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„Keiner findet sich schön“ an der Berliner Volksbühne – Fabian Hinrichs kämpft sich mit dem Text von René Pollesch durch eine Rest Zeit Story

Freitag, Juni 26th, 2015

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(C) Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

(C) Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz

Die Hälfte des Abends an der Volksbühne ist bereits verstrichen, da rückt der Solo-Mime Fabian Hinrichs in René Polleschs neuem Stück Keiner findet sich schön endlich mit der großen Erkenntnis heraus, dass wir gar kein Leben haben. Dazu bläst sich die auf der rot-weiß gestreiften Bühne von Bert Neumann liegende Hülle zu einem riesigen No-Fear-Bear auf, und Hinrichs knuddelt und zerrt an dem weißen Emo-Teddy, als gelte es den sehnlichst erwarteten Mitspieler zum Leben zu erwecken.

Zuvor hatte der Schauspieler bereits 35 Minuten lang allein auf weiter Flur mit dem etwas redundanten Text und der Entscheidung gekämpft, wahlweise zu einem Iggy-Pop-Konzert zu gehen, dabei die Liebe seines Lebens kennen zu lernen, oder zu Hause zu bleiben und sich auf Tinder zu verabreden. Oder noch ganz anders, darauf zu warten, dass es klingelt und die alte Liebe wieder vor der Tür steht. So oder so, es kommt weder zum Live-Erlebnis mit Stagediving, da beim Filmen mit dem Handy eh keiner den fliegenden Iggy auffangen würde, und auch nicht zur Verabredung im Café, da man dort doch immer nur auf Betrüger trifft. Ob in New York, Sidney oder Schweinfurt: „Bleibt zu Hause. Ihr findet nicht, was ihr sucht.“

„Es ist so schwierig zu leben.“ René Pollesch hat dazu einen zunächst doch recht pessimistischen Text geschrieben, der laut Programmzettel von Schriften der Wirtschaftswissenschaftlerin Ève Chiappelo, des Soziologen Luc Boltanski, dem Philosophen Allain Badiou und dem Musical-Film West Side Side Story von Robert Wise und Jerome Robbins aus dem Jahr 1961 inspiriert ist. Und Fabian Hinrichs, gekleidet in T-Shirt und Boxershorts, versucht diesen mit gewohnter Verve in der Stimme, aber auch mit einigen sympathischen Hängern eindrucksvoll zu beglaubigen.

Foto: St. B.

Foto: St. B.

Es geht zwar nebenbei auch um das „Leben als Projekt“ und den „neuen Geist des Kapitalismus“. Aber die frohe Botschaft ist, dass man das alles nicht gelesen haben muss, um die andere große Botschaft zu verstehen. Fabian Hinrichs klagt nicht nur über die Auswüchse des neoliberalen Selbstertüchtigungswahns, der nun auch die Partnersuche in den verschiedensten Online-Datingplattformen erreicht hat (so ähnlich, nur für die älteren Semester, hatte das schon Christoph Marthaler in seinem schlagernden Testsiegerportal Tessa Blomstedt festgestellt), sondern singt das hohe „Lob der Liebe“, die unsere Eintrittskarte ins Leben ist, und nicht nur das Geld.

Jeder wartet darauf, dass die oder der eine kommt, auf das Leben im Gleichklang für die Ewigkeit. So einfach kommen Schönheit und Zeit aber nicht zusammen. Man verheddert sich beim Versuch diesem einen Versprechen auf die große Liebe nachzujagen, in den vielen verschiedenen Möglichkeiten und Nebensträngen, die täglich neue „Kackentscheidungen“ verlangen. „Please, please, please, let me get what I want.” Hedonistischer Jugendwahn und Fitness-Jo-Jo, alles kommt zurück, sogar die Smiths. Nur der Sixpack-Bauch nicht. Und da wir alle jemanden brauchen – ein Gesicht neben uns, etwas Schönes in dieser hässlichen Welt – spricht Hinrichs auch vom Aufwachen in etwas, in dem er weiterträumen will. „I want to wake up in that city that sleeps.” Hier schmeißt Pollesch den Drehbühnen-Turbo an und lässt Hinrichs Frank-Sinatra-Klassiker umdichten. Kein Ich, kein Wir: „I did at your way.“

Dazu tanzen Nina Baukus, Rebekka Esther Böhme, Uri Burger, Jessica Kammerer und Tobias Roloff im Sternen-Freizeitdress Szenen aus der West Side Story, dem amerikanischen Romeo und Julia, bevor es Leonardo di Caprio und Claire Danes im Kino gab. Boy meets Girl. Kommen sie zusammen oder nicht? Das ist das große Thema des Abends. Im Film geht es wegen oder trotz Tony schlecht aus. In der Volksbühne folgt nach dem Mambo wieder Hinrichs‘ Klage über die eigene „Rest Zeit Story“, sprich Midlifecrisis, die schon Udo Jürgens und Udo Lindenberg besungen haben. Aber besser als zur lebenden Legende oder dem Scherenschnitt seiner selbst zu werden, ist sich ständig neu zu erfinden. Zum titelgebenden Keiner findet sich schön passt Morrisseys „Good times for a change“, das hier bedeutet, sich ständig zu prüfen und sein Outfit zu ändern. Was Hinrichs auch anschaulich vorführt.

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Foto: St. B.

Trotz dass der Text zu Anfang noch etwas vor sich hin holpert und nicht die Höhen der legendären Pollesch-Hinrichs-Zusammenarbeit Kill your Darlings! Streets of Berladelphia erreicht, wird die Inszenierung im Lauf des Abends zunehmend besser und vermag so – je nach eigenem Erlebnishorizont – sicher auch in die Herzen des Publikums vorzudringen. Ansonsten gilt wie immer etwas mehr Gelassenheit. „Die Sonne scheint auch ohne dass sie was von uns zurückbekommt.“ Auch so eine schöne, ganz simple Wahrheit.

