kulinarische Genuss nicht zu kurz. Nationalgardist „Papa“, bei Robert Schonk ein beherzter und bezopfter Proletarier mit Bauarbeiterhelm, weiß: „Mein Sohn, man lebt für das Extra. Es muß her, und wenn man Kanonen dafür benötigt. Denn wofür leistet man etwas? Dafür, daß man sich etwas leistet! Prost!“ Das freie Volk macht nun die Gesetze, versteht sich als Arbeitende und Genießende gleichermaßen.

Natürlich kommt man hier zwangsläufig nicht an der Gewaltfrage vorbei, die im Stadthaus auch heiß diskutiert wird. Man ist sich nicht einig, will die errungene persönliche Freiheit zwar schützen, kann sich aber nicht dazu durchringen gegen die nach Versailles geflüchtete Regierung zu marschieren. Doch wie es schon in der Heiligen Johanna der Schlachthöfe heißt: „Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht“, so wird die Uneinigkeit den Kommunarden schließlich zum Verhängnis. Den blutigen Barrikadenkampf gegen die zahlenmäßig überlegenen Regierungstruppen können sie nicht gewinnen.

Der Apfelbaum in der Rue Pigalle blüht hier am Ende in den Kränzen auf den Köpfen der Kommunarden. Man kann das verschiedentlich interpretieren. Als Requiem oder Hoffnungsschimmer. Das steht und fällt mit der Einstellung zum marxistischen Standpunkt Brechts. Und der besteht bei Regisseur Wittig nicht nur aus dem Winken mit der roten Fahne, sondern im konkreten Zusammenspiel des Möglichen mit dem Nötigen. Das ist sicher aus der Sicht heutiger Brecht-Interpretationen des modernen Regietheaters etwas verpönt, undenkbar ist es deswegen nicht. Die Fragen nach Demokratie oder Diktatur, Räteregierung oder bürgerlichem Parlamentarismus, Sozialismus oder sozialer Marktwirtschaft mit Hartz-IV-Regelungen bleiben aktuell.

***

Die Tage der Commune (Theater unterm Dach, 19.11.2017)
Von Bertolt Brecht, Musik: Hanns Eisler
Berliner Erstaufführung der Originalfassung
Vom Simon Dach Projekttheater (SiDat!)
Regie und Ausstattung: Peter Wittig
Musikalische Leitung und Klavier: Uwe Streibel
Choreographie: Nadja Herzog
Regieassistenz: Linda Loechte
Mit: Margarete Steinhäuser, Robert Schonk, Anne Sophy Schleicher,
Markus Riexinger, Maximilian Wrede, Bianca Faber, Jerome Winistädt, Konstantin Klemm, David Hannak, Merlin Delhaes und Peter Wittig
Premiere war am 17. November 2017
Weitere Termine: 23., 24., 25.02.2018
Weitere Infos siehe auch: http://www.sidat-pro.de/

Zuerst erscheinen am 22.11.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Zweimal Amerika / Zweimal Kafka – Mit Dušan David Pařízeks Bühnenversion des Kafkafragments und Christopher Rüpings Sinclair-Lewis-Adaption „It Can’t Happen Here“ fehlstartet das Deutsche Theater in die neue Spielzeit „Welche Zukunft“. Und das Theater Zentrifuge Studio 2 zeigt eine Kafka-Revue zum Saisonstart im Theater unterm Dach.

Samstag, September 30th, 2017

It can’t happen here – Regisseur Christopher Rüping veranstaltet mit den Roman von Sinclair eine poppige Trump-Showin den Kammerspielen des DT

Foto (c) Arno Declair

Der US-amerikanische Schriftsteller und Nobelpreisträger Sinclair Lewis schrieb 1935 angesichts der Machtergreifung Adolf Hitlers in Deutschland einen satirischen Roman, der sich mit der Möglichkeit beschäftigt, dass auch in den USA ein Populist die Präsidentschaftswahlen gewinnen und anschließend die Demokratie aushebeln kann. It can’t happen here (dt.: Das ist bei uns nicht möglich) spielt auf die vorherrschende Meinung intellektueller Kreise an, dass so etwas in einer gefestigten Demokratie eigentlich nicht passieren kann. „Wehre den Anfängen! Zu spät wird die Medizin bereitet, wenn die Übel durch langes Zögern erstarkt sind.“ heißt es in einer, zwar in etwas anderem Zusammenhang entstanden, Schrift des römischen Dichters Ovid. Doch ist dieses „Wehret…!“ zum geflügelten Wort in Sachen Entstehung von Faschismus und Krieg geworden. Die Anfänge richtig zu deuten, mit dieser Problematik tat man sich nicht nur in der Weimarer Republik schwer. Bertolt Brecht hat 1941 im finnischen Exil in seinem Theaterstück Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui versucht, diesen für die Machtergreifung der Faschisten in Deutschland nachzuzeichnen.

Sinclairs Roman, den es bald auch als Theaterstück gab, wie auch Brechts Parabel wurden zu Bestsellern. Dennoch sind Populismus und Nationalismus wieder en Vogue, wie z.B. die Wahlerfolge der rechtsgerichteten AfD in Deutschland und von Nationalisten in Ungarn belegen. Nach der Wahl des mit populistischen, misogynen und xenophoben Aussagen auftretenden Milliardärs Donald Trump zum US-Präsidenten schnellte der Verkauf von Sinclairs Buch in den USA wieder in die Höhe. Der Berliner Aufbau Verlag hat in diesem Jahr eine deutsche Neuauflage herausgebebracht. Ein Interesse an Zusammenhängen scheint gegeben und ist angesichts der nach innen und außen wirkenden Politik der Stärke Trumps nicht von der Hand zu weisen. Weitere Ähnlichkeiten zur aktuellen Wirklichkeit gibt es in der Person des Spin-Doctors Lee Sarason, der im Buch dem schmierigen Provinzpolitiker Buzz Windrip zur Seite steht, zu Steve Bannon, dem ehemaligen Berater Donald Trumps und Chef der rechten Website Breitbart News.

*

Der junge Hausregisseur der Münchner Kammerspiele Christopher Rüping hat nun Sinclairs Roman in eigener Bearbeitung zum Saisonauftakt am Deutschen Theater Berlin auf die dortige Kammerbühne gebracht. Wie bei Rüping üblich, geschieht das in einer spielerisch recht freien Art, bei der zunächst mal der Gegenspieler des wahlkämpfenden Populisten, der liberale Journalist Doremus Jessup in Gestalt des Schauspielers Camill Jammal auf die Bühne tritt und vom Aufmerksamkeitsproblem des Publikums in den ersten Minuten einer Theateraufführung spricht. So schweigt denn alles erst mal 90 Sekunden lang, denn Jammals Jessup hat etwas Wichtiges zu sagen. „Wir müssen zusammen auf die Straße gehen und diese nicht den Rechten überlassen.“ Er spricht von Flüchtlingen und dem, was auf der anderen Seite des Ozeans passiert ist. Gemeint ist Hitler, die Flüchtlinge sind deutsche Emigranten. Doch schnell wird der Redner im Quäkergewand von Schauspielern aus dem Publikum heraus als argumentativer Langweiler betitelt. Seine Gegenspieler sind der redegewandte Lee Sarason (Michael Goldberg) und Oberst Haik (Benjamin Lillie), ein Mann der Tat und Disziplin.

 

Foto (c) Arno Declair

 

Sie treten wesentlich flippiger in neon-farbigen Tigerlook auf und weisen alle Faschismusvorwürfe weit von sich. „Fashion oder Fascho“, das ist hier die Frage. Noch knalliger wird der Auftritt des Kanditen Windrip gezeichnet. Felix Goeser ist zwar im Aussehen nicht Trump, aber die Wahlkampfshow, die hier veranstaltet wird, ist seiner würdig. Er spielt charming das Understatement eines Jungen aus dem Volk, der zwar keine Bildung aber „die angeborenen Fähigkeit, die Sorgen und Ängste des kleinen Mannes zu verstehen“ besitzt. Wohin das zielt ist klar. Das Beiseitedrängen der alten politischen Eliten zu Gunsten des hart arbeitenden amerikanischen Volks. Damit und mit einem 15 Punkteprogramm, das hier wie in einer Las-Vegas-Fernsehshow angepriesen wird, soziale bis populistische Versprechungen enthält, sowie die faktische Entmachtung des Parlaments und des obersten Gerichts zu Gunsten der Macht des Präsidenten, gewinnt Windrup die Wahl. Es gibt Hotdogs zur Wahlparty für Freiwillige aus dem Publikum und erste angekündigte Verhaftungen Unbotmäßiger.

So weit so gut und schlüssig. Aber immer wenn die Regie in die Pop-Trickkiste greift, kann man sich eigentlich fast schon sicher sein, dass nichts sicher ist. Man nennt das auch ironische Brechung. Nur bricht hier eher das recht klare Regie-Konzept, als die Sicherheit, wie mit einem Diktator umzugehen ist, wenn er denn mal an die Macht gekommen ist. Nun ist das mit Heute auch eher schlecht zu vergleichen, obwohl die sogenannten Anfänge sich schon gewaltig gleichen. Der Rattenfang funktioniert hier als großes Pop-Theater mit viel Musik, Tanz und Voice-Changing-Gesang. Die Ansprache geht dabei immer direkt ins Publikum. Wir sind gemeint. Wer kann sich dem entziehen?

 

Neues Spielzeitmotto am DT – Foto: St. B.

 

Was folgt, ist in ganzer Kürze der Abbau der demokratischen Rechte, Verfolgung von sogenannten Staatsfeinden und Verrätern am Volk. Doremus Jessup landet erst im Verhör, bei dem ihm sein ehemaliges „Sozialexperiment“, der zum Folterknecht avancierte Gärtner Shad Ledue (Live-Schlagzeuger Matze Pröllochs) mittels Elektrodrums die Knochen und den Willen bricht und dann im Konzentrationslager, wo er den Verlobten seiner Tochter (Wiebke Mollenhauer in einer Doppelrolle als Sissy Jessup und sächselndem Julian) einen Sympathisanten des Regimes wiedertrifft. Diese kleine Widerstandsgeschichte geht im Tohuwabohu der Kriegserklärungen gegen Mexiko und der Auslöschung des paranoid gewordenen Präsidenten durch seine beiden Helfer fast unter. Sie spielt hier nur soweit eine Rolle, als dass sie die bekannte Wirkungsweise von Diktaturen unterstreichen soll.

Jedoch die Diktatur schnurrt hier schnell zum chargierenden Komödiantenstadl zusammen. Der Spin-Doctor wird zum degenerierten römischen Kaiser im Leopardenfell mit homoerotischen Phantasien und von General Haik in einen Sarg entsorgt. Sinclairs Story wirkt bei Rüping wie ein schlechter Kolportageroman. Etwas antiquiert angehaucht sind die Gegenspieler Jessup und Windrup schon. Beide hängen ihren guten alten Werten nach und verpassen den Anschluss an die Realität. Die heißt bei Rüping Haik. Und Benjamin Lillie bekommt zum Schluss sein Solo als singender Militärdiktator, der sich als knallharter Führer nicht mehr ans Volk ranwanzen muss. Wer will, kann applaudieren oder zur Knarre greifen. Schon wegen der musikalischen Körperverletzung empfiehlt sich letzteres. Wer Hintergründe sucht, sollte lieber Brecht lesen. Auch der ist ganz unterhaltsam.

***

It Can´t Happen Here (DT-Kammerspiele, 20.09.2017)
nach dem Roman von Sinclair Lewis
Regie Christopher Rüping
Bühne Julian Marbach
Kostüme Lene Schwind
Musik Christoph Hart
Licht Thomas Langguth
Dramaturgie John von Düffel
Premiere war am 20. September 2017 in den Kammerspielen des Deutschen Theaters
Es spielen:
Camill Jammal: Doremus Jessup, Journalist
Wiebke Mollenhauer: Sissy Jessup / Julian, ihr Verlobter
Felix Goeser: Buzz Windrip
Michael Goldberg: Lee Sarason
Benjamin Lillie: Oberst Haik
Matze Pröllochs: Live-Musik (Schlagzeug), Shad Ledue, der Gärtner

Termine: 24.09 / 07., 21., 28.10.2017

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 22.09.2017 auf Kultur-Extra.

**

*

„Kolossal gleichgültig“ – Amerika nach Franz Kafka, in einer Inszenierung von Dušan David Pařízek auf der großen Bühne des DT

Foto (c) Arno Declair

Nach der etwas misslungenen Bühnenadaption der Amerikadystopie It Can’t Happen Here von Sinclair Lewis in der Regie von Christopher Rüping in den Kammerspielen des DT folgte nun im großen Haus des Deutschen Theaters eine nicht weniger verunglückte Theaterfassung des Romanfragments Der Verschollene von Franz Kafka. Unter dem Titel Amerika legte Dušan David Pařízek nach Ödon von Horvaths bisher unveröffentlicht gebliebenen Erstling Niemand in der letzten Spielzeit seine zweite Regiearbeit am DT vor. Intendant Ulrich Khuon setzte also zur Eröffnung der neuen Spielzeit unter dem Motto „Welche Zukunft“ wieder auf zwei jüngere Regietalente.

*

Die Zukunft des jugendlichen Helden in Kafkas Amerikaroman sieht recht düster aus. Der amerikanische Traum vom Tellerwäscher zum Millionär läuft für den 15jährigen Neuankömmling Karl Roßmann eher im Rückwärtsgang. Nachdem er unbeabsichtigt das Dienstmädchen Johanna geschwängert hat, wird er von seinen Eltern nach Amerika „beseitegeschafft“, wie es Karls reicher Onkel Jakob in New York zu sagen pflegt, und steigt dort nicht die Erfolgsleiter hoch, sondern erfährt nach einer Odyssee der Quälereien und Erniedrigungen einen tiefen sozialen Abstieg. Eine Geschichte mit durchaus kapitalismuskritischem Ansatz, obwohl es Franz Kafka eher um die bei ihm typischen Motive von Suche nach Anerkennung, Vertreibung, Strafe und Einsamkeit gegangen sein dürfte.

Regisseur Pařízek beginnt den Abend mit seinem Hauptdarsteller auf einer hohen zum Schiffsbug geknickten Wand, auf der Marcel Kohler als Karl Passagen aus dem ersten Kapitel Der Heizer spricht. Schon das hat in seiner Abgehobenheit etwa Klaustrophobisches. Wir lernen Karl als engagierten Jungen kennen, der sich für den seiner Meinung nach zu Unrecht schlecht behandelten Heizer einsetzt, aber auch besserwisserische und nationalistische Attitüden besitzt. Durch seinen prinzipienfesten Onkel (Ulrich Matthes) wird er examiniert, ins Geschäft eingeführt und später dann unerwartet verstoßen. Der beginnende Abstieg deutet sich beim Besuch im Landhaus des Bankiers Pollunder (Edgar Eckert) an, wo sich Karl nun selbst durch dessen Tochter Clara (Regine Zimmermann) und deren Verlobten Mack (Frank Seppeler) unrecht behandelt fühlt.

 

Franz Kafkas Zeichnung Mann am Tisch von 1905

 

Das sind zum Teil schon recht seltsam steif gespielte Momente, vor Wänden mit dunklen Parkettmustern, die Pařízek wieder als Fläche für Videoprojektionen von Texten und Bildern benutzt. Als kleine Kafka-Reminiszenz versucht sich Karl auf eine Schatten-Projektion mit Tisch und Stuhl zu setzen und stellt so etwas linkisch die bekannte, frühe Kafka-Zeichnung Der Mann am Tisch nach. Eckert, Matthes, Seppeler und DT-Rückkehrerin Zimmermann spielen in wechselnden Rollen alle, Karl auf seinem Weg begegnenden Figuren wie die Landstreicher Robinson und Delarmarche, die Karl auszunutzen versuchen, und später in roter Lift-Boy-Livree die Angestellten im Hotel Occidental.

