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Der Regisseur als Autor – „Ibsen Huis“ von Simon Stone und „Shakespeare’s Last Play“ von Dead Centre beim FIND#18 an der Berliner Schaubühne

Samstag, April 28th, 2018

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Ibsen Huis – Beim FIND an der Berliner Schaubühne vergegenwärtigt Simon Stone mehrere Ibsenmotive von familiären Lebenslügen zu einer gesellschaftlichen Katastrophendramatik

Seit 6. April lief an der Berliner Schaubühne wieder das Festival Internationaler Neuer Dramatik (FIND). Am Abschlusswochenende gastierte die international renommierte Toneelgroep Amsterdam mit der Inszenierung Ibsen Huis von Simon Stone. Dem australisch-schweizerischen Regisseur hat es der norwegische Dichter Hendrik Ibsen mit seinen psychologisch-naturalistischen Dramen angetan. Mit seiner für die Wiener Festwochen entstandenen Boulevardversion von John Gabriel Borkman wurde Stone 2016 das erste Mal zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Eine Koproduktion mit dem Theater Basel, wo er im selben Jahr eine zeitgemäße Überschreibung des Tschechow-Stücks Drei Schwestern inszenierte und dafür prompt seine zweite Einladung nach Berlin erhielt.

Nun also wieder Ibsen, wobei Stone seiner Modernisierung diesmal nicht nur ein Drama zu Grunde legt, sondern gleich eine ganze Kette von Stück-Motiven. Den Text hat Simon Stone – wie schon bei den Drei Schwestern – selbst geschrieben. Es handelt sich somit um ein eigenständiges Stück. Stone legte am Wiener Burgtheater jüngst mit Hotel Strindberg ein ganz ähnliches Werk vor, das sogar zu den Mülheimer Theatertagen 2018 eingeladen wurde, dort aber aus technischen Gründen nicht gespielt werden kann. Grund ist ein recht aufwendiges Bühnenbild, das ein dreistöckiges Raumgebilde zeigt. Da nimmt sich das nur zweigeschossige Ibsen Huis doch relativ bescheiden aus. Wie schon in den Drei Schwestern steht also ein Ferienhaus im Mittelpunkt der Inszenierung. „Die Räume in diesem Haus sind Orte des Traumas und der Konfrontation, aber auch der freudigen Erinnerung.“ erklärt Stone das von Lizzie Clachan entworfene Bühnenhaus, in dem sich die über mehrere Generationen verlaufende Tragödie einer Familie zuträgt. Eine Geschichte aus Lebenslügen und Vertuschungen, für die das Haus im Auf- und Wiederabbau eine ganz treffende Metapher bildet. Wie Ibsen betätigt sich Stone hier als Zerstörer dieser fragilen Architektur, die nach und nach in sich zusammenbricht.

Im ersten Akt, der an Dantes Göttlicher Komödie orientierten Stückaufteilung in „Paradies“, „Fegefeuer“ und „Inferno“ liest sich zunächst wie Ibsens Drama Baumeister Solness. Der recht dominante Architekt Cees Kerkman (Hans Kesting) baut in den 60er Jahren ein Feriendomizil für die Familie. Dafür benutzt er die Pläne seines Neffen Daniël (Aus Greidanus jr.), ambitionierter Sohn seines kränklichen Bruders Thomas (Fred Goessens), dessen Tochter Caroline (Eva Heijnen) Cees sexuell missbraucht hat. Das Verbrechen wird sich eine Generation später auch an dessen Enkelin Fleur (Claire Bender) wiederholen. Die traumatisierte Fleur nimmt sich daraufhin das Leben, woran die Ehe von Cees‘ Tochter Lena (Maria Kraakman) mit ihrem Mann Jacob (Bart Slegers) zerbricht.

 

Ibsen Huis von Simon Stone – Foto (c) Jan Versweyveld

 

In zeitlichen Vor- und Rücksprüngen von den 60er über die 80er Jahre bis ins neue Jahrtausend treffen die Figuren immer wieder im Haus aufeinander. Die mittlerweile drogenabhängige Caroline, kehrt nach einem Auslandsaufenthalt wieder ins Haus zurück und fordert die von Cees gegebenen Versprechungen ein. Damit bekommt das sorgsam gefügte Lügengebilde erste Risse. Der zunächst etwas undurchsichtig und mühsam konstruierte Plot, bei dem die SchauspielerInnen ständig in den Rollen wechseln müssen, sorgt in der Pause für reichlich Gesprächsstoff darüber, wer, wie mit wem und warum hier irgendwas zu tun hat. Das Ausufern des Personenkreises und dessen Verstrickungen tragen nicht gerade zur dramatischen Verdichtung bei. Das sich beliebig verzweigende, teils recht verplapperte Well-made-Play mutiert bald zur nervigen Ibsen-Verzwergung auf Telenovela-Niveau.

