Archive for the ‘Enrico Lübbe’ Category

„Am Kreuzweg“ und „Wolken.Heim“ von Elfriede Jelinek – Neues zu Trump in Hamburg und Älteres zu den Deutschen in Leipzig

Samstag, November 25th, 2017

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Am Königsweg – Am Deutschen Schauspielhaus Hamburg inszeniert Falk Richter die Uraufführung von Elfriede Jelineks Trump-Stück.

Am Königsweg von Elfriede Jelinek im Deutschen Schauspielhaus Hamburg – Foto (c) Arno Declair

Man könnte von einer kurzen Atempause für die Welt sprechen. Ganze 11 Minuten war am letzten Donnerstag der Twitter-Account von US-Präsident Donald Trump nicht erreichbar. Ein scheidender Mitarbeiter des digitalen Kurznachrichtendiensts hatte ihn als letzte Amtshandlung einfach abgeschaltet. Über 41 Millionen Menschen folgen mittlerweile weltweit Donald Trump auf Twitter. Der ehemalige Geschäftsmann und Milliardär hatte dieses Medium schon vor seiner Amtszeit intensiv für seine Ziele und eine teilweise rassistische und sexistisch Stimmungsmache genutzt. Diffamierungen von Gegnern sowie Angriffe auf die unliebsame Presse und unbotmäßige Angehörige der US-Justiz gehören auch nach der Wahl Trumps zu seinen bevorzugten Botschaften in 140 Zeichen.

Die Welt dürfte auch den Atem angehalten haben, als bekannt wurde, dass nicht wie prognostiziert Hillary Clinton sondern jener Mann vom US-amerikanischen Volk zum Präsidenten gewählt wurde, der derzeit zu den meistgehassten und umstrittensten Persönlichkeiten weltweit gehören dürfte. Zumindest sehen das viele links-liberale Intellektuelle und vor allem auch Künstler hier wie jenseits des großen Teiches so. Wie es nun zu dieser Wahl und dem Erstarken populistischen Kräfte in der Politik kommen konnte, ist vielen noch immer ein Rätsel. Die politischen Analysen sind vielgestaltig; und auch die künstlerische Aufarbeitung läuft an den deutschsprachigen Theatern auf Hochtouren.

Ziemlich rasch nach der Wahl hatte die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek ein Stück über Donald Trump angekündigt. Bereits im März erfolgte eine Lesung von Am Königsweg, wie Jelineks Drama nun heißt, in New York. Die Uraufführung des Textes in Deutschland besorgte nun der Theaterautor und Regisseur Falk Richter für das Deutsche Schauspielhaus Hamburg.

Der Name Trumps fällt im Stück allerdings nicht. Er hat hier viele Namen wie Sieger, Vorkämpfer, Anführer, Erlöser oder Gott und wird von Jelinek einfach „der König“ genannt. Die Autorin rückt ihn wie oft in ihren Stücken in die Nähe von antiken Mythen oder auch Figuren aus der Bibel. Hier sind es der schicksalsbeladene König Ödipus oder Abraham, der seinen Sohn Isaak für Gott opfern soll. Für Jelinek ist es vor allem die Frage nach Schuld und Schulden, die sie immer wieder in zumeist verschachtelnden Kalauern in ihrem ohne direkte Personenzuschreibungen meanderndem Text stellt. Es geht um das Sehen und gleichzeitige Nichtsehen des Abgrunds, um falsche Prophezeiungen und um das Unvermögen dies in Worte zu fassen. Letztendlich auch die Einsicht der Autorin selbst trotz ihres unaufhörlichen Schreibens nicht erhört zu werden.

Die Welt am Scheideweg wie König Ödipus. Was der Weg des Königs Trump sein wird, davor hat nicht nur die Autorin Angst. Als blinder Seher Teiresias geistert sie klagend durch ihr Stück. In Hamburg übernimmt die Schauspielerin Ilse Ritter diesen Part. Sie hat gleich zu Beginn noch vor verschlossenem Vorhang ihren Auftritt mit den Worten: „Von wem will ich da überhaupt sprechen (…) oder lieber schweigen?“ Das übrige Ensemble mit Matti Krause, Anne Müller, Tilman Strauß und Julia Wieninger sitzt am Tisch und spricht verteilt in Mikros. Der Tänzer Frank Willens zuckt immer wieder zum Rhythmus des eingespielten Elektrosounds von Matthias Grübel. Katrin Hoffmann hat dazu eine Bühne gebaut mit weißen Wänden, auf die in schneller Folge Videos von Geld, Waffen, Krieg oder gewaltsamen Demonstrationen projiziert werden. Halb antiker Tempel mit Säulen, Tiger- und Löwen-Attrappen, halb Showtheater auf dessen Balkon dann auch bald Waldorf und Statler aus der Muppets-Show auftauchen. Kermit der Frosch schwingt einen Baseballschläger und Miss Piggy trägt MPi. Richter greift hier eine Idee Jelineks auf, in deren Text auch ein blinde Miss Piggy als Seherin und Figur der amerikanischen Popkultur auftritt.

 

Am Königsweg von Elfriede Jelinek im Deutschen Schauspielhaus Hamburg – Foto (c) Arno Declair

 

Das Ensemble trägt blutige Augenbinden als Ausdruck der kollektiven Blindheit des Volks. Der Sieg des Königs sei die Rückkehr des Alten als das Neue und grausige Parodie des „historisch Überlieferten, auch wenn damals Millionen daran krepiert sind“? Richter lässt den Text als wilde Kostümfarce spielen und Kasperletheater aus der Gründgens-Loge. Zwischendurch sorgt Idil Baydar als Antiintegrationsalbtraum mit ihrer Kabarettfigur Jilet Ayşe für Irritierung beim vorwiegend weißen Publikum. Witzig führt sie den Deutschen ihre Vorurteile und Rassismen vor, punktet mit den 10 kleinen Negerlein und den Chinesen mit dem Kontrabass sowie der Subjekt-Objekt-Theorie von „Emanuela“ Kant. Auch gesungen wird viel, u.a. „One of Us“ von Joan Osborne, „I Started a Joke“ von den Bee Gees oder das großartige „Fade into You“ von Mazzy Star. Ein multimedialer Overkill, der erst nach der Pause in eine zunächst schweigenden Runde an der Rampe mündet.

Und was macht der König? „Er schreibt nicht, nein er twittert.“ Als großes „Twitter-Twatter“-Baby bringt der körpermächtige Schauspieler Benny Claessens dann auch seinen König auf die Bühne. In fantasievollen Roben von Andy Besuch wütet hier kein kleiner Prinz, sondern ein großes, herrisches Königskind, das seinem Spieltrieb freien Lauf lässt, ein großes Plastikpferd hereinrollt, auf seinem Kissenlager fläzt, einen luftgefüllte Weltkugel traktiert und die Theaterbesucher beschimpft. „Sobald ich wieder liquide bin, kaufe ich die Wahrheit oder lease sie – was immer der bessere Deal ist.“ Trumps Verhältnis zur Wahrheit wird hier ebenso ausgestellt wie seine zwielichtigen Geldgeschäfte mit den Banken. Als schwäbelnder Deutsche-Bank-Manager unter eingeschlagenem Holzkopf tönt Tilman Strauß davon, wie man den Menschen hilft, Schulden zu machen. Jelinek reflektiert hier wie schon in Die Kontrakte des Kaufmanns auch die Finanzkrise.

Trump als Mann, der mit seiner Familie im Inneren seines Turms sitzt. Das Wahl-Volk schaut zu ihm auf, wie zu einem Gott, der Mauern baut, um das Fremde auszugrenzen, während die, denen er versprochen hat, Amerika wieder groß zu machen, ihr Haus an die Banken verloren haben. Diesen so ebenfalls Ausgegrenzten widmet Jelinek in ihrem Stück große Aufmerksamkeit. Matti Krause spielt aus dem Chor des Volks heraus das „Erscheinen des jungen weißen Mannes“, der sich mit Ku-Klux-Klan Maske in Rage redet. Wir kennen das bereits aus Richters Skandalstück Fear, in der an der Berliner Schaubühne Tilman Strauß den Part des abgehängten Mannes aus der ostdeutschen Provinz gab. Nun spielt er neben Matti Krause als Neuzugang am Schauspielhaus einen ebenso überzeugenden Part in Falk Richters Jelinek-Inszenierung. Nur das hier noch einmal Matt Krause als pöbelnder Wohnwagen-Prolet frauen- und ausländerfeindliche Witze machen darf, während Strauß mit Tänzer Willens am Lagerfeuer „Take me Home, Country Roads“ zur Gitarre anstimmt.

