Archive for the ‘Foreign Affairs 2016’ Category

Schuberts Winterreise, Ubu und die Wahrheitskommission – William Kentridge verknüpfte bei den FOREIGN AFFAIRS Europa mit Südafrika

Donnerstag, Juli 21st, 2016

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Ubu and the Truth Commission (Ubu und die Wahrheitskommission) – Eine Gemeinschaftsarbeit von William Kentridge und der Handspring Puppet Company

Schon seit 1975 beschäftigt sich der südafrikanische Multimedia-Künstler William Kentridge mit dem absurden Theaterstück König Ubu von Alfred Jarry. Zuerst als Schauspieler und ab Mitte der 1990er Jahre mit Radierungen und der Animationsfilm-Serie Ubu and the Procession. „Aus südafrikanischer Sicht ist Ubu eine besonders starke Metapher für den Irrsinn der Apartheidpolitik, die vom Staat als vernünftiges System hingestellt wird.“ schreibt Carolyn Christov-Bakargie, Verfasserin von Künstlermonografien über Kentridge und Kuratorin der dOCUMENTA 13.

 

Haus der Berliner Festspiele - Foto: St. B.

Haus der Berliner Festspiele – Foto: St. B.

 

Im Zuge der 1996 vom ANC und Präsident Nelson Mandela eingerichteten Wahrheits- und Versöhnungskommission (engl. Truth and Reconciliation Commission), einer südafrikanischen Einrichtung zur Untersuchung von politisch motivierten Verbrechen während der Zeit der Apartheid, entstand der Animationsfilm Ubu Tells the Truth. Gemeinsam mit der südafrikanischen Handspring Puppet Company inszenierte Kentridge 1997 das mittlerweile vielgereiste Theaterstück Ubu und the Truth Commission, das nun im Rahmen des Kentridige-Fokus der FOREIGN AFFAIRS auf der Seitenbühne des Hauses der Berliner Festspiele in Originalbesetzung gezeigt wurde.

Kentridge inszeniert eine Mischung aus Elementen von Graphic Novel, Dokumentar-, Puppen- und satirischem Volkstheater mit Gesang. Während im Hintergrund seine Kohle-Bilder rassistischer Gewalt mit Folter und Mord laufen, in die der Künstler immer wieder die von Jarry selbst geschaffene Zeichnung der monströsen Figur Père Ubu einfügt, spielen vor der Leinwand Dawid Minnaar und Busi Zokufa die südafrikanische Variante des Paars Papa und Mama Ubu. Der korrupte und sadistische General aus Jarrys Stück ist hier ein feige berechnender Täter, der sich mit einer Horde von Bluthunden umgibt. Die Beweise seiner nächtlichen Mordausflüge gibt er einem Krokodil mit Taschenmagen zu fressen, in dem auch jede Menge Knochen verschwinden. Die Spieler der Handspring Puppet Company führen diese Tiergestalten und leihen ihnen Stimme und Bewegung.

 

Ubu and the Truth Comission - Foto (c) Luke Younge

Ubu and the Truth ComissionFoto (c) Luke Younge

 

Ziel der südafrikanischen Wahrheitskommission war es, Opfer und Täter politisch motivierter, rassistischer Gewalt zu versöhnen, indem es den Opfern eine Stimme gab und den reuigen Tätern als Belohnung Straffreiheit zusagte, was auch oft als Vereitelung von Gerechtigkeit kritisiert wurde. Vor allem im Fall des besonders brutalen Polizeioberst Eugene Alexander de Kock, der durchaus Pate für die Ubu-Figur des Stücks gestanden haben könnte. Der Stück-Ubu windet sich schließlich mit geheuchelter Reue heraus und schiebt alle Schuld auf seine Hundemeute. Wie de Kock werden die willigen Helfer zu lebenslänglich plus 212 Jahre verurteilt werden, während der scheinbar geläuterte Captain Ubu die Segel setzt und zu neuen Ufern in die Saragossasee aufbricht.

Kentridges Film wie das Theaterstück sind vor allem eine in zwei Ebenen angelegte Erinnerungsarbeit über Gewalt, Verrat, Heuchelei und Vertuschung der Verbrechen des früheren Apartheitstaats. Mit Puppen gespielte und in Xhosa gesprochene Berichte von schwarzen Südafrikanern über ihr Martyrium werden simultan von Schauspielern in einem Glaskasten, in dem sich zuvor Captain Ubu das Blut der Nacht abgeduscht hat, ins Englische übersetzt. Die nüchtern dokumentarisch wirkenden Aussagen der Opfer setzen die satirisch überhöhten Spielszenen mit dem windigen Heuchlers Ubu ins rechte Licht und reflektieren die Absurdität eines gescheiterten Versöhnungsmythos.

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Winterreise – William Kentridges bebildert eindrucksvoll Schuberts romantisch-melancholischen Liederzyklus

Sicherlich einen der Höhepunkte nicht nur des Kentridge-Fokus erlebten die FOREIGN AFFAIRS mit der Interpretation der Winterreise von Franz Schubert zu den Gedichten von Wilhelm Müller durch den Bariton Matthias Goerne, der vom Intendanten der Wiener Festwochen Markus Hinterhäuser am Klavier begleitet wurde. Mit fast schon philosophischem Ernst nähert sich William Kentridge dem romantisch-melancholischen Liederzyklus. Er hat zu einer Reihe seiner bereits existierenden Animationsfilme einige neue zur Bebilderung von Schuberts Musikwerk passend hinzugefügt.

