Archive for the ‘Falk Richter’ Category

Eine „Winterreise“ mit dem Exil Ensemble und Falk Richters „Verräter – Die letzten Tage“ – Das Maxim Gorki Theater Berlin zeigt zwei bedenkliche deutsche Bestandsaufnahmen

Freitag, Mai 5th, 2017

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Winterreise – Yael Ronen organisiert mit dem Exil Ensemble des Maxim Gorki Theaters eine theatrale Busfahrt durch Deutschland

Winterreise am Maxim Gorki Theater
Foto (c) Esra Rotthoff

Die Winterreise ist der Klassiker der deutschen Romantik schlechthin. Das Maxim Gorki Theater hat mit Get lost in November bereits einen Abend zum Fremdsein in Deutschland und wehmütigen Heimatgefühlen nach Schuberts Liederzyklus im Programm. Eine orientalische Variante mit multiethnischem Ensemble wohlgemerkt. Warum also noch einmal eine solche Produktion? Die Antwort ist: Das Gorki verfügt seit November 2016 auch über das erste Exil Ensemble an deutschen Theatern. Es besteht aus „professionellen Neuberliner Schauspieler*innen aus Afghanistan, Syrien und Palästina“, die aus ihren Heimatländern nach Deutschland geflüchtet sind.

Zusammen mit der Gorki-Hausregisseurin Yael Ronen haben sich im Januar Ayham Majid Agha, Maryam Abu Khaled, Hussein Al Shatheli, Karim Daoud, Mazen Aljubbeh, Kenda Hmeidan und – als ihr deutscher Guide – Niels Bormann von Berlin aus zu einer Recherche-Bustour quer durch Deutschland mit kleinem Abstecher in die Schweiz aufgemacht. Kein genaues Ziel vor Augen, sind es eher ein paar Fragen, die das Team um Yael Ronen beim Blick auf ihr Exil-Land aufwerfen. Etwa: „Wie nehmen sie das Zusammensein mit den Eingeborenen war? Welche gegenseitigen Annäherungsversuche gibt es, wie werden die zwischenmenschlichen Beziehungen ausgelotet?“ Das Ergebnis dieser Winterreise, wie das Exil Ensemble dann auch seine erste Produktion genannt hat, ist seit Anfang April im Maxim Gorki Theater zu erleben.

Apropos deutsche Klassik und Romantik: Für den deutschen Bildungsbürger sind diese Begriffe ja selbst immer auch ein großes Klischee über Deutschland mit seinen großen Dichtersöhnen aus einer Vielzahl von selbsternannten Kulturstädten mit ihren darin reichlich vorhanden Kultstätten. Was läge also näher, als die 12tägige Deutschlandreise gerade in Dresden und Weimar beginnen zu lassen. Zunächst aber gibt es auch hier Musik, nicht von Schubert, aber ebenso klangvoll melancholisch gestimmte arabische Klänge. Das Ensemble steht mit gepackten Koffern frierend in seinen Winterklamotten und wartet auf den Guide Niels. Soviel zum ersten und häufigsten Klischee – der deutschen Pünktlichkeit. Das dieser Abend noch weitere in Petto hat, ist nicht unbedingt sein Manko. Worüber, was ließe sich wohl ein Land für Fremde besser erschließen, als über seine Stereotypen.

Und das bedeutet hier nur nicht allzu viel Persönliches von sich selbst preiszugeben, immer ein bisschen auf Abstand zu sein, keine Gefühle zu zeigen. German Angst und German Rules, die der deutsche Busfahrer (den Bormann gleich noch mit mimen muss) den Exil-Reisenden zu Beginn recht plastisch zu schildern weiß. Ein Erklärertyp ohne die geringsten Selbstzweifel. Für die ist der Intellektuelle Niels zuständig, der sich ständig reflektiert, Angst hat seine Schützlinge zu überfordern und angesichts einer Pegida-Montagsdemo bei der Ankunft in Dresden um den heißen Brei relativiert.

Freiheit und Toleranz, einst Projekte der europäischen Aufklärung, geraten hier unmittelbar auf den Prüfstand. Der Abend geht das locker an, indem er sich angesichts des geballten Fremdenhasses zunächst in die Ironie flüchtet, wenn zwei der arabischen Reisenden über die merkwürdigen Plakate der „Patriotischen Europäer“ rätseln, auf denen Angela Merkel ein Kopftuch trägt und Fatima genannt wird, oder „Sachsen bleibt deutsch“ steht. Aber es geht auch um den unmittelbaren Vergleich. Und da wird der Abend schon etwas ernster. Denn vieles vom Gesehenen und Gehörtem (nicht nur Dresdener Bombenächte und das Konzentrationslager Buchenwald) erinnert die Mitglieder vom Exil Ensemble auch an die eigene Heimat, die in ihren nachdenklichen Monologen immer präsent ist.

Den Syrer Mazen Aljubbeh plagen Albträume nach dem Besuch von Buchenwald. Er will nichts mehr von Tod und Zerstörung wissen, nicht mehr auf Beerdigungen gehen. Niels führt sie zu einem anderen Ort deutscher Selbstvergewisserung, der Münchner Allianz-Arena, die aber wegen der Abwesenheit der Bayernelf auch nur einem riesigen Raum der Kontemplation gleicht und damit wieder nur melancholische Gefühle statt, wie bei Niels, heimatliche Geborgenheit befördert. So räsoniert Ayham Majid Agha angesichts einer im Abriss befindlichen ehemaligen Siedlung für US-amerikanische Armeeangehörige in Mannheim über seine zerstörte Heimatstadt Damaskus und einen Taubenzüchter, der sie wegen seiner Tauben nicht verlassen will. Und auch Kenda Hmeidan plagt die Sehnsucht nach ihrem Ex-Freund, den sie hofft in Hamburg wieder zu sehen. Hussein Al Shatheli erzählt von seinem schwierigen Status als syrische Palästinenser und seiner Flucht über den europäischen Kontinent. In diesen Berichten spiegelt der Abend durchaus Schuberts Winterreise, aus der alle noch das Lied Der Wegweiser singen. Ein sehnsüchtiges Statement des unbehausten Wanderers. Ästhetisch verstärkt wird das durch Fotos und Zeichnungen von Esra Rotthoff, die auf drei Videoleinwände geworfen werden.

So etwas wie Flüchtlingsromantik oder Betroffenheit soll dabei allerdings gar nicht erst aufkommen. Eine weitere Klammer bildet das Gedicht Über die Bezeichnung Emigranten von Bertolt Brecht, das der Palästinenser Karim Daoud vorträgt. „Immer fand ich den Namen falsch, den man uns gab: Emigranten. / Daß heißt doch Auswanderer. Aber wir / Wanderten doch nicht aus, nach freiem Entschluß / Wählend ein anderes Land.“ heißt es darin. Nur ein Exil soll dieses Land, in das sie flüchteten, sein. Und dennoch will man dieses Deutschland auch verstehen, in dem die Palästinenserin Maryam Abu Khaled sogar eine neue Liebe fand, das einem aber doch mit seinen Verhaltensregeln wie einer kuriosen App, die deutsche Sexualpraktiken erklärt, fremd bleibt. Eine Heimat, in der sie sich sicher fühlen, haben sie aber bereits gefunden, wie es Ayham Majid Agha am Ende erklärt. Die Theaterbühne, auf der das Exil Ensemble sicher noch weitere Produktionen präsentieren wird.

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WINTERREISE (Maxim Gorki Theater, 26.04.2017)
Regie: Yael Ronen
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Sophie Du Vinage
Musik: Yaniv Fridel, Ofer Shabi
Video: Benjamin Krieg, Patrícia Bateira (Station Mannheim)
Puppenspiel: Ariel Doron
Zeichnungen: Esra Rotthoff
Dramaturgie: Irina Szodruch
Mit: Ayham Majid Agha, Maryam Abu Khaled, Hussein Al Shatheli, Niels Bormann, Karim Daoud, Mazen Aljubbeh und Kenda Hmeidan
Uraufführung war am 8. April 2017
Weitere Termine: 19., 24.05.2017

Weitere Infos siehe auch: http://gorki.de

Zuerst erschienen am 02.05.2017 auf Kultura-Extra.

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„Wo sind wir hier?“Falk Richter und Ensemble verirren sich mit Verräter – Die letzten Tage im immer dunkler werdenden deutsch-nationalen Sprachwald

Verräter – Die letzten Tage am Maxim Gorki Theater – Foto (c) Esra Rotthoff

Ähnlich wie Yael Ronen mit dem Exil Ensemble spielt auch Falk Richter in seiner neuen Gorki-Produktion Verräter – Die letzten Tage mit den Biografien der mitwirkenden SchauspielerInnen. Allerdings geht Richter in seinen Stücken bei weitem weniger subtil vor. Seine Texte greifen in letzter Zeit oft direkt Personen des rechtsnationalen Spektrums um AfD und Pegida an. Der Autor und Regisseur benutzt dabei ganz bewusst deren Hass-Rhetorik gegen Minderheiten wie Homosexuelle oder Ausländer. Das hat ihm im Fall seines Stücks Fear an der Berliner Schaubühne bereits eine Klage der AfD-Politikerin Beatrix von Storch eingebracht, die allerdings zugunsten Richters abgewehrt wurde. Auch in Small Town Boy am Maxim Gorki Theater redete sich der Schauspieler Thomas Wodianka gegen die neuen Rechten, CDU-Politikerinnen und Wladimir Putin in Rage.

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Sein neues Stück behandelt den von den Rechten immer wieder ins Spiel gebrachten Begriff des Verräters am Volk oder den von rechts proklamierten abendländischen Werten. Richters Befürchtung geht dahin, dass die Tage der freien Welt gezählt scheinen und „der ‚freien Westen‘ immer tiefer in ein Phantasma der gesellschaftlichen Restauration von autoritärer Stärke und altväterlicher Macht“ driftet. Die explizite und patriarchale Rhetorik eines Trump, Erdogan oder Putin liefern ihm dafür den Beweis. Richter hat für seine Recherche auch den französischen Philosophen Didier Eribon und dessen autobiografische und politische Analyse Rückkehr nach Reims gelesen. Darin erklärt der aus einer Arbeiterfamilie stammende schwule Autor das Erstarken der nationalen Rechten auch aus der Abwehr einer sexuellen und sozialen Scham sowie des ins gesellschaftliche Unterbewusstsein verdrängten Klassenkampfs, der nun von rechts als Kulturkampf zurückgekehrt ist.

Dazu lässt Richter sein Ensemble zum Beginn des Abends von der eigenen Scham und dem Verrat an der sozialen Herkunft, der Familie oder dem Stehen zur eigenen sexuellen Orientierung erzählen. So berichtet z.B. Mareike Beykirch von ihrer Kindheit in einem kleinen Ort im Harz, in dem nach der Wende Arbeitslosigkeit und Hartz IV Einzug hielten, wodurch die sozialen und familiären Strukturen nachhaltig zerstört wurden. Sich ihrer Mutter zu schämen, ihre Entfremdung von dem Ort mit seinen leeren, braunen Feldern und der harten anhaltinischen Sprache, empfindet sie auch ein wenig als Verrat. Mehmet Ateşçi schämt sich während eines Türkeiurlaubs mit seinem Freund in der Istanbuler Putschnacht aus Angst vor Entdeckung nicht klar zu seiner Sexualität gestanden zu haben. Und auch der Schauspieler Knut Berger, der mit einem Mann zusammenlebt, mit dem er zwei Kinder erzieht, erzählt, dass seine Ruhrpolnische Familie, um als deutsch zu gelten, einst den Namen geändert hatte.

 

Foto: St. B.

 

Soweit ist Richters Stück mit den biografischen Splittern seiner MitspielerInnen auch künstlerisch nah am politischen Thema dran. Es untersucht die Sprache als Transportmittel von Hass und Vorurteilen oder was sich mit ihr beschreiben lässt und was nicht. Wie sie bewusst ausgrenzt und verfälscht. Dazu spielt das Ensemble passende Live-Musik wie etwa Mareike Beykirchs Punksong Wer hat uns verraten? Christdemokraten oder bekannte Popsongs wie In a Manner of Speaking von Tuxedomoon und Enjoy the Silence von Depeche Mode mit den Liedzeilen „Words like violence / Break the silence oder Words are very unnecessary“. Knut Berger vermisst eine Sprache, in der er vorkommt. Vieles unterliege einem Sprechverbot, was er auch als „Verrat an der Poesie“ empfindet.