Die kurze Prophezeiung, der König werde sich doch noch hellsichtig die Augen ausstechen, was Tilman Strauß sogleich dramatisch mimt, nimmt Jelinek aber gleich wieder zurück. „Die Krise will ein anderes Opfer.“ Hier herrscht auch am Ende Resignation und Ödnis. Ilse Ritter kommt noch einmal als alternde Autorin zu Wort, der das Wort aus dem Mund ausbrechen will, das Wort, das nun bei Gott wohnt und eine Panne hat. Es kalauert noch ein wenig von verlorenen Worten, die uns ausgehen. Mit den Worten „Bitte seien sie mir nicht böse und hören lieber nicht auf mich“ endet ein großer Text und Abend mit einer über die 3 ½ Stunden fast durchgängig adäquat guten Umsetzung.

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Am Königsweg (SchauspielHaus, 03.11.2017)
von Elfriede Jelinek
Regie: Falk Richter
Bühne: Katrin Hoffmann
Kostüme: Andy Besuch
Komposition und Musik: Matthias Grübel
Video: Michel Auder, Meika Dresenkamp
Licht: Carsten Sander
Dramaturgie: Rita Thiele
Ton: André Bouchekir, Hans-Peter „Shorty“ Gerriets, Lukas Koopmann
Videotechnik: Alexander Grasseck, Antje Haubenreisser
Mit: Idil Baydar, Benny Claessens, Matti Krause, Anne Müller, Ilse Ritter, Tilman Strauß, Julia Wieninger, Frank Willens
Die Uraufführung war am 28.10.2017 im Deutschen Schauspielhaus Hamburg
Dauer: 3 Stunden, 30 Minuten, eine Pause
Termine: 26.11. / 02., 15.12.2017

Infos: http://www.schauspielhaus.de

Zuerst erschienen am 06.11.2017 auf Kultura-Extra.

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Wolken.Heim – Intendant Enico Lübbe eröffnet mit Elfriede Jelineks intertextuellen Collage über deutschnationale Selbstvergewisserung die neue Spielstätte „Diskothek“

Eine Woche nach der Uraufführung ihres neuesten Theaterstücks Am Königsweg am Deutschen Schauspielhaus Hamburg erhielt die österreichische Schriftstellerin und Dramatikerin Elfriede Jelinek in Leipzig den vom Deutschen Bühnenverein ausgelobten Theaterpreis FAUST für ihr Lebenswerk. Grund genug für Enrico Lübbe, Intendant am Schauspiel Leipzig, ein älteres, aber verblüffend aktuelles Stück der Literaturnobelpreisträgerin neu zu inszenieren. Gleichzeitig mit der Premiere von Wolken.Heim. wurde endlich auch die neue Spielstätte „Diskothek“ in den bereits unter Vorgänger Sebastian Hartmann zur Dauer-„Baustelle“ gewordenen Räumlichkeiten eröffnet. Die Stadt Leipzig hat dem Theater 4,6 Mill. Euro spendiert. Nun muss das Publikum nicht mehr die vielen Stufen bis unters Dach des Schauspiels steigen, sondern kann bequem den Eingang an der Ecke Bosestraße/Dittrichring nehmen. Intendant Lübbe will hier weiter junge zeitgenössische Dramatik zeigen. Und auch in dieser Spielzeit wird es da wieder einiges Neues zu entdecken geben.

 

Wolken.Heim von Elfriede Jelinek am Schauspiel Leipzig
Foto (c) Rolf Arnold

 

Fast 30 Jahre ist es her, dass Elfriede Jelinek das Stück Wolken.Heim. schrieb. Entstanden ist es 1988 nach der eingehenden Beschäftigung mit philosophischen Schriften zum Mythos der deutschen Nation, die sich im Text immer wieder als sogenanntes „Wir“ zu erkennen gibt. Diesem Wir in den Mund legt die Autorin Zitate großer deutscher Dichter und Philosophen wie etwas Hölderlin, Kleist, Fichte, Hegel und Heidegger. Besonders Hölderlins Dichtung und die philosophischen Schriften Heideggers gehören ja bekanntermaßen zu den am häufigsten verwendeten Quellen in den Stücken Jelineks. Im letzten Drittel schneidet Elfriede Jelinek noch Zitate aus den Briefen der in Stammheim inhaftierten RAF-Mitglieder aus den Jahren 1973-1977 in den Text. Diese sind teilweise selbst Zitate von Vorbildern der RAF-Kämpfer wie etwa Frantz Fanon oder Girolamo Savonarola.

Die Besonderheit der Verfahrensweise von Elfriede Jelinek ist die stark intertextuelle Verwendung der Zitate. Dabei verfremdet sie den Originaltext und überführt ihn in einen einzigen monolithischen Redefluss ohne jegliche Kennzeichnung. Inspiriert wurde die Autorin von dem Essay Das Gedächtnis des Bodens von Leonhard Schmeiser, in dem der österreichische Philosoph und Buchautor über die Themen und Tendenzen der deutschsprachigen Intellektuellen im Umfeld der Jahre 1790 bis 1820 schreibt. Schon da ist viel von Blut und Boden die Rede. Schmeisers These ist dann auch, den deutschen Idealismus mit seinen Nationalbestrebungen in Folge der Napoleonischen Fremdherrschaft mit der Entstehung des Nationalsozialismus in Zusammenhang zu bringen. Die Ausnutzung von Fichtes Reden an die Deutsche Nation und Hegels Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte durch die Nationalsozialisten sind Tatsache. Dazu kommt die Anbiederung Heideggers in seiner Antrittsrede als Rektor der Universität Freiburg, in der er 1933 das „Wesen der deutschen Universität“ mit der Notwendigkeit von „Arbeitsdienst, Wehrdienst, und Wissensdienst“ in Einklang bringt.

 

Wolken.Heim von Elfriede Jelinek am Schauspiel Leipzig
Foto (c) Rolf Arnold

 

Und so klingt dann auch Jelineks Text wie eine einzige politische Rechtfertigungsrede der Deutschen für Fremdenfeindlichkeit und innere Abgrenzungsbestrebungen und ist somit nah an den Aussagen heutiger AfD- und Pegida-Redner. Das ist besonders wirkungsvoll, da diese Aussagen fast unmerklich und nur indirekt durch die Autorin gebrochen werden. Das passiert zumeist durch Wiederholungen von rhetorischen Phrasen wie das immer wieder auftauchende „wir sind zuhaus“. Jelinek versucht damit die Überlegenheitsgefühle und das deutsch-nationale Gedankengut der Stimmen im Text ins Lächerliche zu ziehen. Hier ist die Autorin zwar noch fern jeglicher Kalauerei, der ihre späteren Stücke kennzeichnet, aber der etwas biedermeierlich anmutende poetische Ton tut sein Übriges.

Regisseur Enrico Lübbe hat die Vorlage dann auch dementsprechend inszeniert. Fast alles wirkt hier wie aus einem Lese- und Bilderbuch der deutschen Romantik entsprungen. Düster und biedermeierlich auch das Bühnenbild, das nach Gemälden des Leipziger Malers Titus Schade gebaut wurde. Es zeigt dunkle Häuser unter Laternenschein, aus deren Schornsteinen sich dünner Rauch schlängelt, Fachwerkfassaden, Wolkenbilder und weihnachtlichen Schwippbogennippes. Da herum patrouilliert Hartmut Neuber als Blockwart mit Taschenlampe. Dahinter verbergen sich Schlafgemach und Bücherstube. Ein Raum zum Träumen, in dem der Text auch immer mal von kratzenden Schallplatten klingt und ein Raum für das bildungsbürgerliche Herz, in dem Tilo Krügel im Schößchenfrack in alten Büchern wühlt. Bettina Schmidt bügelt als deutsche Hausfrau Pelz und Schwert oder hört bei einem deutschen Mittagstisch dem Gatten beim Philosophieren über die Minderwertigkeit der „Orientalen“, „Slawen“ und „Neger“ gemäß den Schriften des deutschen Staatsphilosophen Hegel zu.

