Archive for the ‘Ferdinand Schmalz’ Category

Zweimal österreichische Dramatik in Berlin – ganz unterschiedlich in Szene gesetzt von Katie Mitchell an der Schaubühne und Matthias Rippert in der Box des Deutschen Theaters

Mittwoch, Oktober 5th, 2016

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Hadern im Hades – Katie Mitchell verfilmt an der Berliner Schaubühne Elfriede Jelineks Orpheus-Bearbeitung Schatten (Eurydike sagt) als feministischen Befreiungsakt einer unterdrückten Künstlerin

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Schatten (Eurydike sagt)
Foto (c) Gianmarco Bresadola

„Das Größte aber ist, nicht geliebt zu werden und nicht zu lieben. Schatten zu Schatten, ich bin nicht mehr da, ich bin.“ Eurydike will nur mehr ein Schatten unter Schatten sein. Das ist die finale Aussage der Orpheus-Gattin im Stück Schatten (Eurydike sagt) von Elfriede Jelinek. Ihre Überschreibung des antiken Sagenstoffs hat man in Berlin bisher in zwei von Männern inszenierten Gastspielen sehen können. Das geriet beim Ex-Burgtheaterintendanten Matthias Hartmann zur knallbunten Pop-Farce mit vielstimmigem Frauenchor, wogegen Jan Philipp Gloger den Eurydike-Text in fünf separate Frauentypen zerlegte. Manchmal braucht es eben eine weibliche Regie-Hand, um das Essentielle aus einem langen Text über männliche Bevormundung zu destillieren.

Die britische Regisseurin Katie Mitchell schafft das mit zwei Eurydike-Darstellerinnen. Während Jule Böwe der antiken Quellnymphe heutige Züge verleiht, liest Stephanie Eidt den gekürzten Jelinek-Text in einer gläsernen Sprecher-Box ein. Das wird in der Schaubühne zum 75 Minuten kurzen aber dennoch großen Leinwandkino. Da treffen sich Alfred Hitchcock und David Lynch, Mystery-Thriller und Film noir zu einem feministischen Befreiungsschlag vor Live-Kamera.

Katie Mitchell greift wieder zu ihrem bewehrten Stil mit live vor Ort gefilmten Spielszenen und eingesprochenem Text, der hier die innere Stimme der zu künstlerischer Untätigkeit im Schatten des Rocksängers Orpheus (Renato Schuch) verdammten Eurydike widergibt. „Ich wünsche mir, was ich nicht kann. Ich kann nicht, was ich mir wünsche.“ Während sie in der Garderobe vor einem Notebook sitzend vergeblich versucht, sich unter Schmerzen Texte abzuringen, muss sie dem erfolgsverwöhnten und „nie nur einen Tag ungefickten“ Sängerstar sexuell zu Diensten sein. Das Set zeigt Eurydike am Rande seines Auftritts. „Mein Werk ist nichts.“ sagt sie verzweifelnd und ist sauer auf die Groupies.

 

Schatten (Eurydike sagt) - Foto (c) Gianmarco Bresadola

Schatten (Eurydike sagt)Foto (c) Gianmarco Bresadola

 

Was folgt ist der giftige Schlangenbiss und die lange Fahrt in einem VW-Käfer mit sprechendem Kennzeichen UW – 8TYX und finsterem Chauffeur (Maik Solbach) durch lange lichtgesäumte Tunnel. Einen Fahrstuhl über 99 Geschosse in die Unterwelt gibt es dann auch noch. Erst trommelt Eurydike noch ängstlich an die Wände ihres dunklen Gefängnisses, findet dann aber doch Gefallen am neuen Schattendasein, zu dem die Lebenden und vor allem die Halbtoten sie nur beneiden können.

Ein wenig Psychologie streut Elfriede Jelinek auch noch unter ihren, wie immer kalauernden Fließtext, der in Katie Mitchells Kurzversion und dem gefassten Vortrag von Stephanie Eidt kaum Stellen der ironischen Brechung bietet und somit wenig komödiantisches Potential entfaltet. Die Frau als von der Mutter ungeliebtes, pathologisches Fashion Victim, das Kleidung wie schützende Hüllen anhäuft und diese nun fast beglückt im Hades wieder ablegt, nachdem sie den Bruch mit dem sie nicht ziehen lassenden Sänger selbst vollzogen hat. Er bleibt zurück, nur noch ein Phantom im Rückspiegel.

„Halt endlich deine Fresse.“ lautet der erlösende Satz, einer von allen Selbstzweifeln befreiten, in sich zur reflektierenden Ruhe gefundenen Schriftstellerin in ihrer nun eigenen Schreibstube. Patin steht hier Virginia Woolf mit ihrem 1929 verfassten Essay A Room of One’s Own, in dem die britische Schriftstellerin über die Bedingungen für Frauen, Literatur schaffen zu können, referiert.

