Archive for the ‘Theater unterm Dach Berlin’ Category

„Schernikau.Sehnsuchtsland“ – Eine dreiseitige Annäherung von PortFolio Inc. im Theater unterm Dach

Montag, Juli 5th, 2010

___

Es mutet schon bizarr an, dass sich an einem Dichter die Geister zu scheiden scheinen, der nichts anderes getan hat, als seine Ansprüche, Sexualität und Überzeugung zu leben, ohne Rücksicht auf sich selbst und jedwede Konsequenz. Reicht das schon zur Provokation, ist das tatsächlich fragwürdig oder gar abwegig und wenn ja, worin liegt denn das Provokante, Fragwürdige und Abwegige begründet?

Provokant und abwegig wirkt der bürgerlichen Gesellschaft immer das, was sie nicht versteht und was sich nicht einordnen lässt. Fragwürdig kann dagegen alles sein. Da wird einer als letzter Kommunist betitelt, als schillernde Figur, weil er etwas tat, was sich so wohl selten einer getraut hatte, aber vielen Westlinken immer als eine Option möglich schien. Er geht in die DDR, zu einer Zeit, als die Bewohner dieses Versuchs eines Gegenentwurfs zur bürgerlichen Gesellschaft sich bereits auf den Weg in die andere Alternative aufgemacht hatten und „Keine Experimente“ mehr am lebenden Individuum forderten. Die Frage des Warum steht noch immer im Raum und was er sich davon erwartet hat bzw. was er zu ändern versuchte, wo doch eigentlich kaum noch etwas zu reformieren war.

Elfriede Jelinek sagte 1989 über Ronald M. Schernikau: „Eine seltsame Vorstellung, wie dieser entschlossene junge Mann, einem Tier gleich, das seine Instinkte verkehrt herum eingebaut hat, hartnäckig in eine Richtung strebt, während ringsumher die anderen Tiere wie die Irren vor einem imaginären Buschbrand in die entgegengesetzte Richtung flüchten.“ Sie kann es sich eben auch nicht schlüssig erklären, wie man zu so gefestigten Überzeugungen gelangen kann. Dieses Zitat stammt nicht aus dem Stück, ist aber in der Biografie von Matthias Frings Der letzte Kommunist – Das traumhafte Leben des Ronald. M. Schernikau nachzulesen.

Eine Erklärung gibt auch die Theatergruppe PortFolio Inc. in Schernikau.Sehnsuchtsland im Theater unterm Dach nicht, sie belässt es bewusst bei einem Annährungsversuch an den Schriftsteller Schernikau, um seine Überzeugungen und Ideale auf den Prüfstand zu stellen, auf Relevanz in der heutigen Zeit zu testen. Gemäß der Maxime von Ronald M. Schernikau: „Alles was verstanden werden soll, muss dreimal gesagt werden.“ verkörpern in diesem als biografische Doku-Fiction angekündigtem Stück drei Schauspieler die drei Seiten und Ansprüche Schernikaus: „schreiben schwulsein kommunistsein, glaube liebe hoffnung, kindlich tuntig selbstbewusst.“

Wie bei einem Leichenschmaus treffen sich die drei, Stefan Artz, Thomas Georgiades und Michael F. Stoerzer, Trauer und Kuchen steht auf dem Tisch, ein Bild von Schernikau mit Trauerflor daneben. Es entwickelt sich nach und nach ein Disput über die Form der Schernikauschen Texte, autobiografisch oder nicht, Novelle, Blankvers etc. und ob Schwulsein im Kommunismus schon enthalten ist oder immer erst noch mitgedacht werden müsse. Die Genderfrage wird anhand eines Für-und-Wider-Spiels mit Punkten diskutiert. Die Akteure zeigen die drei Seiten eines widersprüchlichen Menschen, stehen im Streit miteinander, testen aus was in der Figur Schernikaus an Gehalt vorhanden ist.

Gleich seinem Stil der literarischen Collage wird aus dem hochgestellten Tisch eine Zettelwand, an der das Leben Schernikaus aus Zitaten und Dokumenten wiederersteht. Die einzelnen Stationen entwickeln sich nacheinander im Spiel, wie die Veröffentlichung seiner Kleinstadtnovelle, einer Coming-Out-Geschichte als Antwort auf pseudoliberale Lehrer, weitere Erscheinungen im Selbstverlag, weil den Lektoren selbst beim Rotbuchverlag seine Texte zu abgehoben erscheinen und schließlich die scheinbare Unvereinbarkeit von Pop mit politischem Anspruch, am Beispiel eines Songs über Ronald Reagen für Marianne Rosenberg, Amerika wird auch von allen als schrille Parodie vorgetragen.

Schließlich die Geschichte der Mutter, die wohl prägendste Bezugsperson für Schernikau, der einige längere Szenen gewidmet sind, wie die Flucht aus Liebe mit ihm als 6-Jährigen im Kofferraum in den Westen. Sie lässt sich in ihrer Überzeugung ebenso wenig verbiegen, wie später Schernikau als er im Land seiner Sehnsucht angekommen ist und in Leipzig Literatur studieren kann. Hier entseht die tage in l. und der Wunsch ganz in die DDR überzusiedeln, gestärkt durch den Zuspruch seines Vorbilds Peter Hacks. In Leipzig wird er argwöhnisch von den anderen Studenten beäugt, er ist ihnen mit seinen ehrlichen Überzeugungen nicht geheuer. Er sagte darüber: „ich trage lenin am revers, und vermutlich halten mich 49 prozent der leute in leipzig für verrückt und weitere 49 prozent für einen punk. der rest ist meine hoffnung.“

Er passt sich auch im Osten nicht an, er verweigert den für westliche Ausländer obligatorischen AIDS-Test und fährt immer wieder zu seinem Freund nach West-Berlin. Dieses Nomadisieren zwischen den Systemen hat der Journalist und Schriftsteller Helmut Höge in einem Beitrag für seinen taz-blog 2009 beschrieben, als ein gelegentliches Gefühl von Sehnsucht von Migranten nach der Heimat, nach Rückkehr in ein Land, in das man nicht zurückkehren darf oder kann. Und genauso haben viele Westlinke nach der Wende empfunden. „Mit der DDR verschwand das Land ihrer Kindheit, mithin ihre Heimat.“ sagt Höge und meint damit nicht nur eine geistige sondern durchaus eine real existierende.

Das Stück im Theater unterm Dach schließt mit Zitaten aus Schernikaus Rede auf dem Schriftsteller-Kongress der DDR 1990, und da steht nicht nur der Spruch von der Konterrevolution im Vordergrund, sondern auch: „Wir werden uns wieder mit den ganz uninteressanten Fragen auseinander zusetzen haben, etwa: Wie kommt die Scheiße in die Köpfe?“

Ich weiß nicht, wie der Umgang mit Schernikau in Leipzig stattgefunden hat. Aus den Berichten auf nachtkritik.de, kann man zumindest erfahren, dass es unabhängig von der Qualität, sicher eine ähnliche Herangehensweise war und etwas weniger gewollte Provokation, sondern etwas mehr Unaufgeregtheit weiter bringt, wie in Berlin auch geschehen. Es wurde in leichter, spielerischer Weise ein junger widersprüchlicher Mensch mit echten Utopien vorgestellt, der nicht nur geredet, sondern auch gehandelt hat, und es sind somit Fragen aufgeworfen, die durchaus des Nachdenkens wert sind.

Den Leipzigern bleibt, diesen Unterschied festzustellen, im September im LOFFT und dann wohl wieder ab Oktober in Berlin.

__________