Archive for the ‘F.I.N.D. 2015’ Category

Die Putzfrau als Soziale Plastik – Die Farce Stück Plastik in der Uraufführung von Autor Marius von Mayenburg im Rahmen des F.I.N.D. 2015

Montag, April 27th, 2015

___

Nach Joseph Beuys ist jeder Mensch ein Künstler, der durch kreatives Handeln auf die Gesellschaft einwirkt. Beuys sprach von der Theorie der „Sozialen Plastik“. Im neuen Theaterstück von Schaubühnen-Hausautor Marius von Mayenburg soll der Zuschauer auch Teil einer komplexen Videoinstallation werden, sagt zumindest die Stimme des Schauspielers Sebastian Schwarz beim Einlass aus dem Off. Er spielt in Mayenburgs Stück Plastik, das der Autor nun selbst im Rahmen des F.I.N.D. # 15 zur Uraufführung brachte, den zynischen, nihilistischen Künstler mit sexistischen Allmachtphantasien Serge, der nach Depressionen – er spricht vom selbst herbeigeführten Burnout durch den künstlerischen Sieg des Körpers über die Psyche – in der Putzfrau Jessica seine Muse und Rettung findet. Jessica (Jenny König) arbeitet bei dem schwer berufstätigen Ehepaar Ulrike (Marie Burchard) und Michael (Robert Beyer), die fürs Putzen keine Zeit mehr finden. Die junge Jessica aus Halle ersetzt die gefeuerte Danuta aus Polen. Allerdings zielt Mayenburg nicht vordergründig auf den Ost-West-Konflikt, sondern auf die Borniertheit und vorurteilsbehaftete Wahrnehmung des bürgerlichen Mittelstands gegenüber Menschen in sogenannten prekären Arbeitsverhältnissen.

Foto: St. B.

Foto: St. B.

Auf der Bühne, die das Globe-Setting der Richard III.-Inszenierung von Thomas Ostermeier nutzt, hat Nina Wetzel eine an Seilen hängende, erhöhte Wohnküche gebaut, die man nach Bedarf heben und senken kann. An den Seiten sind Bildschirme montiert, auf denen besagte Videoinstallationen von Sébastien Dupouey in Dauerschleife laufen. Wände und Boden sind mit weißer Plastikplane ausgelegt und bilden so einen regelrecht aseptischen Raum, den Jessica mit Putzwagen und Feudel bearbeitet. Dazu singt Jenny König, die sonst eher sparsam mit Text bedacht ist, immer wieder Pop- und Rockhymnen wie „Rolling in the Deep“ von Adele, „Final Countdown“ von Europe oder „Sweet dreams“ von den Eurythmics in ihr Microport. Sie ist in ihrer Rolle als Jessica geradezu großartig. Mal gleichmütig, mal verständnisvoll und in jedem Fall immer souverän reagiert die „Putzperle“ auf die Zwangsneurosen ihrer bildungsbürgerlichen Arbeitgeber. Neben ihrem Putzjob fungiert Jessica nämlich noch als geduldiger Kummerkasten für die Ängste und Sex-Probleme der Familie.

Und diese Familie zeichnet Marius von Mayenburg als einen einzigen Albtraum. Ulrike hat wegen Erfolglosigkeit ihre eigenen künstlerischen Ambitionen aufgegeben und dient nun Serge als inspirierende Assistentin. Ehemann Michael ist Chirurg und bemüht sich seit Jahren um ein Engagement bei Ärzte ohne Grenzen. Da in Sachen Sex nicht mehr viel passiert, versucht Michael, obwohl er gar nicht wirklich will, so die Achtung von Jessica zurückzuerobern, die ihm aber immer wieder nur vorwirft, sich aus der Verantwortung zu flüchten. Ihr verkorkstes Leben überträgt sich auch auf den 12jährigen Sohn Vincent (Laurenz Laufenberg), der in der Schule gemobbt wird und jede Menge Komplexe mit sich rumschleppt. Sein Lieblingsspielzeug ist die Handykamera, mit der er auch schon mal Jessica beim Duschen filmt. Als Erziehungsberechtigte haben die sich ständig zoffenden Eltern jedenfalls komplett versagt.