Dass die Inszenierung dann doch auch wieder in die aufgesetzte Attitüde des Hate-Speech und der bewussten Provokation verfällt, dabei aber immer auch wieder Gesagtes zurücknimmt oder zur Diskussion stellt, tut dem anfänglichen Fluss des Abends nicht besonders gut. Selbstironische Einsprengsler wie die Sing-Sang-Nummer des Hamburger Thalia-Schauspielers Daniel Lommatzsch, der als Witzfigur eines deutschen Theatermachers die so anderen Biografien seiner MitspielerInnen so interessant findet, dass er z.B. ein LaLaLand-Musical mit der Israelin Orit Nahmias über jüdische Kollaborateure in deutschen KZs machen will, wirken gar schon etwas grenzwertig. Çiğdem Teke wartet noch mit dem ironisch gemeinten Wunsch auf, nicht allein nur als lesbische Schauspielerin auf sich selbst festgelegt zu werden, sondern auch mal eine Liebesszene mit einem Mann zu spielen.

Der Dialog als gesellschaftliche Art der Auseinandersetzung hat nach Falk Richters Meinung ausgedient und ist in die anonymen Kommentarzeilen der sozialen Netzwerke verlegt worden. Auf düster- apokalyptischer Bühne mit einer Art verkohltem Waldboden, wohl als Sinnbild der verirrten deutschen Seele gemeint, machen sich nun finstere Gestalten ans Holzhacken. Daniel Lommatzsch referiert dazu als Götz-Kubitschek-Verschnitt über den Weg des Mannes und die angestammte Rolle der Frau, in die er sie wieder zurückdrängen will. Dieser Art der „neuen Terminologie“, die doch das Alte meint, will der Abend den Kampf ansagen, verzettelt sich dann aber doch in kabarettistischen Solonummern und bietet am Ende wieder nur das Idyll als Alternative, wie es Falk Richter beispielsweise mit der Utopie des Urban Gardening bereits in Fear proklamiert hat. Hier ist es die Hoffnung, dass wie in Angkor Wat die Natur alte Herrscherreiche wieder überwuchern wird, oder die polyamoröse Lebensart, eine Art von kollektiver Identität, der man mit gemeinsamem Kuscheln in einer Videoprojektion frönt und I „wanna dance with somebody / With somebody who loves me“ singt.

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VERRÄTER – DIE LETZTEN TAGE (Maxim Gorki Theater, 28.04.2017)
Regie: Falk Richter
Bühne/Kostüme: Katrin Hoffmann
Musik: Nils Ostendorf
Video: Aliocha Van Der Avoort
Licht: Carsten Sander
Dramaturgie: Jens Hillje, Mazlum Nergiz
Mit: Mehmet Ateşçi, Knut Berger, Mareike Beykirch, Daniel Lommatzsch, Orit Nahmias und Çiğdem Teke
Uraufführung war am 28. April 2017
Weitere Termine: 11., 13.05.2017

Weitere Infos siehe auch: http://gorki.de/

Zuerst erschienen am 02.05.2017 auf Kultura-Extra.

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Falk Richter und Sascha Marianna Salzmann erzählen im Maxim Groki Theater von queerer Identität

Samstag, Juni 25th, 2016

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Città del Vaticano – Der neue Theaterabend von Falk Richter und Nir de Volff als Gastspiel der Wiener Festwochen

Vor dem Maxim Gorki Theater hat das Zentrum für politische Schönheit einen großen Tigerkäfig aufgebaut. Mit ihrer Aktion Flüchtlinge fressen – Not und Spiele protestiert die Künstlergruppe um Philipp Ruch gegen den Paragrafen 63, Absatz 3 des Aufenthaltsgesetzes der Bundesrepublik Deutschland. Nach fruchtlosem Ablauf eines Ultimatums an das Auswertige Amt sollen aus Syrien nach Deutschland eingeflogene Flüchtlinge drei lybischen Tigern aus dem Zirkus zum Fraß vorgeworfen werden. Man kann für ihren Flug spenden und sie in den Käfig rein wählen. Eine zynische Abwandlung antiker römischer Volksbelustigung sowie die Umkehrung einer ehemaligen Aktion von Christoph Schlingensief, der im Jahr 2000 bei den Wiener Festwochen Asylbewerber aus einem Container neben der Wiener Staatoper zur Abschiebung rauswählen ließ.

 

Flüchtlinge fressen vor dem Maxim Gorki Theater - Foto: St. B.

Flüchtlinge fressen vor dem Maxim Gorki Theater – Foto: St. B.

 

Während draußen also drei eingesperrte, müde Tiger gähnen und auf Futter warten, gastiert im Saal der Dramatiker und Regisseur Falk Richter mit seiner neuen Text- und Tanz-Performance Città del Vaticano, die der Autor gemeinsam mit dem Choreografen Nir de Volff sowie bei der Biennale in Venedig gecasteten Performern und dem Ensemble des Schauspielhauses Wien entwickelt hat. Es ist ein Gastspiel der Wiener Festwochen 2016, und so schließt sich ein historischer Kreis. Schlingensiefs Aktion entstand nach der Bildung eines Regierungsbündnisses der ÖVP mit der rechtspopulistischen FPÖ. Richters Premiere in Wien fand einen Abend vor dem denkwürdigen zweiten Wahlgang der durch die Flüchtlingskrise angeheizten österreichischen Präsidentschaftswahlen statt. Der ehemalige Grünenvorsitzende Alexander Van der Bellen konnte sich knapp gegen den FPÖ-Mann Norbert Hofer durchsetzen. Ein Sieg in letzter Minute für die Vertreter einer offenen, demokratischen Gesellschaft.

Genau wie bei Schlingensief wird die Flüchtlings-Aktion des Zentrums für politische Schönheit von Gesprächen mit Künstlern und Politikern flankiert. An diesem Abend ist die Grünenpolitikerin Katrin Göring-Eckardt, ehemalige Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, zu Gast. Sie ist wie Falk Richter selbst schon zur Zielscheibe rechtpopulistischer und unverholen faschistischer Anfeindungen geworden. „Linksgrün-versifft“ ist eines der Lieblingsattribute in den einschlägigen Hasskommentaren. Und wie schon in seinem Pegida-Abend Fear an der Berliner Schaubühne bedient sich Richter auch in Città del Vaticano wieder reichlich aus dem Vokabular der Rechten.

 

Citta del Vaticano - Foto © Matthias Heschl

Città del Vaticano – Foto © Matthias Heschl

 

Zunächst aber bekommt der im Stück-Titel erwähnte katholische Kirchenstaat sein Fett weg. Das Zentrum der christlichen Werte ist ein durch Finanzkrisen der Vatikanbank, Korruption und Kindesmissbrauch geschütteltes „Bad Empire“. Hier regieren alte Männer mit Vorliebe für Schmuck und Frauenkleider, wurde nie ein Kind geboren, und die Vatikan-Wächter der Schweizer Garde werden ironisch mit Toy Boys verglichen. Das Abkanzeln der christlichen Moralapostel erfolgt bei einem Frontalmeeting, bei der die sieben Performer auf Stühlen an der Rampe, munter zwischen Deutsch und Englisch wechselnd, ihre Ansichten zum Vatikan-Staat vortragen. Das sitzt zunächst, gibt aber nicht die weitere Richtung des Abends vor. Es geht mehr um den Einfluss und die Gültigkeit der moralischen Werte, die durch den Papst und die katholische Kirche vorgegeben werden. „Who cares?“ Die Ansichten des Vatikans haben nichts mit unserem Leben zu tun, ist die überwiegende Meinung der fünf offen schwulen Performer und beiden jungen Frauen im Team.

Damit könnte der Abend auch schon zu Ende sein. Falk Richter legt seinen Performern aber nicht nur seinen Text in den Mund, es sind auch die persönlichen Erfahrungen jedes Einzelnen, die in diesem als „Work in Progress“ bezeichneten Projekt zum Ausdruck kommen. Hier überzeugen vor allem die Schilderungen des Wiener Schauspielers Steffen Link, der von seiner Kindheit in einer freikirchlichen Gemeinschaft erzählt. Ein Anhalten zu einem ewigen Arbeiten an sich selbst, das durch Schuldgefühle, verklemmte Sexualität und Scham vor dem eigenen Körper geprägt war. Man wird das nicht los, gesteht Link. Dazu flimmern passende Videobilder von Predigten vor Kindern über die Rückwand der sonst bis auf die Stühle leergeräumten Bühne. Ein Videobild ist aber besonders eindrücklich. Francis Bacons Studie nach Velázquez‘ Portrait Papst Innozenz` X. Der Mund des Papstes ist zum stummen Schrei geöffnet. Ein Symbol für das lange Schweigen der Kirche.

Citta del Vaticano - Foto © Matthias Heschl

Città del VaticanoFoto © Matthias Heschl

 

Es geht aber auch weg vom Katholizismus-Bashing hin zu einer gesamteuropäischen Bestandsaufnahme. Wieder auf Stühlen werden Bekenntnisse eines allegorischen Europas aufgesagt, das von linker Utopie, Krieg, Auschwitz, Eroberungen und Kolonisation bis zur Hochkultur des Theaters alles in sich birgt. Vassilissa Reznikoff steigert sich in die Verzweiflung eines europäischen Bürgers, der die Unübersichtlichkeit der globalen Welt nicht mehr versteht und über den Kontrollverlust über das eigene Leben klagt. „Ich will mich nur noch mit Dingen beschäftigen, die ich wirklich verstehe. Und ich will keine Verantwortung übernehmen müssen für Dinge, die ich nicht verstehe.“ Eine klare Absage an die Verantwortung Europas für das Leid der anderen, was nicht zuletzt auch das „Zentrum für politische Schönheit“ in seinen Aktionen anprangert.

Neben den Hieben auf dumpf-dumme Pegida-Anhänger, die hier bevorzugt wieder im ländlichen Osten verortet werden, die „Karrierefrauen“ der AfD und das rechtskonservative Bündnis „Demo für Alle“ wird natürlich auch noch ein wenig getanzt, was sich in schön umschlungen Gruppen- und Einzelszenen zeigt. Eine eindrucksvolle Bewegungsperformance zum Thema Sexualität und Entdeckung des eigenen Körpers. Dazu werden von Tatjana Pessoa immer wieder passende Fragen an alle zu Liebe, Partnerschaft, oder Familie gestellt. Höhepunkt ist sicher der Traum von einer Boy-Group, die für den Vatikan den Eurovision Songcontest gewinnt, was auch göttlich performt wird.

Ein Abend für frei gewählte und gelebte Sexualität, die das internationale und durchweg großartig agierende Ensemble nicht nur zu Lebensbeichten, sondern auch zu einigen glühenden Bekenntnissen treibt, unter anderem zu einer Botschaft an ein ungeborenes Kind, das sich Gabriel da Costa zusammen mit seiner ehemaligen Partnerin und seinem jetzigen Partner wünscht. Ein Wunsch auch nach einem selbstbestimmten Leben in einem Europa ohne Grenzen. Das lässt den doch etwas plakativ einfachen Erzählabend, der sich aber gut in die offene Ästhetik der letzten Arbeiten von Falk Richter oder Yael Ronen am Gorki Theaters einfügt, ganz versöhnlich ausklingen.

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Città del Vaticano (Maxim Gorki Theater, 17.06.2016)
von Falk Richter und Nir de Volff
Regie: Falk Richter
Choreografie: Nir de Volff
Ausstattung: Falk Richter, Nir de Volff
Dramaturgie: Tobias Schuster
Mit: Telmo Branco, Gabriel da Costa, Johannes Frick, Steffen Link, Tatjana Pessoa, Vassilissa Reznikoff, Christian Wagner
Uraufführung bei den Wiener Festwochen im Schauspielhaus Wien am 20.05.2016
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

Infos: http://www.schauspielhaus.at/
http://www.festwochen.at/

Zuerst erschienen am 19.06.2016 auf Kultura-Extra.

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Queere Berliner auf Identitätssuche – METEORITEN von Marianna Salzmann, inszeniert von Hakan Savaş Mican

Meteroiten am MGT_Foto (c) Esra Rotthoff

Foto (c) Esra Rotthoff

Kompliziert hatte es Marianna Salzmann schon in ihrem letzten Stück Wir Zöpfe schwierige Identitätsprobleme in einer russisch-jüdischen Familie in Berlin, die sich an Weihnachten noch weiter internationalisierten. Ganz ähnlich geht es in ihrem neuen Stück Meteoriten, das diesmal im Berliner Sommer angesiedelt ist, was die Story nicht unbedingt entspannt. Wir treffen zunächst auf zwei Paare: Udi (Thomas Wodianka) aus Israel, der den Syrer Roy (Mehmet Ateşçi) liebt, der wiederum betont nicht wegen des Krieges, sondern wegen der Liebe in Berlin zu sein. Sie sind befreundet mit der schwarzen Türkin Üzüm (Thelma Buabeng), die eine lesbische Beziehung zur transsexuellen Cato (Mareike Beykirch) hat. Das ist für eine deutsche Otto-Normal-Hete für den Anfang schon recht viel.