Es wird zur Figurenzeichnung mit verschiedenen Akzenten gesprochen, wohl auch um darzustellen, dass es sich hier ebenfalls fast ausschließlich um ehemalige Einwanderer aus Österreich, Irland, Frankreich oder Osteuropa handelt. Ansonsten spult die Inszenierung die Stationen recht bieder ohne große Handlungshöhepunkte ab. Bezeichnend sind nur die immer wiederkehrenden Verdächtigungen, Verhöre und Demütigungen Karls bis zur körperlichen Maßregelung nach seinem Vergehen als Lift-Junge. Die Inszenierung wirkt trotzdem merkwürdig ziellos. Wenige komische Szenen versuchen die zähe Handlung etwas zu lockern, wie etwa eine schaumreiche Badezuber-Szene bei der Sängerin Brunelda. Regine Zimmermann lässt bei allen ihren Frauenfiguren die Fassetten ihres darstellerischen Könnens aufblitzen. Sie gibt nacheinander die sportliche Verführerin, mütterliche Beschützerin und ordinäre Tyrannin. Und auch die männliche Darstellerriege will ihr da in nichts nachstehen.

 

Foto (c) Arno Declair

 

Pařízek hat aus dem Roman eine fast durchgängige Dialogfassung erarbeitet. In nur wenigen epischen Passagen kommt Kafkas Darstellung der unpersönlichen, amerikanischen Alptraumwelt zum Ausdruck, in der Individuen wie Maschinen arbeiten. Auch die von Karl auf der Straße beschriebenen Massenszenen der Wahlkampfrede des Kandidaten erreichen keine nennenswert kafkaeske Wirkung. Kohler faselt hier irgendwann englische Trump-Zitate und wird dann weggerissen.

Es braucht bis zum Ende, wenn alle Wände gefallen sind und sich die Bühne öffnet, dass der Regisseur in einem großen Showfinale mit Musik, in dem das „Naturtheater von Oklahoma“ proklamiert wird, etwas zu Witz findet. Pařízek ironisiert hier die Kunstwelt selbst, in der jedem suggeriert wird, gebraucht und etwas werden zu können. Das Ensemble tritt hier in goldenen Kostümen mit Engelsflügel auf und Ulrich Matthes spielt den Ausrufer im Fummel. Er singt „Suicide Is Painless“ aus der US-Fernsehserie MASH, bekanntgeworden auch durch die Manic Street Preachers. Letztendlich ist auch das nur eine verlogene, jenseitige Scheinwelt und „kolossal gleichgültig“. Karl wird als Schauspieler gecastet und eingestellt. Oder auch wieder nur eingeseift. Das hat man schnell begriffen, was diesen gut 130 Minuten langen Abend aber auch nicht mehr wirklich groß macht.

***

Amerika (27.09.2017, Deutsches Theater)
nach dem Roman Der Verschollene von Franz Kafka
in einer Fassung von Dušan David Pařízek
Regie und Bühne: Dušan David Pařízek
Kostüme: Kamila Polívková
Musik: Marcel Braun
Licht: Cornelia Groth
Dramaturgie: Birgit Lengers
Mit: Marcel Kohler, Ulrich Matthes, Regine Zimmermann, Frank Seppeler, Edgar Eckert
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause
Premiere war am 27.09.2017 im Deutschen Theater Berlin
Termine: 01., 07., 21., 26.10.2017

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 29.09.2017 auf Kultura-Extra.

**

*

Das Theater Zentrifuge Studio 2 untersucht in dem szenisch-choreografischen Versuch KKAAFFKKAA oder …du hast mich dir anders vorgestellt… die inneren Gefühls- und Lebenswelten des Schriftstellers Franz Kafka

KKAAFFKKAA oder …du hast mich dir anders vorgestellt… vom Theater Zentrifuge Studio 2 im Theater unterm Dach – Foto (c) Charlotte Müller

Franz Kafka bewegt als faszinierender Autor, eigenwilliger Mensch und selbst auch als literarische Figur unentwegt gleichermaßen VertreterInnen der schreibenden Zunft, der bildenden Künste, des Theaters und des Films. Seine psychologisch verschachtelten Erzählungen und Romane geben noch heute der Leser- wie der Literaturwissenschaft Rätsel auf. Vieles davon lässt sich unmittelbar auch aus seiner Biografie ableiten. So ist auch der als szenisch-choreografischer Versuch über Franz K. untertitelte Theaterabend KKAAFFKKAA oder …du hast mich dir anders vorgestellt… vom Theater Zentrifuge Studio 2 im Theater unterm Dach als eine „Folge von poetischen, traumhaften und grotesken Bildern als Annäherung an Kafkas Lebensgefühl, seine Grundkonflikte und seine innere Welt“ angelegt.

Es ist eine musikalischer Reigen und szenischer Bilderbogen quer durch Motive schwieriger Liebes- und Familienbeziehungen, die Kafkas recht kurzes Leben durchziehen und aus etlichen Biografien, Briefen und Tagebuchaufzeichnungen des Schriftstellers bekannt sind, aber auch immer noch viel Raum für Interpretationen lassen. Schon im Titel, der aus einem der zahlreichen Briefe Kafkas an Milena Jesenská stammt, spiegelt sich diese ganz verschiedene Sicht auf Kafkas Leben, das durch eine große Unsicherheit, viele Selbstzweifel und eine innere Zerrissenheit Kafkas geprägt ist.

Die Inszenierung der Regisseurin Katarzyna Makowska-Schumacher trägt dem mit gleich drei Kafka-DarstellerInnen (Kenneth Philip George, Josephine Nahrstedt und Orlando Schiavone) Rechnung. Gleich zu Beginn laufen Kenneth Philip George und Orlando Schiavone in einem kafkaesken Hase-und-Igel-Spiel zur Klavierbegleitung von Bardo Henning vor sich selbst davon. Überhaupt steht das musikalische und tänzerische Element des Abends im Vordergrund. Die anderen DarstellerInnen verkörpern in einem unentwegten Reigen Figuren aus Kafkas Leben wie die Mutter, den dominanten Vater und Kafkas gescheiterte Liebschaften Felice Bauer und Milena Jesenská.

 

KKAAFFKKAA oder …du hast mich dir anders vorgestellt… vom Theater Zentrifuge Studio 2 im Theater unterm Dach
Foto (c) Charlotte Müller

 

Sich selbst bezeichnete Kafka als glaubenslosen Westjuden, wie er in einem anfänglichen Verhör aus dem Off auf Fragen zu seiner Person antwortet. Zum Beruf gibt er nach „Versicherungsangestellter“ zögerlich auch „Schriftsteller“ an. Die allgemeine Anklage lautet auf: „hemmungsloser Selbstgenuss des Schreibens, Absonderung von der Menschheit“. Das nächtliche Schreiben war für Kafka eine Art Befreiungsakt aus den bürgerlichen Zwängen des Alltags. „Jeder Mensch trägt ein Zimmer in sich.“ schreibt Kafka in einem Fragment aus dem Jahr 1917. Aber immer wieder empfindet Kafka auch Scham über seine innere „Rumpelkammer“ (Prügler-Kapitel in Der Prozess). Kafka dürfte, geprägt u.a. durch die Über-Vaterfigur, zeitlebens schwer traumatisiert gewesen sein. Des Vaters „Ich zerreiße ihn wie einen Fisch“ ist an diesem Abend mehrfach vom Vater-Darsteller Karl Jordan zu hören, dem ein beschwichtigendes „Hermann, bitte“ der Mutter (Martha Freier) folgt. Kafka arbeitete sich mit seinem bekannten Brief an den Vater daran ab.

Der Abend bildet in Kafka-Zitaten, kleinen Varieté- und Clowns-Nummern oder Traumsequenzen (beispielsweise einer Hochzeit mit Klezmer-Musik) ein lebendiges Psychogramm des Schriftstellers. Wie in sprechenden Bilderrahmen und Schattenrissen hinter Papierwänden werden die prägenden Figuren seines Lebens ausgestellt. In seinen Tagebüchern berichtete Kafka von den Einflüssen dieser Personen und seiner Erziehung, die ihm geschadet habe. Man sieht immer wiederkehrende Motive und Symbole aus Kafkas Texten wie den Apfel, den die Milena-Figur (Sophia Berndt) bei sich trägt. Felice (Hannah Prasse) hält ein Leporello aus Briefen oder die Eltern Tarot-Karten in den Händen.

Die Inszenierung widmet sich recht naiv, zirzensisch leicht und ohne bestimmte Deutung der Biografie Kafkas, vermittelt allerdings dabei auch kaum Neues. Vieles im Leben Kafkas bleibt weiterhin offen und bietet Raum für Spekulationen, was letztendlich auch den Reiz an seiner Figur ausmacht.

***

KKAAFFKKAA oder …du hast mich dir anders vorgestellt…
Szenisch-choreografischer Versuch über Franz K.
Vom Theater Zentrifuge Studio 2
Regie/Dramaturgie: Katarzyna Makowska-Schumacher
Choreografie: Max Makowski
Bühne: Andre Putzmann
Musik live: Bardo Henning
Musik: golden ratio
Licht: Juri Rendler
Projektionen: Rico Mahel
Off-Stimme: Elias Arens
Es spielen:
Kenneth Philip George: K1
Josephine Nahrstedt: K2
Orlando Schiavone: K3
Martha Freier: Kafkas Mutter Julia
Karl Jordan: Kafkas Vater Hermann
Sophia Berndt: Milena
Hannah Prasse: Felice/ Mädchen
Berlin-Premiere war am 3. Februar 2017 im Theater unterm Dach Berlin

Infos: http://www.theateruntermdach-berlin.de/spielplan.html

Zuerst erschienen am 04.09.2017 auf Kultura-Extra.

__________

Der Auftrag und Der Horatier – Zweimal Heiner Müller in Berlin

Freitag, Dezember 16th, 2016

___

Der Auftrag – Mirko Borscht inszeniert am Maxim Gorki Theater Heiner Müllers Erinnerung an eine Revolution als fernen Krieg der Welten

Die Knotenpunkte des politischen Koordinatensystems an Berliner Theatern heißen in diesem Herbst Bertolt Brecht, Peter Weiss und Heiner Müller. Mit mehr oder minder großem Erfolg versuchte man sich z.B. mit Brecht und Weiss im HAU und DT an der Wiederbelebung von deutscher Geschichts- und Revolutionsdramatik. Das Maxim Gorki Theater zieht nun mit Heiner Müller nach. Mirko Borscht inszeniert Der Auftrag – Erinnerung an eine Revolution. Das ist einerseits immer ein Blick zurück in die Vergangenheit, anderseits aber auch einer nach vorn in die Gegenwart und Zukunft. So heißt es in Brechts Fatzer: „Wie früher Geister kamen aus Vergangenheit / So jetzt aus Zukunft ebenso.“ (Müller erarbeitete bekanntlich eine Fassung des Fragments). Man kann sie als Wiedergänger vergangener Kämpfe betrachten wie auch als düstere Boten aus der Zukunft, in der der Mensch dem „Krieg der Landschaften“ gewichen ist. Müller beschreibt das Warten auf die Revolution als Zeitschleife, eine Wiederkehr des immer Gleichen, allerdings unter anderen Umständen. Die Differenz dient „der Sprengung des Kontinuums“. Zumindest das scheint Mirko Borscht verstanden zu haben.

der-auftrag_gorki_foto-c-esra-rotthoff

Foto (c) Esra Rotthoff

Ansonsten verortet der Regisseur Müllers Figuren mal wieder konsequent in der Zukunft oder einem imaginären Transitraum im Nirgendwo, der hier wie eine Business-Lounge einer Abflughalle aussieht – mit einem futuristischen Aufzug in der Mitte, über dessen Schiebetür der Maschinenmensch aus Fritz Langs Metropolis flimmert. Borscht zitiert hier vermutlich unbeabsichtigt ein Thema der musikalischen Lecture-Performance Müller in Metropolis, die andcompany&Co Anfang des Jahres anlässlich des Heiner-Müller-Festivals im HAU aufgeführt hatten. „As a sleeper in Metropolis / You are insignificance” singt da Anne Clark. Müller als kühler Kybernetiker einer Zukunftsvision, in der der Mensch sich von der Bedeutung seiner Geschichte befreit. Im Gorki wird aber eher auf die Trennung der Gesellschaft in oben und unten abgezielt. Das alte Thema von Sklave und Herr.

Müller Stück spielt das diskursiv durch. Im Auftrag des jakobinischen Konvents der Französischen Revolution landen Debuisson, Sohn eines Großgrundbesitzers, der bretonische Bauer Galloudec und der schwarze Sklave Sasportas auf Jamaika, um einen Sklavenaufstand gegen die Briten im Namen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu organisieren. Der Westimport einer Revolution, die noch vor der Ankunft der drei Emissäre in Port Royal durch einen Staatsstreich des Generals Napoleon beendet wurde. Debuisson wechselt die Seiten, während Sasportas gehängt wird und Galloudec in Gefangenschaft stirbt. Der Auftrag scheint obsolet und wird von Galloudec in einem Brief an den Absender zurückgegeben. Heute importiert der Westen immer noch gern Freiheit und Demokratie, während Gleichheit und Brüderlichkeit weiterhin nicht besonders hoch im Kurs stehen.

Nachdem zu Beginn schon die Briefzeilen Galloudecs das Ende wie aus einem fernen Lautsprecher vorwegnehmen, wird die Exposition des Stücks nochmal szenische durchgespielt. Widerwillig nimmt Susanne Meyer als Bürger Antoine in graublauem Anzug den besagten Brief vom syrischen Schauspieler Ayham Majid Agha entgegen. Ein Zeichen, dass auch an anderen Ecken der Welt heute Revolutionen am Desinteresse Europas scheitern. Ansonsten sitzt er nur leidend am Rand. Daneben holt Till Wonka als Debuisson die Leichen von Galloudec (Aram Tafreshian) und Sasportas (Falilou Seck) aus dem Fahrstuhl und wäscht sie. Der bürgerliche Intellektuelle in Abwartehaltung frischt alte Erinnerungen auf, bis diese beginnen ihm an die Wäsche zu gehen.

Das ist hier v.a. ein Spiel mit der „Maske der Revolution“, die Debuisson für seinen Auftrag gar nicht braucht. Er spielt sich selbst, während im „Theater der weißen Revolution“ Galloudec und Sasportas laut Büchners Danton persiflierend mit ihren Pappköpfen aneinandergeraten. Der Herr und Ausbeuter bleibt nach zweifachem Verrat was er ist. Weiß ist die Farbe der Regression. Der Griff nach dem Fleischtopf, wie Sasportas abschätzig bemerkt, ist seine Revolution. Debuisson sinkt in die Arme seiner alten Liebe (Cynthia Micas) und erteilt den anderen eine zynische Absage. Sasportas Maske ist dagegen seine schwarze Haut, die er nicht abstreifen kann. Seine Heimat bleibt der Aufstand. Nur kann er sich mit dem anderen Abgehängten, dem Bauern Galloudec, nicht über das Wie verständigen.