 

Die Winterreise - Foto (c) Patrick Berger / Artcomart

Die WinterreiseFoto (c) Patrick Berger / Artcomart

 

Diese in üblicher Weise animierten Kohlezeichnungen Kentridges laufen auf zwei großen und versetzt stehenden Atelierwänden, die mit Zetteln und Zeichnungen dicht behängt sind und den visuellen Hintergrund für den musikalischen Vortrag von Goerne und Hinterhäuser bilden. Die schwarz-weißen Videobilder greifen Kentridges typische Themen wie Entstehen und Verwischen, Erinnern und Vergessens auf, aber auch die Naturmetaphorik der Verse von Wilhelm Müller, dessen unbehaustes, lyrisches Ich suchend durch die kargen Landschaften Kentridges streift, als animiertes Alter-Ego des Künstlers über die Seiten von Enzyklopädien wandelt und sich ein wirbelndes Tänzchen mit der südafrikanischen Choreografin Dada Masilo aus der Performance Refuse the Hour gönnt.

William Kentridge spannt geschickt einen Bogen von Schuberts Lebenswelt in Wien, wo die Konzert-Performance auch bei den Festwochen 2014 zu sehen war, zur Umgebung des südafrikanischen Johannesburg, der Heimat Kentridges mit ihrer kargen Grubenarchitektur. Bäume entstehen wie aus dem Nichts und verdorren wieder, animierte Streifen laufen über die Videowände, wie Gefrorne Tränen, von denen Goerne singt, und Kentridges Kaffeekannen, Megafontrichter, Kameras und liegende, nackte Frauenleiber verwirbeln als Kohlepapierfetzen zu Schuberts Winterstürmen.

 

Haus der Berliner Festspiele - Foto: St. B.

Haus der Berliner Festspiele – Foto: St. B.

 

Im Lied Das Wirtshaus durchziehen Striche wie imaginäre Parabeln die Koordinaten einer alten Totenliste. Und plötzlich hängen da auch Leiber im Lindenbaum. Zu den Nebensonnen zeigt Kentridge Negativbilder und zum Leiermann zieht eine Schattenprozession gebückter Leiber wie ein endloser Flüchtlingstross über die Leinwand. Zu dokumentarischen Archivbildern von Schlachten und Bombenexplosionen fügt Kentridge am Ende seine gezeichneten Bilder der Leichen des Sharpeville-Massakers. Schuberts düstere Winterreise als Kunstallegorie auf politische Restauration und Hoffnungslosigkeit wird somit auch zu einem ganz gegenwärtigen Requiem für die Opfer von Apartheid, Krieg und Vertreibung.

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UBU AND THE TRUTH COMISSION (Seitenbühne vom Haus der Berliner Festspiele, 14.07.2016)

Foto: St. B.

Foto: St. B.

Regie: William Kentridge
Co-Regie: Janni Younge
Text: Jane Taylor
Puppendesign: Adrian Kohler
Animation: William Kentridge
Bühnenbild: Adrian Kohler und William Kentridge
Kostümbild: Adrian Kohler
Kostümmacher: Phyllis Midlane, Sue Steele
Lichtdesign: Wesley France
Sounddesign: Wilbert Schubel
Musik: Warrick Sony und Brendan Jury
Choreografie: Robyn Orlinä
Animationsschnitt: Catherine Meyburgh
TRC-Recherche: Antjie Krog
Film- und Videorecherche: Gail Berhmann
Technische Leitung: Wesley France
Inspizienz: Bruce Koch
Sound: Simon Mahoney
Mit: Dawid Minnaar und Busi Zokufa (Schauspiel) sowie Gabriel Marchand, Mandiseli Maseti und Mongi Mthombeni (Puppenspiel)

WINTERREISE (Haus der Berliner Festspiele, 12.07.2016)
Regie und visuelle Kreation: William Kentridge
Bühnenbild: Sabine Theunissen
Kostümbild: Greta Goiris
Lichtdesign: Herman Sorgeloos
Videoschnitt: Snezana Marovic
Video: Kim Gunning
Mit: Matthias Goerne (Bariton) und Markus Hinterhäuser (Klavier)
Produktion: Festival d’Aix-en-Provence
Uraufführung 2014 beim Festival d’Aix-en-Provence
Koproduktion: Wiener Festwochen, Holland Festival, Kunstfestspiele Herrenhausen (Hannover) / Niedersächsische Musiktage (Göttingen), Lincoln Center, Les Théâtres de la Ville de Luxembourg, Opéra de Lille

Weitere Infos siehe auch: http://www.berliner-festspiele.de/

Zuerst erschienen am 16.06.2016 auf Kultura-Extra.