stueck_plastik-5524_Foto (c) Arno Declair

Stück Plastik an der Schaubühne – Foto (c) Arno Declair

Das Stück erinnert in seinen verrückten Dialogen an die überdrehten, schwarzhumorigen Gesellschafts-Farcen von Felicia Zeller (Gespräche mit Astronauten und X-Freunde) oder Oliver Bukowski (Ich habe Bryan Adams geschreddert). Mayenburg schließt hier aber auch wieder an seine früheren Stücke Feuergesicht und Das kalte Kind an. Allerdings fehlt Stück Plastik etwas von deren verstörender Wucht. Dafür brilliert der Autor mit einer äußerst komischen Dramaturgie des Missverstehens. Das treibt dann durch das komödiantische Talent der Schauspieler immer wieder herrlichste Blüten, wenn etwa Michael Jessica zu erklären versucht, dass Ulrike ihr Schweißgeruch stört, oder die Eltern ihren pubertierenden Sohn über seine erwachende Sexualität aufklären wollen. Die fehlende soziale Kompetenz der Beiden verstrickt sie jedenfalls immer wieder in herrliche Widersprüche zu dem, was sie sagen wollen und was letztendlich dabei wirklich rüber kommt.

Die herablassenden Demütigungen, mit der sie Jessica behandeln, schlagen schließlich selbst auf das Paar zurück, als Serge die Küche der Familie für sein neues Kunstprojekt okkupiert. Im Putzen und Kochen hat er sein neues authentisches Thema gefunden. Die Putzfrau Jessica als Soziale Skulptur. Nach dem Motto ‚Wo ich bin, ist Kunst, und Kunst ist öffentlich‘ zerrt Serge das letzte bisschen Privatleben auf seine Bühne. Ein paar nette Seitenhiebe ans Theater gibt es da auch noch. Ab jetzt kippt Mayenburg die Farce ins vollkommen Absurde. Eine bitterböse Abrechnung mit der verlogenen kleinbürgerlichen Selbstherrlichkeit, bestehend aus Spießigkeit, gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnissen und Standesdünkeln. Ultimative Kunst, die sich selbst betrachtet und nebenbei den schönsten Suppenkasper-Slapstick hervorbringt, bis alles in sich zusammenbricht.

Stück Plastik an der Schaubühne - Foto (c) Arno Declair

Stück Plastik an der Schaubühne – Foto (c) Arno Declair

Es bieten sich aber noch jede Menge andere Analogien. Das ergibt sich teilweise erst aus dem Schluss, der in eine Art Umkehr der Putzfrauenfarce Die Präsidentinnen von Werner Schwab mündet. Die Mariedl hatte Mayenburg bereits in seiner philosophischen Satire Perplex drin. Damals zeigte er auch schon einen Hang zu Nietzsche. Passend dazu die Videobilder mit den Gemälden Der Wanderer über dem Nebelmeer, in der Schwarz wie ein Zarathustra vom Berge posiert und Eismeer von Caspar David Friedrich, ein romantisches Bild für das Scheitern der Gesellschaft. Ansonsten scheint Mayenburg viel Byung-Chul Han gelesen zu haben. Zumindest sind dessen Theorien von der Selbstoptimierung durch Dauerstress, Müdigkeit und den Versagensängsten und Depressionen im Stück erkennbar. Mit seiner Komödie in der Hochburg der bürgerlichen Wohnhölle am Kudamm stellt Mayenburg der kapitalistischen Gesellschaft ein ziemlich gepfeffertes Armutszeugnis aus. Nach dem Lachen muss allerdings noch der Rückschluss zu den Ursachen erfolgen.

***

Stück Plastik
von Marius von Mayenburg
Uraufführung am 25.04.2015 in der Schaubühne am Lehniner Platz
Regie: Marius von Mayenburg
Bühne und Kostüme: Nina Wetzel
Musik: Matthias Grübel
Video: Sébastien Dupouey
Dramaturgie: Maja Zade
Licht: Erich Schneider
Darsteller:
Ulrike: Marie Burchard
Michael: Robert Beyer
Vincent: Laurenz Laufenberg
Serge Haulupa: Sebastian Schwarz
Jessica Schmitt: Jenny König

Dauer: 2 h 15 Min. (ohne Pause)

Termine:
20.05.2015
23.05.2015
24.05.2015
25.05.2015

Infos: http://www.schaubuehne.de/de/produktionen/stueck-plastik.html/ID_Vorstellung=1185

Zuerst erschienen am 26.04.2015 auf Kultura-Extra.

