Archive for the ‘Frank Abt’ Category

Die neue Langsamkeit in einer Doppelpremiere – „Don Carlos“ von Friedrich Schiller und Peter Handkes „Immer noch Sturm“ am Deutschen Theater Berlin

Montag, Mai 4th, 2015

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Das Deutsche Theater Berlin macht mal wieder auf Doppelpremiere. Kurz vor Beginn des Theatertreffens wollte es die Khuon-Mannschaft noch mal wissen. Es standen Peter Handke in den Kammerspielen und Friedrich Schiller im großen Haus auf dem Programm. Beide Dramatiker stehen auch für Geschichtsbewusstsein und einen ungebunden Geist. Also geben sie Gedankenfreiheit, Sire…

Foto: St. B.

Foto: St. B.

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Immer noch Sturm – Frank Abt inszeniert Peter Handkes poetische Familienaufstellung der Kärtner Slowenen als naturalistisches Requiem.

Das Einzige was den Schrifststeller Peter Handke mit Schiller verbinden dürfte, ist ein Zitat vom Anfang des Don Carlos, das Handke für sein Stück Die schönen Tage von Aranjuez verwendete. Aber nicht den 2012 am Wiener Akademietheater uraufgeführten „Sommerdialog„, der ein Jahr später auf der Probebühne des Berliner Ensembles seine Deutsche Erstaufführung erlebte, hat sich der junge DT-Regisseur Frank Abt ausgesucht, sondern Immer noch Sturm, die mit fiktiven Elementen angereicherte Familiengeschichte des österreichischen Autors mit slowenischen Wurzeln.

Das Stück gastierte in der Hamburger Uraufführungsinszenierung von Dimiter Gotscheff im Juni 2012 bei den Autorentheatertagen im Großen Haus des Deutschen Theaters. Diesen großen Schatten wird die kleine, kammerspielartige Inszenierung von Frank Abt, die auch noch auf die Hinterbühne der DT-Kammerspiele verbannt wurde, leider den ganzen Abend über nicht los. Sie wirkt dann auch in Ästhetik und Darstellungsweise eher wie für die Probebühne des BE konzipiert. Und das ist sehr schade, bietet sich das Stück doch vor allem für eine expressive Ausweitung in den leeren Theaterraum an, was Gotscheff auf der großen Bühne damals auch bestens gelungen ist.

Frank Abt  interpretiert Handkes Familiensaga  aus dem  Zweiten Weltkrieg aber wesentlich intimer. Peter Handke wurde 1943 als unehelicher Sohn einer Kärtner Slowenin und eines Wehrmachtsoldaten geboren. Seine Mutter hat den Vater lange in Deutschland gesucht und schließlich einen anderen Deutschen geheiratet. Davon hat Handke erst sehr spät erfahren, eine Tatsache, die ihn sein Leben lang beschäftigt hat.  Als Ich-Erzähler tritt er nun in Immer noch Sturm – auch dies ein Klassiker-Zitat, diesmal aus Shakespeares König Lear – wie ein Beschwörer der Geister aus seiner Vergangenheit in Erscheinung und schlägt ein Kapitel der tragischen Geschichte der Kärtner Slowenen als unfreiwillige Protagonisten zwischen den damaligen Weltmächten wie ein Familienalbum vor uns auf.

Immer noch Sturm am DT -Foto (c) Arno Declair

Immer noch Sturm am DT – Foto (c) Arno Declair

Regisseur Abt macht daraus eine Art naturalistisches Leporello, das er zunächst in einem kurzen Prolog vom Ende her aufblättert, indem er den Erzähler (Markwart Müller-Elmau) detailliert vom Selbstmord seiner Mutter berichten lässt. Es ist eine Passage aus Handkes Erzählung Wunschloses Unglück, in der er bereits in den 1970er Jahren die Geschichte seiner Mutter verarbeitet hat. Für die Geisterbeschwörung Handkes hat Steffi Wurster eine schmal unterteilte  Miniaturwohnkulisse aus spitzwinkligen Wände auf eine runde, drehbare Scheibe gestellt. Darin sitzen in zeitgemäßer Kostümierung die Vorfahren des Ich-Erzählers, der ihren Berichten auf kahler Bühne andächtig aber weitestgehend passiv lauscht.