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The blind poet – Jan Lauwer & Needcompany basteln bei den FOREIGN AFFAIRS im Haus der Berliner Festspiele aus 7 persönlichen Portraits den Stammbaum der Welt

Sonntag, Juli 17th, 2016

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fa16_promo_motivFast am Ende des diesjährigen Performing-Arts-Festivals FOREIGN AFFAIRS gab es mit The blind poet von Jan Lauwers & Needcampany nochmal einen der typischen, gut verdaulichen Festivalhappen, die in breiter Koproduktion von Ort zu Ort ziehen. Die Needcompany, 1986 vom belgischen Theatermacher Jan Lauwers und der aus Indonesien stammenden Choreografin Grace Ellen Barkey gegründet, ist ein multikulturelles und wie eine Theaterfamilie funktionierendes Künstlerkollektiv aus Performern, Tänzern und Musikern, das auch mit bildenden oder anderen Bühnenkünstlern kooperiert. In ihrem Stück The blind poet, das im Frühjahr 2015 beim Kunstenfestivaldesarts in Brüssel seine Premiere feierte und auch schon bei den KunstFestSpielen in Herrenhausen und im Mousonturm Frankfurt/M zu sehen war, beschäftigen sich die Künstler der Needcompany in sieben Portraits mit Familien-Stammbäumen, Identität und Migration.

Das sind alles sehr aktuelle Themen, die in Berlin vor allem im Maxim Gorki Theater schon zu manch interessantem Theaterabend verwoben wurden. Ohne die politische Dimension besonders tief auszuloten oder an einer konkreten Handlung festzumachen, haben sich die Künstler und Künstlerinnen der Needcomany hier für ganz persönliche Lebensberichte in ihrer jeweiligen Muttersprache entschieden, die nacheinander in Einzelperformances vorgetragen werden, begleitet von Musik, Tanz und besonderen Bühnen-Installationen.

Den Anfang macht Grace Ellen Barkey im Kostüm einer Tempeltänzerin mit Blumenkopfschmuck, Clownsgesicht und ebensolchen Schuhen. Sie ruft zunächst minutenlang wie zu Anfeuerung ausschließlich ihren Namen, der ihr auch ebenso aus den Reihen der Mitstreiter entgegenschallt. Eine ausdrucksstarke Selbstvergewisserung, noch da zu sein. Barkey leidet am Lynch-Syndrom, einer erblichen Darmkrebsform, und hat sich wieder zurück ins Leben gespielt. Ihre Performance ist eine witzige Reise zu den Ahnen von Indonesien über China bis nach Deutschland, wo ihr Vorfahre zusammen mit belgischen Waffenschmieden an den Kreuzzügen teilnahm. Sie bezeichnet sich selbst als multikulturelles Wunder, was sie anscheinend auch mit den anderen Vortragenden verbindet.

 

The blind poet - Foto (c) Maarten Vanden Abeele

The blind poet – Foto (c) Maarten Vanden Abeele

 

Dies sind vor allem der dampfende Norweger Hans Petter Melø Dahl, der von Wikingern, Trojanern und Kannibalen abstammt, die eher bodenständigere Friesin Anna Sophia Bonnema, die ihr Ich allerdings auf einen Stammbaum auf berühmte Frauenfiguren der Weltgeschichte zurückführt („Ich bin alle Frauen.“), oder der belgische Musiker Maarten Seghers, der einem Geschlecht von stolzen belgischen Waffenschmieden entstammt, sich aber wie Onkel Jan Lauwers für die Künstlerlaufbahn entschieden hat. „Ich bin…“ ist ihr persönliches Mantra, was ihnen zu sagen auch wichtig ist.

Das sind Biografien und globale Verknüpfungen, die in einem philosophischen „Alles hängt mit allem zusammen.“ münden, allerdings künstlerisch stark überhöht und zumeist auch gut geflunkert sind. Der begleitende Sound ist eine Mischung aus Rock, Weltmusik und Country. Hängt die Performance am Anfang noch ein wenig, dreht die Needcompany nach der Pause dann richtig auf. Der Belgier Benoît Gob tischt uns eine unglaubliche Kindheitsgeschichte auf, mit häuslicher Gewalt und der Suche nach dem Gebiss des betrunkenen Vaters in den Bordellen Lüttichs. Am lustigsten gerät die Performance von Jules Beckman, der als jüdischer Countrysänger mit Banjo und breitestem Südstaatendialekt eine Story von Sex, Drogen, Jesus und der Flucht vor den Nazis aus Minsk zum Besten gibt.

Zu diesen ironisch performten Clownerien, die recht wortreich selten ernsthaft geerdet werden, gibt es begleitenden Tanz, Pantomime und zwei riesige, hölzerne Rittertürme, die mit ihren Lanzen lautstark aneinandergeraten sowie eine Todeswaage mit einem unechten Pferdekadaver als Symbol. Und wer es vorher noch nicht geahnt hatte, der immer wiedermal in den Szenen auftauchende tunesische Tänzer Mohamed Toukabri wird am Ende zum Gegenentwurf der europäischen Ahnengeschichte. Er verfolgt sich zurück zum blinden Poeten und Religionskritiker Abu l-‚Ala al-Ma’arri aus Syrien und der in Córdoba geborenen Dichterin Wallada bint al Mustakfi, einer unabhängigen und gebildeten Frau, die es ablehnte sich zu verschleiern und ironische Verse auf ihre Liebhaber dichtete.