__________

Distanz zur eigenen Vergangenheit – Milo Rau eröffnet mit seinem Doku-Theaterabend The Civil Wars das 15. F.I.N.D. an der Berliner Schaubühne

Montag, April 20th, 2015

___

Foto: Aus dem Archiv von Jacques Bourlanges / www.theskyisontheearth.com

Foto: Aus dem Archiv von
Jacques Bourlanges / www.theskyisontheearth.com

Seit dem 17. April läuft an der Berliner Schaubühne wieder F.I.N.D. – das Festival für Internationale Neue Dramatik. Es ist die mittlerweile 15. Ausgabe der von Intendant Thomas Ostermeier ins Leben gerufen Werkschau zeitgenössischer Autoren, Theaterschaffender und Performancekünstler aus aller Welt. In diesem Jahr gibt es neues Theater aus Argentinien, Belgien, Chile, Frankreich/Kanada, Großbritannien, Israel, der Schweiz, Spanien und den USA zu sehen. Einen kleinen Schwerpunkt bilden dabei Projekte, die sich u.a. mit Dschihadismus, Migration und der aktuellen Flüchtlingsproblematik in Europa beschäftigen.

*

Eröffnet wurde das Festival vom Schweizer Doku-Theatermacher und Reenactment-Spezialist Milo Rau (Hate Radio, Breiviks Erklärung). Seine neue, beim Zürcher Theater Spektakel 2014 uraufgeführte Produktion The Civil Wars bezieht sich in einer rahmenbildende Klammer auf den jungen Belgier Joris, der als internationaler Dschihadkämpfer nach Syrien zog, um dort für den Aufbau einen islamischen Kalifats zu kämpfen. Sein Vater hat ihn unter abenteuerlichen Bedingungen dort gesucht und schließlich auch nach Jahren wieder nach Hause bringen können. Die Frage, die den Abend eröffnet heißt dann auch: „Was treibt Jugendliche, die hier geboren, die unter uns groß geworden sind, dazu, forzugehen und an den Schrecken eines Bürgerkriegs teilzunehmen, der mit ihnen nichts zu tun hat?“

Milo Rau hat einige Interviews mit jungen Belgiern und ihren Angehörigen geführt, sich dann aber entschlossen, nicht ausschließlich deren Geschichten auf die Bühne zu bringen, sondern die Erinnerungen von vier Schauspielern an ihre Kindheit und Jugend, die alle durch relativ problematische Vaterfiguren gekennzeichnet sind. Die Parallele, die Rau bei seinen Gesprächen aufgefallen ist, führt hier zu einer theatralen Bestandsaufnahme europäischer Geschichte mit ihren verschiedenen Kämpfen und Umbrüchen. Herausgekommen ist ein sehr persönlicher, reflektierender Blick zurück, der zwar keine exemplarischen Erkenntnisse zum eigentlichen Thema zu Tage fördert, aber einige Aufschlüsse über die Radikalisierung und ihrer Folgen auch in unserer westlichen Zivilgesellschaft bringt.

The Civil Wars von Milo Rau Foto (C) Marc Stephan

The Civil Wars von Milo Rau
Foto (C) Marc Stephan

Die belgische Schauspielerin Sara De Bosschere, die französische Akteure Sébastien Foucault und Karim Bel Kacem sowie der belgische Schauspieler Johan Leysen (zuletzt 2012 mit einem eindrucksvollen Heiner-Müller-Abend am Berliner HAU zu sehen) sitzen in einer kleinen Wohnkulisse, die sich zu Beginn als Rückseite einer barocken Theaterloge nach vorne dreht, und berichten, während sie sich abwechselnd dabei filmen, von ihren Vätern. Ihre Gesichter sind dabei als schwarz-weiße Projektion auf einer großen Videoleinwand zu sehen. Das einzelne Schicksal tritt heraus aus der Anonymität des ganz normalen Wahnsinns bürgerlicher Existenz.