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Keiner findet sich schön
Text und Regie: René Pollesch
Bühne: Bert Neumann
Kostüme: Tabea Braun
Licht: Frank Novak
Ton: Tobias Gringel, William Minke
Souffleuse: Katharina Popov
Dramaturgie: Anna Heesen
Mit: Fabian Hinrichs und Nina Baukus (Tanz und Choreographie), Rebekka Esther Böhme (Tanz und Choreographie), Uri Burger (Tanz und Choreographie), Jessica Kammerer (Tanz und Choreographie) und Tobias Roloff (Tanz und Choreographie)

Termine: 26.06., 01. und 08.07.2015

Infos: http://www.volksbuehne-berlin.de/praxis/keiner_findet_sich_schoen/?id_datum=9212&news=46

Zuerst erschienen am 25.06.2015 auf Kultura-Extra.

The Smiths – Please, Please, Please, Let Me Get What I Want

Good times for a change
See, the luck I’ve had
Can make a good man
Turn bad

So please please please
Let me, let me, let me
Let me get what I want
This time

Haven’t had a dream in a long time
See, the life I’ve had
Can make a good man bad

So for once in my life
Let me get what I want
Lord knows, it would be the first time
Lord knows, it would be the first time

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Beim „Monologfestival 2012“ im Theaterdiscounter geht es um Fragen der Moral. Fabian Hinrichs will dagegen in seiner Performance „Die Zeit schlägt dich tot“ beim Festival „Foreign Affairs“ vor dem Missverständnis warnen, die Frage schon für die Antwort zu halten.

Mittwoch, Oktober 24th, 2012

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„Was aus Liebe getan wird, geschieht immer jenseits von Gut und Böse.“
Friedrich Nietzsche, aus „Jenseits von Gut und Böse“, Aph. 153

Ist Moral die Triebfeder der Menschheit, oder eher Korrektiv und damit Hemmschuh der gesellschaftlichen Entwicklung? In der Antike war für Aristoteles tugendhaftes Handeln (Ethik) der Ausdruck höchsten Glücks und allein begründet in der menschlichen Vernunft. ( „Die Tugend ist also ein Verhalten [eine Haltung] der Entscheidung, begründet in der Mitte in Bezug auf uns, einer Mitte, die durch Vernunft bestimmt wird und danach, wie sie der Verständige bestimmen würde.“ Aristoteles: „Nikomachische Ethik“ ) Dabei war für ihn die sogenannte Verstandestugend (Klugheit) die Kardinaltugend schlechthin, als Voraussetzung für ein „moralisch-praktisches Urteilsvermögen“.  ( „Es bleibt also nur übrig, dass sie [die Klugheit] eine handlungsleitende, wahre und auf Begründung beruhende Haltung im Bereich des für den Menschen Guten und Schlechten ist.“ Aristoteles: „Nikomachische Ethik“ ) Allerdings lässt einen der Verlauf der menschlichen Geschichte doch oft eher an der menschlichen Vernunft zweifeln. Soviel zur vielgepriesenen Mitte der Gesellschaft.

Während z.B. für die Hedonisten moralisches Handeln rein der Maximierung des individuellen Glücks dient, ist die christliche Moral durch Gebote geprägt und verlegt angesichts des Elends auf der Welt die Glückseligkeit bei entsprechendem Handeln lieber ins Himmelreich. Bei Kant ist ethisches Handeln abhängig von moralischen Prinzipien, denen sich der Mensch in freiem Willen unterwirft, was in den kategorischen Imperativ mündet, nachdem jeder sein Gewissen zu befragen hat. Somit steht der Mensch immer wieder vor der schwierigen Frage, nach welchen Regeln er sein Handeln überprüfen soll. Was bestimmt nun heute menschliches Handeln? Wie steht es mit dem Streben nach dem ganz individuellen Glück und der Moral im Kapitalismus, wo immer mehr reine Sachzwänge unser Handeln bestimmen? Oder bietet allein der Kommunismus die Glückseligkeit, indem er verspricht, dass jeder nach seinen Bedürfnissen befriedigt werden und sich in der Gemeinschaft verwirklichen kann? Sind Moral- und Glücksphilosophie am Ende? „Was gilt Jenseits von Gut und Böse?“ ist daher die berechtigte Frage, die sich die Macher des Monologfestivals im Theaterdiscounter in diesem Jahr gestellt haben.

theaterdiscounter_monologfestival-2012.jpg

„Out of the dark into the night (copy and taste)” – Zu Beginn des Monologfestivals im Theaterdiscounter versuchen sich andcompany&Co. an einer Moraldefinition.

„Arbeit und Tugend schließen einander aus.“ Aristoteles

Vielleicht hat das Performancekollektiv andcompanyCo. auch daran gedacht, als sie zur Eröffnung des Monologfestivals 2012 die verschiedenen Moralbegriffe auf den Prüfstand stellten. Gerade noch mit „BLACK BISMARCK previsited“ auf dem Festival „Foreign Affairs“ machen sich die Performer nun zum Thema Moral auf, und gehen „Out of the dark into the night”. Moral ist nicht nur das A und O gesellschaftlichen Handelns. Moral ist eben auch Arbeitsmoral behauptet der Performer Sascha Sulimma, der sich hier als Falcoimitator versucht und erst einmal über den Titel der Performance aufklärt. Man hat den Falcosongtitel „Out of the dark into the light“ nicht nur leicht abgeändert, da er so interessanter klingt, sondern um damit wieder ein eigenes Copyright zu schaffen und vielleicht so auch GEMA-Gebühren zu sparen. Denn Moral ist vor allem auch Zahlungsmoral. Und am Anfang stehen nicht ein A oder B, sondern eine Null zu der sich eine Eins gesellt und dann immer mehr Nullen. Und schon sind wir beim Euro, der aus Frankfurt kommt. Wie auch Sascha Sulimma, der eigentlich lieber eine Falco-Performance vorführen würde, aber nun diesen Text vom Denker der Truppe Alexander Karschnia vortragen muss. Sulimma sinniert über die EZB, die in einem Gebäude sitzt, das einmal die Bank für Gemeinwesen beheimatete, nachdenkliche Banker und die Occupybewegung. Er kalauert sich von D-Marks und Engels über das Gespenst das in Europa umgeht, europäischer und persönlicher Verschuldung wieder zum Zahlungsmittel Euro und versucht es im Spotlight zu erhaschen.