In einem zweiten Strang nach der Pause geht es um Cees‘ schwulen Sohn Sebastiaan (jung von David Roos und älter von Maarten Heijmans dargestellt), der von seinem Vater nicht akzeptiert nach Deutschland flieht und sich dort mit HIV ansteckt. In dramatischen Gesprächen mit der Mutter Johanna (Maria Kraakman) bittet der Kranke sie nun, ihm das gegebene Leben wieder zu nehmen. Das erinnert stark an Ibsens Drama Gespenster. Wie ein Gespenst irrt hier aber nicht nur der mittlerweile demente, immer noch lüsterne Cees, der sich auch noch an Carolines Tochter Pip (Eva Heijnen) vergreifen will, herum, auch die Toten der Familie spuken durch das vernebelte Hausgerippe, das im Lauf der Geschichte zweimal in Flammen aufgeht. Das erste Mal nachdem Lena Jacob vom Missbrauch der Tochter erzählt und am Ende als die Finanzierung des von Caroline (nun Janni Goslinga) erst als Frauenhaus und dann als Flüchtlingsunterkunft geplante Wiederaufbau scheitert.

Simon Stone steigert das persönliche Drama der Familie Kerkman immer weiter bis zur allgemeinen Gesellschaftstragödie, indem er auch noch Finanzkrise, Brexit, Flüchtlingskrise und Fremdenfeindlichkeit in die Geschichte einflicht. Das reinigende Feuer, das laut der recht impulsiv auftretenden Caroline Platz für eine neue Saat schaffen soll, verpufft nach dreieinhalb Stunden als moralischer Schwelbrand. Jedes originäre Ibsen-Stück birgt für sich allein mehr Dramatik als diese flott daherkommende Vergegenwärtigung, die sich an ihrem eigenen Aktualitätswahn berauscht.

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Ibsen Huis (FIND, Schaubühne, 22.04.2018)
nach Henrik Ibsen
Text und Regie: Simon Stone
Dramaturgie und Übersetzung: Peter van Kraaij
Szenografie: Lizzie Clachan
Musik: Stefan Gregory
Kostüme: An D’Huys
Licht: James Farncombe
Mit: Celia Nufaar, Hans Kesting, Bart Klever, Maria Kraakman, Janni Goslinga, Claire Bender, Maarten Heijmans, Aus Greidanus jr., Eva Heijnen, Bart Slegers, David Roos
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause
Gastspiel im Rahmen von FIND 2018
Produktion: Toneelgroep Amsterdam
Die Premiere war am 09.05.2017
Termine beim FIND: 20., 21., 22.04.2018

Infos: https://www.schaubuehne.de/de/produktionen/ibsen-huis.html

https://tga.nl/en/productions/ibsen-huis

Zuerst erschienen am 24.04.2018 auf Kultura-Extra.

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Die irischen Dead Centre betreiben mit „Shakespeare’s Last Play“ ein anthropophages Metatheater an der Berliner Schaubühne – Sie benutzen dabei Shakespeares Romanze „Der Sturm“ zur lustigen Leichenfledderei

SHAKESPEARE’S LAST PLAY an der Schaubühne – Foto (c) Gianmarco Bresadola

Kurz nach dem Ende des FIND gibt es noch einmal internationale Dramatik an der Schaubühne am Lehniner Platz. William Shakespeares Stück Der Sturm ist zwar nicht neu, wird hier aber vom irischen Dead Centre bestehend aus den Regisseuren Bush Moukarzel und Ben Kidd ganz neu interpretiert. Ob nun Chekhov’s First Play, für das Anton Tschechows unvollendeter Erstling Platonow Pate stand, oder nun Shakespeare’s Last Play, dessen Ende relativ offen ist, die beiden Iren mögen es unfertig. Mit ihrem Motto „Unfertige Stücke für unfertige Menschen“ gastierten Moukarzel und Kidd schon zweimal hintereinander beim FIND. Nun haben sie ihr erstes Stück für die Schaubühne inszeniert.

