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Ist der Mensch fremdbestimmt? – DU MUSST DEIN LEBEN ÄNDERN! Ein Stück von Fränk Heller im SchwuZ und „Woyzeck III – Magic Murder Mystery“ frei nach Georg Büchner von Mirko Borscht und Ensemble am Maxim Gorki Theater

Montag, April 7th, 2014

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DU MUSST DEIN LEBEN ÄNDERN!
Ein Stück von Fränk Heller über pseudowissenschaftlichen Selbstoptimierungswahn aufgeführt im SchwuZ.

Fränk Heller (C) ELECTRIC FLESH BRUSH COMPANY

Fränk Heller (C) ELECTRIC FLESH BRUSH COMPANY

„Du musst dein Leben ändern“ ist der in fünfhebige Jamben gemeißelte Ausruf der Bewunderung des Dichters Rilke beim Anblick eines Jünglingstorsos im Pariser Louvre. Was damals noch Ausdruck einer Art Offenbarung, in jenem leuchtenden Steinfragment des Dichtergotts Apoll das Licht der Wahrheit erblickt zu haben, ist in Zeiten der Postmoderne zu einem reinen Schlagwort verkommen. Eine schöne Phrase, die zwar einem bekannten deutschen Philosophen noch für einen anthropologisch umwickelten bunten Strauß aus kulturhistorischen Bonmots taugte, aber ansonsten beliebig anwendbar nur noch die ständige Optimierung des eigenen Ichs meint. Peter Sloterdijk spricht von Übungen zur Perfektionierung des Menschen in Hinsicht auf biologische, soziokulturelle und symbolische Eigenschaften. Die Arbeit an sich selbst, was nichts anderes bedeutet, als eine allgemeine und umfassende Disziplinierung des Individuums zur Verbesserung seiner selbst und somit der Welt.

Einen besonderen Raum nehmen dabei sogenannte „spirituelle Übungssysteme“, auch Religionen genannt, ein. Nun haben wir gerade erst in Nis-Momme Stockmanns Stück Die Kosmische Oktave gelernt, dass der Individual-Wahn mit seinem Streben nach Einzigartigkeit und Ausschöpfung aller persönlichen Möglichkeiten durchaus auch einen geheimen Wunsch nach Uniformierung impliziert. Der Mensch ist bei seiner Suche nach Selbsterkenntnis und -verwirklichung ganz besonders anfällig gegenüber jeglicher Art spiritueller, religiöser oder parawissenschaftlicher Ansprache. Ratgeberliteratur, Selbsthilfegruppen, Lebenstipps aus Zeitschriften, Weblogs und entsprechenden Internetseiten verbreiten dabei nicht nur verschiedenste Anregungen und Ansichten, sondern auch jede Menge unbelegtes Halbwissen.

(C) ELECTRIC FLESH BRUSH COMPANY

(C) ELECTRIC FLESH BRUSH COMPANY

Womit wir dann auch beim eigentlichen Thema sind, dem sich das Ensemble der ELECTRIC FLESH BRUSH COMPANY um Regisseur und Autor Fränk Heller in ihrer neuen Theaterproduktion mit dem gleichermaßen philosophischen wie programmatischen Titel Du musst dein Leben ändern widmet. Gleich beim Einlass ins SchwuZ, dessen Clubräume sich hinter einem unscheinbaren Neuköllner Garagentor labyrinthartig ausbreiten, wird einem von einer vollkommen überzeugend argumentierenden jungen Frau gesegnetes Liebeswasser für 59 € die Flasche angeboten. Sie nennt es eingeweckte Liebe. Ob nun zur inneren oder äußeren Anwendung muss ihr Geheimnis bleiben, denn schon wird man von einem jungen Mann in seinen Bann gezogen, der von sich behauptet, the cutest Boy in Town zu sein. „My car is fast, my teeth are shiney / I tell all the girls they can kiss my heinie“ singt dieser cool actin’ Boy und seine Jünger schwören auf Bobs Fähigkeiten als Körpercoach.