Der Untertitel der Veranstaltung heißt „copy and tast“. Auch wieder so eine Anspielung auf das Copyright und die Versuchung von anderen Köpfen zu leben. Das untermauert Sulimma dann mit einem Schillerzitat aus dessen Antrittsvorlesung 1789 in Jena „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“, in der Schiller dem sogenannten Brotgelehrten den freien, philosophischen Geist gegenüberstellt, und wo es heißt: „…zwischen denkenden Köpfen gilt eine innige Gemeinschaft aller Güter des Geistes; was Einer im Reiche der Wahrheit erwirbt, hat er allen erworben.“ Eine wahrlich schöne Doppeldeutigkeit. Sulimma stellt noch fest, dass er sich gerade mit seinem Labtop den gesamten Kommunismus runtergeladen hat und nun Angst vor der unkontrollierten Verbreitung hat. Dann ufern allerdings Performance und Text immer weiter aus, meandern noch durch deutsche Schlafzimmer, mit Wächtern vor der Tür (Kafka lässt grüßen), an die heute immer schon Gerichtssäle grenzen. Wir hören Berichte von Heeren wanzenverseuchter IKEA-Möbel, die unsere Wohnzimmer überfluten. Bis alles irgendwann im kuriosen Gebot: „Du sollst nicht Duzen!“ gipfelt. Die vergnügliche Performance verschachtelt die verschiedensten Moral-Ebenen auf ironische Weise miteinander und bringt es schließlich ganz ohne Reue frei nach Jürgen Teipels Bestseller über die Musikszene der 80er mit „Verschwende deine Tugend, denn sie vergeht.“ auf den Punkt.

Fazit: Moral ist heute nicht mehr so leicht zu fassen. Also dann „Back to zero?“ Oder doch lieber auf in eine neue Utopie? Um wieder mit Schiller zu sprechen, mit dieser Performance haben andcompany&Co. zumindest den ersten Handschuh mitten hinein in den Fight der monologischen Moral-Diskurse geworfen. 10 weitere Positionen werden noch bis zum 28.10.12 folgen. Unter anderem auch am 27.10. um 21:00 Uhr das heiß umstrittene Reenactment „You will not like what comes after America #1: Breiviks Statement“ von Milo Rau, das gerade erst in Weimar Premiere hatte und schon für viel Gesprächsstoff gesorgt hat. Andcompany&Co sind noch einmal am 24.10. um 20:00 Uhr dran.

Out of the dark into the night (copy and taste)
von Alexander Karschnia, Nicola Nord, Sascha Sulimma&Co.
Performance: Sascha Sulimma
Dauer: ca. 45 min.

  • Programmvorschau Monologfestival auf:

www.theaterdiscounter.de

  • Nächster Termin von andcompany&Co. in Berlin:

Der (kommende) Aufstand nach Friedrich Schiller
26.02.und 28.02.2013 im Hebbel am Ufer

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Die Zeit schlägt dich tot – Fabian Hinrichs führt einen musikalisch-philosophischen Diskurs-Monolog über die ganz großen Fragen mit sich selbst und lässt das Publikum bei den Foreign Affairs daran teilhaben.

Berlin, eine Großstadt im Herbst. Goldenes Wetter, die Sonne lacht den ganzen Tag. Auch am Samstagabend herrschen noch angenehme Temperaturen, als das kulturhungrige Volk sich zu einer weiteren illustren „Foreign Affair“ im Haus der Berliner Festspiele einfindet. Voll froher Erwartung harrt das Premierenpublikum bei Sekt und Bier dem Beginn der ersten Regiearbeit des allseits beliebten und talentierten Schauspielers Fabian Hinrichs. Auf der Bühne grüner Rollrasen, ein Bandsetting im Hintergrund, leichte Klopf- und Knarzgeräusche aus den Boxen, der kongeniale Interpret Pollesch´scher Diskursschleifen macht es wirklich spannend. Doch was muss man sehen? Zu seiner musikalischen Solo-Performance „Die Zeit schlägt dich tot“ erscheint Fabian Hinrichs als gehäuteter Schmerzensmann im schlaffen muscle suit und beginnt auf offener Bühne eine etwas verfrühte, ausgewachsene Herbstdepression zu pflegen. Falsches Timing, falscher Ort, oder war ihm einfach sein „Koffer voller Schmerzen“, den er hier in Berlin bereits mehrfach in den sophiensaelen zu philosophischen Vortragsperformances über Gott und Welt geöffnet hatte, auf den Fuß gefallen? Vielleicht ist ihm aber auch das viele Philosophieren aufs Gemüt geschlagen. Aus dem lebensfrohen Stadtjungen von einst scheint ein nachdenklicher Mensch geworden zu sein.

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Die Zeit schlägt dich tot. Fabian Hinrichs, hier gottlob noch ganz lebendig. © William Minke

Und was einem dann nicht alles so im Kopf herum geht. Doch zunächst schwingt Fabian Hinrichs eine lange, aus einem Holzscheit bestehende Schaukel hin- und her, und beginnt die Ahnen der deutschsprachigen Schauspielkunst aufzurufen. Fritz Kortner, Bernhard Minetti, Maria Wimmer, Will Quadflieg, Günter Pfitzmann, genannt „Pfitze“ usw., alle bereits tot. Danach rezitiert er noch aus dem „Tod des Empedokles“ von Friedrich Hölderlin. Klassisch dehnt Hinrichs dabei die Silben und deklamiert die pantheistischen Jamben-Verse über den sizilianischen, vorsokratischen Philosophen, dem großen Einzelnen im Kampf mit der ihm feindlichen Gesellschaft, der den Göttern abschwört und sich der Natur zuwendet. „O gebt euch der Natur, eh sie euch nimmt.“ Wo aber z.B. Frank Patrick Steckel in seinen „Antworten an Deutschland“ am Centraltheater Leipzig noch den ans Volk gewandten, auffordernden Empedokles thematisiert, spielt Hinrichs hier den einsamen Melancholiker, mit sich im Zwiespalt, kurz vor dem Sturz in den Ätna, dem man ob seiner Stimmungsschwankungen getrost eine ausgemachte Persönlichkeitsstörung oder ähnliches attestieren könnte. Der Empedokles des Hölderlin ist der personifizierte Weltschmerz, das Verzweifeln an und die Flucht aus der Welt. Wahrlich, zum Verrücktwerden.