Die Kapitalismuskritik ist dem Stück sozusagen eingeschrieben als einem Kampf der „Neger aller Rassen“ (hier obsiegt Müller über die sonst auf Political Correctness achtende Textfassung des Gorki-Teams), was dem global operierenden Kapital eine neue, global denkende Solidarität entgegensetzen soll. Das ist gerade heute im Angesicht erstarkender rechtsnationaler Kräfte dringend geboten, wenn auch nur schwer vermittelbar. Die rebellischen Puppen werden wieder eingemottet. Dazu singt die Musikerin Romy Camerun „People lust for fame like athletes in a game“ aus Nina Simons Stars und andere Jazzklassiker zur eigenen Klavierbegleitung. Leider hebt dabei die ansonsten eher flügellahme Bodencrew nicht wirklich ab. Auch im recht eintönig im Müller-Stil von Ruth Reinecke vorgetragenen Subtext Der Mann im Fahrstuhl als Angstraum des postkolonialen weißen Mannes ist die globale Dimension des Stücks nur rein textlich fassbar. Der Engel der Verzweiflung ist ganz gestrichen.

*

In dieser recht braven Müller-Inszenierung vermittelt Till Wonkas Debuisson zum Ende hin an der Rampe nochmals seine „Angst vor der Schande, auf dieser Welt glücklich zu sein.“ Das verdeutlicht natürlich die Haltung des westlichen Bildungsbürgers als Bankrotteur, der sich selbst aus dem Auftrag entlassen hat. Damit legt Borscht aber nur kurz den Finger in die Wunde. Wie bankrott sind heute Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wirklich bzw. worin könnte noch so etwas wie ein Auftrag bestehen? Und was hindert uns daran ihn anzunehmen? Zum Thema globale Solidarität weiß die Inszenierung keine Antwort und zementiert damit den Status Quo. Und das, obwohl z.B. der französische Soziologe Didier Eribon mit seinen Thesen über die Rolle der linken Intellektuellen und das Verschwinden der Arbeiterklasse gerade in der öffentlichen Debatte steht. Für das sich so international gebende Gorki Theater ist das eher ein Armutszeugnis.

***

Der Auftrag
Erinnerung an eine Revolution
Von Heiner Müller
Regie: Mirko Borscht
Bühnenbild: Christian Beck
Kostüme: Elke von Sivers
Musik: Romy Camerun
Video: Hannes Hesse
Dramaturgie: Holger Kuhla
Mit: Ayham Majid Agha, Romy Camerun, Susanne Meyer, Cynthia Micas, Ruth Reinecke, Falilou Seck, Aram Tafreshian, Till Wonka
Premiere war am 10.12.2016 im Maxim Gorki Theater
Termine: 07. und 09.01.2017

Infos: http://gorki.de/de/der-auftrag

Zuerst erschienen am 12.11.2016 auf Kultura-Extra.

**

*

Spiel mit der „unreinen Wahrheit“ – Die Agentur für Anerkennung versucht mit Heiner-Müllers Horatier-Text eine Selbstbefragung im Theater unterm Dach

Der Horatier im Theater unterm Dach - Foto (c) Kamil Rohde

Der Horatier im Theater unterm Dach
Foto (c) Kamil Rohde

Der Horatier, 1968 nach der Niederschlagung des Prager Frühlings entstanden, gehört zu den Mythen-Stücken Heiner Müllers. Der Dramatiker greift in diesem relativ kurzen Versepos die antike Legende des römischen Patriziergeschlechts der Horatier auf und wandelt sie lehrstückhaft ab. Im Streit der Städte Rom und Alba um die Führung im Krieg gegen die Etrusker kommt es zu einem Entscheidungskampf, der zwischen zwei ausgelosten Vertretern der beiden Städte entschieden werden soll. Ein Horatier aus Rom kämpft gegen einen aus der Familie der Kuriatier aus Alba und tötet den bereits Verwundeten, obwohl dieser angibt, mit der Schwester des Horatiers verlobt zu sein. Beim triumphalen Einzug des Siegers in Rom tritt ihm seine Schwester entgegen und trauert um ihren toten Verlobten. Aus Zorn über ihre vermeintliche Untreue gegen Rom tötet sie der Horatier. Der Held wird zum Mörder „ohne Notwendigkeit“. Es werden hier im Grunde zwei Themen durchgespielt. Was wiegt schweren: Der Verdienst oder die Schuld? Ein vor allem moralisches Dilemma. Um dies zu entscheiden, wird das zunächst dem Helden zujubelnde, im Kampf gegen den Feind geeinte Volk Roms aufgefordert, mit „einer Stimme“ zu sprechen. Müllers Ziel ist nicht nur die kollektive Rechtssprechung durch das Volk, sondern auch die Anerkennung der „unreinen Wahrheit“, das Kenntlichmachen der Dinge und ihrer Widersprüche. Schuld und Verdienst sind gleich zu benennen.

Die Agentur für Anerkennung führt das in einer Art Spiel auf. Die einzelnen Ensemblemitglieder müssen zum Thema eigene Geschichten vortragen, wobei die anderen über den jeweiligen Verdienst oder die Schuld des Erzählenden entscheiden müssen. Belohnt wird mit einem Luftballon, abgestraft mit dem Zusammenkleben von Armen oder Beinen mit Paketband. Da gibt es ganz banale Berichte, etwa aus der Kindheit von Homa Faghiri, die dem großen Bruder mal eins ausgewischt hatte, oder von Fabian Neupert, der einmal einen Schwarm Fruchtfliegen mit dem Staubsauger beseitigte. Katharina Merschel musste, um zu den Proben von Brüssel nach Berlin zu gelangen, den Flieger nehmen, was schlecht für ihr CO²-Charma ist. Schon schwieriger wird es, wenn Darinka Ezeta davon erzählt, wie sie ihren gewalttätigen Vater gegen eine Glastür rennen ließ, oder dass Ayham Hisnawi für die geplante Flucht als Bootsführer nach Europa die Familie in Syrien zurücklassen musste.

 

 

Der Horatier im Theater unterm Dach - Foto (c) Kamil Rohde

Der Horatier im Theater unterm Dach – Foto (c) Kamil Rohde

 

So reflektiert man in kurzen Stücksequenzen, die mit „Text“, „Handlung“, „Verdienst oder Schuld“ und „Zukunft“ überschrieben sind, das eigene Verhalten anhand von Erlebnissen oder berichtet aus dem Probenprozess und prüft dabei Müllers Stück auf seine heutige Tragweite. Dass dabei nicht nur dröge Textexegese herauskommt, dafür sorgen ein schnell wechselnder Spielablauf und immer wieder die Hinterfragung bestimmten Thesen, die sich für das Ensemble bei der Beschäftigung mit dem Stoff ergaben. Neben Selbstbefragungen wie etwa wen man heute für eine Idee opfern würde oder welche Ideale man selbst schon verraten hat, stehen Fragen, wie das Volk den Mächtigen vertrauen oder sich vor ihnen schützen kann? Wer ist überhaupt das Volk, was macht es gewalttätig, und gibt es überhaupt einen Staat, der nicht auf Gewalt gründet? Um all diese Fragen kreist die Inszenierung beständig, bevor auch Heiner Müllers Stück auch noch in Gänze zur Aufführung kommt.

Und hier bleibt dann das Ensemble chorisch mit einer Stimme werktreu am pathetischen Verstext Müllers, kämpft mit Stöcken, ehrt den Helden und straft den Mörder anhand von starren Puppen, denen man den Lorbeerkranz aufsetzen oder die Glieder ausreißen kann und deren Luftballonköpfe mit blutrotem Flitter platzen. Mutet einem dieses Gleichnis aus archaischen Mythen und kraftstrotzenden Worten auch heute etwas fremd an, so kann man doch deren Wirkung auf die Massen in Zeiten populistischer Volksversprechungen gut nachvollziehen. Ein Lehrstück auf Ideologien und falsch verstandenen Nationalstolz, das im Schlussteil seine Warnung vor der Mythenbildung durch das bewusste Verschweigen von Anteilen der Schuld oder des Vierdienstes eines Menschen offenbart. Ist der Mensch auch unteilbar, so trägt er stets auch Widersprüche in sich. Berichtet Müllers Stück, das laut Ensemble keine Gnade kennt, auch nicht von einer greifbaren heutigen Utopie, so ist es dann vielleicht doch die, das der Mensch in seiner Fehlbarkeit ein ewiges und einziges Projekt bleibt.

***

DER HORATIER (Theater unterm Dach, 24.11.2016)
von Heiner Müller
Konzept: Agentur für Anerkennung
Regie: Reto Kamberger
Ausstattung und Dramaturgie: Ute Lindenbeck
Chor: Anna Dieterich
Mit: Darinka Ezeta, Homa Faghiri, Ayham Hisnawi, Katharina Merschel und Fabian Neupert
Premiere war am 24. November 2016.
Weitere Termine: 17., 18. 12. 2016 // 14., 15. 1. 2017

Weitere Infos siehe auch: http://www.theateruntermdach-berlin.de

Infos: www.anerkennungen.net

Zuerst erschienen am 25.11. 2016 auf Kultura-Extra

__________

Aktuelles, unabhängiges russisches Theater beim Russischen Theaterfrühling 2016 im Berliner Herbst

Dienstag, November 8th, 2016

___

russischer-theaterfruehling_plakatZum zweiten Mal schon gibt es den Russische THEATERFRÜHLING in Berlin. In diesem Jahr allerdings im trüben Spätherbst, was die Kuratorin des Festivals, Anna Sarre, mit heißer, experimenteller und aktueller Theaterkunst aus Russland wettmachen will. Und so waren und sind vom 28. Oktober bis 8. November 6 spannende, in Russland viel diskutierte Produktionen von alternativen Theaterhäusern aus der Saison 2015/16 in den Berliner Off-Spielstätten Theaterforum Kreuzberg, Theater unterm Dach und Kühlhaus am Gleisdreieck zu sehen…

*

24+ vom Teatr.doc aus Moskau und Der Brodsky-Prozess vom Theaterprojekt Offene Szene St. Petersburg

Seit einigen Jahren von der Schließung und anderen staatlichen Repressionen bedroht, ist das kleine Moskauer Teatr.doc immer mal wieder in den hiesigen Kultur-Schlagzeilen vertreten. Die mit einer Satire über Kremlchef Wladimir Putin oder einem gesellschaftskritischen Stück über das Geiseldrama in Beslan politisch sehr aktive, unabhängig und nicht-kommerziell produzierende Dokumentartheaterbühne zeigt auch in diesem Jahr beim Russischen Theaterfrühling wieder ein bereits beim renommierten Theaterfestival „Goldene Maske“ gelaufenes Stück, das für viele Diskussionen in der Theatersaison 2015 gesorgt hat. Regisseur Michael Ugarow, künstlerischer Leiter und Mitbegründer des Theaters, wollte zum Festival nach Berlin kommen, wurde aber an der Grenzkontrolle in Moskau abgewiesen und an der Ausreise nach Deutschland gehindert. Genaue Hintergründe dieses Verbots sind allerdings noch nicht bekannt.

Im Stück 24+ sprechen 5 junge russische Twenty-Somethings über ihre Paarbeziehungen. Die sexuellen Beichten eines Ehepaars über ihre Leidenschaften, verschiedene Formen der Eifersucht und des Fremdgehens werden ergänzt durch die ausschweifenden Berichte des jüngeren Liebhabers der Frau, einer weiteren Freundin und Geliebten sowie der Ex des Mannes. Das mit Meisterschülern der Moskauer Schule für Neues Kino besetzte Ensemble spricht abwechselnd die selbst erarbeiteten, zum Teil autobiografischen Monologe mal stehend, mal auf Stühlen sitzend frontal ins Publikum. Die recht offen vorgetragenen Geschichten vom Kennenlernen, über den ersten Sex und Beziehungsstress bis zum Liebeskummer nach der Trennung wirken dabei recht authentisch und wie frisch improvisiert.

 

24+ - (c) teatr.doc

24+(c) teatr.doc

 

Aber so wie die beiden männlichen Kontrahenten zunächst noch in ihrem Machogehabe und den nicht ausbleibenden Schwanzvergleichen festhängen, kommt leider auch das spielerische Element in dieser recht einseitigen Darstellungsweise nicht richtig von der Stelle. Man kommt sich mit der Zeit ein wenig wie bei einer Gruppensitzung beim Paartherapeuten vor. Bevor die Sache allerdings zu sehr ins Depressive umschlägt, lassen das Ehepaar in der Krise und der Liebhaber der Frau die Hüllen fallen und steigen zur gemeinsamen Ménage à trois ins große Doppelbett auf der kleinen Bühne im Theaterforum Kreuzberg. Während das starke Geschlecht noch darüber nachdenkt, was ein Mann ist, sieht die Frau schon einer neuen, beruflichen Karriere entgegen. Man denkt sogar über eine neue Weltordnung ohne den leidigen Wettbewerb nach.

Wie jede schöne Utopie scheitert aber auch dieses interessante Beziehungsexperiment an zu hohen Ansprüchen und dem hierarchischen Besitzdenken der Beteiligten. Der jugendliche Liebhaber flieht und macht sich mit dem Zug auf eine Selbsterfahrungsreise nach Sibirien, während ihm der daheimgebliebene Rest sehnsuchtsvoll den Anrufbeantworter vollquatscht. Zumindest ein Anfang für Neues scheint gemacht. Was in der neuen Prüderie Russlands sicher ein Aufreger par excellence ist, kann hier allerdings in dieser Beziehung nicht so recht punkten. Wirklich langweilig wird es Dank des engagiert spielenden Ensembles trotz der fast zwei Stunden Dauer aber nie.

**

Um die unbedingte Liebe und Leidenschaft zur Kunst geht es in dem Stück Der Brodsky-Prozess, das das Theaterprojekt Offene Szene St. Petersburg im Berliner Theater unterm Dach aufführte. „Am Ende wird uns die Kunst das Wichtigste gewesen sein“, sagte der jüdisch-russische Dichter und spätere Literatur-Nobelpreisträger Joseph Brodsky (1940-1996) in seinem letzten Interview. Da lebte er fast schon 25 Jahre im Westen, die meiste Zeit davon in den USA. Als Juden, russischen Dichter und amerikanischen Staatsbürger bezeichnet sich Brodsky im nicht ganz freiwilligen Exil. Als Schriftsteller wollte er sich durch kein politisches System definieren lassen. Mit dieser Einstellung bekam der im damaligen Leningrad geborene Lyriker bereits Anfang der 1960er Jahre Schwierigkeiten mit dem sowjetischen Staat. Man stellte Brodsky 1964 als „Müßiggänger“ und „Parasiten“ vors Gericht und verurteilte ihn zu 5 Jahren Zwangsarbeit, von denen er allerdings nach internationalen Protesten nur 18 Monate ableisten musste. 1971 wurde Joseph Brodsky aus der Sowjetunion ausgebürgert. Die hanebüchenen Prozessakten waren Grundlage für das Theaterstück.

 

Der Brodsky-Prozess - (c) openstage.spb

Der Brodsky-Prozess (c) openstage.spb

 

Und so stellt das 7köpfige Ensemble aus St. Petersburg diesen Prozess auch nicht realistisch nach, sondern als geschminkte Clowns in einer bunten Hochzeits-Farce. Brodsky ist beileibe kein russischer Biermann. Seine Lyrik ist eher an Rilke, dem US-amerikanische Dichter W. H. Auden, oder seinen russischen Vorbildern Ossip Mandelstam und Marina Zwetajewa geschult. Man bezeichnete ihn auch als „poetischen Mystiker“. Wegen seiner immer ein wenig düster melancholisch, in verrätselten Metaphern geschriebenen Lyrik, wurde Brodsky 1961 in einem abwertend mit Literatur-Drohne überschriebenen Artikel der Zeitung Vecerni Leningrad der Dekadenz und des Formalismus bezichtig.

Die Schauspieler sitzen um einen Tisch herum und lesen aus diesem Artikel vor. Sein Lebenswandel mit angeblich zwielichtigen Freunden wird dabei scharf kritisiert. Wegen seiner häufig wechselnden Gelegenheitsjobs, mit denen sich der Dichter durchschlagen muss, wirft man ihm Schmarotzertum vor. Dagegen werden immer wieder wechselnd Texte und Dichtungen aus dem frühen Werk Brodskys vorgetragen. Etwa so bekannte Gedichte wie The Jewish cemetery near Leningrad; Fishes in winter oder Geh nicht aus dem Zimmer. Immer noch sind nicht alle seine Gedichte ins Deutsche übersetzt.

