Archive for the ‘FIND #16’ Category

The Dark Ages von Milo Rau beim FIND #16 in der Berliner Schaubühne

Mittwoch, April 20th, 2016

___

The Dark Ages am Residenztheater München - Foto (c) Thomas Dashuber

The Dark Ages am Residenztheater München – Foto (c) Thomas Dashuber

The Dark Ages heißt der zweite Teil der Europa-Trilogie des Schweizer Recherchetheatermachers Milo Rau. Der Abend hatte vor einem Jahr am Residenztheater in München Premiere und war nun beim 16. FIND-Festival in der Berliner Schaubühne zu sehen. Wie schon im ersten Teil The Civil Wars (der 2015 ebenfalls zu FIND gastierte) geht es um den Mechanismus des Erinnerns aus der ganz persönlichen Sicht von Schauspielern und Betroffenen zu einem bestimmten Thema europäischer Geschichte. Ein Theaterabend, der wieder tief in persönliche Geschichten eintaucht und sehr nachdenklich stimmt.

Bühnenbild und szenischer Aufbau sind ganz ähnlich dem beim Züricher Theater Spektakel 2014 uraufgeführten Stück, in dem es um die Entstehung von Extremismus in der bürgerlichen Gesellschaft ging. Wir schauen zunächst auf ein historisches Bild einer antiken Bühnenempore, die sich dreht und das Bild auf den Nachbau des NGO-Büros des bosnischen Menschenrechtsaktivisten Sudbin Musić freigibt. In der als Fünfakter angelegten Inszenierung The Dark Ages erzählen die fünf beteiligten DarstellerInnen, während sie sich mit einer Videokamera gegenseitig filmen, über ihre Erlebnisse während und nach dem Zweiten Weltkrieg bzw. den Balkan-Kriegen in den 1990er Jahren. Nach dem eher aktiv spielerischen Rechercheprojekt Common Ground von Yael Ronen am Maxim Gorki Theater eine ganz andere Art der Vergangenheitsbewältigung.

Viele Familienmitglieder, Freunde und Bekannte aus dem Dorf von Sudbin Musić wurden während des Bosnienkrieges von serbischen Freischärlern umgebracht. Musić selbst überlebte ein serbisches KZ, öffnet heute Massengräber und spricht mit den Hinterbliebenen. „Im Identifizieren sind wir Bosnier weltführend“, sagt er. Für ihn ist der Krieg nicht vorbei, bevor es Gerechtigkeit für die Opfer gibt. Daran zu erinnern, in einer Welt, die schnell vergisst, ist sein Lebensinhalt. Musić zeigt ein Video einer Hochzeitsgesellschaft, spricht vom Tag, als der frühere Serbenführer Radovan Karadzic nicht vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal erschien, weil er es nicht anerkennt und zählt die noch Verbliebenen aus seinem Dorf auf. Er fühlt sich dabei tatsächlich wie der letzte der Mohikaner.

Vedrana Seksan blieb während der serbischen Belagerung Sarajevos mit der Mutter und dem jüngeren Bruder in der Stadt. In der Kälte des Winters, ohne Kohle, oder Brot; und in der Gefahr vor Scharfschützen und Granatenbeschuss ging es immer ums tägliche Überleben. Vedrana leistete schon früh ihren Beitrag als 16jährige TV-Moderatorin und beschämte sogar den damaligen Uno-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali auf einer Silvesterparty mit unbequemen Fragen.

 

The Dark Ages am Residenztheater München - Foto (c) Thomas Dashuber

The Dark Ages am Residenztheater München
Foto (c) Thomas Dashuber

 

Auch die serbische Schauspielerin Sanja Mitrović war Teenager während des Ausbruchs des Krieges. Sie erinnert sich daran, wie plötzlich Bücher von kroatischen Schriftstellern aus dem Unterricht verschwanden und die Eltern ihr das Spielen mit Kindern anderer Nationalitäten verboten. Trotzdem empfindet sie selbst die Zeit des späteren Nato-Bombardements 1999 als die beste Zeit ihres Lebens. Vor allem an die Aufbruchsstimmung nach dem Fall der Milošević-Regierung erinnert sie sich gern. Heute sind die meisten Bekannten im Ausland. Sie selbst spielt nun Theater in Belgien.