Wo seid ihr meine Götter…
Einmal noch! noch einmal
Soll mir’s lebendig werden und ich will’s!
Fluch oder Segen! (…) tagen soll’s
Von eigner Flamme mir! Du sollst
Zufrieden werden, armer Geist,
Gefangener, frei, groß und reich
In eigner Welt dich fühlen –
Und wieder einsam, weh! Und wieder einsam?
(aus Friedrich Hölderlin: „Der Tod des Empedokles“, 2. Fassung, 1. Akt, 2. Auftritt)

Die Frage wäre, ob Hinrichs sich hier gemütsmäßig tatsächlich mit Hölderlin vergleichen will, dem man von schizo-affektiven Psychosen bis zum Asperger-Syndrom bereits alles mögliche angedichtet hat. Oder er den Empedokles doch nur für seine anschließenden Ausführungen über die Technik- und Großstadtverdrossenheit braucht. Als Rufer in der kalten, grauen Großstadtwüste sozusagen. Gespielt hat Hinrichs den Empedokles jeden Falls schon einmal in Laurent Chétouanes „EMPEDOKLES // FATZER“ 2008 am Schauspiel Köln. Ein Trauerspiel macht Hinrichs im Weiteren aber gottlob nicht aus seiner Performance. Er hat dann doch ganz „moderne Probleme“.

Es geht Fabian Hinrichs schon um den vereinzelten Menschen in der anonymen Großstadt. Eine Abrechnung mit Berlin, die sich bereits schon im letzten Stück von René Pollesch „Kill your Darlings! Streets of Berladelphia“ an der Volksbühne angekündigt hatte. Allerdings ist auch Hinrichs wie Empedokles im Zwiespalt. Einerseits will er in der Stadt leben, bzw. „Ich wollte das mal.“ Ist andererseits aber zu der Erkenntnis gelangt, dass man hier eigentlich gar nicht leben kann. Die Stadt, einmal „Herz und Hoffnung der Zivilisation“, befindet sich nämlich in Zersetzung. Berlin ist, wie auch andere Großstädte, nicht mehr die Stadt mit Herz. Die Menschen finden nicht zueinander, sitzen einsam in Cafés – „einsam im Gewühl, Staubkörner an der Oberfläche“ – oder pflegen ihr ICH. Hinrichs springt hier mit einem Hüpfball mit gleichlautender Aufschrift auf die Bühne und lässt demonstrativ die Luft raus. Er plädiert für mehr Herz statt Verstand, umarmt Leute im Publikum und fordert alle auf ihrem Nachbarn zu sagen, wie gut er aussieht. Mit augenzwinkernder Ironie mimt Hinrichs hier den TV-Prediger. „Und jetzt alle: Do it!“ Mit dem gleichen Pathos, wie er die Verse Hölderlins vorgetragen hat, geht Hinrichs nun auch durch den eigenen Text. Auflockernd oder auch verstärkend, je nach Gemütslage im Publikum, wirkt dann die musikalische Begleitung durch die Band um Jakob Ilja, den Gitaristen von „Element of Crime“. Auch Hinrichs selbst greift hier mit in die Saiten. Anstatt Großstadtblues gibt es aber Rockmusik satt.

Es folgen Selbstreflexionen über Kinderträume, verflossene Jahre und Betrachtungen über das eigene abgetragene Gesicht, dass mit 40 für immer das letzte sein wird. Jetzt geht Hinrichs wieder in den Klagemodus über, konstatiert einen Mangel an Liebe und hebt die Hände gen Himmel. Wie können wir Liebe geben, wenn wir gar nicht mehr wissen, was das ist? Gibt es gar nichts Neues mehr, was noch kommen könnte? Ein leuchtender Strick zeigt sich am Bühnenhintergrund. Nein. Da muss doch noch Wut sein. Aber auch die scheint im Publikum eher abgeflaut. Sind wir tatsächlich alle schon so abgestumpft? In der Sitzsauna geht Hinrichs dann in die innere Kontemplation, spielt Krocket und philosophiert weiter über die Unterschiede zwischen den Menschen, die eigentlich das Bewusstsein anregen sollen, und das Gleichmaß der Eindrücke. Dann möchte er schließlich mit uns in den Himmel über Berlin fliegen. Allein, so sympathisch und nachvollziehbar das alles ist, es fehlt die Dringlichkeit. Hinrichs selbst scheint das zu wissen, und nimmt es sogar billligend in seinen ironischen Unterton mit auf. All den Furor, den er hier anzettelt, nimmt ihm im Publikum so leicht keiner ab. Aus der Klage über die verrinnende Lebenszeit wird ein doppeldeutiges Totschlagen von Zeit. „Eine Idee ist bei uns nur die Verbindung aus zwei Zitaten.“ Die Ironie, die in diesem Satz steckt, trifft Hinrichs hier selbst. Die zündende Idee fehlt ihm leider.