Mitchells Inszenierung bietet einigen Raum zum Nachdenken und führt ihre Auseinandersetzung mit patriarchaler Unterdrückung wie schon in Die gelbe Tapete oder Ophelias Zimmer fort. Fast eine Art Trilogie in ihren Zimmern gefangener Frauenfiguren, die hier ihren finalen Ausweg zwar wieder im symbolischen Tod, aber auch in einer neuen Möglichkeit schöpferischer Tätigkeit findet. Der kurze Abend hält weitestgehend seine live erzeugte Spannung auch mit Hilfe eines treibenden Technobeats, hat aber leider auch ein paar technische Schwächen und dramaturgische Längen zu verdrücken.

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Schatten (Eurydike sagt) – 29.09.2016, Schaubühne am Lehniner Platz
von Elfriede Jelinek
Regie: Katie Mitchell
Mitarbeit Regie: Lily McLeish
Bildregie: Chloë Thomson
Bühne: Alex Eales
Kostüme: Sussie Juhlin-Wallen
Videodesign: Ingi Bekk
Mitarbeit Videodesign: Ellie Thompson
Sounddesign: Melanie Wilson, Mike Winship
Licht: Anthony Doran
Dramaturgie: Nils Haarmann
Skript: Alice Birch
Mit: Jule Böwe, Stephanie Eidt, Renato Schuch, Maik Solbach
Kamera: Nadja Krüger, Christin Wilke, Marcel Kieslich
Boom Operator: Simon Peter
Dauer: ca. 75 Minuten
Premiere war am 28.09.2016 in der Schaubühne am Lehniner Platz
Termine: 09., 10., 11., 14., 15., und 16.11.2016

Infos: http://www.schaubuehne.de

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der thermale widerstand im Spaßbad – An der Box im Deutschen Theater inszeniert Matthias Rippert die Deutsche Erstaufführung des neuen Stücks von Ferdinand Schmalz

der thermale widerstand - Foto (c) Arno Declair

der thermale widerstand
Foto (c) Arno Declair

Wenn die Inszenierungen in den großen Spielstätten im Deutschen Theater Berlin versagen, dann müssen es eben die kleinen richten. Der Widerstand beginnt auch meist im Kleinen und hier – im neuen Stück des Österreichers Ferdinand Schmalz (der ja sprachlich oft mit Elfriede Jelinek oder Werner Schwab verglichen wird) – ausgerechnet in einer kleinen Wellness-Oase, dem städtischen Kurbad. Die tägliche Anbetung der morgendlichen Ruhe durch die Angestellten wird nicht nur durch die Darmgeräusche der Kurgäste gestört. Das Unheil droht, wenn nicht durch den neuen, etwas suspekten Bademeister Hannes (Daniel Hoevels), dann doch mindestens durch die Evaluierung des Bads durch die Investmentberaterin Marie (Anne Kulbatzki) im Auftrag eines Softdrinkriesen (wer würde da nicht an einen österreichischen Großkonzern denken), der alles aufkaufen und das alte Eisen entsorgen will. Und auch der Geologe Dr. Folz (Thorsten Hierse), der das thermale Wasser untersuchen soll, spricht von tektonischen Verschiebungen. Man sitzt also praktisch auf dem Krater eines Vulkans oder Geysirs, der kurz vor dem Ausbruch steht.

Ferdinand Schmalz setzt in seinem neuen Stück der thermale widerstand ganz geschickt (wie schon in der herzlfresser, von Ronny Jakubaschk im letzten Jahr an der DT-Box inszeniert) seine metaphernreiche Sprache ein, um ein gesellschaftliches Phänomen auf einen ganz speziellen Ort zu transformieren. Hier ist es also kein Shopping- sondern ein Wellness-Paradies, dessen die alten Angestellten – wie der etwas verlotterte Bademeister Walther (Michael Goldberg mit speckiger Langhaarperücke) – überdrüssig geworden sind. Der andauernde Wohlstand macht träge und depressiv. Dagegen steht der Neue im Team, Bademeister Hannes, der seine weiße Uniform als Verantwortung und Aufgabe versteht, nicht nur die Badeordnung einzuhalten, sondern seine Erfüllung auch darin sieht, mit Stutzigkeit (herrlich doppeldeutige Wortschöpfung) ein Auge auf die „Freunde einer Unfreiheit“, die das Bad bedrohen, zu haben.

Schmalz‘ kalauernden Wortspiele halten sich diesmal etwas in Grenzen und drehen sich nicht mehr nur ums Essen, sondern vor allem um das liquide Nass des Bads. Der junge Regisseur Matthias Rippert findet dafür schöne klaustrophobe Bilder im Bühnenbild von Selina Traun, das vier schmale, hölzerne Kabinen zeigt, die wie Umkleiden, Sauna, Bad und Büro ausgestattet sind. Der dräuende E-Sound von Robert Pawliczek macht aus Schmalz‘ Revoluzzer-Farce eine Art Psycho-Thriller, der durch das grandiose Spiel des Ensembles nie ins Alberne abgeleitet, aber dennoch viel Witz hat, der sich vor allem in einem schönen Slapstick mit einem im Ökobrei versteckten Verlobungsring äußert.

