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„Les Particules élélmentaires“ nach Michel Houellebecq inszeniert vom französischen Nachwuchsregisseur Julien Gosselin und ein kleines Fazit der FOREIGN AFFAIRS 2014.

Donnerstag, Juli 17th, 2014

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20 Dancers for the XX Century von Boris Charmatz Fotos: St. Bock

20 Dancers for the XX Century von Boris Charmatz –
Fotos: St. Bock

Nach einem leicht verkorksten Start mit Ende einer Liebe von Pascal Rambert und Van den vos von FC Bergman, konnte sich das Theater-, Tanz- und Performance-Festival FOREIGN AFFAIRS unter dem Dach der Berliner Festspiele doch noch zu einigen wenigen Höhepunkten aufschwingen. Vor allem der Fokus „Musée de la danse“ um den Choreografen Boris Charmatz (u.a. 20 Dancers for the XX Century) und andere Tanzperformances wussten letztendlich das Publikum zu begeistern. Interessant wird Theater immer dann, wenn es ausgetretene Pfade, sprich die Bühne, verlässt und sich ein neues Terrain, im besten Fall den es umgebenden Stadtraum erobert. Das wusste schon Ex-HAU-Chef Matthias Lilienthal, und Boris Charmatz machte es ihm nun nach.

20 Dancers for the XX Century von Boris Charmatz - Fotos: St. Bock

20 Dancers for the XX Century von Boris Charmatz –
Fotos: St. Bock

Beim Flanieren auf dem geschichtsträchtigen Areal des Sowjetischen Ehrenmals in Berlin-Treptow konnte man seinen Tänzer dabei zusehen, wie sie allein oder in kleinen Gruppen über das weitläufige Gelände verteilt kurze Ausschnitte aus einhundert Jahren modernem Tanz performten. Von Strawinskys Sacre du Printemps über Choreografien von Pina Bausch und Merce Cunningham bis hin zu Hip-Hop und Breakdance, die Tanzgeschichte des Zwanzigsten Jahrhundert erfüllte zwei Tage lang den sonst so martialischen wie gleichermaßen sterilen Ort. Sehr passend dazu auch Reinhild Hoffmanns Performance aus den 1980ern vor in Stein gemeißeltem Stalinspruch zur Stimme Heiner Müllers, der vom Band seinen Horatier deklamierte.

Chto Delat - Our Paper Soldier bei den Wiener Festwochen - Foto: St. B.

Chto Delat, Our Paper Soldier bei den Wiener Festwochen – Foto: St. B.

So viel Ahnenverklärung an steinernen Denkmälern ist die Sache des russischen Künstlerkollektivs Chto Delat nicht. Sie praktizieren lieber den modernen geistigen Denkmalsturm mittels der Hinterfragung des Sinns von Monumenten zur Erinnerung an denkwürdige Ereignisse der Geschichte. Nur dumm, dass ihr großer „Paper Soldier“ von den WIENER FESTWOCHEN herübergerettet und als Anschauungsobjekt vor das Haus der Berliner Festspiele gestellt, bereits vor dem Start der Foreign Affairs nächtens abgefackelt wurde. Das gab zumindest genügend Stoff für ihre als Symposion getarnte Gesprächsperformance What is monumental today? Die Frage, wer den Brand gelegt haben könnte, stand allerdings auch etwas hinderlich vor der eigentlich wichtigeren Erörterung, wie sich eine kollektive und meistenteils vorbestimmte Erinnerungskultur in der heutigen demokratischen Gesellschaft in den Köpfen der Menschen auswirkt.

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Ein weiteres Achtungszeichen setzte das Festival dann fast am Ende mit der Vorstellung der französischen Theater-Produktion Les Particules élélmentaires. Der 1998 erschienene Roman des französischen Skandalautors Michel Houellebecq ist in Deutschland einer breiteren Masse nicht nur durch die recht erfolgreiche Verfilmung Elementarteilchen (2006) von Oskar Roehler mit einem kleinen Starensemble (u.a. Martina Gedeck, Nina Hoss, Franka Potente, Moritz Bleibtreu, Christian Ulmen) bekannt. Auch auf den Theaterbühnen des Landes ist Houellebecq kein Unbekannter. Von Frank Castorf, der bereits im Jahre 2000 kurz nach Erscheinen des Romans eine Version an der Berliner Volksbühne mit Martin Wuttke und Herbert Fritsch in den Hauptrollen inszenierte, bis zu Johan Simons, der 2004 am Schauspielhaus Zürich (Theatertreffen 2005) Regie führte, erfreuen sich die Elementarteilchen auch weiterhin großer Beliebtheit. Nun wurden wir mit einer französischen Variante des Stoffs beglückt.