In einem Nebenraum sitzt ein Mann, der eine platonische Beziehung zur Stimme seines Navigationsgeräts im Auto pflegt, die sich nach Belieben ein- und ausschalten lässt. Er ist wegen eines Hilferufs seines Bruders auf dem Weg nach Berlin. Wir beobachten weiter ein schwules Pärchen im Disput über eine den Beziehungsalltag rettende Idee einer Weltreise. Zögerlichkeit gegen klare Ansage. Jeder pflegt hier seine ganz persönliche Neurose nach dem Motto: In Schöneberg hocken wie Kant in Königsberg, nur von Vernunft keine Spur. Raus aus der Do-it-your-self-Gemütlichkeit, Angst vorm Verlieren ist Bäh. Wenn nur jemand eine Richtung vorgeben könnte. Man sehnt sich nach Führung und schreitet bestens angeleitet zur Vermessung des Ichs. Der Macho Bob dringt vor zur neuen Epoche der Männlichkeit und will dafür Herzblut und nicht nur sein Sperma verschwenden.

Das Zusammentreffen aller erfolgt fast zwangsläufig auf dem Dancefloor des Nachtclubs. Zu Electro-Beats mischen sich problembeladene Schwule wie Heteros, tanzen, baggern, reden und versuchen ihr Ego zu wahren, bis die festgefügte Fassade zu bröckeln beginnt. Bob trifft seinen schwulen Halbbruder Bernd, um sich Rat zu holen. Beim großen Coach in Liebesdingen herrscht nämlich schon länger tote Hose. Beide führen ein selbstverleugnendes Doppelleben und auch der Rest der ausgebrannten Gesellschaft hält sich nur mit schaler Esoterik und Internetwissen über Karma und feinstoffliche Wesen über Wasser. Skeptiker erzeugen da nur schlechte Vibes und Negativstimmungen. Die Wurzel des Problems wird längst durch die vielen Ratgeberstimmen überdeckt, erlittenes Unheil als Chance verkauft. Einfach loslassen und die Resettaste zum Neustart drücken, ist die Devise.

(C) ELECTRIC FLESH BRUSH COMPANY

(C) ELECTRIC FLESH BRUSH COMPANY

Heller lässt seine Figuren hier in völliger Konfusion zusammenprallen, was auch zuweilen für etwas Verwirrung beim Zuschauer sorgt. Das Tempo und andauernde Stimmengewirr lässt einem auch kaum Zeit, Atem zu holen, um das Gesehene und Gehörte zu verarbeiten. An sich ist das Setting des SchwuZ dafür schlau gewählt und die Thematik auch gut durchdacht. Etwas Straffung täte der Story aber durchaus gut. Man verliert sich doch etwas in den schönen Bildern und übt sich in Phraseologie. Fränk Heller löst das Problem der inneren Unruhe und Fremdbestimmung seiner Protagonisten auch nicht auf. Er schafft mit seinem ironischen Text jedoch berechtigte Zweifel am Ritus des sich stets erneuernden Menschen. Der Rausschmeißer kommt in Gestalt der Putzfrau, die den intellektuellen Problemmüll mit Wortgewalt und haarigem Besen auskehrt. Die Party ist hier aber noch lange nicht am Ende.

DU MUSST DEIN LEBEN ÄNDERN!
ELECTRIC FLESH BRUSH COMPANY
Premiere war am 02.04.2014 im SchwuZ
Rollbergstraße 26
12053 Berlin-Neukölln

Regie und Text: FRÄNK HELLER
Recherche u. Dramaturgie: JUDITH KÖNIG
Choreographie: TOMER ZIRKILEVICH
Musik: MARCELO ROYO
Licht: JULIA KLEINKNECHT
Sound: SERGIO MARINARO
Video: SIMON WECKERT
Maske: SEMIH USTA
Bühne: BENJAMIN MENZEL, JOHANNES SCHNEIDER
Produktion: MARKUS WECHSLER
Spiel:
KEVIN BRANDSTÄTTER, IRIS MARIE DUFFEK, RONAN FAVERAU BERTHELO, NINA HEITHAUSEN, NATASCHA MATTMÜLLER, MAX PHILLIP SCHRÖDER, PETER STEINKOHL, DENITSA STOYANOVA, LAURA PREUSSING, MARKUS WECHSLER, TIBOR WOLF

Karten und weitere Infos: http://www.efb-company.de/de/projects/du_musst_dein_leben_aendern.html

Termine:
MITTWOCH, 9. APRIL 2014
Einlass 20.30 Uhr
danach Party im SchwuZ: Populärmusik
MITTWOCH, 16. APRIL 2014
Einlass 20.30 Uhr
danach Party im SchwuZ: Populärmusik

Zuerst erschienen am 06.03.2014 auf Kultura-Extra.