Mehr oder weniger gerahmt wird das Ganze durch die an Theaterdramen erinnernde Aktüberschriften „Die Schutzflehenden“, „Die dunkle Zeit“, „Versuch über das Böse“, „Die Lebenden und die Toten“ und „Schöne neue Welt“ sowie die extra für die Produktion komponierte Musik der bekannten slowenischen Rockband Laibach. Sanja und Vedrana berichten gleichermaßen enthusiastisch über Konzertbesuche in Belgrad und Sarajewo nach dem Krieg. Die Musik der Band, die immer wieder Themen und Symbole des Totalitarismus ironisch benutzt und überhöht, hat gerade für die Menschen in den Ländern Ex-Jugoslawiens eine ganz besondere Bedeutung.

Ergänzt werden die Berichte der drei direkt Betroffenen von Erzählungen zweier Ensemblemitglieder des Münchner Residenztheaters. Manfred Zapatka berichtet von den letzten Kriegswochen, in denen er und seine Mutter in Bremen zweimal ausgebombt wurden. Er spricht von seiner schweren Nachkriegskindheit und der sehr engen Beziehung zu seinen Eltern bis zu deren Tod, der noch zusätzlich durch eine Erbstreitigkeit mit dem Bruder überschattet wurde.

Das sich wie ein roter Faden durch den Abend ziehende Thema ist auch eines der persönlichen Verluste. Das wird vor allem in den Berichten der Schauspielerin Valery Tscheplanowa deutlich, die nach der Trennung der Eltern mit ihrer Mutter aus dem russischen Kasan nach Deutschland kam, es anfänglich recht schwer hatte und wenig sprach. Eine Eigenschaft, die sie auch in ihren Schauspielberuf einbrachte, was sich auch in der Arbeit mit Regisseur Dimiter Gotscheff niedergeschlagen hat. Sie erzählt von der gemeinsamen Inszenierung von Heiner Müllers Hamletmaschine, die sie lange am Deutschen Theater Berlin spielten. Und selbst noch kurz nach dem Tod des Regisseurs war sie damit in Kuba, wo Gotscheff als Videoprojektion eingespielt wurde.

Teure Tote im Video sieht man öfter an dieser Aufführung, und trotzdem ist das in erster Linie kein sentimentaler, eher ein nachdenklich stimmender Abend über die Kraft der Erinnerung, wofür auch das Theater einen Beitrag leisten kann. So sprechen dann auch Valery Tscheplanowa und Sudbin Musić, der ähnlich wie Hamlet den Schädel seines exhumierten Vaters in Händen halten musste, Texte aus der Hamletmaschine Heiner Müllers, dem Meister der geschichtlichen Totenbeschwörung. „Each Man kills the Thing he loves“ singt die Band Laibach. Ein Jeanne-Moreau-Cover nach The Ballad of Reading Gaol von Oscar Wilde. Ob das die letzte Erklärung für das Böse in der Welt ist, bleibt fraglich.

***

(c) Schaubühne

(c) Schaubühne

THE DARK AGES 
Regie: Milo Rau
Bühne und Kostüme: Anton Lukas
Musik: Laibach
Licht: Uwe Grünewald
Video: Marc Stephan
Dramaturgie: Sebastian Huber und Stefan Bläske
Mit: Valery Tscheplanowa, Manfred Zapatka, Sanja Mitrović, Vedrana Seksan und Sudbin Musić
Uraufführung im Residenztheater München war am 11. April 2015
Gastspiel beim FIND #16 an der Schaubühne am Lehniner Platz, 16.04.2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.residenztheater.de/

Zuerst erschienen am 18.04.2016 auf Kultura-Extra.