Im Globe-Theatre-Saal, in dem auch Richard III. in der Regie von Hausherr Thomas Ostermeier gezeigt wird, sitzt das Publikum vor einem blauen Bühnenhalbrund, während eine Stimme aus dem Off in den Abend einführt. Es ist Bush Moukarzel, der in englischer Sprache den etwas müde gewordenen Dichter Shakespeare gibt, über den Inhalt seines letzten Stücks resümiert, dabei sein Tun als Autor reflektiert und darüber klagt, dass es immer dasselbe wäre. „Die ganze Welt ist Bühne / Und alle Fraun und Männer bloße Spieler.“ Ein Shakespeare-Zitat, das hier zum Anlass genommen wird, mal zu überprüfen, was Shakespeare und seine Zeit heute eigentlich noch mit uns zu tun haben.

Das ist schon gleich die erste Metatheaterebene des Abends, weitere werden im Lauf der Inszenierung noch eingezogen. Zunächst öffnet sich aber die Bühne wie eine Muschel, deren untere Schale einen Minitümpel mit Felsbrocken und Pappmachestrand zeigt. An die obere Schale wird eine Landkarte, mit einem an Google-Earth erinnernden Navigationssystem, aus dem man rein- und rauszoomen kann, projiziert. Lauflinien und Pin-Marker deuten die vorgegebenen Wege und Ziele der spielenden Figuren an. Die eingesprochenen Regieanweisungen wie „Geh nach links.“ oder „Dreh dich um.“ bzw. immer wieder ein klares „Stop!“ entlarven das Spiel ganz bewusst als unecht, und von außen bestimmt, was einige der fünf DarstellerInnen auch zum Anlass nehmen, immer wieder aus ihren Rollen auszusteigen und anzumerken, dass hier etwas nicht stimmt, sich nicht richtig anfühlt.

 

SHAKESPEARE’S LAST PLAY an der Schaubühne
Foto (c) Gianmarco Bresadola

 

Zunächst folgt die Inszenierung dem Plot von Shakespeares romantischem Stück Der Sturm, in dem der Zauberer und frühere Herzog von Mailand Prospero sich an seinen Widersachern, die ihn vor 12 Jahren gestürzt hatten, rächen will, indem er einen Sturm entfacht, der ein Schiff mit seinem Bruder und Nachfolger Antonius sowie Alonso, dem König von Neapel, dessen Bruder Sebastian und Sohn Ferdinand sinken und alle getrennt voneinander am Ufer von Prosperos Insel stranden lässt. Hier trifft Ferdinand auf die Tochter Prosperos. Er verliebt sich in Miranda, die noch nie zuvor einen Mann außer ihren Vater und dessen missgestalteten Diener Caliban gesehen hat. Nach einigen Intrigen, Wirrungen und Geistererscheinungen fügt sich aber alles zum Guten. Prospero verzeiht seinen Feinden, schwört seiner Zauberkraft ab und will wieder als Herzog nach Mailand zurückzukehren.

In wechselnden Auftritten agieren hier nun Jenny König und Mark Waschke als Miranda und Ferdinand, Nina Kunzendorf als frisch gegenderte Antonia, Thomas Bading als Alonso und Moritz Gottwald als Gonzalo, einem Getreuer Alonsos, der eigentlich auch Züge des Sebastian trägt, der von Antonia angestachelt wird, seinen Bruder zu töten um selbst König von Neapel zu werden. Die Liebesszene zwischen Miranda und Ferdinand eskaliert, nachdem der gockelnde Ferdinand seine Auserwählte zum Ort der vorbestimmten Sexszene führen will, Miranda sich da aber trotz Eheversprechens etwas anderes vorgestellt hat und ihm immer wieder kurz vorher entweicht. Nein heißt dann irgendwann nicht mehr Nein und Ferdinand nimmt sich einfach, was er will. Auch die drei anderen fühlen sich irgendwie im falschen Kostüm und Film und wissen nicht so recht, was sie hier eigentlich sollen. Da alles scheinbar auf das immer gleiche hinausläuft, beendet der Autor irgendwann einfach das Spielexperiment und lässt alle einen verordneten Theatertot sterben. „Sie haben ihr Ziel erreicht.“, lässt sich das Regie führende Navigationsgerät aus dem Off vernehmen. Ein alternder Theaterautor in seiner letzten Rolle als Magier samt postdramatischem Regieassistenten am Ende?

