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F.I.N.D. 2012 (Teil 2) – Ein russischer Strindberg und Fünf Stunden Shakespeare aus Polen – Thomas Ostermeier und Krzysztof Warlikowski mit Gastspielen an der Berliner Schaubühne

Samstag, März 10th, 2012

Am ersten Wochenende vom  02.03. – 04.03. stand das F.I.N.D. 2012 an der Berliner Schaubühne ganz im Zeichen der Gastspiele des Театр Наций (Theater der Nationen) aus Moskau mit „Фрекен Жюли – Fräulein Julie“ nach August Strindberg in der Regie von Thomas Ostermeier und des Nowy Teatr (Neues Theater) aus Warschau mit „Opowieści afrykańskich według Szekspira – Afrikanische Erzählungen nach Shakespeare“ in der Regie von Krzystof Warlikowski. Die Betonung liegt hier tatsächlich auf „nach“, denn die Stücke wurden nicht nur neu übersetzt, sondern der russische Autor Mikhail Durnenkow versah „Fräulein Julie“ mit einem zeitgemäß aktualisierten Text und der polnische Dramatiker Piotr Gruszczyński überarbeitete für die „Afrikanischen Erzählungen“ drei Stücke von William Shakespeare.

find-2012_schaubuhne-1.JPG Foto: St. B.

In Katie Mitchells Video-Inszenierung von Anton Strindbergs „Fräulein Julie“ wird von der Köchin Kristin in Großaufnahme ein Niere gebraten. Auch in Thomas Ostermeiers eher am konventionellen Theaterformat orientierten Version gibt es gleich zu Beginn eine Kochszene und die Kamera hängt als dauernder Beobachter über den Köpfen der Protagonisten. Bei Katie Mitchel ist sie mit ihren Großaufnahmen neben Jule Böwe als Kristin der Hauptakteur, bei Ostermeier zoomt sie sich voyeuristisch immer wieder in die Handlung.  Sie will im sterilen Ambiente der Designerküche die wahren Gefühlsregungen und Abgründe einfangen. Die Berliner Schaubühne ist an diesem Abend fest in russischer Hand, stehen doch einige russische Schauspieler mit Format in dieser Moskauer Inszenierung in der Regie von Thomas Ostermeier, die bereits im Dezember letzten Jahres dort Premiere hatte, auf der Bühne. Als Hühnerbouillon kochende Kristin ist Julia Peresild, die eine Hauptrolle in Alexey Uchitels für den Oscar eingereichten Weltkiegsdrama „Kraj“ (The Edge) von 2010 spielt, zu sehen. Diener Jean, der hier in der modernisierten Fassung Fahrer des Hausherrn und Ex-Generals ist, wird vom Leiter des Theaters der Nationen Jewgenij Mironow dargestellt und das Fräulein ist die auch in Deutschland bereits bekannte Schauspielerin Tschulpan Chamatowa (Luna Papa, Good Bye, Lenin!).

Die Szene ist eine Silvesterparty im Haus eines Ex-Generals und Oligarchen, Vater von Julie, der von Jean gerade zum Flughafen gebracht wurde. Während der rauschenden Party kommt Julie immer wieder in die Küche und flirtet mit dem Chauffeur, der es sich bei seiner Verlobten Kristin gemütlich gemacht hat und eine Flasche vom guten Wein des Hausherrn schmecken lässt. Jeans Interesse ist nach anfänglichem Zögern bald erwacht und nachdem Kristin müde von der Arbeit zu Bett geht, lässt er sich auf das Spiel der reichen Tochter ein. Mikhail Durnenkow neuer Text ist den Gegebenheiten angepasst heutig, folgt aber im Wesentlichen Strindbergs Drama. Sie erzählt ihm von ihrer unterdrückten Mutter, die sie früh zur Selbständigkeit erzogen hat, was nie von ihrem Vater akzeptiert wurde. Verwirrt wirkt Julie deswegen nicht, eher gelangweilt und vergnügungssüchtig, ganz Geschöpf ihres Standes. Jean dagegen ist zunächst bodenständig aber stets auf seinen Vorteil bedacht. Er schwärmt Julie vor, sie immer beobachtet zu haben und erzählt ihr seine Lebensgeschichte inklusive eines Kaukasuskriegstraumas. Hier kommt es zur kurzzeitigen Annäherung, die in einer gemeinsamen Nacht gipfelt, während die dekadente Partygesellschaft die Designerküche verwüstet. Ein vorweggenommener Clash, der sich zwischen dem ungleichen Paar am nächsten Morgen wiederholen wird. Im Partymüll der vergangen Nacht kommt es nach dem Hochgefühl schnell zur existenziellen Katerstimmung.

