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Klassikermodernisierung bei den Wiener Festwochen (Teil 3) – Ibsens John Gabriel Borkman am Akademietheater und Marlowes Edward II. am Schauspielhaus

Dienstag, Juni 9th, 2015

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Foto: St. B.

Foto: St. B.

Geklonte Mammuts im Schnee – Regisseur Simon Stone veralbert Ibsens John Gabriel Borkman mit Starensemble am Wiener Akademietheater

Gerade eben erst beim Theatertreffen in Berlin – nun bei den Wiener Festwochen: Das alte Bankerdrama John Gabriel Borkman des Norwegers Henrik Ibsen mausert sich zum Hit der laufenden Theatersaison. Aus der Gruft altbackener Übersetzungen befreit, massenkompatibel aufbereitet und mit Starschauspielern aufgepeppt, kommt es nun als ironisch frische Boulevardkomödie daher. Eine Milieu-Studie der verkommenen bürgerlichen Mittelschicht, die sich in Karin Henkels Hamburger Inszenierung, nach vergangenem Ruhm und dem Saft der Jugend gierend, lustvoll als Zombis auf einer Showtreppe im Betonbunker-Grab präsentierte.

Am Akademietheater Wien erheben sich nun die Untoten aus hügeligen Schneeverwehungen, die Karin Brack auf die Bühne gehäuft hat. Es schneit unablässig im Heim der Borkmans, die seit Jahren ihr Haus nicht mehr verlassen haben. Doch unerwarteter Besuch klingelt an der Tür, und mit der Ruhe der „Mammuts“ im Permafrost-Zustand ist es alsbald vorbei. Die Metapher des alles, selbst die größte Schande überdeckenden Schnees verbindet Regisseur Simon Stone mit einer weiteren, wenn er den verlotterten Waldschrat Borkman (der vielgereiste Martin Wuttke mit zotteliger Langhaarperücke), der sich die Zeit vor einem alten Röhrenfernseher mit dem Sehen von Wissenschaftssendungen vertreibt, über geklonte Wollhaar-Mammuts sinnieren lässt. Deren DNA könnte man ja in einen Elefanten einpflanzen. Die Gesichter der anderen Tiere möchte er dann sehen. Und das Wiener Publikum sah.

Martin Wuttke (John Gabriel Borkman)

Martin Wuttke ist John Gabriel Borkman im Akademietheater Wien – Foto (c) Reinhard Werner

Mit dem Elefanten ist hier natürlich Sohn Erhart gemeint, der nicht nur die Nachfolge von John Gabriel antreten und mit ihm zu neuer Größe aufsteigen soll. Es gilt den Ruf des nach der Veruntreuung von Anlegergeldern zu fünf Jahren Gefängnis verurteilten Bankdirektors gegen alle Verächter zu verteidigen und den beschmutzten Namen schließlich voll auf zu rehabilitieren. Ähnliches hat Mutter Gunhild (Birgit Minichmayr) vor, nur ohne ihren Mann, dessen Namen sie auf ewig aus dem Gedächtnis der Welt tilgen möchte, und dazu ebenfalls ihren Sohn braucht. Die Dritte im Bunde ist Gunhilds Zwillingsschwester Ella (Caroline Peters) und wegen eines „Scheißjobs“ verhökerte Ex-Geliebte Borkmans, die Erhart nach dem Banken-Skandal eine Zeitlang aufnahm und dann nach der Pleite das Haus, in dem die Borkmans wohnen, gekauft hat. Nun will sie Erhart adoptieren, damit der Name Rentheim nach ihrem Krebstod nicht ausstirbt. Und wieder grüßt das Mamma-Mammuttier.

So in etwa hält sich Regisseur Stone noch an Ibsens Plot, nur dass er den von Martin Thomas Pesl neu und alltagstauglich übersetzten Text „nach Ibsen“ nennt und zudem mit jeder Menge lässlicher Modernismen überziehen ließ. Und das beginnt sofort mit der Ankunft Ellas, die sich von Gunhild eine gefühlte halbe Stunde lang die letzten 8 Jahre der Borkmans als eine Geschichte der guten alten 90er Jahre von Stefan Raabs „Maschendrahtzaun“ bis zu Britney Spears‘ „Hit me baby one more time“ anhören muss. Ein verkorkstes Hausfrauendaseins in der Totalisolation, das sich zunehmend ins Internet verlagert hat. Gunhilds Lieblingsbeschäftigungen neben dem Alkohol sind nämlich das Internetshoppen, Play Station spielen und Googeln des eigenen Namens, den das allbekannte Suchprogramm mit Ergänzungen wie Betrug, Gefängnis usw. belegt. Der Gag trägt eine Weile, wirkt dann aber zunehmend fad, wenn auch noch die Problematik, wie man alte Partyfotos aus dem Netz gelöscht bekommt, diskutiert wird. Man denkt da unweigerlich an bestimmte Polit-Promis. Allerdings befindet man sich hier doch eher in der Polit-Provinz, wo man es anstatt ins Parlament oder Präsidialamt höchsten noch bis zum Bürgermeister schafft.

Birgit Minichmayr (Gunhild Borkman), Martin Wuttke (John Gabriel Borkman), Max Rothbart (Erhart Borkman), Nicola Kirsch (Fanny Wilton), Caroline Peters (Ella Rentheim) - Foto (c) Reinhard Werner

Birgit Minichmayr (Gunhild Borkman), Martin Wuttke (John Gabriel Borkman), Max Rothbart (Erhart Borkman), Nicola Kirsch (Fanny Wilton), Caroline Peters (Ella Rentheim) – Foto (c) Reinhard Werner

Das alles wird in nöligen Dauerschreikrämpfen unter der großzügigen Verwendung möglichst vieler Fäkalinjurien abgespult, die besonders bei Birgit Minichmayr und Martin Wuttke nur eine Tonlage kennen. Die Ehegemeinschaft bürgerlichen Rechts, die es acht Jahre lang geschafft hat, sich aus dem Weg zu gehen, holt nun binnen eines Abends all die nichtgehaltenen Konversationen nach. Die bevorzugten Kosenamen für John Gabriel sind dabei u.a. „alter Stinkstiefel“, „psychopatisches Arschloch“ oder auch schon mal „verfickter Neandertaler“. Borkman weiß sich da nur noch mit „Halt die Fresse!“ zu helfen. Eigentlich wollte er irgendwann mal wieder ganz groß rauskommen, derweil tut es aber auch einfach etwas mehr Senf auf dem Sandwich, das ihm der getreue Trottel Foldal täglich vorbeibringt. Roland Koch spielt ihn als gleichmütigen Schluffi, der, wie Borkman, alten Träumen und Idealen nachhängt, sich aber ansonsten seinen Möglichkeiten entsprechend eingerichtet hat.

Der Ruf des „alten Sexsacks“ Borkman nach mehr Eiern angesichts seines Sohnes Erhart (Max Rothbart), der auch bei Stone eigentlich nicht weiß, was er wirklich will außer sein eigenes Leben zu leben, wird zielsicher mit Fannys Rezepten auf Facebook getoppt. Da hat zumindest Tante Ella kein Profil und somit das Nachsehen. Die Entscheidung zwischen Backpacken in Mexico mit Fanny Wilton (Nicola Kirsch) und der coolen E-Gitarrenbraut Frida (Liliane Amuat) oder Abkacken mit den Wollhaar-Mammuts im ewigen Schnee fällt nach fast zwei Stunden Quarktreten, bis er vollkommen zerschneestöbert, ziemlich leicht. Simon Stone soll 2013 eine vielumjubelte Wildente zu den Festwochen serviert haben. Es fällt anhand des nun vorliegenden Fastfood-Borkmans mit zu wenig Jalapeños sehr schwer daran zu glauben. The Rest in Peace, John Gabriel Borkman.

