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Mit Camus in die Revolte? – Frank Patrick Steckel betreibt in Leipzig Sisyphosarbeit mit seinen „Antworten an Deutschland”.

Mittwoch, Juni 15th, 2011

„Der erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen „Dies gehört mir“ und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wie viel Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand die Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: Hütet euch, dem Betrüger Glauben zu schenken; ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass zwar die Früchte allen, aber die Erde niemandem gehört.“ „

aus J.J. Rousseau: „Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen“ (1755)

social_contract_rousseau_page.jpg Vom Gesellschaftsvertrag oder Prinzipien des Staatsrechtes,Titelblatt der Erstausgabe, Amsterdam 1762 (Foto: Wikipedia)

„Wie! Die Freiheit lässt sich nur mit Hilfe der Knechtschaft behaupten? Vielleicht. Die Extreme berühren sich. Alles, was nicht durch die Natur bedingt ist, hat seine Übelstände, und die bürgerliche Gesellschaft mehr als alles andere. Es gibt leider solche unglückselige Lagen, dass man seine eigene Freiheit nur auf Kosten der Freiheit anderer behaupten, und der Bürger nur dadurch vollkommen frei sein kann, dass der Sklave in der allertiefsten Sklaverei schmachtet. Der Art war die Lage Spartas. Ihr Völker heutiger Zeit habt zwar keine Sklaven, aber dafür seid ihr es selbst; ihr bezahlt ihre Freiheit mit der eurigen. Ihr rühmt euch dieses Vorzugs vergeblich, ich finde darin mehr Feigheit als Menschlichkeit. (…) Wie dem auch sei, sobald ein Volk Vertreter ernennt, ist es nicht mehr frei, existiert es nicht mehr.“

aus J.J. Rousseau: „Der Gesellschaftsvertrag oder Die Grundsätze des Staatsrechts“, Drittes Buch, 15. Kapitel, Von den Abgeordneten oder Vertretern des Volkes

Bis zu Rousseau geht Frank-Patrick Steckel in seinem kleinen Empörungsstück an der Leipziger Skala nicht, aber der Abend will von Anfang an vor allem eines: Aufklären. Unsere Freiheit und unser Wohlstand beruhen auf der Knechtschaft anderer, das zumindest ist mit Brechts Gedicht „Alfabet“ (1934) gesetzt.

Reicher Mann und armer Mann
Standen da und sahn sich an.
Und der Arme sagte bleich:
Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich.
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Der Tisch ist leer, die Stühle weg. „Raum 650, Black Last Supper“ Gemälde von Ben Willikens im Museum der bildenden Künste Leipzig (Foto: St.B.)

Vier junge Schauspieler (Artemis Chalkidou, Linda Pöppel, Benjamin Lillie und Paul Matzke), in helle Wolldecken gehüllt, sitzen in einem Stuhlviertelkreis und sprechen teils eigene selbstreflektorische Texte sowie Einsprengsel zum Thema passender Texte von anderen. Der Aufhänger ist die Frage nach einem: Wie weiter, wohin geht es mit Deutschland und der Welt? Was läuft schief in unserer Gesellschaft? Obwohl die Schlagworte von Stéphane Hessel nicht fallen, baut Steckel erst mal jede Menge Empörungspotential auf. Und so prasseln Texte über Willkür und Foltermethoden in deutschen Polizeirevieren, Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Bankenschirm, Griechenlands Staatsbankrott, Waffenexporte, Naturkatastrophen, Atomkraft, Fukushima und Ozonloch, Flüchtlingselend, Armut in der 3. Welt sowie Gewalt gegen Tiere versus Vegetarismus, bis dem zuhörenden Bürger der Hut vom spitzen Kopfe fliegt (Jakob van Hoddis, Weltende).

Die Schauspieler reflektieren in ihren eigenen Texten ihre vermeintliche Ohnmacht gegenüber diesen Verwerfungen der zivilisierten Welt. Ist man nur zu dumm, das alles zu begreifen, man geht zur Wahl und gibt seine Stimme ab. Was könnte man noch tun? „Antworten an Deutschland? Ich habe die Frage nicht verstanden.“ wirft Paul Matzke ein. Was ist einem eigentlich dieses Deutschland, nur ein Fleck auf der Landkarte? Gibt es patriotische Gefühle nur auf dem Fußballplatz? Soll am Deutschen Wesen die Welt genesen? (Emanuel Geibel: Beruf Deutschland) Woher soll die notwendige „Entrüstung“ kommen? Fragen über Fragen und keine Antworten, außer der vielleicht, „Nein!“ zu sagen. Linda Pöppel steht dabei frontal zur Wand und drückt ihren Kopf dagegen. Anstatt sich wirkungsvoll zu engagieren, gehen die Jungen lieber an Extreme, testen aus gesicherter Position heraus persönliche Grenzen aus, Benjamin Lillie ließt aus seinem Indienreisetagebuch.