Der 27 Jahre junge Regisseur Julien Gosselin inszenierte Houellebecqs viel diskutierten Gesellschaftsroman tatsächlich als Erster in dessen Heimatland. Das liegt sicherlich auch daran, dass Romanadaptionen eher ein Phänomen der deutschen Theaterlandschaft sind. Die Premiere fand beim großen französischen Festival d’Avignon 2013 statt. Seitdem gilt Gosselin als Shooting Star der internationalen Theaterszene und wurde mit seiner Inszenierung auch zum Festival RADIKAL JUNG 2014 nach München eingeladen. Dort gab es dann fast erwartungsgemäß den Publikumspreis. Gosselin scheint mit seiner frischen, unkonventionellen Art zeitgenössische Stoffe zu inszenieren einen Nerv getroffen zu haben. Er gibt dafür u.a. Nicolas Stemann, Jan Lauwers und Romeo Castellucci als Vorbilder an. Ersterer scheint es dem Absolventen der EPSAD in Lille in diesem Fall besonders angetan zu haben.

Les Particules élémentaires - Foto (C) Simon Gosselin

Les Particules élémentairesFoto (C) Simon Gosselin

Auf mit grünem Kunstrasen ausgelegter Bühne sitzen auf Podesten am Rand Livemusiker und unterlegen die Inszenierung mit einem dichten Elektrosoundteppich. Genau wie bei Stemanns Theaterperformances sind hier alle Darsteller ständig anwesend und übernehmen wechselnd die Rollen der Romanfiguren. Im ersten Teil vor der Pause überwiegt dabei ein munteres Erzählen. In Solo- und Gruppenspielszenen werden die beiden Hauptfiguren und ungleichen Halbbrüder Michel (Antoine Ferron) und Bruno (Alexandre Lecroc) vorgestellt. Dabei fällt v.a. der in jeder Hinsicht sexuell immer zu kurz gekommene, vollkommen schwanzgesteuerte und tittenorientierte Bruno mit Sonnenbrille und Cowboyhut auf. Ein männliches Heteroklischee schlechthin. Ein Großteil nimmt sein verzweifelter Ausflug in ein esoterisch angehauchtes New-Age-Camp zwecks sexuell ungezügelter Beziehungsanbahnung ein.

Der zwischenmenschlich und psychisch gescheiterte Bruno findet sein kurzes Glück mit der in jeder Beziehung offenherzigen Christiane, die das Komplizierte in ihren vorherigen Beziehungen dem reinen uneingeschränkten Genuss vorzieht. Dem gegenüber steht Michel als großer Grübler in der verkorksten Familie. Die Inszenierung lässt nichts aus, um die vielen Liebschaften und Egotrips der dem uneingeschränkten Individualismus und sexuellen Selbstverwirklichungstrieb frönenden Mutter Jane inklusive ihrer komplizierten Beziehungszusammenhänge per Videoeinblendung zu beschreiben. Michel ist sexuell eher desinteressiert und widmet sich ganz der wissenschaftlich technischen Weiterentwicklung der Gesellschaft. Sein verspäteter sexueller Ankerpunkt wird die Freundin aus Kindertagen, Annabell, eine vom Leben frustrierte Frau, die im ganz rational denkenden Michel ihre letzte Chance auf ein Glück mit erfülltem Kinderwunsch sieht.

Den Brüdern und ihren beiden Geliebten wird dieses Glück dann aber nicht vergönnt. Der vergängliche Körper schlägt ihnen ein Schnippchen. Anstatt sich wie Bruno in den Wahnsinn zu flüchten, geht Michel das Problem frontal didaktisch an. Wo Frank Castorf lustvoll dekonstruierte und auch spielerisch völlig überagierte, führte Johan Simons feinstes Debattier-Theater auf. Gosselins Elementarteilchen bewegen sich hier irgendwo dazwischen. Ähnlich wie die flüchtigen Bauteile der Materie zerfällt seine Inszenierung auch auffällig in zwei sehr unterschiedliche Teile. Erst ausgelassener Spaß mit Rockmusik und Slapstick, dann wieder längere Erzählpassagen mit erklärender Videounterstützung. Anders lassen sich Houellebecqs zuweilen zynische, ausufernde Gedankenschleifen wohl auch nicht bändigen. Houellebecq schlägt z.B. in einem weitschweifigen Kapitel die gedankliche Brücke vom Wiener Aktionismus über die sexuell befreiten 68er und spirituelle Atmosphäre der Hippies bis ins Zeitalter der brutalen nihilistischen Serienkiller. Gott ist tot, alles ist erlaubt. Das ist sicher schwer auf der Bühne darstellbar. Hier intoniert der verhinderte Rockstar und satanische Ritualmörder David Di Meola ein herzzerreißendes „Nights in White Satin“.