Der eigentliche Prozess vollzieht sich mit reichlich Wodka, einer betrunkenen Richterin im Hochzeitskleid und den Ausführungen von Zeugen der Anklage und einigen Befürwortern Brodskys als feuchtfröhliche Clownerie. Eindrucksvoll ist dabei die eigen Verteidigung des Dichters, dem man abspricht, Werte zur Entwicklung der sowjetische Gesellschaft zu schaffen, und der sich dafür rechtfertigen muss, wer ihn denn als Dichter berufen habe. „Und wer hat mich ins Menschengeschlecht eingereiht“, ist seine Antwort. Schließlich wird Brodsky, der hier keine feste Rollenzuschreibung hat und von allen mal dargestellt wird, abgesprochen, ein nützlicher Bürger zu sein. Das Urteil steht fest. In Zeiten, da die Kunst ihren Sinn und Nutzen wieder rechtfertigen muss und unbequemes Denken verdächtig ist, kann man nicht oft genug auf die Vergangenheit verweisen.

***

24+ (Theaterforum Kreuzberg, 31.10.2016)
Von Michael Ugarow, Maksim Kurotschkin
Synchronübersetzung von Alexej Kharetdinov
Regie: Michael Ugarow, Alexej Schirjakov
Mit: Anton Iljin, Alexej Ljubimow, Anastasia Slonina, Nikolaj Mulakow, Marina Ganach, Lisa Witkowskaja und Daria Baschkirowa
Teatr.doc Moskau, 2015

DER BRODSKY-PROZESS (Theater unterm Dach, 01.11.2016)
Regie: Denis Schibaew
Künstlerin/Ausstattung: Ekaterina Nikitina
Mit: Alexej Sabegin, Wladimir Antipow, Wera Paranitschewa, Karina Medwedewa, Daria Stepanowa, Wadim Frantschuk, Walerij Stepanow und Andrej Panin
Offene Szene St. Petersburg, 2015

Zuerst erschienen am 04.11.2016 auf Kultura-Extra.

**

Sascha, bring den Müll raus – Ein russisch-ukrainisches Theaterprojekt beim Russischen THEATEFRÜHLING in Berlin

Auch ganz neue Locations kann man beim diesjährigen RUSSISCHEN THEATEFRÜHLING im Berliner Herbst kennenlernen. So lädt das Kühlhaus am Gleisdreieck zur Theaterpremiere auf eine Baustelle in ein Gebäude in der Luckenwalder Straße gleich neben der Station Berlin, die sonst die abc-Kunstmesse der Berlin Art Week beheimatet. Mit einem Aufzug geht es in den 5. Stock, wo das Meyerhold-Zentrum Moskau mit dem 2015 entstandenen Stück Sascha, bring den Müll raus gastiert. Und damit ist nicht etwa der Baustellendreck der ansonsten recht blank gefegten Fabriketage gemeint.

 

Sascha, bring den Müll raus - (c) Meyerhold-Zentrum

Sascha, bring den Müll raus(c) Meyerhold-Zentrum

 

Das Stück entstand in einer Zusammenarbeit der bekannten ukrainischen Autorin Natalija Woroschbit mit dem russischen Regisseurs Wiktor Ryschakow. Es liegt auch bereits in deutscher Übersetzung vor und wurde im Mai 2016 beim Festival „Wilder Osten“ mit dem Themenschwerpunkt „Ereignis Ukraine“ im Theater Magdeburg szenisch gelesen. Eine Möglichkeit des Nachspielens auf deutschsprachigen Theaterbühnen bestünde also. Die russische Erstaufführung des Moskauer Meyerhold-Zentrums vermittelt da als ziemlich gelungene Inszenierung einen recht guten Eindruck.

Sascha (Alexander Userdin) ist ein Oberst der ukrainischen Armee und stirbt zu Beginn des Stücks ganz unheldisch an einem Herzanfall im heimischen Bad. Seine Frau Katja (Swetlana Iwanowa-Sergeewa) und die hochschwangere Tochter Oksana (Inna Suchoretskaja) sitzen in der Küche, trauern über den Verlust und erinnern sich jede auf ihre Weise an den geliebten Mann oder Vater, der die Stieftochter wegen ihres freien Lebenswandels auch mal gegen die Verwandtschaft verteidigt hat. Beide verklären ihr Bild von Sascha und bitten ihn, er möge doch zu ihnen zurückkehren, was dieser aber, außerhalb der Szene hinter der Zuschauertribüne stehend, verneint.

Sehr sparsam ist das Setting mit zwei Stühlen an einer kahlen Klinkerwand, an die das gezeichnete Kücheninventar mit einem Videobeamer geworfen wird. Das wechselt dann nach einem Jahr, wenn Mutter und Tochter auf dem Friedhof vor dem Grab Saschas weiter in Erinnerungen schwelgen und ihn in einem Fremden zu erkennen glauben. Tatsächlich erscheint Sascha dann aber mit Beginn der Mobilmachung wegen des Kriegsausbruchs in der Ostukraine und kehrt plötzlich den Helden und Beschützer des Vaterlands, der sich ans seinen Eid gebunden fühlt, heraus. Nur wollen ihn die Frauen nicht verabschieden, um ihn dann wieder an den Tod zu verlieren. Die Frauen verweigern sich dem aufopferndem Heldentum, und leben einfach ihr Leben ohne den Mann weiter.

So sparsam das parabelhafte Stück in seinem mal erzählenden, mal dialogisch angelegten Text ist, so feinfühlig nähert sich die Inszenierung auch den drei Charakteren. Die Familie als kleinste Zelle der Menschlichkeit und des Strebens nach Glück, aber auch anfällig für Patriotismus und Fanatismus, in die der Krieg einen Keil treibt. Zum Schluss erklingt dazu der Scorpions-Hit Wind Of Change, einst das Lied des Liebespaars Sascha und Katja, die sich damit an einen gemeinsamen Sommer auf der Krim erinnert. Einerseits Ausdruck persönlichen Glücks und Zeichen für grenzenlose Freiheit (die Berliner Mauer fällt im Hintergrund), andererseits aber auch eine Hymne der Zeitenwende am Beginn des Zerfalls der Sowjetunion, an deren Erbe man nun in Russland und der Ukraine trägt.

***

Sascha, bring den Müll raus (Kühlhaus, 03.11.2016)
(Sascha, vynesi musor)
Text und Dramaturgie: Natalja Woroschbit
Regie: Wiktor Ryschakow
Ausstattung: Olga Nikitina
Mit: Swetlana Iwanowa-Sergeewa, Inna Suchoretskaja, Alexander Userdin
Meyerhold-Zentrum Moskau, 2015

Infos: https://www.facebook.com/Theaterfruehling

Weitere Infos siehe auch: http://www.mediaost.de/aktuelles/

Zuerst erschienen am 05.11.2016 auf Kultura-Extra.

__________

DAS WUNDERVOLLE ZWISCHENDING von Martin Heckmanns – Nach „X-Freunde“ die neue Inszenierung von Stephan Thiel am Theater unterm Dach.

Mittwoch, Januar 7th, 2015

___

„Jetzt wissen wir fast alles voneinander. Jetzt haben wir uns fast alles gesagt. Jetzt kennen wir unsere Tage im voraus. Und erkennen uns schon am Klang unseres Gangs. WAS KANN DENN JETZT NOCH KOMMEN?“ Anne und Johann, ein Paar im verflixten siebten Jahr, sind in ihrer Beziehung festgefahren. Der Partner ist wie er ist und dabei so berechenbar. „Nach dir kann man die Uhr stellen.“ weiß Johann sicher. Die Zukunft malt man sich vor dem inneren Auge wie in schlechten Film-Melodramen aus. Glorreiche Erkenntnis Annes: „Nur wenn, was ist, sich ändern lässt, ist das, was ist, nicht alles.“ – Hä?

DAS WUNDERVOLLE ZWISCHENDING im TuD - Foto (c) Stephan Thiel

DAS WUNDERVOLLE ZWISCHENDING im TuD
Foto (c) Stephan Thiel

Das wundervolle Zwischending heißt die 2005 uraufgeführte Beziehungskomödie von Dramatiker Martin Heckmanns, der mit Schieß doch, Kaufhaus 2002 seinen ersten großen Erfolg am kleinen TIF des Staatsschauspiels Dresden feierte und mit diesem und anderen Stücken auch zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen wurde. Nun hat Stephan Thiel, Spezialist für die feine Inszenierung kurioser zwischenmenschlicher Unzulänglichkeiten (z.B. X-Freunde von Felicia Zeller), Das wundervolle Zwischending mit den Schauspielern Hannah von Peinen und Christoph Schüchner in den Rollen des beziehungsgebeutelten Paars für das Berliner Theater unterm Dach neu eingerichtet.

Anne und Johann, beide dem sogenannten Künstlerprekariat zugehörig, („Und was machst du so?“ „Ich mach Kunst.“ „Echt?“) beschließen ihr eingerostetes Liebesleben als Projekt neu zu beleben, vorzugsweise als selbstreflexives 90-Minuten Doku-Filmchen. „Wir betrachten uns als Kunstwerk. – Das hilft.“ Gemeinsam geschaffene Kunst muss als Problemhelfer herhalten, und so machen die beiden kurzerhand ihre Einraum-Sozialwohnung zum Filmset. Der hat im Bühnenbild von Sabine Schmidt einen kleinen Laufsteg mit gardienen-artigen Vorhängen, Schirm, Scheinwerfer und ein großes, rotes Kitsch-Herz.

Das Reenactment einer versuchten Liebe an 7 aufeinanderfolgenden Tagen. Aber die Schöpfung ist nach 10.000 Jahren Sex immer noch nicht weiter. Ob Musical oder Thriller, Experimental- oder Liebesfilm, „Wir enden gut.“ versichert man sich. Der Regisseur verzichtet hier auf die naheliegende Kamera, lässt nur ein paar Videos im Hintergrund flimmern. Davor wird aber echt geschauspielert. Hannah von Peinen und Christoph Schüchner gehen mit vollem Körpereinsatz in den Clinch. Vom Erinnern des Kennenlernens über den verbalen und echten Schlagabtausch bis zur erotischen Phantasie, das Paar schenkt sich nichts. Die Liebe ist weder Ruhekissen noch Nagelbrett. Ihr spontan geplanter Sex vollzieht sich in einer kunstvollen Hebeakrobatik bis zum vorzeitigen Bandscheibenvorfall und Samenerguss.

DAS WUNDERVOLLE ZWISCHENDING im TuD Foto (c) Stephan Thiel

DAS WUNDERVOLLE ZWISCHENDING im TuD
Foto (c) Stephan Thiel

Die ungelösten Zweierprobleme können so noch eine Weile in der Schwebe gehalten werden, bis sich dann irgendwann der plötzlich vor der Tür stehende Mann vom Amt ins Paar-Konzept drängt. Silvio Hildebrandt irrlichtert mit Motorradhelm als Szenenüberbrücker, Albtraummann und ganz realer Störenfried durchs Setting. Mit welchem Leistungsangebot sie denn die demokratische Öffentlichkeit für ihre Solidarität entschädigen würden, will der Sozial-Detektiv wissen. „Phantasie“, ist die trockene Antwort von Johann. Dass sich der Mann von Amt schließlich selbst als phantasiereich im Auftreiben von Fördergeldern erweist, bedeutet für das Projekt in seiner ursprünglichen Form gleichzeitig auch das Ende. Anne führt Bertram in ihr Bett und als Gegenspieler für Johann in den Plot ein. Der soll an den Konflikten wachsen und die stagnierende Zweibeziehung doch noch zum echten Beziehungsdrama werden lassen.

Johann, ganz der Künstler, flüchtet sich aber nach kurzer Erregung lieber in poetische, nichtssagende Gesänge zur Glasharfe vom unheimlichen Du und einem Hauch aus Nichts. Autor Heckmanns pflegt in seinem Stück des Öfteren die ironisch-lyrische Wortschöpfung, was das Paar auch wortreich ausschöpfen darf. „Von Dir, mein Schatz, zum Wortschatz, ist es nur ein Wort.“ Da sich echte Probleme aber nicht einfach als Kunstprobleme weg reden lassen, landen die Kunstfilmer schließlich wieder im normalen Alltag aus Wiederholungen des immer Wiederkehrenden, was hier bis zur mentalen Erschöpfung exerziert wird.

Und was ist das Ende vom Film? Das gemeinsame Projekt am Ende? Und wenn schon, denkt sich Heckmanns, auf ein Neues. Bleibt die Frage: „Was machen wir jetzt?“ – „Be Not So Fearful“ singt da Johann mit dem romantischen Melancholiker Bill Fay. A never ending Happening.

***

DAS WUNDERVOLLE ZWISCHENDING (13.12.2014)
von Martin Heckmanns
Regie: Stephan Thiel
Bühne/Kostüm: Sabine Schmidt
Mit: Hannah von Peinen, Christoph Schüchner, Silvio Hildebrandt
Dauer: ca. 90 Minuten, keine Pause
Premiere war am 20.11.2014 im Theater unterm Dach

Termine: 10. und 11.01.2015 im Theater unterm Dach sowie am 15. und 17.01.2015 im Winterspielplan der Freilichtspiele Schwäbisch Hall

Infos: http://www.theateruntermdach-berlin.de/spielplan.html

 http://stephan-thiel.com/inszenierungen/zwischending/

Zuerst erschienen am 14.12.2014 auf Kultura-Extra.

__________

Dreimal explosive Dreierkonstellation – „X Freunde“ von Felicia Zeller, „Der Dämon ist ein umgedrehter Gott“ nach Harold Pinter im Theater unter Dach und „Unter Drei. Beate, Uwe und Uwe“ im Ballhaus Ost

Freitag, Juni 28th, 2013

  ___

X Freunde – Stephan Thiel inszeniert Felicia Zellers neues Stück am Theater unterm Dach Berlin

„Stress soll ja auch positiv, obwohl, positiver Stress, diesen Begriff hat sich auch mal wieder jemand ausgedacht, dessen Job es ist, diese Welt für uns Unglückliche und Verzweifelte POSITIVER STRESS! Gestresst zu sein, ist nichts weiter als ein modischer Euphemismus für einen schlecht gelaunten, müden und aggressiven Menschen WIR WARTEN! HALLO!“ Peter Pilz in „X Freunde“ von Felicia Zeller

X Freunde von Felicia Zeller im Theater unterm Dach - Foto: St. B.

X Freunde von Felicia Zeller im Theater unterm Dach.
Foto: St. B.

Felicia Zellers Figuren stehen ständig unter Strom. Es scheint, als müssten die Schauspieler bei einem Schnellsprechwettbewerb reüssieren, und nicht am Theater, für das Zeller ihre Charaktere aus dem prallen Leben immer wieder direkt auf die Bühne katapultiert. Da tummeln sich dann biertrinkende Frauen, gestresste Mütter wollen ihre Au-pairs heiraten oder drei überforderte Sozialarbeiterinnen verzetteln sich in groteskem Sozialamtsdeutsch. Am liebsten nimmt sich die in Stuttgart geborene und seit einigen Jahren in Neukölln lebende Autorin aber die alltäglichen Klischees aus dem eigenen Umfeld vor und verwurstet diese in anarchisch komischen Kolumnen wie „Einsam lehnen am Bekannten“. Eine Auswahl daraus gab es 2011 am Ort ihres Entstehens im Heimathafen Neukölln zu sehen.