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John Gabriel Borkman
nach Henrik Ibsen
von Simon Stone
Übertragung ins Deutsche: Martin Thomas Pesl
Regie: Simon Stone
Bühne: Katrin Brack
Kostüme: Tabea Braun
Musik: Bernhard Moshammer
Licht: Friedrich Rom
Dramaturgie: Klaus Missbach
Besetzung:
John Gabriel Borkman: Martin Wuttke
Gunhild Borkman, seine Frau: Birgit Minichmayr
Student Erhart Borkman, ihr Sohn: Max Rothbart
Ella Rentheim, Frau Borkmans Zwillingsschwester: Caroline Peters
Frau Fanny Wilton: Nicola Kirsch
Wilhelm Foldal: Roland Koch
Frida Foldal, seine Tochter: Liliane Amuat

Koproduktion Wiener Festwochen, Burgtheater Wien, Theater Basel

Premiere war am 28.05.2015 im Akademietheater Wien

Termine bei den Festwochen: 31.05., 01.06., 04.06., 06.-08.06., 13.06., 14.06., 18.06. und 20.06.2015

Dauer: ca. 2 Stunden, keine Pause

Infos: http://www.festwochen.at/programmdetails/john-gabriel-borkman/

Zuerst erschienen am 30.05.2015 auf Kultura-Extra.

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Edward II. Die Liebe bin ich – Christopher Marlowes Königsdrama in einer Neuübertragung von Ewald Palmetshofer am Schauspielhaus Wien.

Die mühsame Herrschaft und der beklagenswerte Tod Eduards des Zweiten heißt das Königsdrama, das der junge Dichter Christopher Marlowe 1591 geschrieben hat. Es ist in Blankvers und fünfhebigen Jamben verfasst – eine Sensation für das Theater des elisabethanischen Zeitalters und eine Inspiration nicht nur für Marlowes Zeitgenossen Shakespeare, sondern auch für zeitgenössische Autoren des 19. und 20. Jahrhunderts wie etwa Bertolt Brecht und Lion Feuchtwanger, die 1923 eine Bearbeitung des Dramas vorlegten, oder den österreichischen Dramatiker Ewald Palmetshofer, dessen Neuübertragung Edward II. Die Liebe bin ich nun bei den Wiener Festwochen im kleinen, ganz dem zeitgenössischen Theater verpflichteten Schauspielhaus in der Porzellangasse Premiere feierte.

Simon Zagermann (Edward) und Thiemo Strutzenberger (Gaveston) in Edward II. Die Liebe bin ich am Schauspielhaus Wien - Foto (C) Alexi Pelekanos

Simon Zagermann (Edward) und Thiemo Strutzenberger (Gaveston) in Edward II. Die Liebe bin ich am Schauspielhaus Wien
Foto (c) Alexi Pelekanos

Das Besondere an Marlowes Stück über den englischen König Edward II. ist, dass die historische Figur hinter den eigentlichen Menschen zurücktritt. Edward führt einen persönlichen Kampf gegen die Macht der Peers für seinen, ihm sehr nahe stehenden Günstling Gaveston, einem Emporkömmling von niederem Stand, und riskiert so die Staatsführung aus den Augen und Händen zu verlieren. Ein Drama über Macht und Ränke, die verbissen und blutrünstig geführt, England in die Unregierbarkeit treiben und einige der Lords und kirchlichen Würdenträger, sowie Gaveston und schließlich Edward selbst das Leben kosten.

Palmetshofer fokussiert in seiner Bearbeitung noch viel mehr auf die schwule Liebe Edwards, als es Marlowe zu seiner Zeit konnte. Edward (ganz in Gold: Simon Zagermann) spricht hier frei von seiner Zuneigung zu Gaveston (Thiemo Strutzenberger) und stellt die Liebe zu ihm über den Staat. Dagegen stehen die hier ganz offensichtlich homophoben Lords des englischen Hofs und die Vertreter der päpstlichen Kirche zu Rom. Sie wollen den „lüsternen, liederlichen und geilen Gaveston“ von der Seite des Königs entfernen. So ist Lord Mortimers (Michael Wächter) Ansprache an die Peers zu Beginn des Stücks auch ein klares Signal, gegen den aus der französischen Verbannung Heimgekehrten vorzugehen. Mortimer weiß hier geschickt die Ressentiments und den Neid der Kirche und der übrigen Lords zu schüren und dabei das Wohl des Landes („wie eine Frau im Wochenbett ausgeblutet“) vorzuschieben.

Gespielt wird bei der Uraufführungsinszenierung von Regisseurin Nora Schlocker auf einem goldbronzenen Bühnenpodest von Marie Roth, zu dem einige steile Stufen hinauf führen. Davor befindet sich eine mit Gitterrosten abgedeckte Wassergrube. Das Setting ist klar in oben und unten eingeteilt. Und nach oben gelangt man zunächst nur durch die Gunst des Königs. Palmetshofer hat Marlowes Stückpersonals auf knapp ein Drittel der Rollen zusammengestrichen. Florian von Manteuffel, Thomas Reisinger und Elias Eilinghoff geben die hier nicht näher benannten Lords und Bischöfe, die gegen Edward aufbegehren. Als zurückgesetzte, eifersüchtige Königin Isabella ist Myriam Schröder zu sehen.

Edward II. Die Liebe bin ich am Schauspielhaus Wien - Foto (C) Alexi Pelekanos

Edward II. Die Liebe bin ich am Schauspielhaus Wien
Foto (C) Alexi Pelekanos

Kostümbildnerin Sanna Dembowski hat die Darsteller in schwarze Renaissance-Kleider mit Pluderhosen und weißen Halskrausen gesteckt. Königin Isabella trägt einen Reifrock. Das passt zwar nicht in die eigentliche Zeit Edwards II. (1284-1327), aber in die Marlowes und seiner Sprache, die Palmetshofers kunstbetonter Jambentext einerseits erhalten möchte, aber andererseits auch „ins Gegenwärtige laufen zu lassen“ versucht. Das gelingt nicht immer überzeugend, hebt sich aber wohltuend von sonstigen Modernisierungsversuchen ab. Als Ausdruckmittel der beiden Liebenden funktioniert die Sprache jedenfalls recht gut, besonders bei Edwards Plädoyer für die Liebe, „diesem Gott der keiner ist“. Gegen die Macht der Pfaffen huldigt er seinem Priester Gaveston, der ihm dafür eine hoch poetische Beschreibung eines Liebesaktes schenkt, bei dem er seine Zunge den Körper des Königs entdecken lässt. In einer weiteren Szene badet Edward Gaveston in einem Zuber.

Palmetshofer schreckt hier weder vor Kitsch und großem Pathos noch vor expliziten Worten zurück, wenn er Edward nach dem gewaltsamen Tod des Gaveston, der nackt vor den hämischen Lords in seinem Blut liegt, das Blut der Pfaffen fordern lässt. Trotzdem schwankt der König immer wieder zwischen seiner Liebe, seinen Rachegefühlen und den Forderungen aus Rom, den Erhalt der gottgewollten Ordnung betreffend. Nach der Flucht seiner Gattin mit dem Prinzen und später auch der des Intriganten Mortimer nach Frankreich rollen die Köpfe der Peers und versinkt das Land im Bürgerkrieg. Das ist auch die Wende in der bislang recht intensiven Inszenierung mit ihren schnellen Auftritten aus dem Zuschauerraum heraus, die die verkürzte Handlung dennoch jederzeit nachvollziehbar machen.

Die Hybris der Liebe muss sich schließlich der geforderten Staatsräson beugen. Nach der Pause, wenn König Edward zum Abdanken gezwungen, gedemütigt und selbst beschmutzt in der stinkenden Gosse liegt, aus der sein Günstling einst kam, verliert die Inszenierung auch ihr eigentliches Zentrum, das die nun fast endlos folgenden Machtspielchen zwischen Prinz Edward, Königin Elisabeth und ihrem Liebhaber Mortimer nicht mehr ausfüllen können. Da zollt auch der Fall ins allzu Private zuvor seinen Tribut an das eigentliche Drama. Das weitere Intrigenspiel um die vakante Krone kann lange nicht mehr so berühren wie der Kampf um die Liebe zuvor. Schließlich erfasst die einstige Hybris des Vaters auch den Sohn, der sich nach dem Mord an Edward gegen die eigene Mutter stellt und den Kopf des stetig nach oben strebenden Mortimer, den man ihm als roten Fußball überreicht, die Stufen wieder nach unten kickt.

