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Pimp my Car oder mit Sloterdijk auf dem Rücksitz – Das Jubiläums-F.I.N.D. an der Berliner Schaubühne

Samstag, März 19th, 2011

Das Festival Internationale Neue Dramatik ist im 10ten Jahr und Schaubühnen-Hausherr Thomas Ostermeier bot innerhalb von 10 Tagen alles auf, was zur Zeit international Rang und Namen hat. Neben Festivalgrößen der letzten Jahre wie Wajdi Mouawad mit seinem neusten Stück „Zeit“, Alvis Hermanis mit „Schukschins Erzählungen“ und Rodrigo Garcia mit einem Solostück für Lars Eidinger, sind Raritäten wie der israelische Autor Hanoch Levin in der Regie von Yael Ronen und Neuheiten von Autoren wie Paul Brodowsky und Marie NDiaye oder jungen Regisseuren wie Johannes von Matuschka und Kirill Serebrennikov am Start. Das alles findet diesmal fast ausnahmslos mit bereits fertigen Inszenierungen statt, szenische Lesungen wie in den letzten Jahren sind leider Mangelware. Dafür gibt es Workshops für junge Regisseure  und Stückeschreiber, deren Ergebnisse rund um das offizielle Programm zu sehen sind. Zwei der neuen Stücke sind Hausproduktionen und gehen dann auch in den Spielplan der Schaubühne über.

Im Stück des argentinischen Autors Rodrigo Garcia „Soll mir lieber Goya den Schlaf rauben als irgendein Arschloch“ hebt ein Vater all sein Geld (2.000,- €) von der Bank ab und bricht mit seinen zwei Söhnen, die eigentlich lieber ins Disneyland Paris wollen, zu einem Trip nach Madrid auf, um nachts in den Prado einzusteigen und sich die Gemälde von Goya anzusehen. Aber nicht einfach nur so, sie machen einen ganzen großen Kult daraus im Glitzer-Taxi, das auf der Bühne steht, mit Rotwein, Seranoschinken und Philosophie bis zum Abwinken. Denn es fährt noch der Großphilosoph Peter Sloterdijk auf dem Rücksitz mit, den man mit lukullischen und monetären Versprechungen nach Madrid gelockt hat. Ganz große Kunst also, nicht einfach nur Fußballstadion und Bier saufen, nein der kleine Mann geht stilvoll zu Grunde.
Eine Paraderolle für Lars Eidinger, im Bärenfellkostüm monologisiert er sich durch den schrägen Text von Garcia. Zu Anfang fallen ihm kiloweise Bücher aus dem Pelz, befreit von all der kulturellen Last, philosophiert er frei über den (Un)Sinn des Lebens und verfehlte Kindererziehung. Der Nachwuchs ist nicht besonders begeisterungsfähig und hält nicht viel von dem Plan in Madrid nur Bilder von Goya anzusehen, aber Papa hat für genügend Unterhaltung inklusive Drogen und geplantem Puff-Besuch gesorgt. Der vom Flieger abgeholte Sloterdijk steckt auf der Bühne in einem Sack und verheddert sich auf Band in seinen eigenen Kunst-Phrasen.
Eidinger geht in die Vollen, legt Technosound auf, der direkt in die Magengrube wummert, balanciert auf Büchertürmen und pflanzt die Bücher zum Schluss wie kleine Gräber auf den Kunstrasen, die er liebevoll gießt. Ein Abgesang auf „Sinn und Verstand“ unserer Gesellschaft, der Sturz ins 100%ige Chaos ohne irgendeine Absicherung. Rodrigo Garcia hat eine schöne kleine Satire über verlorene Werte und die Sehnsucht nach einem echtem Leben in einer medial zugemüllten Welt mit jeder Menge selbsternannter Heilsbringer und Propheten geschrieben.