 

der thermale widerstand - Foto (c) Arno Declair

der thermale widerstandFoto (c) Arno Declair

 

Hier wird selbst die ziemlich verspannte und mit lauter Firmenlogos tätowierte Investmentberaterin Marie unter den Götter-Händen des Masseurs Leon (Harald Baumgartner) weich. Nur der nach der lauthalsen Kündigung durch Kurverwalterin Roswitha (Linda Pöppel) in den Untergrund des Bads abgetauchte Hannes setzt den thermalen Widerstand zur Reinigung der Polis in die Tat um und versperrt die Ausgänge des Bads, das schließlich einfach geflutet wird, um den Abtrünnigen heraus zu spülen und einer peiniglichen Befragung zu unterzeihen.

Hannes propagiert statt der durchlauferhitzten Körperertüchtigung die sinnbefreite Subkultur einer neuen Faulheit. Aber das Umdenken funktioniert hier anders. Mehr in Richtung Erlebnisbad und Luxusbadefreuden für die absolute Badeelite. Mehr in Richtung Erlebnisbad. Schmalz vergleicht das schön mit dem Verlust der Sprache auf dem Theater. Wer würde da in Berlin nicht sofort an die Volkbühne denken. Das Rumoren im Inneren der Badinsassen entpuppt sich schließlich lediglich als Resultat der Pumpernickel-Diät, die nichts Größeres als „Phantomscheiße“ zu Tage fördert.

Natürlich grüßt hier ein wenig Ibsens Volksfeind und ein bisserl Kaukasischer KreidekreisBrecht („dass da gehören soll, was da ist / Denen, die für es gut sind“) hat Schmalz auch noch in seinem Text versteckt. Was bei ihm dann einfach heißt: „Die Bäder, denen die baden.“ So einfach ist das und wiederum auch nicht. Gemeinschaft ist nicht immer progressiv radikal. Der thermale Widerstand des „freien Radikalen“ Hannes wird jedenfalls gemeinschaftlich gebrochen. Recht blutrünstig übrigens mit einem Verweis auf den schwimmenden Souverän Mao und die Hydra mit den nachwachsenden Köpfen. In der neuen Therme wird jetzt jedenfalls tropical gebadet.

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DER THERMALE WIDERSTAND (DT-Box, 30.09.2016)
Von Ferdinand Schmalz
Regie: Matthias Rippert
Bühne / Kostüme: Selina Traun
Musik: Robert Pawliczek
Dramaturgie: Joshua Wicke
Mit: Harald Baumgartner, Michael Goldberg, Thorsten Hierse, Daniel Hoevels, Anne Kulbatzki und Linda Pöppel
Uraufführung im Schauspielhaus Zürich war am 17. September 2016
Berliner DT-Premiere: 30. 9. 2016
Weitere Termine: 8., 15., 22., 27. 10. 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 01.10. 2016 auf Kultura-Extra.

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Herzhaftes deftig serviert – Regisseur Gordon Kämmerer überwürzt die Uraufführung von Ferdinand Schmalz‘ neuem Stück „der herzerlfresser“ am Schauspiel Leipzig

Donnerstag, November 26th, 2015

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der herzerlfresser_schauspiel leipzigNach am beispiel der butter und dosenfleisch hat nun der österreichische Dramatiker Ferdinand Schmalz mit der Uraufführung des Auftragswerks der herzerlfresser am Schauspiel Leipzig seine Stück-Trilogie über Lebensmittelmetaphern vollendet. Es ist wieder eine an poetischer Metaphorik und wild kalauerndem Humor reiche Story um eine kleine Gemeinschaft von Menschen, in die ein geheimnisvoller Fremdling eindringt. Das Herz steht hierbei im Mittelpunkt als organische Pumpe wie auch Gefühlszentrum unseres Körpers und Lebens. Und auch als schaurig schönes Volksstück taugt die einem alten Kriminalfall entliehene Geschichte des Kannibalen von Kindberg in der Steiermark. Dort hatte im 18. Jahrhundert der Knecht Paul Reininger, einem alten Aberglauben folgend, sechs junge Frauen ermordet, um durch das Verspeisen ihrer Herzen unsichtbar zu werden und mehr Glück im Kartenspiel zu haben.

Das heutige Kindberg von Ferdinand Schmalz ist ein verschlafenes Nest am Rande einer Moorlandschaft, die der Bürgermeister Acker Rudi (Michael Pempelforth) trockengelegt und zum Bauland erklärt hat. Seine Herzensangelegenheit ist die Anlockung globaler Investoren und überregionaler Käufer durch den Bau eines Shoppingcenters. Diese moderne Begegnungsstätte zur Kundenbefriedigung soll wieder neues Leben in die Stadt pumpen. Ein Aufschwung erkauft mit den Handschlag-Quali- und Quantitäten ihres Bürgermeisters.