Les Particules élémentaires - Foto (C) Simon Gosselin

Les Particules élémentairesFoto (C) Simon Gosselin

Dagegen wendet sich nun die Idee Michels, Liebe, Sex und Fortpflanzung voneinander zu trennen. Der Mensch erhebt sich selbst zum Gott. Im Video spricht eine kettenrauchende Reporterfigur im Parker wie ein Houellebecq-Look-Alike mit einer ehemaligen Mitarbeiterin des Molekularbiologen. Das ist dann aber auch schon fast alles, was hier an den Wissenschafts- und Gesellschaftsdiskurs erinnert, den Houellebecq mit seinem Roman anstoßen wollte. Eine echte philosophische Auseinandersetzung wie zum Beispiel mit Aldous Huxleys Roman Schöne Neue Welt scheint Gosselin dann eher doch zu scheuen. Was das nun mit der Neoliberalisierung und Ökonomisierung der menschlichen Gefühle und Beziehungen zu tun hat, erfährt man u.a. bei René Pollesch. Elend lang gerät die erzählerische Passage, die Michel nach dem Freitod der an Unterleibskrebs erkrankten Annabell nach Irland führt und dort an einem Forschungsinstitut die Grundlagen für den neuen Menschen finden lässt. Sein spurloses Verschwinden und die späteren Diskussionen beim Aufgreifen seiner Theorien werden im Schnelldurchlauf und wieder per Videoeinspielung abgehandelt.

Das Problem an Gosselins Inszenierung ist aber, dass es Houellebecq durchaus ernst meint, mit seiner These eines geklonten Menschen ohne Liebesproblemchen und Sinnkrisen. Das scheint auch Gosselin zu wissen und schiebt daher einen Epilog nach, in dem die den Göttern gleichen neuen Menschen 2076 von der Bühne der immer noch stattfindenden FOREIGN AFFAIRS mildtätig auf die Art dem Affen ähnlichen Menschen, die sie bereits hinter sich gebracht haben, herunter blicken und uns zuprosten. „Dieses Bühnenstück ist dem Menschen gewidmet.“ kann man dazu auf der Videoleinwand lesen. Wie schön zu wissen. Aber leider kommt dadurch auch alles Vorangegangene doch wieder einem lustigen Kindergeburtstag näher als einer ernst zu nehmenden Auseinandersetzung mit Houellebecqs Roman. Und dennoch ist das darstellerisch bei Weitem noch das Beste, was die FOREIGN AFFAIRS von Matthias von Hartz in diesem Jahr in Sachen Schauspiel zu bieten hatten.

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Alles in allem ein auserlesenes und sicher auch aufwendig arrangiertes Programm, das leider zwischen dem Ende der langen Theatersaison und dem bald anstehenden TANZ IM AUGUST etwas ungünstig terminiert wirkt. Und warum das Ganze überhaupt eines eigenen Festivals bedarf, weiß nach drei Jahren FOREIGN AFFAIRS, zwei davon kuratierte bisher Matthias von Hartz, so recht auch immer noch keiner. Der Performance-Wanderzirkus der immer gleichen Gesichter gastiert immerhin auch jährlich am Berliner HAU. Da bedarf es wohl noch einiger guter Argumente und Optimierungsvorschläge mehr, um die FOREIGN AFFAIRS endgültig dauerhaft im Berliner Kulturkalender und dem Gedächtnis sowie in der Wahrnehmung  eines breiteren Publikums zu etablieren.