Das war im 11. Jahrhundert, als Andalusien noch das Zentrum einer weltoffenen und toleranten muslimischen Kultur war, während das mittelalterliche Europa loszog, um Jerusalem zu erobern. Mohamed Toukabri, im Seidenanzug seines Vaters, ist sein schönes Lächeln bei der Ankunft in Belgien vergangen. „Eure blinden Dichter sind nicht unsere blinden Dichter.“ ist sein Fazit, und wenn Jan Lauwers das in seinem Stück etwas mehr vertieft hätte anstatt unablässig auf die Humortube zu drücken, wäre das sicher auch ein noch stärkerer Theaterabend geworden. So bleibt alles doch etwas an der visuell künstlich aufgeblähten Oberfläche, die zumindest zeitweise ganz gut unterhält.

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The blind poet (Haus der Berliner Festspiele, 15.07.2016)
von Jan Lauwers & Needcompany
Text, Regie, Bühne: Jan Lauwers
Musik: Maarten Seghers
Kostüm: Lot Lemm
Kostüm: Mohammed Bachir bin Ahmed bin Rhaïem El Toukabri
Dramaturgie und Übertitel: Elke Janssens
Licht: Marjolein Demey, Jan Lauwers
Tondesign: Ditten Lerooij
Ton: Marc Combas
Technische Leitung: Marjolein Demey
Technik und Produktion: Marjolein Demey, Gwen Laroche
Technischer Bühnenbildbau: De Muur, X-Treme
Logistische Unterstützung: Irmgard Mertens
Dramaturgische Einführung: Erwin Jans
Dramaturgische Mitarbeit: Jef Lambrecht, Lucas Catherine, Taha Adnan
Französische Übersetzung: Olivier Taymans
Englische Übersetzung: Gregory Ball
Deutsche Übersetzung: Rosi Wiegmann
Fotograf: Maarten Vanden Abeele
Mit: Grace Ellen Barkey, Jules Beckman, Anna Sophia Bonnema, Hans Petter Melø Dahl, Benoît Gob, Maarten Seghers, Mohamed Toukabri, Elke Janssens, Jan Lauwers
Produktion: Needcompany
Koproduktion: Kunstenfestivaldesarts, KunstFestSpiele Herrenhausen, FIBA – Festival Internacional de Buenos Aires, Künstlerhaus Mousonturm
In arabischer, englischer, flämischer, französischer, norwegischer und tunesischer Sprache mit deutschen Übertiteln
Dauer 2h 30, eine Pause

Infos: http://www.berlinerfestspiele.de

Zuerst erschienen am 16.06.2016 auf Kultura-Extra.

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Only another Coffee Pot – „Six Drawing Lessons“ von William Kentridge bei den FOREIGN AFFAIRS – Eine multimediale Lecture-Performance über den Zusammenhang von Zeichenkunst, Kunstgeschichte und Weltpolitik

Freitag, Juli 15th, 2016

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fa16_promo_motivIn seinen Six Drawing Lessons genannten, erstmals 2012 für die Charles Eliot Norton Lectures an der Harvard Universität gehalten Vorlesungen über die Kunst des Zeichnens, beschäftigt sich der südafrikanische Multimedia-Künstler William Kentridge mit Gedanken zur Kunst selbst, der Kunstherstellung und dem Atelier als Mittelpunkt seiner Arbeit. Im diesjährigen Fokus der FOREIGN AFFAIRS hielt er nun an zwei aufeinanderfolgenden Abenden im Haus der Berliner Festspiele seine sechsteilige Lecture-Performance, die in dem multimedialen Bühnenstück Refuse the Hour mündet.

Ausgehend von Platons Höhlengleichnis entwickelt Kentridge philosophische und künstlerische Denkmodelle über Mechanismen und Täuschungen, durch die wir in der Welt Sinn konstruieren. Er erläutert das immer wieder sehr anschaulich anhand seiner Arbeiten. So ist der Prozessionszug von schattenartigen Menschen, die Dinge und Symbole mit sich tragen, schon zu seinem Markenzeichen geworden. Das Licht der Aufklärung, der Drang Menschen auch gegen ihren Willen zu befreien, ist für Kentridge durch die blutigen Auswüchse der Französischen Revolution und die europäische Kolonisation Afrikas diskreditiert. Als Beispiel bringt er die Niederschlagung eines Aufstandes in der britischen Kolonie Nyassaland (dem heutigen Malawi) und den deutschen Genozid an den Hereo.

Kentridge vergleicht Robespierre mit dem Sarastro aus Mozarts Zauberflöte, die er 2005 in Brüssel inszeniert hat, und hat noch so manch anderen Querverweis aus der Kunstgeschichte von Dürers Rhinozeros bis zu Picassos Faible für afrikanische Masken auf Lager. All das findet sich in Kentridges Kunst wieder. Der Künstler nennt das selbst „Lob des Synkretismus“. Auch eine Synthese von Zeichnung und verschiedenen Methoden, bewegte Bilder zu erzeugen (wie etwa mit dem Zoetrop oder der Filmkamera). Kentridge erklärt den Ablauf von Bewegung, Projektion und Illusion. Wir schauen ihm im Video bei der Arbeit zu, wie er sich selbst als Double Hinweise gibt. Das Prinzip des schauenden und handelnden Künstlers im Atelier, dem Raum für die „notwendige Dummheit“, die wiederum Raum für unvoreingenommene Ideen und Gedanken schafft.