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Woyzeck III – Magic Murder Mystery
Eine Stückentwicklung frei nach Georg Büchner von Mirko Borscht und Ensemble am Maxim Gorki Theater.

Am Maxim Gorki Theater sind seit Neuestem Rechercheprojekte und gemeinsame Stückentwicklungen in Mode gekommen. Nach Falk Richters Small Town Boy und Yael Ronens Common Ground nun also Woyzeck III – Magic Murder Mystery. „Wie viel Woyzeck braucht der Mensch?“ fragen das Ensemble und Regisseur Mirko Borscht in ihrer gemeinsamen Arbeit frei nach Georg Büchner. Eine Frage, die man durchaus auch ganz ketzerisch in „Wie viele Woyzecks verkraftet ein Theaterabend?“ abwandeln könnte. Ausgehend von Büchners Dramen-Fragment um den einfachen Soldaten Franz Woyzeck, der, getrieben durch innere Stimmen und eine ihn quälende Umwelt, aus Eifersucht seine Geliebte Marie ersticht, soll hier verhandelt werden, was genau einen denn da so umtreibt. Ein Blick in den Abgrund des Menschen, zwischen Liebe und Hass, Leben und Tod. „Es schwindelt einen, wenn man hinabsieht.“ – wie es bei Büchner heißt. Oder besser noch: „Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt?“

Woyzeck III am Maxim Gorki Theater - Foto (c) Esra Rotthoff

Woyzeck III am Maxim Gorki Theater
Foto (c) Esra Rotthoff

Regisseur Mirko Borscht kommt vom Film. Mit Combat Sechszehn, einem Film über das Abdriften eines Jugendlichen in die rechtsextreme Szene, hatte er 2005 einen ersten größeren Kinoerfolg. Borscht greift in seinen Theater- und Kinoarbeiten immer wieder Extreme und Abgründiges in der Gesellschaft auf. Es scheint ihn wie magisch anzuziehen. Bühnen-Adaptionen von Werken der Schriftsteller Wladimir Sorokin und Matias Faldbakken zeugen ebenfalls von dieser Obsession. Die beiden bilden auch den Grundstock der Inspiration für das nun aufgeführte Theater-Projekt, das mit Texten von Clemens J. Setz, Julian Jaynes, dem Ensemblemitglied Dimitrij Schad und einem weiteren Extremisten der deutschen Underground-Literatur Jörg Fauser aufwartet. Fausers Kriminalromane und seine eigene Biografie sind mit Sicherheit eine Fundgrube des Abstrusen. Durch die amerikanischen Beatpoeten beeinflusst, griff Fauser zur Cut-up-Methode und unter Drogen auch mal gedanklich zur Pistole, was uns zu William S. Burroughs führt, dem Vater der Beatniks, der versehentlich seine Frau erschoss und dessen Roman Naked Lunch auch mal kurz in Borschts Woyzeck-Projekt auftaucht.

Hier wahrscheinlich aber eher in der Kino-Fassung von David Cronenberg, den Borscht zwar nicht in seinen Quellenangaben aufführt, der aber mit seinen zahlreichen Horror- und Science-Fiction-Streifen durchaus Pate für diese Inszenierung gestanden haben könnte. Orientiert hat man sich hier laut Angabe am französischen Dokumentar- und Experimentalfilmer Philippe Grandrieux, dem US-Regisseur Abel Ferrara und dem US-Drehbuchautoren Nic Pizzolatto. Da hängt Borscht die textliche und visuelle Messlatte natürlich ziemlich hoch. Dem Urheberecht ist das Team jedenfalls ganz geschickt und durchaus künstlerisch ambitioniert aus dem Weg gegangen. Wie Burroughs und Fauser bedient man sich ebenfalls einer Art des Cut-ups, zerschnipselt das vorliegende Text- und Bildmaterial und puzzelt das Ganze zusätzlich beballert mit eigenen Überschreibungen als Collage wieder zusammen.