Einmal noch kann sich Fabian Hinrichs zu einer schönen Geschichte aufschwingen, über die großen Missverständnisse zwischen den Menschen, diesen Unterschiedswesen, die immer schon die Frage für die Antwort halten. „Das darf nicht passieren“, und da hat er tatsächlich etwas Wahres gesagt, das sich so mancher Theatermacher hinter den Spiegel klemmen sollte. Dann setzt wieder die Musik ein und Hinrichs träumt von der Sehnsucht, als dem „einzigem normalen Zustand“. Und die bleibt. Am Ende winkt uns der anfänglich so aufgeregte Diskurstarzan Hinrichs noch einmal freundlich und entspannt von seiner Gedankenliane aus zu. „Geht doch.“ scheint er da erleichtert zu denken. „War doch gar nicht so schlimm.“ Oder? Wenn die Sache dann im tristen, kalten Dezember am Berliner HAU rauskommt, braucht er sich vermutlich um Zuspruch zu seinen Thesen keine Sorgen mehr zu machen. Hier und heute gab es schon mal warmen und aufmunternden Applaus.

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Foto: St. B.

Die Zeit schlägt dich tot

Uraufführung
Von und mit Fabian Hinrichs [Berlin]

Musik und Komposition Jakob Ilja
Konzeptionelle Mitarbeit / Raum Jürgen Lehmann
Kostüme Victoria Behr

Jakob Ilja (Gitarre)
Nikko Weidemann (Tasten)
Niels Lorenz (Bass)
Carolina Bigge (Schlagzeug)

Ausführender Produzent Büro Tom Stromberg
Eine Produktion von Berliner Festspiele / Foreign Affairs in Koproduktion mit Hebbel am Ufer / Berlin sowie mit Ringlokschuppen Mülheim, Stadsschouwburg Amsterdam, Le Maillon-Théâtre de Strasbourg und Kaserne Basel

Dauer ca. 1h, keine Pause

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Wir, die große unteilbare unzerstörbare Masse oder Scheiß auf die Ordnung der Welt! Das Theaterprojekt „Fatzer geht über die Alpen“ an der Berliner Volksbühne

Sonntag, Januar 22nd, 2012

Auf den Spielplänen im deutschsprachigen Raum ist der Klassiker des epischen Theaters Bertolt Brecht in dieser Spielzeit eher selten zu finden. Da gibt es nur hin und wieder mal eine Dreigroschenoper oder einen verjuxten Galilei. Das Staatstheater Cottbus wird nächste Woche in einem großen Spektakel „Die Kleinbürgerhochzeit“ mit anderen Gegenwartsstücken über die bürgerliche Familie kollidieren lassen und an der Volksbühne in Berlin sind immer noch die großartigen Lehrstückbearbeitungen von Frank Castorf zu sehen. Um so erfreulicher, dass sich die Volksbühne seit 2010 in Zusammenarbeit mit dem italienischen Teatro Stabile de Torino befindet, um Brechts Fatzer-Fragment neu zu beleuchten. Bertolt Brecht hatte es nach Jahren der Bearbeitung als unmögliches Experiment („Einfach zerschmeißen“) verworfen, für Heiner Müller gehört es zu den Jahrhunderttexten. „Fatzer geht über die Alpen“ heißt nun das Theaterprojekt, dass im Fond Wanderlust durch die Kulturstiftung des Bundes, dem Goetheinstitut Turin und dem Italienischen Kulturinstitut Berlin gefördert wurde. In dieser Woche waren nun an der Volksbühne die Ergebnisse zu sehen.

„Kill your Darlings! Streets of Berladelphia“ – René Pollesch und Fabian Hinrichs winken freundlich mit der Baggerschaufel

dsc06068.JPG Foto: St.B.

René Pollesch gab bereits am Mittwochabend sozusagen die Ouvertüre für dieses Wochenende rund um den Egoisten Fatzer und die großen gescheiterten gesellschaftlichen Versuche. „Kill your Darlings! Streets of Berladelphia” heißt sein neues Stück, für das er wieder, nach „Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang!“ und der „Der perfekte Tag“, mit dem Schauspieler Fabian Hinrichs zusammengearbeitet hat. Und Hinrichs machte es im wahrsten Sinne des Wortes spannend. Gerade noch im akademischen Viertel erreichte er die Volksbühne, in der bereits das illustre Premierenpublikum wartete und mit reichlich 80er-Jahre-Popmusiksound beschallt wurde. Mit seinem unnachahmlichen Charme nahm Hinrichs aber sofort die Anwesenden für sich ein und zog alle mit einem bombastischen Intro in seinen Bann. Zu den Klängen von Bruce Springsteens Klassiker „Streets of Philadelphia“ seilte er sich mit einer Gruppe von jungen Artisten aus dem Schnürboden ab, die danach auch sofort anfingen sich springender und radschlagender Weise sportlich zu betätigen.

Hinrichs flirtet sichtlich gutgelaunt mit dem Publikum und beginnt dann über die Probleme der Linken zu referieren, sich heutzutage zu orientieren, wo die Feindbilder nicht mehr so eindeutig sind. Der Kapitalismus hat sich gewandelt und Leuten wie Jean Ziegler fällt es da sichtlich schwer mit Botschaften von verhungerten Kindern Gehör zu finden. Was hören wir überhaupt noch voneinander? Ein anderes beliebtes Thema von René Pollesch. Wir hören uns zu, aber hören wie uns wirklich? Die alte Repräsentationsmaschinerie rollt und deckt im Theater alle Widersprüche zu. Das hatte Brecht schon erkannt und mit seinem Epischen Theater neue Wege beschritten, die heute genauso ausgelatscht sind wie das gute alte Bürgerliche Einfühlungstheater. Trotzdem ist er ein Klassiker an dem man nicht so ohne weiteres vorbeikommt und so ist dann auch die ganze Bühne von Bert Neumann ein einziges Brechtzitat. Die Gardine darf nicht fehlen und auf der sonst leeren Bühne steht ein Planwagen wie in der Mutter Courage am BE, wenn er auch mit modern bedruckter LKW-Plane bespannt ist. An Aktualität hat Brecht nicht verloren und auch Pollesch kommt daher nicht ganz an ihm vorbei. In der Niederlage auf dem Platz bleibend, zitiert ihn Hinrichs. Er war schon 2008 bei der Empedokles-Fatzer-Inszenierung von Laurent Chétouane am Schauspiel Köln mit dabei.