Vorläufig laufen aber nur die Sumpfwasserpumpen, da sich im Neubau des Herzcenters erste Risse gezeigt haben, was nicht nur stinkende Brühe zutage fördert, sondern auch weibliche Moorleichen ohne Herz. Die erste fällt dem beherzten Bürgermeister Rudi und dem Center-Wachmann Gangsterer Andi (Florian Steffens) direkt vom Schnürboden der Diskothek herunter vor die Füße. Damit die Investoren nicht ausbleiben und sich die globale Erfolgsgeschichte zur regionalen Katastrophe wendet, lässt Rudi mit Hilfe des Wachmanns die Leiche wieder verschwinden, und der Hobbykriminologe Andi mit Rundumleuchte auf dem Kopf bekommt den Auftrag den neuen Herzerlfresser zu finden.

 

 der herzerlfresser am Schauspiel Leipzig - Foto (C) Rolf Arnold

der herzerlfresser in der Diskothek am Schauspiel Leipzig – Foto (C) Rolf Arnold

 

Weitere Herz-Schmerz-Angelegenheiten zu laufen haben die Centermitarbeiterinnen Fauna Florentina (Runa Pernoda Schaefer), an die der Andi gern sein Herz verschenken würde, und Fußpflege Irene (Max Thommes), die früher mal René hieß und versucht, sich per handfester Fußzonenreflexmassage einen Weg ins Herz von Rudi zu orakeln. Herzen schlagen höher, schütten sich aus, verlieren sich, und gefrorene Herzen zerbrechen. Lauter einsame Herzen in organischer Trauer. Nur der fremde Pfeil Herbert (Felix Axel Preißler), ein philosophierender Fleischhauer, trägt sein Herz auf der Zunge und bietet das Heilsversprechen einer Liebe, die durch den Magen geht. Das Paradies, was wir verloren haben. Eine Operation am offenen Herzen der zwischenmenschlichen Sprachlosigkeit. Erst im Rausch brechen die Gefühle es aus ihnen heraus. Nach alkoholseliger Einweihungsfeier im Center kommt es zum durchgeknallten Showdown mit Motorsäge, Laserschwert und Pistole.

Hierbei gehen dem Regisseur Gordon Kämmerer nicht nur einmal die Pferde, oder auch mal ein Ziege durch, die als Pappmachéungetüm auf die Bühne gezogen wird. So jagt ein lustiger Regieeinfall den nächsten, begleitet von dröhnenden elektronischen Herzbeats und mächtig Bodennebel. Neben etlichen Slapstickeinlagen wird ein wenig mit Alfred Jodocus Kwak gealbert und fröhlich im Splattergenre gewildert. Dazu kommt, dass die SchauspielerInnen die ganze Zeit in haarigen Tier-Kostümen stecken. Merkwürdige Fellwesen zwischen Affe und Yeti, die sich Schmalz‘ Herz-, Leib- und Magenmetaphern teilen. Kämmerers Hang zur Comedy stößt auf Dauer etwas sauer auf. Was noch bei der Uraufführung des Nolte-Decar-Stücks Das Tierreich bestens funktioniert hat, erschlägt hier fast die poetische Sprachgewalt des Textes. Am 28. November hat die Zweitaufführung von Ronny Jakubaschk am Deutschen Theater Berlin Premiere. Mal sehen, wie deftig das Schmalz’sche Herzragout dort angerichtet wird.

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der herzerlfresser
von Ferdinand Schmalz
Uraufführung
Premiere in der Diskothek im Schauspiel Leipzig: 20.11.2015
Regie: Gordon Kämmerer, Bühne: Jana Wassong, Kostüme: Max Thommes, Dramaturgie: Esther Holland-Merten
mit: Michael Pempelforth, Felix Axel Preißler, Runa Pernoda Schaefer, Florian Steffens, Max Thommes und Maximilian Grafe
Dauer: ca. 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Termine: 25., 28.11. und 16., 30.12.2015

Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de

Zuerst erschienen am 22.11.2015 auf Kultura-Extra.

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Karriere – Die Hamburger LICHTHOF-Theater-Inszenierung von Kathrin Mayr mit Texten von Gerhild Steinbuch, Ferdinand Schmalz und Dirk Laucke gastierte im Berliner Theaterdiscounter

Mittwoch, Juni 24th, 2015

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„Er hat zwei Büros, in Kiel und in Berlin. Und fürs Renommee `ne Villa im Tessin“, sang 1967 Hildegard Kneef in dem Carl Niessen-Song Er setzt mich von der Steuer ab. Das Brettspiel zum Lied hatte bereits 1955 der US-amerikanische Soziologe und Science-Fiction-Autor James Cooke Brown für Parker entwickelt. In der Anleitung zu seinem Brettspiel „Karriere“ heißt es: „Was bedeutet Ihnen Erfolg? Ruhm? Vermögen? Glück? Zum selbstgesteckten Ziel führt die geplante Karriere: durch Widerwärtigkeiten, Mißgunst, jähen Aufschwung, schwierige Entscheidungen.“ Und bei erfolgreichem Durchlauf winkt dann auch der vielbesungene Ruhesitz im Tessin.

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Davon [s.o.] ausgehend haben der deutsche Dramatiker Dirk Laucke, der gerade in Berlin bei den Autorentheatertagen reüssierende Bühnenautor Ferdinand Schmalz und seine österreichische Kollegin Gerhild Steinbuch zu den drei Spielzielen Ruhm, Glück und Vermögen kurze Texte entwickelt, die die junge Hamburger Regisseurin Kathrin Mayr für ihre LICHTHOF Theater-Inszenierung Karriere zu einem recht interessanten Theaterabend zusammengefügt hat.