Marianna Salzmann, die sich als Ausdruck ihrer männlichen Seite den Vornamen ihres Großvaters Sasha dazugewählt hat, schickt vier queere Berliner mit verschiedensten Migrationshintergründen los, als Pioniere die Welt zu retten, indem sie beschließen als zukünftige Großfamilie Kinder in selbige zu setzen. Soweit der Plan und die Abmachung. Vor der schon nicht ganz einfachen Weltenrettung setzt aber nun die Autorin zwecks Drama erst noch eine viel kompliziertere Ich-Werdung, die sich bei den einzelnen Figuren ganz unterschiedlich vollzieht. Titelgebende Meteoriten sind sie alle irgendwie, und sei es nur als schöner, verglühender Stern kurz vor dem Aufschlag in der Realität. Einige katastrophale Verheerungen in der Gefühlswelt der anderen richtet zumindest der Einschlag von Serösha (Dimitrij Schaad) in die Phalanx der zwei scheinbar glücklichen Paare an.

Zumindest möchte Serösha so cool sein wie jemand, der beim Einschlag des Meteors von Tscheljabinsk nur kurz die Scheibenwischer anstellt und weiterfährt. Wegen des Wehrdienstes aus Russland nach Berlin geflohen, hat er Angst zur Beerdigung seines Vaters, eines hohen russischen Militärs, zu fahren und bittet Cato ihn zu begleiten, allerdings nicht als Freund, sondern als seine Frau, so wie Serösha Cato auch gerne sähe. Das stürzt den gerade voll mit seiner „Transition“ Beschäftigten in eine zusätzliche Identitätskrise. Und auch Serösha hat arge Probleme. Er kann sich nämlich seine latente Homosexualität nicht eingestehen, was sich ziemlich aggressiv auch in Schüben von Homophobie äußert. In eine Schwulenbar läuft er Roy und Udi über den Weg, die sich ihren Traum vom eigenen Heim mit dem Abziehen von Touristen erfüllen wollen. In einer schönen Schattenchoreografie zu Musik und Videoeinspielung wird Serösha von beiden im Darkroom verführt.

Wenn es verworren und kompliziert sein soll, hat es sich in letzter Zeit als sehr effizient gezeigt, ein vertikales Schachtelbühnenbild zu bauen. Im Gorki Theater schraubt Magda Willi ein Gerüst aus Metallleitern mit betonfarbenen Ebenen zwischen zwei Wände, auf dem es sich herrlich herumklettern lässt. Das Ensemble ist hier die ganze Zeit auf der Bühne, macht live Musik und filmt sich beim Spielen. Auf die Rückwände der Wohnzellen projiziert Videofilmer Guillaume Cailleau zusätzlich die reale Welt mit Syrien-Krieg, Maidan und Krim-Annexion, die die Fünf gerne ausblenden, aber immer wieder von ihr eingeholt werden. Als aktueller deutscher Hintergrund dient die Fußballweltmeisterschaft 2014. Was zumindest für Üzüm von Bedeutung ist, die sich voll integriert mit Deutschland-Makeup von ihrer kriselnden Beziehung zu Cato ablenken will.

Die anderen stoßen die nationalen Gesänge eher ab, oder sie klopfen wie Roy und Udi ironische Sprüche zum Holocaust-Denkmal und ihrer für deutsche Verhältnisse unklaren Identität. Roy macht Dienst beim schwulen Überfalltelefon und berichtet von homophober Gewalt, vor deren Auswüchsen in Russland auch Serösha Angst hat. Viel mehr Politisches ist nicht im Stück, es dreht sich mehr oder weniger um die Beziehungsprobleme der Figuren, die sich immer mehr auseinanderleben, je mehr Autonomie sie vom anderen für sich einfordern. Das betrifft vor allem Roy, dem seine Freiheit lieber ist als der Plan vom Eigenheim mit Kind und Udi. Was den armen Kerl in eine herrlich schräge Liebeskummerszene stürzt. Während er sich anhänglich bei Serösha ausheult, liefern sich Üzüm und Cato ein paar Eifersuchtsszenen. Man wirft sich gegenseitig den Verrat an der gemeinsamen Idee vor.

Als zusätzliche gedankliche Metaebene zu den Geschlechter-Irrungen und Beziehungs-Wirrungen zieht Sasha Marianna Salzmann monologisch vorgetragene Episoden ein, die von den Metamorphosen des Ovid angeregt sind. Das geht von der entführten, nun rachsüchtigen Europa über den Seher Teiresias, der in beiden Geschlechtern lebte, bis zur Vereinigung der Nymphe Salmakis mit dem Hermaphroditos, von der am Ende Cato berichtet. Da ist er/sie wahrscheinlich schon tot, durch einen homophoben Übergriff ums Leben gekommen, und beschwört noch einmal die Vollkommenheit und die Liebe als schmerzhafte Suche nach dem einst verlorenen zweiten Geschlecht.

Regisseur Hakan Savaş Mican inszeniert das mit gewohnt leichter Hand. Man schaut den SchauspielerInnen gerne zu, auch wenn mit der Zeit der allgemein boulevardeske Stil am Gorki fast jedes Stück irgendwie gleich aussehen lässt. Man läuft hier Gefahr das bereits als Gorki-Boulevard Betitelte zur neuen Norm zu erklären. Berühren tut das hier schon, auch wenn nicht jeder Charakter gleichermaßen überzeugt. Man möchte den manchmal verbissen mit sich ringenden ProtagonistInnen gerne zurufen: Seid doch einfach alle, wie ihr seid – ganz normal!

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METEORITEN (Maxim Gorki Theater, 15.04.2016)
Regie: Hakan Savaş Mican
Bühne: Magda Willi
Kostüme: Miriam Marto
Musik: Michelle Gurevich
Video: Guillaume Cailleau
Licht: Jan Langebartels
Dramaturgie: Jens Hillje
Mit: Mehmet Ateşçi, Mareike Beykirch, Thelma Buabeng, Dimitrij Schaad und Thomas Wodianka
Uraufführung war am 15. April 2016

Weitere Termine: 24.06. / 20.09. 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.gorki.de

Zuerst erschienen am 17.04.2016 auf Kultura-Extra.

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FEAR – In der Schaubühne Berlin lässt Falk Richter den deutschen Bildungsbürger gegen Pegida & Co. antreten

Montag, November 9th, 2015

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Da kann einem schon mal Angst und Bange werden, wenn man sich in die immer hasserfüllteren Kommentarspalten zum Thema Flüchtlingsbewegung in Europa im Internet verirrt. Nicht nur die Parolen des rechtsnationalen Rands, auch die Stimmen sogenannter besorgter Bürger lassen einen da ein ums andere Mal erschauern. Der Humus, aus dem das wächst, besteht laut Falk Richter aus einem tief braunen Morast ewig gestriger Diskursgräber, aus denen sich die Geister der Vergangenheit immer wieder neu erheben. Richters Deutschland-Analyse FEAR, die vor Kurzem in der Schaubühne am Lehniner Platz Premiere feierte, fällt dann dementsprechend auch reichlich düster aus.

 

Fear_Schaubühne Nov. 2015

Foto: St. B.

 

Im Großen und Ganzen ging es in den letzten Arbeiten von Autor und Regisseur Falk Richter immer auch um Ängste. Vor allem um jene von im Großstadtdschungel vereinsamten und sich in sozialen Netzwerken verlierender, moderner Menschen in Metropolen wie Berlin. Immer auch eine politische Gesellschaftskritik, die sich nicht nur ins rein Private der Familie zurückzog. Schon in seinem Stück Small Town Boy zur Lebenswelt von Schwulen in Berlin (am Maxim Gorki Theater) hatte Richter seinem Protagonisten Thomas Wodianka einen wütenden Hassmonolog auf Politiker und rechtskonservative, schwulenfeindliche Einpeitscher halten lassen. Nun widmet er sich im Kontext von Pegida-Demos und AfD ganz dem deutschen Alptraum des Fremdenhasses und der nationalen Selektion als Abgrenzungsmechanismus gegen eine sich drastisch ändernde Welt.

Was bedeutet heute eigentlich Heimat? „Dass Deutschland Deutschland bleibt.“ Hört man gleich zu Beginn – während im Video blühende Heimatfilm-Landschaften flimmern – aus deutschen O-Tönen, die Richter akribisch für diesen Abend gesammelt hat. Diese diffusen Stimmen aus dem Volk, der sich von der Politik verraten Fühlenden, denen meist noch hörbar die Fähigkeit zur genauen Artikulation fehlt, haben aber in Lutz Bachmann, Frauke Petry, Björn Höcke oder auch kürzlich Akif Pirincci bereits recht effektive Ideologen und Sprachrohre für ihre Ängste gefunden. Deren geistige Brandstiftung feiert dabei schon wieder Erfolge, wie brennende Flüchtlingsunterkünfte zeigen. In FEAR versuchen Richter und sein Schaubühnenteam zu ergründen, wie sich gerade im Osten des Landes diese neue nationalpatriotischen Bewegung, die zwar vorgibt, nichts mit den Nazis zu tun zu haben, aber doch klar deren Vokabular benutzt, kommen konnte.

 

FEAR an der Schaubühne - Foto (c) Arno Declair

FEAR an der Schaubühne – Foto (c) Arno Declair

 

Schwer verständlich für so manchen jungen Großstadthipster, wie ihn Bernardo Arias Porras gibt, der eigentlich lieber weit ab aller Probleme am Strand rumchillen möchte. Ein Mensch ohne konkrete Heimatbindung mit einem Airbnb-Hintergrund, der plötzlich nach erfolgter Sesshaftwerdung mit eigener Wohnung und Internetzugang der Faszination der Kommentarspalten im Netz erliegt, einem völlig anderen Leben wie in einem Alptraum aus Hass. Dazu werden auf der Bühne aus Laufstegen und einem Glaskasten als Rückzugsgebiet Pappkameraden mit bekannten Gesichtern der rechten Szene aufgestellt und mit einschlägigen Zeitungsmeldungen beklebt. Die Zombies beginnen im Video zu donnernder Heavy-Musik aus ihren Gräbern zu kriechen. Die drei Tänzer Denis Kuhnert, Frank Willens und Jakob Yaw bewegen sich dazu entsprechend monoton.

Richter vermutet den Ursprung des Spuks zu gleichen Teilen in der unaufgearbeiteten Vergangenheit wie auch in der wirtschaftlichen und sozialen Abhängung ganzer Landstriche, deren Bewohner sich in finsterer Einöde wie einsame Wölfe verlieren. Eine fast ausschließlich männliche Bevölkerung, die dumpf vor sich hin vegetiert, empfänglich für Hasspredigten und Verschwörungstheorien aller Art. Solche Apokalypsen hat auch der ostdeutsche Dramatiker Heiner Müller immer wieder in seinen Stücken beschrieben. Ein ewiger Mahner und Ausgräber der Toten aus der Weltgeschichte von Kriegen und Revolutionen vom französischen Auftrag über den russischen Zement bis zu den Gespenstern Germanias. Richter widmet ihm einen von Kay-Bartholomäus Schulze vorgetragen Ach-Heiner-Monolog, in dem er das Verschwinden kritischer DDR-Intellektueller nach der Wende beklagt. Im Video sieht man dazu die Müller‘schen Neubau-Fickzellen mit Fernheizung einstürzen.

Aber besonders die vorwiegend weiblichen Köpfe der konservativen Bewegung für die Nationalisierung und Re-Christianisierung des Abendlandes wie Brigitte Kelle, Gabriele Kuby, Frauke Petry und Beatrix von Storch bekommen hier ihr Fett weg. Große Momente für die beiden Schauspielerinnen Lise Risom Olsen und Alina Stiegler, aber auch für Tilman Strauß, der ebenfalls eine Travestienummer abbekommt. Lauter schöne Parodien auf „Hässliche hassende Frauen“, wie das Team den Abend auch mal nennen wollte. Doch selbst der normale Bildungsbürger ist meist nicht allzu weit vom Hass gebaut, wie KB Schulze als Basher von reichen Norwegern oder Schwaben, die den Berlinern den billigen, zentrumsnahen Wohnraum wegnehmen, beweist. Die Ohnmacht des wohlmeinenden Intellektuellen zeigt Lise Risom Olsen in einem „I am“-Monolog als Europa mit einem Spektrum von Hochkultur und Traum vom Weltfrieden bis hin zu offenen Gewalt und Fremdenhass.

Leider folgt daraus nicht allzu viel. Die eigene Angst weg zu lachen ist das eine. Man verliert sich aber hier zunehmend in einem Work in Progress, geht in den offenen Probenmodus über. Es genügt sicher nicht, die Dämonen der Angst mit dem Laubläser der Kunst wegzufegen und sich in eine Urban-Gardening-Scheinwelt des Schönen mit Topfpflanzen, Gitarre und den melancholischen Flower-Power-Hymnen des Neo-Folkers Sufjan Stevens zurückzuziehen. Als Ruhephase in einer nach hinten raus immer mehr zerfasernden Inszenierung scheint dieses, sicher auch etwas ironisch gemeinte, Konzept zum Nachdenken darüber, wie wir leben wollen, vielleicht ganz fruchtbar.