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Antworten an Deutschland [Benjamin Lillie, Linda Pöppel, Artemis Chalkidou, Paul Matzke] © R.Arnold/Centraltheater

Dagegen setzt Steckel konträre Lösungsansätze, die gescheiterten der RAF (Texte von Birgit Hogefeld), Hölderlins Naturphilosophie aus dem „Tod des Empedokles“ oder die von Menschen die sich für WikiLeaks persönlichen Gefahren aussetzten wie der „Whistleblower“ Bradley Manning, Texte des Soziologen und israelkritischen Politikers Jean Ziegler sowie der Free Gaza Youth: „Fick dich, Hamas. Fick dich, Israel. Fick dich, Fatah. Fick dich, UN. Fick dich, UNWRA. Fick dich, USA! Wir, die Jugend aus Gaza, haben Israel, die Hamas, die Besatzungsherrschaft, die Verletzung der Menschenrechte und die Gleichgültigkeit der internationalen Gemeinschaft so satt!“ Das ist viel, zu viel für diesen kleinen Abend, der dadurch wie jeder gutgemeinte Versuch politischen Theaters auf Dauer ein ästhetisches Problem bekommt. Die Darstellung der Protagonisten als griechischer Chor und Volkes Stimme gleichermaßen wie als pathosschwere Schicksalsgemeinschaft von zweifelnden Menschen trägt nicht den ganzen Abend, es kommt bei aller Anstrengung der Schauspieler Steckels Denkansätze zu verdeutlichen etwas Langeweile auf, dem Zuschauer wird kaum die Möglichkeit der eigenen Reflexion gegeben. Die gewünscht „Entrüstung“ stellt sich so nur schwerlich ein.

Immerhin erheben sich die Schauspieler irgendwann und legen ihre Decken und wohl auch ihre Zweifel ab, die Verantwortung jedes Einzelnen will übernommen werden. Für den Künstler macht dies Frank-Patrick Steckel höchst selbst und spricht vom Band die Worte Albert Camus zur Verantwortung des Künstlers und seinem Werk. Der Verfasser der theoretischen Schriften „Der Mythos des Sisyphos“ (1944) und „Der Mensch in der Revolte“ (1951) sah diese Revolte eher im Menschen selbst, sein Ziel suchend mit den permanenten Widersprüchen ringend und nicht in einer gesellschaftlichen Idee oder Ideologie. So ist Steckel auch unentschieden und kann sich nicht zu einer endgültigen Antwort entschließen.

dsc03877.JPG Skala Leipzig, „Antworten an Deutschland? Ich habe die Frage nicht verstanden.“ (Foto: St.B.)

Wie wäre eine Beantwortung der so dringenden Fragen überhaupt möglich? Passend dazu haben sich jüngst zu einem Gespräch mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ der Vorreiter der Empörungs-Welle der 93jährige ehemalige französische Résistance-Kämpfer, Diplomat und Lyriker Stéphane Hessel und der deutsche Jung-Philosoph und Publizist (Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?) Richard David Precht getroffen. Man ist sich schnell einig, dass wir auf einer Art Schwelle stehen (Hessel), Precht bezeichnet es als eine Zeit des Übergangs in einer Legitimationskrise der politischen Parteien und der globalen Finanzwirtschaft. Wohin dieser Übergang über die Schwelle führt, darin sind sich die großen Denker allerdings uneins. Hessel sieht die Zukunft in der Stärkung der vorhandenen globalen Institutionen wie der UN als regulierendes Organ. Erste Bestrebungen zur Einrichtung eines Weltparlamentes gibt es bereits (Kampagne für ein Parlament bei den Vereinten Nationen – UNPA). Precht ist da pessimistischer und zweifelt an der Bereitschaft vor allem der Jugend an Veränderung. Die private Utopie der Liebe lässt uns unpolitisch werden, konstatiert er, die Vision der romatischen Liebe bedroht das Politische, weil sie „asozial“ ist und bloße Fiktion. „Das eigene Glück macht gleichgültig gegenüber der globalen Gerechtigkeit“. Hessel hält dagegen die Fiktion z.B. der Dichtung und Mythologie für erforderlich, wo wir wieder bei der Verantwortung des Künstlers für das Politische angekommen wären.

F.-P. Steckel bringt diese Fiktion insbesondere mit der Dichtung von Hölderlins Empedokles ins Spiel, der Konflikt von Mensch und Natur in der Gestalt eines tragischen Helden, der sich aufopfert. Ansonsten arbeitet sich das Gespräch zwischen Hessel und Precht so ziemlich an den gleichen Themen wie Steckels Inszenierung ab. Fazit ist bei Hessel die Heranbildung von neuen Eliten, was nach Precht bisher am deutschen Bildungssystem scheitert. Hessel will durch verstärkte Dialektik das Bewusstsein für ein Umdenken erreichen. Dem optimistischen europäischen Gedanken Hessels stellt Precht schließlich die These, entwickelt aus der europäischen Aufklärungsgeschichte, einer „dritten Aufklärung“ gegenüber. Also eine neue Phase der Aufklärung um Bewusstsein zu entwickeln und da ist er ganz nah an Steckels Methode, nur das hier im Moment offene Türen eingerannt werden und dennoch keiner wirklich weiß, wo die Lösung des Problems zu finden ist. Neue Frage und immer noch keine Antwort? Vielleicht hilft da ja wieder Rousseau weiter, oder eher doch lieber Marx reloaden?

„Lenkt die Aufmerksamkeit eures Zöglings auf die Naturphänomene, und bald macht ihr ihn, wißbegierig. Um aber seine Wißbegier zu schüren, beeilt euch nicht, sie zu befriedigen. Stellt ihm Fragen, die seiner Fähigkeit entsprechen, und laßt ihn sie selbst lösen. Er soll nichts wissen, weil ihr es ihm gesagt habt, sondern weil er selbst es verstanden hat. Er soll die Naturwissenschaft nicht erlernen, er soll sie finden. Setzt ihr jemals in seinem Kopf die Autorität an die Stelle des Verstandes, wird er nicht mehr denken und nichts anderes mehr sein als das Spielzeug fremder Meinungen.“

J.J. Rousseau, aus: „Emile oder über die Erziehung“ (1762)

Literaturliste.pdf

Liste wird fortlaufend ergänzt.