Zur Identifikation der Deutschen mit dem Boden und den aus ihm erwachenden Mythen und untoten Helden wie Barbarossa oder den Nibelungen komponiert Lübbe starke Bilder, auch wenn der Auftritt von Hubert Wild als kostümierter Kaiser Rotbart, eines Zwergs Mime mit Schwert sowie von Märchenfiguren wie Rapunzel und Rotkäppchen (Anna Keil), das den Wolf vor Waldkulisse küsst, sicher eher belustigend wirken, als dass sie einen erschauern lassen. Das übernimmt der zwischendurch eingespielte, knackende Elektrosound von Hubert Wild, der die Umbrüche im Text markiert. Dazu wird auch immer wieder im Chor deutsches Liedgut wie gesungen. Dass Elfriede Jelinek die Briefe der RAF ins Spiel bringt, was sich hier in heftigen, plötzlichen Wortattacken entlädt, ist eine Reflexion der bleiernen Nachkriegszeit, gegen deren Geschichtsvergessenheit sich der Terror der RAF richtete, sich dann aber in Gewalt, Durchhalteparolen und Wir-Vergewisserung erschöpfte. Ein Revolutionsversuch, der als deutsches Trauma immer noch nachwirkt.

Wolken.Heim., in Berlin zuletzt von Claus Peymann ein Jahr nach Elfriede Jelineks Nobelpreiseehrung inszeniert, ist wieder häufiger auf den Spielplänen deutschsprachiger Bühnen zu finden. Ein immer noch brennend aktuelles Stück deutscher Geschichtsaufarbeitung, aus dem sich auch der Autorin Heimatland Österreich in keiner Weise herausdenken ließe.

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Wolken.Heim (Diskothek, 17.11.2017)
von Elfriede Jelinek
Regie: Enrico Lübbe
Bühne: Titus Schade, Marialena Lapata
Kostüme: Sabine Blickenstorfer
Musik: Hubert Wild
Dramaturgie: Torsten Buß
Licht: Carsten Rüger
Mit: Anna Keil, Tilo Krügel, Bettina Schmidt, Hartmut Neuber, Hubert Wild
Premeiere war am 16.11.2017 in der Diskothek am Schauspiel Leipzig
Spieldauer: ca. 1:20, keine Pause
Termine: 06., 17., 29.12. / 13., 14.01.2017

Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de/

Zuerst erschienen am 18.11.2017 auf Kultura-Extra.

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DIE MASSNAHME / DIE PERSER – Intendant Enrico Lübbe ist am Schauspiel Leipzig mit Brecht und Aischylos auf der Spur der Wirkung politischer Ideen im Bewusstsein individuellen Leids

Donnerstag, April 6th, 2017

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Foto Schaukasten Schauspiel Leipzig: St. B.

Der Intendant des Schauspiels Leipzig Enrico Lübbe liebt es groß zu inszenieren – und vorzugsweise mit großen Bürgerchören. In der letzten Spielzeit brachte er mit Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen gleich zwei Werke zum Thema Flucht und Migration an einem Abend heraus. Das erste, nach der griechischen Tragödie des Aischylos ganz klassisch in Szene gesetzt, kontrastierte der Regisseur mit dem aktuellen Text von Elfriede Jelinek, die sich dazu ihrerseits von Aischylos inspirieren ließ. Diesen „dramaturgischen Weg der Doppelbefragung“, wie es auf der Website des Schauspiels Leipzig heißt, setzt der Regisseur nun mit zwei weiteren Texten aus recht unterschiedlichen Epochen der Weltgeschichte fort.

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Seine neue Stück-Kombination Die Maßnahme / Die Perser führt nun wiederum zwei Dichter zusammen, deren Werke vielleicht nicht auf den ersten Blick thematisch verwandt sind. Zum einen ist es wieder der Grieche Aischylos (da bleibt sich Lübbe treu), zum anderen wählt er mit Bertolt Brecht einen Autor, der sich wie kaum ein anderer mit den politischen Fragen seiner Zeit beschäftigt hat und damit natürlich auch Elfriede Jelinek sehr nahe stehen dürfte. Zumindest war die österreichische Dramatikerin auch einige Zeit Mitglied in der Kommunistischen Partei Österreichs, was sie Bertolt Brecht dann sogar voraushat. Brecht begnügte sich mit agitatorischen Lehrstücken wie eben der Maßnahme, für die Hanns Eisler die Musik komponierte. Das Stück hatte 1930 zur Zeit ideologischer Graben- und ganz realer Straßenkämpfe in der Weimarer Republik im alten Gebäude der Berliner Philharmonie seine Uraufführung, die schon damals recht kontrovers besprochen wurde.

Was haben beide Stücke nun, dass sie unbedingt zusammen aufgeführt werden müssen? Abgesehen von den Chören und der Musik Eislers aus der Maßnahme, die dafür sorgt, dass Lübbe neben dem Einsatz eines Bürgerchors auch seine Kooperation mit dem Gewandhaus Leipzig fortführen kann. Rein vom künstlerischen und bühnentechnischen Aufwand her gesehen leuchtet das natürlich nicht ein. Auch hier kann nur ein Blick ins dramaturgische Konzept helfen. Man ist in Leipzig „der Frage nach der Wirkung von politischen Ideen und dem Bewusstsein individuellen Leids“auf der Spur. Und das „im Spannungsfeld zwischen Humanismus und Ideologie, zwischen der Bedeutung einer Idee und dem Wert des Individuums.“Ein nach wie vor aktuelles Thema nicht nur auf den Theaterbühnen.

Ein Lehrstück über Ideologie ist Die Maßnahme mit Sicherheit. Es beschreibt die Auslöschung eines Individuums, das aus persönlichen Gründen von den Lehrsätzen der kommunistischen Klassiker und Propagandisten abgewichen ist und damit aus Sicht der anderen den revolutionären Kampf gefährdet hat. Vier Agitatoren, die zu propagandistischer Arbeit von Russland nach China geschickt wurden, verantworten der Tötung eines jungen Genossen vor einem Parteitribunal, das von vornherein schon mit dieser „Maßnahme“ einverstanden ist. Die stalinistischen Schauprozesse lassen grüßen.

 

Die Maßnahme / Die Perser am Schauspiel Leipzig
Foto © Bettina Stöß

 

Frank Castorf hatte Die Maßnahme 2008 an der Berliner Volksbühne folgerichtig mit Heiner Müllers zeitkritischer Analyse des Brechttextes Mauser kombiniert. Aber auch Die Perser sind eine durchaus legitime Gegenüberstellung von politischen Interessen und individuellem Leid. Dabei sollte man allerdings nicht dem Missverständnis erliegen, wie es Durs Grünbein auch in einem Text zu seiner Übersetzung schreibt, Die Perser seien ein „Anti-Kriegsstück“. Zwar geht es hier um die fast völlige Auslöschung des zahlenmäßig weit überlegenen Kriegsheeres der Perser durch die Griechen bei der Schlacht vor Salamis, allerdings wird deren Klagegesang vom Griechen Aischylos auch dafür genutzt, neben dem Schmerz der unterlegenen Perser auch die Hybris ihres Königs Xerxes zu zeigen und damit den Griechen die Überlegenheit ihrer demokratischen Staatsform klar zu machen.

Einerseits Einfühlung in den Feind und andererseits die Begründung eines patriotischen Mythos. Wenn man so will auch eine geschickte Art von Propaganda, für die Aischylos bei den dionysischen Theaterspielen sogar einen Preis erhielt. Es geht also immer auch um die Manipulierbarkeit des Einzelnen in der großen Masse für eine bestimmte politische Idee. Das besitzt mit Sicherheit auch heute noch seine Gültigkeit. Und so kann man sich auch schwer der Wirkung beider Stücke entziehen. Enrico Lübbe weiß das natürlich, lässt allerdings bei seiner Inszenierung aktuelle Bezüge komplett außen vor.

Die zunächst gezeigte Maßnahme wirkt dabei fast schon wie eine bombastische Rekonstruktion mit modernen Theatermitteln. Brecht’scher Verfremdungseffekt, wohin man schaut. Die vier einheitlich in rote Jacken und blaue Hosen gekleideten Agitatoren (Thomas Braungardt, Anna Keil, Tilo Krügel und Dirk Lange) sitzen zu Beginn schon wie Puppen im Publikum. Masken vor den Gesichtern betonen wie bei Brecht die totale Auslöschung des Individuums. Sie agieren vor einer Wand aus Würfeln, die sich für Türöffnungen, kleine Emporen und einen großen Balkon verschieben lassen. Das kolossale Bühnenbild von Etienne Pluss wird vom Duo fettFilm zusätzlich mit eine Videodopplung der Wand überblendet, in der sich die Würfel wellenartig verschieben, oder auf die Schattenspiele projiziert werden.