 

Drawing Lessons I–V - Foto (c) William Kentridge

Drawing Lessons – Foto (c) William Kentridge

 

Die Bemühung, die Unordnung der Welt neu zu ordnen, stürzt uns immer wieder in neue Unordnung. Kentridge erklärt daher das Unfertige und die Unsicherheit zum Prinzip seiner Arbeit. Irgendwo gibt es immer eine Lücke in der Lösung von Rätseln, die wieder ein neues unlösbar scheinendes Rätsel offenbart. Diese Lücke nutzt Kentridge als Impuls für sein künstlerisches Schaffen. Als politisch denkender Künstler zeichnet Kentridge auch gegen den nationalen Gedächtnisverlust. Bilder aus seiner Kindheit (wie die Fotos von den Toten des Massakers an 69 schwarzen Demonstranten im Township Sharpeville) haben sich in sein Gedächtnis eingefressen.

Zeichnen bedeutet für Kentridge auch Erinnern. Eines seiner in Versalien auf Buchseiten geschrieben Mantra lautet daher auch: Undo, unsay, unsave, unremember, unhappen. Für das Erinnern versucht er wie jeder Mensch auch die Zeit anzuhalten oder rückwärts laufen zu lassen. Das schafft Kentridge mit Hilfe des vor- und rückwärts laufenden Films. Zeit ist Entfernung und Geografie. Können wir dem entfliehen, was wir sind, ist dann auch die Frage Kentridges, die er wiederum mit dem Schaffensprozess des Künstlers im Atelier in Zusammenhang bringt, der wie Rilkes Panther im Käfig auf- und abläuft. Ein Prozess, den Kentridge „Denken mit den Füßen“ nennt. *In der Lektion Vertikales Denken befasst sich Kentridge mit der Landschaft um Johannesburg, die sich durch den Bergbau stark verändert hat. Eine Stadt, die auf dem Reißbrett entstanden ist, einzig aus geologischen Gründen, weil es dort Gold gibt. Hier hat sich Geschichte vertikal in eine Landschaft eingeschrieben. Eine illusionslose Nichtlandschaft, die immer wieder in Kentridges Bildern und Animationsfilmen über die Unterdrückung und Ausbeutung der schwarzen Bevölkerung auftaucht.

Die selbstironische Distanz, das kluge Aufgreifen und Nutzen von Widersprüche sowie der humorvolle und unterhaltsame Vortrag Kentridges machen diese Lektionen zu einer echten Anregung zum Weiterdenken, auch wenn es in Lesson 4 und Lesson 5 manchmal etwas zu didaktisch wird.

 

Refuse the Hour von William Kentridge und Philip Miller - Foto (c) Jac de Villiers

Refuse the Hour von William Kentridge und Philip Miller – Foto (c) Jac de Villiers

 

In Teil 6, der Kammeroper Refuse the Hour, die eine Weiterführung der multimedialen Installation The Refusal of Time ist, wird jedoch alles Wissenschaftliche zur reinen Poesie aus Wort, Bild, Bewegung und Musik. Es geht um Zeit, Raum und Schicksal. Und wieder verbindet William Kentridge eine antike Sage mit der Gegenwart. Die Geschichte von Perseus und dessen Großvater Akrisios, die ihm als Achtjährigem von seinem Vater vorgelesen wurde. König Akrisios flieht vor dem Orakelspruch, der ihm prophezeit, von seinem Enkel Perseus getötet zu werden. Dennoch kann er seinem Schicksal nicht entgehen und ist zur falschen Zeit am falschen Ort. Theorien über europäische Zeitmessung, die Kolonialgeschichte Afrikas, schwarze Löcher, Ordnung, Unordnung, Begrifflichkeiten und deren Fehlinterpretationen verbinden sich auf wundersame Weise mit Soundinstallationen, Bühnen- und Kostümgestaltung, Videokunst, Musik und Performance.

Kentridge ist hier eine kongeniale Übertragung der zuvor behandelten Themen mit den Mitteln des Schauspiels, Tanzes und Animationsfilms sowie seinem eigenen Vortrag in ein multimediales Bühnenspektakel gelungen, zu dem Philip Miller eine recht moderne Musik mit europäischen und afrikanischen Referenzen komponierten hat, wie wir sie schon in Paper Music erleben konnten. Hier glänzen aber nicht nur die Sängerin Ann Masina und Performerin Joana Dudley, die sogar rückwärts singen kann, sondern vor allem auch die südafrikanische Choreografin und Tänzerin Dada Masilo, der Schauspieler Thato Motlhaolwa sowie die Orchestermusiker unter Leitung von Adam Howard. Ein ganz großes Bühnenerlebnis mit anschließenden Standing Ovations des begeisterten Publikums.