__________

Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 – Armin Petras adaptiert Frank Witzels BRD-Roman für die Berliner Schaubühne

Samstag, April 16th, 2016

___

Schon der Titel ist Ungetüm und Zumutung, das über 800 Seiten starke Buch Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 von Frank Witzel erst recht. Für seinen Roman über einen dreizehneinhalbjähiger Teenager und seine Sicht auf die gesellschaftlichen und politischen Ereignisse des Sommers 1969 in der alten Bundesrepublik bekam Witzel 2015 den Deutschen Buchpreis. Zwar ist die RAF immer wieder Thema von Büchern und Filmen, jedoch hat es etwas gedauert, bis die Aufarbeitung der bundesdeutschen Nachkriegszeit so richtig in Gang gekommen ist. Regisseur Armin Petras und Dramaturgin Maja Zade sicherten sich mangels eines entsprechenden Theaterstücks schon rechtzeitig die Bühnenrechte an Witzels Roman. Die Uraufführung ihrer Romanbearbeitung feierte nun an der Berliner Schaubühne im Rahmen des FIND #16 ihre Premiere.

*

Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 - Foto (C) Thomas Aurin

Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 – Foto (c) Thomas Aurin

Über die Geschichte der untergangenen DDR wurden schon einige Romane geschrieben und für die Bühne bearbeitetet. Auch Armin Petras hat hier Beiträge geleistet, wie etwa eine Adaption des Buchpreis-Romans Der Turm von Uwe Tellkamp für das Staatsschauspiel Dresden, oder von Christa Wolfs Roman Der geteilte Himmel für die Schaubühne Berlin. An den Theatern Gera, Magdeburg und Potsdam gab es kürzlich Bearbeitungen von Lutz Seilers Hiddensee-Roman Kruso. Ob und warum es tatsächlich kaum Dramen zur Geschichtsaufarbeitung von BRD und DDR gibt, lässt sich sicher nicht abschließend klären. Jedoch wäre Armin Petras‘ Autoren-Alter-Ego Fritz Kater dazu sicher auch in der Lage. So kann man sein Stück zeit zu lieben zeit zu sterben durchaus als ein ostdeutsches Pendant zu Witzels Roman lesen. Zumindest dürfte dem Regisseur Armin Petras der wilde, ausufernde Erzählstil von Frank Witzel sehr liegen.

Zunächst fällt aber vor allem das Bühnenbild von Katrin Brack auf, das aus vielen kleinen Kinder- und großen Erwachsenen-Schaufensterpuppen besteht, die im Stil der 1960er und 70er Jahre gekleidet sind. Neben der angedeuteten Kleinstadt-Familienkonstellation sicher auch ein Verweis auf den Frankfurter Kaufhausbrand aus den frühen Jahren der RAF. Im Programmheft ist die Rechtfertigung Warenhausbrandstiftung der damals noch nicht aktiv beteiligten Journalistin Ulrike Meinhof abgedruckt, und in der Inszenierung spricht Jule Böwe Passagen daraus. Meinhofs Text Aktenzeichen XY – aufgelöst – ebenfalls im Programmheft abgedruckt – ist auch so ein Verweis auf die politischen und gesellschaftlichen Zustände der alten Bundesrepublik.

Frank Witzel beruft sich in seinem Roman auf Symbole und „Narrative der Bundesrepublik“ wie Marken und Produkte oder das kultische Sehen von Fernsehsendungen. Schon die Eingangssequenz einer Verfolgungsfahrt in einem Auto Marke NSU Prinz (gebaut 1958-1973) ist voll davon. Wir bekommen sie in der Schaubühne von dem fünfköpfigen Schauspielensemble, Jule Böwe und Tilman Strauß (von der Schaubühne) sowie Julischka Eichel, Paul Grill und Peter René Lüdicke (vom Schauspiel Stuttgart) in grünen Pullis und Jeans frontal in verteilten Rollen erzählt. Tilman Strauß spielt sich immer mehr in die Figur des namenlosen Teenagers hinein. Die anderen geben Freunde, Eltern, Pfarrer, Psychologen oder die mysteriöse Frau von der Caritas, die die kranke Mutter ersetzt.