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Edward II. Die Liebe bin ich (UA) – (29.05.2015)
Text von Ewald Palmetshofer
nach dem Drama Edward II. von Christopher Marlowe
Premiere war am 26.05.2015 im Schauspielhaus Wien
Regie: Nora Schlocker
Bühne: Marie Roth
Kostüme: Sanna Dembowski
Musik: Hannes Marek
Dramaturgie: Constanze Kargl
Besetzung:
Peer #1: Florian von Manteuffel
Peer #2 / Spencer: Elias Eilinghoff
Peer #3 / Bischof: Thomas Reisinger
Mortimer: Michael Wächter
Gaveston: Thiemo Strutzenberger
Edward II: Simon Zagermann
Isabella: Myriam Schröder
Prinz Edward: Rafael Lesage / Fabian Rihl

Koproduktion der Wiener Festwochen mit dem Theater Basel und dem Schauspielhaus Wien

Dauer: 2 Stunden, 35 Minuten, inklusive einer Pause

Weitere Termine bei den Festwochen: 31.05., 01.06. und 02.06.2015

Infos: http://www.festwochen.at/programmdetails/edward-ii-die-liebe-bin-ich/

Zuerst erschienen am 31.05.2015 auf Kultura-Extra.

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„die unverheiratete“ von Ewald Palmetshofer und „Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz. Zwei bemerkenswerte Wiener Inszenierungen mit starkem Damenensemble beim Theatertreffen 2015 (Teil 5)

Samstag, Mai 16th, 2015

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tt15_promo_media_gallery_resZu den beim THEATERTREFFEN 2015 jeweils doppelt vertretenen deutschen Bühnenmetropolen Berlin, München und Hamburg gesellt sich diesmal auch wieder die österreichische Hauptstadt Wien mit zwei durchaus bemerkenswerten Inszenierungen, die auch ganz gut zu den vom Veranstalter Berliner Festspiele selbst gelabelten politischen Themen Krieg, Flucht und Traumata passen.

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Den Anfang machte Ewald Palmetshofers für das Wiener Akademietheater verfasste Auftragsstück die unverheiratete. Hier der Link zur ausführlichen blog-Kritik aus dem Januar…

die unverheiratete - Plakat des Burgtheaters Wien

die unverheiratete – Plakat des Burgtheaters Wien

Die Rhythmik von Palmetshofers sehr atifiziellem Jambentext überführen die durch weg großartigen Darstellerinnen in eine entsprechende Sprachmelodie. Borgmann bricht die Schwere nur hin und wieder mit ironischen Einspielungen und viel Musik. Das hat natürlich so seine Längen und schreit geradezu nach Kürzungen im Text, die ihm Borgmann – sonst auch ein wahrer Spezialist im expressiven Auspinseln von Regieeinfällen – allerdings nicht gönnt; daher dauert die Aufführung satte 2 h 20 min. Die hervorragend aufspielenden Damen des Burgtheaterensembles machen die Uraufführung dieses etwas sperrig geratenen Sprachgebildes dennoch recht sehenswert.

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Sprachlich mindestens so ungewöhnlich wie Ewald Palmetshofers die unverheiratete ist auch der von Wolfram Lotz eigentlich als Hörspiel verfasste Text Die lächerliche Finsternis. Das Stück hatte im letzten Jahr auf mehreren Bühnen, so auch am Deutschen Theater Berlin und dem Thalia Theater in Hamburg einen regelrechten Erfolgslauf. Zum Theatertreffen eingeladen wurde aber die Uraufführung von Dušan David Pařízek, die im September 2014 die erste Burgtheaterspielzeit nach Matthias Hartmanns Rauswurf als Intendant eröffnete.

„Die lächerliche Finsternis“ von Wolfram Lotz Regie Dušan David Pařízek Burgtheater im Akademietheater, Wien Uraufführung 6. September 2014 www.burgtheater.at Regie und Bühne: Dusan David Parizek Kostüme: Kamila Polívková Licht: Felix Dreyer Dramaturgie: Klaus Missbach mit: Catrin Striebeck, Stefanie Reinsperger, Dorothee Hartinger, Frida-Lovisa Hamann Motiv v.l.n.r.: Stefanie Reinsperger, Catrin Striebeck, Frida-Lovisa Hamann, Dorothee Hartinger

Die lächerliche Finsternis vom Burgtheater Wien
Foto (C) Reinhard Maximilian Werner

Lotz greift für seine bissige Satire über die Verteidigung westlicher Werte am Hindukusch auf zwei bereits aufeinander beruhende fiktionale Werke zurück, indem er sie wiederum miteinander verschränkt in unsere Gegenwart holt. Das Hörspiel Die lächerliche Finsternis nach Francis Ford Conrads Herz der Apokalypse, wie das Stück im Untertitel heißt, fußt auf dem Afrika-Roman Das Herz der Finsternis von Joseph Conrad und dem Vietnamfilm-Klassiker Apokalypse Now von Francis Ford Coppola. Schon im kuriosen Prolog des somalischen Piraten Ultimo Michael Pussi, den hier Stefanie Reinsperger im breitesten Wienerisch gibt, macht der Autor klar, dass es ihm nicht nur um die reine Wirklichkeit geht, sondern um eine aus der Fiktion des Theaters heraus erschaffene neue Realität. Die Inszenierung zitiert auch aus Lotz’s Rede zum unmöglichen Theater.

In der Annahme, dass der Hindukusch ein Fluss sei, begeben sich Hauptfeldwebel Oliver Pellner und Unteroffizier Stefan Dorsch mit einem Boot auf die Suche nach dem abtrünnigen Oberstleutnant Deutinger in den Dschungel Afghanistans. Soweit die etwas schräge Analogie zu den beiden Vorlagen. Was nun folgt, ist eine surreale Reise aus der sicher geglaubten westlichen Zivilisation in die Irre der Finsternis aus wirtschaftlichen Verflechtungen und Kriegen. Was hier auch zu einer Fahrt in die eigenen und europäischen Innereien wird, die sich – wie so oft im postmodernen deutschen Drama – um die ganz persönlichen Darmwindungen dreht. Hier aber eben auf eine sehr lustvoll poetische und auch ironisch selbstkritische Art.

Die lächerliche Finsternis vom Burgtheater Wien - Foto (C) Reinhard Maximilian Werner

Die lächerliche Finsternis vom Burgtheater Wien
Foto (C) Reinhard Maximilian Werner

Als zusätzliche theatrale Verfremdung lässt Regisseur Pařízek alle Rollen von Frauen spielen. Sicher auch eine Reaktion auf die im Text enthaltende Frage der Mutter an Sohn und Autor Lotz: „Und es kommen keine Frauen vor?“ Die fremde Umgebung, die die beiden Soldaten (Catrin Striebeck als Pellner und Frida-Lovisa Hamann als Dorsch) langsam in den Wahnsinn treibt, wird noch durch die Wesensfremdheit des zynischen Pellner zu seinem ostdeutschen, leicht sächselnden Untergebenen Dorsch verstärkt. Den Beiden begegnen italienische Blauhelmsoldaten, die Coltan abbauende Einheimische beaufsichtigen und wohlmeinende rassistische Vorurteile pflegen. Ein vorbeischippernder Händler vom ehemaligen Kriegsschauplatz Balkan bietet den typischen Ramsch der Zivilisation an und geht dafür mit dem Unglück seiner Familie hausieren. Ein lüsterner Missionar kultiviert islamische Wilde und ein sprechender Papagei berichtet von Kollateralschäden in der Zivilbevölkerung. Dorothee Hartinger und Stefanie Reinsperger spielen alle weiteren Rollen mit österreichischem oder italienischem Spracheinschlag nebst einer bajuwarisch-exotischen Musikeinlage Wo samma, oder sorgen nebenbei für elektronische Dschungelgeräusche aus dem Hintergrund.

Des mit öliger Schmiere angedeuteten Blackfacing hätte es sicher nicht bedurft. Man kann es aber auch als einen Verweis auf Coppolas Film, in dem sich die Soldaten auch mit Kampftarnfarben im Gesicht bemalen, oder als Öl, das Blut der Wirtschaft, deuten. Sehr schön auch die Idee, die Reflexionen von Lotz über sein Gefühl, über Dinge zu schreiben, die einem „fremd“ sind, in der improvisierten Pause mit sprechen zu lassen. Dabei wird von den Schauspielrinnen die zuvor eingestürzte Bretterrückwand Stück für Stück durch einen Gartenhexler gejagt, während sie den vielgecoverten Song The Lion Sleeps Tonigth in Endlosschleife singen. Das karikiert wunderbar den kolonialen Ökoraubbau wie auch die popkulturelle Vereinnahmung ethnischer Folklore. Besser kann man westliche Selbstgewissheit nicht auf die Spitze treiben.