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DRAWING LESSONS I-V (Haus der Berliner Festspiele, 08./09.07.2016)
Konzept: William Kentridge
Musik und musikalische Einrichtung: Philip Miller
Video, Schnitt: Catherine Meyburgh
Performer: William Kentridge
Videomanipulation: Janus Fouché
Licht: Marine Deballon

REFUSE THE HOUR (Haus der Berliner Festspiele, 09.07.2016)
Kammeroper von William Ketridge
Konzept und Libretto: William Kentridge
Musik: Philip Miller
Choreografie: Dada Masilo
Videokonzept: William Kentridge und Catherine Meyburgh
Bühnenkonzept: Sabine Theunissen
Kostüme: Greta Goiris
Mit: William Kentridge, Dada Masilo (Tanz), Ann Masina und Joanna Dudley (Gesang), Thato Motlhaolwa (Schauspiel) sowie den Musikern Adam Howard (Dirigent, Ko-Einrichtung, Trompete und Flügelhorn), Tlale Makhene (Perkussion), Waldo Alexander (Violine), Dan Selsick (Posaune), Vincenzo Pasquariello (Klavier) als auch Edward Rudolf Neuhauser (Tuba)

Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinerfestspiele.de

Zuerst erschienen am 11.07.2016 auf Kultura-Extra.

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Interdisziplinäres von William Kentridge und Alain Platel zum Auftakt der FOREIGN AFFAIRS 2016 im Martin-Gropius-Bau und dem Haus der Berliner Festspiele

Samstag, Juli 9th, 2016

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En avant, marche! – Frank Van Laecke, Alain Platel und Steven Prengels schicken eine Blaskapelle zum Start der FOREIGN AFFAIRS auf die Bühne im Haus der Berliner Festspiele

fa16_promo_motivMittenhinein in den Volksbühnenstreit zeigen uns die Berliner Festspiele zum Auftakt des internationalen Performing-Arts-Festival FOREIGN AFFAIRS, wie es zukünftig im Theater am Rosa-Luxemburg-Platz aussehen könnte. Hoffentlich etwas frischer als die spartenübergreifende, durch Europa tourende, belgische Produktion En avant, marche! von Regisseur Frank Van Laecke, Spitzenchoreograf Alain Platel und Komponist Steven Prengels. Warum muss eigentlich momentan gefühlt jeder zweite Musiktheaterabend aussehen wie ein relativ uninspirierter Marthaler? Und das gerade dann, wenn der Schweizer Meister der ironisch-melancholischen Langsamkeit selbst im Begriff ist, sich immer mehr zu kopieren.

Aber wie das Licht der alten Volksbühne, das für eine Supernova noch einmal aufscheint, um dann für immer zu verlöschen, so zeigen sich die FOREIGN AFFAIRS in ihrer fünften und letzten Ausgabe noch einmal strahlend bunt und vielfältig. Und das mit Uraufführungen von Forced Entertainment und dem Nature Theater of Oklahoma, die Freiwillige aus dem Publikum zu einem Sience-Fiction-Dreh geladen haben. Es wird Gastspiele u.a. von Jan Lauwers & Needcompany, einige Pop-Konzerte sowie einen Fokus mit Arbeiten des südafrikanischen Multimedia-Künstlers William Kentridge geben. Das bisherige Format des Festivaldirektors Matthias von Hartz weicht im nächsten Jahr den immersiven Kunstträumen des Intendanten der Berliner Festspiele, Thomas Oberender. Man könnte das auch die weise Voraussicht einer Konkurrenzvermeidung zu Chris Dercons Plänen an der Volksbühne nennen. Aber auch da soll das Theater ja in virtuelle Welten eintauchen.

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In En avant, marche! (zu deutsch: Vorwärts, marsch!) kämpft ein an Kehlkopfkrebs erkrankter und darum an die Becken verbannter Posaunist (Wim Opbrouck) gegen das Sterben und Verstummen. „Der Tod ist vorbeigekommen und hat eine Blume in meinen Mund gesteckt.“ Soweit eine Adaption des Einakters Der Mann mit der Blume im Mund von Luigi Pirandello aus dem Jahr 1923. Etwas uninspiriert übt sich zu Beginn der verhinderte Blasmusiker an dem vom Band eingespeisten Vorspiel zu Wagners Lohengrin in der Benutzung der Becken. Ein nicht besonders lohnendes Unterfangen. Erst der Aufmarsch einer ganzen Blaskapelle löst den Mann aus seiner Lethargie und verleiht ihm neuen Mut, über den Sinn des Lebens zu sinnieren, was er auch in mehrsprachigen Bröckchen unablässig tut. Was tragikomisch und skurril wirken soll, erschöpft sich aber zunächst in flauen, musikalischen Unterleibswitzchen und der beständigen Forderung immer weiter zu spielen.

 

En avant, marché! bei den FOREIGN AFFAIRS 2016 - (c) Phile Deprez

En avant, marché! – Foto (c) Phile Deprez

 

Die Zentralkapelle Berlin bläst ein paar feierliche Sterbemärsche dazu – Gustav Mahlers Urlicht aus der 2. Sinfonie eignet sich besonders schön dafür – und goldene Funkenmariechen (Griet Debacker und Chris Thys) schwingen den Tambourstab. Getanzt wird allerdings eher sparsam. Körperliche Wucht, wie noch in Platels zum Theatertreffen 2014 eingeladener Produktion tauberbach, zeigt nur der relativ präsente Schauspieler Openbrouck mit klarer Tendenz zur Rampensau. Ansonsten zieht sich der erste Teil der Veranstaltung zäh wie der sprichwörtliche Kaugummi, bis die Berliner Bläser einen flotten Balkan Brass spielen und sich auch choreografisch einiges zu bewegen beginnt.