Herausgekommen ist ein düster-magischer Abend, der um das Morden in all seine Facetten kreist. Das Töten aus Gier, Eifersucht, Hass oder Leidenschaft, es wird hier in losen aneinander gereihten Spielszenen von den fünf Darstellern Tamer Arslan, Mareike Beykirch, Friederike Bernhardt, Dimitrij Schaad, Falilou Seck und Till Wonka immer wieder recht plastisch vorgeführt. Es beginnt aber mit einer sehr interessanten, wenn auch etwas fantastisch anmutenden Fassung der Urschöpfung. Falilou Seck trägt den Bericht zur melancholisch-klassischen Klaviermusik der Musikerin Friederike Bernhardt vor. Es geht um die Wandlung des unendlichen Lichts zum Universum, die Entstehung Gotts aus einer Träne, die Schaffung der Welt, des Menschen und des ersten für Gott begangenen Mords. Was darin mündet, dass sich der Mensch fortan in Schmerz in seine Urform der Unschuld zurücksehnt und darum weiter mordet. Auf einer Videoleinwand ist der Rückraum der Bühne zu sehen, auf der Till Wonka Leichenpuppen in einem Totem-Kreis drapiert und gelegentlich mit der Axt bearbeitet. Dazu stößt er Laute und Kommentare aus, die den ersten Woyzeck-Darsteller Tamer Arslan zur Tat treiben sollen.

Dem mit einer  Langhaarperücke ausgestattetem Zauderer redet Dimitrij Schad als diabolischer Demagoge alle möglichen Gründe für eine Ermordung seiner Frau ein. Mareike Beykirch gibt erst eine Frauenleiche und dann wohl eine recht resolute Marie, die ihren Woyzeck ebenfalls provoziert und wohl an die auch auf dem Programmzettel angegebene Schriftstellerin und Radikalfeministin Valerie Solanas, die durch ihr SCUM-Manifest und Schüsse auf den Popart-Künstler Andy Warhol für Aufsehen sorgte, angelehnt ist. Ansonsten ist eine Rollenaufteilung schlecht auszumachen. Man bewegt sich recht frei eines zwingenden Regiekonzepts zu orgelnden Elektroklängen und flimmernden Videos über die Bühne, und der Zuschauer hat dabei schon etwas Mühe den Faden nicht zu verlieren. Faliou Seck rezitiert im Bühnenhintergrund düstere Verse und es laufen Geschichten ab, die von echten Mördern wie dem als Unabomber bekanntgewordenen US-Amerikaners Ted Kaczynski oder dem britischen Massenmörder Dennis Nilsen inspiriert sein könnten.

Maxim Gorki Theater Berlin - Foto: St. B.

Maxim Gorki Theater Berlin – Foto: St. B.

Mirko Borscht lässt nichts unversucht, das Publikum mit visuellen Reizen zu überfordern und Mord als Ursache suchender, durch Schuld getriebener Wesen darzustellen. Dabei verliert die sichtlich an sich selbst besoffene Inszenierung irgendwann jegliches Gespür für ein Ziel, Zeit und einen tieferen Sinn. Der ist wohl angesichts des schweren Themas und gruftigen Settings auch nicht ernsthaft zu erwarten. Als tatsächlicher Lichtblick der Inszenierung schält sich schließlich der im Mittelteil von Dimitrij Schad vorgetragene, selbst gestaltete Monolog nach den Theorien des US-amerikanischen Psychologen Julian Jaynes heraus. Hier ist die Rede von einer, noch in der Antike vorherrschenden, bikameralen Psyche des Menschen. Sie greift die bei schizophrenen Menschen auftretende Stimmenproblematik auf, und zeichnet, anhand der Heldensagen des Homer, den Menschen als von göttlichen Stimmen in seinem Gehirn fremdbestimmten Menschen. Erst später entwickelte sich durch soziale Gegebenheiten ein Bewusstsein, das diese Stimmen verdrängte. Die alten Götter schienen tot, und der Mensch erfand in Form von neuen Religionen die notwendigen moralischen Instanzen. Etwas, was durchaus diskussionswürdig wäre, aber sicherlich zeitlich eine Theatervorstellung sprengen dürfte.