René Pollesch geht es hier aber eher um heutige Sichtweisen des Kapitalismus. Arbeiterchöre waren gestern, heute ist der Chor ein Netzwerk, dem sich der zwangsweise individualisierte Einzelkämpfer nicht entziehen kann. Die Akrobaten umgarnen Hinrichs, auch wenn dieser partout nicht mit dem Chor in die Kiste springen will. Nein, schlafen kann er nicht mit diesem Repräsentant des Kapitalismus. Wie Brechts Fatzer bleibt auch die Figur Hinrichs ambivalent. Der Geist ist willig, allein das Fleisch ist schwach, körperliches Nähebedürfnis siegt über Klassenstandpunkt. Da werden bezaubernde Lauf-, Sitz- und Standbilder geschaffen und alles kuschelt im Regen unter dem theorieschweren Couragewagen, vor den sich Hinrichs im Rock auch mal spannt. Schöne Bilder ergeben sich immer wieder aus diesem unklaren Verhältnis zwischen Chor und Individuum. Aber da fehlt doch noch was, nur das werden wir heute Abend nicht zu sehen bekommen. Hinrichs ruft mehr als einmal Stopp und erklärt, dass die besten Szenen herausgeschnitten wurden, da wir sie eh nicht ertragen und ihn nie wieder im Theater sehen könnten. René Pollesch fragmentiert sich selbst und killt seine Darlings. Da der Chor stumm bleibt, wird der Diskurs zu Gunsten der Liebe ausgesetzt.

Alles Weitere erschöpft sich in artistischen Turnbildern, die die 13 Schüler der Bühnenakrobatikschule „Etage“ immer wieder mit großer Lust erzeugen. Fabian Hinrichs zwängt sich schließlich noch in ein enges Krakenkostüm und erklärt den Mehrwert anhand des Unterschieds von Turnwettkampf in einer Mehrzweckhalle zum Theater für 45 €€, indem er die satte Musikuntermalung immer wieder unterbricht. Die großen Fragen werden heute nicht mehr verhandelt. Ein etwas unbefriedigender Coitus interruptus. Bevor es zu schön wird, ziehen ihn Pollesch und Hinrichs einfach wieder raus, den Stecker für das Licht der Erkenntnis. Man hat das sowieso immer nur für sich selbst gemacht und nie für das Publikum, sagt Hinrichs. Aber vielleicht gibt es ja demnächst doch noch den Director`s Cut, denn ganz ohne Diskurs geht es bei René Pollesch mit Sicherheit auf Dauer auch nicht. Bis dahin hat er mit dem fabelhaften Fabian Hinrichs den „Flirt in der Luft“ (R. Pollesch im Tip) neu definiert und vermutlich alles richtig gemacht. Wir schmunzeln selbst und sehn vor Glück besoffen, den Glitzervorhang zu und alle Fragen offen.

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Träge Masse übt die Revolte gegen staatliche Gewalt – Brechts „Fatzer Fragment / Getting Lost Faster“ mit dem Teatro Stabile di Torino

Den theatralen Mehrwert gab es dann mit der Inszenierung von Brechts „Fatzer Fragment / Getting Lost Faster“ durch das Teatro Stabile de Torino in der Regie von Fabrizio Arcuri. Bertolt Brecht hatte wie schon erwähnt das Fragment nach mehrjähriger Bearbeitung als unspielbar verworfen und es sollte tatsächlich bis 1976 dauern, bis an der Berliner Schaubühne am Hallescher Ufer Frank-Patrick Steckel die Uraufführung vom Untergang des Egoisten Fatzer mit dem Ende 2010 verstorbenen Wolf Redl in der Titelrolle besorgte. Eine weitere bedeutende Inszenierung gab es 1978 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Da sie für eine Aufführung an der Volksbühne Ost-Berlin die Rechte von den Brechterben nicht bekamen, wichen das Regieduo Manfred Karge und Matthias Langhoff nach Hamburg aus. Sie baten Heiner Müller um eine Bearbeitung und zur Aufführung kam dann seine Zusammenstellung von Brechts „Fatzer-Dokumenten“, die Müller in den Kontext des RAF-Terrorismus in der BRD stellte. Die Übersetzung ins Italienische von Milena Massalongo für das Tetro Stabile orientiert sich im Wesentlichen an Müllers „Fatzer-Material“.

Foto: St. B.  dsc06074.JPG

Auch Fabrizio Arcuri stellt seinen Fatzer wieder in einen aktuellen Kontext. Seine Tankinsassen desertieren nicht aus dem 1. Weltkrieg, sie sind Deserteure aus einem System der staatlichen Gewalt und auf der Suche nach der Revolte gegen diese Verhältnisse, mit denen die heutige Politik in Italien gemeint ist. Auf der Bühne herrscht Straßenkampf, ein demoliertes Auto landet auf dem Dach und beginnt zu brennen. Zwei Feuerwehrleute versuchen mit CO2-Löschern in ohrenbetäubenden Lärm die Flammen zu bekämpfen, während sie über die zwei Arten von Menschen philosophieren, die Herrschenden und die Beherrschten. Frage: „Woran also erkennt man die herrschende Art?“ Antwort: „Daran erkennt man die herrschende Art, dass sie sagt, daß es ohne Gewalt geht.“ Frage: „Wer aber weiß, dass es nur mit Gewalt geht?“ Antwort: „Wir, die große unteilbare unzerstörbare Masse.“ Das ist die Frage in dieser Inszenierung, wie lässt sich die Ohnmacht gegen staatliche Gewalt beantworten und wie entsteht so eine Revolte.