Ort des Erinnerns in Handkes Gedanken ist das Jaunfeld, ein offenes Tal, durch das der Fluss Drau in Richtung Slowenien fliest, bekränzt vom Mittelgebirgszug der Saualpen und den Karawanken. Der Dichter beschreibt Berge, Natur und Jahreszeiten mit höchst poetischen Worten. Hier spielt sich das Leben der Familie von Handkes Mutter Maria (Judith Hofmann) ab, das die Darsteller nun in kleinen Spielszenen vor uns ausbreiten. Das Volk der Kärtner Slowenen muss, seiner Sprache und Traditionen beraubt, für das Dritte Reich in den Krieg ziehen. Drei Söhne (Thorsten Hierse, Ole Lagerpusch, Marcel Kohler) haben das Ehepaar Siutz (Katharina Matz und Michael Gerber), von denen zwei fallen werden und einer, Gregor (Thorsten Hierse), seiner Schwester Ursula (Simone von Ziglinicki) zu den jugoslawischen Partisanen folgt. Darüber verbittern die passiven Alten, und die Jungen werden hart. Gegenseitige Vorwürfe, Trotzreaktionen und Wut, ein wortgewaltiges Requiem zwischen Trauer und Resignation.

Und das wird hier sehr breit erzählt und oft auch pathetisch auffahrend gespielt. Nichts von der gedankenoffenen Schwerelosigkeit der Gotscheff-Inszenierung. Die stille Passivität des Erzählers tut ihr Übriges, dass diese Inszenierung zusehends in Schwermut versinkt. Bezüglich seiner Geburt bleibt Müller Elmaus Figur immer außen vor, auch wenn er in der Geschichte seiner Vorfahren gefangen ist. Es überwiegt die Trauer über den Verlust der Heimat durch den Verrat der englischen Verbündeten im Zweiten Weltkrieg, in dessen Folge sie das Jauntal Österreich zuschlagen. Das Bühnenbild wird von Akt zu Akt von den Darstellern selbst abgebaut, bis die leere Scheibe übrig bleibt, und sich die Familienmitglieder zu einem Abgesang an der Rückwand der Bühne versammeln. Regisseur Abt versucht Schicksal und Leid der Menschen emotional erfahrbar zu machen. Aber trotz der guten darstellerischer Leistung bleiben einem diese Figuren doch seltsam fremd.

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Immer noch Sturm
von Peter Handke
Premiere auf der Hinterbühne der DT-Kammerspiele war am 29. April 2015
Regie: Frank Abt
Bühne: Steffi Wurster
Kostüme: Sophie Leypold
Dramaturgie: Meike Schmitz
Mit: Markwart Müller-Elmau, Judith Hofmann, Katharina Matz, Michael Gerber, Ole Lagerpusch, Thorsten Hierse, Simone von Zglinicki, Marcel Kohler

Dauer: ca. 2 Stunden, keine Pause

Termine: 08. und 26.05., 11.06. und 01.07.2015

Infos: https://www.deutschestheater.de/spielplan/immer_noch_sturm/

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Europa in der Schlafstarre – Im großen Haus des Deutschen Theaters führt Stephan Kimmig den spanischen Hof in Schillers Don Carlos als Müdigkeitsgesellschaft vor.

Während es in den Flandern‘schen Provinzen rumort und sich der Aufstand gegen die spanische Krone formiert, befindet sich der Hof von König Philipp (Ulrich Matthes mit angegrautem Bart und Langhaarfrisur) zur Sommerfrische auf dem Land. Doch wie es bei Schiller so schön heißt: „Die schönen Tage in Aranjuez sind nun zu Ende.“ Und als Vorbote des Wandels kommt hier der Marquis von Posa (Andreas Döhler im Dutschke-Parker) mit einer Präsentkiste samt Schampus aus Brüssel, um den Freund und Infanten Don Carlos (Alexander Khuon) aus seiner Lethargie zu befreien. Dieser macht sich fit durch Seilhüpfen und Schattenboxen, allerdings scheitert sein kurzer Ausflug in die Aktion am Misstrauen des Vaters, der den Heißsporn schnell wieder in die zweite Reihe zurückstuft. Hier haben eindeutig andere die dicken Eier.

