Archive for the ‘Elfriede Jelinek’ Category

Winterreise? Andreas Kriegenburg inszeniert Elfriede Jelinek am DT mit fünf Quasselstrippen auf einer Klatschmohnwiese

Samstag, September 10th, 2011

Mit einem langanhaltenden Kiekser beendet Anette Paulmann als Leiermann diesen leider ebenso langatmigen Jelinek-Abend, der gestern am Deutschen Theater Berlin Premiere hatte. Kaum einen Kiekser mehr ist diese dreistündige Inszenierung des DT-Hausregisseurs Andreas Kriegenburg dann auch wert. Es ist noch nicht all zu lange her, dass die Kammerspiele München mit der „Winterreise“ in einer Inszenierung von Intendant Johan Simons hier zu Gast waren. Auch wenn er mit der Uraufführung des in Mülheim preisgekrönten Stückes von Elfriede Jelinek keinen wirklichen Volltreffer landen konnte, muss sich Kriegenburg nun wohl oder übel daran messen lassen.
Keinen kahlen unwirtlicher Raum, wie bei der Aufführung im Rahmen der Autorentheatertage im Juni, sondern eine Blumenwiese, gepflanzt von Nikolaus Frinke, ist auf der Bühne zu sehen. Hier wandeln fünf elfengleiche Wesen (Judith Hofmann, Annette Paulmann, Maria Schrader, Anita Vulesica  und Susanne Wolff) zunächst mit Wanderrucksäcken und im Nachthemd umher und sagen ihren Jelinektext auf. Die Musik aus Schuberts Liederzyklus klingt im Hintergrund und trennt die einzelnen Szenen voneinander. Zu Beginn und während der Aufführung spielt Maria Schrader immer wieder einige Akkorde aus der Winterreise auf einem Flügel. Sie ist dabei regelrecht ans Klavier gefesselt und wird auch mal mit Packband daran festgeklebt. Schrader schlägt sich dabei auf die Hand und macht dazu devote Verbeugungen. Elfriede Jelinek hat seit dem sechsten Lebensjahr selbst Klavier gespielt, diese Art von Selbsterniedrigungen sind aus ihrem Buch „Die Klavierspielerin“ und dem gleichnamigen Film von Michael Haneke bestens bekannt.
Die am Anfang des Stückes stehenden und von Heideggers „Sein und Zeit“ beeinflussten Textpassagen des Wanderers sind auf alle fünf Schauspielerinnen verteilt, man wechselt sich beim Sprechen ab und tummelt sich dabei geschäftig auf der Wiese. Die gestopfte Hypobankbraut ist gestrichen, es geht sofort mit der Kampuschstory und fünf schnatternden Klatschweibern weiter. Zu den folgenden recht expliziten Texten um Sex und unerfüllte Liebe, verletzen sich die Schauspielerinnen immer wieder symbolisch selbst, spielen mit Messern, Hackklötzen und Scheren. Annette Paulmann knüpft sich sogar eine Scherenkrone und Anita Vulesica deutet Verletzungen im Genitalbereich an. Kriegenburg wählt bewusst diese überdeutlichen Bilder, pathologisiert damit aber auch das Stück samt Autorin. Nicht etwa das Elfriede Jelinek nie ihr Innerstes in provozierender Art und Weise nach außen gekehrt hätte, aber hier werden fertige Klischees ausgestellt. Kriegenburg traut der Assoziationskraft des Zuschauers nicht und bebildert den eh schon starken Text eins zu eins.
Nach der Pause wird es dann aber richtig peinlich, wenn Maria Schrader in eine Anzugszwangsjacke gesteckt, mit gebrochener Stimme den dementen Vater der Jelinek mimen muss. Sie befreit sich zwar nach einiger Zeit wieder aus diesem Korsett, dafür tapern jetzt die anderen vier, als senile alte Männer verkleidet, über die Wiese und stecken die Schrader schließlich auch noch in ein Gitterbett. Wo Simons in seiner Inszenierung Kitsch weitestgehend vermieden hat, greift Kriegenburg mit beiden Händen mitten hinein. Erst am Schluss bekommt der Abend wieder ein paar kräftigere Szenen, wenn die Damen immer wieder im Wechsel an die Rampe treten und sehr selbstbewusst und gar nicht larmoyant die Leiermannklage anstimmen. Da ist es aber bereits zu spät, um diesen Abend noch zu retten. Was wollte uns Elfriede Jelinek eigentlich gleich noch sagen? Egal, es hört ja ohnehin kaum jemand zu. Was wirklich bleibt, ist ein schaler Nachgeschmack und eine bittere Enttäuschung mehr am DT.

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Hüben wie drüben – Kunst im Schatten der Mauer, ein paar liebgewonnene Tote und jede Menge Jahrestage

Samstag, August 13th, 2011

berliner_mauer_gedenkmarkierung_doris-antony-put-it-under-the-gfdl-and-cc-by-sa-30.jpg Mauer-Gedenkmarkierung – Foto: Doris Antony (wikimedia commons)

Eine Frage der Perspektive. Die Mauer aus anderer Sicht.

„Ist es bei euch auch so kalt wie bei uns?“ Mit Sicherheit eine rethorische Frage, eine Antwort wird der Westberliner Zollbeamte an der Berliner Mauer von seinem Gegenüber auf der Ostberliner Seite nicht bekommen haben. Dass diese Sprüche dennoch überliefert worden sind, ist der Akribie der Grenztruppen der DDR bei ihrem Dienst an der Berliner Mauer geschuldet, die alles genauestens dokumentierten, was in ihren Abschnitten so Tag für Tag vorgefallen war. Bei Recherchen im Militärarchiv Potsdam sind die Autorin Annett Gröschner und der Fotograf Arwed Messmer auf rund 1.500 Fotonegative von der Berliner Mauer gestoßen, die im Jahre 1965 von Grenzsoldaten der DDR entlang des gesamten Verlaufes der Mauer zwischen Ost- und Westberlin aufgenommen worden sind. Messmer hat diese Aufnahmen digitalisiert und zu eindrucksvollen Panoramen zusammengefügt.

Bisher kannte man die Mauer auf der Westseite von diversen Fotografien sehr genau. Fotos der Grenzanlagen von Osten aus waren eher selten, da strengsten verboten. Im Haus der ehemaligen Italienischen Botschaft im 2.Stock Unter den Linden 40 sind diese Fotografien nun zu sehen. Annett Gröschner, die bereits einige Bücher mit Geschichten über Berlin (Mitte, Prenzlauer Berg, Gleimstraße etc.) veröffentlichte, hat sie mit den oben bereits erwähnten Texten aus den Berichten der Grenzer versehen. So entstanden beklemmende Bilder einer fast surrealen Welt, mit menschenleeren Plätzen, Straßenläufen und Friedhöfen, entlang der durch Stacheldrahtverhaue, alte Friedhofsmauern und erste befestigte Grenzanlagen gesicherten Grenze. Das dieses Provisorium immer weiter ausgebaut wurde und schließlich 28 Jahre Bestand haben sollte, hat man damals vermutlich im Westteil der Stadt nicht für möglich gehalten. Der Kontrast der Bilder zu den Texten ermöglicht tatsächlich einen neuen, anderen Blick auf die damals noch trügerisch durchlässig wirkende Mauer.

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Der Mensch in seiner Welt – Johan Simons` Inszenierung von Elfriede Jelineks in Mülheim preisgekrönter „Winterreise“ bei den Autorentheatertagen am DT Berlin

Samstag, Juni 25th, 2011

„Musik macht einen fremd, obwohl ja alle dauernd Musik hören, der eine dies, der andre das, man kann sich ja kaum vor ihr retten, sie ertönt einfach überall, manchmal fast nur noch als Wummern von Bässen, und trotzdem: wenn man sie selbst erzeugt, die Musik, wird man dabei, auch für sich, gleichzeitig etwas Fremdes, nicht so fremd, wie die Komponisten es gewesen sind, aber doch, denn ihren Rufen folgt man schließlich, und wohin sie einen locken, das sollte man wissen, wenn man ordentlich geübt hat (o je!), aber wenn wir dort angelangt sind, dann bricht eben auf einmal dieser Boden unter uns ganz weg, wir sind selber ganz weg, und wir wissen, daß wir nicht mehr gemütlich unter uns sind, sondern daß das, was unter uns ist, sich bewegt – wie die Zeit. Keine Rettung.“

Elfriede Jelinek, Die Zeit flieht (1999), Aus einer Festschrift zum siebzigsten Geburtstag Leopold Marksteiners (Orgellehrer der 13jährigen E. Jelinek)
www.elfriedejelinek.com

dsc04270.JPG Foto: St. B.
Warten auf den Wanderer. Die leere Bühne wird sich bald mit der Jelinekschen Gedankenwelt füllen. Autorentheatertage 2011 im DT

„Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh` ich wieder aus.“ aus: „Gute Nacht“, 1. Lied des Zyklus „Die Winterreise“, Text von Wilhelm Müller (1794–1827)