So könnte man es zumindest für Sara De Bosschere und Sébastien Foucault behaupten. De Bosscheres Vater, aus trotzkistischen Kreisen kommend, verfällt mit der Zeit, am Elend der Welt laborierend, in eine tiefe Depression. Foucaults Vater, wie der große Philosoph Michel heißend, wird in die Tradition eines französischen Familienunternehmens gepresst und zerbricht ebenso psychisch am Niedergang der Firma infolge des globalen Kapitalismus neoliberaler Prägung. Die Leidtragenden dieses Zerfalls waren natürlich in erster Linie die Familienmitglieder. Die Krise der Väter und der gesamten westlichen Welt haben die Jugend der beiden Schauspieler geprägt. „Ich werde in einer Welt aufgewachsen sein, in ihr gelebt haben und in ihr sterben, ohne an einer einzigen kollektiven Aktion teilgenommen zu haben, um sie zu verbessern.“ fasst es Sébastien Foucault für sich zusammen.

Ebenso Bekanntschaft mit familiärer Gewalt hat der in einem typischen Pariser Banlieue aufgewachsene Karim Bel Kacem gemacht. Sein aus Marokko stammender Vater ergibt sich nach langer Krankheit und Arbeitslosigkeit dem Alkohol und tyrannisiert die Familie. Bel Casem hat sich damals auf der Suche nach Werten einer salafistischen Gruppe angeschlossen und auch eine Waffe besorgt, um den Vater zu töten. Er berichtet sehr freimütig von seinen Gewaltfantasien. Umgestimmt hat ihn schließlich die Hinwendung zum Schauspiel, wohl auch eine Reaktion darauf, dass er aus einem Viertel mit Oper-Straßen-Namen stammt, wie er leicht ironisch bekennt.

The Civil Wars von Milo Rau - Foto (C) Marc Stephan

The Civil Wars von Milo Rau – Foto (C) Marc Stephan

Johann Leysen hat dagegen seinen Vater recht früh durch einen Autounfall verloren, aber auch diese Leerstelle hat das Schicksal seiner Familie bestimmt. Er berichtet auch aus seiner Sicht als Vater, der zwei Kinder schon nach der Geburt verlor. Auflockern und sehr erfrischend im Gegensatz zum schweren Thema wirken seine Anekdoten von Filmarbeiten mit dem großen französischen Regisseur Jean Luc Godard. Reflektionen über ihren Schauspielberuf sind auch für Sara De Bosschere sehr wichtig. In zwei kleinen Szenen lässt Milo Rau sie und Leysen Passagen aus Tschechows Kirschgarten sprechen. Der Dialog des Studenten Trofimow mit der jungen Anja, die über die verloren Liebe zum Kirschgarten und dem Fehlen von Visionen für die Zukunft spricht.

Rau verdeutlich hier sehr gut, worum es ihm geht. Uns fehlen Bezug und die nötige Distanz zur eigenen Vergangenheit. „Um wirklich und lebendig mit der Gegenwart zu leben, müssen wir erst mit der Vergangenheit abschließen und sie abbüßen“, wie es der Student Trofimow im Kirschgarten feststellt. Rau übertreibt es aber ein wenig damit und will sein Projekt mit fünf Kapiteln, deren Überschriften u.a. Die großen Bewegungen, Die Auserkorenen, oder Apokalypse lauten, gar in den Rang einer griechischen Tragödie erheben. Dafür ist der Abend aber doch etwas undramatisch, besitzt aber in den interessanten Erzählungen der vier Darsteller durchaus einige erhellende Momente.

***

THE CIVIL WARS
Text und Regie: Milo Rau
Recherche und Dramaturgie: Eva-Maria Bertschy
Ausstattung: Anton Lukas
Video: Marc Stephan
Licht: Abdeltife Mouhssin und Bruno Gilbert
Ton: Jens Baudisch
Mit: Karim Bel Kacem, Sara De Bosschere, Sébastien Foucault und Johan Leysen
Uraufführung beim Theaterspektakel Zürich war am 27. August 2014
Premiere bei F.I.N.D. #15: 17. 4. 2015
Koproduktion mit dem International Institute of Political Murder (Schweiz/Deutschland)

Infos: http://www.international-institute.de/

Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de

Zuerst erschienen am 18.04.2015 auf Kultura-Extra.

__________