Danach zerfließt das Ganze immer mehr in Kunstnebel, Kunstanstrengung und visueller wie textlicher Beliebigkeit. Man schaut wie in eine sich drehende Dreamachine von Brion Gysin, bis es einem vorm Auge zu flimmert beginnt. Allerdings ohne wirklichen visionellen Zugewinn. Die Inszenierung wiederholt und erschöpft sich schließlich in einer symptomatischen Feststellung, dass jeder Ausweg gleich enttäuschend und sinnlos sei. Etwas versöhnlich aber auch unbefriedigend dann das Schlussbild mit einem sich im wahrsten Sinn des Wortes zusammenraufenden Paar. Liebe als Ausweg? Dem stünde dann nur noch der so schuldbeladene Mensch selbst im Weg.


Woyzeck III – Magic Murder Mystery
frei nach Georg Büchner
von Mirko Borscht und Ensemble
Premiere: 04.04.2014 am Maxim Gorki Theater
Regie: Mirko Borscht
Bühne: Christian Beck
Kostüme: Elke von Sivers
Musik: Friederike Bernhardt
Video: Hannes Hesse
Dramaturgie: Holger Kuhla
Mit:
Tamer Arslan, Mareike Beykirch, Friederike Bernhardt, Dimitrij Schaad, Falilou Seck und Till Wonka

Weitere Infos: http://www.gorki.de/spielplan/woyzeck-iii/743/

Zuerst erschienen am 06.03.2014 auf Kultura-Extra.

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Dem Theater im Schokohof fehlen bald die Räume, dem Theater unterm Dach fehlt jetzt schon das Geld – Letzte Premieren aus dem bedrohten Berliner OFF

Montag, Februar 13th, 2012

Am TISCH feiert Fränk Heller mit SPANNER! nach Lorcas „El Publico“ Lust und Leid zweier Theaterverrückter

Im Hof der Ackerstraße 169/170, Heimstatt des alternativen Wohn- und Kunstprojekts Schokoladen e.V. in Berlin-Mitte, befindet sich das Theater im Schokohof (TISCH), einigen auch noch gut bekannt als Orphtheater. Im Jahr 1990 gegründet, musste es sein Bestehen schließlich 2008 aus Mangel an öffentlicher Förderdung einstellen. Seit 2002 leitete der Schauspieler Matthias Horn, in der freien Berliner Theaterszene bestens bekannt (u.a. Hexenkessel Hoftheater), das Orphtheater bis zu seiner endgültigen Auflösung. Danach hob er das TISCH aus der Taufe und stellte die Räume wieder Projekten der freien Szene als Spielstätte zur Verfügung. Es gab hier in den letzten Jahren viele interessante Produktionen nationaler wie internationaler OFF-Theatergruppen sowie der freien Tanz- und Performanceszene zu sehen. Nun ist auch dieses Projekt in seiner Existenz bedroht, denn dem Schokoladen e.V. droht nach einer Klage des Eigentümers, der in erster Instanz vom Amtsgericht Berlin stattgegeben wurde, die Räumung. Der Gerichtsvollzieher, wie einige Berliner Zeitungen diese Woche meldeten, ist mit dem Räumungstitel bereits für 22.02.12 angekündigt. Neben dem Schokoladen selbst, stehen nun das TISCH, der Club der polnischen Versager sowie einige Künstlerateliers und Tonstudios vor dem Aus. Letzte Hoffnung für die Betroffenen ist, das ein Deal mit dem Eigentümer zur Kompensation doch noch zustande kommt. Die 60 Grundstücke, die bisher vom Liegenschaftsfond angebotenen wurden, haben ihm jedoch nicht zugesagt. Um den Druck zu erhöhen, zog das in Trier ansässige Familienunternehmen vor Gericht.

schokooaden.JPG Foto: St.B.
Geht hier bald ganz das Licht aus? Der Schokoladen in der Ackerstraße.