Das Team um Platel zelebriert die künstlerische Gemeinschaft in Form einer traditionellen Blaskapelle in Uniform, nicht ohne die Klischees musikalisch ordentlich gegen den Strich zu bürsten und ironisch zu verfremden. Es gibt u.a. ein schräges Troubadour-Duett von Verdi und ein stark rhythmisches Schlagzeugstock-Ballett. Dem dahinscheidenden Künstler-Individuum wird mit dem auf einem Hornmundstück geblasenen Lied Der Leiermann aus Franz Schuberts Winterreise gehuldigt. Dazu tanzt das Schwergewicht Openbrouck einen Pas de deux als sterbender Schwan und wird sogar in die Luft gehoben. Geradezu filmreif ist die Jupiter-Schlussmelodie aus Gustav Holsts Planetensuite, die nochmal einiges an Emotionen beim Publikum wecken kann, bevor sie plötzlich erstirbt.

Zu hoffen bleibt, dass sich das bunte Programm der FOREIGN AFFAIRS in den nächsten zwei Wochen noch als steigerungsfähig erweist.

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En avant, marche! (Vorwärts, marsch!) – (05.05.2016, Haus der Berliner Festspiele)
NTGent & les ballets C de la B
Konzeption und Inszenierung: Frank Van Laecke, Alain Platel
Musikauswahl und Bearbeitung: Steven Prengels, Dirigent: Steven Prengels
Mit: Griet Debacker, Chris Thys, Hendrik Lebon, Wim Opbrouck
Musiker:
Trompete: Jan D’Haene, Jonas Van Hoeydonck
Waldhorn: Lies Vandeburie
Euphonium: Niels Van Heertum
Horn: Simon Hueting
Schlagzeug: Witse Lemmens, Gregory Van Seghbroeck
Zentralkapelle Berlin
Dauer: 1 Stunde, 40 Minuten, keine Pause

Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinerfestspiele.de/

Zuerst erschienen am 07.07.2014 auf Kultura-Extra.

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William Kentridge lässt im Lichthof des Martin Gropius Bau seine animierten Kohlezeichnungen zu Philip Millers Paper Music tanzen

mgb16_plakat_kentridge_liteboxDass es bei den FOREIGN AFFAIRS auch wesentlich innovativer zugehen kann als beim Blasmusikabend En avant, marche! beweist Fokusgast William Kentridge, der schon seit Jahrzehnten über alle Genregrenzen hinweg seine Kunst betreibt. Die Berliner Festspiele widmen ihm gerade im Martin-Gropius-Bau die retrospektive Ausstellung No it is! – ebenfalls mit Ausrufezeichen. Zu Beginn des Kentridge-Fokus der FOREIGN AFFAIRS fand im Lichthof des Museumsgebäudes die deutsche Erstaufführung des Ciné-Concerts Paper Music mit Kompositionen von Philip Miller zu filmisch animierten Kohlezeichnungen William Kentridges statt. Ein guter Querschnitt durch das Schaffen des 1955 in Johannesburg geborenen und in der Anti-Apartheidsbewegung engagierten Zeichners, Bühnenbildners, Theaterregisseurs und Animationsfilmers aus Südafrika.

Vincenzo Pasquariello am Piano untermalt – begleitet von der schwarzen Sängerin Ann Masina, die mit großartiger Sopranstimme Texte in Xhosa und Englisch vorträgt, sowie der australischen Performerin und Sängerin Joanna Dudley – eine Reihe von kurzen Animationsfilmen Kentridges mit einer teils melodiösen bis minimalistisch anmutenden Liedfolge. Wir sehen u.a. Journey to the Moon mit Kentridges Lieblingsutensil, einer Espressokanne, sowie Ameisen als flirrende Sterne, den südafrikanischen Geschichtsabriss Tide Table, Ausschnitte aus Refusal of Time und Rilkes Panther, der hinter den von Kentridge gezeichneten Gittern auf und abläuft. Es sind abfotografierte Kohle- und Tuschezeichnungen, die Kentridge immer wieder verändert, auswischt und überlagert.

 

Paper Music - Foto © Chris Hewitt - v.l.n.r.: Ann Masina, Joanna Dudley und William Kentridge Philip Miller & William Kentridge „Paper Music“ Ein Ciné-Concert von William Kentridge und Philip Miller Deutsche Erstaufführung ANN MASINA Gesang JOANNA DUDLEY Gesang VINCENZO PASQUARIELLO Klavier PHILIP MILLER Schallplattenspieler Video WILLIAM KENTRIDGE Musik PHILIP MILLER Kostümbild GRETA GOIRIS Kostümassistenz EUGÉNIE POSTE Technische Leitung MICHELE GRECO Mit freundlicher Unterstützung von Firenze Suona Contemporanea und Lia Rumma Gallery (Neapel und Mailand). „Paper Music“ wird vertreten von Quaternaire (www.quaternaire.org). In englischer Sprache Dauer 1h