 

Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 - Foto (C) Thomas Aurin

Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 – Foto (c) Thomas Aurin

 

Im Kleinstadtmief der 1960er Jahre in der bundesdeutschen Provinz fantasiert sich der Teenager aus Witzels Buch die ihn umgebende Welt als cooles Ritter-, Cowboy- und Indianerspiel, in dem er selbst bald die Übersicht verliert und psychisch abstürzt. Bei ihm ist Andreas Baader ein Ritter in schwarzglänzender Rüstung und Gudrun Ensslin nur eine detaillose Indianersquaw aus einer Wundertüte. Das Ensemble trägt in Schlafanzügen die Stationen der Kindheit des Protagonisten vor und spielt einige Szenen aus dem recht unübersichtlichen Plot aus 98 Kapiteln mit vielen Zeitsprüngen und Wechseln des Erzählstils, bestehend aus verhörartigen Gesprächen, Therapiesitzungen, eingangs erwähnten Action-Szenen, inneren Monolog und philosophischen Abhandlungen.

Das alles kann eine Theaterinszenierung natürlich kaum innerhalb von knapp zweieinhalb Stunden bewältigen. Petras konzentriert sich dann auch nur auf die Geschichte des Heranwachsenden und lässt die zurückblickende Perspektive des Erwachsenden etwas aus dem Blick. Als Unterstützung hat sich der Regisseur die Stuttgarter Postrockband Die Nerven geholt, die gut abgehangene Rockmusik im Stile der 68er-Zeit spielt, aber auch den Schritt vom Hippietum der 60er zum Hardrock der 70er vollzieht. Für Witzel auch der Übergang der RAF von den Anfängen zum Weg in den Untergrund.

 

Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 - Foto (C) Thomas Aurin

Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 – Foto (c) Thomas Aurin

 

Dagegen verschneidet Petras Szenen aus dem spießigen Familienleben mit Schlagern von Willy Schneider, die Paul Grill hinrappt, und der von Tilman Strauß vorgetragenen Philosophie der Durchreiche in der Wohnkultur der 1950er Jahre. Eine Slapstickparade aus witzigen Szenen mit Polizeimützen, Uniformen, Indianerkopfschmuck und einer Polonaise durch den Schaufensterpuppen-Parcours. Es fehlt nur noch eine Wasserpistole und echte Silly-Putty-Knete.

Wie ein Kaleidoskoprohr nach dem Schütteln immer wieder ein anders Bild ergibt, verändert sich auch mehrfach die Perspektive des Teenagers zu seiner Geschichte, was Petras eben in ein etwas zielloses Aneinanderreihen von Best-of-Szenen übersetzt. Erwähnenswert sind da die Interpretation des Beatles-Album Rubber Soul als christliche Passionsgeschichte oder ein Beichtszene durch ein Sieb. So ist neben der Popmusik auch die katholische Erziehung ein weiterer Einfluss in der Kindheit des Protagonisten.

Etwas unter gehen die philosophischen Aspekte, die Petras als kleine Monologe einstreut wie ein Vortrag über die Nachkriegs-Fleckentfernerpolitik der BRD zur Reinwaschung von jeglicher Schuld und eine Abhandlung über Wörter mit hohem Nazifaktor. Die echte Geschichte der BRD flimmert derweil auf der Videoleinwand, und das Ensemble stellt berühmte Protesttableaus wie die Kommune 1, Jimi Hendrix oder auch Jubelperser und den Kniefall Willy Brandts nach. Merklin oder Fleischmann, Beatles oder Stones, Gut oder Böse – die Zerrissenheit des Jungen lässt sich hier auf der Bühne nicht wirklich einfangen, und Armin Petras landet schließlich mit seiner durchaus witzigen Inszenierung etwa auf dem Niveau von Rainald Grebes Westberlin-Revue am gleichen Ort.