Karriere vom LICHTHOF Theater - Foto (C) Produktion

Karriere vom LICHTHOF Theater – Foto (C) Produktion

Im Bühnenbild von Fabian Wendling, bestehend aus drei halbkreisförmigen, zum Iglu zusammengestellten Kletterbrücken, hängen die Schauspieler Irene Benedict, Alexander Jaschik und Mathis Kleinschnittger in drei aufgeblasenen, schwarzen Luftanzügen wie kurz vorm Absprung zum Karrierestart. Die im Text von Dirk Laucke als drei Möwen bezeichneten Protagonisten scheinen aber irgendwie zwischen den Sprossen des Gerüstes steckengeblieben zu sein. Am Anfang des Abends dreht es sich dann auch um das fürs allgemeine Karrierespiel unerlässliche Geld, das der eine sich hart und ehrlich erarbeiten muss und dem anderen einfach so durchs Erben in den Schoß fällt. Es geht ums Haben, Nichthaben und Teilen. Denn so richtig glücklich mit seiner Situation ist hier keiner. Den einen plagt der Stolz, den anderen das schlechte Gewissen. Laucke verbindet den durchaus gesellschaftskritischen Diskurs der Drei mit ironischen Seitenhieben auf die Karrieresituation im Theaterbetrieb, den allgemeinen Arbeitsmarkt und die kollektive Selbstoptimierung, als den Gründungsmythos der Freiheit, der schließlich als heiße Luft aus den dicken Anzügen entweicht.

Jeder ist seines Glückes eigener Schmied. Auch so ein neoliberaler Spruch, mit dem man den zweiten Teil des Abends überschreiben könnte. Dabei klettert nun jeder der drei Darsteller auf seiner eigenen gebogenen Karriereleitern herum. Ferdinand Schmalz spielt in seinem Text übers Glück den Werdegang eines Egon Erich genannten Mannes von der Geburt über Matura und Studium bis zum Topseller einer Firma durch. In seiner gewohnt poetisch bis kalauernd daherkommenden Textfläche geht es um die Suche nach dem Glück in der Arbeit, im stetigen Tanz entlang der Karriereleiter, bis sich beim Protagonisten erste Selbstzweifel und Unsicherheiten breit machen. Nachdem mit 30 alles erreicht ist, gerät die Wunschwurstmaschine (Schmalz bleibt seinen Lebensmittelmetaphern treu) ins Stocken. Die Party ist aus, und Egon Erich drängt sich plötzlich mit anderen auf der Brücke, bereit zum Absprung nach unten. „Der Glückswunsch ist eine tanzgeile Sau und das Glück eine Hure.“

Nach dem Lebensmotto des Fernsehmoderators mit dem berühmten (Glücks)Schweinderl Robert Lembke („Anerkennung ist eine Pflanze, die vorwiegend auf Gräbern wächst.“) beschließt im dritten Teil eine Frau, vermutlich auch mit einer mehr oder weniger erfolgreichen Karriere beim Fernsehen – es ist vom Glücksrad die Rede – ihr krankheitsbedingtes Sterben zum medialen Ereignis zu machen. Der Preis für den letzten Ruhm ist der Tod im Rampenlicht. Den Soloauftritt von Irene Benedict unter den nun tunnelartig hintereinander aufgestellten Gerüstbögen kann man sicher als Höhepunkt des Abends bezeichnen. Auch der Text der Grazer Dramatikerin Gerhild Steinbuch ist eine Entdeckung. Die Ausbreitung einer ganzen, poetischen „Emotionslandschaft“. Unter dem Spotlight einer selbstgehaltenen Leuchte spricht die Frau von der Angst des Kontrollverlustes, einem zunehmenden Fremdkörpergefühl und vom würdevollen Sterben. Ironisch gebrochen wird die Pathetik mit Tränen aus zerdrückten Zwiebeln und den höhnischen Kommentaren der Männer von der Seite, die die Frau schließlich wie eine Heilige mit Gaffer-Tape unter die Gerüstbögen hängen. Und zum schönen Bild vom schöner Sterben gibt`s dann noch ein Gläschen Sekt.

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Karriere (19.06.2015)
Texte von von Dirk Laucke, Ferdinand Schmalz, Gerhild Steinbuch
Gastspiel des LICHTHOF Theater Hamburg im Theaterdisconter Berlin
Premiere in Hamburg war am 21.02.2015
Regie: Kathrin Mayr, Bühne: Fabian Wendling, Licht: Sönke C. Herm, Kostüm: Judith Förster
Mit: Irene Benedict, Alexander Jaschik, Mathis Kleinschnittger

Infos: http://lichthof-theater.de/event-reader/events/karriere.html

http://www.theaterdiscounter.de/stuecke/karriere

Zuerst erschienen am 21.06.2015 auf Kultura-Extra.