Alexander Khuon ist in Stephan Kimmigs Inszenierung am Deutschen Theater nicht der mad guy, wie zum Beispiel noch Philipp Hochmaier in Nicolas Stemanns Inszenierung von 2007 am gleichen Haus, sondern eher ein düster Brütender, der sich die innere Wut abtrainiert ob seiner ewigen Zweitbesetzung im Wartestand auf den Thron. Auf dem sitzt Vater Philipp, zwar des Amtes relativ überdrüssig, aber wie ein angeschlagener Tiger noch gefährlich genug, um den drohenden Aufstand mit aller Macht niederzudrücken. Das Bühnenbild von Katja Haß zeigt eine fast leere Bürolandschaft mit großen Fenstern und Glastüren, an denen die Jalousien runtergefahren werden, wenn sich das misstrauische Beraterteam (Henning Vogt als Herzog Alba und Jürgen Huth als Pater Domingo) um den machtmüden König nähert. Eine abgeschottete Wirtschaftselite – das EU-Fähnchen steht auf dem Tisch – , das der frechen Provinz die Richtung aufzwingen will.

Don Carlos am DT -Foto (c) Arno Declair

Don Carlos am DT – Foto (c) Arno Declair

Wer würde da nicht an Griechenland denken. Aber hier tanzt keiner Sirtaki, auch wenn mal ein Walzer geprobt wird, und schon gar nicht den Machern der Macht auf der Nase herum. Der Versuch endet dann bekanntlich auch für einige ziemlich tödlich. Das Konzept von Regisseur Kimmig ist in den ersten Minuten seiner Inszenierung durchaus interessant und stimmig, im allgemeinen Intrigensumpf um echte und falsch verstandene Liebe, gekränkte Eitelkeiten, Eifersucht und kompromittierende Briefe beginnt es aber schnell fad zu werden. Da gab es schon wesentlich politischere Deutungen.

Statt das Funktionieren von Machtmechanismen zu überprüfen, wie noch in Schillers Maria Stuart, begnügt sich Kimmig mit der Pathologisierung eines überkommenen Systems, dass sich nach Menschen sehnt (Philipp), aber restriktiv an der Macht hängt. Das Duell ist hier aber nicht Posa und Carlos gegen Philipp, sondern alle gegen alle. Auch Posa, der sich für Carlos in die höfischen Intrigenspiele einlässt, muss das am Ende bitter erkennen. Der Schuss fällt aus dem Hinterhalt. Seinen Idealismus und die Hoffnung auf Gedankenfreiheit hat der Schlacks Posa zu schnell an den Schlips verkauft, der Parker wechselt symbolhaft die Person.

Selbst die Liebe ist hier nicht die Rettung, auch wenn sie in Gestalt der Königin Elisabeth so sympathisch offenherzig wie bei Katrin Wichmann daherkommt. Der Gegenentwurf ist Kathleen Morgeneyers Prinzessin Eboli im smarten Kostüm. Auch sie ein Opfer der gesellschaftlichen Verhältnisse, die ihre Liebe aber kleinmütig verrät, nachdem sie im Nahkampf an der Rampe an der Gefühlsmaschine Carlos abgeglitten ist. In verzweifelten Zweierkonstellationen gehen die potentiellen Revolutionäre hier oft in den Clinch. Der Macht im Sessel haben sie allerdings nicht viel entgegenzusetzen. Das DT probt (wie schon am Vorabend bei Handkes Immer noch Sturm in den Kammerspielen) die neue Langsamkeit. Das Schlaflied Europas singt ein Kind in historischem Kostüm aus den Katakomben der Unterbühne. Als Drahtzieher im Hintergrund tritt dann noch Barbara Schnitzler auf, die ihren Kardinal Großinquisitor frontal ins Publikum deklamiert. Wer da noch nicht entschlummert ist, unterwirft sich freiwillig.

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Don Carlos
von Friedrich Schiller
Regie: Stephan Kimmig
Bühne: Katja Haß
Kostüme: Antje Rabes
Musik: Michael Verhoeven
Dramaturgie: John von Düffel
Mit: Ulrich Matthes, Katrin Wichmann, Alexander Khuon, Andreas Döhler, Kathleen Morgeneyer, Henning Vogt, Jürgen Huth, Barbara Schnitzler

Dauer: 3 Stunden 45 Minuten, eine Pause

Premiere im Deutschen Theater Berlin war am 30.04.2015

Termine: 14., 19. und 29.05., 04. und 10.06. sowie 05.07.2015

Infos: www.deutschestheater.de

Die Texte sind zuerst am 02.05. und 03.05.2015 auf Kultura-Extra erschienen.