Dieses in-der-Welt-sein und doch fremd in ihr sein, das ist das Lebensthema Elfriede Jelineks ebenso wie das von Franz Schubert, beide außenstehende Beobachter und gleichzeitig messerscharfe Analysten dessen, was um sie herum geschieht. und dessen. Nun hat E. Jelinek diese Reflexionen auf das eigene Leben noch mal in aller epischen Breite, lose an die Zyklen der von Schubert vertonten Winterreise angelehnt, vor uns aufgefächert. Aber noch viel näher ist der Text an Heideggers „Sein und Zeit“ orientiert. „Der Sinn des Lebens ist, dass der Mensch immer mehr zu dem wird, der er im Grunde seines Wesens eigentlich ist.“ Und dieser erkenntnisorientierten Untersuchung unterzieht sich nun E. Jelinek mit diesem Text, das eigene Sein und Dasein, die Existenz in der Welt und die Beziehungen mit den in dieser Welt befindlichen Gegenständen und anderen Menschen.
Der Mensch ist in die Welt geworfen, lebt in ihr und stirbt schließlich. Heidegger bezeichnet das ins-Leben-geworfen-sein aber als ständigen Prozess. Der Mensch muss sich immer wieder in bestimmten Situationen für eine von mehreren Möglichkeiten entscheiden. Im Verstehen sieht er sie vor sich, ist sich also selbst vorweg. Der Mensch ist stets in der Gefahr sich mit seinen Vorstellungen, Gefühlen, Gedanken und Handlungen in der Interaktion mit dem in der Welt Befindlichen zu verlieren und ihm zu verfallen. Mit Heideggers Begriffen wie z.B. Angst, Sorge, Fürsorge, Schuldig-sein, Gewissen, Vorlaufen, auf-sich-selbst-zu-kommen und -zurückkommen, Gewesenheit, Loslassen, Vergessen, Behalten und schließlich dem Begriff der Zeitlichkeit des Menschen spielt Jelinek auf gewohnt doppeldeutige Weise in ihrem Stück, das nun Johan Simons an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt hat. „… aber die Zeit ist nicht meine, diese Zeitlichkeit war auch nicht meine, ich komme aus einer anderen Zeitlichkeit, nicht aus dieser, …“
Zu Beginn ist die aus sägerauen Brettern zusammengezimmerte Bühne vor dem geschlossenen Eisernen Vorhang noch leer. Links sitzt der Musiker Jan Czajkowski in Skifahrermontur an zwei zusammengestellten Klavieren. Es wird über Lautsprecher im gesamten Haus heulender Wind eingespielt. Durch die Tür zwängt sich schließlich dem Sturm trotzend Stefan Hunstein als verschneiter Wanderer aus der feindlichen Außenwelt herein und beginnt einen Monolog über das schon besprochene Sein, Dasein, dem sich-Einholen und Vorüber-sein. Er drückt damit Jelineks Zweifel und Sehnsüchte in ihrem Leben aus. „…was zieht da an mir. Mein Schatten kann es nicht sein, den habe ich ans Vorbei abgegeben, der war die ganze Zeit hinter mir, bin schon mehrmals an ihm vorbei, (…) das Vorüber, ach vorüber, habe ich immer schon eingeholt, (…) mein Vorbei, das kommt nicht wieder, am Vorbei kommt man nicht mehr vorbei, an diesem Verlauf hat man teil, aber man wird nie Teilhaber,… denn man verläuft sich immer selbst im entscheidenden Moment.“
In bewährter Kalauermanier geht es dann auch weiter. Nun tritt der Rest des 7köpfigen Ensembles in eigenwilligen Kostümen auf, die beiden Belgier, Benny Claessens als „fette“ Braut und der kleine Kristof Van Boven als androgyne Mädchengestalt mit Bubikopf und Karokleid, dagegen die großgewachsene Wiebke Puls als Alter-Ego der Autorin, Hildegard Schmahl als Mutter und André Jung als geistig verstörter Vater. Sie spielen nun das Hochzeitsthema durch, der Wanderer wird zum Bräutigam, der die gute Party mit der reichen Braut macht. Der Fall der Kärtner Pleitebank Hypo Alpe Adria die 2009 zu 100% vom Staat Österreich übernommen wurde. Die Braut wird „geschmückt“ und verkauft, man steckt ihr Geld unter den Rock, sie wird zum billigen Hauptgewinn. Die Gier nach dem Geld wird hier zu einem Veitstanz der Geilheit und Travestie.
Danach wird der Fall Kampusch behandelt. „Das Mädchen wird erst viel später wieder rauskommen. Man wird es dafür verachten und bestrafen, dass es so lange weg war, man wir es mit Verachtung strafen.“ Eine durch Neid und Missgunst geprägte Öffentlichkeit, die sich über die Öffentlichkeit des Opfers erregt, Kristof Van Boven wird abgewiesen, muss weichen und tänzelt fremd unter den anderen umher. „Die Kleine glaubt, nur weil sie von der Erde fortgebracht und in die Erde hineingebracht worden ist, ist sie etwas Besonders. Das ist sie nicht.“ zischen alle. Fremdenhass und Verdrängung und auch sonst bekommt der Österreicher wieder sein Fett ab. „Was haben die in unserem Keller verloren? Wer sind die überhaupt? Dort, in unserem Keller, können sie nichts verloren haben, im Schatten ihrer eigenen Träume, nicht einmal dort haben sie was verloren.“ Leise werden dazu immer wieder Passsagen aus der Winterreise Schuberts gesummt oder gestöhnt, gesungen wird nicht. Es soll keine Romantik oder Melancholie aufkommen.
Dann wird es wieder persönlich, wenn Wiebke Puls als Elfriede Jelinek ihr Leben Revue passieren lässt. „Die Liebe liebt nicht das Wandern, aber sie sucht immer den Anderen, das ist sehr dumm von ihr. (…) Ich verlange Zärtlichkeiten, die mir zustehen, ich habe sie auf meinem Geburtsticket eintragen lassen, jetzt will ich sie endlichen konsumieren, nachdem ich jahrelang Mama gepflegt habe.“ Die komplizierte Beziehung zu Mutter und Vater, eigene Wünsche, Hoffnungen und  Enttäuschungen, alles packt E. Jelinek in diesen Text. Das Posthornthema wird hier immer wieder eingeflochten. Nach und nach verlassen die Spieler wieder die Bühne. Bis hierhin wirkt die Inszenierung von Simons teilweise fahrig und unentschlossen, der Textfluss E. Jelineks kann sich nicht voll entfalten. Simons versucht einen persönlichen Zugang zum Text zu finden, aber mehr als eine schöne poetische Choreografie wird nicht daraus. An den Schauspielern liegt es sicher nicht. Simons ist zu ehrfürchtig vor der Autorin, Jelinek mit angezogener Handbremse sozusagen.
Der zweite Teil nach der Pause gehört ganz André Jung, er sitzt erst zusammengesunken am Klavier und entwickelt dann in einem längeren Monolog die Angst eines Mannes vor dem Vergehen und Verschwinden. Er übernimmt nun die Stellung des Wanderers, der seinem Ende entgegen geht. „Ich rutsche aus mir heraus, doch was mich tragen sollte, das ist jetzt fort, kein Halten mehr, kein Halt mehr, kein Halt an Frau und Kind, …“ Es ist der Vater E. Jelineks, der in einer Nervenklinik starb. Sie benutzt das Bild eines Flusses wie in der Winterreise Schuberts für das vergehende Leben. „… Frau, Tochter!, wie euer Fluß des Lebens mich kampflos, mühelos hergegeben hat, widerstandslos, das war schon eine Leistung!, Respekt!, (…) Nein vom Gebirge komm ich diesmal nicht, früher oft, diesmal nicht, ich komme aus dem Fluß, aus dem Wasser… Wo bin ich gelandet, wohin hat mich der Fluß gespült?“ Ein Mensch der sich immer mehr verliehrt. Dagegen stehen die Einwürfe der Mutter und der Tochter, die wieder die Bühne betreten haben und sich versuchen zu rechtfertigen.
Die Texte des Leiermanns sind gänzlich gestrichen, es werden noch Passagen aus dem letzten Kapitel in Bezug zu den drei Sonnen von Wiebke Puls vorgetragen, vergebliche Bemühungen noch einmal mitzuhalten, mit den Abfahrern und „Snowboarderlinern“. „Meine Sonne ist das nicht, meine Sonnen seid ihr nicht…“ Simons zeigt Flutbilder als Videoprojektion und ein irrer Junge (Katja Herbers) vollführt Holzschuhtänze. Der Abend hat so kein richtiges Ende, Simons hat das scheinbar genügt. Der Dramatikerpreis in Mülheim für das Stück, der morgen vergeben wird, geht in Ordnung, allerdings bietet der Text noch genug Platz für weitere Interpretationen. In der neuen Spielzeit ab September 2011 werden sich dann die junge Hausregisseurin Bettina Bruinier am Schauspiel Frankfurt und Andreas Kriegenburg hier am DT in Berlin an der „Winterreise“ versuchen.

„So, da steh ich also mit meiner alten Leier, immer der gleichen. Wer will dergleichen hören? Niemand. Immer dieselbe Leier, aber das Lied ist doch nicht immer dasselbe.“

„Denn nichts von all dem meint sich selbst oder ist gemeint. Aber es ist auch nichts anderes gemeint. Ein Rätsel, das Schubert ist. Ein Rätsel, das uns aufgegeben wird, indem einer sich selbst aufgegeben hat, und wir stehen jedenfalls nicht auf dem Adreßaufkleber.“
Elfriede Jelinek, Zu Franz Schubert (1998)
www.elfriedejelinek.com

alle anderen Zitate aus: Elfriede Jelinek „Winterreise“, Rowohlt Verlag Hamburg, 1. Auflage 2011, 127 Seiten, 14,95 €  e-jelinek_winterreise.jpg

K und K aus K – Ein Chorisches Wasserwerk und ein Zirzensischer Kirschgarten vom Schauspiel Köln beim Theatertreffen 2011