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die unverheiratete (UA)
von Ewald Palmetshofer
UA am Akademietheater Wien: 14.12.2015
Regie und Bühne: Robert Borgmann
Kostüme: Janina Brinkmann
Musik: webermichelson
Licht: Peter Brandl
Dramaturgie: Klaus Missbach
Mit: Stefanie Reinsperger, Christiane von Poelnitz, Elisabeth Orth, Petra Morzé, Sylvie Rohrer, Sabine Haupt, Alexandra Henkel
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, keine Pause

Termine beim Theatertreffen: 06.05. und 07.05.2015

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Die lächerliche Finsternis
von Wolfram Lotz
UA am Akademietheater Wien: 06.09.2015
Regie und Bühne: Dušan David Pařízek
Kostüme: Kamila Polívková
Licht: Felix Dreyer
Dramaturgie: Klaus Missbach.
Mit: Frida-Lovisa Hamann, Dorothee Hartinger, Stefanie Reinsperger, Catrin Striebeck
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, „eine Pause, wenn Sie möchten“

Termine beim Theatertreffen: 13.05. und 14.05.2015

Weiter Infos: http://www.theatertreffen.de

und http://www.burgtheater.at

Zuerst erschienen am 15.05.2015 auf Kultura-Extra.

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Morgen ist das Gestern schon im Heute – Geschichtsbewältigung auf Österreichisch mit „die unverheiratete“ von Ewald Palmetshofer im Akademietheater und „Johnny Breitwieser“, einer Wiener Verbrecherballade von Thomas Arzt und Jherek Bischoff am Schauspielhaus.

Freitag, Januar 9th, 2015

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Im vergangenen Jahr standen aus deutsch/österreichischer Sicht zwei geschichtlich einschneidende Ereignisse zum Gedenken an. Der Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren, der oft noch nicht nur für Österreicher ursächlich mit der Ermordung des österreichischen Thronfolgers und seiner Gattin im bosnischen Sarajevo zusammenhängt, und der Beginn des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren, ebenfalls ein geschichtlich noch immer wunder Punkt für Österreich. Die Vergangenheitsbewältigung auf den österreichischen Bühnen blieb da nicht allein bei den Schüssen in Sarajevo und den Letzten Tagen der Menschheit stehen, auch die Verdrängung der individuellen Schuld am Geschehen in der Nazizeit wurde beleuchtet.

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Die Zukunft suchte ich in vielen Spiegeln;
Doch blieb sie mir ein Buch mit sieben Siegeln.
Nun reck ich mich im Spiegel dieser Zeit
Und such darin nach der Vergangenheit…

Mascha Kaléko, Vor dem Spiegel, aus: Heute ist morgen schon gestern – Gedichte aus dem Nachlass

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„die unverheiratete“ von Ewald Palmetshofer im Akademietheater Wien

Schaukasten Akademietheater

Schaukasten Akademietheater

In seinem Auftragswerk für das Wiener Burgtheater die unverheiratete zeichnet der 36jährige österreichische Dramatiker Ewald Palmetshofer anhand von Gerichtsakten die wahre Geschichte einer Frau nach, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs einen Soldaten anzeigte, nachdem sie zufällig ein Telefongespräch belauscht hatte, in dem er von „abhau’n“ spricht. Der junge Mann wird zum Tode und die damals ebenfalls noch junge Frau deswegen nach dem Krieg zu 12 Jahren Gefängnis verurteilt. Im Stück geht es nun u.a. um das Verdrängen von Schuld und die Schwierigkeit des Erinnerns einer alten Frau, die von Ihrer Tochter und Enkelin nach einem Zusammenbruch im Krankenhaus nach der Vergangenheit befragt wird.

DIE ALTE
ich kann nur sagen
kann mich nicht erinnern mehr
beim besten Willen nicht
ist durchaus möglich dass
ich weiß es nicht
kann immer wieder sagen nur…

Palmetshofer, dessen frühe Stücke schon recht erfolgreich im kleinen Schauspielhaus Wien uraufgeführt wurden, hat sich bereits in seinem ersten 2012 für das Burgtheater geschriebenen Stück räuber.schuldengenital, von Stephan Kimming ebenfalls am Wiener Akademietheater uraufgeführt, mit dem Generationenkonflikt beschäftigt. Auch die unverheiratete zeigt anhand dreier Generationen nicht aufgearbeitete Probleme zwischen einer Großmutter, ihrer Tochter und Enkelin (hier die Junge, die Mittlere und die Alte genannt). Dem hat Palmetshofer obendrein noch eine Art Elektra-Paraphrase eingeschrieben. Wie der Erinnyen-Chor einer griechischen Tragödie rezitieren Sabine Haupt, Alexandra Henkel, Sylvie Rohrer und Petra Morzé als die „Hundsmäuligen“ wechselnd in Biedermeierkostümen, Schwesternuniformen oder im Gouvernanten-Look aus den Gerichtsakten.

Sie wirken wie das personifizierte schlechte Gewissen der Alten (Elisabeth Orth), wobei hier die eigentliche Elektra durch die Mittlere (Christiane von Poelnitz) dargestellt wird, die schon zu Beginn einen Holztisch mit der Axt traktiert. Später wird sie, von der Jungen (Stefanie Reinsperger) mit Blut übergossen, einen „ich bin Elektra“-Text sprechen. Palmetshofers Jamben erinnert da nicht von ungefähr auch an Heiner Müller. Hier werden symbolisch die Toten wieder ausgegraben. Der deutsche Regisseur Robert Borgmann hat dazu mit Erde einige Grabhügel aufschütten lassen, die nicht nur verbal ordentlich umgewühlt werden. Frau gräbt aber nicht allein in den verschütteten Erinnerungen, sondern auch im psychologisch Unterbewussten.

die unverheiratete_Georg Soulek - Burgtheater2

die unverheirateteFoto (C) Georg Soulek /Burgtheater

 

DIE MITTLERE
kein Bruder keine Schwester von dem Baum gepflückt
Orest nicht tot nein nie geboren keine Axt zu schwingen
harten Stahl zu führen gegen Rinde morschen Stamm
wart ich auf keinen mehr
ich bin sie selbst
ich bin die Axt
es fällt der Stamm
der Mutterbaum
er brenne
lichterloh

Alle drei haben da ihre Lücken. Die Alte in der Vergangenheit, wie die Mittlere, die mit diesem Erbe hadert und die Junge mit ihren flüchtigen Sexbeziehungen zu Männern, die sie im Schlaf fotografiert. Bezeichnend ist dabei wohl die vollständige Abwesenheit der Männer im Stück, wie im Leben der Alten und ihrer Tochter. Die „Weiberwirtschaft“, wie es die Alte nennt, scheint aber gerade daran zu kranken. Der Mittleren fehlten der Vater und ein Bruder. Die Wut darüber überträgt sich auf die Junge, die der Alten beharrlich ihre Geheimnisse abzuringen versucht. Schnell wird klar, dass die zwei nicht nur den gebrechlichen Körper der Alten, sondern an der gesamten Schuld und, ja, auch an sich selbst mit zu tragen haben.