Ein Bärenkostüm gibt es auch in der zweiten Schaubühnenproduktion „Regen in Neukölln“ des jungen Autors Paul Brodowsky in einer Inszenierung von Friederike Heller. Der Autor schickt 6 mehr oder minder verstörte Figuren und einen Stadtfuchs durch die Berliner Sommernacht, immer wieder zusammenprallend, den Staub der Pflastersteine schmeckend und sich schließlich im alles reinigenden Regen wieder findend.
Entfernt erinnert das an Schimmelpfennigs „Auf der Greifswalder Straße“. Hier nun das Gegenstück, das alten West-Berlin, in dem sich der schwerst berlinernde Taxifahrer Karl-Heinz (Ernst Stötzner) und ein Scherenschleifer (Sebastian Nakajew), dem ein Fuchs einst in den Trümmern Berlins den Finger abgebissen hat und der nun im besagten Eisbärenkostüm auf der ständigen Suche nach einem Stadtfuchs ist, schon lange nicht mehr zurecht finden. Dieser ganz kultivierte Fuchs (Niels Bormann) sitzt auf den als langen Laufsteg die Bühne ausfüllenden Berliner Gehwegplatten und lässt sich im Anzug die Reste der anderen mit Messer und Gabel schmecken.
Hanife (Eva Meckbach) ist ein selbstbewusste junge Araberin, die mit dem als Model verdienten Geld ihren Vater Ibrahim (Urs Jucker) aushalten muss, der natürlich als Mann darunter leidet und alle Leute mit zweifelhaften Geschichten um Geld anpumpt und ständig nach Hause telefonieren will. Franz Hartwig und Luise Wolfram sind ein junges Pärchen, das sich in der Disco kennen lernt und nicht richtig zueinander finden will. Marten, der Computer-Freak, verfällt dabei ständig in ein Art jandelndes Buchstabenwechsel-Kauderwelsch und das Disco-Girl Ella ist schon wieder auf dem nächsten Trip und landet schließlich vor Kallis Taxi und auf dem harten Bordstein. Überhaupt scheint Sprache hier das Problem und Kommunikation eher die Missverständnisse noch weiter zu befördern. Der Stoff (oder Stiff) ist leider oft etwas dünn, aber nicht uninteressant. Friederike Heller nimmt es locker und versucht Figuren und Stück in eine leicht übertriebene Komik zu retten.

Komik ist auch das Hauptelement im Stück „Morris Schimmel“ des leider früh verstorbenen israelischen Autors Hanoch Levin in der Regie von Yael Ronen, bekannt durch ihre Inszenierung „Die Dritte Generation“. Hier ist es die zweite, die sich noch nicht von den Eltern, den Überlebenden des Holocaust emanzipiert hat.
Der 40jährige Morris lebt noch bei seiner Mutter Tollebraine, die ihn liebevoll bevormundet und damit noch seine Antriebslosigkeit befördert. Mit seinen Kumpeln lebt er in den Tag hinein und hat große Pläne von einer Heirat mit seiner Nachbarin Choledonka oder einer Reise nach Schweden. Als sein Vater Gumperts stirbt bricht für die Mutter ein Welt zusammen und es wird noch einmal einige Zeit vergehen, bis Morris nach dem Tod der Mutter endlich Israel verlässt und nach Schweden aufbricht. Nach seiner Rückkehr ist alles wie zuvor, nur das alle älter sind und die junge Joggerin, der er immer nachgelaufen ist, deutlich mehr Pfunde auf den Hüften hat.
Ein absurder Reigen über verpasste Lebenschancen und das konsequente Ablehnen jeglicher Lösungsansätze. Der Weisheit letzter Schluss fällt aus dem Mund des sterbenden Vaters und heißt „Buchweizengrütze“. Der verkappte Heilsbringer namens Heine-Mareine Bitterfeld, der die Antwort auf alle Fragen bringen soll, gibt aber auch nichts weiter als seinen Namen preis. Das Stück ist mit jeder Menge herrlichem jüdischen Sprachwitz gespickt und hat auch wirklich tolle Schauspieler, leider nickt man trotzdem auf Dauer etwas weg.