Aber, reicht das in einer Welt, wo für das Schöne nur noch die Insel der Kunst bleibt (wobei auch das nicht unbedingt als sicher gilt) oder das Shoppen als Ablenkung von den Problemen? Eine Frage, der sich das Team kurz stellt, bevor es mit der Horrorgeschichte der Beatrix von Storch, Herzogin von Oldenburg, und der Einfahrung des Geistes ihres Nazi-Großvaters zu einer letzten, großen Travestie auf die nationale Rezombiesierung des Abendlandes ansetzt. Wir haben Angst vor dem Schrecken des IS-Terrors, verzweifeln vor dem Elend der Flüchtlinge, den Bildern ertrunkener Kinder im Fernsehen und den Auswirkungen der Gewalt und des Hasses auf unsere Kinder. „We are the others.“ meint am Ende leise der Tänzer Frank Willens. Auch das muss sich erst noch erweisen.

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Beitrag auf Deutschlandradio: Populisten gegen Berliner Schaubühne, AfD wirft Theater Gewaltaufruf vor

Meldung auf Nachtkritik: Schaubühne Berlin wehrt sich gegen rechte Kritik an „Fear“

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FEAR (Schaubühne am Lehniner Platz, 30.10.2015)
Text, Regie und Choreographie: Falk Richter
Die Choreographie entstand in Zusammenarbeit mit Denis Kuhnert, Frank Willens und Jakob Yaw.
Bühne: Katrin Hoffmann
Kostüme: Daniela Selig
Musik: Malte Beckenbach
Video: Bjørn Melhus
Dramaturgie: Nils Haarmann
Licht: Carsten Sander
Mit: Bernardo Arias Porras, Denis Kuhnert, Lise Risom Olsen, Kay Bartholomäus Schulze, Alina Stiegler, Tilman Strauß, Frank Willens und Jakob Yaw
Uraufführung war am 25. Oktober 2015
Weitere Termine im Januar 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de

Zuerst erschienen am 01.11.2015 auf Kultura-Extra.

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Zweimal Diskurstheater zum Spielzeitbeginn an der Berliner Schaubühne und Volksbühne mit NEVER FOREVER von Falk Richter und HOUSE FOR SALE von Rene Pollesch

Freitag, September 12th, 2014

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Das Leben als Hashtag – NEVER FOREVER, das neue Text- und Tanzprojekt von Falk Richter und TOTAL BRUTAL an der Berliner Schaubühne behandelt die Probleme der zwischenmenschlichen Beziehungen im Zeitalter der digitalen Kommunikation.

Sie sitzen eingesperrt in flexible, aus Metallstangen bestehende Raumgebilde, mal monologisierend, mal miteinander redend, wenn überhaupt nur per Telefon. Es geht wiedermal um die sogenannten disconnected people in der Schaubühne am Lehniner Platz. Die Vereinzelung des modernen Großstadtmenschen durch die Möglichkeit der Nutzung digitaler Nachrichtendienste und sozialer Netzwerke ist nicht mehr nur ironische Beschreibung des Zeitgeists, sie ist mittlerweile bittere Realität. Die hauptsächliche Kommunikation erfolgt heute meist über Twitter, Facebook, Instagram oder WhatsApp. Ein oder mehrere Schlagworte für 140 Zeichen Information. Was sind die Highlights? Fasse dich kurz! Für mehr reicht oft nicht die Zeit. Das Leben funktioniert als Hashtag.

Never Forever an der Schaubühne - Foto: St. B.

Never Forever an der Schaubühne – Foto: St. B.

Der Hashtag (#) dient der praktischen Verschlagwortung und vor allem natürlich der bestmöglichen Selbstdarstellung. Das Ganze folgt dabei einem einfachen, logischen Prinzip. Je mehr Schlagworte, desto größer die Chance auf mehr Follower. Das Internet generiert in kürzester Zeit eine wachsende virtuelle Gemeinschaft mittels des Schneeballprinzips. Nur was ist, wenn es plötzlich zum menschlichen Systemausfall kommt? Wenn die Angst vor und die Sehnsucht nach körperlicher Nähe sich unterbewusst und schmerzhaft überlagern? Davon erzählt das neue Theaterprojekt von Autor und Regisseur Falk Richter.

NEVER FOREVER ist eine konsequente Fortsetzung und Weiterentwicklung seiner letzten Inszenierungen an der Berliner Schaubühne von Trust über Protect Me bis hin zu For the Disconnected Child. Richter folgt dabei über die Jahre einem ganz bestimmten Themenkatalog, etwas redundant zwar, aber immer weitestgehend stringent durcherzählt, in locker gebundenen Szenenfolgen mit Musik- und Tanzbegleitung. Im Mittelpunkt der geplagte, durch die Segnungen der Moderne deformierte, globale Großstadtmensch, beziehungsgestört, heimatlos, und vom eigentlichen Leben abgetrennt.

Auch in NEVER FOREVER sind die Figuren lose über Eck miteinander verbunden. Da ist die Psychologin (Regine Zimmermann), die einerseits die Nähe zu ihrer Mutter (Ilse Ritter) sucht, einer alternden Schauspielerin, die nie die Mutterrolle übernehmen wollte. Anderseits aber klagt sie über den Distanzverlust zu einer Patientin, die selbstgefilmte Videos von sich auf ihren YouToub-Channel mit weit über 1.000 Followern stellt. Ein Ex der Psychologin (Tilman Strauß) folgt dieser Frau zwanghaft im Internet, will alles über sie erfahren und sich mit ihr treffen.

Die Leute sind vom Internet besessen und pflegen das Ich-Projekt bis zum Exzess. Sie haben Angst vor körperlicher Nähe, aber das Bedürfnis nach Beziehungen, die allerdings nur kurz und nie zweckfrei sein dürfen. Die Angst nicht gewollt zu werden, die Anforderungen des anderen nicht zu erfüllen, führt zur maximalen Selbstoptimierung im Netzt. Das Internet ist zur Plattform ihres Lebens geworden, die Festplatte zum Speichermedium aller Kontakte. Bei deren Absturz droht der Rückfall in die analoge Daseinsform, in der aber schon alle Erinnerungen vernichtet sind. Die scheinbare Freiheit im Netz wird zur Krise der Freiheit in Beziehungsfragen. Man will keinerlei Verbindlichkeiten eingehen, sich alle Optionen offenhalten.

Never Forever an der Schaubühne Foto (c) Arno Declair

Never Forever an der Schaubühne – Foto (c) Arno Declair

Die Schauspielerin vergleicht ihr Leben mit dem ihrer Rollen, in denen sie Fehler machen und sich ausprobieren konnte. Sie hat die Texte für ihre Abschiede immer auf Kassette gespielt. Auf die Frage eines von seiner Frau vor die Tür gesetzten Mannes (Florian Bilbao), wie man eine Sprache finden könnte, um seine Gefühle auszudrücken, weiß sie aber keine Antwort. Verzweifelt ringt ein anderer Mann (Kay Bartholomäus Schulze) nach Worten, probt vor leerem Stuhl ein Gespräch mit seiner Freundin, lässt es aber wieder bleiben. Diese disparaten Menschen befinden sich auf der anderen Seite der Wirklichkeit. Wer keine Spuren mehr wie Selfies auf Facebook oder in den Kommentarspalten der Online-Magazine hinterlässt, wird zum Rätsel, ist irgendwann nicht mehr existent.

Wie untote Dämonen, digitale Zombies bewegen sie sich in Nebelschwaden zu treibenden Elektro-Sounds von Malte Beckenbach über den Boden. Zwanghaftigkeit und Aggression spiegeln sich in den dynamischen Tanzchoreografien Nir de Volffs, die neben seiner Kompagnie TOTAL BRUTAL auch die Schauspieler des Schaubühnenensembles mit einbeziehen. Die Figuren hasten über die Bühne, drehen, winden sich oder hängen verloren in den Gestängen des Bühnenbilds. Solistisch und paarweise werden Anziehung und Abstoßung zelebriert. Dass sich Falk Richter für diese Produktion wieder einen professionellen Choreografen geholt hat, wirkt sich sehr positiv auf die Gesamtästhetik des Abends aus.

Auch die Textparts sind nicht nur auf die Schauspieler beschränkt. Falk Richter hat seine Notizen auf alle verteilt, und im Probenprozess erst zum fertigen Text umgearbeitet. Das wird auch von Regine Zimmermann für eine schöne ironische Einlage genutzt, in der sie aus der Rolle heraus die Probensituation für eine romantische Liebeszene mit vorgestelltem Partner beschreibt. Sie will aber das echte Gefühl und dass der Mann sich für sie interessiert. Für diesen Fall ist der gewünschte Partner im Stück aber wieder zu müde, zu busy oder beides. Das rutscht zwar knapp am Klischee vorbei, mündet aber in einen wunderbar verlorenen Monolog von Ilse Ritter als Fausts Gretchen am Spinnrad.

Das Gebet der verzweifelt Liebenden: „Meine Ruh ist hin / Mein Herz ist schwer / Ich finde sie nimmer und nimmermehr“ leitet eine fast schon spirituelle Wende und Rückbesinnung zu den eigentlichen Werten zwischenmenschlicher Beziehungen hin. Die alternde Schauspielerin bildet mit ihren Worten einen imaginären Raum – wie ihn das Theater auch darstellt – , in dem alles Vergangene, Gefühle wie Menschen, Platz haben und weiterleben. Bis auch sie sich schließlich als Demenzkranke verliert: „Mein armer Kopf / Ist mir verrückt / Meiner armer Sinn / Ist mir zerstückt“. Eine große emotionale Szene.

Never Forever - Premierenbeifall an der  Schaubühne Foto: St. B.

Never Forever – Premierenbeifall an der Schaubühne – Foto: St. B.

Falk Richters Text ist philosophisch grundiert mit dem passenden Überbau im Programmheft. Selbstoptimierung, Neoliberalismus, Psychoanalyse, soziologische Fragen, Einsamkeit, Angst vor Krankheit, Alter und Tod, alle Gedanken dazu finden sich irgendwo im Stück wieder. Was bei aller Kunst aber auch nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass Falk Richter mal wieder an den bekannten Symptomen herumdoktert und dem Internet vielleicht mehr Bedeutung zumisst, als ihm als Versucher der eigentlichen Probleme zukäme. Es wirkt mit Sicherheit potenzierend. Als aktuelle Gesellschaftskritik des Kapitalismus und seiner Auswirkungen ist NEVER FOREVER aber nur bedingt tauglich.

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NEVER FOREVER
Schaubühne am Lehniner Platz
Uraufführung am 09.09.2014
Text und Regie: Falk Richter
Choreographie: Nir de Volff / TOTAL BRUTAL
Bühne: Katrin Hoffmann
Kostüme: Daniela Selig
Musik: Malte Beckenbach
Dramaturgie: Nils Haarmann
Licht: Carsten Sander
Mit: Florian Bilbao, Katharina Maschenka Horn, Johanna Lemke, Ilse Ritter, Chris Scherer, Kay Bartholomäus Schulze, Tilman Strauß, Regine Zimmermann

Dauer: ca. 2 Stunden, keine Pause

Termine:
10.09.2014, 20.00 Uhr
11.09.2014, 20.00 Uhr
12.09.2014, 20.00 Uhr
22.10.2014, 20.00 Uhr
23.10.2014, 20.00 Uhr
24.10.2014, 20.30 Uhr

Weitere Infos: http://www.schaubuehne.de/de/produktionen/never-forever.html/ID_Vorstellung=806

Zuerst erschienen am 10.09.2014 auf Kulura-Extra.

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House for sale – René Pollesch sucht in seinem neuen Stück an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz den subversiven Kern der christlichen Erfahrung.

Das zum Ende der letzten Volksbühnensaison abgesagte Stück Cruel to be Kind von René Pollesch eröffnete gestern Abend – nun unter dem Titel House for Sale – die neue Spielzeit am Rosa-Luxemburg-Platz. Von der ursprünglichen Inszenierung zum Shaekespeare-Zitat „I must be cruel only to be kind” (lt. Schlegel zu deutsch: „Zur Grausamkeit zwingt bloße Liebe mich.“), was aus dem Hamlet stammt, ist nur der Song „Cruel to Be Kind“ des englischen Singer-Songwriters Nick Lowe aus dem Jahr 1979 übriggeblieben.

House for sale an der Berliner Volksbühne - Foto: St. B.

House for sale an der Berliner Volksbühne – Foto: St. B.