Donnerstag, Mai 12th, 2011

KKK könnte auch Kölner Karnevals Klub heißen, steht hier aber für die beiden Karins, Regisseurinnen vom Schauspiel Köln, die mit ihren Inszenierungen „Das Werk / Im Bus / Ein Sturz“ und „Der Kirschgarten“ zum diesjährigen Theatertreffen eingeladen wurden. Zum zweiten Mal hintereinander ist das Schauspiel Köln unter Karin Beier mit zwei Stücken beim Theatertreffen vertreten. Jeweils ein Stück inszenierte die Intendantin selbst. Im letzten Jahr war es die fast stumm in einem Glascontainer spielende Filmadaption von Ettore Scolas „Die Schmutzigen, die Hässlichen und die Gemeinen“. Dieses Jahr kam sie mit der wortschwallenden Inszenierung gleich dreier Texte von Elfriede Jelinek nach Berlin. 3 ½ Stunden wird der Zuschauer in „Das Werk / Im Bus / Ein Sturz“ sozusagen zugetextet und mit einer Bilderflut überschüttet, die ihres Gleichen sucht. „Die Rede versiegt über bald 160 Seiten nicht und wartet vergeblich auf einen Zuchtmeister, einen Staudamm, der ihr Einhalt gebietet.“ stellt Joachim Lux im Programmheft zu „Das Werk“ in der Inszenierung von Nicolas Stemann 2003 im Wiener Akademietheater in einem Gespräch mit der Autorin fest. Die ersten „Zuchtmeister“ Jelinekscher Texte von Einar Schleef über Christoph Schlingensief bis zu Nicolas Stemann, haben immer versucht die kaum zuordenbaren Textgebirge auf ganze Chöre abzuladen. Auch in der besagten Inszenierung von Nicolas Stemann treten die Heidis und Peters in Gruppen auf und Hänsel steht ein ganzer Arbeiter-Chor von Tretels zur Seite. Es scheint fast nur so möglich zu sein, diese unglaublichen Textmassen zu schultern.
Es geht um das Verhältnis Mensch zur Natur, das immer mehr zu einem Missverhältnis gerät. Der Mensch, „Weil wir es können!“, greift seit jeher bändigend in die Naturgewalten ein, baut Staudämme zur Energiegewinnung und trotzt dem Wasser mit Deichen neues Land ab. Er selbst löst die Götter ab und erhebt die Technik zum neuen Götzen. Die Natur, hier das Wasser, schlägt immer wieder zurück, dabei Bauwerke und Menschen verschlingend. Technik kann sich nun sogar gegen den Menschen wenden, „Was fallen kann, das wird auch fallen“. An die Massen von Menschen, die schon bei der Errichtung solcher naturbändigender Werke als Zwangsarbeiter unfreiwillig ihr Leben verloren haben, will Elfriede Jelinek in dem Stück „Das Werk“ erinnern, gegen das allgemeine Vergessen anschreiben. Ein hoch moralischer Anspruch der Autorin, den Karin Beier gleich mit zwei weiteren Texten von Elfriede Jelinek noch erweitert. „Im Bus“ handelt von einem Unglück bei dem ein Bus in einer Baugrube für den U-Bahnbau in München verschwindet und drei Tote fordert. Im neusten Stück „Ein Sturz“ geht es um den Einsturz des Stadtarchivs von Köln infolge von Schlamperei beim Bau der innerstädtischen U-Bahn. Das Gebäude „stürzt hin über zwei Jungenleichen“, da sich eintretendes Wasser mit dem Baugrund vermischt und die Standfähigkeit unterminiert, denn „sicher ist hier nichts mehr“. „Und wer ist jetzt schuld?“, es ist vor allem die offene Frage nach der Schuld, die dieses Stück durchzieht.
Karin Beier nimmt den Text von „Das Werk“ als Einführung für den Abend. Die Vorstellung des Menschen als Bezwinger der Naturgewalt in Gestalt eines Ingenieurs (Thomas Loibl), der am Beginn vor dem Vorhang das Hohelied auf die Tatkraft des Menschen preist. Diesem Peter wird nach dem Öffnen des Vorhangs Bewunderung zuteil von seiner Heidi. Das Bühnenbild ist relativ einfach gestaltet mit mehreren Holztischen, an denen das Werk entworfen wird. Hier wird das Wasser gebändigt, es fließt noch relativ kontrolliert aus einer Vielzahl von Flaschen und wird getrunken. Das Wasser als Genussmittel und Lebensspender. Erste Zweifel werden gesät durch eine ständig singende Putzfrau (Rosemary Hardy) die stört, es wird das Solidaritätslied von Brecht gesungen, als ironischer Verweis auf gescheiterte Utopien und schließlich mit Heidi- und Petermasken ein Robotterballett der gesunden Körper aufgeführt, „ganz natürlich“ dem Biowahn verfallen, bis sich dann ein kompletter Gesangschor aufbaut und lautstark „Eine neue Welt fordert ihre Rechte“ skandiert.
Die Männer von Kaprun in Gestalt des Chors „Die Zauberflöten e.V.“ stehen für die große Aufbautat nach dem Krieg mit dem Wasserkraftwerk Kaprun. Die offiziell bekannte Zahl der beim Bau Verunglückten wurde mit 160 angegeben. Diesen Mythos will Elfriede Jelinek zerstören. Hänsel (Michael Weber) und Tretel (Manfred Zapatka) treten aus dem Chor hervor und berichten von den Menschen aus ganz Europa die für den Bau des Staudamms aus ihrer Heimat deportiert wurden, als „Frischfleisch“ für die Baustelle. Die eben noch Goethes Faust für das Größte hielten, stehen nun vor dem Unfassbaren. Der Chor singt dazu immer wieder Goethes „Gesang der Geister über dem Wasser“ zu der Musik von Franz Schubert. „Des Menschen Seele gleicht dem Wasser“, eine Metapher für den Glauben an das Göttliche in allen Dingen der Natur, das in diesem Werk mit den Massen von Toten pervertiert ist. Die antike tragische Wucht des vielstimmigen Sprechchores gegen die Harmonie der Schubertschen Vertonung von Goethes Gedicht, das auch ein Zeichen für den ewigen Fluss von Werden und Vergehen ist.
Eine Sirene beendet den starken Auftritt des Chors und die Schauspieler fallen um, das Unglück ist geschehen. Lina Beckmann als eine der „Mütter auf der Dammkrone“ ruft nach ihrem Kind und versucht einen der liegenden Männer auf einen Tisch zu hieven. Karin Beier will auch hier mit einigen Slapsticknummern die Ernsthaftigkeit aufbrechen, das Übermoralische des Textes relativieren. Das kulminiert schließlich in einem regelrechten Karnevalsspaß von Thomas Loibl, Michael Weber und Manfred Zapatka als grell geschminkte Bauarbeiterkarikaturen, die den Text „Im Bus“ vortragen. Drei zynisch, satyrische „Totenführer“ der Münchner Unterwelt „…aber sterben Sie nicht! Machen Sie, was Sie wollen, aber sterben Sie nicht!“ Der Text befindet sich auf der Website: http://www.elfriedejelinek.com/ unter Tod-krank.Doc für Christoph Schlingensief.

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Das Bühnenbild zur Pause: noch nicht geflutet, aber bereits mächtig unter Dampf (Foto: St.B.)

Nach der Pause wird dann aber mit „Ein Sturz“ erst das wirkliche Satyrspiel aufgeführt. Die Männer und Frauen des Schauspielensembles hacken in ihre Laptops, geschäftiges Bürotreiben, der Text kommt verfremdet vom Band oder wird von hinten per Mikro eingesprochen. Das Telefon klingelt und eine Radio tönt immer wieder, bis es in die Mülltonne fliegt. Es werden Politiker karikiert und deren Ausreden persifliert. „Wir haben Menschen gerufen und Banken sind gekommen.“ Die Schuld die sich nicht personifizieren lässt will Karin Beier damit darstellen. Der ausufernde, dahinmeandernde Textschwall ist wieder voller Anspielungen und Kalauer. Caroline Peters liest ihn immer wieder pathetisch aus einem Buch. Der Text konzentriert sich auf die Erde, die es zum Wasser drängt, trotz Pumpen und Brunnen, für viel Geld, die Baukosten verdoppelnd. Die Erde muss den Zoll zahlen und wenn die Erde nicht zum Wasser kommt, kommt das Wasser eben zur Erde, heißt es im Text. Da kein Mensch Schuld sein will, sind es die Elemente, die Erde personifiziert in einem kleinen Erdteufel, Kathrin Wehlisch wälzt sich in lehmbraunem Sand, und Krzysztof Rackowski begießt sich als Wasser mit blauer Farbe.
Es beginnt ein Körperkampf, voll sexueller Anspielungen, Erde und Wasser die in wilder Vereinigung der Elemente, den Einsturz provozieren. Die Erde begeht Selbstmord im Wasser. Ein Becken ist im Bühneboden eingelassen, der sich stetig mit Wasser füllt. Es lässt sich auch nicht mit den Schuh verstohlen wieder zurückschieben, es überflutet aus einem langen Rohr fließend die Bühne. Erst noch in unschuldiger Karnevalslaune tanzend wird nun ausgerutscht und hingestürzt, einer Stadt wird der Boden entzogen. Man schlägt sich und wirft das geduldige Papier in die Luft. Die Gottgleiche Macht der Baukonzerne wird angerufen, die ihre Kinder (Subunternehmen) wie aus „Zeus` Stirne“ gebären. Hinter Masken versteckt lamentieren die Stadtoberen und weisen alle Schuld von sich. Es treten die Drei heiligen Könige auf, beleheren und verteilen Absolution. Das Wasser lässt sich nicht beaufsichtigen und da es nichts kostet ist es auch nichts wert und hat keine Stimme. „Das Wasser trägt alles, wir müssens ertragen, und Schweigen breitet sich aus.“ Karin Beier hat dem übermächtigen Text von Elfriede Jelinek eine bildgewaltige Interpretation entgegengesetzt. Ein fulminanter Auftakt für das Theatertreffen und verdienter, erlösender Beifall für das großartige Ensemble beschließt den Abend.

DAS WERK/IM BUS/EIN STURZ, Videotrailer des Schauspiels Köln bei YouTube

Die zweite Karin aus Köln, Karin Henkel, besitzt auch schon Theatertreffenerfahrung, bereits vor 5 Jahren hat sie einen fulminanten Tschechow auf die Drehbühne der Berliner Festspiele geknallt. Das Publikum wurde fast von einer Dampflok überrollt und der überragende Felix Goeser, derzeit am Deutschen Theater in Berlin engagiert, erhielt für die Rolle des völlig hemmungslos von der Leine gelassenen „Platonow“ in der Regie von Karin Henkel den Alfred Kerr Darstellerpreis und wurde von Theater Heute zum Schauspieler des Jahres 2006 gewählt. Sie kann es also, die Komödie bei Tschechow zum Leben erwecken und das über die üblichen 2-3 Stunden Normspielzeit. In ihrer Inszenierung von Tschechows „Kirschgarten“, dem letzten Stück Tschechows ist sie allerdings dem Einfall erlegen, die Komödie gleich komplett in den Zirkus zu verlegen.
Auf einem mit Erde aufgefüllten Geviert steht ein kleiner runder Podest, der sich drehen kann und wie für Zirkustiere gemacht scheint. An der Decke hängt eine mit leuchtenden Glühbirnen bestückter Sperrholzbaldachin. Die nutzlose und nicht von dieser Welt scheinende Truppe um die  Gutsbesitzerin Ranjewskaja (Lena Schwarze) ist ständig dauermüde, fällt gern einfach um, verrenkt sich dabei sämtliche Glieder und kann nur noch mühsam wieder aufgerichtet werden. Ihr Geschäft ist das Fabulieren vom Gestern und das Wegwerfen von Geld, das niemand wirklich besitzt. Der Haufen ist völlig antriebslos und auf sich bezogen, dass da bereits der sprichwörtliche Kuckuck an den geliebten Kirschbäumen klebt, realisiert niemand ernsthaft. Man feiert Partys, macht Musik und erfreut sich an den Zauberkunststücken der französischen Gouvernante, dargestellt von der Volksbühnendame Brigitte Cuvelier im Reitkostüm und auch mal mit Jagdgewehr. Wie bei richtigen Clowns knarren die Schuhe oder es bricht ein Tisch mit abgesägtem Bein ein. Der Hausherr Leonid Gajew (Matthias Bundschuh) ist ein ständig jammernder Schöngeist und Traumtänzer, der Rest einfach so lala. Das alles erinnert stark an die lebensuntüchtige Dachbodengesellschaft der Hamburger „Drei Schwestern“ von Christiane Pohle.
Der ehemalige Bauernsohn Lopachin (von Fernsehkommissar Charly Hübner verhaftet), hat es durch Geschäfte zu viel Geld gebracht und scheint zunächst der einzigste, der hier irgendwelche Ideen für die Zukunft hat. Aber er erliegt ebenso dem schönen Schein der Partygesellschaft und kann sich nicht von den Traumtänzern lösen, die da übereinander stolpern und sich gegenseitig nerven. Seine Entscheidungskraft erschöpft sich auch nur auf das Anhäufen von Besitz und so kauft er schließlich den Kirschgarten selbst und verwirklicht seinen materiellen Traum, anstatt seinen Gefühlen zur spröden Warja (Lina Beckmann) nachzugeben. Er säuft nun Champus ohne wirklich da angekommen zu sein, wo er gerne wäre. Der Baldachin senkt sich nach unten und besiegelt so das Ende der Show. Die Regieeinfälle reichen gerade für die angesetzten zwei Stunden, mehr ist nicht drin. Die Zirkusbagage reist einfach ab, einem neuen Gastspiel entgegen und stürzt kreischend über die Bühne. „Willkommen, neues Leben!“ Nur, dass die hier alle nicht mal ein altes hatten.