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„Der Turm“ von Uwe Tellkamp am Anhaltischen Theater Dessau und „Jochen Schanotta“ von Georg Seidel am Deutschen Theater Berlin

Dienstag, Februar 7th, 2012

Dessau gleicht einem architektonischem Freiluftmuseum. Kaum eine andere deutsche Stadt ist so vom Bauhaus geprägt, wie der zwischen Mulde und Elbe im Herzen von Sachsen-Anhalt gelegene Gemeindeverbund Dessau-Roßlau. Aber auch andere Epochen und Baustile haben hier ihre sichtbaren Spuren hinterlassen. In der wärmeren Jahreszeit locken die Parklandschaften von Dessau-Wörlitz und die dazugehörigen Schlösser Georgium, Mosigau, Wörlitz, Oranienbaum u.a. Dessau atmet Geschichte von der Reformation, über anhaltinisches Fürstentum, bis zur Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Nach der Wende ist von der Maschinenbau- und Fahrzeugindustrie nicht mehr viel übrig. Dessau widmet sich nun dem Umweltschutz, grünem Tourismus und der regionalen Kultur- und Geschichtspflege. Und so begeht man in diesem Jahr den 800. Geburtstag des Hauses Anhalt mit seinem Begründer Heinrich I. (1170-1252) aus dem Geschlecht der Askanier.

Bauhaus Dessau bauhaus-dessau_febr-2012-6.JPG

dessau_febr-2012-11.JPG Schloss Georgium

Fotos: St. B.

Noch bekannter aber dürfte sein Nachkomme Leopold I. (1676-1747), Fürst von Anhalt-Dessau, sein, der sowohl dem Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. und seinem Sohn Friedrich II. als Heerführer diente. Also nicht nur der alter „Fritz!“, ein Theaterspiel für den König von Preußen in Potsdam, sondern auch noch ein Lustspiel nach Karl May zum „alten Dessauer“ erwartet uns im Juni als Open-Air-Event. Daneben hat Dessau kulturell noch einiges mehr als Bauhaus und Fürstengeschichte zu bieten. Neben den großen Söhnen der Stadt, wie Moses Mendelssohn und Kurt Weill, besitzt Dessau auch noch eines der größten Theater der ostdeutschen Bundesländer. Das Anhaltische Theater Dessau ist ein Vier-Sparten-Haus mit Oper, Schauspiel, Ballett und Puppentheater. „Glühende Landschaften“ heißt das Motto dieser 217. Spielzeit und um das Dessauer Bildungsbürgertum zum Glühen für ihr Theater zu bringen, hat sich die künstlerische Leitung um Generalintendant André Bücker einiges vorgenommen.

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In der Nische – zwei Stücke von Nis-Momme Stockmann in Berlin

Samstag, Oktober 23rd, 2010

„Kein Schiff wird kommen“ in der DT-Box und „Das blaue, blaue Meer“ im Heimathafen Neukölln