Nachdem die Besatzung aus dem gelöschten Auto gekrabbelt ist und die erste Szene mit Fatzers Abkehr vom Krieg und die Fahrt nach Mülheim beschlossen sind, gehen die 4 Protagonisten Fatzer, Koch, Büsching und Kaumann (Mariano Pirrello, Matteo Angius, Werner Waas und Paolo Musio) an die Rampe und suchen den Dialog mit dem Publikum. Die Ausgangspunkte für eine Revolte werden zusammengetragen. Elend, schlechte Kleidung, klimatische Verhältnisse etc. und die Hemmnisse wie z.B. das Loch, zu dem es den Manne hinzieht. Das ist nicht ganz ernst gemeint und orientiert sich locker an Brechts Textfragmenten. Es wird ein kurzes Ratingspiel eingefügt, in dem ausgewählte Zuschauer mit Italien-, Griechenland- und Schweizfähnchen winken sollen. Italien arm, Griechenland noch ärmer und Schweiz reich. Es wird ein AAA-Schild hochgehalten und gefragt ob der Ausstieg aus der EU eine Alternative wäre. Eine lustige Runde Agitprop, die etwas an „Revolution Now!“ von Gob Squad an der Volksbühne erinnert.

Nach dem Theorieteil geht es dann aber sehr ernsthaft mit den Fatzerdokumenten weiter. Fabrizio Arcuri bleibt hier sehr nah an Brechts Text, nur in einigen Bildern wird Bezug zur Gegenwart genommen. Die Soldaten tragen Polizeikampfanzüge und Schlagstöcke. Fatzer wird von ihnen auf seinem Rundgang nach Fleisch geschlagen oder der abgeführte Arbeiter brutal zusammengeknüppelt. Die Bühne bleibt meistenteils sehr düster, die Szenerien spielen sich in kleinen verschiebbaren Boxen ab. Nachdem die Truppe bei Kaumanns Frau eingezogen ist, macht sich die große Resignation und Wut über Fatzers Alleingänge breit. Die Kaumann (Francesca Mazza) täuscht im Geschlechtskapitel unter der Decke einen Orgasmus vor. Fatzer sitzt eher unbeteiligt daneben, während sich die drei anderen onanierend davor stellen und den Kommentar über das Lehren der geschlechtlichen Liebe rezitieren. Die Inszenierung ist hier in ihrer ausführlichen Länge nicht wirklich zwingend am Problem des Abweichlers oder anarchischen Egoisten Fatzer dran.

Erst zum Schluss bekommt die Inszenierung wieder etwas Drive. Der Schuss auf Fatzer fällt und nachdem alle den Raum verlassen haben beendet eine Bombenexplosion das Drama. Im Abspann läuft auf der Videowand Brechts Schlussgedicht „Fatzer komm“. Auch ohne Einblendung der Staatsmänner weiß jeder, dass die letzten Zeilen Silvio Berlusconi meinen: „Du bist fertig, Staatsmann / Der Staat ist fertig. Gestatte, dass wir ihn verändern / Nach den Bedingungen unseres Lebens. (…) Der Staat braucht dich nicht mehr / Gib ihn heraus.“ Nun herrschen in Deutschland noch keine italienischen Verhältnisse, doch diese Zeilen lassen sich gut und gerne auch auf Politiker wie zu Guttenberg oder den in die Kritik geratenen Bundespräsidenten Wulff beziehen. Fatzer geht Anfang Februar wieder zurück über die Alpen nach Turin. Dort wird sich zeigen, ob die Italiener die Ironie von René Pollesch und Fabian Hinrichs verstehen werden und ebenso beglückt reagieren, wie das Berliner Publikum. Mit dieser fröhlichen Unverbindlichkeit steht „Kill your Darlings!“, trotz seiner leisen, versteckten Resignation, ziemlich konträr zum Scheitern von Brechts „Fatzerfragment“ und der Interpretation von Fabrizio Arcuri und seinem Team.

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FATZER:
Mich lähmt das Morgen und
Dies unverbindliche Heut!
So sitzend
Zwischen noch nicht und schon nicht mehr
Glaub ich nicht, was ich denk!
Sicher ists ein Irrtum, schon morgen
Klar! Warum also heut reden? Was
Nützt dies Bootbaun bei vertrocknendem Fluß?
Wenn ich euch essen
Seh, seh ich hinter euch andre verdaun
Euch unähnlich! Aber mich seh ich nicht essen!
Ich hör eure Stimmen nicht vor dem Geräusch
Vieler Schritte solcher, die ich nicht kenn.
Aus eurem runden dreckigen Mäulern fallen
Große viereckige Worte, woher sind sie?
Mir scheint, ich bin vorläufig
Aber was
Läuft nach?
Daß ihr mich versteht
Das verbiet ich.

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Fabian Hinrichs Ein Koffer voller Schmerzen in den Sophiensaelen Berlin