***

DIE ERFINDUNG DER ROTEN ARMEE FRAKTION DURCH EINEN MANISCH-DEPRESSIVEN TEENAGER IM SOMMER 1969 (Schaubühne am Lehniner Platz, 09.04.2016)
Theaterfassung von Armin Petras und Maja Zade
Regie: Armin Petras
Bühne: Katrin Brack
Kostüme: Annette Riedel
Video: Rebecca Riedel
Dramaturgie: Katrin Spira, Maja Zade
Licht: Erich Schneider
Mit: Jule Böwe, Julischka Eichel, Paul Grill, Peter René Lüdicke und Tilman Strauß
Live-Musik: Die Nerven
Uraufführung war am 9. April 2016
Weitere Termine: 11., 12. 4. / 8., 29. 5. 2016
Koproduktion mit dem Schauspiel Stuttgart

Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de

Zuerst erschienen am 09.04. 2016 auf Kultura-Extra:

__________

Das FIND #16 in der Berliner Schaubühne startete mit zwei Kurzdramen von arabischen Autoren

Samstag, April 16th, 2016

___

FIND #16, das Festival Internationale Neue Dramatik an der Berliner Schaubühne, setzte zu Beginn einen kleinen Schwerpunkt mit Kurzdramen arabischer Autoren. Eröffnet wurde das Festival am vergangenen Donnerstag mit dem ägyptischen Stück The Last Supper von Ahmed El Attar, der auch selbst die Regie führte. El Attar ist Theaterregisseur, Autor und Übersetzer und sehr gut vernetzt in der Kairoer Theaterszene. So ist er u.a. auch künstlerischer Leiter der Temple Independent Theatre Company und des Falaki Theaters. Außerdem leitet er das von ihm mitbegründete Theaterzentrum Emad Eddin, das Proben- und Trainingsräume sowie Residenzen an Performer in Kairo zur Verfügung stellt.

 

Foto: St. B.

Foto: St. B.

 

In seinem Stück The Last Supper stellt der Autor eine reiche Kairoer Großfamilie in den Mittelpunkt der Handlung. Im Hause des Familienpatriarchen, einem einflussreichen Industriellen, treffen sich die Kinder mit den Ehepartnern und Enkeln zu einem geselligen Abendessen. El Attar beleuchtet einige Jahre nach dem Arabischen Frühling und der Revolution auf dem Tahrir-Platz die Sicht der oberen Zehntausend auf den gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Wandel in Ägypten.

Es ist eine recht bittere Bestandsaufnahme. In Form einer galligen Farce mit komischen und entlarvenden Elementen stellt El Attar die überkommenen Denk- und Verhaltensweisen der etablierten wirtschaftlichen Eliten in den Kontext von Tradition und Moderne. So teilt sich die Familie in einen traditionell religiösen Teil, der mit dem Vater und Schwiegersohn Mido zwar die Riten des Islam befolgt, aber auch für den eigenen Reichtum betet und alles aus der Sicht, ob es Profit verspricht, beurteilt. Dagegen pflegt Sohn Hassan ein freies Künstlerleben mit westlicher Musik und dem Traum vom Harley-Fahren. Allerdings gibt er nur vordergründig den „Blowin‘ in The Wind“ spielenden Bob Dylan, während er ansonsten gelangweilt das Personal drangsaliert und demütigt.

 

The last Supper_Foto (c) Mostafa Abdel Aty

The last SupperFoto (c) Mostafa Abdel Aty

 

Auch Tochter Mayoush und Schwiegertochter Fifi haben zwei Seiten. Trägt Mayoush auch westliche Mode und schwärmt vom Paris, so hat sie doch bei ihrem Ehemann Mido nicht viel zu melden, während Ehefrau und Mutter Fifi zwar Kopftuch trägt, aber sich bestens mit Smartphone, Apps und Instagram auskennt. Was den Familienmitgliedern allen gemeinsam ist: sie schauen auf die in ihren Augen Minderbemittelten – wie das Kindermädchen von Fifi oder die Bediensteten des Vaters – herab. Auch Äthiopier oder Thailänder, die im Land arbeiten, werden rassistisch beurteilt.