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Elementarteilchen / Les Particules élélmentaires
nach Michel Houellebecq
Eine Produktion von Si vou pouviez lécher mon coeur
Regie und Bühnenbild: Julien Gosselin, Licht: Nicolas Joubert, Video: Pierre Martin, Ton: Julien Feryn, Musik: Guillaume Bachelé, Kostüm: Caroline Tavernier.
Mit: Guillaume Bachelé, Joseph Drouet, Denis Eyriey, Antoine Ferron, Noémie Gantier, Carine Goron, Alexandre Lecroc, Caroline Mounier, Victoria Quesnel, Tiphaine Raffier.
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

Weitere Infos: http://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/foreign_affairs/ueber_festival_fa/aktuell_fa/start.php

Zuerst erschienen am 15.07.2014 auf Kultura-Extra.

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Fußball-WM gegen Schauspiel und Performance. Am letzten Donnerstag wurden die 3. Foreign Affairs im Haus der Berliner Festspiele eröffnet. (Teil 1)

Montag, Juni 30th, 2014

Ende einer Liebe von Pascal Rambert auf der Seitenbühne des Hauses der Berliner Festspiele

(c) Berliner Festspiele

(c) Berliner Festspiele

Nicht gerade ein Publikumsrenner waren die ersten beiden Ausgaben der die spielzeit’europa abgelöst habenden FOREIGN AFFAIRS. In diesem Jahr muss das Festival, das zum zweiten Mal von Matthias von Hartz verantwortet wird, sogar noch gegen die allgemeine Fußballeuphorie antreten. Man hat aus der Not eine Tugend gemacht und den angeblichen Gegner einfach ein eigenes Feld im Haus der Berliner Festspiele bereitet. Im hinteren Teil des Gartens vor einer kleinen Kiste mit Videowand sind Bänke und Liegestühle aufgebaut, und ab Samstag gibt es dort sogar ein moderiertes WM-Studio. Na wenn das kein Alternativangebot der öffentlich gesponserten Theaterzunft zur laschen Kommentarsoße der öffentlich rechtlichen Fußballberichterstattung ist. Regelrecht scharf dagegen war der Entschluss der Festivalmacher, gleich die erste Premiere auf den Spielbeginn der Entscheidung in Gruppe G, Deutschland gegen USA, anzusetzen. Anstoß zu Ende einer Liebe – man wollte es also tatsächlich wissen – (gecoacht vom französischen Regisseur Pascal Rambert) war pünktlich 18 Uhr. Einmarsch zur Seitenbühne mit deutscher Nationalhymnenbeschallung von nebenan.

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Ich will mir im Weiteren, wenn möglich, die Fußballvergleiche verkneifen; aber ganz kommt man nicht daran vorbei. Die erste Paarung lautet also Mann gegen Frau, was im Fall des Schauspielerehepaares Jens Harzer und Marina Galic vom Thalia Theater Hamburg sogar stimmt. Sie haben sich den zweistündigen Text von Pascal Rambert sicher im Schweiße ihres Angesichts antrainiert und schießen ihn nun quer über das leere weiße Spielfeld aufeinander ab. Das muss man sich jetzt aber nicht als Schlagabtausch in Form eines wütenden, scharfzüngigen Dialoges vorstellen. Nein, die verbalen Fouls werden in zwei aufeinanderfolgenden Monologen zelebriert. Es beginnt Harzer, und Galic muss gerade stehen und zuhören. So will es jedenfalls der Coach Rambert. Harzer holt dann auch ohne Umschweife zum abschließenden Befreiungsschlag aus: „Es ist aus. Es geht nicht mehr.“

Es wird also verbal gegrätscht, bis einer von beiden in die Knie geht. Und Harzer lässt keinen Zweifel daran, dass er Blut sehen will. Hier scheint sich einer die Worte lange und gründlich zurechtgelegt zu haben. Er fühlt sich gefangen im Netz ihrer Blicke, will ausbrechen aus dem Mausoleum, aus der Fiktion, für das er ihr gemeinsames Laben hält. Er sieht dabei ein wenig wie ein großer, verunsicherter Junge aus, schrägstehend im sportlichen Schlabberlook mit Trinkflasche, als wäre er gerade vom Joggen und Nachdenken heimgekehrt. Auch Galic trägt legere Freizeitkleidung und eine Tasche. Vermutlich ist sie auf dem Weg zum Shopping. Es könnte aber auch am Rande einer Theaterprobe sein, kleine Nebensätze über die Arbeit lassen das vermuten. Auf jeden Fall hat man es hier mit zwei durchaus intellektuellen Menschen zu tun.