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dosenfleisch – Die Uraufführung des neuen Stücks von Ferdinand Schmalz zum Auftakt der Autorentheatertage 2015 am Deutschen Theater Berlin

Donnerstag, Juni 18th, 2015

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Bereits zum fünften Mal finden in diesem Jahr die Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin statt. Zu sehen sind in den nächsten zwei Wochen neben zwölf eingeladenen Inszenierungen von Theatertexten aus dem deutschsprachigen Raum und fünf Produktionen des DT vier noch nicht aufgeführte Stücke, die von einer vierköpfigen Jury (bestehend aus dem Publizisten Peter Michalzik, der Regisseurin Jorinde Dröse, der Autorin Nino Haratischwilli und dem Schauspieler Ulrich Matthes) aus 217 Einsendungen ausgewählt wurden. Den Auftakt machte am Samstag im Großen Haus die in Koproduktion mit dem Burgtheater Wien entstandene Uraufführungsinszenierung von dosenfleisch – einem neuen Text des jungen österreichischen Autors Ferdinand Schmalz, der bereits mit seinem ersten Stück am beispiel der butter den Retzdorfer Dramatikerpreis 2013 gewann und mit der Leipziger Uraufführung zu den Mülheimer Theatertagen 2014 eingeladen wurde.

Foto: St. B.

Foto: St. B.

Schmalz setzt mit dosenfleisch seine als Triptychon gedachte Stückanthologie über Lebensmittelmetaphern fort. Im nächsten Jahr wird mit der herzelfresser der dritte Teil wieder am Schauspiel Leipzig uraufgeführt. Nachdem der Autor im ersten Teil am Beispiel der Butter ökologische mit gesellschaftlichen und lebensphilosophischen Themen kurzgeschlossen hatte, gehen seine Untersuchungen nun ganz ins Fleischliche. Wobei er die Verbindung zur allgemeinen Natur auch hier nicht ganz außer Acht lässt. Das titelgebende Dosenfleisch fällt zu Beginn von einem auf der Autobahn umgekippten Laster und legt sich als „Fleischnebel“ aus zerplatzenden Dosen neben einem ebenfalls zerplatzen Falter auf die Windschutzscheiben vorbeifahrender Blechdosen mit menschlichem Inhalt. Daniel Jesch als Fernfahrer breitet in seinem Gebet an den Mittelstreifen diese hochpoetische Fleischallegorie vor uns. Er singt förmlich eine Ode an den Fernverkehr und die Schnelligkeit der Autobahn, die sich ihren Weg drunter, drüber und mitten durch die Wildnis bahnt.

Zur stark rhythmisierten Sprache des Textes schlägt Katharina Ernst den Beat auf einem Schlagzeug, das mitten auf der Bühne steht, die eine Autobahnraststätte darstellen soll. Die ist kein Ziel, eher Unort eines zeitlosen Dazwischen. Hier herrscht im doppelten Wortsinn das Verderben in Form gammelnder Bratwürste und wartender Körper, denen das Verfallsdatum bereits auf der Stirn geschrieben steht. Nur wer in Bewegung ist, vergammelt nicht. Die „Bremsbelegschaft“ aus der Spur Geworfener besteht hier neben dem liegengebliebenen Fernfahrer aus dem nach einer Systematik in den häufig auftretenden Schadensereignissen suchenden Versicherungsvertreter Rolf (Tino Hillebrand) mit einem Aktenkoffer voller Wunden, der geheimnisvollen, ein schnelles Sport-Coupé fahrenden Filmschauspielerin Jayne (Frida-Lovisa Hamann) und der Raststättenkellnerin Beate (Dorothee Hartinger) mit Hang zum Skurrilen. Ihre Arbeitsstätte liegt am früheren Ort des Elternhauses. Die Autobahn durchteilt nicht nur ihr ehemaliges Kinderzimmer, sondern mittlerweile auch ihr Leben.

(c) Deutsches Theater Berlin

(c) Deutsches Theater Berlin

Autor Schmalz betrachtet in seiner sprachspielerischen Autobahnverwurstung die im Schneller und Weiter Gescheiterten wie verkehrstechnische Totalschäden. Lauter Individuen im tiefgefrorenen Wachkoma, für die der Gefühlsstau des grauen Alltags nur über den Unfall aus dem Normalfall führt. Am Rande der Todeskurve kollidieren die „verdellten Körper“ in der Knautschzone „Ich“ und brechen auf wie gecrashte Autos. Ein Ausbruch aus der eingefahrenen Ordnung und Konserve ihrer selbst. Auch wenn es hier und da etwas zu sehr jeline(c)kisch kalauert, hat Ferdinand Schmalz eine philosophisch recht unterhaltsame Bestandsaufnahme des in der Schnelllebigkeit unserer Zeit orientierungslos gewordenen, traumatisierten Menschen geschaffen. Regisseurin Carina Riedl choreografiert diesen Versuch zwischenmenschlicher Verkehrsanbahnung als Sprachtanz mit trommelndem Herzschlagbeat. Nach finalem Schrei und Knall regt sich wieder was unter dem Asphalt, der Haut der Straße. Und wenn es nur Verkehrsschildkröten sind. Fortsetzung erbeten.