René Pollesch hat seine Inszenierung in neuer, rein weiblicher Besetzung geprobt und mit den Drei Schwestern von Anton Tschechow verschnitten. Es ist ein Abend mit dem üblichen philosophischen Pollesch-Mix aus Liebe und Leben in Zeiten des Kapitalismus geworden. Hinzugekommen ist der Glaube und mit ihm der Verrat und die Gewalt. (Zitat: „Mir scheint, der Mensch muss gläubig sein oder muss nach einem Glauben suchen, sonst ist sein Leben leer, leer…“)

Ziemlich leergeräumt ist auch die Bühne – bis auf einen roten Vorhang im Hintergrund. Herbstliches Laub bedeckt passend zur anbrechenden Jahreszeit den Boden. In die Mitte hat Bühnenbildner Bert Neumann ein kleines Holzhaus gestellt, wie es einige Besucher bereits von René Polleschs Münchner Inszenierung Gasoline Bill (Autorentheatertage im DT) her kennen. Zu Beginn überfallen die beiden bewährten Pollesch-Darstellerinnen Sophie Rois und Christine Groß zusammen mit der Schauspielerin Mira Partecke, die auch schon über Pollesch-Erfahrungen verfügt, als Cowgirls in Weiß die Bühne. Volksbühnenurgestein Bärbel Bolle nimmt dagegen erstmal auf einem weißen Gartenstuhl Platz und harrt der Dinge, die da kommen…

House for sale - Bert Neumanns Bühne - St. B.

House for sale. Die Bühne von Bert Neumann Foto: St. B.

Was folgt, ist eine herrlich schräge Persiflage auf eine Szene aus der US-Serie Starsky & Hutch, in der Hutch (in diesem Fall: Sophie Rois) dem finsteren Knastbruder Big Earl (herrlich knarzig: Bärbel Bolle) für Informationen erst den Bauchnabel zeigen und dann auch noch den Drachen machen muss. Ansonsten verfallen die Schauspielerinnen immer wieder in die Rollen von Tschechows Drei Schwestern, von denen wir hier aber zunächst nur zwei zu sehen bekommen. Sophie Rois mimt die überforderte, ständig müde Olga und Christine Groß die Mascha (klänge irgendwie schwul, wie Big Earl aus seinem Stuhl vermeldet). Als fiese Schwägerin Natalja tritt Mira Partecke in Erscheinung, und Bärbel Bolle sitzt als scheinbar nutzlose alte Kinderfrau Anfissa weiterhin im Lehnstuhl.

Gemeinsam beschwören sie als in der Vergangenheit lebende Tschechow-Figuren das Reich ihrer Kindheit, machen Jokes über slawisches Klima, Déjà-vus um das Geld, das man nicht hat. Das Haus ist schlecht eingerichtet und die Bildung auch nicht mehr das, was sie mal war. Trotz Marx‘ Das Kapital blieb die Revolution aus. Folglich ist Bücherschreiben wohl auch keine Lösung mehr. Sie hängen in der Zeitschleife fest und wiederholen sich. Motto: Wiederholung erfordert die größte kreative Kraftanstrengung. Die Schwestern beschließen irgendwas Subversives zu tun, entweder zu heiraten oder sich zu radikalisieren. Man träumt von der Grenzüberschreitung als marodierende Schauspieler.

House for sale an der Berliner Volksbühne Foto: St. B.

House for sale an der Berliner Volksbühne – Foto: St. B.

Pollesch kommt hier wieder vom Hölzchen aufs Stöckchen und zu Naziaufmärschen in New Jersey, gegen die nur Baseballschläger helfen. Gewalt kommt besser als Satire. Es gibt schließlich auch genug schlechte Konzerte gegen Rechts. Das Haus dreht sich, und es ertönt „I Live on a Battlefield“, ein weiterer Song von Nick Lowe. Pollesch vermengt nun geschickt Gewalt, Liebe und die subversive Kraft des Glaubens miteinander. Und zwar nicht die intolerante Gewalt der Liebe der Kirche, sondern die eines ihrer Gründerväter, wenn man soll will, des Apostels Paulus. Hieraus drehen die gut aufgelegten Diskutantinnen schließlich die Schleife hin zu Alain Badiou und dem postkommunistischen Philosophen Slavoj Žižek mit seinen Ausführungen zum Christentum zwischen Perversion und Subversion. Paulus als ersten Leninist sozusagen.

Das sind so Weiterentwicklungen zu Walter Benjamins Theologieansatz aus seinen Thesen über den Begriff der Geschichte. Es geht um den subversiven Kern der christlichen Erfahrung. Dazu wird das Gleichnis vom ungerechten Verwalter eines reichen Herrn aus dem Evangelium Lukas, Kapitel 16, herangezogen, der in Anbetracht seiner Schuld die Schuldscheine der Gläubiger seines Herrn um den von ihm zu Unrecht erhöhten Betrag mindert. Das Fälschen der Schuldscheine wäre hier sozusagen das Subversive. Daraus ergibt sich aber als Grundlage des Christentums nicht die Gerechtigkeit, sondern der Betrug. Umschluss, Kurzschluss, wie man will: Liebe und Religion sind schließlich auch nur Betrug. „From my cold dead hands“ – der Gottesbeweis mündet in einen kleinen Ringkampf zu Countrymusik.

Das Haus und die Diskursschleifen drehen sich noch ein wenig weiter mit blindem Automatismus, Bindung an singuläre Objekte etc. etc. – Buzzword-Bingo, um sich auch mal umständlich auszudrücken. Überhaupt wird wieder einiges an theoretischen Nebelgranaten gezündet. Man meint manchmal, Pollesch nehme sich hier tatsächlich mal selbst auf die Schippe, wie schon die Nabelschau vom Anfang zeigt. Die Kostüme (Tabea Braun) wechseln vom Westernoutfit passend zur Musik zum Batikgewandt. Zum Schluss gibt es noch einen weiteren 70er-Jahre-Hit zur Gitarre. Elvis Costellos „Peace, Love and Understanding“, ein Song aus der Zeit, als man noch auf der Suche nach Licht in der Dunkelheit des Wahnsinns war. „What’s So Funny ‚bout?” Ja, es wird viel gelacht, und man fühlt sich die 90 Minuten hindurch gut unterhalten. Aber – außer bei Bärbel Bolle natürlich – wirkt in diesem neuen Pollesch alles etwas zu handzahm.

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House for Sale
von René Pollesch
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
Uraufführung: 10.09.2014
Regie: René Pollesch, Bühne: Bert Neumann, Kostüme: Tabea Braun, Licht: Lothar Baumgarte, Musikarrangement: Roman Ott, Lars Gühlcke, Soufflage: Tina Pfurr, Dramaturgie: Anna Heesen.
Mit: Bärbel Bolle, Christine Groß, Mira Partecke, Sophie Rois, Tina Pfurr.

Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Termine:
12.09., 13.09., 16.09., 16.10., und 31.10.2014

Infos: www.volksbuehne-berlin.de

Zuerst erschienen am 11.09.2014 auf Kulura-Extra.

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Zum Start der neuen Spielzeit in Berlin. Eine Rückschau und ein Ausblick auf Vergangenes und Künftiges an den fünf Stadttheatern der Hauptstadt. Teil 3: Die Schaubühne

Freitag, September 5th, 2014

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„In unserer digitalisierten Welt, die meist vor zweidimensionalen Bildschirmen stattfindet, ist dieser unmittelbare Moment, virtuell glaubwürdig zu agieren, ohne sich in einer virtuellen Realität zu befinden, Auftrag und Herausforderung des Theaters.“ Thomas Ostermeier in: Zukunft des Theaters. (Veröffentlicht in: TEXT + KRITIK. Zeitschrift für Literatur. Sonderband. Zukunft der Literatur. München 2013) – Text (c) Schaubühne

Die Berliner Schaubühne in der Spielzeit 2014/15 Foto: St. B.

Die Berliner Schaubühne in der Spielzeit 2014/15
Foto: St. B.

Entgegen der Ost-Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz steht die Schaubühne am Lehniner-Platz, tief im alten Westen gelegen, nach der letzten Spielzeit nicht so gut, wie zu Anfang noch erwartet. Anders kann man den stark verminderten Premierenoutput sein Anfang des Jahres nicht deuten. Es ging nach einem sommerlichen, leider leicht verregneten Ausflug Ende August 2013 mit Constanza Macras (Forest: The Nature of Crisis) in den Berliner Müggelwald noch relativ locker mit einer Shakespeares-Inszenierung von Marius von Mayenburg (Viel Lärm um Nichts) und Patrick Wengenroths Fassbinder-Adaption Die bitteren Tränen der Petra von Kant in die Spielzeit 2013/14. Die erreichte ihren Höhenpunkt dann allerdings bereits im Dezember mit Michael Thalheimers außergewöhnlicher Inszenierung von Molières Tartuffe mit Lars Eidinger in der Hauptrolle. Ein Jesusdouble mit strähnigem Langhaar und Hassprediger von Gottes Gnaden.

Der Intendant der Schaubühne, Thomas Ostermeier, wollte mit Überraschungs-Neuzugang Nina Hoss und Rückkehrer Mark Waschke im Januar gleichziehen. Seine Little Foxes, ein alter Broadway-Klassiker von Lillian Hellman, waren aber zu handzahm und glatt inszeniert, als dass sie wirklich überraschen konnten. Statt harscher Kritik an Gier und Neoliberalismus nur wenig wirklich „elaboriertes Vokabular für unsere politischen Wirklichkeiten“ (Originalzitat Ostermeier). Eher musikalisch aufgepeppter Mainstream, zur allgemeinen Massenverwertung freigegeben. Danach herrschte große Leere und Ratlosigkeit an der Schaubühne. Friederike Hellers Inszenierung von Brechts Herr Puntila und sein Knecht Matti musste im März abgesagt werden. Dagegen stehen kleinere Achtungserfolge für die Schauspielstudierenden im Studio mit Brechts Heiliger Johanna der Schlachthöfe sowie Video-Ästhetin Katie Mitchel und Duncan Macmillan mit Atmen, der einzigen Uraufführung der Schaubühnensaison. Eine weitere Inszenierung von Thomas Ostermeier kam nicht mehr zu Stande.

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Foto: St. B.

Auch das Festival Internationale Neue Dramatik F.I.N.D. im April mit der letzten Premiere der Spielzeit, 2666 von Roberto Bolaño in der Regie des Spaniers Àlex Rigola, geriet da allgemein zu brav. Das scheint zu wenig für eine rundum gelungene Spielzeit, wenn man sich derlei hohe Ansprüche an politische wie ästhetische Wirkung gleichermaßen setzt, wie es Thomas Ostermeier in seinem Beitrag zur Zukunft desTheaters für die Zeitschrift TEXT + KRITIK formuliert. Oder Dramaturg Bernd Stegemann in seiner Streitschrift Kritik des Theaters, in der er für ein neues Künstlertheater plädiert, befreit von Zwängen bürokratischer Natur und finanziell bedingten Rechtfertigungen. Für die Umsetzung dieser Überlegungen scheinen sich die Schaubühnenmacher nun eine Art kreative Auszeit genommen zu haben.

Die Institution des Stadttheaters mit dem allgemeinen deutschen System der öffentlichen Subventionierung scheint sich für den renommierten Theaterwissenschaftler Hans-Thieß Lehmann allerdings auf Dauer überlebt zu haben, wenn sie auch nicht gleich von heute auf morgen verschwinden wird. In seinen Ausführungen übers Tragische (Tragödie und dramatisches Theater) betont Lehmann, dass das Tragische Theater „nicht selbst bloß ein ästhetischer Effekt sein“ sollte, sondern sich die Institution Theater immer wieder selbst in Frage stellen muss. „Politisch ist das Theater, wenn es unsere Kategorien verunsichert. (…) Es geht um die Überschreitung, um den Exzess.“ stellte Lehmann Ende August in einem Interview mit der Berliner Zeitung fest. Das deckt sich, selbst wenn man es an der Schaubühne nicht immer sieht, in etwa auch mit den Aussagen des Intendanten Ostermeier und seines Dramaturgen Stegemann.

Die neue Spielzeit an der Schaubühne - Foto: St. B.

Die neue Spielzeit an der Schaubühne – Foto: St. B.

Man kann nicht wirklich sagen, dass die Schaubühne vor den Problemen der Realität die Augen verschließt. Anregende Podiumsdiskussionen zu politischen und ästhetischen Fragen im Rahmen des sogenannten Streitraums prägen das Selbstverständnis des Hauses am Lehniner Platz, wie es auch die eigentlichen Bühnen-Inszenierungen sollten. Der Streitraum 2014/15 wird sich auf  die Suche  nach  der  Demokratie begeben. Öffentlichkeit in Zeiten sozialer Netzwerke und das Misstrauen gegenüber Politik und totaler Überwachung. Die Krise der Demokratie als doppelte Krise der Repräsentation in Gesellschaft und auf dem Theater. Ein Interessantes Thema. Was die neue Spielzeit in dieser Hinsicht bringt, wird man dann ja sehen.