Nachdem Harzer über Codes, die Bausteine der Sprache, das Zuhören und Atmen referiert hat, wobei er immer mal wieder ein paar Kommandos brüllt (also doch Probe), kommt er über das Parametrisieren schließlich auf das Feld der Körperlichkeit und Sexualität. Und Blut und Sperma fließen dabei in Metaphern, wie auch der gesamte Text von Rambert in teilweise höchst pathetische Worte gefasst ist. Das geht sogar so weit, dass Harzer sich ins Kriegsvokabular versteigt und beide mit dem Kultehepaar der Kunstszene Yoko Ono und John Lennon vergleicht, auf die vor dem Dakota Building wohl schon der nächste David Chapman wartet. Harzer lässt schließlich auch keine Eigentumsfragen offen. Er möchte einen kleinen Sessel mit rosa Stickereien (?) und eine alte Zeichnung mit einem Kinderkopf, da sich darin ihr ganzes Leben spiegele.

Das Haus der Berliner Festspiele zur Eröffnung der Foreign Affairs 2014 - Foto: St. B.

Das Haus der Berliner Festspiele zur Eröffnung der Foreign Affairs 2014Foto: St. B.

Als tatsächlich noch die Sprache auf die Kinder kommt, gibt es erste körperliche Regungen bei Marina Galic, die bis dahin nur ein paar Schluchzer vernehmen ließ. Sicher eines der schmerzhaftesten Themen bei einer Trennung. Nachdem sich Jens Harzer bereits zum Gehen entschlossen hat, kommt dann noch als kleiner Break ein Kinderchor und probt kurz das Lied „Der Kuckuck und der Esel, die hatten einen Streit“. Der einzige Ironieeinschub des Abends. Es folgte spontaner Beifall. Danach werden die Plätze getauscht, und Marina Galic hat nun nichts weiter zu tun, als ihrem Gegenüber seinen aufgeblasenen Nullmonolog verbal um die Ohren zu hauen. Sie spielt sozusagen gekonnt den Ball emotional aufgeladen wieder zurück. Und das hat mir dann, muss ich ehrlich sagen, doch noch imponiert.

Hier ringt jemand mit seinen Worten, der zuvor kurz vor der sprachlichen Vernichtung stand. Und das geht dann auch erstmal nur über die verbale Beschimpfung, auch wenn dabei vielleicht einmal zu viel „du Arschloch“ gesagt wird. Harzers Taktik der Attacke wird von Galic nun entsprechend pariert. Sie entlarvt seine Logorrhoe als leeres, hirnloses Geschwätz. Er habe kein Innenleben, alles nur intellektuelle Theorie und Äußerlichkeit. Galic punktet eindeutig auf dem Feld der Erinnerung. Nicht materielle Dinge sind ihr wichtig, sondern gemeinsam Erlebtes, das sie in sich bewahren wird, wie ihre Version des ersten Mals, seine Kopfform im Kissen und sogar seinen Abdruck auf der leeren Kloschlüssel. Ihr Kunstvergleich der Trennung ist die Vertreibung aus dem Paradies, ein Fresko von Masaccio, das beide im Dom von Florenz gesehen haben.

Sie stehen sich dann zum Schluss oben nackt mit einem fächerartigen Kopfputz wie zwei erstarrte Idole stumm gegenüber. Es ist alles gesagt. Diese Versuchsanordnung, mit der Pascal Rambert seit 2011 von Theater zu Theater zieht, ein Trennungsgespräch in dieser Form aufzusplitten, jedem die Zeit und das Recht für seine Sicht der Dinge zu geben, scheint auf den ersten Blick interessant, es fehlt ihm aber hier an theatraler Kraft, die ein dialogischer Schlagabtausch bringen könnte. Dass man nicht genau erfährt, was letztendlich der tatsächliche Grund der Trennung ist, die eigentlich Geschichte dahinter, lässt sich dabei verschmerzen. Die schmerzlich gestellte Frage: Wen liebe ich, wenn ich dich liebe und ist es der- oder diejenige dann auch wert, bleibt so oder so unbeantwortet schwebend im Raum.