Die Maßnahme / Die Perser am Schauspiel Leipzig – Foto © Bettina Stöß

Zur recht kraftvoll vom Orchester Leipzig Brass unter der Leitung von Marcus Crome intonierten Musik Eislers singt der Kontroll-Chor vom Rang und klatscht hin und wieder wie bei einem SED-Parteitag. Recht maschinell choreografiert bewegen sich auch die Agitatoren beim Vorspiel ihrer Szenen, in denen sie die Fehltritte des jungen Genossen vorführen. Einzelauftritte wechseln mit Massenszenen, in denen weitere Agitatoren-Avatare aufmarschieren und wie bei einer Kundgebung vom Balkon winken. Das ist natürlich eine recht eindrucksvoll arrangierte, fast schon etwas zu perfekte Theatermaschinerie. Liedtexte wie der Song von Angebot und Nachfrage mit der Textzeile: „Was ist eigentlich ein Mensch?“oder Brechtzitate wie: „Ändere die Welt, sie braucht es.“lassen einen dennoch nicht unberührt, stehen aber weiterhin neben der orthodox-sakralen Verteidigung einer unmenschlichen Parteilinientreue, wegen der auch der gefühlsmäßig abweichende Genosse am Ende mit seiner Erschießung einverstanden ist.

Ihrem befehlsgebenden König Xerxes sind auch die Perser bedingungslos in den Eroberungsfeldzug gegen die Griechen gefolgt. Das Wie und die Folgen werden im Stück sehr ausgiebig verhandelt. Das Warum kommt dabei eher zu kurz. Recht kurz macht es auch Enrico Lübbe im zweiten Teil dieses 130minütigen Abends. Lange Namenslitaneien Gefallener muss man nicht über sich ergehen lassen. Auf der nun umgestürzten Wand agieren Hannelore Schubert als klagende Chorführerin der Alten, Wenzel Banneyer mit großer Maske als Xerxes düster orakelnde Mutter Atossa, Michael Pempelforth als Geist ihres Mannes Dareios und Felix Axel Preißler als schlotternder Bote des Übels und schließlich als König Xerxes selbst, der das Ende seines Reiches und die Abwendung der Götter bitterlich beklagt.

Wie in den Schutzflehenden gibt es auch hier wieder einen wohl einstudierter Chor, der der Wucht des Einverständnisses in der Maßnahme die vielstimmige Klage des Verlusts an Menschen gegenüberstellt. Das bleibt vor allem haften – neben dem Schlussbild mit einem Haufen aus Kostümen und Requisiten beider Stücke. Die Reste der Geschichte, über die der gescheiterte König Xerxes ins Dunkel abtritt.

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DIE MASSNAHME / DIE PERSER (Schauspiel Leipzig, 01.04.2017)
Von Bertolt Brecht / Hanns Eisler
& Aischylos (Deutsch von Durs Grünbein)
Regie: Enrico Lübbe
Musikalische Leitung: Marcus Crome
Orchester: Leipzig Brass (Musiker des Gewandhausorchesters)
Bühne: Etienne Pluss
Kostüme: Bianca Deigner
Choreographie: Stefan Haufe
Video: fettFilm (Momme Hinrichs und Torge Møller)
Dramaturgie: Torsten Buß, Clara Probst
Korrepetitor: Francesco Greco
Licht: Ralf Riechert
Ton: Alexander Nemitz
Mit: Wenzel Banneyer, Thomas Braungardt, Anna Keil, Tilo Krügel, Dirk Lange, Michael Pempelforth, Felix Axel Preißler, Hannelore Schubert u.a.
Premiere war am 30. März 2017.
Weitere Termine: 28.04. / 06.05. / 14.06.2017
Eine Koproduktion des Schauspiels Leipzig mit den Ruhrfestspielen Recklinghausen in Kooperation mit dem Gewandhaus zu Leipzig

Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspiel-leipzig.de/

Zuerst erschienen am 03.04.2017 auf Kultura-Extra.

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Flüchtlingstragödie einst und heute – Am Schauspiel Leipzig verbindet Intendant Enrico Lübbe die Schutzflehenden von Aischylos mit den Schutzbefohlenen von Elfriede Jelinek.

Dienstag, Oktober 20th, 2015

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Foto: St. B.

Foto: St. B.

Die Wochenzeitung der Freitag ernennt in einer seiner Augustausgaben die Tragödie Die Schutzflehenden des griechischen Dichters Aischylos zum „Stück dieser Tage“. Es „könnte der Flüchtlingsdebatte eine historische Tiefe geben, die ihr guttäte“, so Michael Jäger. Der Autor referiert in dem Artikel über eine noch bevorstehende Inszenierung am Maxim Gorki Theater, in der die griechische Tragödie um die Flucht der Danaiden aus Ägypten in das griechische Argos, wo sie um Zuflucht bitten, mit dem Theatertext Die Schutzbefohlenen von Elfriede Jelinek aus dem Jahr 2013, in dem sich die österreichische Autorin auf Die Schutzflehenden des Aischylos bezieht, verschränkt werden soll. Dieser Zusammenführungsidee des Regisseurs Sebastian Nübling ist nun der Intendant des Schauspiels Leipzig Enrico Lübbe mit seiner Inszenierung Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen zuvor gekommen.

Was also ist das Bemerkenswerte an Aischylos‘ Textfragment, Teil eines ursprünglich mehrteiligen Werkes, von dem nur diese Tragödie überliefert ist? Es ist vor allem die bedingungslose Hikesie, also das Heiligtumsasyl, das den Schutzflehenden (Hiketiden) vom Volk der Argäer gewährt wird, nachdem ihr Herrscher Pelasgos, sich der Sache zunächst unsicher, an sie wendet. Er wägt die möglichen Nachteile ab, wie etwa einen bevorstehenden Krieg gegen die Verfolger, oder aber den Zorn des Zeus im Fall der Nichtgewährung des heiligen Rechts auf Asyl von Verfolgten ungesehen ihrer eventuellen Schuld. Das Volk nimmt ihrem Herrscher diese Entscheidung ab. Die Danaiden dürfen bleiben und bekommen, allerdings zum Preis der ebenfalls bedingungslosen Anpassung, sogar bevorzugt Wohnraum. Wohl auch das einer der Gründe, warum sich Elfriede Jelinek dieser Tragödie erinnerte und nun im Zuge der mehrfachen Aufführung ihrer Überschreibung für eine Renaissance des fast vergessenen Stoffs auf den deutschsprachigen Bühnen sorgt.

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Enrico Lübbe inszeniert den Aischylos-Text als klassische, griechische Tragödie mit einem maskierten Chor der Danaiden und einem Chorführer, ihrem Vater Danaos. Auf griechischer Seite agiert König Pelasgos, ebenfalls in Maske und auf hohen Koturnen schreitend. Regisseur Lübbe arbeitet hier mit einer recht starken Verfremdungstechnik, indem er die Danaiden-Frauen als Männerchor aus Laien in Brautkleidern auftreten lässt. Die Männerrollen werden wiederum von Darstellerinnen aus dem Ensemble gespielt. Diese gezielte Entindividualisierung, die keine gewohnt eindeutigen Rollenzuschreibungen zulässt, wirkt zunächst etwas fremd und teils auch unfreiwillig komisch, lenkt letztendlich aber die Konzentration ganz auf den Text, der durchaus auch seine Ambivalenzen hat.

 

Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen - Foto © Bettina Stöß

Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen am Schauspiel Leipzig – Foto © Bettina Stöß

 

Eine etwas ungeschickte Choreografie lässt den Chor allerdings recht hilflos immer wieder Arme reckend, nach vorn oder nach hinten trippeln oder auch mal auf einen die gesamte linke Bühnenseite ausfüllenden Schiffsrumpf klettern. Das tut aber letztendlich der Eindringlichkeit des durch Marcus Crome bestens einstudierten Bitt- und Klage-Chors kaum Abbruch. Das Bühnenbild erinnert klug an eine Welle („Woge, wohin, ach, treibst du?“) oder das Innere eines Schiffs. Sonst setzt Lübbe nur ganz sparsame Regiemittel zur Bebilderung ein. Schon zu Beginn schlägt der Chorführer mehrmals mit einem großen Ölbaumzweig gegen den noch geschlossenen Eisernen Vorhang und die herannahenden Verfolger des Königs Aigyptos, der die Frauen für seine 50 Söhne fordert, rutschen ganz in schwarz wie ein SEK-Kommando an Seilen herab. Man könnte in ihnen natürlich auch IS-Kämpfer sehen. Mehr an Modernisierung erlaubt sich die Regie nicht.