DER KIRSCHGARTEN, Videotrailer des Schauspiels Köln bei YouTube

Des Menschen Seele gleicht dem Wasser – Das Berliner Theatertreffen 2011 wurde mit Karin Beiers Kölner Inszenierung von Elfriede Jelineks „Das Werk / Im Bus / Ein Sturz“ eröffnet

Sonntag, Mai 8th, 2011

„Mich läßt der Gedanke an den Tod in völliger Ruhe,
denn ich habe die feste Überzeugung,
daß unser Geist ein Wesen ist ganz unzerstörbarer Natur;
es ist ein fortwirkendes von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Es ist der Sonne ähnlich,
die bloß unsern irdischen Augen unterzugehen scheint,
die aber eigentlich nie untergeht,
sondern unaufhörlich fortleuchtet. “

Goethe zu Eckermann 1824

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Wasser ist ein schier unberechenbares Element, so unberechenbar wie die Katastrophen die durch seine unbändige Macht immer wieder über die Menschheit hereinbrechen. Goethe hat den Menschen in seinem Faust visionisch als Bezwinger dieser Mächte dargestellt. Was wie unabwendbar erscheint, soll seit altersher durch den Genius des Menschen gebändigt werden. Ebenso unabwendbar wie ein Naturgesetz fällt jedes Jahr aufs neue die Theaterprominenz zum Jahrestreffen der 10 bemerkenswerten Inszenierungen im deutschsprachigen Raum in Berlin ein.
Die Eröffnung des diesjährigen Theatertreffens am Freitag war noch mehr als in den letzten Jahren von der Überpresens von Fernsehen, Rundfunk und Presse bestimmt. Kamerateams strömten aus und hielten jedem nur irgendwie nach kompetentem Output Aussehendem ihre Mikrophone unter die Nase. Das Interesse gilt vor allem der Juryentscheidung der sogenannten Theaterprovinz den Vorrang vor den alteingesessenen Häusern zu geben. Beispielhaft dafür musste Herbert Fritsch, mit zwei Inszenierungen aus Oberhausen und Schwerin eingeladen, Interviewfragen zum neuen Theaterhype über sich ergehen lassen.
Weitere Produktionen aus der freien Szene Berlins, die sich mit der Migration (Nurkan Erpolats „Verrücktes Blut“) oder dem Generationenkonflikt („Testament“ von She She Pop) beschäftigen werden folgen. Sogar die letzte Schlingensief Inszenierung „Via Intolleranza II“ ist in der Koproduktion mit der Hamburger Kampnagelbühne entstanden. Komplettieren werden das Programm ein „Kirschgarten“ aus Köln, ein „Don Carlos“ aus Dresden und zwei Inszenierungen aus den vermeintlich großen Häusern Zürich („Tod eines Handlungsreisenden“) und Wien („Die Beteiligten“).
Es gibt nur selten Glücksmomente im Theater, der letzte echte war bei mir vor 8 Jahren, als ich Nicolas Stemanns Inszenierung von Elfriede Jelineks „Das Werk“ in Wien gesehen habe. Ich dachte nicht, dass man das noch toppen kann, Karin Beier schafft das nun spielend mit ihrer Kölner Inszenierung von „Das Werk/Im Bus/Ein Sturz“, die zur Eröffnung des diesjährigen Theatertreffen gespielt wurde. Goethes pantheistische Weltanschauung des schaffenden Menschen im Einklang mit der Natur, manifestiert im Faust, hat sich nicht erst in heutigen Tagen auch immer wieder gegen den Menschen gerichtet. Naturkatastrophen sind seit Urgedenken Begleiter der Menschheit. Aktuell kann man die Folgen der pervertierten Anmaßung des Menschen, gottgleich über die Natur herrschen zu wollen, in seinen schlimmsten Ausmaßen wieder in Japan sehen.
Elfriede Jelinek hat sich in dem Theaterstück „Das Werk“ (Uraufführung 2003 im Akademieheater Wien) nicht zum ersten mal mit der Problematik des verheerenden Fortschrittsgläubigkeit der Menschheit befasst. Bereits im Stück „In den Alpnen“ (2002) ging es es um die Brandkathastrophe im Tunnel der Gletscherbahn von Kaprun, bei der 155 Menschen verbrannten. Nach dem Einsturz des Kölner Stadtarchiv 2009 infolge von U-Bahn-Baumaßnahmen hat sie sich erneut mit der Überschätzung des Menschen die Naturkräfte bändigen zu können beschäftigt. War es in das Werk noch vorrangig das Anliegen den durch Zwangsarbeit für den Bau des Kapruner Staudamms gepeinigten Menschen zu ihrem Recht zu verhelfen, ist es in „Ein Sturz“ die Ignoranz der Verantwortlichen und die Verleugnung jeglicher Schuld an den Folgen, die sie zu ihrem Text inspiriert haben. Und so wird nun im noch unfertigen Haus der Berliner Festspiele die Bühne geflutet, knattert der Presslufthammer, tanzt der Kölsche Klüngel in Karnevalsverkleidung und preist ein vielstimmiger Chor das Wasser, das sich über einen armen Erdteufel hermacht.
Das Festspielhaus in der Schaperstraße ist mit 15 Millionen Euro aus Bundes-Geldern saniert worden. Kulturstaatsminister Bernd Neumann holt zum Dankesrundumschlag aus und vergisst auch nicht zu erwähnen, dass er alle 150 subventionierten deutschen Theaterhäuser für notwendig hält. Der Beifall ist ihm gewiss, politische Lippenbekenntnisse machen sich besonders gut vor feierlich gestimmtem Publikum. Da die Handwerker wie bereits erwähnt nicht ganz fertig waren, sind somit auch noch alle Deckeninstallationen sichtbar oder nicht alle Fliesen an den WC-Wänden. Das tut der Stimmung keinen Abbruch und ist vielleicht auch für die Kulturschaffenden mal ganz gut, an nackte Decken zu schauen. Das weitet den Horizont und wenn man den „gemeinen“ Bauarbeitern mal ein paar Gratis-Tickets in die Hand drücken würde, außer sich nur über deren Darstellung auf der Bühne zu amüsieren, dann beeilen die sich vielleicht auch demnächst etwas mehr.
Man kann sicher vieles Unfertige hinter Tapetenwänden verstecken, die planerische und organisatorische Inkompetenz der Verantwortlichen in ihren warmen und trockenen Büros aber nicht. Das Ergebnis ist dann nicht nur auf der Bühne bei Karin Beier und Elfriede Jelinek zu bewundern, sondern auch beim Anstehen an den Toiletten und dem Eiertanz in zu kleinen Vorräumen vor den Mini-Waschbecken. Dem Architekten empfehle ich die Lektüre einiger einschlägiger DIN-Vorschriften. Und wo er die 15 Millionen versenkt hat, ist hoffentlich nicht das Wasserloch auf der Bühne, sondern die für den Zuschauer nicht zu sehende Technik des Hauses. Ansonsten konnte man sich natürlich auch an den schönen Lampions in den Kastanien erfreuen oder einfach nach ein paar Frei-Kölsch bierselig nach Hause schwanken. Die Spiele sind eröffnet, Prost.

wird fortgesetzt

Gesang der Geister über dem Wasser von Johann Wolfgang Goethe, Musik Franz Schubert

Das Haus brennt – – Nicolas Stemann entsorgt Lessings Nathan auf Elfriede Jelineks „„Abraumhalde“

Freitag, Oktober 29th, 2010

„Nathan der Weise“ vom Thalia Theater Hamburg als Gastspiel am DT in Berlin

Am Anfang eine leere Bühne im Deutschen Theater. Ein großer Lautsprecher senkt sich vom Schnürboden. Durch ihn hört man den Text von Lessings Nathan. Nachdem sich ein Gazevorhang im Hintergrund hebt, sieht man die Schauspieler in Sprecherboxen wie in einem Tonstudio. Das gibt eine sehr intime Stimmung, man kann sich ohne Bild zwangsläufig nur auf das gesprochene Wort konzentrieren. Das hat etwas klaustrophobisch Bedrohliches, was durchaus zur Situation in Lessing Stück passt. Der alte Text, wie wir ihn kennen, wird konserviert, als würde man ihn auf Band einsprechen. Nathan (Sebastian Rudolph) und Daja (Patrycia Ziolkowska) unterhalten sich über den Brand und die wundersame Errettung der Ziehtochter Recha durch den Tempelherren. Nach und nach bewegen sich die Darsteller, alle in Alltagskleidung, auch auf die Bühne, Rollenzuschreibungen werden erkennbar, ihre Mikrofone und Textpulte nehmen sie aber mit. Nathan ist zuerst sicher und gefestigt, wenn er den Tempelherren (Philipp Hochmair), den seine Recha (Maja Schöne) für einen Engel hält, zu sich einladen will, wird aber sichtlich unruhiger, wenn er zum Sultan Saladin (Felix Knopp) gerufen wird, weiß er doch, das da für ihn nicht viel Gutes kommen kann. Bis hierhin lässt Regisseur Nicolas Stemann alles getreu nach Lessing spielen, trotzdem wirkt es gestellt und künstlich.