Zellers Stücke sind im wahrsten Sinne des Wortes dreidimensionale Gebilde, wie sie selbst es formuliert. Bühneraum, Körper und Sprache ergeben dabei im besten Falle eine untrennbare Einheit, was den Schauspielern auch immer einiges an Körperbeherrschung abverlangt. Anfang Oktober 2012 wurde Felicia Zellers vom Schauspiel Frankfurt/M in Auftrag gegebenes Stück „X Freunde“ ebenda uraufgeführt. Wieder ein extrem schnelles Sprachgebilde über eine typisch deutsche Sozialkrankheit, der schier unheilbaren Sucht nach Arbeit, befördert durch einen ständigen Kreativzwang und unbegrenzt freiwillige Selbstausbeutung. Eine Mischung aus der Explosivität einer Dreierkonstellation unter Freunden und situationsbedingter Sprachkomik.

Das Stück wurde außerdem in der Inszenierung von Bettina Bruinier zu den im Mai stattfindenden Mülheimer Theatertagen eingeladen. Die Regisseurin stellt die drei notorisch nervösen Zellerfiguren als Zappler und Schaumschläger in einen mit Papierwänden ausstaffierten Raum der mit Matratzen ausgepolstert ist. Geschlafen wird, wenn überhaupt, nur im Stehen. Man kann dies auch als eine Kreativzelle des beginnenden Wahsinns deuten. Die Figuren bewegen sich im Dauerbetrieb und fallen nur hin und wieder in einen kurzen Standby. Aus diesem festumzirkelten Ring gibt es kein Entrinnen, geht keiner als Sieger hervor. Man kann den Darstellern vergnügt fast 2 Stunden beim Frasieren, Jammern oder ihre Hymnen an den Laptop singend zusehen. Aber nachdem die Papierfassaden abgerissen sind und die Gerippe ihrer Existenzen zum Vorschein kommen, ist die Luft auch ziemlich raus aus dem bunten Treiben auf der Bühne.

Allen, die nicht nach Frankfurt oder Mülheim fahren konnten und auch das Gastspiel bei den Autorentheatertagen im Deutschen Theater Berlin verpasst haben, sei das Berliner Theater unterm Dach wärmstens empfohlen. Dort hat Regisseur Stephan Thiel nach seiner gefeierten Inszenierung von „Kaspar Häuser Meer“ Anfang April auch das neueste Stück von Felicia Zeller auf die kleine Bühne unter dem Dach des kommunalen Kulturzentrums an der Danziger Straße gebracht.

Mit von der Partie ist wie schon in „Kaspar Häuser Meer“ die quirlige Tilla Kratochwil als Unternehmensberaterin Anne, die nach der Kündigung ihr eigene Agentur „Private Aid“ gegründet hat, und nun die Politik mit neuen Ideen für „Wege aus der Gleichgültigkeitskrise“ versorgen will. An ihrer Seite hat Christoph Schüchner als Ehemann Holger und ehemaligem Betreiber eines Pleite gegangen Cateringservice keinen leichten Stand. Als beider Freund und Bildhauer Peter hadert Jaron Löwenberg mit sich und dem fordernden Kunstbetrieb. Seinem Projekt „X-Freunde“ fehlt der krönende Abschluss für die bevorstehende Ausstellung in Schwaden-Schwaden. Ein riesiger Stein-Monolith steht in seinem Atelier und wartet auf die finale Idee des Künstlers, den ultimativen letzten Freund.

X-Feunde_TuD

X Feunde im Theater unterm Dach.
Foto: (c) Produktion

Diese drei Charaktere stehen stellvertretend für ein zum ständigen Erfolg verurteiltes Kreativprekariat, very busy und immer auf dem Sprung. Keine Zeit mehr für eine Pause, man ist ja schließlich kein Schokoriegel aus der Werbung und schon gar nicht in einer dieser Komm-doch-mal-auf-einen-Espresso-vorbei-Ich-bin-schon-da-Agenturen. Für ein Bier oder einen Kaffee unter Freunden bleibt da kaum noch Zeit. Das ehemalige Trio Cappuccino aus dem Café Tasse, schwärmt sentimental in Erinnerungen an alte Zeiten. Längst lebt man nur noch für die Arbeit, oder sucht verzweifelt nach Auswegen aus der Schaffenskrise. Da droht bei einer Freundschaft unter Dreien immer der Schwächste auf der Strecke zu bleiben.

Während sich Anne in ihrem wichtigen Projekt mehr und mehr zum völligen Kontrollfreak entwickelt, lenkt sich Peter mit Internet, Twitter und anderen „privatberuflichen“ Dingen ab. peter.pilz@pilzpeter.de, immer präsent und aktiv um Aufmerksamkeit heischend. Ständige Nachfragen der Kuratorin, jeder Anruf und jede noch so kleine Störung reißen ihn immer wieder aus dem Kreativprozess. Geradezu an Aufmerksamkeitsdefiziten leidet der unterbeschäftigte Holger. Unfähig mit der neuen Freiheit umzugehen, bekocht er seine Frau und sieht ihren Erfolg mangels eigener Ideen als sein Projekt. Verzweifelt trägt er sogar Baumarktbesuche als Geschäftstermine ein. Ein ertrotzter gemeinsamer Urlaub mit Anne auf einer Sonneninsel wird zur Katastrophe.

Felicia Zellers hyperventilierenden Text setzen die drei Schauspieler im Theater unterm Dach in kongeniale Bewegung um. Sie treiben zum Beat der Sprache den Wahnsinn auf die Spitze. In gekonnten Soloeinlagen wird der biegsame, flexible Mensch beim Meistern der alltäglichen Stresssituationen performt. Das Bühnenbild von Halina Kratochwil mit dem unendlich variablen Stapelregal lässt sich wunderbar den einzelnen Spielszenen anpassen. Es ist hippes Wohnaccessoire, Weinregal und Skulptur, zeigt den in sich gefangenen Künstler Peter und ist Bahre für Holger. Zur Untermalung gibt es passender Weise wunderbare A-cappella-Versionen der Kraftwerk-Songs „Computerliebe“ und „Autobahn“.

Gestresste Zeitgenossen auf Abruf - CHRISTOPH SCHÜCHNER, JARON LÖWENBERG und TILLA KRATOCHWIL als Holger, Peter und Anne in Felicia Zellers „X Freunde" am TuD - Foto: (c) Produktion

Gestresste Zeitgenossen auf Abruf – CHRISTOPH SCHÜCHNER, JARON LÖWENBERG und TILLA KRATOCHWIL als Holger, Peter und Anne in Felicia Zellers X Freunde am TuD – Foto: (c) Produktion

Laptop und das allgegenwärtige Smartphon werden zum handlichen Dauerslapstick. Tilla Kratochwil trägt einen großen Telefonhörer wie angekettet mit sich herum. Der gefeierte Neubeginn gerät letztendlich für alle immer mehr zum Fluch. Die anfängliche Erfolgstrunkenheit weicht schnell allgemeiner Ernüchterung. Die „Generation Beißschiene“, eine wunderbar doppeldeutige Bezeichnung, hat bald ihre Bissigkeit verloren und leidet an Zahn-, Kopf- und Rückenschmerzen. Trotzdem scheint allen die Suche nach der entscheidenden „Idee, die es nicht gibt“ als alternativlos. Selbst der verordnete Ausgleich durch Laufen wird für Anne gleich wieder zum Projekt.

Wie in einem Albtraum trifft man sich irgendwann bei den anonymen Workaholics. An ein Aufhören ist aber nicht mehr zu denken. Für den Erfolg macht Anne einfach immer weiter und bezahlt den Preis dafür. Einen Tod muss man schließlich sterben. Das es gerade Holger trifft, verwundert dabei nicht, sind doch Angehörige von Süchtigen aller Art selbst akut gefährdet. Für Anne geschieht auch das wie immer gerade jetzt zur unpassenden Zeit. Es fällt ihr sogar erst nach 36 Stunden wirklich auf. Das ehemalige Trio schrumpft zum Duo Infernale.

Von Peters X-Freunde-Projekt bleibt schließlich nur mehr der Staub der Steine, zugleich Grabmahl und Asche seiner auf der Strecke gebliebenen Freundschaft zu Holger. Und selbst diese Niederlage lässt sich in einem nach immer Ausgefallenerem süchtigen Kunstbetrieb wie ein Erfolg feiern. Die Laudatorin des 2009 an Felicia Zeller verliehenen Clemens-Brentano-Preises, Katja Lange-Müller, attestierte der Autorin im wahrsten Sinne des Wortes, aus Scheiße Bonbons machen zu können. Das Team um Stephan Thiel verarbeitet diese neue Steilvorlage nach allen Regeln der Kunst zu geradezu süchtigmachenden Pralinés. Bitte unbedingt weiter machen, denn auch wir zahlen gerne den Preis dafür.

Felicia Zeller bei der Preisverleihung im DT - Foto: St. B.

Felicia Zeller bei der Preisverleihung
im DT – Foto: St. B.

Einen weiteren Preis heimste Felicia Zeller am 7. Juni 2013 bei den Autorentheatertagen im Deutschen Theater ein. Nach der Aufführung ihres Stückes „X Freunde“ in der Frankfurter Inszenierung von Bettina Bruinier wurde ihr der mit 5.000 € dotierten Hermann-Sudermann-Preis für herausragende Leistungen im Bereich der deutschen Dramatik verliehen. Laudator Gerhard Jörder, Theaterkritiker und Zeit-Autor, würdigte den Mut der Autorin, uns die „Banalität unserer alltäglichen Lebensnot noch einmal aufzutischen“. Sie schreibe aber keine Sozialdramen sondern Sprachfarcen und wolle uns damit zeigen, wie „Menschen beim Sprechen scheitern“. Dabei sei für Jörder der zentrale Satz des Stücks „Der Wahnsinn ist, dass der Wahnsinn für alle schon Normalität ist“. Er plädierte für mehr Empathie und Mitleidensfähigkeit. Jörder stimmte weiterhin auch ein Loblied auf den heute angeblich so unterbewerteten Theater-Autor an. „Stücke, die so viel Eigen- und Hintersinn, Wahrheitswillen und Witz atmen wie die Ihren – auf sie wollen wir unter gar keinen Umständen verzichten.“ Dem ist, was Felicia Zeller betrifft, nichts weiter hinzuzufügen.

Außer, dass die Produktion X FREUNDE in der Regie von Stephan Thiel für den Friedrich-Luft-Preis 2013 nominiert ist.

Weitere Termine:

X FREUNDE von Felicia Zeller im Theater unterm Dach Berlin
mit TILLA KRATOCHWIL, CHRISTOPH SCHÜCHNER, JARON LÖWENBERG
Ausstattung HALINA KRATOCHWIL
Assistenz JULIA OTTEN

  • Sa 29.06.13, 20:00 Uhr
  • So 30.06.13, 20:00 Uhr
  • Sa 28.09.13, 20:00 Uhr
  • So 29.09.13, 20:00 Uhr

***

Flokati-Boulevard der Lügen – Mit „Der Dämon ist ein umgedrehter Gott“ inszeniert Schauspieler Cornelius Schwalm im Theater unter Dach eine Berlin-Mitte-Ménage-à-trois nach Harold Pinters Stück „Betrogen“

„Eine Verständigung der Menschen untereinander ist etwas so Schreckliches, dass sie lieber dauernd aneinander vorbeireden, ständig über etwas anderes sprechen, als über das, was ihren Beziehungen zugrunde liegt“ Harold Pinter

Der Titel ist doppeldeutig und führt eigentlich auf eine falsche Fährte. Der irische, romantisch-symbolistische Dichter William Butler Yeats legte sich zu Anfang des 19. Jahrhunderts den Titel „Daemon est deus inversus“ als Mitglied einer esoterischen Loge zu. Harold Pinter drehte in seinem bösen Boulevard-Albtraum „Betrayal“ (Betrogen) aus dem Jahr 1978 über die Beziehungslügen zwischen drei Freunden lediglich die Handlung um. Er begann mit dem Ende, bei dem das Lügengebäude langsam einzustürzen beginnt, und arbeitete sich langsam zum Beginn der Geschichte mit der Hochzeit des Paares Emma und Robert vor. Zwischen beiden steht Roberts Freund Jerry, der gleich nach der Heirat ein Verhältnis mit Emma beginnt, das über sieben Jahre andauert, in denen die drei sich aber weiterhin wie Freunde begegnen und sich dabei eiskalt und gekonnt etwas vormachen.

Der Dämon ist ein umgedrehter Gott_TuD_Promo

Verena Unbehaun, Katja Uffelmann und Merle Wasmuth in „Der Dämon ist ein umgedrehter Gott“ am Theater unterm Dach – Foto: Promo

Regisseur und Schauspieler Cornelius Schwalm (MARIAKRON) dreht noch ein wenig weiter, und besetzt die beiden Männerrollen auch mit Frauen. Bei ihm heißt Jerry nun Arndt, ist Literaturagent und wird von der bekannten Berliner Wengenroth-Darstellerin Verena Unbehaun gespielt. Seinen Freund, den Verleger Robert, gibt Katja Uffelmann, Merle Wasmuth ist seine Frau und Galeristin Emma. Schwalm reichert dieses sogenannte „amourösitäre Beziehungsbestinarium“ noch mit weiteren Motiven nach August Strindberg, Henry Rollins, Franz Xaver Kroetz und David Foster Wallace an, was aber nicht weiter ins Gewicht fällt, sieht man mal davon ab, dass man William Butler Yeats und David Foster Wallace vermutlich auch als Brüder im Geiste bezeichnen könnte. Das Grundmotiv ist und bleibt der umgedrehte Gott, und der ist hier der janusköpfige Dämon der Lüge, der einem trügerischen Geflecht aus Liebe, Sex und Eifersüchteleien entspringt. Man findet ihn natürlich auch in den anderen angegeben Quellen wieder.

Wir befinden uns hier wie bei Felicias Zeller wieder im kreativen Intellektuellen-Milieu. Die Story siedelt Schwalm dabei im hippen Berlin Mitte an und spult den retrospektiven Boulevard der Lügen auf weißem Retro-Flokati (Bühne: Hovi-M) ab. Eine Frau zwischen zwei Männern, die dazu noch beste Freunde sind, eine nicht ganz ungewöhnliche Konstellation, der man wohl nicht mehr allzu viel Neues entlocken kann. In mehreren Spielszenen, die durch Schwarzblende von einander getrennt werden, breiten die Drei ihr Spiel aus feinen Lügen, Eitelkeiten und Psychospielchen aus. Solange der Schein gewahrt bleibt, ist für Robert halbwegs alles in Ordnung und auch Arndt scheut die Enthüllung der Affäre und die daraus entstehenden Konsequenzen. Außenwirkung und die Beibehaltung des Status Quo sind ihnen wichtiger, als klare Verhältnisse. Und dabei geht es ihnen nur ganz am Rande um eine Freundschaft oder die Fortsetzung einer bereits gescheiterten Ehe. Nur der Erfolg zählt, Scheitern ist im Lebensplan der beiden Männer nicht vorgesehen.