Donnerstag, April 1st, 2010

Meine letzten Vorlesungserfahrungen liegen mit Sicherheit mehr als 15 Jahre zurück, und in unguter Erinnerung daran, habe ich mich zu diesem erneuten Selbstversuch, nicht ohne Koketterie behauptet, auch selbst überreden müssen. Letztendlich gelockt hat mich, die Ankündigung, das Fabian Hinrichs hier „eine Art öffentlichen Rechenschaftsbericht über eine Arbeit, die man mich im übrigen mehr oder weniger nach meinem Gutdünken verrichten lässt“ ablegen will. Was muss man sich darunter vorstellen, wenn ein 35jähriger sich freiwillig wieder auf die harten Sitze der Hörsäle der Freien Uni Berlin setzt und Vorlesungen zur Politikwissenschaft hört, um uns dann an den Ergebnissen teilhaben zu lassen? „Wie werde ich in einer, in eineinhalb Stunden, dieses oder jenes vorstellen können, ohne die Leute allzusehr zu langweilen?“ Eine Frage die sich jeder Besucher vorher auch selbst gestellt haben wird und sicher auch die, was er nun am Ende damit anfangen wird. Diese Antwort verweigert uns Fabian Hinrichs von Anfang an. „Es geht mich insofern nichts an, als ich nicht zu entscheiden habe, was Sie damit machen.“ Also der Programmzettel hilft schon mal nicht weiter. Dafür gibt es ein mehrere Seiten dickes Skript, wie es sich für eine richtige Vorlesung auch gehört. Das Konzept lautet aber „Songs ohne Namen, Interview ohne Namen, Vorlesung ohne Namen“.
Der Autor der Vorlesung, Zeit und Ort bleiben im Verborgenen, wir können nur aus dem Text erahnen, das der Referent bereits in den 20er und 30er Jahren in Jugendberatungsstellen mitgearbeitet hat und eine süddeutschen Dialekt (vermutlich bayrisch) spricht. Aber zuerst, nachdem die Besucher der Vorlesung die auf den Sitzen des Saales liegenden Zettel mit der seltsamen Aufschrift „Reserviert für F. Hinrichs!“ entfernt und sich gesetzt haben, werden zur Einstimmung Gesprächsfetzen, Musik (u.a. Reinhard May), Kabaretteinlagen vom Band gespielt. Fabian Hinrichs sitzt in Jeans und weißem Unterhemd auf einem Stuhl und versucht gegen das Bühnenlicht unsere ersten Reaktionen einzufangen. An die Wand werden mittels Beamer immer wieder Bilderfetzen von Menschen, die einem wahrscheinlich bekannt vorkommen sollen, geworfen.
Endlich beginnt Hinrichs mit den Worten: „Meine sehr verehrten Damen und Herren, der Titel, der für diesen Vortrag ausgewählt wurde, lautet: ‚Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn’.“ Es geht also um nichts mehr oder weniger als den Sinn des Lebens.
Spätestens hier dürfte so mancher Zuhörer und mit Sicherheit jeder Kritiker in eine sofortige Sinnkrise geraten. Diese Vorstellung die uns Hinrichs nun bietet entzieht sich natürlich jeder Bewertung, wenn man nicht vor hat ein Essay über den Sinn des Lebens zu verfassen. Das Ganze ist zumindest sehenswert, Fabian Hinrichs trägt in Mimik, Gestik sowie Tonfall den Autor aufs Genaueste imitierend den gesamten Vorlesungstext vor. Es wird kein Versprecher, kein Räusperer und kein „äh“ ausgelassen. Der zum Teil bayrisch eingefärbte Dialekt wirkt komisch, ein verschmitztes Lächeln kann sich selbst Hinrichs nicht verkneifen.
Der Inhalt in Kurzform gebracht, handelt von der ewigen Sinnsuche im Leben. Es werden Beispiele für die gescheiterte Sinnsuche im Selbstmord mit einem „gestorbenen Nein“ als Antwort dargebracht. „Das Sinnlosigkeitsgefühl als das existentielle Vakuum“, das Leiden am sinnlosen Leben. Einen kleiner Lacherfolgt bringt die Beschreibung des Eindringens dieses Leeregefühls anhand des Büchleins „Das Leiden des sinnlosen Lebens“ ohne Visum in die sozialistischen Länder, trotz Einfuhrverbot fürs existentielle Vakuum. Im Weiteren wird von Verhaltensforschung, Reiz-Antwort-Mechanismus und dem Menschen als sich abreagierendem Wesen gesprochen. Wir hören Schlagworte wie Wohlstandsgesellschaft, Konsumgesellschaft, das Erzeugen und Befriedigen von Bedürfnissen, außer des Sinnbedürfnisses des Menschen. Der Mensch als triebgesteuertes Wesen? Alles „erstunken und erlogen“, gesteuert durch die Massenmedien. Nachdem Psychodynamik und Behaviourismus anhand der Widerstandskämpfer im Nazionalsozialismus widerlegt sind, wird der Mensch als sich selbst transzendierendes Wesen erkannt. Ab jetzt wird es hoch philosophisch, Ontologie bzw. Metaphysik halten Einzug und es gipfelt in der Selbstverwirklichung und deren Nebeneffekten wie Sexualneurosen von Männern mit Orgasmusstörungen. Das sorgt immer wieder für Belustigung, genauso wie die Feststellung dass das Leben ja auch nichts weiter als ein Oxidations- sprich Verbrennungsprozess ist, was das sprichwörtliche Erlöschen des Lebenslichtes beim Tode erklären dürfte.
Wo bleibt nun die Antwort auf den Sinn des Lebens? Liegt er in dem was wir tun, kann man Sinn tradieren? „Alle Werte sind tot, es lebe der Sinn!“ Sinnfindung in einer hoffnungslosen Situation, einer unheilbaren Krankheit, Unfall, etc.? „Eine Tragödie in eine persönlichen Triumph zu verwandeln“, als menschlichste aller Fähigkeiten. Suchen sie sich etwas aus. Grundsätzlich ist Sinnfindung für jeden Menschen möglich, ist die Quintessenz des Vortrags. Wer hätte das gedacht? Der Vortrag schließt mit der Feststellung, das jene politische Partei, welche auf die Sinnfrage eine Antwort bietet, von deren Faszination profitieren kann und man hofft das der Staat daran keinen Schaden nehme, „Videant consules!“. Welche Partei wird das wohl sein?
Das alles kennen wir irgend woher und der Meister im Beschreiben politisch, philosophischer Vorgänge in der Gesellschaft am Theater ist auch anwesend, es ist niemand anderes als Rene Pollesch.
Hinrichs hat mit ihm schon die Frage des Verblendungszusammnenhangs zu klären versucht und dieser Abend schließt nahtlos daran an. Mit traumwandlerischer Sicherheit führt er uns wieder hinters Licht, wir gehen ihm mit Vergnügen auf den Leim und die Schilder auf den Sitzen sagen nichts anderes, als das wir nun erleben, was Hinrichs in den Wochen vorher an der Uni durchlebt hat. Wir sehen eine Persiflage dieser hochwissenschaftlichen Welt.
Das Wir als potenzierter Fabian Hinrichs, das ist doch schon mal was.