Aus einem Heft, in das die Alte später ihre Wahrheit geschrieben hat, lässt sich „Die Wahrheit“ nicht ausreichend rekonstruieren. Die wiederkehrenden, quälenden Bilder der Vergangenheit schließt sie stolz und trotzig in sich ein. Die Anwürfe der Tochter und Enkelin perlen an der Alten ab, die zielsicher ihre Vergangenheit als langen roten Faden aus der Strickjacke trennt, um sich später daran zu hängen. Das Stück besitzt da einen bemerkenswert langen Atem. Kurzatmig wird hier nichts verhandelt und die Alte nicht müde, ohne Einsicht in die Konsequenzen ihrer damaligen Tat, fast störrisch immer wieder ihre Unschuld zu betonen: „ich hab für Politik mich niemals / niemals intressiert / das kann ich immer wieder / immer wieder sagen nur“. Der Hang zur Verdrängung ist groß, in einem Land, das schon kurz nach dem Krieg und ersten Strafprozessen wegen Denunziationen recht bald wieder zur Tagesordnung übergeht. Was bleibt, ist die unbeantwortete Schuldfrage.

die unverheiratete - Stefanie Reinsperger (die Junge), Elisabeth Orth (die Alte), Christiane von Poelnitz (die Mittlere) - Foto (C) Georg Soulek /Burgtheater

die unverheiratete – Stefanie Reinsperger (die Junge), Elisabeth Orth (die Alte), Christiane von Poelnitz (die Mittlere)
Foto (C) Georg Soulek /Burgtheater

DIE JUNGE
Wer ‚A‘ sagt muss auch ‚B‘
der muss auch B muss der
so war das immer schon …

Elisabeth Orth spielt ihren Part einfühlsam überzeugend. Es menschelt dabei immer wieder auch etwas. Wirklich explizit politisch wird es in Palmetshofers psychologisierenden Versen jedoch nie. Robert Borgmann übersetzt alles in möglichst eindrückliche Bilder. Bedeutsam geht ein roter Samtvorhang immer wieder rauf und runter. Die Rhythmik von Palmetshofers Jambentext überführen die Darstellerinnen in eine entsprechende Sprachmelodie. Borgmann bricht die Schwere des Textes nur hin und wieder mit ironischen Einspielungen. Dabei ist Musik hier allgegenwärtig. Die großartige Stefanie Reinsperger spielt zu ihrem Text Akkordeon, oder greift zur Flasche und tanzt den HC Stracher und Thomas Bernhard, eine regional angepasste Cover-Version des D.A.F.-Klassikers Tanz den Mussolini. Das von Blandine Ebinger gesungene Friedrich-Hollaender-Lied Wenn ick mal tot bin sorgt für etwas morbiden Charme.

Das alles hat natürlich auch so seine Längen. Es schreit geradezu nach Kürzungen in Palmetshofers hoch artifiziellem Text, die ihm Borgmann, auch sonst ein wahrer Spezialist im expressiven Regie-Auspinseln, bis zum Ende nicht vergönnt. In einer möglichen und durchaus denkbaren Zweitaufführung will das berücksichtigt sein. Dagegen wohltuend lässt Borgmann dann doch von allzu vielen kuriosen Regieeinfällen ab. Das und die hervorragend aufspielenden Damen des Burgtheaterensembles machen die Inszenierung dieses etwas sperrig geratenen Sprachgebildes von Ewald Palmetshofer über die vollen 2 Stunden, 20 Minuten dann doch noch sehenswert.

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die unverheiratete
von Ewald Palmetshofer
Regie und Bühne: Robert Borgmann
Kostüme: Janina Brinkmann
Musik: webermichelson
Licht: Peter Bandl
Dramaturgie: Klaus Missbach
Mit:
die Junge: Stefanie Reinsperger
die Mittlere: Christiane von Poelnitz
die Alte: Elisabeth Orth
4 Schwestern (die Hundsmäuligen): Sabine Haupt, Alexandra Henkel, Sylvie Rohrer und Petra Morzé
Spieldauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause
Uraufführung am 14. Dezember 2014 im Akademietheater
Gesehene Vorstellung am 30.12.2014
Termine: 11., 13.01. / 02.02., 04.02., 15.02. / 02.03.2015

Infos: http://www.burgtheater.at/Content.Node2/home/spielplan/event_detailansicht.at.php?eventid=963459306

Stückzitate aus die unverheiratete von Ewald Palmetshofer

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Johnny Breitwieser – Thomas Arzt und Jherek Bischoff zeigen am Schauspielhaus Wien eine Brecht’sche Verbrecherballade.

„Gesellschaftliche Veränderung fängt immer mit Außenseitern an, die spüren, was notwendig ist.“  Robert Jungk, Zukunftsforscher

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Der 1983 in Oberösterreich geborene Dramatiker Thomas Arzt ist bereits durch seine recht erfolgreichen Stücke Grillenparz, uraufgeführt 2011 am Schauspielhaus Wien, und Alpenvorland, 2013 am Landestheater Linz uraufgeführt und mit dem Autorenpreis des 29. Heidelberger Stückemarkts ausgezeichnet, aufgefallen. Hatte der junge Autor da noch regional in den Bergen seiner österreichischen Heimat angesiedelte moderne Anti-Volksstücke geschrieben, geht er nun mit seiner Verbrecherballade Johnny Breitwieser in der Geschichte zum Ende der k.u.k-Zeit zurück. In den Vorstädten Wiens gelangt der 1891 geborene, Johann Breitwieser zu kurzzeitiger Berühmtheit. Ein Kleinkrimineller mit Ausstrahlung, eine Art Robin-Hood-Gestalt, der das Geld der Banken an die Armen Wiens verteilt. Ihm gelingen einige bemerkenswerte Coups. Erst nach einem längeren Katz- und Mausspiel aus dem Untergrund heraus wird Breitwieser 1919 von der Polizei gestellt, erschossen und vom Volk zum Märtyrer erklärt.

Das Schauspielhaus Wien - Foto: St. B

Das Schauspielhaus Wien – Foto: St. B

Nach dem Aufstieg von Ewald Palmetshofer und dem jüngst mit am beispiel der butter nach Mülheim eingeladenen Ferdinand Schmalz erweist sich das  Schauspielhaus Wien mal wieder als Geburtshelfer für eine weitere bemerkenswerte österreichische Dramatiker-Karriere. Am kleinen Theater in der Porzellangasse, an dem Thomas Arzt ebenso wie vorher schon Ewald Palmetshofer in der Spielzeit 2010/2011 seine ersten Sporen als Hausautor verdient hat, feierte nun Ende November 2014 sein neuestes Stück Premiere. Johnny BreitwieserEine Verbrecher-Ballade aus Wien ist ein in groben Zügen an Bertolt Brechts Dreigroschenoper angelehntes Kriminal-, Sozial- und Liebesdrama mit Musik von dem US-amerikanischen Komponisten Jherek Bischoff. Arzt hat aus der historischen Vorlage eine Handvoll interessanter Randgestalten um den sogenannten „Meidlinger Einbrecherkönig“ herausgelöst, um mit ihnen eine Ballade über die Sehnsucht nach Freiheit, Anarchie, Rebellion und den Aufstieg aus elenden Verhältnissen in die gut bürgerlichen Schichten Wiens vor dem Ersten Weltkrieg zu erzählen.

Das Stück von Thomas Arzt zeigt in ganz klassischer Abfolge den Aufstieg und Fall eines zum Volkshelden stilisierten Mann aus der Unterschicht mit dem nötigen Charisma und Mundwerk. „A Rattn mit einer Sprach.“ wie Kiberer Schödl (Florian von Manteuffel) seinen ewigen Gegenspieler, den schönen Johnny (Martin Vischer), abfällig nennt. Hier reimt sich Brot noch auf Not und die Kanalratten sind weit in der Überzahl. Doch anstatt wie die „stadschauerte“ Luise (Nicola Kirsch) nach einem Geld zu betteln, holen sich Johnny und sein Bruder Carl (Thiemo Strutzenberger) einfach, was sie haben wollen. Während Johnny, der Mann für die coolen Sprüche, nebenbei auch Herzen stiehlt, zeichnet Bruder Carl, der Nachdenkliche, verantwortlich für das Rationale und die Logistik. Nebenbei beseitigt er noch als hilfreicher Engelmacher Johnnys Kollateralschäden. Die Beiden sägen und schweißen an dem käfigartigen Drahtgestänge, das Ivan Bazak auf die Bühne des Schauspielhauses gestellt hat. Doch der Tresor in der Bank ist leer und das Kapital weitergezogen.