Zur Familienfeier gesellt sich noch der General, ein Freund des Vaters, der die alte politische Herrschaft repräsentiert. Er verschafft sich Respekt durch seinen über Jahre erreichten Einfluss und weiß kleine Gefälligkeiten durch Beziehungen zu erweisen. Befragt nach dem Wandel im Land, ist für ihn alles nur eine Frage der Zeit, bis wieder Ruhe und Ordnung einziehen.

Die Gespräche sind zum großen Teil sehr oberflächlich und drehen sich um die besten Geschäfts- und Einkaufsmöglichkeiten im Ausland, Unterhaltungselektronik oder Fitness. Die Männer dominieren in ihrer angestammten Position und sehen die sexistischen, gewalttätigen Ausfälle von Hassan eher als Kavaliersdelikt oder setzen verbal noch eine drauf. Hier fehlt es ein wenig an einem entsprechenden Gegenpart. Die Oberschicht gärt in ihrem eigenen Fett.

Immer wieder lässt El Attar das Szenenbild an der Tafel, die auch dem titelgebenden Gemälde von Leonardo da Vinci nachempfunden ist, minutenlang zu einem orientalisch klingenden Elektrosound einfrieren sowie einen Rinderkopf und Geflügel auftragen. Alle Figuren sind eher bigott und konsumorientiert. An einem demokratischen Wandel scheint das ägyptische Großbürgertum nicht wirklich – und wenn, dann nur aus Eigennutz – interessiert. Ein gut skizziertes, aber auch bedrückendes Gesellschaftsportrait, das wenig Hoffnung für einen echten Wandel in der arabischen Welt lässt.

**

Gerade erst waren Videobilder der syrischen Stadt Homs in Frank Castorfs Inszenierung von Friedrich Hebbels Judith an der Berliner Volksbühne zu sehen. Homs, die Stadt des antiken Sonnenkults, oder wie sie der syrische Autor und Theaterregisseur Anis Hamdoun nennt, die Stadt der Sonne. In seinem im letzten Jahr beim Theaterfestival „Spieltriebe“ in Osnabrück uraufgeführten Kurzdrama The Trip träumt der Protagonist Rami, der vor dem Bürgerkrieg nach Deutschland geflohen ist, von der Sonne und dem blauen Himmel seiner Heimatstadt, die sich in Farben und Geschmack nur noch in seinem täglichen Frühstück mit traditionell weißem anstatt gelbem Käse aus Deutschland oder im arabischen Kaffee mit Kardamon manifestiert. Rami ist Flüchtling in Deutschland und steht vor einem Neuanfang, der ihm auch Ängste bereitet, da seine Ausbildung hier nichts gilt.

 

The Trip - Foto (c) Maik Reishaus

The TripFoto (c) Maik Reishaus

 

So ein Neubeginn ist Anis Hamdoun, dem ausgebildeten Schauspieler und Regisseur, der 2013 nach Deutschland kam, erstaunlich schnell gelungen. Als Praktikant am Theater Osnabrück bekam er sofort die Chance mit Schauspielern zu arbeiten. Ergebnis ist das vorliegende Stück, das nun beim FIND #16 in der Schaubühne gastiert und auch in den regulären Osnabrücker Spielplan aufgenommen wurde. Das Interesse an den Ereignissen in Syrien und der arabischen Welt ist nach wie vor hoch, und The Trip schafft es ohne viel Betroffenheitsgetue, die Situation von Flüchtlingen in Deutschland ganz anschaulich zu beschreiben. Nachdem gerade das Internet und soziale Netzwerke einen gewissen Anteil am Durchbruch des Arabischen Frühlings hatten, konnte das Stück dann auch im Januar das virtuelle Theatertreffen auf nachtkritik.de für sich entscheiden.