Ein echtes Kontrastprogramm dann zur späten Stunde im „Sport“-Studio der Schaubühne. „Penthesilea, Außer Atem“ heißt das Stück, das der Regisseure Johannes von Matuschka mit Schülern des ersten Abschlussjahrgangs der Schauspielschule des Théâtre national de Bordeaux en Aquitaine einstudiert hat. Bei Kleist Penthesilea rennt man ja wohl traditionell an der Schaubühne im Kreis, hier hatte dieser Kreis als Kampfarena aber auch einen handfesten Sinn, nicht nur als Symbolik für das ewig andauernde sinnlose Anrennen gegen die eigene Natur und festgefahrene Rituale. Ein wenig erinnert das an „Penthesilea und Achill“ vom Gefängnistheater Aufbruch, da die Rollen der Hauptprotagonisten auch mal von allen übernommen werden, aber es wurde nicht der klassische Chor propagiert, sondern schon der Kampf des einzelnen Individuums in der Gruppe gezeigt. Klasse Aufführung, man war schlagartig wieder hell wach.
Das bekannte Thema der Amazonenkönigin Penthesilea und ihrer bedingungslosen Lieben zum Griechischen Kämpfer Achill wird hier zum auch innerhalb der Geschlechter herrschenden Kampf um Macht in einer klar hierarchischen Struktur mit Eifersucht und Unterwerfungszwang dargestellt. Ein klares Besitzstands- und Gruppendenken bis zur Selbstauslöschung. Eine wirkliche Befreiung von den Konventionen findet nach nicht statt, es gibt keine Sieger nur Unterlegene. Das Spiel der Darsteller/innen zeigt doch auch sehr viel Zweifel an den eingeübten Rollenbildern. In den männlichen Rollen, zeigt sich die ganze Bandbreite männlichen Verhaltens. Einerseits der Macho und Frauenverächter, dann der Anführertyp und Machtmensch und andererseits der nachdenkliche Vermittler, der genüssliche Beobachter, der Mitläufer und schließlich der schüchterne Stotterer, der von beiden Seiten hochgezogen wird und dann in seinem verletzten Stolz unbeholfen überreagiert. In Gebärszenen mit Äpfeln wird der Wahnsinn der Auslese der Amazonen dargestellt. Die guten (weiblich) ins Töpfchen die schlechten am Stiel (männlich), werden zu Fallobst. Selbstbewusst wirken die Amazonen, aber auch sie verkörpern deshalb noch keine wirkliche Einheit.
Bei all der Athletik bleiben die Protagonisten erstaunlich nahe am Kleistschen Text. Die Inszenierung findet immer wieder sehr treffende Bilder, schon am Anfang wenn alle nebeneinander stehen und durch die aufgesetzten Gasmasken versuchen Zärtlichkeiten auszutauschen. Erst wenn die Masken fallen, können die wahren Gefühle heraus, andererseits ist es aber oft auch besser die Maske auf zu behalten. Lieben und Verletzen liegen eben dicht beieinander, original Kleist: „Küsse, Bisse, das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, kann schon das eine für das andre greifen.“

Am letzten Wochenende wurden dann kleine Minidramen vor den Türen der Schaubühne in extra dafür aufgemotzten Autos und Crashcars gezeigt. „Confessions“ heißt das Projekt, in dem sieben junge Autoren unter der Regie von Jan-Christoph Gockel mit Schuldgeständnissen und Glaubensbekenntnissen experimentierten.
Das Studio ist am Abend fest in russischer Hand. In „Otmorozki“ (die Abgebrühten) von den Autoren Zakhar Prilepin und Kirill Serebrennikov begehren junge Russen gegen das System der korrupten Regierung mit ihrem Machtapparat auf. Geboren in den 80igern und aufgewachsen in den 90er Jahren voll Kriminalität und Gewalt, suchen sie ihren Platz in der neuen Gesellschaft. Der Protagonist Grischa ist zwischen der Möglichkeit mitzumachen oder für Gerechtigkeit zu kämpfen hin und hergerissen. Erfahrungen wie Freundschaft und erste Liebe einerseits sowie Verrat, Tod, die Unterdrückung und Repression der Polizei anderseits lassen ihn schließlich auf die Barrikaden gehen.
Ein sehr kraftvolle Inszenierung von Kirill Serebrennikov mit Schülern des Moskauer Künstlertheaters Mchat. Auf der Bühne werden Absperrgitter hin- und hergeschoben und die jungen Wilden skandieren vor den knüppelnden Omon-Leuten immer wieder „Revolutzia“. Als Grischa mit seinen Freunden schließlich zur Waffe greift und eine Polizeistation einnimmt eskaliert die Gewalt. Leider wird nicht ganz klar, was die Jungendlichen eigentlich außer Gerechtigkeit noch wollen. Es bleibt etwas im Dunkeln, genau wie die schlecht positionierten Übertitel im Gegenlicht der grellen Neonröhren an der Decke, die die Situation überstrahlen.
Da dürfte es im Haupthaus beim lettischen Regisseur Alvis Hermanis und „Schukschins Erzählungen“ etwas ruhiger zugegangen sein. Die Inszenierung, die schon 2009 bei den Wiener Festwochen gastierte, beschreibt in acht kurzen Szenen das russische Landleben in einem sowjetischen Kolchos. Vor naturalistischer Fototapete geben die Schauspieler des Moskauer Theaters der Nationen Liebe, Eifersucht, Klatsch und anderes Kurioses nicht ohne russische Klischees mit Tanz und Musik zum Besten. Das ist witzig gemacht und hat mit der bekannten Filmschauspielerin Chulpan Hamatowa auch ein charmantes Zugpferd.
Und auf ein weiteres Ereignis im Spielplan der nächsten Schaubühnensaison kann man sich schon freuen. Yael Ronen studiert gerade ein neues Projekt mit den Protagonisten der „Dritten Generation“ ein. Erste Ergebnisse des Stücks „The Day Before the Last Day” gab es auf dem F.I.N.D. schon mal vorab zu sehen. Es geht diesmal um die Zukunft, natürlich auch wieder um religiösen Fanatismus und die apokalyptischen Visionen aller großen Weltreligionen. Na wenn das nichts brennend Aktuelles ist?!