Zunächst entwickelt sich noch ein offener spannungsgeladener Schlagabtausch zwischen den beiden, bei dem mal Julie und mal Jean die Oberhand behaupten können. Einer versuchte den anderen zu benutzen und zu besitzen. Dabei ist es mehr in Kampf der Klassengegensätze, als einer der Geschlechter. Das Glamourgirl Julie kokettiert mit dem Gedanken an der Seite Jeans der Langeweile und Enge ihres Lebens zu entkommen und der eher bodenständige Jean sieht seine Chance des sozialen Aufstiegs. Allein seine Idee vom gemeinsamen Hotel weckt bei Julie nicht das erhoffte Interesse. Letztendlich kommt es zu gegenseitigen verbalen und körperlichen Demütigungen, erst die Rückkehr des Oligarchen lässt beide, aus Furcht vor den Konsequenzen, in ihre angestammte Position zurückfallen. Ob zur Vertuschung des Fehltritts die Pistole, die sich Julie an die Schläfe hält, zum Einsatz kommt, bleibt offen. Zumindest wird ein Weiterleben wie bisher für beide kaum noch möglich sein, zu nahe sind sie sich in ihren Gegensätzen gekommen. Das ist sicherlich unglaublich dicht von Ostermeier inszeniert und von den hochkarätigen Darstellern exzellent gespielt, allein die gesellschaftliche Brisanz wirkt hier aufgesetzt und konstruiert. Der gesellschaftliche Riss in Russland geht längst tiefer und die aktuelle politische Entwicklung scheint am Inszenierungsteam, trotz Ostermeiers Reflektionen im Freitag über die Verstrickung von Macht und bedrohter Kunst, spurlos vorbeigezogen zu sein.

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Wenn für viele nach 2 Stunden bereits Schluss ist, geht es beim polnischen Ausnahmeregisseur Krzysztof Warlikowski erst richtig los. Sein letzter Vierstundenabend war 2010 beim Polski-Express des Berliner HAU in den Hallen der Station Kreuzberg am Gleisdreieck zu sehen. In „(A)pollonia“ verschnitt Warlikowski griechische Tragödienfiguren wie Iphigenie, Klytaimnestra, Agamemnon, Orest, Alkestis, Admetos und Herakles mit der polnisch-jüdischen Geschichte, Jonathan Littells „Wohlgesinnten“ und J.M. Coetzees „Elisabeth Costello“. Es ging um die Opferbereitschaft des Menschen in Extremsituationen. Beim F.I.N.D. 2012 an der Schaubühne Berlin war nun seine über Fünf Stunden währende Inszenierung „Afrikanische Erzählungen“ nach Shakespeare als Gastspiel des Neuen Theaters aus Warschau zu sehen. Hierfür hat sich Warlikowski Shakespeares große Außenseiterfiguren Othello (den Schwarzen), Shylock (den Juden) und Lear (den Sterbenden) ausgewählt und in seiner bewährter Cut-up-Manier wieder mit Texten des südafrikanischen Literaturnobelpreisträgers J. M. Coetzee ergänzt. Alle drei Figuren werden von dem bekannten polnischen Schauspieler Adam Ferency dargestellt. Beginnend mit der Szene von König Lears Übergabe seiner Macht an die Töchter  Goneryl (Ewa Dałkowska) und Regan (Stanisława Celińska) und der Verstoßung Cordelias (Maja Ostaszewska) geht es bei Warlikowski nahtlos mit dem „Kaufmann von Venedig“ weiter, an den sich nach der ersten Pause die Tragödie des Othello anschließt.