Die ganz großen Themen sind die Sache nicht von Jungautor Nis-Momme Stockmann, ganze vier Stücke sind von ihm aber bereits seit 2009 uraufgeführt worden. Eine Menge für einen 29-jährigen, der bereits den Heidelberger Stückemarkt und einen Werkauftrag vom Stückemarkt des Berliner Theatertreffens erhalten hat. Theater heute wählte ihn zum Nachwuchsdramatiker des Jahres 2010. Mit „Kein Schiff wird kommen“ wurde er für den Mühlheimer Dramatikerpreis 2010 nominiert. Das ist eine Menge Lorbeer und so durfte man zu Recht gespannt sein auf die Zweitaufführung des Stückes in der Box des Deutschen Theaters. Eingerichte wurde es hier vom jungen Regisseur Frank Abt, die Bühne ist von Anne Ehrlich. Vor einen roten Samtvorhang tritt Paul Schröder, er spielt einen Jungautor in Stockmanns Stück und erzählt etwas von Relevanz und Nachhaltigkeit im Theater. Der Markt braucht große Themen, so wollen es die Intendanten. Eine schöne Persiflage auf den aktuellen Theaterbetrieb. Als der Vorhang zur Hälfte aufgezogen wird, steht dort ein kleiner Tisch und der Autor sitzt und schwitzt sich das Große aus den Rippen. Ein Stück zum Jubiläum der Wende soll es sein. Ein Thema das ihn eigentlich nicht interessiert, er hat keine Beziehung dazu, da er 1989 eigentlich noch ein Kind war. Ein Brüderpaar am See hätte er noch anzubieten, aber diese Sachen sind nicht gefragt und auch eher inflationär. So quält er sich, brütet, wütet und fährt schließlich verzweifelt zu seinem Vater, der allein auf der Nordseeinsel Föhr lebt, wo auch Stockmann herkommt. Der Vorhang geht nur ganz auf und zeigt eine Mauer mit Schieferplatten, hinter einer Folie sitzt ein Mann am Tisch.
Der Texts Stockmanns ist nicht genau in Rollen geteilt, die Monologe des Jungen und die Dialoge mit dem Vater teilen sich Paul Schröder und ein zweiter Schauspieler, Elias Arens. Er gibt den eher ruhigen Part und übernimmt dabei immer mehr die Rolle des Vaters, der Sohn nervt mit seinen Fragen und Geschichten, die er schon hundertmal erzählt hat. Es steht eine Mauer zwischen ihnen, die nur sehr langsam durchsichtig wird, wenn es um die Vergangenheit geht blockt der Vater ab. Der Sohn kommt nicht durch bei ihm und ist wiederum in seiner eigenen Verbohrtheit gefangen. Zur Wende hat der Vater auch keine große Geschichte zu erzählen und fragt warum der Sohn denn nicht auch etwas ganz Gewöhnliches schreiben kann. Dann erzähl mir was von Mutter. Hier fällt krachend die Mauer und Markwart Müller-Elmau sitzt nun als Vater am Tisch und windet sich. Die Mutter die zur Zeit der Wende begann Gespenster zu sehen, ist immer still anwesend in der Figur der Akkordeon spielenden Silke Lange. Sie zupft den aufgeregten Jungen am Ärmel und drängt sich immer mehr in sein Bewusstsein. Er fährt nach Hause und beginnt, gequält von albtraumartigen Sequenzen und der großen Angst vor dem Versagen, seine Geschichte nieder zu schreiben.
Keine Frage, Paul Schröder trägt die Aufführung über die 90 Minuten hervorragend, allerdings vermittelt dieser ständig aufgeregt Text ausspeiende Angry Young Man eine Redundanz, die durch den eher ruhigen Part von Elias Arens kaum gebrochen werden kann. Das ist auf Dauer enervierend und trägt nicht viel zum Verständnis des eigentlich recht persönlichen und tief ins Innere eines Zerrissenen führenden Textes von Stockmann bei. Die Mauer fällt dann recht unvermittelt. Das dieses sich Freischreiben des Sohnes auch eine Befeiung für den Vater ist, dreht Abt hier in seiner Inszenierung völlig um. Der Vater liest zu Schluss mit zitternder Stimme die Geschichte des Sohnes über das langsame Sterben der Mutter vor. Es ist sicher für beide Seiten schmerzhaft, wenn das persönliche Drama einer ganzen Familie ans Licht tritt, aber das in einem alten einsamen gebrochenen Mann hinter einer Folie darzustellen, ist einfach zu platt. Hier kommt dann doch der Bezug zum eigentlichen Vater-Sohn-Konflikt zu kurz und der Kontrast zum großen Thema fehlt. Das was Stockmann wichtig ist, der Blick in die Nische anstatt ständig nur an der Oberfläche zu kratzen, erstarrt in Plattitüden, das Stück ist nach hinten raus leider auch einfach etwas dünn. Der Bruch zwischen den Zweifeln und der eintretenden Erkenntnis des Sohnes, über was er eigentlich Schreiben will und muss, war in der Stuttgarter Inszenierung glaubwürdiger dargestellt. Hier erscheint er mir zu abrupt vollzogen. Der rote Vorhang ist aber durchaus eine schöne Metapher. Steht man davor erwartet man gespannt eine große tragische Geschichte, wenn er sich dann öffnet, zeigt er meist nur ein kleines persönliches Drama, das aber durchaus auch Relevanz für das große Publikum haben könnte. Trotzdem ist natürlich Frank Abts Inszenierung durchaus sehenswert.