Ende einer Liebe (Clôture de l’amour)
von Pascal Rambert
Deutsche Übersetzung: Peter Stephan Jungk
Mit Marina Galic, Jens Harzer und dem Kinderchor Canzonetta
Regie und Ausstattung: Pascal Rambert
Ausstattungsmitarbeit: Christoph Rufer
Dramaturgie: Susanne Meister
Regieassistenz: Helge Schmidt
Premiere am Thalia in der Gaußstraße (Hamburg): 26.04.2014
Aufführung vom 26. Juni 2014 (Haus der Berliner Festspiele, Seitenbühne)
Weitere Aufführung am 28. Juni 2014

Zuerst erschienen am 29.06.2014 auf Kultura-Extra.

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Van den vos – Das belgische Künstlerkollektiv FC Bergman mit einer schrecklich schauerlichen Version der Fabel von Reineke Fuchs im Haus der Berliner Festspiele.

Nach dem obligaten Pausentee nach der Vorstellung von Ende einer Liebe und ein paar Begrüßungsworten von Thomas Oberender und Matthias von Hartz im Garten, in der der eine von der Kreativität der sich nicht auf den Staat stützen könnenden Albaner mit ihren großen Taschen und Holzkiosken schwärmte und der andere damit kokettierte, dass nach seinem Beispiel ein nicht ganz unbedeutendes Sportereignis in Übersee zur selben Zeit angesetzt wurde, ging es um 21 Uhr auf der Großen Bühne des Hauses der Berliner Festspiele mit der nächsten Eröffnungspremiere weiter. Es herrschte schon beim Einlass fast völlige Dunkelheit, was einem nicht nur das Auffinden des Platzes erschwerte. Man hatte auch das Gefühl, nun wohl etwas ganz schauerlich Erhabenem beizuwohnen, war das Stück doch erst ab 16 Jahren freigegeben. Die Altersbeschränkung hätte man sich aber ruhig sparen können, die Fabel von Reineke Fuchs gehört eh nicht zum heutigen Kanon der Jugendliteratur, so dass sie wohl kaum mehr einen Minderjährigen hätte locken können.

FC Bergman: Van den vos  © Kurt van der Elst / www.kvde.be

FC Bergman: Van den vos
© Kurt van der Elst / www.kvde.be

Stein des Anstoßes sind dann wohl eher ein paar explizite Gewaltbilder in dem zur Produktion laufenden Video, die man allerdings in jedem illegal aus dem Internet heruntergeladenen Slasherfilm hätte besser bekommen können. Oder bei der FIFA-Pfeifen-WM in Brasilien wesentlich lustiger und auch noch für lau. Zu Beginn sitzen auf immer noch dunkler Bühne vier Personen in einem alten PKW und philosophieren über den Respekt vor dem Gesetz, den Ursprung der Moral und den Vorsatz bei Mord. Die Wollust bei der Beobachtung von Grausamkeiten wie der Kreuzigung, Kämpfen in den antiken Arenen oder beim heutigen Stierkampf schlägt den Menschen seit ehedem in ihren Bann. Auf der einen Seite steht die Moral der zivilisierten Gesellschaft, auf der anderen das Gesetz der Natur.

Nun sitzen da aber nicht Immanuel Kant und der Marquise de Sade beim Plausch, sondern Isegrim, der Wolf (Dirk Roofthooft) als Vertreter der Moral und Gentle, die Königin (Viviane de Muynck), die für sich das Lustprinzip beansprucht, und erzählen uns was vom bösen, schlauen Fuchs. Der Frage: „Warum sind wir so?“ geht die Produktion Van den vos der belgischen Künstlertruppe FC Bergman dann aber nicht mehr weiter nach. In den Eröffnungsreigen der FOREIGN AFFAIRS hat es diese pseudophilosophierende und -psychologisierende Performance mit Musik wohl auch nur deswegen geschafft, da die Macher einen Fußballclub und den bekannten schwedischen Film- und Theaterregisseur im Namen vereinigen. Auf der Bühne wird dann auch viel live gefilmt und die Bilder auf eine große Plexiglaswand projiziert. Diese stellt die Grenze zwischen Zivilisation mit Swimmingpool und der bösen Natur in Form eines Waldes auf der hinteren Bühne dar.