Johnny Breitwieser im Schauspielhaus Wien  Foto (c) Robert Polster

Johnny Breitwieser im Schauspielhaus Wien
Foto (c) Robert Polster

„Ist eine bedingte Welt. Da kann‘s passieren, dass das Verbrechen im Grunde das Richtige ist.“ Johnny, ein Verbrecher

Für den Outlaw oder auch Anarchisten Johnny ist das Gute immer an scheiß Bedingungen angekettet. Und auch das Verbrechen läuft nicht bedingungslos ab. Carl ist dagegen Sozialist und träumt davon, nach Russland zu gehen. Er bleibt im Ersten Weltkrieg stecken und gibt ein Bein dran, während Johnny im Knast überwintert. Die großen Ideen erweisen sich als nicht so leicht zu haben. Man muss sich entscheiden: „Verstummen oder Gewalt“. Der Krieg ist hässlich, aber notwendig für die Veränderung. „Was die Revolution betrifft, so kann sie unmöglich aus dem Sitzen passieren, oder aus dem Liegen. Das ist das unbequeme am Revolutionären.” – so sieht es Carl. Regisseur Alexander Charim lässt die Revolutionäre im Wartestand aber zunächst noch bei einer mondänen Party dem besoffenen Kapital die Scheine aus der Tasche ziehen. Johnny verfällt seiner Sehnsucht, der reichen Greta (Katja Jung), Carl wird Kanonenfutter und singt finster von „Soldaten ohne Köpf“.

Aber auch eine andere Frau hat es Johnny angetan. Seine große Liebe ist Anna (Franziska Hackl), die er auf der Straße aufliest und der er ein besseres Leben bieten will. Dafür braucht es Geld. Doch auch dieses Geld ist nicht genug, denn Anna will eine Zukunft anstatt das Leben im Moment. „Da muss doch auch mal ein Leben danach kommen“, singt sie. Und so steckt Johnny schnell in der bürgerlichen Falle, die letztendlich auch eine goldene ist. Als Bild der kleinbürgerlichen Gemütlichkeit landet der „Maidlinger Einbrecherkönig“ schließlich als „Bourgeois von St. Andrä“ auf einem Fauteuil seiner Villa und putzt still die Waffe. Bereit sein ist alles.

Johnny Breitwieser im Schauspielhaus Wien - Foto (c) Robert Polster

Johnny Breitwieser im Schauspielhaus Wien
Foto (c) Robert Polster

„Was morgen ist, muss heute noch nicht sein.“ der Chor

Nach dem Krieg bricht schließlich die alte Ordnung zusammen. Der Kaiser ist tot, doch die gottgewollte Hackordnung besteht weiter. „Der Staat ist der Staat auch wenn er dumm ist, ist`s immer noch der Staat.“ Bluthund Schödl bleibt Johnny auf den Fersen und findet zielsicher den nötigen Verräter. Der etwas einfach gestrickte Gangster-Kumpan Wenzl (Gideon Maoz) gibt Breitwieser für eine weiße, fleckenlose Identität preis. Im Stücktext und den Songs spricht Thomas Arzt von Elend, Kapital, Banken, Fleischbörsen, Marxismus und Aufbruch. Da ist er ganz beim vermeintlichen Vorbild Brecht. Die Musik von Jherek Bischoff bleibt in der Ballade und Moritat, ist mal Wiener Lied mit Streichern, mal Pop mit Schlagzeug. Neben ein paar deftigen Chören behält die softe Melancholie die Oberhand. Johnny singt: „Ich möchte ein Leichenzug sein.“ und ganz Wien gibt ihm die Ehre.

Der Zukunftsforscher Robert Jungk schrieb 1952: „Die Zukunft ist keine sauber von der jeweiligen Gegenwart abgelöste Utopie: die Zukunft hat schon begonnen. Aber noch kann sie, wenn rechtzeitig erkannt, verändert werden.“ Sang in den 1970er Jahren der DDR die mit Auftrittsverbot belegte Gruppe Renft in Zwischen Liebe und Zorn: „Revolution ist das Morgen schon im Heute, ist kein Bett und kein Thron für den Arsch zufried’ner Leute“, heißt es hier nun im Schlusschor der Protagonisten: „Was morgen ist, muss heute noch nicht sein.“ Auf dem Sofa sitzt ein Land im Stillstand und skandiert: „Morgen stirbt der Widerstand am Hunger, heute fressen wir in uns hinein.“ – Fazit Arzt: „Die Armut ist da, wo der Widerstand aufhört.“

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Johnny Breitwieser – Eine Verbrecher-Ballade aus Wien (UA)
von Thomas Arzt und Jherek Bischoff (Komposition)
Regie: Alexander Charim
Bühne und Kostüme: Ivan Bazak
Dramaturgie: Laura Berman
musikalische Leitung: Belush Korenyi
Bühnenmusiker: Ensemble LUX (Streichquartett) und Mathias Koch (Schlagzeug)
Mit:
Johnny, ein Verbrecher: Martin Vischer
Carl, sein Bruder: Thiemo Strutzenberger
Anne, seine Liebe: Franziska Hackl
Greta, seine Sehnsucht: Katja Jung
Luise, sein Volk: Nicola Kirsch
Wenzl, sein Verräter: Gideon Maoz
Schödl, sein Mörder: Florian von Manteuffel
Aufführungsdauer: ca. 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause
Premiere: 28. November 2014
Gesehene Vorstellung am 31.01.2014
Termine:
20., 21. und 31.01. 2015
03., 18. und 19.02.2015
07. und 10.03.2015

Info: http://www.schauspielhaus.at/johnny_breitwieser

Stückzitate aus Johnny Breitwieser von Thomas Arzt

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Komödie ist wenn`s singt und kracht – Zum Abschluss der Autorentheatertage am DT

Mittwoch, Juni 29th, 2011

Nun ist man weit davon entfernt am Deutschen Theater, nicht nur dem in Berlin, den Dyonisuskult wieder einzuführen, aber mit etwas mehr Humor könnte man eigentlich nicht all zu viel falsch machen, denkt man sich so, wenn man das Motto der Autorentheatertage 2011 vor Augen hat. Einer näheren Betrachtung unterzogen, kommen einem dann aber schon einige Zweifel, ob das die richtige Medizin für den problembeladenen Bildungsbürger und ach so gestreßten Großstädter ist. Zuviel absurd Groteskes verwirrt nur und beim kollektiven Schenkelklopfen steigt der Denkapparat dann meist endgültig aus. Gute Komödie scheint in der Tat das Einfache, das schwer zu machen ist.

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Das Deutsche Theater Berlin, ein Hort des Humors während der Autorentheatertage 2011 (Foto: St.B.)

„Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Der Mensch fängt beim Nein an, (…) Aber dieses Nein muß auf ein großes Ja zielen. Wir lachen nein und meinen ja.“ aus: Otto Julius Bierbaum „Yankeedoodle-Fahrt“ (1909)

Man könnte auch sagen: Der Mann hat gut lachen, aber dieses Zitat aus dem Bericht des Schriftstellers und Herausgebers der Literaturzeitschriften „Pan“ und „Die Insel“ von einer Schiffsreise in den Orient gibt ziemlich deutlich die Kriterien für eine echte Tragikkomödie vor. Es kann immer noch schlimmer kommen, aber wenn man den Weg nicht weiter geht, wird man nicht erfahren, ob es am Ende nicht vielleicht doch gut ausgeht. Und so hält den Menschen in erster Linie der Humor und die Selbstironie am Leben, diese Gewissheit, dass am Ende des Tunnels immer ein Licht ist. Nur das in der heutigen Zeit dem gestressten und gebeutelten Städtebewohner meist die Sicht nach vorn verstellt scheint und das Lachen abhanden gekommen ist, weswegen er es eben darum nicht macht. Lachen entsteht heute in erster Linie aus der Situation heraus und je verfahrener diese erscheint, um so befreiender kann das Lachen über diese Erkenntnis sein, was wiederum Otto Julius Bierbaums These wieder bestätigt.