Der Dämon ist ein umgedrehter Gott am TuD

Der Dämon ist ein umgedrehter Gott am TuD
Foto: Promo

Katja Uffelmann und Verena Unbehaun spielen ihre Hosenrollen ziemlich überzeugend, lassen aber auch kein Männerklischee ungenutzt, um es köstlich bloßzustellen. So überdreht die Story an manchen Stellen etwas. Regisseur Schwalm setzt noch einen drauf, und lässt es sich nicht nehmen, als Szeneautor Wadim Bolotkowski, eine immer wieder erwähnte Randfigur des Stücks, im Foyer in einer auf Spontanwirkung zielenden ironischen Startsequenz in den Abend einzuführen. Durch die entscheidende Kraft von Merle Wasmuths Emma, ein als Einzige zu so etwas wie echten Gefühlen fähiges Wesen und Frau, wird schließlich die anscheinend so festgefügte Fassade der Männerfallance ins Wanken gebracht und das übertriebene Spiel der anderen wieder wohltuend geerdet. Ein in vielerlei Hinsicht ähnlich angelegtes Stück wie Felicitas Zellers „X Freunde“, was vor allem das Karikaturhafte der Charaktere angeht. Regisseur Schwalm siedelt das Ganze aber noch näher am Boulevard an. Das Bittere der Lebenslügen in Pinters böser Psychofarce schlägt hier nicht angemessen ernst genug auf die Figuren zurück. So funktioniert das Stück nicht mehr unbedingt als psychologische Beziehungsstudie der Zielgruppe Mitte-Boheme, aber als sarkastischer Independent-Boulevard doch allemal noch sehr gut.

Der Dämon ist ein umgedrehter Gott
Ein Beziehungsbestinarium nach Harold Pinter, Franz Xaver Kroetz, David Foster Wallace, Henry Rollins und August Strindberg. Eine Produktion von MARIAKRON
Regie: Cornelius Schwalm
Dramaturgie: Sophie Nikolitsch
Bühne: Hovi-M
Kostüm: Andrea Göttert
Spiel: Katja Uffelmann, Verena Unbehaun, Merle Wasmuth

  • Zurzeit keine weiteren Termine im Theater unterm Dach.

***

Unter Drei. Beate, Uwe und Uwe. Ein Schauspiel zwischen medialem Kult, schwarzer Boulevardkomödie und deutscher Geschichte am Ballhaus Ost.

Eine explosive Dreierkonstellation der ganz anderen Art gibt es im Ballhaus Ost zu sehen. Da steht er vor uns, der nackte blanke Wahnsinn, gekleidet in einen frotteeweichen, weißen Bademantel der häuslichen Normalität. Und das gleich mal drei. Das Ballhaus zeigt „Unter Drei. Beate, Uwe und Uwe“. Der Leipziger Schauspielers Andrej Kaminsky ist Beate. Eva Bay und Gina Henkel geben die beiden Uwes. Regisseurin Mareike Mikat und Autorin Olivia Wenzel haben ein Theaterstück erarbeitet über die Zwickauer Terrorzelle, die gemeinsam sieben Jahre lang den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) bildete und seit dem spektakulären Doppelselbstmord von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt als Schlagzeilen durch die bundesdeutsche Presse geistert. Übrig geblieben ist der weibliche Teil des Trios, Beate Zschäpe, die gerade im Begriff ist, im Zuge des NSU-Prozesses ihre zweite Medienkarriere zu beginnen. Der Teufel im Look einer Beate Mona Lisa.

Unter Drei. Beate, Uwe und Uwe. im Ballhaus Ost. - Foto: Marie Roth

Unter Drei. Beate, Uwe und Uwe.
im Ballhaus Ost. – Foto: Marie Roth

Die von der Presse kreierte Bezeichnung „Döner-Morde“ schaffte es 2011 sogar zum Unwort des Jahres. Für den halbwegs vernunftbegabten Mensch wird es da schwierig Hintergründe zu deuten und Begriffe richtig einzuordnen oder gar die Wahrheit hinter all den Schlagzeilen, Spekulationen und angeblichen Fakten zu erfassen, die hier noch einmal auf uns niederprasseln. Die drei Täter fläzen dabei auf einem bequemen Sofa und werfen dem Publikum ihre ganze Verachtung entgegen. Sie haben gehandelt, während wir in unserer verkackten Mittelmäßigkeit allabendlich vor dem Laptop sitzen. Ihre Botschaften sind so simpel wie gefährlich. Was letztlich im Spiegel der Medienberichte davon übrig bleibt, ist ein von jeglichen Inhalten befreiter, medial aufbereiteter Brei aus schwarzem Boulevard und sexueller Fantasie. Wie geschaffen für die theatrale Verwurstung. Sieg geil!

Die Hasstiraden der drei werden mit einem fast spießigen Familienleben zu dritt konterkariert. Beate kocht für ihre Jungs. Hm, ganz köstlich. Und Böni, der noch beim Kaffeetrinken mit der Großmutter von „Negerschweiß“ redet, zieht daheim OP-Überzieher über seine Springerstiefel. Jährlich fährt das Trio in den Sommerurlaub nach Fehmarn und täuscht unter den Namen Lisa, Max und Garry für Wochen ein normales Leben vor. Auf der Videowand sieht man Meer und Strand, die Darsteller wiegen sich im Wind und amen Möwen nach. An den Wänden hängen gehäkelte Verballhornungen dieser deutschen Gemütlichkeit. Auch Goethe kommt zu Wort und Adorno. Sein „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ bekommt hier noch mal eine ganz andere Dimension. Oder sogar die einzig richtige.

Das Stück lässt nichts aus. Es greift viele, vielleicht zu viele Themen auf, stellt aber auch unbequeme Fragen. Was ist eigentlich los mit den Ostdeutschen, was wollen die und wer sind die? Der unbekannte Osten als Keimzelle des Rechtsradikalismus? Der ewige Ossi mit dem viel zu kleinen Pimmel, der gegenüber dem dicken Schwanz des Wessis immer den Kürzeren zieht und sich über den Mustafa im BMW wundert. Der Türke im „Baader Meinhoff Wagen“ hat einen Schwanz mit Vanillegeschmack, die Skorpiens singen „Wind of Change“ und Moral ist die kollektive Wahnvorstellung einer Mehrheitsgesellschaft. Das ist der Theaterstoff für viele Jahre und ganz großes Kino mit Moritz Bleibtreu, Daniel Brühl und Nora Tschirner in ihrer ersten ernsthaften Rolle. Die Tränen von Iris Berben sind ihnen gewiss. Der Rest ist das Schweigen der Beate Z, der stolzen Nazi-Witwe.

Obwohl die Truppe mit Uwe Mundlos, der trotz der langen Haare sogar Meese mag, so etwas wie einen gebildeten Kopf besitzt, gibt es eigentlich keinen wirklich intellektuellen Hintergrund. Genau wie bei Anders Breivik werden nur die altbekannten Vorurteile einer faschistisch chauvinistischen Ideologie reproduziert. Und das ist bei allen schrecklichen Gemeinsamkeiten wohl der große Unterschied zum anderen Terrortrio der bundesdeutschen Geschichte. Im Gegensatz zur Baader-Meinhoff-Gruppe fehlt es ihnen an einer echten Utopie. Dass die finsteren Gedanken aber direkt aus unserer Mitte entspringen, lässt noch einmal eine der früheren Bekannten des Trios erkennen, die klar zwischen guten Ausländern, die wie Deutsche grillen und ackern, und schlechten in Asylbewerberheimen unterscheidet. Für sie wird Beate Zschäpe immer ihre Lisa bleiben, dieser herzensgute Mensch.

Unter Drei. Beate Uwe und Uwe im Ballhaus Ost - Foto: Marcus Lieberenz

Unter Drei. Beate Uwe und Uwe. im Ballhaus Ost
Foto: Marcus Lieberenz

Die Opfer erscheinen zunächst nur als geisterhafte Schattenrisse hinter einer Wand aus Pergament. Als Slapstick-Spiel des Unvorstellbaren beleuchten Eva Bay und Gina Henkel nun als Süleyman, Mehmet oder Halit die verwirkten Leben der sogenannten Kanaken, die das Mord-Trio wie nebenbei aus ihrer Lebensmitte geschossen hat. Sie ringen hier in verzweifelt komischer Gestalt um Kontur und ihre verblassende Geschichte. Selbst die ermordete Polizistin Michéle Kiesewetter a.D. liefert sich mit dem in seinem Internetcafé in Kassel praktisch vor den Augen eines Verfassungsschutzmitarbeiters mit dem Spitznamen „Klein Adolf“ erschossenen Halit Yozgat einen wahnwitzigen Dialog über Zuständigkeiten und eine katastrophale Polizeiarbeit.

Am Ende aber wird die diffuse Wand rissig und die Gestalten verlassen ihr Schattendasein für kurze Zeit. Sie treten ins Rampenlicht und übernehmen die ihnen bisher vorenthaltene Deutungshoheit. Ein fiktiv utopisches Gedankenspiel um Mitleid, Rache und Vergebung. Man träumt von einer neuen Mordserie gegen Nazis und will den NMU (Neuer Migrantischer Untergrund) gründen. Letztendlich wird mit den gesammelten Nägeln niemand ans Kreuz geschlagen. Verziehen werden kann nicht, einer Rache bedarf es aber ebenso wenig. Die Diskussion darüber wird weitergehen. Die im Premierenpublikum sitzende Schauspielerin Sascha Ö. Soydan, Darstellerin in Milo Raus „Breiviks Erklärung“, machte später im Hof des Ballhaus Ost schon mal einen Anfang.

Weitere Vorstellungen von Unter Drei. Beate, Uwe und Uwe. am Ballhaus Ost

  • Fr 28.06.13, 20:00 Uhr
  • Sa 29.06.13, 20:00 Uhr
  • So 30.06.13, 20:00 Uhr

mit EVA BAY, GINA HENKEL, ANDREJ KAMINSKY
Regie MAREIKE MIKAT Dramaturgie SOPHIE NIKOLITSCH Ausstattung MARIE ROTH Musik FRANCESCO WILKING Regieassistenz JOHANNES AMBROSIUS Ausstattungsassistenz CLARA AURICH Technische Leitung RALF ARNDT Produktionsleitung DANIEL SCHRADER / BALLHAUS OST; UNTER VERWENDUNG VON TEXTEN AUS „WEISSES MÄUSCHEN, WARME PISTOLE“ VON OLIVIA WENZEL
_________

Dem Theater im Schokohof fehlen bald die Räume, dem Theater unterm Dach fehlt jetzt schon das Geld – Letzte Premieren aus dem bedrohten Berliner OFF

Montag, Februar 13th, 2012

Am TISCH feiert Fränk Heller mit SPANNER! nach Lorcas „El Publico“ Lust und Leid zweier Theaterverrückter

Im Hof der Ackerstraße 169/170, Heimstatt des alternativen Wohn- und Kunstprojekts Schokoladen e.V. in Berlin-Mitte, befindet sich das Theater im Schokohof (TISCH), einigen auch noch gut bekannt als Orphtheater. Im Jahr 1990 gegründet, musste es sein Bestehen schließlich 2008 aus Mangel an öffentlicher Förderdung einstellen. Seit 2002 leitete der Schauspieler Matthias Horn, in der freien Berliner Theaterszene bestens bekannt (u.a. Hexenkessel Hoftheater), das Orphtheater bis zu seiner endgültigen Auflösung. Danach hob er das TISCH aus der Taufe und stellte die Räume wieder Projekten der freien Szene als Spielstätte zur Verfügung. Es gab hier in den letzten Jahren viele interessante Produktionen nationaler wie internationaler OFF-Theatergruppen sowie der freien Tanz- und Performanceszene zu sehen. Nun ist auch dieses Projekt in seiner Existenz bedroht, denn dem Schokoladen e.V. droht nach einer Klage des Eigentümers, der in erster Instanz vom Amtsgericht Berlin stattgegeben wurde, die Räumung. Der Gerichtsvollzieher, wie einige Berliner Zeitungen diese Woche meldeten, ist mit dem Räumungstitel bereits für 22.02.12 angekündigt. Neben dem Schokoladen selbst, stehen nun das TISCH, der Club der polnischen Versager sowie einige Künstlerateliers und Tonstudios vor dem Aus. Letzte Hoffnung für die Betroffenen ist, das ein Deal mit dem Eigentümer zur Kompensation doch noch zustande kommt. Die 60 Grundstücke, die bisher vom Liegenschaftsfond angebotenen wurden, haben ihm jedoch nicht zugesagt. Um den Druck zu erhöhen, zog das in Trier ansässige Familienunternehmen vor Gericht.

schokooaden.JPG Foto: St.B.
Geht hier bald ganz das Licht aus? Der Schokoladen in der Ackerstraße.

Unter diesen erschwerten Bedingungen schafft es das TISCH aber immer noch, bis zu drei Produktionen im Monat auf die kleine Bühne in der Werkstatt des Hinterhauses zu stellen. Am 1. Februar hatte hier die Abschlussarbeit des jungen Regisseurs Fränk Heller von der Kreuzberger Theaterakademie Premiere. Er suchte sich dafür das kaum gespielte Stück „El Publico“ des Spaniers Federico García Lorca aus. Heller hat Lorcas im Madrider Theatermilieu der 30er Jahre angesiedelte surrealistische Farce überarbeitet und brachte sie nun unter dem Titel „SPANNER!“ mit Berliner Schauspielstudenten neu heraus. Herausgekommen ist dabei ein ebenso faszinierender wie abstoßender Reigen aus Obsessionen, Travestie und ausgestellter Eitelkeiten, genau wie es Lorca auch vorgeschwebt haben dürfte. An eine Aufführung hatte er allerdings selbst nicht geglaubt, da „…es weder eine Truppe gibt, die sich an eine Inszenierung wagt, noch ein Publikum, das es ohne Unwillen hinnimmt – einfach, weil es der Spiegel des Publikums ist.“ (Suhrkamp Verlag) Eine Abrechung mit dem herkömmlichen bürgerlichen Theater und seinem saturierten Publikum hatte Lorca dabei im Sinn.

Spanner! am TISCH - Foto: ELECTRIC FLESH BRUSH COMPANY

Spanner! am TISCH
Foto: ELECTRIC FLESH BRUSH COMPANY

Heller gelingt es dennoch die Bilder in Lorcas Kopf adäquat auf die Bühne zu transformieren. Von Beginn an ist der Zuschauer als ungeliebter notorischer Voyeur mit einbezogen. Man betritt das Theater durch den Nebeneingang und wird sofort hinter den Vorhang verwiesen, mit der Aufforderung ja nichts zu berühren oder gar zu stören. Der schwule Theaterdirektor Enrique will nicht mehr provozieren und lieber mit gefälligen Shakespeareinszenierungen das große Publikum erreichen. Sein Ex-Lover, der Regisseur und Autor Gonzalo, reißt ihn aber aus seiner wohligen Bequemlichkeit, indem er das totale Theater propagiert und damit den alten Bühnenschreck in Enrique neu erweckt. Das erschüttert auch die kleine Theaterwelt um die beiden Egomanen, Ränke und Eifersüchteleien brechen sich Bahn. Die Proben zur Aufführung einer Trashversion von „Romeo und Julia“ bringen das kleine Theaterensemble schließlich an den Rand des Wahnsinns. „Man muss das Theater zerstören oder im Theater leben!“ Diesen Spagat führen uns die Schauspieler mit viel Lust und Schmerz vor Augen. Vom großen Theaterpathos bis zur mit Wonne zelebrierten Selbstzerstörung inklusive blasphemischer Kreuzigungsszene reicht dabei das Repertoire, doch der Vorhang muss jeden Abend für das nach Sensation gierende Publikum wieder hochgehen. Bleibt zu hoffen, dass er das im TISCH nach dem 22.02.12 auch noch weiterhin tun wird. Denn nur hier ist auf Dauer Platz für solche zarten surrealen Theatergewächse, die eines besonders geschützten Raumes bedürfen.