Unter diesen erschwerten Bedingungen schafft es das TISCH aber immer noch, bis zu drei Produktionen im Monat auf die kleine Bühne in der Werkstatt des Hinterhauses zu stellen. Am 1. Februar hatte hier die Abschlussarbeit des jungen Regisseurs Fränk Heller von der Kreuzberger Theaterakademie Premiere. Er suchte sich dafür das kaum gespielte Stück „El Publico“ des Spaniers Federico García Lorca aus. Heller hat Lorcas im Madrider Theatermilieu der 30er Jahre angesiedelte surrealistische Farce überarbeitet und brachte sie nun unter dem Titel „SPANNER!“ mit Berliner Schauspielstudenten neu heraus. Herausgekommen ist dabei ein ebenso faszinierender wie abstoßender Reigen aus Obsessionen, Travestie und ausgestellter Eitelkeiten, genau wie es Lorca auch vorgeschwebt haben dürfte. An eine Aufführung hatte er allerdings selbst nicht geglaubt, da „…es weder eine Truppe gibt, die sich an eine Inszenierung wagt, noch ein Publikum, das es ohne Unwillen hinnimmt – einfach, weil es der Spiegel des Publikums ist.“ (Suhrkamp Verlag) Eine Abrechung mit dem herkömmlichen bürgerlichen Theater und seinem saturierten Publikum hatte Lorca dabei im Sinn.

Spanner! am TISCH - Foto: ELECTRIC FLESH BRUSH COMPANY

Spanner! am TISCH
Foto: ELECTRIC FLESH BRUSH COMPANY

Heller gelingt es dennoch die Bilder in Lorcas Kopf adäquat auf die Bühne zu transformieren. Von Beginn an ist der Zuschauer als ungeliebter notorischer Voyeur mit einbezogen. Man betritt das Theater durch den Nebeneingang und wird sofort hinter den Vorhang verwiesen, mit der Aufforderung ja nichts zu berühren oder gar zu stören. Der schwule Theaterdirektor Enrique will nicht mehr provozieren und lieber mit gefälligen Shakespeareinszenierungen das große Publikum erreichen. Sein Ex-Lover, der Regisseur und Autor Gonzalo, reißt ihn aber aus seiner wohligen Bequemlichkeit, indem er das totale Theater propagiert und damit den alten Bühnenschreck in Enrique neu erweckt. Das erschüttert auch die kleine Theaterwelt um die beiden Egomanen, Ränke und Eifersüchteleien brechen sich Bahn. Die Proben zur Aufführung einer Trashversion von „Romeo und Julia“ bringen das kleine Theaterensemble schließlich an den Rand des Wahnsinns. „Man muss das Theater zerstören oder im Theater leben!“ Diesen Spagat führen uns die Schauspieler mit viel Lust und Schmerz vor Augen. Vom großen Theaterpathos bis zur mit Wonne zelebrierten Selbstzerstörung inklusive blasphemischer Kreuzigungsszene reicht dabei das Repertoire, doch der Vorhang muss jeden Abend für das nach Sensation gierende Publikum wieder hochgehen. Bleibt zu hoffen, dass er das im TISCH nach dem 22.02.12 auch noch weiterhin tun wird. Denn nur hier ist auf Dauer Platz für solche zarten surrealen Theatergewächse, die eines besonders geschützten Raumes bedürfen.

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Mit friedlichem Protest und Melvilles „Bartleby“ – Das Theater unterm Dach im Notbetrieb

Der Kulturstandort am Ernst-Thälmann-Park in dem sich das Theater unterm Dach befindet besteht bereits seit 1986. Er umfasst weiterhin den Veranstaltungsort „Die Wabe“, die kommunale Galerie parterre und einige Kunstwerkstätten. Die Einrichtungen stehen alle unter der Trägerschaft des Stadtbezirks Berlin-Pankow. Der Bezirk hat nun mit Wirkung zum 1. Februar die Finanzierung eingestellt. Seitdem werden keine Gelder mehr für Produktionen und Künstlergagen bezahlt. Am 15. Februar diskutiert die BVV in der Fröbelstraße um die Ecke den Doppelhaushalt 2012/2013 für den Bezirk Pankow. Dann wird sich vermutlich auch das weitere Schicksal der Künstler am Thälmann-Park entscheiden. Ein Aktionsbündnis Berliner Künstler hat daher zu einer Protestaktion vor dem Bezirksamt in der Fröbelstr. 17, Haus 7, BVV-Saal aufgerufen, denn es geht auch um die Zukunft weiterer kultureller Einrichtungen des Bezirkes Pankow. Im Internet kann man sich mit der Unterschrift einer Onlinepetition an dem Protest beteiligen. Bis dahin fährt man einen Notbetrieb und im Theater unterm Dach geht nach jeder Vorstellung der Hut rum.