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Der Übergang zu den Schutzbefohlenen von Elfriede Jelinek erfolgt dann fast übergangslos. Auf die übereinander gehängten Brautkleider wird das Videobild einer Schauspielerin mit Elfriede-Jelinek-Frisur projiziert, die von düsterer Vorahnung spricht. Nun tritt ein ganzer Frauen-Chor im Jelinek-Look auf, was man gut unter entbehrlichem Regieeinfall abtun könnte. Der erhobene Zeigerfinger ins Publikum, der mit dem gewohnt kalauernden Textflächenstil der Autorin einhergeht, wird hier leicht ironisch auch als solcher kenntlich gemacht. Inhaltlich geht es in dem Text um die Ereignisse um eine Gruppe von Flüchtlingen, die 2013 in der Wiener Votivkirche um Asyl suchten. Die gefahrvolle Fahrt übers „Mare Nostrum“ überlebt und dem Terror in ihrer Heimat entronnen, sehen sie sich nun einer Bürokratie und Ablehnung der Bevölkerung gegenüber, der sie sich unerhört ausgeliefert fühlen. Wie „bestellt und nicht abgeholt“. Ein Anklagetext, der auch nicht vor drastischen Bildern zurückschreckt.

 

Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen - Foto © Bettina Stöß

Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen am Schauspiel Leipzig – Foto © Bettina Stöß

 

Die Bilder, die Enrico Lübbe dafür findet, scheinen allerdings wie aus einem Bastelhandbuch für Regie. Es fliegen Textseiten durch die Luft, Müllsäcke fallen vom Bühnenhimmel, und die ressentimentgeladenen Kommentare besorgter, österreichischer Bürger, die man in Leipzig auch Legida nennt, werden in Würstchenkostümen auf Liegestühlen zur Schlagermusik Deine Spuren im Sand von Howard Carpendale vorgetragen. Nur in den Chorpassagen und ein paar ruhigeren Monologen an der Rampe entfaltet der Text wirklich seine ganze Wucht. Der Rest geht unter in einer lautstarken Russendisco. Minutenlang wird das Thema der schnellen Einbürgerung von Jelzin-Tochter Tatjana Jumaschewa und der Opernsängerin Anna Netrebko ausgewalzt, die in einer Arien-Travestie aus La Traviata in der Badewanne über die Bühne schwebt. Der ca. 45minütige Antiken-Prolog ist da schon fast vergessen.

Der krampfhafte Versuch einer Vermeidung des Stellvertreterdilemmas am Theater bewirkt letztendlich nur, dass einem durch die ganze Entfremdung die Figuren auch nicht wirklich näher kommen können. Was bleibt, ist der wunderbare Chor aus Leipziger Bürgern, der sich am Ende noch einmal zum Lacrimosa aus Mozarts Requiem aufstellt, sowie die Erkenntnis, dass sich in der Beschäftigung mit dem antiken Theaterstoff deutlich zeigt: Flucht, Verfolgung und Asyldebatte gehören zur Menschheitsgeschichte, seit es Staaten und Gesellschaften gibt. Man könnte einmal mehr daraus lernen. Der nächste Versuch startet im November am Maxim Gorki Theater Berlin.

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Die Schutzflehenden / Die Schutzbefohlenen
Von Aischylos und Elfriede Jelinek Übertragung Aischylos: Dietrich Ebener
Premiere: 02.10. 2015 am Schauspiel Leipzig
Regie: Enrico Lübbe
Bühne: Hugo Gretler
Kostüme: Sabine Blickenstorfer
Einstudierung & Leitung der Chöre: Marcus Crome
Licht: Ralf Riechert
Video: Kai Schadeberg
Dramaturgie: Torsten Buß
Mit: Ellen Hellwig, Julia Preuß, Bettina Schmidt, Hartmut Neuber, Michael Pempelforth und Statisterie
Chor der Schutzflehenden: Martin Biederstedt, Frank Blumentritt, Jens Brosig, Ulrich Brückner, Len-Henrik Busch, Heiko Fischer, Johannes Fleischer, Florian Fochmann, Günther Heinicke, Marcus Herrmann, Christian Humer, Robert Keller, Tim Kranhold, Frank D. Krüger, Kai Müller, Michael Peter, Miloslav Prusak, Ingbert Puhlmann, Reinhard Schäfer, Klaus Schaffranek, Kay Schwarz, Ron Uhlig, Jörg Wesser, Sören Zweiniger
Chor der Schutzbefohlenen: Birgit Blaßkiewitz, Heidemarie Brosig-Brill, Sabine Brückner, Antonia Maria Cojaniz, Katrin Cunitz, Jennifer Demmel, Lenore Dietsch, Anke Dück, Ulrike Feibig, Gabriele Freitag, Luise Kind, Jenny Kühl, Rosemarie Langberg, Birgit Morkramer, Carmen Orschinski, Brigitte Puhlmann, Katrin Rivera, Uta Sander, Mirjam Schneider, Jana Schroeter, Birgit Steiner, Susanne Zaspel

Termine: 01.11., 05. und 18.12.2015 sowie 12.01., 06. und 21.02., 20.03., 09.04. und 28.05.2016

Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de

Zuerst erschienen am 07.10.2015 auf Kultura-Extra.

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Geschichte und Geschichten von Revolutionären Straßen und Chausseen – Das Schauspiel Leipzig stellt die Spielzeit 2014/15 unter das Motto „Zeiten des Aufruhrs“.

Donnerstag, Dezember 11th, 2014

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Zeiten des Aufruhrs – Der Roman Revolutionary Road des US-amerikanischen Autors Richard Yates in einer Bühnenfassung von Enrico Lübbe am Schauspiel Leipzig

Zeiten des Aufruhrs am Schauspiel Leipzig - Foto St. B.

…auf Leipziger Straßen?
Foto: St. B.

Zeiten des Aufruhrs – das klingt zunächst ziemlich groß. Doch die Revolutionary Road, wie der Roman des US-amerikanischen Schriftstellers Richard Yates im Original heißt, führt schnell und geradlinig in die Hölle der kleinbürgerlichen Vororte (Suburbias) von New York und macht auch keinen Hehl aus der Tristesse der Scheinidylle von grünen Vorgärten und schmucken Häuschen mit leicht individuellem Touch. Sie ist dem Regisseur und Leipziger Intendanten Enrico Lübbe, der nun stolz die erste Bühnenfassung des Romans am dortigen Schauspiel präsentiert, nicht einmal als Kulisse gut. Die leere Bühne zeigt nur ein riesiges Reklameschild, das ein Glück vom Häuschen im Grünen verheißt, inklusive billiger Zugfahrpreise. Nicht nur ein rein amerikanischer Traum der dortigen Mittelschicht, auch in Deutschland geht der Trend seit langem zum Arbeiten in der Stadt und Leben auf dem Land.

Das musste man aber selbst Mitte der 1950er Jahre schon ernsthaft wollen. Die Wheelers (ein junges Paar mit erstem Kind und Abschlüssen an der Columbia-Universität in der Tasche) wollen hier nur kurz Atem schöpfen vorm ganz großen Durchstarten, vorzugsweise im alten Europa. Das dafür notwendige Geld verdient Frank Wheeler (Felix Axel Preißler) in einer Büromaschinenfirma in New York, in der schon sein Vater kurz vor einer hoffnungsvollen Karriere stand, die dann aber doch nie starteten wollte. Frank trägt sozusagen die Träume seines alten Herrn auf, ohne auch nur entfernt vorzuhaben, in dessen Fußstapfen zu treten. Es ist ein Job, der ihn nicht interessiert. Hier wird nur schnödes Anschauungsmaterial für den Verkauf gefertigt. Das Gehirn, so sagt er, gibt man in den Bürotowern von New York vorzugsweise am Empfang ab.