Shylock ist hier ein Fleischer, der dem Kaufmann Antonio (Jacek Poniedziałek) für das geborgte Geld ein Pfund Fleisch aus dessen Leib schneiden will. Salerio und Solanio (Wojciech Kalarus und Piotr Polak) mit Schweinsmasken verspotten den Juden und kopulieren auf dessen Metzgertisch. Das Ganze wird noch mit Videoanimationen von Mäuseköpfigen Juden ausgemalt und nimmt damit direkt Bezug auf den Holocaust-Comic „Maus. A Survivor’s Tale“ von Art Spiegelman, der in Polen zu heftigen Protesten geführt hatte. Ausgiebig behandelt Warlikowski die Kästchen der Portia (hier drei Laptops) und den Prozess um das Pfand des Shylock. Portia (Małgorzata Hajewska-Krzysztofik) als Advokat verkleidet, würgt schließlich ein Stück rohes Fleisch herunter und erbricht es wieder. Eine ähnliche Konstellation entwirft Warlikowski im „Othello“. Jago (Marek Kalita), als Masseur, umschmeichelt erst den schwarzen General und hetzt ihn schließlich mit seiner Intrige gegen Cassio (Piotr Polak) auf. Othello wird dann beim Empfang des venezianischen Gesandten mit rassistischen Witzen konfrontiert und seine Frau Desdemona (Magdalena Popławska) sexuell gedemütigt. Hier ist das sich Schwärzen des Othello-Darstellers ein Sinnbild für die Annahme der von den Weißen zugeschriebenen Rolle, in der Othello schließlich selbst weiße Verhaltensweisen adaptiert. Warlikowski provoziert bewusst mit diesen Ausbrüchen und schockierenden Bildern, die ihre Wirkung gerade auch in Polen und Deutschland nicht verfehlen dürften.

Alle drei Shakespearetragödien beinhalten aber auch komplizierte Vater-Tochter-Beziehungen. Von der scheinbar emanzipierten Portia, die trotzdem sie nach dem Willen des toten Vaters handelt, Bassanio (Piotr Polak) nicht bekommen kann, da dieser hier in Antonio verliebt ist, über Desdemona, die ihre Liebe zum Vater für den unakzeptierten Fremden aufgibt, kommt Warlikowski schließlich wieder auf den Lear-Cordelia-Plot zurück. Am Bett des an Kehlkopfkrebs erkrankten Vaters sitzt die verstoßene Tochter (Maja Ostaszewska), die ihn nun pflegen muss, und philosophiert über Parallelen von dessen offener Operationswunde am Hals zum weiblichen Geschlechtsorgan. Warlikowski verschneidet den Lear mit J. M. Coetzees Roman „Im Herzen des Landes“. Hier wird die Geschichte einer einsamen ungeliebten Tochter eines Farmers erzählt, der diese nur als Haushälterin wahrnimmt. Sie leidet zusätzlich unter der Affäre des Vaters mit einem schwarzen Dienstmädchen und träumt ihn mit der Axt zu erschlagen. In einer Art Wahntraum erschießt sie ihn dann sogar. Die blutigen Einzelheiten erspart uns Warlikowski. Jedoch in eindrücklichen Szenen, wenn beide beim Essen sitzen und sich nichts zu sagen haben oder Magda sehnsuchtsvolle Musik abspielt, kommt die Verzweiflung und Frustration der jungen Frau zum Ausdruck.

Weshalb Warlikowski auch noch J. M. Coetzees jüngsten Roman „Sommer des Lebens“ mit einbezieht, erschließt sich allerdings nicht sofort. Hier geht es in einer Art fiktiven Autobiografie um den Schriftsteller John Coetzee. Nach dessen Tod führt ein junger Journalist Interviews mit einigen Frauen aus Coetzees Leben. Er wird hier als unbedeutender kleiner Mann mit wenig sexueller Ausstrahlung geschildert, der sich auch noch mit uninteressanter „Kafferarbeit“ beschäftigt, wie dem Betonieren des Grundstücks seines alten Vaters, bei dem er wohnt. Julia (Ewa Dałkowska), eine der Frauen, schildert ihre Affäre mit dem Schriftsteller und verrät dem Interviewer (Wojciech Kalarus), dass er damals sexuell nicht das gleiche Format wie sie hatte und sie sich dann schließlich einem Schwarzen zugewandt habe. J. M. Coetzee schildert das durch Rassismus und latenten Sexismus geprägte Leben in Südafrika und schaut auf sich und die Zeit der 70er Jahre nicht ganz ohne Selbstironie zurück. Hier ist es aber mit Sicherheit auch das Vater-Sohn-Verhältnis, was Warlikowski interessiert haben dürfte, wie alles letztendlich, indem immer wieder Krankenbetten auf die Bühne geschoben werden, auf den Tod deutet. Warlikowski gestaltet wieder mal einen ausufernd überfordernden Abend, der aber durch seine Bildgewaltigkeit und ein herausragendes Schauspielensemble überzeugt, dass zum Schluss noch einmal zu einem auflockernden Salsakurs Aufstellung nimmt. Y uno y dos y tres y cuatro … Muy bien.