Stemann traut dem Text Lessings nicht, Rudolf druckst auch mehr die Ringparabel heraus. Unsicher blickt er sich immer wieder um. Dann kommt aus dem Bühnenhintergrund ein alter Nathan (Christoph Bantzer) im Kaftan und fängt an, ihn immer wieder mit dem Text von Elfriede Jelineks Sekundärdrama Abraumhalde zu unterbrechen. Er wird dabei von zwei weiteren Figuren in historischen Kostümen unterstützt, der christlichen Daja (Barbara Nüsse) und der Recha (Birte Schnöink), die eigentlich die Tochter des Bruders von Sultan Saladin ist. Die drei Religionen teilen sich den Text von Elfriede Jelinek. Stemann wollte der alten aufklärerischen Versöhnungsgeschichte dadurch den Hass zurückgeben, der ihm fehlte, um überhaut versöhnen zu können.

Jelineks wie immer monologisierender Endlostext handelt vom brennenden Haus, immer wieder knistert es bedeutungsvoll, von religiösem Wahn, Märtyrern, den 72 Jungfrauen, der Verdrängung einer Wahrheit die niemandem gehört, die keiner einstreifen kann wie Geld und von Kellern, dem Fall des Hauses Fritzl. Das Unterirdische der Seele des Menschen gegen eine Parabel über die Gleichheit aller Religionen. Elfriede Jelinek führt die aufklärerische Moral Lessings mit Beispielen aus der heutigen Zeit ad absurdum. Eine Versöhnung schein so in weite Ferne gerückt.

Jetzt wird es zunehmend bunter auf der Bühne. Die Symbole der Religionen schweben von der Decke und werden von den Schauspielern in Posen vor sich hergetragen. Der Tempelritter als Selbstmordattentäter, das ist schon eine witzige Idee, zieht aber auch den Nathan Lessings konsequent ins Lächerliche. Was einst als Religionskrieg begann, hat sich längst verselbstständigt und eine eigene ganz andere Dynamik bekommen. Die Schauspieler stülpen sich große Köpfe aus Pappmaché über, Papst Benedikt, Osama Bin Laden und Alan Greenspan als Geldjude, Goldbarren werden demonstrativ aufeinander geschlagen. Stemann hält sich hier sehr genau an die Regieanweisungen von Elfriede Jelinek. Ein bisschen zu viel Symbolik, die da von der Decke hängt und über die Bühne tobt. Der Inszenierung fehlt irgendwie der klare Standpunkt, außer dass religiöser Wahn und Vorurteile tödlich sein können. Das andererseits nimmt dem Stück auch den überstrapazierten Anspruch von Allgemeingültigkeit. Es hat ausgedient als Versöhnungsarie. Trotzdem bleibt Lessings Text immer noch deutlich und fassbar.

Zum Schluss fängt sich die Inszenierung wieder, die Verbrüder- und Verschwesterung findet in den Tonboxen statt, auf der Bühne liegt der historische Nathan umgeben von Recha und Daja. Er hat ausgedient als Versöhner, wird nicht mehr gebraucht. Das ist ja auch bei Lessing so, wenn er zum Schluss ganz abseits steht. Er hat da seine Schuldigkeit getan. Jelinek hat ihn als Sinnbild der noch nicht erreichten Versöhnung entheiligt und auf Halde gelegt, aber nicht für immer, sondern als heimatlose oder verschüttete Utopie die wieder aufkeimen kann.

Die deutsche Schauspielkunst im Sommerloch oder ein Rauschen im Blätterwald

Mittwoch, Juli 21st, 2010

In der warmen Jahreszeit, wenn sich die Mehrzahl der Städter aufs Land oder in den Urlaub aufgemacht haben, die Theater geschlossen sind und man nur in noch in einigen unermüdlichen Open-Air-Hochburgen theatralischen Spaß geboten bekommt, dann kommt es vor, das sich einige nun nutzlos gewordenen Kritiker, Regisseure oder andere Vertreter der hohen Kunst des Schauspiels über selbiges ins Grübeln verfallen. Die ersten Ergüsse dieses zwanghaften Denkeskapaden sind nun in den Wochenendausgaben der großen Blätter unserer Theaterrepublik zu bestaunen und müde muss man konstatieren, wozu dieser zusätzlich vergossenen Schweiß, ist das alles doch auch ohne dieses zusätzliche Rauschen im Blätterwald kaum noch zu ertragen. Für frischen Wind bei dieser Hitze sorgt das Ganze ohnehin nicht.

Nachdem ich einigermaßen abgekühlt aus dem Weißen See wieder aufgetaucht bin und die Frische noch in mir nachhallt, sitze ich hier und denke wieder über dieses Phänomen nach. Das deutsche Schauspiel scheint irgendwie allen wie das Ungeheuer aus dem Loch Ness vorzukommen, jeder spricht darüber, alle glauben es zu kennen, nur keiner weiß, wie es wirklich aussieht. Es taucht immer mal wieder aus Sommerloch auf und es werden uns schemenhafte Bilder davon gezeigt.

Nessi, nicht das Schauspiel, lebt im schönen Schottland nahe Inverness, das sicher auch bekannt ist als möglicher Standort der Burg Dunsinane, welche in grauer Vorzeiten schottische Königsgeschlechter beheimatete. Der Dichter William Shakespeare hat über einen von ihnen ein blutrünstiges Schauspiel geschrieben, indem zwar keine Ungeheuer, dafür aber 3 Hexen, jede Menge Geister, laufende Wälder und ein Mann, den keine Frau gebar vorkommen. Das Stück heißt Macbeth und war vor noch nicht all zu langer Zeit ein großer Streitpunkt, wegen einer Inszenierung, welche einige der oben geschilderten Phänomene so gegenwärtig machte, das man meinen mochte, man wäre mitten unter ihnen und schaue nicht nur in schmerzverzerrte Gesichter. Das hatte einigen Zuschauern gehörig den Magen verdreht und eine sogenannte Ekeldebatte heraufbeschworen. Der Regisseur dieser Lehrstunde des deutschen Schauspielertheaters, Jürgen Gosch, ist mit seinen Inszenierungen unvergessen, in der Darstellung von vielfältigsten Charakteren auf der Bühne, dort konnte man ihn leben sehen, den Schauspieler, wie er Peter Kümmel wohl vorschwebt. Goschs Figuren waren immer sehr präsent, schon allein durch ihre ständige Anwesenheit auf der Bühne. Was diese Figuren nun so gegenwärtig macht, ist die Begeisterung, die Gosch in den Schauspielern entfachen konnte aber auch gerade das bewusste Vergehen von Zeit, das Gosch hier wie kein anderer sichtbar machte. Diese Vergänglichkeit ist in seinen Tschechowinszenierungen besonders deutlich. Aber selbst dieser Ausnahmeregisseur fällt Kümmel in seiner Generalabrechnung mit der dramatischen Schauspielkunst in der Zeit nicht ein, sein Text ist leider fast ausnahmslos negativ. Kein Beispiel wie es sein könnte, außer Schiller, Goethe und Platonischen Augenblicken. Einst war es mal und nun will er, das es wieder ist. Oh wie traurig ist doch die Gewissheit, nie wieder einen solchen Macduff erleben zu können, oder vielleicht steht er ja doch schon vor den Toren Dunsinanes, nur niemand erhört sein nie enden wollendes Klopfen, oder taucht er etwa irgendwann auf, wie der Wald von Birnam. Jürgen Gosch war und ist tatsächlich immer noch eine Ausnahme im deutschsprachigen Theater.

Nina Hoss, die für Kümmel wohl der Inbegriff des durchtönten Körpers ist, der sich jeden Abend neu begegnet, ist auch nur ein Star der vom Beifall lebt und ihn auch stetig einfordern wird. Das sagt doch nichts über die tatsächlichen Motivationen für das Theaterspielen aus. Ich kann es ehrlich gesagt nicht mehr hören. Wer diese Art von pseudogegenwärtigem Heucheln von Gefühlen mag, kann ins BE gehen oder muss zwangsläufig in der Vergangenheit weiter leben. Mich interessiert nur, warum eine Figur etwas macht, nicht wie sie es macht. Dazu bedarf es einer Erläuterung oder des eigenen Mitdenkens. Das kann man wie Elfriede Jelinek durch eine von Kümmel so genannte Textfläche erreichen. Dennoch braucht man zum Transportieren dieser Texte aber immer noch einen Schauspieler und der wird jetzt nicht einfach nur zur Projektionsfläche einer Nachahmung wie der Mime, sondern er ist der Projektor selbst, der in uns das Bild erzeugt, ähnlich wie im Roman. Dabei ist es völlig unbedeutend, ob er von Vergangenem oder Gegenwärtigem erzählt, er bleibt trotzdem weiter als Figur präsent.

„Wir werden alle Augenblicke unseres Lebens wiedererlangen und sie kombinieren, wie es uns gefällt. Gott und unsere Freunde und Shakespeare werden unsere Mitarbeiter sein.“ Dieser Satz vom surrealistischen argentinischen Dichter Jorge Luis Borges dürfte Stadelmaier und Kümmel ein Graus sein. In seiner Bibliothek von Babel gibt es ein Buch, das eine unendliche nicht fassbare Anzahl von Seiten hat. „Das Sandbuch“ versinnbildlicht das Rätsel des Seins, die unendliche Zeit und die Grenzen der menschlichen Vorstellungskraft. Ein schier unendliche Fülle an Ideen und Geschichten entspringen diesem Quell der Seiten, vor allem auch für die Bühne, möchte man meinen und es ist wie Borges noch sagt: „Alle Menschen, die eine Zeile von Shakespeare wiederholen, sind William Shakespeare“.

Das der Roman und der Film seit langem ins Theater Einzug gehalten haben, ist nicht neu und so ist auch der vor Peter Kümmels Zeitartikel von Gerhard Stadelmaier recht uninspiriert geschriebene Artikel in der FAZ eigentlich auch nicht mehr als eine Randspalte wert. Man spürt förmlich, wenn man seine sonstigen Texte kennt, das krampfhafte Suchen nach einem Aufhänger, mal wieder ordentlich Gift verspritzen zu können. Leider gelingt es ihm nicht und so wendet er sich auch schnell vom Romanthema ab und den Gegenwartsautoren zu. Aber auch dort wird er nicht fündig, der Text bleibt blass und man liest Sachen, die man schon lange weiß oder die nur wieder seinen alt bekannten Geschmack unterstreichen. Leider kein Botho Strauß nirgends, wie langweilig wird diese Theatersaison werden. Das in diesem Jahr außer einigen Romanen, die mittlerweile selbst Bühnenklassiker geworden sind, vor allem viele Uraufführungen von jungen Dramatikern die Bühnen stürmen, wird ihn wahrscheinlich eher beunruhigen, als die x-te Variation von Der Besuch der alten Dame oder Homo Faber. Die kennt er, da weiß er sich zu verhalten. Zur Gegenwart hat er längst den Bezug verloren und so wird sich seine bildgewaltige Veriss-Maschinerie schwerer anwerfen lassen bei einem eher sparsamen Text Stockmanns oder einem fabulierenden Schimmelpfennig, obwohl der ja nun fast schon in den Fußstapfen von Botho Strauß steht. Das sich z.B. Nicolas Stemann mit Goethes ganzem Faust beschäftig, Armin Petras nicht nur Romane adaptiert, sondern auch die Hermannsschlacht von Kleist mit der von Grabbe vergleicht, Michael Thalheimer sich Die Weber von Hauptmann vornimmt und Andreas Kriegenburg sich an Shakespeares Sommernachtstraum versucht, scheint ihn nicht zu interessieren. Das sind Leute, die in seinen Vorstellungen von Theater nicht vorkommen und so muss man sich auch keine Sorgen um Herrn Stadelmaier machen, er ist aus dem heutigen Theater schon lange verschwunden und das ganz ohne Staubwolke.