Nur ganze 40 Minuten dauert Anis Hamdouns The Trip. Aber das Stück hat es in sich. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes ein gedanklicher und spielerischer Trip zurück nach Homs, das auch die Heimatstadt des Autors ist. Es spiegelt seine Erinnerung an das Leben vor und während des Arabischen Frühlings in Syrien, den Hamdoun mit seinen Freunden erlebt und dessen Ereignisse nur er überlebt hat. In dem autobiografisch geprägten Stück erstehen die Toten wieder auf und suchen das Alter Ego des Autors, den wie er aus Syrien geflüchteten Rami (Patrick Berg) in Deutschland heim. Sie bewohnen faktisch mit ihm ein kleines Zimmer, das Mona Müller nur ganz spartanisch angedeutet hat, etwa mit einem von der Decke herunterhängenden Vorhangquader, in dem am Beginn Marius Lamprecht als Videofilmer Saleem steht, oder einem am Boden festgehefteten Stoffschlauch aus dem sich Anja S. Gläser als dessen Schwester Sarah schält.

 

The Trip - Foto (c) Maik Reishaus

The TripFoto (c) Maik Reishaus

 

Die Enge des Zimmers fliehend rennt Rami immer wieder im Kreis durch die Nacht, obwohl er sie nicht mag, um mit den Toten zu reden, um sie in Deutschland mit seinen Verordnungen und Paragrafen nicht zu vergessen. Er fühlt sich schuldig, überlebt zu haben. Die Stimmen seiner Freunde manifestieren sich in seinem Kopf und nehmen hier auf der Bühne ganz konkret und in einem Videofilm aus der Heimat (Nawar Bulbul als Mohammed) Gestalt an. Sie erzählen vom gemeinsamen Traum von Freiheit und ihren Berufswünschen, die sich für Sahra als Sanitäterin und Saleem als Videofilmer der Demonstrationen auf den Straßen Homs verwirklichen. Hier finden sie ihre Bestimmung, auch wenn sie später während der Folter durch Geheimdienstleute des Assad-Regimes oder – wie Mohammed, ein Student aus Homs, durch eine Granate – ihr Leben verlieren.

Ihnen und ihrer Geschichten hat Anis Hamdoun mit diesem Stück ein Denkmal gesetzt. Und sich selbst versucht zu beantworten, wer er ist und was er in Deutschland für seine Heimat Syrien machen kann. Das ist präzise und eindrucksvoll gespieltes Theater und gut und wichtig, dass es hier beim Berliner FIND zu sehen ist. Weitere Gastspiele in Frankfurt, Karlsruhe und München werden folgen.

***

THE TRIP (Studio der Schaubühne, 08.04.2016)
Text und Inszenierung: Anis Hamdoun Bühne: Mona Müller Kostüme: Anna Grabow, Miriam Schliehe Dramaturgie: Elisabeth Zimmermann
Mit: Patrick Berg (Ramie), Anja S. Gläser (Sarah), Marius Lamprecht (Saleem), Nawar Bulbul (Mohammed, im Video) und Zainab Alsawah (Gesang)
Dauer: ca. 40 Minuten
Uraufführung am Theater Osnabrück war im September 2015
Berlin-Premiere: 8. 4. 2016 Weiterer

Termine in Osnabrück: 3. 5. 2016

THE LAST SUPPER (Schaubühne am Lehniner Platz, 07.04.2016)
Konzept und Regie: Ahmed El Attar (Ägypten) Bühne und Kostüme: Hussein Baydoun Licht: Charlie Aström Musik: Hassan Khan Sound: Hussein Sami
Mit: Boutros Boutros-Ghali, Mahmoud El Haddad, Ahmed Farag, Mona Farag, Mohamed Hatem, Ramsi Lehner, Nanda Mohammad, Sayed Ragab, Abdel Rahman Nasser, Mona Soliman und Marwa Tharwat
Berliner Premiere war am 7. April 2016
Weiterer Termin: 9. 4. 2016
Eine Produktion der The Temple Independent Theatre Company in Kooperation mit Tamasi Collective Gastspiel im Rahmen von FIND #16

FIND #16
Vom 07.04. – 17.04.2016
Weitere Infos siehe auch: http://www.schaubuehne.de

Zuerst erschienen am 09.04. 2016 auf Kultura-Extra:

http://www.kultura-extra.de/theater/spezial/FIND16_thelastsupper.php

http://www.kultura-extra.de/theater/spezial/FIND16_thetrip.php

__________