Geplant sind jedenfalls Drama, Tragödie und Komödie gleichermaßen. Wobei das Hauptaugenmerk in der neuen Spielzeit tatsächlich mehr auf dem ernsten Sektor liegen dürfte. Nach einem Ausflug ins Komische mit Patrick Wengenroth und Büchners Leonce und Lena, stehen u.a. Richard III. von William Shakespeare, inszeniert von Thomas Ostermeier, und die Tragödie Ödipus der Tyrann (Sophokles/Hölderlin) in der Regie von Romeo Castellucci auf dem Programm. Castellucci hatte schon mit seiner Hölderlin-Interpretation des Hyperion Ästhetik und Gewalt miteinander verbunden. In Shakespeares Königsdrama geht es für Thomas Ostermeier um Macht, Moral und den Verfall von politischen Eliten.

Gewalt und Ästhetik an der Schaubühne Foto: St. B.

Gewalt und Ästhetik an der Schaubühne
Foto: St. B.

Weiter auf dem Programm stehen Prosawerke von Thomas Bernhard und Christa Wolf. Regisseur Philipp Preuss gestaltet im Studio mit Das Kalkwerk einen Soloabend für den Schauspieler Felix Römer in den Fußstampfen des Holz fällenden Sepp Bierbichler. Für die Inszenierung des Romans Der geteilte Himmel aus den 1960er Jahren der DDR kehrt Armin Petras im Januar 2015 aus Stuttgart nach Berlin zurück. Bereits im November inszeniert Jan Philipp Gloger Ödön von Horváths Theaterstück Kasimir und Karoline und Zeitgenössisches gibt es noch mit den an der Schaubühne bereits gut bekannten Autoren Falk Richter, Rafael Spregelburd und Lars Norén. Zusammen mit der Choreografin Nir de Volff stellt Falk Richter erneut einen Mix aus eigenen Texten und Tanz auf die Bühne. Premiere von NEVER FOREVER, einem Stück über untote Online-Großstadt-Krieger, ist am 9. September. Hausautor Marius von Mayenburg führt im März 2015 mal wieder Regie bei der Deutschen Erstaufführung von Spregelburds Stück Luzid. Die zweite Inszenierung von Thomas Ostermeier im Mai 2015 ist mit Nachtwache eine Fortsetzung von Noréns Drama Dämonen. Die Spielzeit schließt im Juni Michael Thalheimer mit einem Klassiker Maxim Gorkis, dem Sozialdrama Nachtasyl.

Fortsetzung folgt…

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Katie Mitchel inszeniert an der Berliner Schaubühne mit The Forbidden Zone ein feministisch-pazifistisches Statement zum Krieg der Männer in ästhetisch schönen Bildern.

Abschließend gilt es noch von der ersten Premiere der neuen Spielzeit an der Schaubühne zu berichten. Das bereits bei den Salzburger Festspielen Ende Juli uraufgeführte Stück The Forbidden Zone von Duncan MacMillan unter Verwendung von Zitaten von Hannah Arendt, Simone de Beauvoir, Mary Borden, Emma Goldman und Virginia Woolf inszenierte Regisseurin Katie Mitchell in ihrem gewohnten Stil als live gedrehtes Bühnenfilmdrama. Eine eindrucksvolle Demonstration der Kraft der Bilder und Sieg der Ästhetik über das Thema. Die Kunst dominiert hier in einer Weise das Drama, dass die eigentlich erwünschte Verunsicherung der Sehgewohnheiten des Publikums, mittels der Verfremdung durch eine Sichtbarmachung des Schaffensprozesses der Kunst, einer gut funktionierenden Gefühlsmaschinerie aus perfekten Bildern und dramatischen Elementen weicht.

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The Forbidden Zone Foto: Stephen Cummiskey

Im Grunde geht es um die Kriegsgreuel die im Laufe der Weltgeschichte immer wieder von Männern geplant und verübt werden. An denen Frauen aber weder einen direkten noch geistigen Anteil haben. Die ausgewählten Zitate der genannten Künstlerinnen und Frauenrechtlerinnen bezeugen dies in eingesprochenen Passagen. In der Zeit des Ersten Weltkriegs waren Frauen noch von den meisten Entscheidungsprozessen ausgeschlossen, durften weder wählen, noch hatten sie politische oder wirtschaftliche Macht. Das Drama um die Folgen der Erfindung des Giftgases für den Kriegseinsatz durch den jüdisch-deutschen Chemiker Fritz Haber gipfelt hier schließlich in einer doppelten menschlichen Tragödie. Habers Frau Clara Immerwahr, eine ebenfalls promovierte Wissenschaftlerin, kann sich nicht gegen ihren Mann durchsetzen, der die Treue zum Vaterland über die Menschlichkeit und die Verantwortung des Wissenschaftlers stellt. Auch Rolf Hochhuth benutzte diese Geschichte bereits 1990 für sein Drama Sommer 14 – Ein Totentanz.

Nach dem Zweiten Weltkrieg forscht Claire, die Enkelin Habers, in den USA an einem Gegenmittel. Sie sieht sich hier in der direkten Verantwortung. Nachdem die Gelder zu Gunsten der Atomwaffenforschung abgezogen werden und sie aus der Zeitung erfährt, dass das Giftgas des Großvaters Grundlage für Zyklon B und somit für die Vernichtung der Juden war, gerät sie in eine tiefe persönliche Krise. Beide Frauen nehmen sich aus Ohnmacht gegenüber der Tatsache, nicht eingreifen zu können, das Leben. Das verdichtet Katie Mitchel in einem minutenlangen psychischen Kampf der beiden Frauen, deren Schicksale sich auf der Leinwand immer wieder überschneiden. Die Spielszenen werden direkt in dafür originalgetreu nachgebauten Kulissen auf der hinteren Bühne und einem auseinanderschiebbaren Eisenbahnwagon im Vordergrund gedreht.

The Forbidden Zone an der Schaubühne Foto: St. B.

The Forbidden Zone an der Schaubühne
Foto: St. B.

Ein weiteres Bindeglied bildet die Liebesgeschichte eines französischen Soldaten, der durch einen Giftgasangriff schwer verwundet wird, und einer Krankenschwester. Hier diente das Buch The Forbidden Zone der anglo-amerikanischen Schriftstellerin Mary Borden als Vorbild, aus dem auch Luk Perceval für seine Weltkriegspolyfonie FRONT am Thalia Theater Hamburg zitierte. Zusammen ergibt das ein Geflecht aus pazifistischen und feministischen Statements, angedeuteter Feindseligkeit und Übergriffigkeit in den Szenen zwischen Claire und einem amerikanischen Soldaten im Zug sowie einer filmisch erzeugten dramatischer Spannung. Letztendlich tritt die eigentlich gewünschte „affektive und mentale Erschütterung“ der Tragödie (gemäß Hans Thies Lehmann) wieder hinter einen gezielt erzeugten ästhetischen Effekt zurück. Das Stück erzeugt zwar ein gewisses Unwohlsein (und das ist durchaus gut so), fügt aber in seiner schaurig schöne Art dem üblichen, normierten Weltkriegsgedenken nicht allzu viel hinzu.

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The Forbidden Zone
von Duncan MacMillan
Regie Katie Mitchell
Videoregie Leo Warner
Bühne Lizzie Clachan
Kostüme Sussie Juhlin-Wallen
Video Design Finn Ross
Sound Design Gareth Fry, Melanie Wilson
Übersetzung Vera Neuroth
Dramaturgie Nils Haarmann, David Tushingham
Licht Jack Knowles
Mit:
Ruth Marie Kröger… Clara Haber
Felix Römer… Fritz Haber
Jenny König… Claire Haber
Andreas Schröders… Wissenschaftler
Laurenz Laufenberg / Giorgio Spiegelfeld… Soldat
Cathlen Gawlich / Kate Duchêne… Krankenschwester, Wissenschaftlerin
Sebastian Pircher… Amerikanischer Soldat

Kamera Andreas Hartmann, Stefan Kessissoglou, Sebastian Pircher

Die nächsten Termine:

  • 25.10.2014, 20.00 Uhr
  • 27.10.2014, 20.00 Uhr

Weitere Infos: http://www.schaubuehne.de/de/produktionen/the-forbidden-zone.html/m=221

Infos zur Spielzeit 2014/15: http://www.schaubuehne.de/de/spielzeit/index.html

zu Teil 1: DT und BE

zu Teil 2: Volksbühne

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SMALL TOWN BOY – Ein Projekt von Falk Richter im Maxim Gorki Theater

Montag, Januar 13th, 2014

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Während sich Gorki-Schauspieler Thomas Wodianka zu Beginn von Falk Richters neuem Theaterprojekt Small Town Boy gerade genüsslich provokant über die Achselhöhlen und andere Löcher von Mitspieler Alexander Radenković auslässt, will er plötzlich das Wort „Schwuchteltheater“ vernommen haben. Unvermittelt fällt er hier erstmals an diesem Abend aus seiner Rolle und schimpft ins verdutze Publikum. Nun ist diese Szene gestellt. Aber – „wie homophob ist Deutschland wirklich auf einer Skala von 1 bis 10?“ Das fragte zumindest in dieser Woche anlässlich des Outings von Ex-Fußballer Thomas Hitzlsperger der RBB-Sender Radio eins.

Ein Projekt von Falk Richter am MGT - Foto: Esra Rotthoff

Ein Projekt von Falk Richter am MGT
Foto: Esra Rotthoff

Die Medien sind mal wieder voll von Glückwunschdepeschen und Liberalitätsbekundungen. Prominenten-Outing macht sicher Mut, bringt aber noch nicht allzu viel für einen normalen, unaufgeregten Umgang mit Homosexualität und eine breitere Akzeptanz in unserer Gesellschaft. Realistische und kritische Äußerungen zur Lebenswirklichkeit von Schwulen und Lesben in Deutschland sind da eher Mangelware. Aus gutbürgerlichen Gazetten tönt es sogar: „Es sollte nicht so weit kommen, dass Mut dazu gehört zu sagen: ‚Ich bin heterosexuell, und das ist auch gut so.‘“ (Quelle: F.A.Z.) So viel dazu.

Der letzte halbwegs ernstzunehmende Beitrag, die Lebenswelt Homosexueller in Berlin komödiantisch auf die Theaterbretter zu knallen, fand 2002 just hier am Maxim Gorki Theater statt. Noch unter Intendant Volker Hesse – kennt den überhaupt noch jemand – wurde das Stück Karussell von Klaus Chatten – wer kennt den eigentlich noch – uraufgeführt. Das Stück fiel bei der Kritik eher durch, und die zwei Lederschwulen auf der Premiere wurden vom übrigen normalen Hochkulturpublikum merkwürdig von der Seite beäugt.

Die Welt hat sich zwölf Jahre weitergedreht, der Bürgermeister von Berlin ist immer noch schwul, nur ist deswegen nicht unbedingt alles „gut so“ – und besser geworden schon gleich gar nicht. Nun ist der heteronormative Deutsche nicht zwangsweise immer homophob und der Schwule oder die Lesbe natürlich nicht automatisch der/die bessere, liberalere Deutsche. Darum geht es Falk Richter mit seinem Theaterprojekt auch gar nicht. Das schwul/lesbische Selbstverständnis endet nicht mit den überwundenen Schwierigkeiten beim erfolgreichen Coming-Out. Das ist hier lediglich der Anfang.

So nennt dann Falk Richter sein Projekt auch Small Town Boy, nach einem Song der britischen Band Bronski Beat aus den 1980er Jahren, der von einem Jungen handelt, der sein Elternhaus in der Provinz verlässt, nachdem er sich zu seiner Homosexualität bekannt hat. Und es beginnt bei Richter dann genau da, wo es bei Bronski Beat heißt: „Mother will never understand…“. Die fünf Protagonisten des Abends zählen hierbei so ziemlich jedes Klischee männlicher Teenagerpein von unverständigen, überbesorgten und kontrollwütigen Elternteilen auf, was man sich nur denken kann.

Dazu ertönt der besagte Song mit dem eindrücklichen finalen Ruf: „Run away, turn away, … cry, boy, cry“. Auf der Drehbühne des Gorki liegt Flokati und sind Bilder von Schwulenikonen wie Rainer Werner Fassbinder, David Bowie und Annie Lennox zu sehen. Aber auch von der Eisernen Lady Margaret Thatcher oder dem Macho-Bösewicht J.R. aus der 80er-Kultserie Dallas. Erste schwule Identitätssuche zwischen Paddy Kelly, Poesialbum und William S. Burroughs‘ The Wild Boys.