Leider ähnlich langweilig, wie Stadelmaiers Vorabrechnung der kommenden Theatersaison ist das Interview in der FAS mit Luc Bondy. Vertikales und horizontales Denken oder das Bondy an Schlaflosigkeit leidet, weil ihm erst nachts immer so zum Nachdenken ist und ob Liebe, Sex oder Schlaftabletten helfen, bitte wen interessiert das? Bondy ist Hedonist und zugleich Masochist, sagt er, Essen und Trinken sind seine Leidenschaft. Na wenn es für ihn sonst nichts mehr gibt, als ständig über den Tod nach zu denken. Krebs oder eine jede andere schwere Krankheit werfen einen zweifelsohne aus der Bahn, aber vielleicht sollte er sich ein Beispiel an Christof Schlingensief nehmen und sich und uns nicht mit vergeblichen Psychoanalysen quälen. Wenn Bondy sich jetzt in der Oper wieder gefunden hat, ist das doch wunderbar, scheint bei Schlingensief ja ähnlich zu sein. Warum dann aber wieder der übliche Schlag nach den jungen Regisseuren? Danach ist er doch gar nicht gefragt worden. Er erfindet ein Bild der heutigen Theaterlandschaft als vergängliches Naturphänomen wie den isländischen Vulkanausbruch, toll. Bin ich da froh, das Vulkane nur schlummern und immer mal wieder ausbrechen können, ganz unabhängig vom Wetter. Zumindest hat sich dann mal was bewegt und die Leute kommen vielleicht zum Nachdenken. Aber ihm ist wahrscheinlich der Mensch zum Denken eh zu träge und daher kommt dann dieser Schmerz an der Welt und die Einsamkeit. Auf seine Schreibversuche kann man also sehr gespannt sein und in Vorzimmern von irgendwelchen Intendanten muss er damit ganz bestimmt nicht „antichambrieren“.

Dagegen nimmt sich das Interview, das die NZZ mit Christof Schlingensief geführt hat, wohltuend selbstreflektiv aus. Endlich mal kein ödes Sommer-Gedöns. Wenigstens einer macht sich noch ehrlich Gedanken zum Dilemma an den Deutschen Bühnen, ohne alles besser wissen zu wollen. Übrigens sagt Schlingensief nicht das früher alles besser war, in diesem negativen Kontext wie Peter Kümmel. Er blickt dankbar an seine Beginn als Theaterregisseur Anfang der 90er Jahre an der Berliner Volksbühne zurück, einem Glücksmoment in seinem Schaffen. Seitdem ist das Theater für ihn im besten Fall „…vor allem ein Forschungslabor, in dem die unterschiedlichsten Gedanken aufeinanderprallen und explodieren dürfen“, ganz ohne den Blick auf Zuschauerzahlen und den auf Konsens zielenden Programmmix der meisten Intendanten, dem der Mut zur Radikalität fehlt. Das was anderen so abgeht, hier findet man es, die Fähigkeit sich selbst richtig einschätzen zu können und das ganz ohne Kompromisse auch gegen sich selbst: „Glückseligkeit heißt, frei zu sein – auch so frei zu sein, sich selbst in Frage zu stellen. Aber das kriegt kaum einer hin, weil es schwer ist, ganz allein und für sich selbst eine Entscheidung zu treffen und zu sagen: «Ich bin nicht der, der ich sein wollte. Wie kam es dazu?»“ Schlingensief lebt wirklich im Augenblick, in dieser „Nanosekunde des Glücks“.

Eine besonders schlechte Angewohnheit von Politikern ist es, im Sommerloch über Geld zu reden, während sie sich wahrscheinlich gerade einen Luxusurlaub gönnen oder nach neuen Posten Ausschau halten. Das trifft in diesem Jahr wohl auch auf den Berliner Finanzsenator Ulrich Nußbaum zu, der mal wieder notorisch die Kürzung der Subventionen für die Theater fordert. Er begründet das in einem Interview mit der Berliner Zeitung damit, das eh nur Leute mit besseren Einkommen ins Theater gehen und man die ja nicht auch noch subventionieren müsse. Er fordert im Gegensatz dazu mehr bürgerliches Engagement, da hat Berlin im Gegensatz zur Mäzenatentenkultur in Hamburg und Bremen wohl eine Menge nach zu holen. Potenzial sieht er vorhanden, nur identifizieren sich die Berliner zu wenig mit ihrer Stadt. Selbst hat er mit einem Großhandel für Tiefkühlfische ein Vermögen gemacht und könnte eigentlich gleich mit gutem Beispiel voran gehen. Also Kultur nur für Reiche, der Hungerkünstler am Tropf der Mäzene und das Volk kann sich mit Campingstuhl und Thermoskanne zum Public Viewing auf den Bebelplatz setzen. So stellt sich der König der Tiefkühlfische wohl das neue Berlin vor. Eine Stadt die gerade durch ihr kulturelle Vielfalt und das gute Preis-Leistungsverhältnis überhaupt erst Touristen anlockt und gerade bei jungen Leuten was die Subkultur und Off-Szene betrifft, ganz groß im Trend liegt. All das will Herr Nussbaum kaputt sparen. In der Komischen Oper gibt es z.B. schon Ticketaufpreise für Leute die freiwillig mehr bezahlen wollen. Die können das auch tun, nur kann denjenigen die sich die Tickets vom Munde absparen, nicht die Möglichkeit genommen werden, am kulturellen Leben dieser Stadt teil zu nehmen. Was hat den Hamburg nun von seinen Millionären, außer einer baufälligen Kunsthalle und eines überteuerten Philharmonie-Neubaus? Die Preise in den Museen und Theatern in München und Hamburg sind tatsächlich um einiges höher, jedoch bezweifele ich, dass die Institutionen dort von der sogenannten Mäzenaten- und Unternehmerkultur tatsächlich etwas haben. Die Kulturvielfalt in Hamburg, der Stadt der Millionäre, ist nicht gerade Top und München ist so elitär und teuer, das sich das bald kaum noch ein Normalsterblicher leisten kann. Warum geht denn ein bekannter Künstler wie Daniel Richter aus Hamburg nach Berlin, bestimmt nicht weil die Kulturpolitik in Hamburg so toll ist und ihm Geld vorne und hinten rein gestopft wird. Nun ist es mit der Berliner Kulturpolitik ja bekanntermaßen auch nicht gerade weit her, aber der Kultursenator, der wohl immer noch Klaus Wowereit heißt, wäre gut beraten seinen Finanzsenator ins Sommerloch zurück zu pfeifen. Berlin ist um seine Finanzsenatoren nicht zu beneiden. Woran das wohl liegen mag? Bestimmt an der Verschwendungssucht der Berliner Millionäre, die keinen Groschen mehr für die Kultur übrig haben und den vielen Hartz-IV-Empfängern, die sich lieber um Großbildfernseher in den Media-Märkten prügeln.

Berlin hat bei weitem nicht so ein hohes Pro-Kopf-Einkommen wie München oder Hamburg. Die Zugezogenen mit den guten Jobs geben da für mich auch nicht der Ausschlag, sondern die Normalverdiener, die weder Anspruch auf Unterstützung noch genügend Kohle für die Kultur haben. In München und Hamburg sieht man die kaum noch im Theater, in Wien auf den Stehplätzen, soll das in Berlin auch so werden? Die Theater ein elitären Club der Besserverdienenden, die sich dann über Rene Pollesch amüsieren, das konterkariert ja alles, was Theater heutzutage noch bedeuten könnte. Der Amüsierbetrieb ist auch in Berlin schon auf dem Vormarsch, man muss sich dann über Unterschichten keine Sorgen mehr machen, die kommen dann nicht mehr vor, nicht mal mehr hinter Glas.

Ein weiterer Beleg für die Saure Gurkenzeit ist, dass Leute, die es sonst kaum in die Regionlazeitung schaffen, plötzlich in der großen Welt erscheinen. So auch der zwar durchaus bekannte Intendant der Senftenberger Neuen Bühne Sewan Latchinian, der nun wiederum die zu geringe Subventionen für Provinztheater feststellt. Er will sich aber gar nicht beklagen, Not mache eben auch erfinderisch und mit weniger Geld müsse es dann ja auch gehen, nur grenzt das nicht mehr nur an Selbstausbeutung, das ist Selbstausbeutung, konstatiert er ernüchtert. Ein Patentmodel hat er natürlich auch bei der Hand, die Not zu lindern, keine regionalen Kooperationen kleiner Theater, sondern die Großen gehen Patenschaften mit den Kleinen ein. Da werden die sich aber bedanken, während Leipzig sich noch Stars aus Berlin leisten kann, werden die aber bestimmt nicht für`n Appel und`n Ei nach Senftenberg gehen. Der Gedanke von Sewan Latchinian ist zwar gar nicht so übel und auf jeden Fall nachdenkenswert, nur kann das nicht von oben verordnet werden, sondern muss aus den Theatern selber kommen. Koproduktionen sind ein erster Schritt, das auch wird schon so gelebt. Partnerschaften von großen Theatern mit Provinzbühnen wären durchaus begrüßenswert, wenn das keine Einbahnstraße bleibt. Vielleicht kommen die Großen dann auch mal aus ihrer Lethargie und Nabelschau raus.