Franks Frau April (Anja Schneider) hat eher künstlerische Ambitionen. Mit ihrem Mann und einer elenden Vorstadtlaienspieltruppe strandet ihr Talent an der Revolutionary Road. Hier grassiert der Virus des Scheiterns. Für den durchschlagenden Erfolg am Broadway reicht es dann wohl doch nicht aus. Ihr neues Projekt sind die mittlerweile zwei Kinder und Ehemann Frank, dem sie kurz entschlossen vorschlägt, sich Zeit zur Selbstfindung in Paris zu nehmen. Für den Lebensunterhalt will April nun ihrerseits in einem Bürojob sorgen. Der gar nicht so besonders ehrgeizige Frank muss dazu allerdings erst mit ein paar Drinks an seinem Geburtstag überredet werden, eher er ganz Feuer und Flamme auf den Tisch steigt.

Zeiten des Aufruhrs am Schauspiel Leipzig - Foto (C) Rolf Arnold

Zeiten des Aufruhrs am Schauspiel Leipzig
Foto (C) Rolf Arnold

Getrunken und geraucht wird hier viel. Man kennt das aus Fernsehserien wie Mad Men. Der Stil der Kostüme und Accessoires atmet ebenfalls dieses Flair. Als sparsame Requisiten dienen jedoch lediglich massenweise Flaschen und Gläser und ein paar Tische und Stühle, die Franks Büro bilden, oder die zum heimischen Esstisch zusammengeschoben werden. Was man nicht sieht, wird erzählt, bevorzugt an der Rampe, mal allein und mal mit dem ganzen Vorstadtpersonal. Zwischen den einzelnen Szenen geht bedeutungsvoll der Eiserne Vorhang rauf und runter. Dazu erklingt eine leicht melancholische Fahrstuhlmusik von Bert Wrede. Die hatte früher auch schon mal mehr Energie. Das alles erzeugt wenig Furor und legt sich mit der Zeit bleiern über die Inszenierung, die im dauernden Erzählstrom versandet. Kein Aufruhr nirgends, nicht mal im dahinrieselnden Stundenglas. Es zieht sich spürbar (Dauer: 3:40 h).

Die direkte Kommunikation erschöpft sich in kurzen Gesprächen mit Franks Arbeitskollegen Jack (sonst unter dem Tisch liegend: Hartmut Neuber), der Sekretärin Maureen (Runa Pernoda Schaefer, auch mal auf dem Tisch), mit der Frank ein kurzes Verhältnis hat, und bei Abenden mit dem befreundeten Nachbarspaar Milly (Anne Cathrin Buhtz) und Shep Campbell (Wenzel Banneyer). Sie hat sich mit vier Kindern schon mehr oder weniger ihrem Vorstadtschicksal ergeben; er ist ein Meister im Verdrängen seiner Gedanken. Ansonsten hält man Smalltalk. Worüber Yates als guter Beobachter nüchtern und genauestens berichtet, lässt Lübbe nebenbei aufsagen.

Einer eher intuitiv zusammengeschusterten Werbebroschüre hat es Frank dann doch zu verdanken, dass sein Chef (Matthias Hummitzsch) auf ihn aufmerksam wird, und ihm eine Aufstiegsmöglichkeit im nun in rechnergestützte Datenverarbeitung investierenden Unternehmen anbietet. Ein drittes Kind räumt Frank die Möglichkeit ein, die Pläne mit Paris nochmal zu überdenken. Ein Streit über eine von April geplante illegale Abtreibung lässt ihn sogar kurzzeitig als Sieger zurück. Frank trägt aber nicht allein nur die gemeinsamen Träume zu Grabe, er schaufelt auch ungewollt am Familiengrab. April wird bei dem Versuch, einen Schwangerschaftsabbruch durchzuführen, verbluten.

Zeiten des Aufruhrs am Schauspiel Leipzig - Foto (C) Rolf Arnold

Zeiten des Aufruhrs am Schauspiel Leipzig
Foto (C) Rolf Arnold

Höhepunkt der Vorlage wie der Inszenierung sind die Auftritte des als geisteskrank geltenden ehemaligen Hochschullehrers John Givings (Michael Pempelforth). Seine Mutter, die Immobilienmaklerin Mrs Givings (Jutta Richter-Haaser), hat ein Händchen für Häuser und die Angewohnheit viel nichts zusagen. Wo sie ihren Klappstuhl aufstellt, steht ihre Klappe nicht mehr still. Mr. Givings (Andreas Herrmann) zieht es vor, das Hörgerät auszuschalten. John Givings verfügt über die Gabe eines sicheren Seismographen für Lebenslügen, die er vor allem Frank ungefragt um die Ohren haut. Er wirkt wie ein Katalysator für das Einstürzen des Weehler’schen Lügengebäudes. Das über der Bühne hängende Werbeschild fällt daraufhin aus seinen Angeln, und die Schauspieler stellen in einem surrealen Traum mit riesigen Pappköpfen Szenen aus Aprils Kindheit dar. Auch ein Verweis auf die Vorwürfe Franks, sie sei emotional gestört.

Wer die Verfilmung von Sam Mendes aus dem Jahre 2008 mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio kennt, wird hier so einiges wiederentdecken. Nur dass der Film wesentlich interessanter gebaut ist. Felix Axel Preißler verliert sich zunehmend im Nachahmen des berühmten Kinohelden, und Anja Schneider (mit Armin Petras vom Maxim Gorki Theater letztes Jahr nach Stuttgart gegangen) hat man noch nie so alleingelassen auf der Bühne gesehen. Das ist traurig und nicht nur allein dem Plot geschuldet. Hier opfert eine Frau ihr Leben für einen Mann, der das offensichtlich nicht verdient. Es stellt sich heraus, dass man sich nie wirklich gekannt hat. Sein Wunsch nach Normalität mündet im sicheren Vorstadtalltag. Ihre Illusionen enden tödlich. Enrico Lübbe übersetzt das in gediegene Betriebsroutine. So eignet sich die Inszenierung weder für eine feministische Aussage noch für eine tiefgreifende heutige Gesellschaftskritik.

Man ahnt zumindest, dass Enrico Lübbe mit seiner historisierenden Inszenierung auch in diese Richtung denkt. Eine erste Übersetzung des Romans ins Deutsche erschien in den 1970er Jahren unter dem Titel Das Jahr der leeren Träume in der DDR. Eine Zeit, die in der Bundesrepublik durch das Ende der Träume der 68-Revolte geprägt war. Man zog sich ins Private zurück. Zurzeit erlebt die Gesellschaft einen vergleichbaren konservativen Rollback. Die traditionelle Rollenverteilung ist wieder im Kommen. Für diese revolutionäre Erkenntnis muss man aber nicht erst ins Theater gehen.

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ZEITEN DES AUFRUHRS (UA)
Basierend auf dem Roman „Revolutionary Road“ von Richard Yates
Fassung des Schauspiel Leipzig unter Verwendung der deutschen Übersetzung von Hans Wolf
Regie: Enrico Lübbe
Bühne: Raimund Orfeo Voigt
Kostüme: Bianca Deigner
Musik: Bert Wrede
Dramaturgie: Torsten Buß, Alexander Elsner
Licht: Carsten Rüger
Mit: Wenzel Banneyer, Anne Cathrin Buhtz, Andreas Herrmann, Matthias Hummitzsch, Hartmut Neuber, Michael Pempelforth, Felix Axel Preißler, Jutta Richter-Haaser, Runa Pernoda Schaefer und Anja Schneider

Spieldauer ca. 3:40, eine Pause

Uraufführung am Schauspiel Leipzig war am 6. Dezember 2014

Weitere Termine: 10. + 27. 12. 2014 / 18. 1., 13. + 20. 2., 14. 3., 5. 4., 20. 6. 2015

Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspiel-leipzig.de/

Zuerst erschienen am 08.12.2014 auf Kultura-Extra.