Maxim Gorki Theater Berlin - Foto: St. B.

Maxim Gorki Theater Berlin – Foto: St. B.

Richter hangelt sich in 25 kurzen Szenen wie Intimität und Sprache, Erste Liebe, Warum Liebe weh tut oder Grenzen überschreiten relativ frisch, frech und mit viel Musik am Thema der homosexuellen Identitätswerdung entlang. Und das erinnert zunächst durchaus auch an sein letztes Projekt For the Disconnected Child an der Berliner Schaubühne. Denn ist der Schwule erst mal in der großen freien Stadt angekommen, dreht sich alles plötzlich auch um Karriere, Beziehungsstress, und/oder das Problem der Einsamkeit in einer durchdigitalisierten Welt. Für allgemeine Heiterkeit sorgt dabei immer wieder Niels Bormann, der bereits bei Chattens Karussell mit von der Partie war, wenn er erst beklagt, als Mitvierziger wiedermal nachts um 4 als letzter seinen Anorak an der Garderobe des SchwuZ abzuholen oder seinem Verflossenen die nie verwirklichten Träume einer glücklichen Beziehung nachwirft.

Dabei bleibt Richter dann aber nicht stehen. Auch wenn es noch einmal hochnotkomisch wird, wenn sich Lea Draeger als taffe Managerin der Rüstungsindustrie nach der Härte des Schwanzes ihres Angestellten Murat sehnt und nach einem Analpfropf sowie ein paar Zeilen aus dem Erotikklassiker Shades of Grey verlangt. Der Abend erschöpft sich beileibe nicht allein im Kabarettistischen. Richter benennt in weiteren Spielszenen, wie der eines schwulen Türken (Mehmet Ateşçí), der seinen Liebhaber nicht zur Hochzeit seiner Schwester mitnehmen will, klar alltägliche Schwierigkeiten schwuler Paare in der Öffentlichkeit: beim Entdecken und Bekennen der eigenen Sexualität sowie bei Eifersucht oder Verlustängsten. Einen großen Raum nimmt das Vater-Sohn-Verhältnis mit den üblichen Enttäuschungen, Vorwürfen und der fehlender Anerkennung ein.

Der Abend kulminiert dann aber schließlich in einem zweiten verbalen Wutausbruch von Thomas Wodianka à la „das musste mal raus“. Falk Richter hat ihm einen großen Anklage-Monolog geschrieben, in dem es um den Russen geht, der nicht nur Birken liebt, sondern auch Homosexuelle verachtet und quält, und dessen Präsidenten Putin, der das nicht verhindert und es vielmehr noch mittels Gesetzgebung forciert. Wodianka versteht sein Volk, die Russen, nicht und beklagt mangelnde Solidarität oder etwa die Unterstützung von Opernsängerin Anna Netrebko für Putins Politik und die Ignoranz dessen durch die deutsche Presse. Auch Äußerungen deutscher, christlich-demokratischer Politiker, wie die der Menschenrechtsbeauftragten der CDU, Erika Steinbach, erregen seinen Unmut. Und wie Klaus Chatten in Karussell einst feststellte: „Die Katholiken ficken und schämen sich nachher, die Protestanten ficken und schämen sich währenddessen“ – kommt auch bei Wodianka die bigotte Kirche nicht gut weg.

Das Kapitel nennt sich Frühling der Reaktionäre. Bilder von Wladimir Putin, Angela Merkel, Silvio Berlusconi, Anna Netrebko oder den Mitgliedern der Band Pussy Riot bestimmen nun das Geschehen. Thomas Wodianka redet sich mehr und mehr in Rage. Erstaunlicherweise spricht er dabei auch von den Homosexuellen als ein Volk, was etwas verstört. Angesichts der offenen Ausgrenzung und Diffamierung durch deutsche konservative Kreise als Homolobby, wie etwa durch die Publikationen der Journalistin Gabriele Kuby, die Homosexualität immer noch als therapierbare Krankheit bezeichnet (Lea Draeger zitiert aus Schriften Kubys), ist das aber durchaus verständlich. Die Verstörung und Provokation ist kalkuliert, aber auch auf ganz emotionale Reaktionen aus. Falk Richters Projekt lebt dabei von seinen guten, engagiert spielenden Darstellern, ist offen, direkt, witzig und regt zum Weiterdenken an. Und das ist dann letztendlich auch mal wirklich gut so.

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SMALL TOWN BOY
Ein Projekt von Falk Richter
am Maxim Gorki Theater
Regie: Falk Richter
Bühne und Kostüme: Katrin Hoffmann
Musik: Matthias Grübel
Dramaturgie: Jens Hillje / Daniel Richter
Mit: Mehmet Ateşçí, Niels Bormann, Lea Draeger, Aleksandar Radenković und Thomas Wodianka
Uraufführung war am 11. Januar 2014
Dauer: ca. 2 Stunden
Weitere Termine: 15., 28. 1. | 25., 28. 2. 2014

Weitere Infos siehe auch: http://www.gorki.de

zuerst veröffentlicht auf Kultura-Extra

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A Ballad „For the Disconnected Child“ – Falk Richter versucht in einer multimedialen Inszenierung an der Schaubühne das Publikum mit neuer experimenteller Musik und altbekannten zwischenmenschlichen Problemen zu infizieren.

Mittwoch, Juni 19th, 2013

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Irgendwann gegen Ende dieses bis dahin recht anschlussfähigen fast dreistündigen Abends dreht die Schaubühnendarstellerin Luise Wolfram als daheimgebliebene Ehefrau eines sich im fernen Japan mit thailändischen Prostituierten tröstenden GIs einfach durch und beginnt Zeilen aus dem bekannten Song „The Ballad of Lucy Jordan“ von Marianne Faithfull ins anschlussgestörte Skypephone zu schreien: „Und wie soll ich meinen Tag rumkriegen? Stundenlang das Haus putzen, oder die Blumen neu arrangieren oder nackt durch die Stadt rennen und brüllen.“ Zumindest das Brüllen kommt schon mal ganz befreiend rüber.

Bis dahin war man eher in den üblichen Beziehungsmühlenartigen Bewusstseinsspiralen des Autors und seiner zumeist weiblichen, immer am Rande des Nervenzusammenbruchs befindlichen Protagonisten gefangen. Dann greift der isländische Musiker Helgi Hrafn Jónsson zur Gitarre und die bulgarische Opernsängerin Borjana Mateewa setzt mit dem besagten Song von Marianne Faithfull zum ersten wirklich mitreißenden Höhepunkt des Abends an. „Infektion!“ heißt das Festival, dass die Berliner Staatsoper jährlich neuer experimenteller Musik widmet. Und es beschert der Schaubühne die Heimkehr eines verlorenen Sohnes. Falk Richter, seit zwei Jahren am Düsseldorf Schauspielhaus, ist mit der Inszenierung „For the Disconnected Child“ an seine langjährige Berliner Wirkungsstätte zurückgekehrt.

"For the Disconnected Child" - Ein Multimediaprojekt von Falk Richter an der Berliner Schaubühne. Foto: St. B.

„For the Disconnected Child“
Ein Multimediaprojekt von Falk Richter an der Berliner Schaubühne. – Foto: St. B.

Wenn nichts mehr geht, geht’s mit Musik.

Man weiß an der Schaubühne, dass der Autor und Regisseur ein Händchen für die Verbindung von Sprache mit Musik und Tanz hat. Daher sollte Falk Richters spartenübergreifende Produktion  wohl auch der krönende Abschluss einer an Höhepunkten eher armen Jubiläumssaison sein. An keinem Theater der Stadt wurde in dieser Spielzeit so oft zur Gitarre gegriffen, wie an der ihr 50jähriges Bestehen feiernden Berliner Schaubühne. Friederike Heller inszenierte zum Spielzeitauftakt etwas zu launig das Waits/Burroughs-Musical „Black Rider“, Lars Eidinger stellt zu Shakespeares „Romeo und Julia“ eine knallige Rockband auf die Bühne und Patrick Wengenroth ließ an seinem Fassbinderabend „Angst essen Deutschland auf“ munter Schlager trällern.

Selbst der Hausherr Thomas Ostermeier konnte es sich nicht verkneifen, eine musikalische Version von Thomas Manns homoerotischer Novelle „Der Tod in Venedig“ mit dem Ausnahmeschauspieler Sepp Bierbichler in der Hauptrolle des alternden Schriftstellers Aschenbach zu wagen. Die wehmütig brüchige Sangesstimme von Bierbichler zu Gustav Mahlers Kinder-Totenliedern wurde aber schließlich in einem atonalen Krachgewitter mit schwarzem Ascheregen hinweggefegt. Ein eher hoffnungsloses Unterfangen, so dem normalen Stadttheatergänger experimentelle Musik näher zu bringen. Da war der Versuch einer Hipster-Hausband in Ostermeiers Ibsens-Vergegenwärtigung „Ein Volksfeind“ wenigstens noch unterhaltsam und in jedem Falle massenkompatibel.

Man hatte sich an der Schaubühne wohl gedacht, mit Musik geht’s einfach besser. Oder besser noch, wenn nichts mehr geht, geht’s mit Musik. Dass dem oft nicht so ist, haben auch andere Theater bitter erfahren müssen. Im Staatsschauspiel Dresden stand Hamlet als wütender, Pop- und Rockballaden singender Bandleader auf der Bühne und am Deutschen Theater Berlin schreckte man selbst vor einer 20er-Jahre-Inflationsrevue nach Falladas „Wolf unter Wölfen“ nicht zurück. Beides unter der Leitung des ewigen Regietalents Roger Vontobel. Die Schaubühne steht also nicht ganz allein im Chorus der in der Musik ihr Heil suchenden Sprechtheater. Und da war der Autor/Regisseur Falk Richter bisher durchaus ein Garant für das ästhetische Crossover von Musik, Tanz und Texten mit gesellschaftskritischem Tiefgang, wie seine letzten Arbeiten mit der Choreografin Anouk van Dijk beweisen, die auch immer noch im Programm der Schaubühne zu finden sind.

Wo „Trust“ oder „Protect Me“ noch mehr einem ungezwungenen Work in Progress mit textlich weit ausschweifenden Gedankenexperimenten Richters glichen, in den sich die Tänzer und Musiker ästhetisch gleichberechtigt mit einbringen konnten, zeichnet der Autor für das Multimediawerk „For the Disconnected Child“ nun erstmals allein verantwortlich. Er hat die Texte geschrieben, choreographiert und führt die Regie. Nur die Musik wird ihm von gleich sieben Komponisten beigesteuert. Der Videokünstler Chris Kondek liefert die passenden stimmungsvollen Bilder dazu. Neben Mitgliedern der Staatskapelle Berlin stehen drei Tänzer und drei Opernsänger mit auf der Bühne. Richters Texte verteilen sich auf die Schaubühnendarsteller Ursina Lardi, Luise Wolfram, Franz Hartwig, Stefan Stern und Tilman Strauß.

Das Ensemble von "For the Disconnected Child" beim Premierenapplaus - Foto: St. B.

Das Ensemble von „For the Disconnected Child“ beim Premierenapplaus – Foto: St. B.

Soft Skills and Targets

Und er hat, wie eingangs schon erwähnt, den begnadeten Musiker Helgi Hrafn Jónsson, der nach einer kleinen Ouvertüre der Staatskapelle sofort zur besagten Gitarre greift und mit dem Solo „Soft Targets“ und seiner sanft androgynen Stimme den Reigen der im Programmzettel aufgelisteten Kompositionen eröffnet. Ziel der dann folgenden Texte, die teils zur Musik performt werden oder sich zwischen die einzelnen Stücke pressen, sind die Probleme des hochgezüchteten, in seiner Arbeitswelt funktionierenden Städters bei zwischenmenschlichen Beziehungen, die im Jargon von Personalagenturen auch als „Soft Skills“ bezeichnet werden. Tiefergehende soziale Kompetenzen gehen den meisten Figuren in Falk Richters Kurzepisoden nämlich im Großen und Ganzen ab.

Da sitzt dann z.B. ein Paar (Luise Wolfram und Stefan Stern) unter den Mitgliedern der Kapelle und unterhält sich über Liebe und echte Nähe. Ein angestrengter Diskurs, den letztendlich beide als zu abstrakt aufgeben. Oder Stefan Stern spricht in einem depressiven Solo über die Ängste eines Menschen und dem Riss zwischen ihm und der Welt. Den Begriff Disconnected hat sich Richter aus der Psychologie entlehnt. Es geht um zwischenmenschliche Verbindungsprobleme oder Störungen von Menschen zu ihrer Umwelt. Störungen, die bereits bei Kindern auftreten, die, ganz in ihrer eigenen Welt, unfähig sind, vertrauensvolle Beziehungen überhaupt erst aufzubauen.