***

Mit friedlichem Protest und Melvilles „Bartleby“ – Das Theater unterm Dach im Notbetrieb

Der Kulturstandort am Ernst-Thälmann-Park in dem sich das Theater unterm Dach befindet besteht bereits seit 1986. Er umfasst weiterhin den Veranstaltungsort „Die Wabe“, die kommunale Galerie parterre und einige Kunstwerkstätten. Die Einrichtungen stehen alle unter der Trägerschaft des Stadtbezirks Berlin-Pankow. Der Bezirk hat nun mit Wirkung zum 1. Februar die Finanzierung eingestellt. Seitdem werden keine Gelder mehr für Produktionen und Künstlergagen bezahlt. Am 15. Februar diskutiert die BVV in der Fröbelstraße um die Ecke den Doppelhaushalt 2012/2013 für den Bezirk Pankow. Dann wird sich vermutlich auch das weitere Schicksal der Künstler am Thälmann-Park entscheiden. Ein Aktionsbündnis Berliner Künstler hat daher zu einer Protestaktion vor dem Bezirksamt in der Fröbelstr. 17, Haus 7, BVV-Saal aufgerufen, denn es geht auch um die Zukunft weiterer kultureller Einrichtungen des Bezirkes Pankow. Im Internet kann man sich mit der Unterschrift einer Onlinepetition an dem Protest beteiligen. Bis dahin fährt man einen Notbetrieb und im Theater unterm Dach geht nach jeder Vorstellung der Hut rum.

theater-unterm-dach_juni-2011.JPG Foto: St. B.
Das Theater unterm Dach am Ernst-Thälmann-Park

Passend zur Situation hatte hier am 9. Februar das Stück „Bartleby – Eine Geschichte von der Wall Street“ nach Herman Melville in einer Bearbeitung von Kai Gero Lenke Premiere. In Melvills Erzählung aus dem Jahr 1853 beschreibt ein älterer Rechtsanwalt ohne besonderen Ehrgeiz seine merkwürdige Begegnung mit dem Schreiber Bartleby, den er für das Kopieren von Schriftsätzen eingestellt hatte. Der erst sehr beflissene junge Mann verweigert sich nach und nach mit den Worten „Ich möchte lieber nicht.“ den Weisungen seines Bosses, bis er sich schließlich ganz in der Kanzlei zurückzieht und jegliche Verrichtung von Arbeit aufgibt. Der Anwalt erst erstaunt über diese Weigerung, erliegt schließlich aber der völlig friedfertigen Gegenwehr Bartlebys und entwickelt sogar Sympathie für den Sonderling. Er zieht schließlich selbst aus dem Büro aus und lässt Bartleby gewähren. Das tragische Ende Bartlebys wird in der Inszenierung von Luzius Heydrich am TuD in einer Koproduktion mit dem Zimmertheater Tübingen nur angedeutet. Von Interesse ist hier eher, dass Bartleby mittlerweile zum Symbol der Occupy-Wall-Street-Bewegung geworden ist.

Die Inszenierung ist in Ton und Kostümen ganz in historischem Gewand. Als Requisit der Occupy-Bewegung sind nur die weiße Guy-Fawkes-Maske  anwesend und vom Band eingespielte Sprechchöre zu vernehmen. Das Bühnenbild besteht aus einem klaustrophobischen Kasten aus Holzlatten, der mit milchiger Folie bespannt ist, an der sich Schatten bilden und Bartleby (Johannes Karl) imaginäre Zahlenreihen schreibt. Der Boss (Endre Holéczy) sitzt an einem Tisch und hat die Verantwortung und Textlast der Erzählung zu tragen. Die drei anderen Kanzleiangestellten Turkey, Nippers und den Lehrling Ginger Nut gibt er ebenfalls mit verstellter Stimme und asthmatischem Hüsteln. Bartleby entzieht sich den angestammten Ritualen, nimmt nur die angebotenen Ginger Nut Biscuits und steckt sie verstohlen in die Westentasche. Der Boss ist dem rätselhaften Verhalten Bartlebys vergeblich auf der Spur, seine unerklärliche existenzielle Selbstauslöschung wird auch hier nicht geklärt. Im Spiel verdeutlicht sich aber die Abhängigkeit beider Protagonisten voneinander, wenn z.B. der Boss Bartleby auf dem Rücken trägt oder sich in einer Tanzsequenz die gestörte Harmonie zeigt. Die Folienwand beginnt immer durchlässiger zu werden, bis sie letztendlich vom Boss durchbrochen wird. Das sanfte Beharren auf einer einmal eingenommenen Position kann sich also durchaus lohnen, auch im Fall des weiteren Bestehens des Theaters unterm Dach.

dsc06184.JPG Foto: St. B.

Termine unter: www.theateruntermdach-berlin.de/spielplan.html

Bartleby wieder am
Do 01.03.12, 20 Uhr
Fr  02.03.12, 20 Uhr
Sa 03.03.12, 20 Uhr
So 04.03.12, 20 Uhr

Solidaritäts-Gastspiel: Theater unterm Dach
29.02.12, 19.00 in der Box des Deutschen Theaters
UNTERTAN – „Wir sind Dein Volk“
nach dem Roman ‚Der Untertan‘ von Heinrich Mann
Regie: Anja Gronau

nächste Termin im TISCH:

MARRAKESCH
16. bis 19.02.12, 20:00 Uhr
„Kollektiv Schluß mit ohne“
ein Zusammenschluß freischaffender Theaterprofis

ZWISCHEN STÜHLEN
Uraufführung von Volker Eisenach
23. – 26.02.12, 20 Uhr
01. – 03.03.12, 20 Uhr
08. – 11.03.12, 20 Uhr

______

Komödie ist wenn`s singt und kracht – Zum Abschluss der Autorentheatertage am DT

Mittwoch, Juni 29th, 2011

Nun ist man weit davon entfernt am Deutschen Theater, nicht nur dem in Berlin, den Dyonisuskult wieder einzuführen, aber mit etwas mehr Humor könnte man eigentlich nicht all zu viel falsch machen, denkt man sich so, wenn man das Motto der Autorentheatertage 2011 vor Augen hat. Einer näheren Betrachtung unterzogen, kommen einem dann aber schon einige Zweifel, ob das die richtige Medizin für den problembeladenen Bildungsbürger und ach so gestreßten Großstädter ist. Zuviel absurd Groteskes verwirrt nur und beim kollektiven Schenkelklopfen steigt der Denkapparat dann meist endgültig aus. Gute Komödie scheint in der Tat das Einfache, das schwer zu machen ist.

dsc04267.JPG
Das Deutsche Theater Berlin, ein Hort des Humors während der Autorentheatertage 2011 (Foto: St.B.)

„Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Der Mensch fängt beim Nein an, (…) Aber dieses Nein muß auf ein großes Ja zielen. Wir lachen nein und meinen ja.“ aus: Otto Julius Bierbaum „Yankeedoodle-Fahrt“ (1909)

Man könnte auch sagen: Der Mann hat gut lachen, aber dieses Zitat aus dem Bericht des Schriftstellers und Herausgebers der Literaturzeitschriften „Pan“ und „Die Insel“ von einer Schiffsreise in den Orient gibt ziemlich deutlich die Kriterien für eine echte Tragikkomödie vor. Es kann immer noch schlimmer kommen, aber wenn man den Weg nicht weiter geht, wird man nicht erfahren, ob es am Ende nicht vielleicht doch gut ausgeht. Und so hält den Menschen in erster Linie der Humor und die Selbstironie am Leben, diese Gewissheit, dass am Ende des Tunnels immer ein Licht ist. Nur das in der heutigen Zeit dem gestressten und gebeutelten Städtebewohner meist die Sicht nach vorn verstellt scheint und das Lachen abhanden gekommen ist, weswegen er es eben darum nicht macht. Lachen entsteht heute in erster Linie aus der Situation heraus und je verfahrener diese erscheint, um so befreiender kann das Lachen über diese Erkenntnis sein, was wiederum Otto Julius Bierbaums These wieder bestätigt.

„supernova (wie gold ensteht)“ und „Gespräche mit Kosmonauten“ – Zwei sozialkritische Komödien vom Nationaltheater Mannheim bei den ATT

Am besten haben die Maxime Bierbaums die Dramatiker Felicia Zeller und Philipp Löhle verstanden, die in ihren Stücken für das Nationaltheater Mannheim den alltäglichen Wahnsinn und daraus entstehende komische Situationen oder den Menschen als geschichtsresistenten Anachronismus bestens darstellen. Einen solchen Fall nimmt sich Philipp Löhle, der in Berlin schon mit seinem Eastern „Die Überflüssigen“ im Gorki-Studio  zu überzeugen wußte, in seinem Stück „supernova (wie gold entsteht)“ vor. Gemäß der Entgegnung von Karl Marx auf das Postulat Hegels, nach dem „… alle weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen“ nur eben „… das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“ entwickelt Löhle eine Story, die erst als Sozialkritik startet und dann in eben jene unglaubliche Wiederholung von Geschichte mündet.
Friedrich, der ewige Praktikant der Geologie, pinkelt in einem Anflug von Leck-mich-Widerstandsgefühl seinem Arsch von Chef nach der Kündigung auf den Tisch. Nach dem sein Ego daheim von seiner beruflich erfolgreichen Lebensgefährtin wieder auf Normalmaß zurechtgestutzt ist, kommt ihm die glorreiche Idee, den Zufallsfund eines Goldklumpens im Schwarzwald als großen Coup rauszubringen. Er fälscht die Satellitenbilder und holt sich den ehemaligen Chef als Compagnon ins Boot. Die Claims sind schnell abgesteckt, Latzhosen tragende Baumschützer und Anwohner mehr oder minder gut abgefunden. Das imaginäre Gold wird im Termingeschäft verkauft, noch bevor der vermeintliche Schatz überhaupt gehoben ist. Friedrich hat außerdem die Rechnung ohne die geprellten Mitwisser und einheimischen Bauern Wolf, Michl und Henning gemacht, die sich den Anteil am Kuchen etwas größer vorgestellt hatten und dem Möchtegernkapitalisten auf die Bude rücken. Noch bevor das Gewissen ihn umbringt, hat das das verschworene Rächertrio mit Cowboyhüten, Wagnermusik und ordentlich Wut im Bauch schon erledigt. Nur allein, der Goldklumpen bleibt unauffindbar.
Parallel dazu wird der Selbstverwirklichungsversuch der Mutter erzählt, die ebenfalls am Goldfund beteiligt ist. Das eigenen Ende vor Augen, beginnt sie ihr Leben neu zu organisieren mit Freund Wolf und neuer Garderobe. Sie kündigt ihren Job und fängt an Lokalgeschichte zu studieren. Im Revolutionsjahr 1848 wird sie fündig, die Geschichte des linksliberalen Politikers und gescheiterten Märzrevolutionärs Friedrich Karl Franz Hecker und der große Mythos um ihn herum haben es ihr angetan. Eine Leerstelle in dessen Leben gilt es zu füllen und wie der Zufall so will, gibt es da einen mysteriösen Überfall auf eine Metallgießerei mit Goldraub.
Regisseurin Cilli Drexel inszeniert diese kleine schwarze Komödie als schnelles schmissiges Rollenspiel mit grell überzeichneten Figuren in einer Pappmascheekulisse, nur der Mutter sind hier echte menschliche Gefühle erlaubt. Sie erkennt irgendwann die Parallelen, nur dass sie von ihrem Wissensvorsprung leider wegen plötzlichem Ablebens nicht mehr provitieren und ihn auch nicht an die ahnungslosen Hinterbliebenen weitergeben kann. Ironie des Schicksals. Ihr Sohn landet, als Leiche, unter den Schwarzwaldbäumen, die er selbst nach Mecklenburg verpflanzen ließ. Wie in einer Supernova verpufft der große Traum vom Reichtum. Das Ganze holpert sich etwas verwirrend durch die einzelnen Erzählstränge, die aber zum Schluss recht einfach zu lösen sind. Fazit: Der Mensch ist in seiner Gier unermesslich und zu blöd aus der Geschichte zu lernen und muss daher zwangsläufig als Idiot enden. Damit wir gemeinsam über ihn lachen können, bedarf es dieser Farce, nur dass die Banken dabei den längeren Atem haben.

In keinem Fall langatmig sind die Texte von Felicia Zeller, mit ihrer Jugendamtskomödie „Kaspar Häuser Meer“ hat sie 2008 die Zuschauer bei den Mülheimer Theatertagen begeistert. Das Stück war in Berlin bis vor kurzem noch am Maxim Gorki Theater und im Theater unterm Dach zu sehen. Mit ihrem neuen Stück „Gespräche mit Astronauten wurde sie in diesem Jahr wieder nach Mülheim eingeladen. Vier Schauspielerinnen und ein Schauspieler switchen zwischen nervenden Öko-Müttern, aufgeregten Businessfrauen, ihren verzogenen Blagen und den dazugehörenden jungen Au-pairs hin- und her. Diese kommen aus Stolen, Rostland, der Mogelei oder auch Schlamperei und haben eigentlich eine ganz andere Vorstellung von ihren Gastfamilien und dem Aufenthalt in Knautschland. Und so spult sich ein Feuerwerk der kulturellen Gegensätze, Vorurteile und Missverständnisse ab. Das frech freudig agierende junge Ensemble vom Schauspiel Mannheim spielt sich die Bälle und Zellerschen Wortkanonaden zu.
In einem Plüsch- und Popgewitter hat das der Mannheimer Hausregisseur Burkhard C. Kosminski als knallbunte Farce mit Dschingis-Khan-Tanz und jeder Menge mimischer Raffinesse inszeniert. Über allem schwebt ein ferner Kosmonaut, einer der Väter, der lieber zum Mond fliegt, als sich mit den irdischen Banalitäten der Kindererziehung zu befassen. Der alltägliche Wahnsinn in den Familien der Besserverdienenden prallt gegen die Probleme der jungen Mädchen, die von einer Karriere im Gastland träumen und sich dafür mehr oder weniger bereitwillig ausbeuten lassen. Sie sind längst unersetzlich für die sich zwischen häuslicher Rolle und Selbstverwirklichung aufreibenden Mütter. Für die eigenen Pläne und privaten Interessen bleibt da so gut wie keine Gelegenheit mehr außer dem obligatorischen „Knautschkurs“. Das gipfelt schließlich darin, dass eine der Mütter ihr Au-pair heiraten will, um es dauerhaft an die Familie zu binden. Hier entseht zwar jede Menge Komik aus den Gegensätzen, der Sprachverwirrung und dem bewussten Überspitzen von bekannten Klischees, die Tragik, die auch in diesen Zuständen steckt, sucht man allerdings vergebens.

Mit Klischees spielt Felicia Zeller auch in ihrem Prosatext „Einsam lehnen am Bekannten“, das just zum Ende der Autorentheatertagen im Heimathafen Neukölln Premiere hatte. Felicia Zeller hat dem Neuköllner aufs Maul geschaut und die Ohren gespitzt. Die Vorlage liegt förmlich auf der Straße, in kurzen Glossen beschreibt die Autorin hier ihre täglichen Wahrnehmungen der Wahlheimat Berlin-Neukölln. Diesen „performativen Großstadt Tingel Tangel“ inszeniert Regisseurin Regina Gyr wie eine Zirkusaufführung in einer Manege, um die das Publikum platziert ist, mit viel Witz, reichlich Slapstick- und einigen Performancenummern. Rotzebatzen fliegen vom Balkon, Macker mit überdimensionalen Muskelpolstern werfen sich wie brünstige Hirsche in die Brust. „Willste was?“ „Gras, Gras?“ Grasgeflüster überall, geile Rotznasen und nervig berlinernde Bademeister. Das sind die Stereotypen, die man hier eh vermutet hat. Aber auch andere Durchgeknallte und Möchtegernstars, die sich in der „Hasenschänke“ oder dem „Blauen Affen“ am Hermannplatz heimisch fühlen, bevölkern die Szene. Ein fast endloser Reigen des Wollens und nicht Könnens, oder umgekehrt, gipfelt in einer herrlichen Stuhlchoreografie des Stillstands. Ein Hund auf Rädern wird den Zuschauern zum Aufpassen zugeführt und pups nebenbei Seifenblasen. Wortblasen gibt es auch jede Menge, vorzugsweise ins Mikro gehaucht. „Willste poppen?“ – „Nee, geh joggen!“ Es entspinnt sich ein herrlicher Run im Kreis und irgendwann, weiß keiner mehr warum und wer angefangen hat. Wir erfahren, das Trinken hier „Brettern“ heißt und dass es Koordination erfordert, das mit dem Lebenspartner zeitlich in Einklang zu bringen, da nur gemeinsames Brettern vor schlaflosen Nächten schützt. Warum lebt man in Neukölln, was ist an diesen Originalen so liebenswert? Darauf kann dieser Abend mit den Textsplittern von Felica Zeller leider keine Antwort geben und irgendwann überfällt einen mit der Autorin die Sehnsucht nach dem schönen Freiburg oder zumindest nach einem Weizenbier.

dsc04273.JPG Mitten im Kiez.
Der Heimathafen im ehemaligen Saalbau Neukölln an der Karl-Marx-Straße. (Foto: St. B.)