theater-unterm-dach_juni-2011.JPG Foto: St. B.
Das Theater unterm Dach am Ernst-Thälmann-Park

Passend zur Situation hatte hier am 9. Februar das Stück „Bartleby – Eine Geschichte von der Wall Street“ nach Herman Melville in einer Bearbeitung von Kai Gero Lenke Premiere. In Melvills Erzählung aus dem Jahr 1853 beschreibt ein älterer Rechtsanwalt ohne besonderen Ehrgeiz seine merkwürdige Begegnung mit dem Schreiber Bartleby, den er für das Kopieren von Schriftsätzen eingestellt hatte. Der erst sehr beflissene junge Mann verweigert sich nach und nach mit den Worten „Ich möchte lieber nicht.“ den Weisungen seines Bosses, bis er sich schließlich ganz in der Kanzlei zurückzieht und jegliche Verrichtung von Arbeit aufgibt. Der Anwalt erst erstaunt über diese Weigerung, erliegt schließlich aber der völlig friedfertigen Gegenwehr Bartlebys und entwickelt sogar Sympathie für den Sonderling. Er zieht schließlich selbst aus dem Büro aus und lässt Bartleby gewähren. Das tragische Ende Bartlebys wird in der Inszenierung von Luzius Heydrich am TuD in einer Koproduktion mit dem Zimmertheater Tübingen nur angedeutet. Von Interesse ist hier eher, dass Bartleby mittlerweile zum Symbol der Occupy-Wall-Street-Bewegung geworden ist.

Die Inszenierung ist in Ton und Kostümen ganz in historischem Gewand. Als Requisit der Occupy-Bewegung sind nur die weiße Guy-Fawkes-Maske  anwesend und vom Band eingespielte Sprechchöre zu vernehmen. Das Bühnenbild besteht aus einem klaustrophobischen Kasten aus Holzlatten, der mit milchiger Folie bespannt ist, an der sich Schatten bilden und Bartleby (Johannes Karl) imaginäre Zahlenreihen schreibt. Der Boss (Endre Holéczy) sitzt an einem Tisch und hat die Verantwortung und Textlast der Erzählung zu tragen. Die drei anderen Kanzleiangestellten Turkey, Nippers und den Lehrling Ginger Nut gibt er ebenfalls mit verstellter Stimme und asthmatischem Hüsteln. Bartleby entzieht sich den angestammten Ritualen, nimmt nur die angebotenen Ginger Nut Biscuits und steckt sie verstohlen in die Westentasche. Der Boss ist dem rätselhaften Verhalten Bartlebys vergeblich auf der Spur, seine unerklärliche existenzielle Selbstauslöschung wird auch hier nicht geklärt. Im Spiel verdeutlicht sich aber die Abhängigkeit beider Protagonisten voneinander, wenn z.B. der Boss Bartleby auf dem Rücken trägt oder sich in einer Tanzsequenz die gestörte Harmonie zeigt. Die Folienwand beginnt immer durchlässiger zu werden, bis sie letztendlich vom Boss durchbrochen wird. Das sanfte Beharren auf einer einmal eingenommenen Position kann sich also durchaus lohnen, auch im Fall des weiteren Bestehens des Theaters unterm Dach.

dsc06184.JPG Foto: St. B.

Termine unter: www.theateruntermdach-berlin.de/spielplan.html

Bartleby wieder am
Do 01.03.12, 20 Uhr
Fr  02.03.12, 20 Uhr
Sa 03.03.12, 20 Uhr
So 04.03.12, 20 Uhr

Solidaritäts-Gastspiel: Theater unterm Dach
29.02.12, 19.00 in der Box des Deutschen Theaters
UNTERTAN – „Wir sind Dein Volk“
nach dem Roman ‚Der Untertan‘ von Heinrich Mann
Regie: Anja Gronau

nächste Termin im TISCH:

MARRAKESCH
16. bis 19.02.12, 20:00 Uhr
„Kollektiv Schluß mit ohne“
ein Zusammenschluß freischaffender Theaterprofis

ZWISCHEN STÜHLEN
Uraufführung von Volker Eisenach
23. – 26.02.12, 20 Uhr
01. – 03.03.12, 20 Uhr
08. – 11.03.12, 20 Uhr

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