Ein weiteres Interview gibt Nikolaus Bachler in der Welt aus der Sicht der Champions-League-Intendanten der Staatsoper München, die sich international behaupten kann, im Gegensatz zu Berlin, Hamburg und Köln, die sich seiner Meinung nach wohl im Abstieg in die Regionallige befinden. Sparen ist unsexy und besonders in der Krise muss investiert werden. Da sind dann die großen Stars gefragt und „Ein Spitzensänger kostet kein Geld, der bringt welches“. Zu Bachler muss man wirklich nicht mehr viel sagen, der sollte mal lieber vor der eigenen Tür kehren. Er kann es sich ja offenbar leisten, die Stardirigenten wie die Hemden zu wechseln. Sparen ist also unsexy in München, na ja, die neue temporäre Oper auf dem Marstallplatz sieht dann ja auch ganz geil aus, aber wer geht denn da rein, wenn der Schlingensief mit seiner Oper erst mal weiter gezogen ist. Da der Bau ja transportabel ist, kann er jetzt den Zuschauern hinterher ziehen, oder dem Autohersteller und Mitfinanzier als Werbefläche dienen.

Das ist der Unterschied von der Provinz zu München, da sieht selbst Berlin im Vergleich ziemlich alt aus, wie es scheint. Nach Nußbaumscher Milchmädchenrechnung wird es wohl  bald keine 3 Opern mehr geben und das ist wohl auch sein Ziel. Da hilft dann auch der jüngste Welt-Interview-Kanditat, der frisch engagierte Wundertäter Jürgen Flimm nicht mehr, trotz großer Pläne und wie es schein mit viel Elan direkt aus den Fängen des politischen Klüngels der Salzburger Festpiele an die Staatsoper unter den Linden geeilt. Ob er nach der ersten Saison sich mit dem Berliner Klüngel anfreunden kann, oder doch vom Regen in Traufe gekommen ist, wird er selbst erfahren müssen. Zumindest hat er sich seinen Sinn für das Kindliche bewahrt und vergleicht die Kunst dann auch mit einem Kind, das nicht unterm Tisch hervor kommen will, „…und sagt, das geht nicht, ich bin im Bergwerk. So simpel ist das. Das Kind weiß genau, welche wunderbare Kraft die Fiktion hat, dass es sich mit einer Fiktion von der Welt entfernen kann. Das macht Theater immer. Die Kunst hat die größten Errungenschaften der Menschheitsgeschichte hervorgebracht.“ Wer klärt uns nun auf, wenn die Kunst des Jürgen Flimm sich von der Welt entfernt, zumindest will er kämpfen für den Platz der Künste. „Nichts ist selbstverständlich.“ Willkommen in Berlin, Jürgen Flimm.

Ob im Herbst an Latchinians Vorschlag oder an die vielen anderen Versuche Saure Gurken an den Mann zu bringen, überhaupt noch jemand denken wird, ist sehr fraglich, man wird sich höchstens an die eine oder andere nette Provinzposse erinnern und milde schmunzeln. Nichts desto Trotz, auf weitere Meldungen aus dem Sommerloch darf gehofft werden.

So genug Geunke, ich werfe mich nun wieder in den kühlen Weißen See und gehe danach Saure Gurken aus dem Spreewald kaufen.

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„Schernikau.Sehnsuchtsland“ – Eine dreiseitige Annäherung von PortFolio Inc. im Theater unterm Dach

Montag, Juli 5th, 2010

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Es mutet schon bizarr an, dass sich an einem Dichter die Geister zu scheiden scheinen, der nichts anderes getan hat, als seine Ansprüche, Sexualität und Überzeugung zu leben, ohne Rücksicht auf sich selbst und jedwede Konsequenz. Reicht das schon zur Provokation, ist das tatsächlich fragwürdig oder gar abwegig und wenn ja, worin liegt denn das Provokante, Fragwürdige und Abwegige begründet?

Provokant und abwegig wirkt der bürgerlichen Gesellschaft immer das, was sie nicht versteht und was sich nicht einordnen lässt. Fragwürdig kann dagegen alles sein. Da wird einer als letzter Kommunist betitelt, als schillernde Figur, weil er etwas tat, was sich so wohl selten einer getraut hatte, aber vielen Westlinken immer als eine Option möglich schien. Er geht in die DDR, zu einer Zeit, als die Bewohner dieses Versuchs eines Gegenentwurfs zur bürgerlichen Gesellschaft sich bereits auf den Weg in die andere Alternative aufgemacht hatten und „Keine Experimente“ mehr am lebenden Individuum forderten. Die Frage des Warum steht noch immer im Raum und was er sich davon erwartet hat bzw. was er zu ändern versuchte, wo doch eigentlich kaum noch etwas zu reformieren war.

Elfriede Jelinek sagte 1989 über Ronald M. Schernikau: „Eine seltsame Vorstellung, wie dieser entschlossene junge Mann, einem Tier gleich, das seine Instinkte verkehrt herum eingebaut hat, hartnäckig in eine Richtung strebt, während ringsumher die anderen Tiere wie die Irren vor einem imaginären Buschbrand in die entgegengesetzte Richtung flüchten.“ Sie kann es sich eben auch nicht schlüssig erklären, wie man zu so gefestigten Überzeugungen gelangen kann. Dieses Zitat stammt nicht aus dem Stück, ist aber in der Biografie von Matthias Frings Der letzte Kommunist – Das traumhafte Leben des Ronald. M. Schernikau nachzulesen.

Eine Erklärung gibt auch die Theatergruppe PortFolio Inc. in Schernikau.Sehnsuchtsland im Theater unterm Dach nicht, sie belässt es bewusst bei einem Annährungsversuch an den Schriftsteller Schernikau, um seine Überzeugungen und Ideale auf den Prüfstand zu stellen, auf Relevanz in der heutigen Zeit zu testen. Gemäß der Maxime von Ronald M. Schernikau: „Alles was verstanden werden soll, muss dreimal gesagt werden.“ verkörpern in diesem als biografische Doku-Fiction angekündigtem Stück drei Schauspieler die drei Seiten und Ansprüche Schernikaus: „schreiben schwulsein kommunistsein, glaube liebe hoffnung, kindlich tuntig selbstbewusst.“

Wie bei einem Leichenschmaus treffen sich die drei, Stefan Artz, Thomas Georgiades und Michael F. Stoerzer, Trauer und Kuchen steht auf dem Tisch, ein Bild von Schernikau mit Trauerflor daneben. Es entwickelt sich nach und nach ein Disput über die Form der Schernikauschen Texte, autobiografisch oder nicht, Novelle, Blankvers etc. und ob Schwulsein im Kommunismus schon enthalten ist oder immer erst noch mitgedacht werden müsse. Die Genderfrage wird anhand eines Für-und-Wider-Spiels mit Punkten diskutiert. Die Akteure zeigen die drei Seiten eines widersprüchlichen Menschen, stehen im Streit miteinander, testen aus was in der Figur Schernikaus an Gehalt vorhanden ist.

Gleich seinem Stil der literarischen Collage wird aus dem hochgestellten Tisch eine Zettelwand, an der das Leben Schernikaus aus Zitaten und Dokumenten wiederersteht. Die einzelnen Stationen entwickeln sich nacheinander im Spiel, wie die Veröffentlichung seiner Kleinstadtnovelle, einer Coming-Out-Geschichte als Antwort auf pseudoliberale Lehrer, weitere Erscheinungen im Selbstverlag, weil den Lektoren selbst beim Rotbuchverlag seine Texte zu abgehoben erscheinen und schließlich die scheinbare Unvereinbarkeit von Pop mit politischem Anspruch, am Beispiel eines Songs über Ronald Reagen für Marianne Rosenberg, Amerika wird auch von allen als schrille Parodie vorgetragen.

Schließlich die Geschichte der Mutter, die wohl prägendste Bezugsperson für Schernikau, der einige längere Szenen gewidmet sind, wie die Flucht aus Liebe mit ihm als 6-Jährigen im Kofferraum in den Westen. Sie lässt sich in ihrer Überzeugung ebenso wenig verbiegen, wie später Schernikau als er im Land seiner Sehnsucht angekommen ist und in Leipzig Literatur studieren kann. Hier entseht die tage in l. und der Wunsch ganz in die DDR überzusiedeln, gestärkt durch den Zuspruch seines Vorbilds Peter Hacks. In Leipzig wird er argwöhnisch von den anderen Studenten beäugt, er ist ihnen mit seinen ehrlichen Überzeugungen nicht geheuer. Er sagte darüber: „ich trage lenin am revers, und vermutlich halten mich 49 prozent der leute in leipzig für verrückt und weitere 49 prozent für einen punk. der rest ist meine hoffnung.“

Er passt sich auch im Osten nicht an, er verweigert den für westliche Ausländer obligatorischen AIDS-Test und fährt immer wieder zu seinem Freund nach West-Berlin. Dieses Nomadisieren zwischen den Systemen hat der Journalist und Schriftsteller Helmut Höge in einem Beitrag für seinen taz-blog 2009 beschrieben, als ein gelegentliches Gefühl von Sehnsucht von Migranten nach der Heimat, nach Rückkehr in ein Land, in das man nicht zurückkehren darf oder kann. Und genauso haben viele Westlinke nach der Wende empfunden. „Mit der DDR verschwand das Land ihrer Kindheit, mithin ihre Heimat.“ sagt Höge und meint damit nicht nur eine geistige sondern durchaus eine real existierende.

Das Stück im Theater unterm Dach schließt mit Zitaten aus Schernikaus Rede auf dem Schriftsteller-Kongress der DDR 1990, und da steht nicht nur der Spruch von der Konterrevolution im Vordergrund, sondern auch: „Wir werden uns wieder mit den ganz uninteressanten Fragen auseinander zusetzen haben, etwa: Wie kommt die Scheiße in die Köpfe?“

Ich weiß nicht, wie der Umgang mit Schernikau in Leipzig stattgefunden hat. Aus den Berichten auf nachtkritik.de, kann man zumindest erfahren, dass es unabhängig von der Qualität, sicher eine ähnliche Herangehensweise war und etwas weniger gewollte Provokation, sondern etwas mehr Unaufgeregtheit weiter bringt, wie in Berlin auch geschehen. Es wurde in leichter, spielerischer Weise ein junger widersprüchlicher Mensch mit echten Utopien vorgestellt, der nicht nur geredet, sondern auch gehandelt hat, und es sind somit Fragen aufgeworfen, die durchaus des Nachdenkens wert sind.

Den Leipzigern bleibt, diesen Unterschied festzustellen, im September im LOFFT und dann wohl wieder ab Oktober in Berlin.

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Die Kontrakte des Kaufmanns von Elfriede Jelinek in der Reithalle des HOT Potsdam

Sonntag, Juni 20th, 2010

In einer Inszenierung von Lukas Langhoff

Vom RBB wurde das Stück noch als der Knaller vor der Sommerpause angekündigt, das hat auch mich angelockt und so bin ich am Samstag in die schöne Stadt Potsdam gefahren, um mir das Affentheater anzusehen.