 

SHAKESPEARE’S LAST PLAY an der Schaubühne
Foto (c) Gianmarco Bresadola

 

Vorsicht, Spoiler! Aber was nun passiert, gibt der Inszenierung zunächst eine durchaus überraschende Wende. Nachdem das Wasser aus dem Bassin abgelaufen ist, wird der Blick auf eine Grube frei, in der eine verwesende Gestalt liegt, die künstlich beatmet wird. Das soll natürlich der untote Autor Shakespeare selbst sein. Künstlich am Leben gehalten, nur wofür? Das ist nun die Frage des fünfköpfigen Ensembles, das in Regencapes um die Grube steht und ihren Job des konventionellen Theaterspielens mal verteidigt und mal in Frage stellt, bis Jenny König anregt, dass man, um weiter machen zu können, den Körper einfach verspeisen müsse. Gesagt, getan, und schon springt sie mit dem Hackebeil in die Grube und bietet den Verdutzen ein paar Stücke Shakespeare an.

Das ist also der gespielte Metatheater-Mord mit anschließender kannibalischer Leichenfledderei, ob nun als lustige Provokation, Theaterblasphemie oder zur Verdeutlichung dessen, was die Postdramatik eh schon seit Jahren betreibt, wenn sie sich die für sie interessanten Brocken aus den klassischen Werken für den Eigengebrauch schneidet. Diese ironisch angedeutete Anthropophagie hat dann auch fast schon etwas Sakrales. Eine rituelle Einverleibung des kulturellen Erbes, wie es auch schon die Performancegruppe andcompany&Co. 2011 im HAU 2 mit Brechts Fatzerfragment zelebriert hat. Irgendwann, wenn sich alle ihren Happen aus dem Corpus Shakespeare geschnitten haben, verschwindet dessen Stück aber vollends unter den vielen Metaebenen und wird zum besagten unfertigen Rumpfwerk, an das sich nun jedes beliebige Diskursstückchen anpappen lässt.

Was dann zum Beispiel die Anmerkung Jenny Königs wäre, sie fühle sich hier als Frau gar nicht gemeint. Entgegen Thomas Bading, der den Hamlet mit Schädel mimt, findet es Mark Waschke grotesk, Shakespeare zu rezitieren, während draußen der Sturm tobt und auf Lampedusa, das ja auch die Insel Prosperos zwischen Afrika und Italien sein könnte, Flüchtlinge stranden. So diskutiert man darüber, was es heißt Subjekt oder Objekt zu sein. Bedeutet frei zu sein, seine eigene innere Welt zu schaffen, oder sich in der des Theaters zu verkriechen. Wer bin ich wirklich? Ich sein, oder jemand anderes, der ewige Richtungsstreit um mehr Authentizität, der die Theaterwelt längst gespalten hat.

Das ist durchaus amüsant gemacht, aber doch auch nicht wirklich neu. Man hat das alles irgendwie schon mal gehört, und das hier Gezeigte macht dann auch nicht wirklich eine neue Sicht auf die Dinge oder Assoziationsräume frei, zumal sich nun alle nacheinander in Löcher im Bühnenboden verziehen, wie um diese dort zu suchen. Also doch nur much ado about nothing? Das mag dann jeder für sich selbst entscheiden. Unsere Kopf-in-den-Sand-Stecker singen derweil mit Tom Waits: „The earth died screaming as I lay dreaming“. „Wir sind der Stoff, aus dem die Träume sind“, heißt es bei Shakespeare. Und Träumen ist ja auch zumindest am Theater nicht verboten. Nur das Spielen sollte man wenn möglich nicht dabei vergessen.

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Shakespeare’s Last Play (Schaubühne, 24.04.2018)
von Dead Centre
nach »Der Sturm« von William Shakespeare
Regie: Bush Moukarzel, Ben Kidd
Uraufführung
Aus dem Englischen von Gerhild Steinbuch
Regie: Ben Kidd, Bush Moukarzel
Bühne: Chloe Lamford
Kostüme: Nina Wetzel
Video: José Miguel Jiménez González
Sounddesign: Kevin Gleeson
Dramaturgie: Nils Haarmann
Licht: Norman Plathe
Mit: Thomas Bading, Moritz Gottwald, Jenny König, Nina Kunzendorf, Mark Waschke
Die Premiere war am 24. April 2018 in der Schaubühne am Lehniner Platz
Dauer: ca. 105 Minuten, keine Pause
Termine: 25., 26.04. / 22., 23., 24., 25., 26., 27.05.2018

Infos: https://www.schaubuehne.de/de/produktionen/shakespeareslp.html/ID_Vorstellung=2936

http://www.deadcentre.org/

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