Düsteres und Nachdenkliches in Stücken von Rebekka Kricheldorf und Anne Habermehl bei den ATT

Aus jener Stadt mit den zufriedensten Einwohnern Deutschlands stammt die andere Jungdramatikerin mit Hang zum überbordenden Humor Rebekka Kricheldorf, die mit zwei Stücken beim ATT vertreten war. Da das weitaus interessantere „Robert Redfords Hände Selig“ zeitgleich zu Elfriede Jelineks „Winterreise“ lief, war als Ausgleich nur noch der Nick-Cave-Liederabend Murder Ballads im Angebot. Kein schlechter Ersatz, da das durchweg gut aufgestellte Ensemble des Berner Stadttheaters die schwarze Komödie um eine heruntergekommene Bar im tiefen Westen Amerikas bestens absolvierte. Es ist nicht leicht an die eigentlichen Meister des schwarzen Musik-Genres die unnachahmlichen „Tiger Lillies“ heranzukommen, aber das versucht die Regie von Erich Seidler auch gar nicht erst. Der Text von Rebekka Kricheldorf soll die melancholisch düsteren Songs von Nick Cave thematisch rahmen und sie lässt dann auch eine skurrile Personage von heimatlos Gestrandeten, Barflys und Geistesgestörten über Gut und Böse sinnieren und schließlich auf einander losgehen. Verbunden sind sie durch den Gesang und die Ausweglosigkeit ihrer Situation. Aus dem Fernseher klingen Nachrichten von Mord und Totschlag in der Welt, in der Bar spiegelt sich dieses Wahnsinnsspiel im kleinen Mikrokosmos wider. Die Bühne zeigt einen besseren Stall mit schiefem Tresen, zwielichtigen Gestalten, die es auf eine arme Tramperin abgesehen haben und einen geschwätzigen Handlungsreisenden auch mal die Seele abluchsen. Ein Gehängter stimmt in die düsteren Songs mit ein und der Barmann verschafft sich mit der Knarre Gehör. Ein Panoptikum der gescheiterten Existenzen. Die manchmal etwas banalen Texte von Rebekka Kricheldorf sind nicht das ganz große Ding, aber die Band „Los Hemiolos“ entschädigt mit ihren hervorragenden Nick-Cave-Interpretationen. Man kann Rebekka Kricheldorf mit ihrem neuen Stück „Alltag & Ekstase. Ein Panoptikum des Scheiterns“, wie passend, im Januar 2012 am DT wiedersehen.

Irgendwie fällt auf, dass alle hier beschriebenen AutorInnen aus dem Süden unseres schönen Landes kommen. Baden-Württemberg scheint tatsächlich nicht nur die Hochburg der Wutbürger, sondern auch noch der Hort des deutschen Theater-Humors zu sein. Auch die aus Heidelberg stammende Anne Habermehl reiht sich in diesen Kreis ein, nur dass sie keine Farce oder schwarze Komödie geschrieben hat, sondern mit ihrem Stück „Narbengelände“, eine Auftragsarbeit für die Bühnen Gera und Altenburg, eher tiefer in die Befindlichkeit einer Familie in Thüringen kurz vor und nach der Wende schaut. In eigener Regie und ohne große Effekte inszeniert sie das Stück über eine junge Frau im Widerspruch zwischen ihren Träumen als 16jährige in der DDR und dem Alltag nach der Wende.
„Eigentlich müsste sich ein extremes Gefühl von Freiheit einstellen“ ist der erste Satz des Stückes und eigentlich dreht es sich auch genau um dieses Gefühl, dass sich eben nicht von allein einstellen will. Marie trifft Marc, einen nachdenklicher Außenseiter, nicht nur wegen seines einen Arms. Er will immer nur wegrennen und eckt überall an. Sie ist eine Sternenguckerin und träumt von der großen Freiheit. Sie wagen gemeinsam die Flucht, bei der Marc umkommt. Auch einige Jahre nach der Wende hat Marie das noch nicht überwunden. Sie lebt allein in einem Bahnhofsgebäude in Bremen mit wechselnden Freunden und Hunden. In der Erinnerung gefangen, vergisst sie ihr Leben zu leben. Beim Besuch der Mutter Ingrid aus Thüringen kommen diese Erinnerungen wieder hoch. Ingrid wirft ihr Tütenweise die Briefe des Vaters vor: „Das muss aufhören!“ In Rückblenden wird immer wieder die Geschichte von ihr und Marc und die der Eltern erzählt. Anne Habermehl inszeniert das nicht ohne Witz und leise Ironie besonders in den Szenen, wenn sich die jungen Menschen näher kommen oder das alte Ehepaar ohne viel Worte ihre Zusammengehörigkeit in eingefahren Gleisen beschreibt. „Unsere Körper sind wie Landschaften mit Straßen, auf denen keiner mehr fährt.“
Es ist natürlich in erster Linie ein Stück über den Osten aber auch ein Generationendrama. Der Ostbezug stört eigentlich überhaupt nicht, man könnte ihn sich durchaus wegdenken. Das Stück würde auch so noch funktioniert. Es geht allgemein um Freiheit im Denken und Handeln, im Anderssein, sich ausprobieren können und um Toleranz. Unverständnis der Elterngeneration, Leistungs- und Anpassungsdruck verhindern die Entwicklung junger Menschen. Bei den Eltern ist es der Verlust von Identität, Orientierungslosigkeit, das Altern und unerledigte Trauerarbeit, zwischenmenschliche Beziehungen im Großen und Ganzen, dabei aber immer auch an realen Vorgängen in der Gesellschaft orientiert. Eine einfache Lösung hat Anne Habermehl nicht anzubieten, dafür aber echte Figuren die trotz schmerzvollen Verlusten noch nicht aufgegeben haben. Alles in Allem ein tolles Schauspielensemble und ein überraschendes Wiedersehen mit Ursula Staack als Ingrid am DT.

Bliebe zu guter Letzt noch der Österreicher  Ewald Palmetshofer mit seinem chorisch gestalteten Stück vom Rand der Gesellschaft „tier. man wird doch bitte unterschicht“. Das DT hat hier nicht die Dresdner Uraufführung sondern Felicitas Bruckers Inszenierung vom Schauspielhaus Wien eingeladen. Brucker hat bereits einige von Palmetshofers Sprachwundern auf die Bühne in Wien gebracht. Das Tier lacht bekanntlich nicht und die Sprachfrische Paltmetshofers erster Stücke hatte sich hier dann auch etwas im Empörungsmodus verhakt. Dennoch ist der Versuch, die Sprachlosigkeit weiter Teile der am sogenannten Rand der Gesellschaft befindlichen Menschen zu thematisieren, in seiner strengen Kunstform bemerkenswert. Die Hauptfigur Erika streift letztendlich aus der ständigen Demütigung heraus ihr Sprachlosigkeit ab und schlägt zurück. Dieser spontane Aufstand trifft die vermeindlich Verantwortlichen wie auch Unschuldige. Erika ist noch nicht in der Lage eine gemeinsame Sprache mit anderen zu finden, um ihre Wut zu kanalisieren. Allerdings fällt Palmetshofer auch nichts weiter dazu und zu der Problematik der vom Expertenchor verwendeten Floskeln und „Falschwörter“ ein. Der gerade 80 Jahre alt gewordene Theaterwissenschaftler Ivan Nagel hatte bereits 2008 in seinem bekannten „Falschwörterbuch“ geschrieben: „Der einheimische Streit in der Gesellschaft ist den Wortfabrikanten (und uns, ihren Konsumenten) wichtiger, als wenn, laut Goethe, „hinten, weit in der Türkei, die Völker aufeinanderschlagen““ und „Sprachkritik wird notwendig zur Sachkritik: Nur wenn die Sache ein Falschargument zum Kern hat, produziert sie ein Falschwort als Hülle.“ Ewald Palmetshofer, dem wohl zur Zeit meist gespielten Autor auf deutschsprachigen Bühnen, in Berlin laufen allein drei seiner Stücke im bat-Studiotheater, im Theater unterm Dach und am DT selbst, wird hier demnächst ein separater Beitrag gewidmet.

_______________________________

Von Kohlhaasenbrück nach Stuttgart 21 – Street Fighting Woman im Theater unterm Dach

Mittwoch, Oktober 27th, 2010

Anja Gronaus Version von Kleists Novelle heißt „Kohlhaas. Hiermit kündige ich als Staatsbürger“

„An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Roßhändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit.  — Dieser außerordentliche Mann würde, bis in sein dreißigstes Jahr für das Muster eines guten Staatsbürgers haben gelten können. Er besaß in einem Dorfe, das noch von ihm den Namen führt, einen Meierhof, auf welchem er sich durch sein Gewerbe ruhig ernährte; die Kinder, die ihm sein Weib schenkte, erzog er, in der Furcht Gottes, zur Arbeitsamkeit und Treue; nicht einer war unter seinen Nachbarn, der sich nicht seiner Wohltätigkeit, oder seiner Gerechtigkeit erfreut hätte; kurz, die Welt würde sein Andenken haben segnen müssen, wenn er in einer Tugend nicht ausgeschweift hätte. Das Rechtsgefühl aber machte ihn zum Räuber und Mörder. (…)“
So beginnt Heinrich von Kleists Novelle vom braven Roßkamm, der dann auf seiner Reise nach Dresden, vom Junker Wenzel von Tronka, um zwei seiner Rappen gebracht wird und sich erst durch alle Instanzen klagen muss, bis er merkt, dass das Recht auch mit zweierlei Maß gemessen werden kann. Kleist untersuchte anhand dieser Geschichte, im Kontext der Aufklärung, die den Herrschaftsvertrag in eine legitime staatliche Ordnung wandeln wollte, ob der Einzelne ein Recht hat sich zu wehren, wenn ihm vom Staat Unrecht zugefügt wird. Kohlhaas rennt in gutem Gewissen mit seinen gerechtfertigten Ansprüchen gegen die Obrigkeit an und scheitert dennoch an deren Klüngel. Das lässt ihn schließlich verbittert aus dem Gesellschaftsvertrag aussteigen, um sich nun zu holen was im von Rechtswegen eigentlich zusteht. Wie ließe sich da nun eine Parallele zur heutigen Zeit ziehen, in dem der Rechtsstaat eigentlich verfassungsmäßig jedem garantiert ist?
Regisseurin Anja Gronau, die schon erfolgreich die Trilogie der klassischen Mädchen (mit Kleists Käthchen, Schillers Johanna und Goethes Grete) auf die Bühne des Theaters unterm Dach gebracht hat, setzt hier wieder auf eine weibliche Heldin und so wird aus dem rechtschaffenden Kohlhaas eine mit Pferdeschwanz bezopfte, schlaue Kohlhäsin. Renate Regel erklärt mit einiger Ironie, das es sicher schöner wäre sich einen Schiller anzusehen mit großen Worten a la „Gedankenfreiheit“ und so, aber was wenn einem dabei der Rechtsstaat flöten geht? Sie bestreitet diesen Abend im Alleingang inklusive aller weiteren Rollen, von denen sie nebenbei berichtet. Trotzdem wird die Erzählung auf offener Bühne, gestaltet von Mi Ander, nie langweilig. Schon der Beginn ist ein Vergnügen, wenn Regel die zwei Rappen mittels Kopfschütteln und tänzeln auf ihren Stiefeln erstehen lässt, mit stattlichen Flanken versteht sich. Der Weg durch die Institutionen, um die vorenthaltenen Pferde zurück zu erlangen, erfolgt mittels Eintüten von Briefen und Darstellen der vielen Orte anhand von Kreidestrichen auf dem Boden. Die Namen der Städte und Adressaten zieren bald die ganze Bühne. Riegel springt erst frisch und enthusiastisch von Pontius zu Pilatus, bis der Elan allmählich erschlafft und sich die Ernüchterung breit macht. Die abschlägigen Briefe steckt sie immer wieder in ein Buch mit dem Grundgesetz.
Dann endlich schlägt der Ton um und mit Tisch und Lampenständer wird aufgerüstet. Kohlhaas zieht in den Kampf gegen die Vetternwirtschaft der Tronkas, Hinz und Kunz und schließlich gegen die Stadt Leipzig, bis es auch Luther zu viel wird. Am Bühnenhintergrund tauchen Videos von Karlsruher Verfassungsrichtern auf, mit dem Megafon schreit Regel die Bilder an. Die Zuschauer werden aufgerufen mal mit auf einen Eimer zu hauen und sie selbst bläst in die Trillerpfeife. Das „Kohlhaasische Mandat“ als spaßiger Aufruf zur Demo. Schon Kleists Novelle ist widersprüchlich, Kohlhaas bekommt zwar sein Recht nur ist der Kopf auch verloren. Er ergibt sich dem Herrschaftswillen und büßt für seine Taten. Hinten raus wird die Geschichte bei Kleist auch noch mystisch, mit der Wahrsagung über den letzten sächsischen Kurfürsten in der Kapsel um Kohlhaas` Hals. Regel setzt sich demonstrativ in einen großen Sessel und liest aus einem Märchenbuch vor. Kohlhaas` Rache ist es, den Zettel hinunterzuschlucken. „Wer mir sein Wort einmal gebrochen, mit dem wechsle ich keins mehr.“ Gronaus Quintessenz ist es, das ganze Grundgesetzt zum Witz zu erklären und zu entsorgen, ihre Aufkündigung des Gesellschaftsvertrages sozusagen. Hinsichtlich der gerade aktuell laufenden Proteste in Stuttgart gegen staatlicher Willkür und Lobbyismus bei der Planung und Durchsetzung von Großbaumaßnahmen oder dem Aufbegehren von durch Theaterschließungen und Subventionskürzungen Betroffener, ist das auch sehr sympathisch.
Wer will kann noch mal vor der Tür den Wortlaut des Artikels 20 GG Absatz 2 und 4 nachlesen. Es fällt sicher angesichts der Fernsehbilder von Stuttgart schwer an Sätze wie „Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus“ zu glauben und man ist geneigt „Das Recht zum Widerstand“ vehement einzufordern. Das wird ja auch dort vor Ort getan, nur sind hoffentlich noch nicht alle Worte schon gesprochen. Ernst Bloch sah in Kohlhaas einen „Don Quijote rigoroser bürgerlicher Moralität“, einen verfrühten Jakobiner. Kleist wollte zum Kampf gegen Napoleon aufrufen, er hat dabei sicher nicht an Anarchie und Terror gedacht. Wohin Anja Gronaus Kohlhaas zielt, bleibt etwas diffus, ihre Idee trägt einen tollen Theaterabend lang, doch dann muss mehr kommen. Das Nachdenken geht weiter.

Eine Produktion von Anja Gronau in Koproduktion mit dem Theater unterm Dach Berlin, Forum Freies Theater Düsseldorf und LOFFT Leipzig.