„supernova (wie gold ensteht)“ und „Gespräche mit Kosmonauten“ – Zwei sozialkritische Komödien vom Nationaltheater Mannheim bei den ATT

Am besten haben die Maxime Bierbaums die Dramatiker Felicia Zeller und Philipp Löhle verstanden, die in ihren Stücken für das Nationaltheater Mannheim den alltäglichen Wahnsinn und daraus entstehende komische Situationen oder den Menschen als geschichtsresistenten Anachronismus bestens darstellen. Einen solchen Fall nimmt sich Philipp Löhle, der in Berlin schon mit seinem Eastern „Die Überflüssigen“ im Gorki-Studio  zu überzeugen wußte, in seinem Stück „supernova (wie gold entsteht)“ vor. Gemäß der Entgegnung von Karl Marx auf das Postulat Hegels, nach dem „… alle weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen“ nur eben „… das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“ entwickelt Löhle eine Story, die erst als Sozialkritik startet und dann in eben jene unglaubliche Wiederholung von Geschichte mündet.
Friedrich, der ewige Praktikant der Geologie, pinkelt in einem Anflug von Leck-mich-Widerstandsgefühl seinem Arsch von Chef nach der Kündigung auf den Tisch. Nach dem sein Ego daheim von seiner beruflich erfolgreichen Lebensgefährtin wieder auf Normalmaß zurechtgestutzt ist, kommt ihm die glorreiche Idee, den Zufallsfund eines Goldklumpens im Schwarzwald als großen Coup rauszubringen. Er fälscht die Satellitenbilder und holt sich den ehemaligen Chef als Compagnon ins Boot. Die Claims sind schnell abgesteckt, Latzhosen tragende Baumschützer und Anwohner mehr oder minder gut abgefunden. Das imaginäre Gold wird im Termingeschäft verkauft, noch bevor der vermeintliche Schatz überhaupt gehoben ist. Friedrich hat außerdem die Rechnung ohne die geprellten Mitwisser und einheimischen Bauern Wolf, Michl und Henning gemacht, die sich den Anteil am Kuchen etwas größer vorgestellt hatten und dem Möchtegernkapitalisten auf die Bude rücken. Noch bevor das Gewissen ihn umbringt, hat das das verschworene Rächertrio mit Cowboyhüten, Wagnermusik und ordentlich Wut im Bauch schon erledigt. Nur allein, der Goldklumpen bleibt unauffindbar.
Parallel dazu wird der Selbstverwirklichungsversuch der Mutter erzählt, die ebenfalls am Goldfund beteiligt ist. Das eigenen Ende vor Augen, beginnt sie ihr Leben neu zu organisieren mit Freund Wolf und neuer Garderobe. Sie kündigt ihren Job und fängt an Lokalgeschichte zu studieren. Im Revolutionsjahr 1848 wird sie fündig, die Geschichte des linksliberalen Politikers und gescheiterten Märzrevolutionärs Friedrich Karl Franz Hecker und der große Mythos um ihn herum haben es ihr angetan. Eine Leerstelle in dessen Leben gilt es zu füllen und wie der Zufall so will, gibt es da einen mysteriösen Überfall auf eine Metallgießerei mit Goldraub.
Regisseurin Cilli Drexel inszeniert diese kleine schwarze Komödie als schnelles schmissiges Rollenspiel mit grell überzeichneten Figuren in einer Pappmascheekulisse, nur der Mutter sind hier echte menschliche Gefühle erlaubt. Sie erkennt irgendwann die Parallelen, nur dass sie von ihrem Wissensvorsprung leider wegen plötzlichem Ablebens nicht mehr provitieren und ihn auch nicht an die ahnungslosen Hinterbliebenen weitergeben kann. Ironie des Schicksals. Ihr Sohn landet, als Leiche, unter den Schwarzwaldbäumen, die er selbst nach Mecklenburg verpflanzen ließ. Wie in einer Supernova verpufft der große Traum vom Reichtum. Das Ganze holpert sich etwas verwirrend durch die einzelnen Erzählstränge, die aber zum Schluss recht einfach zu lösen sind. Fazit: Der Mensch ist in seiner Gier unermesslich und zu blöd aus der Geschichte zu lernen und muss daher zwangsläufig als Idiot enden. Damit wir gemeinsam über ihn lachen können, bedarf es dieser Farce, nur dass die Banken dabei den längeren Atem haben.

In keinem Fall langatmig sind die Texte von Felicia Zeller, mit ihrer Jugendamtskomödie „Kaspar Häuser Meer“ hat sie 2008 die Zuschauer bei den Mülheimer Theatertagen begeistert. Das Stück war in Berlin bis vor kurzem noch am Maxim Gorki Theater und im Theater unterm Dach zu sehen. Mit ihrem neuen Stück „Gespräche mit Astronauten“ wurde sie in diesem Jahr wieder nach Mülheim eingeladen. Vier Schauspielerinnen und ein Schauspieler switchen zwischen nervenden Öko-Müttern, aufgeregten Businessfrauen, ihren verzogenen Blagen und den dazugehörenden jungen Au-pairs hin- und her. Diese kommen aus Stolen, Rostland, der Mogelei oder auch Schlamperei und haben eigentlich eine ganz andere Vorstellung von ihren Gastfamilien und dem Aufenthalt in Knautschland. Und so spult sich ein Feuerwerk der kulturellen Gegensätze, Vorurteile und Missverständnisse ab. Das frech freudig agierende junge Ensemble vom Schauspiel Mannheim spielt sich die Bälle und Zellerschen Wortkanonaden zu.
In einem Plüsch- und Popgewitter hat das der Mannheimer Hausregisseur Burkhard C. Kosminski als knallbunte Farce mit Dschingis-Khan-Tanz und jeder Menge mimischer Raffinesse inszeniert. Über allem schwebt ein ferner Kosmonaut, einer der Väter, der lieber zum Mond fliegt, als sich mit den irdischen Banalitäten der Kindererziehung zu befassen. Der alltägliche Wahnsinn in den Familien der Besserverdienenden prallt gegen die Probleme der jungen Mädchen, die von einer Karriere im Gastland träumen und sich dafür mehr oder weniger bereitwillig ausbeuten lassen. Sie sind längst unersetzlich für die sich zwischen häuslicher Rolle und Selbstverwirklichung aufreibenden Mütter. Für die eigenen Pläne und privaten Interessen bleibt da so gut wie keine Gelegenheit mehr außer dem obligatorischen „Knautschkurs“. Das gipfelt schließlich darin, dass eine der Mütter ihr Au-pair heiraten will, um es dauerhaft an die Familie zu binden. Hier entseht zwar jede Menge Komik aus den Gegensätzen, der Sprachverwirrung und dem bewussten Überspitzen von bekannten Klischees, die Tragik, die auch in diesen Zuständen steckt, sucht man allerdings vergebens.

Mit Klischees spielt Felicia Zeller auch in ihrem Prosatext „Einsam lehnen am Bekannten“, das just zum Ende der Autorentheatertagen im Heimathafen Neukölln Premiere hatte. Felicia Zeller hat dem Neuköllner aufs Maul geschaut und die Ohren gespitzt. Die Vorlage liegt förmlich auf der Straße, in kurzen Glossen beschreibt die Autorin hier ihre täglichen Wahrnehmungen der Wahlheimat Berlin-Neukölln. Diesen „performativen Großstadt Tingel Tangel“ inszeniert Regisseurin Regina Gyr wie eine Zirkusaufführung in einer Manege, um die das Publikum platziert ist, mit viel Witz, reichlich Slapstick- und einigen Performancenummern. Rotzebatzen fliegen vom Balkon, Macker mit überdimensionalen Muskelpolstern werfen sich wie brünstige Hirsche in die Brust. „Willste was?“ „Gras, Gras?“ Grasgeflüster überall, geile Rotznasen und nervig berlinernde Bademeister. Das sind die Stereotypen, die man hier eh vermutet hat. Aber auch andere Durchgeknallte und Möchtegernstars, die sich in der „Hasenschänke“ oder dem „Blauen Affen“ am Hermannplatz heimisch fühlen, bevölkern die Szene. Ein fast endloser Reigen des Wollens und nicht Könnens, oder umgekehrt, gipfelt in einer herrlichen Stuhlchoreografie des Stillstands. Ein Hund auf Rädern wird den Zuschauern zum Aufpassen zugeführt und pups nebenbei Seifenblasen. Wortblasen gibt es auch jede Menge, vorzugsweise ins Mikro gehaucht. „Willste poppen?“ – „Nee, geh joggen!“ Es entspinnt sich ein herrlicher Run im Kreis und irgendwann, weiß keiner mehr warum und wer angefangen hat. Wir erfahren, das Trinken hier „Brettern“ heißt und dass es Koordination erfordert, das mit dem Lebenspartner zeitlich in Einklang zu bringen, da nur gemeinsames Brettern vor schlaflosen Nächten schützt. Warum lebt man in Neukölln, was ist an diesen Originalen so liebenswert? Darauf kann dieser Abend mit den Textsplittern von Felica Zeller leider keine Antwort geben und irgendwann überfällt einen mit der Autorin die Sehnsucht nach dem schönen Freiburg oder zumindest nach einem Weizenbier.