Wie man einen schwierigen widersprüchlichen Text von Nis-Momme Stockmann ganz unaufgeregt und trotzdem eindrucksvoll aufführen kann, zeigt die Inszenierung von „Das blaue, blaue Meer“ in der Regie von Stefanie Aehnelt im Heimathafen Neukölln.
Die Stockmannsche Nische ist hier eine Sozialbausiedlung am Rande der Stadt, am Rande der Gesellschaft mit einer Tafel am Eingang, die genau über alle Gewalttaten berichtet und diesen Ort so zu einer skurrilen Endstation gescheiterter Existenzen deklariert. Angelegt von Politikern und Stadtplanern, um das Elend auszusperren und so, dass man darin nur verloren gehen kann.
Auf der Studiobühne, die wie ein Kinderspielplatz in so einem Neubauwohngebiet von Svenja Kuhr gestaltet ist, sind die drei jugendlichen Protagonisten ständig präsent. Darko, dargestellt von Nico Ehl, hat sich dem Suff ergeben, er erzählt vom sternenlosen Himmel über der Siedlung, keine Hoffnung oder Zukunft nirgends, das er mal eine Vergangenheit hatte mit Geschwistern, Karate und Musik blendet er durch den Alkohol konsequent aus. Sein Freund Elle (Roald Schramm) mit dem er sich regelmäßig zum gemeinsamen Trinken trifft, ist schon eine Stufe weiter, sein Auftreten ist bereits sichtlich vom Delirium geprägt. Dahin ist Darko auf dem besten Weg, im Vollrausch entgeht er nur um Haaresbreiten dem Tod auf den Eisenbahngleisen, sein Fuß bleibt dabei aber auf der Strecke. Der Arzt legt ihm ernsthaft nahe mit dem Saufen aufzuhören, aber Darko ist bereits wie in einer Art Zeitschleife gefangen. Das Ausweg führt meist nur über einen finalen Sprung von einem der Plattenbauten.
Der Text von Nis-Momme Stockmann ist hier ebenfalls zu großen Teilen ein wütender Monolog der Hauptfigur Darko über die Sinnlosigkeit seines Daseins, zwischen Arbeitsamt, Siedlungsalltag mit Gewalt, sexuellen Missbrauch und Selbstmord und den einsilbigen Saufgelagen mit seinem Kumpel Elle. Roald Schramm übernimmt auch immer wieder die andere Rollen. Das ist in seiner Drastik kaum auszuhalten, jedoch durch die sparsame Mimik, Gestik und seine kräftige Sprache macht Nico Ehl aus seinem Darko keine übergroße Leidensfigur, sondern einen Menschen, der immer noch irgendwie an etwas zu glauben scheint. Er kämpft sich geschickt durch den philosophierenden Text von Stockmann mit seinen ständigen Fragen und Rückkopplungen. Seine vergebliche Suche nach den Sternen führt ihn schließlich zu Motte, einer jungen Prostituierten, in ihrer Rätselhaftigkeit bestechend glaubwürdig von Salome Dastmalchi dargestellt, die ebenso wie er in dieser Siedlung gefangen scheint. Sie hat aber auch einen Traum, den vom blauen Meer wohin sie irgendwann will. Allein es bleibt ein Tagtraum, dem auch beide gemeinsam nicht entfliehen können. Selbst ein Besuch im Zoo wird zum Desaster und sie können die Tiere schließlich nur durch den Zaun sehen. Sie bleiben letztendlich draußen und gefangen in ihrer Welt, die wir wiederum oft genug einfach ausblenden. Das Leben von Darko und Motte spielt sich weiterhin zwischen dem Traum von Norwegen mit Meer und Sternen und der sinnlosen Realität des Plattenbaus ab. Die Liebe bleibt immer da zwangsläufig auf der Strecke, wo es an echten Perspektiven fehlt. Das Warum ist als ständig bohrende Frage in den Text des Stückes eingeschrieben.