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Dosenfleisch
von Ferdinand Schmalz
Regie: Carina Riedl, Bühne: Fatima Sonntag, Kostüme: Dagmar Bald, Musik: Arthur Fussy, Licht: Norbert Gottwald, Dramaturgie: Amely Joana Haag
Mit: Frida-Lovisa Hamann, Katharina Ernst, Daniel Jesch, Tino Hillebrand, Dorothee Hartinger
Uraufführung vom 13. Juni 2015 im Deutsches Theater Berlin
Koproduktion mit dem Burgtheater Wien
Premiere dort am 18.09.2015 im Kasino am Schwarzenbergplatz
Dauer: 75 Minuten

Infos: http://www.deutschestheater.de/spielplan/premieren_repertoire_2014_2015/dosenfleisch/

Zuerst erschienen am 16.06.2015 auf Kultura-Extra.

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Gut geschmiert – „am beispiel der butter“, das Gewinnerstück des Retzhofer Dramapreises 2013 von Ferdinand Schmalz, wurde von Cilli Drexel am Schauspiel Leipzig uraufgeführt.

Donnerstag, März 6th, 2014

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Deine Heimat… Deine Milch! So steht es in großen Lettern über der Szenerie in der kleinen Spielstätte Diskothek hoch oben unterm Dach des Schauspiels Leipzig. Hier wurde jetzt das Gewinnerstück des Retzhofer Dramapreises 2013 am beispiel der butter des jungen österreichischen Autors Ferdinand Schmalz uraufgeführt.

am beispiel der butter - Wenzel Banneyer, Ulrich Brandhoff (Projektion), Runa Pernoda Schaefer (Projektion), André Willmund © Rolf Arnold

am beispiel der butter – Wenzel Banneyer, Ulrich Brandhoff (Projektion), Runa Pernoda Schaefer (Projektion), André Willmund. Foto © Rolf Arnold

In einem kleinen Hochalm-Ort mit angeschlossenem Molkereibetrieb, viel Sonne und Fleischbergen glücklicher Kühe sitzt die Belegschaft am liebsten beim kleinen Frühstück für Champions in der Bahnhofsreste und lässt sich von der Betreiberin Jenny (Henriette Cejpek) einen Klaren nach dem anderen einschenken. Jenny, deren innere Prinzessin schon vor Jahren ganz unbemerkt gegen die Wand gefahren ist, hält gut mit und verschmilzt ansonsten abends daheim mit dem Sofa vor dem Fernseher. Was ihren Stielaugen entgeht, sieht der Hans von der Staatsgewalt und weiß es zu berichten. Am Stammtisch spitzen der Hans und der Huber es dann gemeinsam auf einen Namen zu. Sie haben einen Riecher, wenn irgendwo was sauer wird.

Vor allem ist dem Hans der Futterer-Adi (Ulrich Brandhoff ) nicht geheuer. Wer anderen seinen Mitarbeiter-Jogurt löffelweise in den Mund hineinschiebt, steht außerhalb der Norm. Und was die Norm ist, bestimmen Hans und Huber. Der verhinderte Gesetzeshüter Hans (André Willmund) träumt davon, sein Hobby zum Beruf zu machen, das er gezwungenermaßen derweil noch im Keller ausübt. Der Huber (Wenzel Banneyer) vom Management vertritt die Marketingidee von einem reinen unschuldigen Weiß und sieht sein kantiges Profilgesicht am liebsten in High Definition. Im Herz der Milch sind fremde Kulturen nur Keime, die die Reinheit gefährden. Darum muss der Abtrünnige wieder zurück in die Form gebracht werden. Nein, von so einem wie dem Adi will man sich nicht die Butter vom Brot nehmen lassen.

Der Text des jungen Dramatikers Schmalz (ein Künstlername, wie er betont) ist voll von diesen Milch- und Buttermetaphern. Parallelen lassen sich auch zu den Kalauereien einer Elfriede Jelinek oder zur besonderen Sprachmelodie der Texte des Dramatikerkollegen Ewald Palmetshofer ziehen. Schmalz‘ Butterparabel steht aber nicht nur für einen gewissen Hang zum Sprachwitz, sondern auch für eine philosophisch angehauchte Betrachtungsweise menschlichen Denkens und Handels. Der natürlich reine Ausgangsstoff für das Endprodukt Butter sowie der Produktionsprozess der Butterwerdung selbst – beeinflusst durch die äußeren Gegebenheiten wie Sonne, Alm und Kuh – werden auf interessante Weise ins Verhältnis zum menschlichen Entwicklungsprozess gestellt. Lebende Beispiele dafür sind die einzelnen Protagonisten des Stücks.

