Archive for the ‘Frank Wedekind’ Category

Neues in und an der Berliner Volksbühne – Wenn auch der große Saal öfter leer steht und die Kritiker nicht verstummen wollen – es tut sich einiges an und hinter der Fassade des Theaterbaus am Rosa-Luxemburg-Platz

Montag, Februar 19th, 2018

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Waffenruhe – An die Fassade der Volksbühne werden Fotografien von Michael Schmidt aus Westberlin kurz vorm Mauerfall und Texte von Einar Schleef projiziert

Es ist ein halbes Jahr ist es her, da waren die alten Helden der Volksbühne in Liveprojektionen am Portal vor dem Haus am Rosa-Luxemburg-Platz beim großen Abschiedskonzert zu sehen. Wie bei einem klassischen Begräbnis regnete es den ganzen Abend hindurch, und auch wieder am 31. Januar, seit in einer neuen Projektions-Installation, die Bilder des Fotografen Michael Schmidt aus dem alten Westberlin kurz vorm Mauerfall mit Texten des Schriftstellers, Dramatikers und Theaterregisseurs Einar Schleef verbindet. In strengem Schwarz-Weiß lösen sich die Fotografien Schmidts mit Texte des 2001 verstorbenen Autors ab. Auch Michael Schmidt ist seit 2014 tot. Ein bedauerlicher Umstand, ebenso wie das Fehlen Schleef’scher Dramatik auf deutschsprachigen Bühnen.

 

WAFFENRUHE 1987, Projektion 2018 – Fotografie: Michael Schmidt, Text: Einar Schleef – Foto (c) Gianmarco Bresadola

 

Beide Künstler zusammen hatten sich in den 1980er Jahren beim Steirischen Herbst in Graz kennengelernt und stellten 1987 in der Berlinischen Galerie, damals noch im Martin-Gropius-Bau beheimatet, gemeinsam aus. Waffenruhe hieß dieses Aufeinandertreffen der Fotografien von Michael Schmidt mit Texten, die Einar Schleef später in seine 1998 erschiene Erzählung Zigaretten einfließen ließ. Der Plot ist einfach, relativ karge Prosa. Ein Mann sitzt allein in seiner Küche. Frau und Tochter haben ihn verlassen. Geblieben ist ein Kaninchen. Der Mann trinkt Tee, sinniert vor sich hin, hört seinen Nachbarn zu, schafft es aber nicht aufzustehen, rauszugehen und Zigaretten zu holen. Dazu Schmidts ebenso karge Stadtlandschaften, Naturstillleben und einzelne Porträts, „ein subjektives, bleiernes Bild der noch geteilten Stadt“, wie es im Klappentext des neu aufgelegten Ausstellungskatalogs heißt. Sich nicht kommentierend, aber einander ergänzend bilden Texte und Fotografien ein Psychogramm und recht düstere Zustandsbeschreibung der noch geteilten Stadt.

 

Waffenruhe – Michael Schmidt und Einar Schleef an der Fassade der Volksbühne – Foto: St. B.

 

Diese legendäre Ausstellung wird nun in einem Reenactment als ca. 41 Minuten in Schleife laufender Bild-Text-Projektion auf das Volksbühnenportal geworfen, wo sich Schrift und Schwarz-Weiß-Fotografien mit der Struktur der klassizistischen Sandsteinfassade und ihren wuchtigen Säulen verbinden. Eine durchaus beeindruckende Groß-Installation zur Wiederentdeckung des Werks zweier bedeutender Künstler, wie es Intendant Chris Dercon in einer Gesprächsrunde zur Vernissage betonte. Nach einer kurzen Lesung des Schleef-Textes traf der Ex-Kurator auf den Ausstellungskurator Thomas Weski und den Fotografen und Filmemacher Tobias Zielony. Ein Gedankenaustausch zum Wirken Schmidts und seine Würdigung als Dokumentarist der Westberliner Subkultur in der grauen Kältestarre kurz vorm großen Tauwetter hin zum gesamtdeutschen Gesellschaftsumbruch und als künstlerischer Kopf der Werkstatt für Fotografie an der Volkshochschule Kreuzberg.