„Die Eclipse als Zeichen der Krise und Katastrophe ist in die Szenerie der Geburt des Menschen eingebunden. Und dazu hören wir Ligetis Requiem.“ heißt es im Programmheft, in einem Text von Gottlieb Florschütz zu Stanley Kubricks Film „2001 – A Space Odyssee“. Lukas Langhof nimmt für seine Inszenierung aber das bekanntere Intro, Richard Strauss` Eröffnung zu Nietzsches „Also Sprach Zarathustra“. Der absolute Wiedererkennungswert zum Film ist ihm also wichtig. Kubrick wollte einen Science-Fiction-Film drehen, in dem technische Utopie und kulturphilosophische Spekulationen über außerirdische Existenzen mit der Evolution des Menschen kollidieren. Langhoff wollte mit Masken spielen und Banker als Affen auftreten lassen. Als Intro funktioniert die Affenszenerie von Lukas Langhoff noch halbwegs, als Monolith steht die besagte Telefonzelle als Relikt der außerirdischen Vergangenheit da. Das erste Klingeln wird von den Affen noch erschrocken bestaunt. Der Evolutionsschritt erfolgt wie bei Kubrick mit dem finden des Knochens. Langhoff überspringt die Werkzeug-Stufe und geht sofort zum Mordinstrument beim Kampf um die Wasserstelle über. Die Gier ist geboren.
Das hätte als Einstieg genügt, für Langhoff ist die Evolution aber noch nicht beendet und so bleibt der Mensch erst mal noch Tier und die Affenmaske auf. Als nächster Zivilisationsschritt fällt ein Koffer mit Kleidern vom Schnürboden, die Affen kleiden sich ein und führen uns, wie bei einer Modenschau, ihre neue Identität vor. Das Individuum ist geboren. Ach ja, Jelinek gibt es natürlich auch noch. Immer wenn einer der Affen aus der Rolle dessen, was Affen so machen fällt, werden die Jelinekschen Texte zum Besten gegeben. Langhoff bleibt nicht bei den strengen Textgruppen Jelineks, sondern löst die Affengruppe auf und entwickelt lieber Individuen. Da das Stück keine Dialoge hat, müssen welche hinzu erfunden werden. Es folgt ein lustiger Regieeinfall nach dem anderen und derer sind viele, der Text des Stücks stört da eher. Die Textfragmente des originären Stücks werden immer wieder durch die anderen der Affengruppe unterbrochen, ihnen ist langweilig, sie wollen lieber fernsehen oder machen den Redner nach, Affen eben. Menschlich wird es trotzdem noch. Es treten eine Eso-Äffin, die alle Chakren erklärt, bis man selbst ganz schackrig wird, ein Gitarre spielender Muski-Affe, der die Hand aufhält, gähn, ein Prügelaffe, ein bayrisch sprechender Affe und ein verliebter der poetische Texte aufsagt, seine Angebetete von hinten beschnuppert und eine Erdnussdose erjagt. Er bekommt aber sofort von einem anderen Affen vorgehalten, das sein Verhalten nicht PC ist und in den Erdnüssen zu viele Konservierungsstoffe enthalten sind. So kalauert sich Langhoff durch die Inszenierung, ohne zu merken, das der Text von Elfriede Jelinek selber witzig genug ist, er verändert ihn sogar so, das ein des Textes nicht Mächtiger kaum noch erkennen kann, was Jelinek ist und was Regieeinfall.

Texttreue ist kein Dogma, Elfriede Jelinek lässt jedem Regisseur für das Stück den größt möglichen Freiraum. Auch Nicolas Stemann hat das weidlich ausgenutzt. Nur bei ihm wusste man immer, wann es um Jelinek geht oder wann einfach mal eine Pause ist, um die Schwere des Textgewitters zu durchbrechen und den Kontakt zum Publikum zu suchen. Von Gewitter ist hier keine Spur, der Zuschauer wird nicht gefordert. Verfremdung ist gut, Entfremdung eher missverständlich und hinderlich bei der Selbstreflektion. Wenn die Masken bisweilen fallen, dann nur um zu demonstrieren, das der Mensch nicht besser als ein Affe ist. Das Ausweiden einer im Anzug steckenden Affenpuppe und das genüssliche Verspeisen der Innereien ist sicher provokativ, aber wozu? Die Provokation steckt im Text. Aber Langhoff traut ihm nicht und zerstört so seine gewaltige Macht. Nur einmal kommt so etwas wie ein Zusammenhang von Inszenierung zum Text auf, wenn eine der Äffinnen sich im Wasser spiegelt, sich erkennt und dann den Monolog über den österreichischen Finanzministerminister Grasser vorträgt, dem Sonnyboy der FPÖ, der sich mit seinem Charme aus allem raus redet. Da ist das Lena-Special mit Euro-Fahne eher wieder aktuelle Effekthascherei. Denn was hat Lena mit Europa zu tun, außer das sie den Euro Song Contest gewonnen hat. Der Text des Stücks wird persifliert und kulminiert in der Tatsache, das Elfriede Jelinek selbst am Telefon eingesteht, das sie nichts von der Wirtschaft versteht und der Kapitalismus auf der ganzen Linie gesiegt hat. Da ist sie also wie wir, auch endlos verstrickt, ohne Hoffnung auf einen Ausweg, nur das sie ein Stück geschrieben hat, das Langhoff und Co. anscheinend nicht verstanden haben.

Wenn das alles nur eine „Scheiß-Metapher“ ist, wie einer der Affen irgendwann konstatiert, was ist dann noch wahr? Wirklichkeit und Theater, alles Illusion, die Finanzblase, das Geld das nun weg ist, die Spaßgesellschaft, wahrscheinlich noch der ganze Text von Elfriede Jelinek dazu. Rene Pollesch wird im Programmheft zitiert: „Sie wurden betrogen ums interaktive Theater? Seid froh! Seid glücklich! Diesem unerbittlichen Amüsierbetrieb entkommen zu sein.“ Mit dieser Farce hat Lukas Langhoff sich aber wieder voll mit diesem Amüsierbetrieb kurzgeschlossen.

Mülheim, Stücke 2010 – zur Dramatik der „kleinen Anzeichen“

Montag, Juni 7th, 2010

Ich will hier mal auf einen kleinen Gedankenaustausch von Christian Rakow mit Oliver Bukowski auf der Stücke-2010-Seite hinweisen, den die beiden zur Dramatik der „kleinen Anzeichen“ geführt haben, dem Artikel von Christian Rakow, der hier auch zum Preis der Mülheimer Theatertage angezeigt war und den meisten Autoren dort eher Oberflächlichkeit und Kunstgewerblichkeit vorwirft. Bukowski findet das Thema sehr diskussionswürdig. „Schön, wenn hier mal eine Debatte auf diesem argumentativem Niveau weitergehen könnte.“ Na bitte, dann führen wir sie doch offen und nicht im stillen Kämmerlein.

Bukowski legt genau noch mal den Finger in die richtige Wunde. Was will man haben, sauber recherchierte und „tiefschürfende“ Stücke die „nicht nur Knöchelchen ins Parkett reichen, um dann auf die fleischbildende Erfahrungskompetenz des Zuschauers zu hoffen“ (so Bukowski) oder „virtuose“ (Lange-Müller) Fantastereien a la Schimmelpfennig. Von Bukowski werden das Gespann Oskar Negt und Alexander Kluge angeführt, als die Beobachter und politischen Berichterstatter des realen Alltags schlecht hin, oder Felicia Zeller mit ihrem wunderbaren Stück „Kaspar Häuser Meer“ über die Ohnmacht der Jugendämter. Wie genau realistisch darf es denn nun wirklich sein, oder gibt es gar einen Mittelweg?

Ich glaube nicht, man sollte es doch jedem Autor selbst überlassen zu seinem Stil zu gelangen. Es ist sicher hilfreich auf Unzulänglichkeiten aufmerksam zu machen, aber Jungautoren wie Laucke, Palmetshofer und Stockmann ständig vorhalten zu wollen, das ihre neue Dramatik nur an der Oberfläche kratzt, ist doch zu viel des Guten. Stockmann zeigt sich zum Glück auch sehr resistent, wenn nicht sogar renitent dagegen, wie man ja bei Stücke 2010 lesen konnte.

Da stellt sich mir jetzt eigentlich auch gar nicht die Frage „Wie es sein sollte“, um der von Rakow diagnostizierten „thematische Armut“ begegnen zu könnten, sondern eher Was wird im Vorfeld schon falsch gemacht? Da kann man jetzt den Ball getrost wieder an Bukowski zurückspielen und um wieder an den Anfang zurück zu gelangen an die Theater und Dramaturgen sowieso. Das Maxim Gorki Theater in Berlin macht nämlich genau das Richtige, jährliche Themenschwerpunkte mit der Möglichkeit für junge Autoren sich in bestimmte Themen ein zu arbeiten und darüber in einem eigenen Stück zu reflektieren. Die Ergebnisse sehen zumindest in dieser Spielzeit sehr passabel aus.

Sicher sind die Stücke von Dea Loher und Schimmelpfennig voller Allgemeinplätze und recht banal, das aber auf ziemlich hohem Niveau. Das muss man erst mal so hinkriegen. Und dann auch noch den Jungdramatikern Laucke und Stockmann so was wie Oberflächlichkeit und Krämern im Kleinen vorzuwerfen, das geht etwas weit. Die können schließlich auch nichts dafür, das sie bereits jetzt, mit diesen noch etwas unbedarften Stücken ausgewählt worden sind. Da hat es wohl doch an guten Alternativen gefehlt außer eben der Kontrakte des Kaufmanns von Elfriede Jelinek, das ist doch sehr offensichtlich. Das Rene Pollesch in Mühlheim und beim Theatertreffen schmählich vergessen wurde, ist doch eh klar.

Ein gutes Beispiel, wie man diesen „Realismus der kleinen Anzeichen“, wie es Christian Rakow nennt, umgehen kann, hat übrigens Philipp Löhle mit den Überflüssigen gegeben. Hier muss der Zuschauer noch kleine Umwege denken und kann nicht nur eindeutige Bilder entschlüsseln. Hier gut, da böse gibt es nicht. Löhle zeigt mit seinem kleinen Eastern sehr gekonnt, wie dieses Ungewohnte im Realismus aussehen könnte. Vielleicht liegt ja tatsächlich im Genre eine Chance der Beliebigkeit zu entkommen.