Die durch die tristen Lebensumstände deformierte und in Trägheit erstarrte Masse – jeder äußere Einfluss hinterlässt in ihnen Erinnerungsabdrücke wie in einem Stück Butter – findet in der Ausnahme Adi wieder die Bestätigung ihrer Regel. Dem hält dieser Naturbursche in einem Monolog über die Butter die Möglichkeit einer Idee außerhalb der eingepressten Narben entgegen. Neue Ereignisräume will Adi schaffen, nicht einfach nur funktionieren, nicht immer nur erinnern. „Wann kalbt mein Butterich?“ fragt er sich. Karina (Runa Pernoda Schaefer), die neue Molkereimitarbeiterin, fühlt sich innerlich leer, als Unform ins Leben gestürzt. Gemeinsam mit Adi träumt sie von einer neuen Geste der Hoffnung in Form einer menschengroßen geballten Butterfaust.

am beispiel der butter - Henriette Cejpek, Ulrich Brandhoff, Wenzel Banneyer, André Willmund, Runa Pernoda Schaefer © Rolf Arnold

am beispiel der butter – Henriette Cejpek, Ulrich Brandhoff, Wenzel Banneyer, André Willmund, Runa Pernoda Schaefer Foto © Rolf Arnold

Ein kurzes Aufschäumen von Veränderung durchzieht die kleine Welt der Butterberge, bis der Hans den Ausnahmezustand erklärt und die Staatsgewalt mittels Buttersäure in Form von Liquid Ecstasy wieder ins Recht setzt. Das böse Erwachen erfolgt im für österreichische Verhältnisse unerlässlichen, hier weiß gefliesten Keller. Die Inszenierung von Cilli Drexel kommt bis dahin ohne übertriebene Regieeinfälle aus, lässt dem Text Raum sich zu entfalten und drängt sich nicht mit unnützem Aktualitätsfirlefanz auf. Gespielt wird in und vor einer nach vorn offenen Imbissbude mit Rollladen, auf dem Platz für einige Videoeinspielungen ist. Sparsam und passend auch der Musikeinsatz mit Neofolk von Ween („Drifter in the Dark“) oder auch mal einem Wiener Walzer.

Warum Schmalz sich beim Titel für sein Stück von dem wortgewaltigen amerikanischen Schriftsteller David Foster Wallace inspirieren ließ, erfährt man beim Einschub einer besonders poetisch gestalteten Fabel, die von den fünf Darstellern gemeinsam neben den Zuschauerreihen stehend vorgetragen wird. Die alte Geschichte der beiden Frösche, die in den Milchtopf fallen und nicht mehr hinauskommen. Während der eine in der Milch ersäuft, fängt der andere so schnell mit den Beinen an zu treten, dass die Milch zu Butter wird. Während bei Aesop der Frosch damit gerettet ist, greift Schmalz zur Analogie des bei lebendigem Leib ins siedende Fett geworfenen Lobsters aus Wallaces Essay Am Beispiel des Lobsters. Er lässt seinen Frosch beim Anblick der toten Fröschin solange weitertreten, bis durch seine Energie heißer Buttersud entsteht. Trotz eines schlagkräftigen Wutausbruchs gibt es gegen die Überdosis Wirklichkeit der Stammtischler für Adi und Karina kein Erwachen mehr aus dem Buttertraum.

Bei seinen Analogieüberlegungen standen Schmalz neben David Foster Wallace postmoderne Denker wie Giorgio Agamben, Jean Baudrillard u.a. Pate. Dass dabei kein Analog- sprich Kunstkäse herausgekommen ist, liegt einerseits an der leichten Nachvollziehbarkeit seiner Schilderungen sowie in ihrer verblüffenden Doppeldeutigkeit anderseits. Schmalz ergötzt sich nicht in der einfachen Feststellung, er denkt weiter. Vom gleichen Ursprung ausgehend gelangen seine Figuren zu ganz unterschiedlichen Ansichten. Damit ist ihm nicht nur eine kunstvolle Beschreibung der Krise des Menschen in der modernen kapitalistischen Gesellschaft gelungen, sondern auch eine kleine ironische Kritik an deren als alternativlos angesehenen Verhältnissen und ihrer scheinbaren Unabänderlichkeit. Cilli Drexel und ihre großartigen Darsteller übersetzen das in klare, wirkungsvolle Bilder. Kein butterweicher Seelenschmalz, sondern eine rundum gut geschmierte Story.

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NACHTRAG 07.03.14:

Wie heute bekannt wurde, ist am beispiel der butter von Ferdinand Schmalz für den  Mülheimer Dramatikerpreis (Mülheimer Theatertage: 17. Mai bis 7. Juni 2014) nominiert worden. Herzlichen Glückwunsch.

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am beispiel der butter (UA)
von Ferdinand Schmalz
Diskothek Schauspiel Leipzig (02.03.2014)
Regie: Cilli Drexel
Bühne: Timo von Kriegstein
Kostüme: Nicole Zielke
Licht: Veit-Rüdiger Griess
Dramaturgie: Julia Figdor.
Mit: Wenzel Banneyer, Ulrich Brandhoff, Henriette Cejpek, Runa Pernoda Schaefer, André Willmund.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

Weitere Infos: http://www.schauspiel-leipzig.de/buehnen/diskothek/inszenierungen-az/am-beispiel-der-butter-ua/

Zuerst erschienen am 05.03.2014 auf Kultura-Extra.

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