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Witzige Geschichtsaufarbeitung mit Heiner Müller am Schauspiel Leipzig – Phillip Preuss inszeniert auf der Hinterbühne Wolokolamsker Chaussee I-V

Unter das Motto Zeiten des Aufruhrs hat das Schauspiel Leipzig auch seine zweite Spielzeit unter Enrico Lübbe gestellt, in der sich sowohl der Fall der Berliner Mauer im November 1989 als auch die im Oktober vorangegangenen friedlichen Protestdemonstrationen in der Stadt Leipzig zum 25. Mal jähren. Just in diese Zeit fiel auch eine Inszenierung von Heiner Müllers in fünf Lehrstücken angelegtes Drama Wolokolamsker Chaussee I-V. Daran versucht nun eine Neuinszenierung von Philipp Preuss auf der Hinterbühne des Schauspiels zu erinnern. Müller schrieb die Texte 1985-87 in Reaktion auf die durch Michail Gorbatschow eingeleitet Zeit von Glasnost und Perestroika in der Sowjetunion. Einer der Ausgangspunkte für die Ereignisse im Herbst ’89 in der ehemaligen DDR. Auch Heiner Müller sah die Situation reif für Veränderungen, allerdings nicht ohne aus der deutschen Vergangenheit zu lernen. „Das ist der Moment, wo wieder gelernt werden kann, gelernt werden muss.“

Wolokolamsker Chaussee I-V am Schauspiel Leipzig - Foto © Rolf Arnold

Wolokolamsker Chaussee I-V am Schauspiel Leipzig
Foto © Rolf Arnold

In den fünf Teilen greift Müller literarische Stoffe von Alexander Bek (dessen Roman Wolokolamsker Chaussee), Anna Seghers (Das Duell), Franz Kafka (Kentauren – ein Greulmärchen aus dem Sächsischen von Gregor Samsa) und Heinrich von Kleist (Der Findling) auf. Wie ein roter Faden zieht sich dabei von 1941 vor Moskau über 1953 in Ost-Berlin und 1968 in Prag bis in die 1980er Jahre der DDR das Motiv des Panzers, „der seine Kettenspur durch meinen Traum zieht“, wie es der junge Kommandeur einer sowjetischen Division im Kampf gegen die Deutschen vor Moskau auf der titelgebenden Wolokolamsker Chaussee – „zweitausend Kilometer weit Berlin, einhundertzwanzig Kilometer Moskau“ – berichtet. Phillip Preuss lässt sie gleich zu Beginn als Videoprojektion alter Filmdokumente über die Rückwand der Bühne fahren.

Das Hervortreten und wieder Verschmelzen des Einzelnen im Kollektiv ist neben Macht und Verrat ein weiteres Thema in Müllers Fünfteiler. Regisseur Preuss lässt seine sechs Protagonisten (Daniela Keckeis, Lisa Mies, Denis Petković, Felix Axel Preißler, Mathis Reinhardt und Sebastian Tessenow) in Camouflage-Anzügen vor gleichgemusterter Tapete und Fußboden auftreten (Bühne und Kostüme: Ramallah Aubrecht). Es ist die sog. Russische Eröffnung nach Beks‘ Roman, in der besagter Kommandeur aus verängstigten Individuen, die lieber in die russischen Wälder flüchten würden, ein Gemeinschaft formen muss. „Ich war ihr Kommandeur und meine Angst war / Die Angst vor ihrer Angst Und näher kam / Die Front und von der Front die Deserteure“. Er statuiert schließlich ein Exempel und lässt einen Deserteur erschießen. Die Angst wird ihn weiter in seinen Träumen verfolgen.

Wolokolamsker Chaussee I-V am Schauspiel Leipzig - Foto © Rolf Arnold

Wolokolamsker Chaussee I-V am Schauspiel Leipzig
Foto © Rolf Arnold

Preuss lässt das chorisch oder mit wechselnden Stimmen vortragen. Die Darsteller stehen dabei mit dem Rücken zur Wand, mit der sie nun tatsächlich förmlich verschmelzen, oder sprechen direkt vor den Sitzreihen der Hinterbühne ins Publikum. Sie formen ein MG aus ihren Leibern und marschieren zum Rolling-Stones-Song „Sympathie for the Devil“. Als Schuss knallt ein Sektkorken. Der Zweifel über die Entscheidung klingt im fragenden Ton der Sprecher. Zwischen den einzelnen Teilen spielt Preuss per Video Interviewpassagen aus dem Making Of des Films Der Untergang als eine andere Art der kollektiven Geschichtsbildung ein. Die Darsteller performen das mit großen Mon-Chichhi-Köpfen.

Preuss verlässt nun immer wieder die ernsthafte Bedeutungsebene von Müllers Texten zugunsten des Slapsticks. Zwischen Wolokolamsker Chaussee I und II schiebt er das Gesprächsduell eines Betriebsdirektors mit seinem Stellvertreter ein. Hier reflektiert Müller die Ereignisse um den 17. Juni 1953. Während der jünger Stellvertreter als Delegierter eines Streikkomitees vor dem älteren Direktor sitzt, hofft dieser, einst Nazi-Verfolgter, auf die sowjetischen Panzer als letztes Argument und Wiedergeburtshelfer der jungen Republik. Dabei sitzen sich Daniela Keckeis und Lisa Mies mit angeklebten Bärten gegenüber. Ihren Text sprechen die anderen aus dem Hintergrund und machen mit Mikros Geräusche. „Soll das ein Witz sein Willst du meinen Stuhl“, heißt es da. Ein grotesker Machtkampf, der laut furzend in die Hose geht.

Danach geht es nochmal in die russischen Wälder zu choreografierten und von oben gefilmten Synchronschwimmeinlagen auf dem Camouflageboden. Die Darsteller bilden dabei mit Armen und Beinen lebende Blütengeflechte und auch mal den Sowjetstern, oder sie heben wechselseitig die Faust bzw. den ausgestreckten Arm. Die verlorengegangene Sowjetordnung und das Machtgefüge von Befehl und Gehorsam werden mit dem Degradieren eines pflichtvergessenen Sanitätsoffiziers wieder hergestellt. Für die hungernden Soldaten gibt es Blutsuppe aus Eimern, für die Toten ein Kyrie Eleison aus Mozarts Requiem. Den Ziehvater-Findling-Konflikt zwischen einem alten Kommunisten und Parteifunktionär und seinem abtrünnigen Sohn, der sich rund um den nächsten Panzereinsatz 1968 in Prag dreht, gibt es wieder als Wechsel aus Einzel- und Gruppenaufstellungen.

Wolokolamsker Chaussee I-V am Schauspiel Leipzig Foto: St. B.

Wolokolamsker Chaussee I-V am Schauspiel Leipzig
Foto: St. B.

Bevor dann aber tatsächlich noch ein aufblasbarer Gummi-Panzer auf der Bühne erscheint, setzen sich die Spieler rauchend und Whiskey trinkend zusammen und lauschen der Einspielung einer Lesung, bei der Heiner Müller seinen Kentauren zum hörbaren Vergnügen seiner selbst und der dort Anwesenden humorvoll zum Besten gibt. Da wiehert fröhlich der Amtsschimmel – „Gefallen auf der Straße der Dialektik“. Die Farce um einen mit seinem Schreibtisch verwachsenen DDR-Ordnungshüters wird so ironisch noch auf die Spitze getrieben. Das toppt nur noch die abschließende Mon-Chichhi-Parade (Musik: Tocotronic), bei der schenkelklopfend DDR-Witze erzählt sowie leere Verpackungen von Konsumgütern (Marke West) ans Publikum verteilt und anschließend wieder eingesammelt werden. Die Fortsetzung der Müller’schen Geschichtsaufarbeitung als täglicher Krieg der uniformierten Warenwelt. Dabei geht dem Panzer als dialektischem Symbol der kapitalistischen Ökonomie so ziemlich die Luft aus. Wir lesen als Ausblick in die (nahe?) Zukunft an der Videowand: „Es war nicht alles schlecht im Kapitalismus.“

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Wolokolamsker Chaussee I-V
Von Heiner Müller
Regie & Video: Philipp Preuss
Bühne & Kostüme: Ramallah Aubrecht
Dramaturgie: Alexander Elsner, Christin Ihle
Licht: Veit-Rüdiger Griess
Mit: Daniela Keckeis, Lisa Mies, Denis Petković, Felix Axel Preißler, Mathis Reinhardt und Sebastian Tessenow
Premiere: 10. Oktober 2014
Gesehen auf der Hinterbühne des Schauspiels Leipzig am 07.12.2014

Spieldauer ca. 1:45, keine Pause

Premiere auf der Hinterbühne des Schauspiels Leipzig war am 10.10.2014

Termine: 29.12.2014, 24.01, 08.02. und 15.03.2014

Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de/buehnen/hinterbuehne/inszenierungen/wolokolamsker-chaussee-i-v/

Zuerst erschienen am 10.12.2014 auf Kultura-Extra.