Paper Music – v.l.n.r.: Ann Masina, Joanna Dudley und William Kentridge – Foto © Chris Hewitt

Die schwarz-weißen Animationen zeigen den typischen Zeichenkanon aus Kentridges Bilderkosmos wie apokalyptische Landschaften aus der durch den Bergbau gezeichneten Umgebung seiner Heimatstadt Johannesburg, immer wieder den Künstler selbst, sein Alter-Ego Felix, die nackte Muse, Trichter-Megafone, Globen, übermalte Nachschlagewerke, Coffee-Cups and Pots sowie tickende Metronome als Symbole der verstreichenden Zeit. Kentridge komponiert symbolische Bilderrätsel, „Composite Rebus“ genannt, die Philip Müller spannungsgeladen vertont hat.

Die beiden Sängerinnen machen dazu Livegeräusche mit Papier, einem alten Plattenspieler, Schlagwerken oder gar stakkatohaften Lautmalereien, die in einem schrillen Lullaby for Housalarm kulminieren. Auch der Meister selbst gibt sich die Ehre und trägt ein kurzes philosophisches Poem zum Thema How did we know, that we are in time vor.

Mit der Performerin Joanna Dudley kann man noch bis zum 15. Juli an Nachtführungen durch die Ausstellung im Martin-Gropius-Bau teilnehmen und bei den FOREIGN AFFAIRS weitere Music-Performances und Drawing Lessons von und mit William Kentridge besuchen.

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William Kentridge - Journey to the Moon 2003 - Foto © Courtesy the artist, Marian Goodman Gallery (New York, Paris, London); Goodman Gallery (Johannesburg, Cape Town) and Lia Rumma Gallery (Naples, Milan)

William Kentridge – Journey to the Moon, 2003
Foto © Courtesy the artist, Marian Goodman Gallery (New York, Paris, London); Goodman Gallery (Johannesburg, Cape Town) and Lia Rumma Gallery (Naples, Milan)

 

„Uncertainty“ (Unsicherheit) ist auch das Prinzip von Kentridges Kunst, in der alles im Fluss und ständiger Metamorphose ist. Im 1.OG des Martin-Gropius-Baus kann man in das in sechs Räumen aufgefächerte, interdisziplinäre Gesamtwerk des Künstlers wie in eine Wunderkammer eintauchen. Auch hier sind der Ausgangspunkt wieder die zahlreichen Animationsfilme Kentridges, die beginnend mit den Seven Fragments for Georges Méliès und Drawings for Projection (1989-2011) über das monumentale filmische Fries More Sweetly Play the Dance (2015) im Mittelteil bis zu der die Vergänglichkeit und Zeit reflektierenden Rauminstallation The Refusal of Time, die 2012 erstmals auf der documenta zu sehen war, am Ende der Ausstellung reicht.

Dazwischen können die Besucher in gestalteten Atelierräumen über Schaukästen, Ready-mades, Skulpturen, Zeichnungen zu Bühnenbildern und Making-of-Videofilmen tief in den Schaffensprozess des Künstlers Einblick nehmen. Zu sehen sind auch Inspirationsquellen wie Radierungen von Goya, Piranesi, Hopper und Dürers Rhinozeros, dem das Kupferstichkabinett am Berliner Kulturforum bereits eine Ausstellung widmete. Kentridges gezeichnete Rubics sind politische Comics und Schlagwortkataloge des Vertical Thinking und enthalten auch so wunderbare deutsche Begriffe wie „Torschlusspanik“.

Eines der Höhepunkte ist aber sicher der ebenfalls in Zusammenarbeit mit dem Komponisten Philip Miller entstandene über sieben Leinwände laufende Videofries More Sweetly Play the Dance, in dem Kentridge mehrere Gruppen von Protagonisten beginnend mit einer Marching-Brass-Band durch eine schwarz-weiß gezeichnete Traumlandschaft laufen lässt. Die 45 Meter lange filmische Projektion ist Parade, politische Demonstration und Flüchtlingsstrom gleichermaßen. Ein prozessionsartiger Totentanz schattenartiger Figuren mit dem William Kentridge sein Heimatland Südafrika als Gesellschaft in Transformation reflektiert. Am späten Abend wird das Video dann auch an die Fassade des Hauses der Berliner Festspiele projiziert.

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Paper Music
Ein Ciné-Concert von William Kentridge und Philip Miller
Deutsche Erstaufführung am 05.07.2016 im Lichthof des Martin Gropius Baus
Video: William Kentridge
Musik: Philip Miller
Kostümbild: Greta Goiris
Technische Leitung: Michele Greco
Mit: Ann Masina, Joanna Dudley (Gesang) und Vincenzo Pasquariello (Klavier)
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

Infos: http://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/foreign_affairs/fa16_programm/fa16_programm_gesamt/fa16_veranstaltungsdetail_168213.php

No it is! – William Kentridge
12.05. – 21.08.2016
Martin-Gropius-Bau

Infos: http://www.berlinerfestspiele.de/de/aktuell/festivals/berlinerfestspiele/ueber_uns_bfs/aktuell_bfs/start.php

Zuerst erschienen am 08.07.2014 auf Kultura-Extra.

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