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Der Heimathafen im ehemaligen Saalbau Neukölln an der Karl-Marx-Straße. (Foto: St. B.)

Düsteres und Nachdenkliches in Stücken von Rebekka Kricheldorf und Anne Habermehl bei den ATT

Aus jener Stadt mit den zufriedensten Einwohnern Deutschlands stammt die andere Jungdramatikerin mit Hang zum überbordenden Humor Rebekka Kricheldorf, die mit zwei Stücken beim ATT vertreten war. Da das weitaus interessantere „Robert Redfords Hände Selig“ zeitgleich zu Elfriede Jelineks „Winterreise“ lief, war als Ausgleich nur noch der Nick-Cave-Liederabend „Murder Ballads“ im Angebot. Kein schlechter Ersatz, da das durchweg gut aufgestellte Ensemble des Berner Stadttheaters die schwarze Komödie um eine heruntergekommene Bar im tiefen Westen Amerikas bestens absolvierte. Es ist nicht leicht an die eigentlichen Meister des schwarzen Musik-Genres die unnachahmlichen „Tiger Lillies“ heranzukommen, aber das versucht die Regie von Erich Seidler auch gar nicht erst. Der Text von Rebekka Kricheldorf soll die melancholisch düsteren Songs von Nick Cave thematisch rahmen und sie lässt dann auch eine skurrile Personage von heimatlos Gestrandeten, Barflys und Geistesgestörten über Gut und Böse sinnieren und schließlich auf einander losgehen. Verbunden sind sie durch den Gesang und die Ausweglosigkeit ihrer Situation. Aus dem Fernseher klingen Nachrichten von Mord und Totschlag in der Welt, in der Bar spiegelt sich dieses Wahnsinnsspiel im kleinen Mikrokosmos wider. Die Bühne zeigt einen besseren Stall mit schiefem Tresen, zwielichtigen Gestalten, die es auf eine arme Tramperin abgesehen haben und einen geschwätzigen Handlungsreisenden auch mal die Seele abluchsen. Ein Gehängter stimmt in die düsteren Songs mit ein und der Barmann verschafft sich mit der Knarre Gehör. Ein Panoptikum der gescheiterten Existenzen. Die manchmal etwas banalen Texte von Rebekka Kricheldorf sind nicht das ganz große Ding, aber die Band „Los Hemiolos“ entschädigt mit ihren hervorragenden Nick-Cave-Interpretationen. Man kann Rebekka Kricheldorf mit ihrem neuen Stück „Alltag & Ekstase. Ein Panoptikum des Scheiterns“, wie passend, im Januar 2012 am DT wiedersehen.

Irgendwie fällt auf, dass alle hier beschriebenen AutorInnen aus dem Süden unseres schönen Landes kommen. Baden-Württemberg scheint tatsächlich nicht nur die Hochburg der Wutbürger, sondern auch noch der Hort des deutschen Theater-Humors zu sein. Auch die aus Heidelberg stammende Anne Habermehl reiht sich in diesen Kreis ein, nur dass sie keine Farce oder schwarze Komödie geschrieben hat, sondern mit ihrem Stück „Narbengelände“, eine Auftragsarbeit für die Bühnen Gera und Altenburg, eher tiefer in die Befindlichkeit einer Familie in Thüringen kurz vor und nach der Wende schaut. In eigener Regie und ohne große Effekte inszeniert sie das Stück über eine junge Frau im Widerspruch zwischen ihren Träumen als 16jährige in der DDR und dem Alltag nach der Wende.
„Eigentlich müsste sich ein extremes Gefühl von Freiheit einstellen“ ist der erste Satz des Stückes und eigentlich dreht es sich auch genau um dieses Gefühl, dass sich eben nicht von allein einstellen will. Marie trifft Marc, einen nachdenklicher Außenseiter, nicht nur wegen seines einen Arms. Er will immer nur wegrennen und eckt überall an. Sie ist eine Sternenguckerin und träumt von der großen Freiheit. Sie wagen gemeinsam die Flucht, bei der Marc umkommt. Auch einige Jahre nach der Wende hat Marie das noch nicht überwunden. Sie lebt allein in einem Bahnhofsgebäude in Bremen mit wechselnden Freunden und Hunden. In der Erinnerung gefangen, vergisst sie ihr Leben zu leben. Beim Besuch der Mutter Ingrid aus Thüringen kommen diese Erinnerungen wieder hoch. Ingrid wirft ihr Tütenweise die Briefe des Vaters vor: „Das muss aufhören!“ In Rückblenden wird immer wieder die Geschichte von ihr und Marc und die der Eltern erzählt. Anne Habermehl inszeniert das nicht ohne Witz und leise Ironie besonders in den Szenen, wenn sich die jungen Menschen näher kommen oder das alte Ehepaar ohne viel Worte ihre Zusammengehörigkeit in eingefahren Gleisen beschreibt. „Unsere Körper sind wie Landschaften mit Straßen, auf denen keiner mehr fährt.“
Es ist natürlich in erster Linie ein Stück über den Osten aber auch ein Generationendrama. Der Ostbezug stört eigentlich überhaupt nicht, man könnte ihn sich durchaus wegdenken. Das Stück würde auch so noch funktioniert. Es geht allgemein um Freiheit im Denken und Handeln, im Anderssein, sich ausprobieren können und um Toleranz. Unverständnis der Elterngeneration, Leistungs- und Anpassungsdruck verhindern die Entwicklung junger Menschen. Bei den Eltern ist es der Verlust von Identität, Orientierungslosigkeit, das Altern und unerledigte Trauerarbeit, zwischenmenschliche Beziehungen im Großen und Ganzen, dabei aber immer auch an realen Vorgängen in der Gesellschaft orientiert. Eine einfache Lösung hat Anne Habermehl nicht anzubieten, dafür aber echte Figuren die trotz schmerzvollen Verlusten noch nicht aufgegeben haben. Alles in Allem ein tolles Schauspielensemble und ein überraschendes Wiedersehen mit Ursula Staack als Ingrid am DT.

Bliebe zu guter Letzt noch der Österreicher  Ewald Palmetshofer mit seinem chorisch gestalteten Stück vom Rand der Gesellschaft „tier. man wird doch bitte unterschicht“. Das DT hat hier nicht die Dresdner Uraufführung sondern Felicitas Bruckers Inszenierung vom Schauspielhaus Wien eingeladen. Brucker hat bereits einige von Palmetshofers Sprachwundern auf die Bühne in Wien gebracht. Das Tier lacht bekanntlich nicht und die Sprachfrische Paltmetshofers erster Stücke hatte sich hier dann auch etwas im Empörungsmodus verhakt. Dennoch ist der Versuch, die Sprachlosigkeit weiter Teile der am sogenannten Rand der Gesellschaft befindlichen Menschen zu thematisieren, in seiner strengen Kunstform bemerkenswert. Die Hauptfigur Erika streift letztendlich aus der ständigen Demütigung heraus ihr Sprachlosigkeit ab und schlägt zurück. Dieser spontane Aufstand trifft die vermeindlich Verantwortlichen wie auch Unschuldige. Erika ist noch nicht in der Lage eine gemeinsame Sprache mit anderen zu finden, um ihre Wut zu kanalisieren. Allerdings fällt Palmetshofer auch nichts weiter dazu und zu der Problematik der vom Expertenchor verwendeten Floskeln und „Falschwörter“ ein. Der gerade 80 Jahre alt gewordene Theaterwissenschaftler Ivan Nagel hatte bereits 2008 in seinem bekannten „Falschwörterbuch“ geschrieben: „Der einheimische Streit in der Gesellschaft ist den Wortfabrikanten (und uns, ihren Konsumenten) wichtiger, als wenn, laut Goethe, „hinten, weit in der Türkei, die Völker aufeinanderschlagen““ und „Sprachkritik wird notwendig zur Sachkritik: Nur wenn die Sache ein Falschargument zum Kern hat, produziert sie ein Falschwort als Hülle.“ Ewald Palmetshofer, dem wohl zur Zeit meist gespielten Autor auf deutschsprachigen Bühnen, in Berlin laufen allein drei seiner Stücke im bat-Studiotheater, im Theater unterm Dach und am DT selbst, wird hier demnächst ein separater Beitrag gewidmet.

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