Aus dem Pool wird zunächst eine schöne Wasserleiche gefischt, die dem Kommissar Wolf auch weiterhin Kopfzerbrechen bereiten wird. Seine Frau ist bereits vom Fuchs im Gesicht verunstaltet, der Sohn geblendet worden. Stumm und mit Hang zum Suizid sitzt er am Beckenrand. Dem Rand zur Wildnis bleibt der Wolf selbst fern und schickt, ganz wie in der Fabel, lieber erst Bruin, den Bären (Wim Verachtert) und dann Tybalt, die Katze (Bart Hollanders) los, um den Fuchs zu holen. Die Katze versichert ihrem Chef vorher noch, einen gerechten Kampf zu führen. Jeder Kampf, mit kleinen Einschränkungen natürlich, muss gekämpft werden. Der Wolf kämpft hier eher mit sich selbst und seinen Obsessionen und Phantasien, in denen ihm das tote Mädchen als Hure zu Willen sein muss.

FC Bergman: Van den vos  © Kurt van der Elst / www.kvde.be

FC Bergman: Van den vos
© Kurt van der Elst / www.kvde.be

Immer wieder gibt es kleine philosophische Geplänkel mit der Königin, die sich auch schon mal eine Fuchsmaske aufsetzt, und dann wieder Filmsequenzen an einer Klippe, wo der Fuchs gnadenlos seine Verfolger malträtiert. Die blutigen Leichen werden nacheinander aus dem Wald getragen. Derweil sorgt sich der Wolf über Blätter im Pool, die er pedantisch herausfischt, und immer wieder bedeutungsvoll an der Drehtür zur Wildnis verharrt. Dabei hat der verbissene Tugendmärtyrer natürlich immer „das grüne Weideglück für die Herde“, wie ihm die Königin ironisch zu verstehen gibt, diesseits der Grenze im Auge. Das Ganze wird mit düster romantischer Kammermusik des Ensembles Kaleidoskop untermalt, sehr virtuos und einziger Lichtblick dieser Veranstaltung.

Die nächste wohl eher ungewollte Parallele zu Fußball-WM eröffnet sich in der letzten Videoeinspielung, die den Fuchs (Gregory Frateur) bei der Tat zeigt. Für eine wesentlich harmlosere Beißattacke hatte der Uruguayische Torjäger Luis Suárez gerade erst eine viermonatige Spielsperre bekommen. „Das ist auch etwas Psychologisches“, schrieb der Corriere dello Sport. Wie wahr. Gibt es eigentlich auch eine Art FIFA-Gericht für Theaterperformer? Vorerst gehen diese wohl aber noch straffrei aus. Der Delinquent Fuchs bekommt hier noch eine wunderschöne, verführerische Arie, bevor er sich wegen des Unvermögens des Wolfes selbst aus dem Leben schießen muss. Man könnte darin durchaus auch ein Jekyll-und-Hyde-Gleichnis sehen. Leider überladen die Macher ihre Performance derart mit Bedeutung, dass einen die prätentiöse Art irgendwann nicht mehr interessiert. Zumindest kann man die Augen schließen und alles als misslungene Operninszenierung mit zumindest annehmbarer Musik hinnehmen. Bestimmt können die FOREIGN AFFAIRS in den nächsten zwei Wochen aber noch mit der einen oder anderen Produktion wieder punkten.

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Van den Vos (Deutsche Erstaufführung)
von FC Bergman
FC Bergmann: Stef Aerts, Joé Agemans, Bart Hollanders, Thomas Verstraeten, Marie Vinck, Musik: Michael Rauter, Daniella Strasfogel, Paul Valikoski – Solistenensemble Kaleidoskop und Liesa Van der Aa, Live-Musik: Solistenensemble Kaleidoskop: Dea Szűcs, Paul Valikoski, Ildiko Ludwig, Yodfat Miron, Boram Lie, Michael Rauter, Caleb Salgado, Magnus Andersson, Text Josse De Pauw, Text des Schlussliedes Gregory Frateur, Craig Ward.
Mit: Stef Aerts, Joé Agemans, Bart Hollanders, Thomas Verstraeten, Marie Vinck, Viviane De Muynck, Gregory Frateur, Dirk Roofthooft, Wim Verachtert, Bent Simons, June Voeten.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

Produktion: Toneelhuis / Muziektheater Transparant / Solistenensemble Kaleidoskop
In Zusammenarbeit mit: Stadsschouwburg Amsterdam / Kaaitheater / Le Phénix – Scène nationale de Valenciennes / Wiener Festwochen / Operadagen Rotterdam / Stichting Theaterfestival Boulevard / Berliner Festspiele – Foreign Affairs

Weitere Infos: http://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/foreign_affairs/ueber_festival_fa/aktuell_fa/start.php

Zuerst erschienen am 29.06.2014 auf Kultura-Extra.

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