Als weiteres Beispiel erleben wir die Fernbeziehung einer vierzigjährigen, alleinstehenden Frau (Ursina Lardi) mit zwei Kindern und ihrer Mutter (Die Sängerin Borjana Mateewa), die im kalten, verschneiten Japan sitzt und als Ersatzsängerin auf ihren Auftritt als Amme in Tschaikowskis Oper „Eugen Onegin“ wartet, während sie zu ihrer einsamen Tochter Kontakt via Skype aufzunehmen versucht. Eine Verbindung, die aber im doppelten Wortsinn ständig gestört ist. „Was man erst kaum ertragen kann, wie schnell gewöhnt man sich daran.“ ist dann auch die nicht besonders tröstliche Feststellung der Mutter und Text der Amme aus dem Opernlibretto.

Eugen Onegin als Missing Link zur heutigen Welt der Singles.

Die Oper „Eugen Onegin“ ist dann auch der Aufhänger, um Theater, Oper und reale Welt miteinander zu verknüpfen. Eine Idee, die nahe liegt, aber auch etwas überstrapaziert wirkt. Der unnahbare Held Onegin, der der offenherzigen Liebeserklärung der jungen Gutstochter Tatjana ausweichend begegnet, um sich alle Möglichkeiten offen zu halten, als erster Egoshooter und Missing Link zur heutigen Welt der Singles. Maraike Schröter und Gyula Orendt singen einige Passagen der Oper im Duett. Ursina Lardi gibt nun die Assessment-Trainerin Tatjana Winter als heutiges Äquivalent der verschmähten Geliebten, die einerseits Managern bei der Optimierung ihrer Soft Skills, wie etwa „Stresstoleranz“ oder „emotionale Kompetenz“ beraten soll, anderseits aber selbst in Beziehungsfragen ständig scheitert. Ein junger schnöseliger Mitarbeiter (Franz Hartwig) der Partnervermittlung eDarling lässt sie später unverblümt ihre Schwervermittelbarkeit beim Optimierungsversuch ihres eigenen Profils spüren.

Und so geht es im Grunde genommen bis zur Pause weiter nur um diese Unmöglichkeit der Beziehungsaufnahme, den Unterschied von emotionaler Ausprägung bei Männern und Frauen sowie deren allgemeiner Verfasstheit im Weiteren. Frauen flehen, heulen, klagen und Männer winden sich in Ausreden, versuchen Peinlichkeiten aus dem Weg zu gehen oder sind eifersüchtig. „Hör auf zu weinen!“ herrscht Tilman Strauß am Telefon und Maraike Schröters Sopran wimmert dazu am anderen Ende. Franz Hartwig wiederum macht seiner auf facebook sehr aktiven Freundin eine Eifersuchtsszene. Aus dem Besuch von Konzerten experimenteller Musik zur Erweiterung des intellektuellen Spektrums oder einer gemeinsamen Affinität zur Oper entsteht nicht zwangsläufig auch eine Liebesbeziehung. „Toll, dass Du so ehrlich bist. Wir sollten mal wieder SMSen, alles so stressig zurzeit.“ Und Tschüss.

Das Produktionsteam von "For the Disconnected Child" um deb Autor und Regisseur Falk Richter (vorne rechts) - Foto: St. B.

Das Produktionsteam von „For the Disconnected Child“ um den Autor und Regisseur Falk Richter (vordere Reihe rechts) – Foto: St. B.

Redundante Permanentlaberei versus Traurige Reflexionen der Einsamkeit

Die emotionalen Verstörungen der Figuren auf der Bühne versuchen die Tänzer in Anziehung und Abstoßung zu übersetzen. Sie winden sich dabei oder stürzen von der Treppe des zweigeschossigen, loftartigen Bühnenaufbaus. Schließlich endet alles in einer gemeinschaftlich schrägen Klangübermalung des Schubertliedes „Gute Nacht“ aus der „Winterreise“. Hörgewohnheiten werden dabei aber nicht gerade radikal über den Haufen geworfen. Was an musikalischer Experimentalität im ersten Teil des Abends nicht eingelöst werden kann, steckt Richter dann in den etwas dichteren aber insgesamt auch düsteren zweiten Teil. Die redundante Permanentlaberei wird nun durch fast schon lyrische Texte abgelöst. Traurige Reflexionen der Einsamkeit und Soli für die überzeugend agierende Ursina Lardi, deren Tatjana erschöpft auf der „Insel der ungebrauchten, ungeliebten Körper“ angekommen ist. Man befindet sich mental in Auflösung, nebulös wandern Möbel oder fährt das Auto ohne einen ins Büro. „The world is so loud sometimes“ heißt es im letzten Klaviersolo von Helgi Hrafn Jónsson. Dem ist nichts mehr hinzufügen.

Nicht durchweg ein gelungenes Experiment, dieser Abend, der erst zum Ende hin musikalisch und ästhetisch etwas abhebt. Falk Richter hat schon wesentlich interessantere Texte geschrieben, und sollte sich wie in „Trust“ oder „Protect Me“ unbedingt wieder einen Partner für die Choreografie suchen. Ansonsten ist alles wie früher an der Schaubühne, nur das wir ein paar graue Haare mehr haben und sich Richter nun an die Mitvierziger im Publikum wendet. Als große Selbstreflexion über die Angst vor der Einsamkeit und die Bindungsunfähigkeit, die Richter anhand des Eugen-Onegin-Stoffs bei seiner Generation festgestellt hat, ist das aber alles ein bisschen dünne. Sein „Disconnected Child“ bewegt sich spielerisch und tänzerisch zwischen ADHD und Autismus. Wie in einem ewigen disconnected mode gefangen. Der Bazillus zur Infektion kann so nicht überspringen.

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Weitere Termine an der Schaubühne:

For the Disconnected Child

  • 20.06.2013, 20.00 Uhr
  • 21.06.2013, 20.00 Uhr
  • 23.06.2013, 20.00 Uhr
  • 25.06.2013, 20.00 Uhr
  • 29.06.2013, 20.00 Uhr
  • 30.06.2013, 20.00 Uhr

Trust

  • 21.08.2013, 20.30 Uhr

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PROTECT ME – Ein getanztes Essay über das Leben an sich

Donnerstag, Oktober 28th, 2010

Falk Richter und Anouk van Dijk an der Berliner Schaubühne

Wenn man alles, was an diesem Abend verhandelt wird, in eine Kritik stecken wollte, würde das ein Essay über das Leben an sich darstellen. Richter schneidet hier so ziemlich alle Themen an, die man sich vorstellen kann. Aber er dreht sich dabei nicht nur um sich selbst, er macht sich zwar seelisch und körperlich buchstäblich nackt vor uns und das meine ich durchaus im positiven Sinne, er zeigt aber auch, das es uns allen so geht. Ich bin gespannt, wie ein jetzt mit 29 Jahren vor Wut fast platzender Jungautor Stockmann mit 40 aussehen wird und welches Lebensfazit er dann zieht.

Am Beginn des Abends ist es alles sehr düster und unklar wo das hingehen soll, als suche man noch nach einer Möglichkeit sich auszudrücken. Begleitet von dumpfen Technoklängen, streben die Protagonisten zu den Mikrofonen und werden mit Soundsalven immer wieder zurückgerissen. Der Autor aus „Trust“ ist auch wieder mit von der Partie. Kay Bartholomäus Schulze sucht nach einem Stück und einem Titel dafür. „Revolutionäre Energien“ oder „Cum till you die fucker“ wie Judith Rosmair irgendwann brüllt und alle Banker bis zum Herzstillstand ficken will.

Der Autor fährt erst mal zu einem Wohlfühlseminar ins ProtectMe-Camp nach Thailand. Dort werden den Opfern der Finanzkrise die Wutattacken weg therapiert. Den Autor plagt aber die Einsamkeit und er ruft seine Freundin an, eine vielbeschäftigte Schauspielerin, die an einer echt authentischen Rolle für einen Nazistreifen probt. Erst langweilt man sich sogar ein wenig mit, aber spätestens mit der Untergangsparodie der Schauspielerin, dargestellt von Judith Rosmair, beginnt man aufzuwachen und nun drehen Richter und van Dijk auf, das einem Hören und Sehen vergeht. Das alles nur angerissen wird und Fragment bleibt ist dabei nicht weiter schlimm, es geht ja eher um die Fragen, die einem vielleicht mal mit 30 bewegt haben und die man sich entweder mit 40 immer noch stellt oder sich vielleicht nie stellen wird.

Eine zweite Ebene wird eingezogen durch dies Szenen des Autors mit seinem senilen Vater (Erhard Marggraf), der eine Kriegsneurose hat und seine Frau vermisst. Sehr schön wenn er seinem Sohn in einer Windelszene Büchner oder Nietzsche vorhält und ungestüm das Paket mit Windeln wegkickt. Die haben schließlich schon in jungen Jahren die großen Themen angepackt, ohne darüber nachzudenken, ob die Zeit dafür reif ist. Nietzsche sagt ja auch, dass er zu früh gekommen wäre. Der Autor im Stück hat von allem mal gehört und auch Teile davon gelesen, aber, aber… Irgendwann delegiert oder projiziert man alles was man nicht schafft auf andere, wie die junge Praktikantin, Treffen mit dem Ex, Frisör- und Therapeutentermin. Dem Therapeuten (Tänzer Philipp Fricke) versucht Judith Rosmair sogar das Beenden ihrer Beziehung überzuhelfen.

Der Generationen-Konflikt und die Angst vor dem Alter, sind ja jedem irgendwie bekannt, der mal die vierzig überschritten hat. Das Thema Fleisch ist auch ein sehr wichtiges in der modernen Gesellschaft. Es gibt die drei Stufen im Stück, jung, knackig, erfolgreich der neue Freund (Stefan Stern) der Schauspielerin, schlaff und ständig müde der Stricher, der vom einsamen Manager aufs Zimmer bestellt wird und erst mal ein Nickerchen braucht. Dann schließlich welk und nicht mehr funktionsfähig, der Vater der gewindelt werden muss. Der Geist ist willig, doch das Fleisch ist schwach oder umgekehrt, in der Jugend wo Geist noch nicht gefragt ist und alles um Äußerlichkeiten geht. Mit dem ständigen An- und Ausziehen wird das plastisch sichtbar. Das Lebensalter und die Stufen der Erfahrung sind das eine, der andere Konflikt ist der Sinn, wofür man lebt und sich engagiert, was man erreichen will. Beispielhaft hier wieder die Suche nach einem relevanten Thema und einem Titel für das Stück des Autors.

Es werden die herrschenden Machtstrukturen und deren Wahrnehmung in der Gesellschaft gezeigt, Finanzkapital, Manager, Therapeut, Praktikant usw. und die Wutfantasien, die ganz unten noch vorhanden sind und weiter oben schon geschickt wegtherapiert werden. Ganz oben kann man sich die Wut sparen, man steht eh über allem und eigentlich außerhalb, das Bild des nicht integrierungswilligen Finanzmanagers, das der Vater im Gespräch mit dem Autor erläutert.

Zwischenmenschliche Beziehungen stehen nach Trust natürlich auch wieder im Vordergrund. Zweifel, das sich nicht entscheiden können, das Fliehen vor Verantwortung, die Unfähigkeit Gefühle zu zulassen und zu zeigen (Sohn vor dem Vater, Liebespaar am Telefon) und die daraus resultierende Unzufriedenheit und Einsamkeit. Die Suche nach Nähe und wieder Abstoßung durchziehen die Choreografie der Tänzer. Sie stützen hier aber auch die Figuren und bilden einen Rahmen für Richters Text. Gemeinsam führen sie den Vater zum Mikrofon. Aus der Suche nach Vertrauen ist ein Schütze mich! geworden. Symptomatisch für die Unfähigkeit einander zu verstehen und die Unsicherheit und der Angst vor dem Scheitern, des sich Verzettelns und davor die großen Themen nicht angepackt und nichts geändert zu haben, ist die Szene wenn der Kay Bartholomäus Schulze von Judith Rosmair verlangt seine Worte ehrlich nachzusprechen, als Rückversicherung auch gehört worden zu sein. „Alles was ich mache besitzt Tiefe“. Das alles sind sehr viele Fragen für einen 2-stündigen Abend. Die Antworten muss nun jeder für sich selbst finden.

Es sind alles in allem aber zu viele Baustellen, die Richter aufreißt, die liegen nun da und man schaut in ein Loch und wartet darauf, dass das mit Inhalt gefüllt wird. Die Kritik ist sich ja schon wieder einig, dass der Abend nicht an „Trust“ heranreicht, ich sehe das eher als fortlaufenden Prozess und der kann ja irgendwann durchaus zu einem Ergebnis führen. Falk Richter gefällt sich vielleicht auch in der Rolle des ewig Suchenden, und in Anouk van Dijk hat er zumindest künstlerisch eine Langzeitpartnerin gefunden.