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F.I.N.D. 2012 an der Schaubühne (Teil 1) – In „Märtyrer“ von Marius von Mayenburg bringt ein junger religiöser Fanatiker unser vermeintlich festes Toleranzverständnis ins Wanken

Donnerstag, März 8th, 2012

„Ein Fanatiker ist ein Mensch, der so handelt, wie er glaubt, daß Gott handeln würde, wenn Er ausreichend informiert wäre.“ Finley Peter Dunne, Humorist (1867 – 1936)

find-2012.JPG Foto: St. B.

Im Gegensatz zum Festival Internationale Neue Dramatik 2011 fällt die Anzahl der Neuproduktionen in diesem Jahr aus Mangel an entsprechender Finanzierung etwas schmaler aus. In dieser Woche sind daher vorwiegend Wiederholungen von Inszenierungen aus dem letzten Jahr zu sehen. Als einzige größere Uraufführung der Schaubühne ging schon letzte Woche das neue Stück „Märtyrer“ von Hausdramatiker Marius von Mayenburg ins Rennen, bei dem der Autor wie schon bei „Perplex“ (2010) auch selbst Regie führte. Mit „Märtyrer“ hat sich der Autor Mayenburg nach langer Zeit wieder einem Jugendstück gewidmet. In „Feuergesicht“ aus dem Jahre (1998) ging es um einen Jungen, der auf der Suche nach seiner Identität, in totaler Abgrenzung zu seiner Umwelt und den hilflosen Eltern, zu drastischen Mitteln greift und sich schließlich selbst anzündet. Die Hauptrollen in dem 2000 von Thomas Ostermeier an der Schaubühne inszenierten Stück spielten damals Robert Beyer und Judith Engel. Zwölf Jahre später stehen sie nun auf der Seite der Erwachsenengeneration und spielen einen saturierten, opportunistischen Schuldirektor und eine zwar übermäßig tolerante aber völlig überforderte Mutter eines Schülers, der aus heiteren Himmel religiöse Gefühle entwickelt und diese bis zum Wahn treibt, indem er sich erst als Eiferer geriert und dann schließlich sogar prophetische Ambitionen an den Tag legt.

Benjamin Südel (Bernardo Arias Porras), ein erst völlig normal Pubertierender, steigert sich durch die übergenaue Lektüre der Bibel und deren wortwörtliche Auslegung in eine Art fanatische Religiosität hinein und lehnt alles in seinen Augen Unmoralische strikt ab. Der Einzelgänger aus Passion, isoliert sich damit um so mehr und kann nur einen körperlich behinderten Mitschüler als Anhänger und Jünger rekrutieren, der eigentlich nur verklemmt homosexuelle Gefühle für seinen „Guru“ empfindet. Bei einem vergeblichen Heilungsversuch des zu kurzen Beins von „Jünger“ Georg (Moritz Gottwald) kippt die Story sogar etwas ins Komische ab. Seine Umgebung nervt der selbsternannte christliche Retter mit exakten Bibelzitaten und explizit frauenfeindlichen, homophoben und antisemitischen Äußerungen. Wie er dazu gekommen ist und was ihn tatsächlich treibt, lässt Mayenburg im Unklaren. Im Programmbuch werden dafür die genauen Psychogramme von aller Arten Fanatikern erklärt und deren Verhaltensmuster analysiert. Nun will uns Mayenburg sicher nicht mit psychopathologischen Befunden langweilen, die Intention des Autors zielt tiefer, es ist die Reaktion der Umgebung auf diesen „Fall Benjamin“ die ihn interessiert.