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Was hat uns Emilia Galotti heute zu sagen? Lessings bürgerliches Trauerspiel in einer Inszenierung des neuen Intendanten Enrico Lübbe am Schauspiel Leipzig

Dienstag, Oktober 15th, 2013

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Das bürgerliche Mädchen Emilia Galotti liebt den jungen Grafen Appiani und kann diesen auch noch aus freien Stücken ehelichen. Zumindest darf man das annehmen, gegenteiliges wird in Lessings Trauerspiel nicht angedeutet. Und dennoch will sie durch die Hand des Vaters sterben, um frei zu sein, da es für sie aus den Fängen eines liebestollen, besitzergreifenden Prinzen kein Entrinnen zu geben scheint. Ist das noch zeitgemäß? Würde, wie etwa in Schillers Kabale, dem einen oder anderen Teil des Brautpaares die Verbindung elterlicherseits vorgeschrieben, es sich also um eine Zwangsheirat handeln, man könnte Bände mit der Beantwortung der Frage füllen, was uns diese Emilia Galotti heute noch zu sagen hat.

 

Das Schauspiel Leipzig mit neuer Intendanz - Foto: St. B.

Das Schauspiel Leipzig mit neuer Intendanz – Foto: St. B.

 

Bei Lessing sagt sie zum Beispiel folgende Sätze: „Gewalt! Gewalt! wer kann der Gewalt nicht trotzen? Was Gewalt heißt, ist nichts: Verführung ist die wahre Gewalt.“ Und tatsächlich gerät diese junge Frau ungewollt in einen bedrohlichen Sog aus Verführung und höherer Gewalt, dem sie sich nicht mehr selbst zu entziehen weiß. Weiter heißt es aber auch: „Ich habe Blut, mein Vater, so jugendliches, so warmes Blut als eine. Auch meine Sinne sind Sinne. Ich stehe für nichts. Ich bin für nichts gut.“ Worte, die heute immer noch erschüttern, erkennt sich doch hier eine junge Frau als verführbares und selbst verführendes Wesen, was den damaligen Moralvorstellungen sehr zuwiderläuft. Gleichzeitig kann sie sich aber noch nicht als selbstbestimmt Handelnde verstehen. Kant lässt grüßen, und neben dem Konflikt Bürgertum versus Adel, ist das hier der entscheidende Punkt.

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Um die Frage der selbstbestimmten Liebe geht es dem neuen Intendanten des Schauspiels Leipzig  Enrico Lübbe aber in erster Linie nicht. Es geht um Menschen, die in schwierigen Stresssituationen die falschen Entscheidungen treffen. So erklärt vom neuen Leipziger Chefdramaturgen Torsten Buß, bei einer Stückeinführung anlässlich der zweiten Vorstellung am vergangenen Samstagabend. Und das ist dann natürlich schon sehr gegenwärtig gedacht. Nur von übermäßigem Stress kann dann auf der Bühne kaum die Rede sein, sieht man mal davon ab, dass Lübbe seine Inszenierung in ca. 80 Minuten abhandelt, dabei ständig gezappelt bzw. getänzelt werden muss und dem sonst steifen Marinelli (Michael Pempelforth) irgendwann der Atem über den Verheerungen seiner Intrigen ausgeht. Er reißt sich das Hemd auf und ringt würgend nach Luft.

 

Emilia Galotti am Schauspiel Leipzig - Foto © Rolf Arnold

Emilia Galotti am Schauspiel Leipzig – Foto © Rolf Arnold

 

Und das ist schon das einzig Bemerkenswerte, wie sich dieses Netz aus Intrigen schließlich selbst um seinen eigenen Initiator windet. Schuld an seiner plötzlich auftretenden Atemnot ist die Tatsache, dass ihm hier eine andere Dame über ist. Gräfin Orsina (Bettina Schmidt) ist der Lichtblick der Leipziger Inszenierung. Im blauen Kleid der Hoffnung betritt sie die Bühne, sorgt als einzig Sehende für Aufklärung und bringt dann doch das Corpus Delicti ins böse Spiel. Und hätte es Dramaturg Buß nicht selbst vorher explizit erwähnt, man hätte es eigentlich nur in dieser einen Person wirklich erkennen können. Die Ambivalenz zwischen der enttäuschten Liebe einer betrogenen Verlassenen und dem letzten Aufbäumen einer nach Rache Verlangenden.

Alle anderen Figuren bleiben dagegen entweder völlig blass oder sind bis zur vollen Kenntlichkeit gezeichnet. Vater Galotti (Denis Petkovic) ist zunächst noch mit Worten oben auf, bevor ihm Tochter und Haltung abhandenkommen. Und auch die erst sorglose Mutter (Henriette Cejpek) wird irgendwann verzweifelt ihre Unschuld beteuernd in die Knie gehen. Die Vernachlässigung des Kindeswohls kann man beiden hier aber einzig aus ihrer mangelnden Präsenz auf der Bühne vorwerfen. Graf Appiani (Jonas Fürstenau) ist ganz der Musterschwiegersohn und erlaubt sich nur ein kurzes Nachdenken, als er durch Marinelli vom Ansinnen des Prinzen hört, ihn zum Gesandten zu berufen. Warum Appiani dem nach erfolgter Duellandrohung feige zurückrudernden Marinelli einen leidenschaftlichen Kuss geben muss, bleibt willkürlicher Regieeinfall. Der verführerische Kuss der Macht? Als Marinelli in der Umklammerung des Grafen diesen schließlich erwidern will, wird er nur rüde von Appiani zu Boden gestoßen. Das sich hier zwei in tief empfundener Abscheu gegenüberstehen, bedarf kaum einer näheren Bebilderung.

Der Prinz von Guastalla (Ulrich Brandhoff) wirkt wie ein verzogenes Herrensöhnchen, das es gewohnt ist, unter allen Umständen seine Willen zu bekommen. Barfuß und in legerer Kleidung gibt sich dieser entscheidungsschwache Narziss seine Launen und den falschen Versprechungen Marinellis nur zu gerne hin. Ein Todesurteil tut er mit einem kurzen „Recht gern. – Nur her! geschwind.“ ab. Ein kleines Verbrechen ist für ihn nichts, die größeren überlässt er Marinelli, damit indirekt auch den Mord am Grafen Appiani billigend. Des Prinzen Verführungskunst besteht im Scharwenzeln und Grimassieren. Anna Keil als Emilia im zarten Blütenkleidchen (Kostüme: Michaela Barth) kann dagegen kaum ein Wässerchen trüben. Sie ist als eigentliche Hauptperson die große Fehlstelle einer Inszenierung, die glauben machen will, dass es sich hier um eine in ihren Gefühlen Schwankende handele, die wie um das zu bekräftigen, sehnsüchtig ihr Arme hinter sich streckt und, wie über sich erschreckend, schnell wieder zurückzieht.

Lübbes Inszenierung ist schnell und routiniert hingetuscht. Einen prägenden Stempel vermag er ihr damit jedoch nicht aufzudrücken. 80 Minuten perfekt designtes Theater können auch sehr lang werden. Die Bühne von Hugo Gretler füllt ein anthrazitfarbenes und viel Platz zum Haschen und für Schattenspiele bietendes, eckiges Säulengebilde, das sich fast unaufhörlich dreht. Dazu klingt ungewohnt Klassisches aus der Feder des sonst wummernden Gitarrenspezialisten Bert Wrede. Irgendwann fragt man sich nur noch: „Who kills Bambi?“ Und so blickt hier Emilien auch ziemlich rehäugig ihrem Schicksal entgegen. Allein, zu berühren vermag das nicht. Als einzige freie Tat nimmt sie dem Vater die Waffe aus der Hand und flüchtet sich gefolgt vom Prinzen ins Halbdunkel der hohen Säulen. Odoardo Galotti ist hier entschuldet. In einer angedeuteten Vergewaltigung Emilias durch den Prinzen löst sich im Halbdunkel der Bühne schließlich der erlösende Schuss.

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Emilia Galotti (12.10.2013)
von Gotthold Ephraim Lessing
Regie: Enrico Lübbe
Bühne: Hugo Gretler
Kostüme: Michaela Barth
Musik: Bert Wrede
Dramaturgie: Torsten Buß, Christin Ihle
Mit:
Ulrich Brandhoff,  Henriette Cejpek, Jonas Fürstenau, Anna Keil, Maximilian Pekrul, Michael Pempelforth, Denis Petković, Bettina Schmidt und Jonas Steglich

Premiere im Schauspiel Leipzig war am 05.10.2015

Weitere Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de/index.php?id=4131

Zuerst erschienen am 14.10.2013 auf Kultura-Extra.

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