Und da ist zunächst der Sport- und Geschichtslehrer Dörflinger (Sebastian Schwarz), der das alles als jugendlichen Protest und reine Provokation abtut, was sich mit der Zeit schon geben wird, wie er sich selbst ja auch angepasst hat. Er reagiert nicht weiter auf Benjamin, knickt aber gegenüber den Anweisungen des Direktors ein, der Ruhe an seiner Schule für das einzig erstrebenswerte Ziel hält und die Schuld für das Verhalten von Benjamin eher bei seinen Lehrern sucht, als sich ernsthaft für den wahren Grund dahinter zu interessieren. Die Mutter kann mit der plötzlichen Vergeistigung ihres Sohnes ebenso wenig umgehen, wie sie in der Lage ist einzuschätzen, wo die Ursachen dafür zu suchen wären. Sie übergibt die ganze Verantwortung den studierten Pädagogen. Einzig Religionslehrer Pfarrer Menrath (Urs Jucker) sieht in Benjamin ein großes Potential und will ihn für die Kirche gewinnen, prallt aber an dessen fundamentalistischen Glaubensauslegungen ab. Er vermag den jungen Eiferer nicht mehr zu formen und sieht sein Heil nur noch im Gebet, wozu er auch Benjamins Mutter rät.

An all diesen Einstellungen gleitet die Biologie- und Vertrauenslehrerin Roth (Eva Meckbach) mit ihrer Null-Toleranz-Offensive ab. Wo sich alle nach und nach hinter wohlfeilen Toleranzfloskeln verstecken, geht Frau Roth zum Gegenangriff über, in dem sie Benjamin mit seinen eigenen Mitteln schlagen will. Sie beginnt die Bibel zu lesen, um darin nach Gegenargumenten zu suchen. Letztlich versteigt sie sich dabei aber in eine Art Vernunftwahn und treibt den selbsternannten Propheten dermaßen in die Enge, dass dieser zur radikalen Mitteln greifen will, um seinen erkannten Feind aus dem Weg zu räumen. Alle Erwachsenen scheitern hier in Mayenburgs Versuchsanordnung über Toleranzverhalten und fanatische Denkmuster. Schließlich verliert die Verfechterin des unbedingten wissenschaftlichen Fortschritts nach sexuellen Anschuldigungen Benjamins völlig die Contenance und nagelt sich zum Zeichen ihrer unverrückbaren Ansichten an den Bühnenboden. Wer hier der wahre Märtyrer ist, wird so noch mal ironisch hinterfragt. Man kann Mayenburg eigentlich nur dazu gratulieren, sich in seinem Stück einem christlichen Fanatiker gewidmet zu haben und nicht einem islamistischen. Das so etwas auch in unserem Kulturkreis nichts Ungewöhnliches ist, weiß man spätestens seit Anders Behring Breivik.

Auch in Yael Ronens Stück „The Day before the last Day“ wurde schon religiöser Fanatismus auf ironische Weise auf die Schippe genommen. Er ist vor allem auch Ausdruck von latent vorhandenem Fremdenhass und stetigen Ressentiments gegenüber Andersdenkenden. Insgesamt ist Mayenburgs Regie passabel. Er bricht seine harte Story immer wieder mit passenden Musikeinlagen, lässt Choräle singen oder alle mit Affenmasken Darwins Evolutionstheorie austesten. Nur kann sich Mayenburg nicht so recht entscheiden, ob er sein Stück als ernsthaftes Drama oder als Farce verstanden sehen will. Die Figuren sind insgesamt etwas zu flach angelegt, bieten aber eigentlich jede Menge komödiantisches Potential, das aber keiner wirklich auszuschöpfen vermag. So liegt die Last auf den Schultern von Bernardo Arias Porras als jungem Fanatiker Benjamin Südel, der in dieser Rolle über sich hinauswächst. Für Jugendliche ist das Stück durchaus zu empfehlen, da es nicht vordergründig moralisiert und offen bleibt für eigene Gedanken. Am Fehlen von klaren Bezügen zu vermeintlichen Ursachen oder zur Sehnsucht nach Transzendenz in unserer säkularen Gesellschaft sollte sich aber das erwachsene Berliner Bildungsbürgertum nicht stören. Letztendlich ist das Suchen nach persönlicher Spiritualität in einer aufgeklärten Welt auch ein Ausdruck von selbst errungener religiöser Freiheit, bedeutet aber auch die Möglichkeit der Befreiung von der Religion.

„Mit Fanatikern zu diskutieren, heißt mit einer gegnerischen Mannschaft Tauziehen spielen, die ihr Seilende um einen dicken Baum geschlungen hat.“ Hans Kasper (1919-1990), Hörspielautor, Lyriker u. Satiriker

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