Leider eine reine Westrunde, die sich um den Begriff Heimat herumdrückte, wie um einen ungebetenen Tischgast. Und auch Einar Schleef kommt kaum vor im Gespräch der Fotografie-Experten. Dass Schleef die Mauer von beiden Seiten gesehen und später in Westberlin dann auch oft selbst fotografierte hatte, erfährt man an diesem Abend nicht. Zeitlebens hing der Künstler zwischen den beiden Deutschlands, ohne wirklich anzukommen. Dennoch hat der Autor viel zum Thema Heimat geschrieben. Man spricht zwar von Epochenumbrüchen auf dem Podium, ist aber gleichsam doch auch so seltsam geschichtsvergessen, nicht nur was die Tradition der alten Volksbühne betrifft.

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Betrunken am Highway – Im 3. Stock der Volksbühne versetzt das P14-Jugendtheater Franz Wedekinds Franziska in den Wilden Westen

Diese künstlerische Tradition setzt sich momentan nur noch im 3. Stock der Volksbühne fort. Dort residiert nach wie vor das unter der Castorf-Intendanz 1993 ins Leben gerufene P14-Jugendtheater. Das Motto der jungen Theatermacher lautet „Anarchischer Dilettantismus“, oder auch: „Mach Theater, so wie du es verstehst.“ Unter der Leitung von Vanessa Unzalu Troya haben P14 nach Lolita will nicht sterben im November 2017 nun schon die zweite Inszenierung auf die kleine Bühne im 3. Stock gebracht. Mit Betrunken am Highway in der Regie von Charlotte Brandhorst wagt man sich an eine Adaption des Bühnenstücks Franziska von Frank Wedekind. 1912 als erstes Stück zur Eröffnung der Münchner Kammerspiele als Franziska – Ein modernes Mysterium uraufgeführt, hat das damals noch skandalträchtige Stück die Zeit kaum überlebt. 2012 zur 100-Jahrfeier  der Kammerspiele gab es eine recht schräge Neuinszenierung von Andreas Kriegenburg mit Brigitte Hobmeier als Franziska.

 

Betrunken am Highway – P14 – Foto (c) Jakob Fliedner

 

Schräg lässt sich auch die P14-Inszenierung an. Wedekinds Text mixt die Regisseurin Brandhorst mit einem nicht näher benannten Westernplot in einer Stadt namens Bottleneck. Auf der Bühne stehen eine Stellwand mit Westerntapete und ein Klavier wie in einem richtigen Salon. Es fehlen nur die Schwingtüren für Auftritt und Abgänge des jungen Ensembles. Dafür gibt es Castorf-like Livekamerabegleitung inklusive eines kleinen Ausflugs vors Haus auf den Rosa-Luxemburg-Platz.

Das Stück von Wedekind ist der Versuch einer Umkehr von gängigen Geschlechterrollenbildern und eine Untersuchung bürgerlicher Konventionen wie der Ehe unter Zuhilfenahme von Motiven aus Goethes Faust. Eine gesellschaftliche Grenzüberschreitung in Form eines Pakts mit einer Art Mephisto namens Veit Kunz, durch den die Titelfigur Franziska die Möglichkeit erhält, zwei Jahre als männlicher Franz zu leben. Provokateur Wedekind hatte es sich nicht nehmen lassen, die Hauptrollen des Veit Kunz und der Franziska sich und seiner Frau auf den Leib zu schreiben. Gleiches haben nun die Mitglieder des Jugendtheaters mit ihrer Version und den verschiedenen Rollen getan.

 

Betrunken am Highway – P14 – Foto (c) Jakob Fliedner

 

„Ich hab so ‘ne Sehnsucht nach mir selbst.“ ist der anfängliche Selbsterkundungshilferuf der jungen Franziska (Lioba Kippe). Ein Ausbruch aus einem Leben, das sie so nicht führen will. Was einst nur durch den zweifelhaften Pakt mit einem Mann gelingt, wird hier zum fröhlichen Spiel mit den Identitäten und der Verwandlung. Wobei Frau doch immer noch erkennbar weiblich bleibt und nur die neuen Möglichkeiten weidlich auslotet. Etwa in Szenen wie der Auerbachs Keller aus Goethes Faust nachempfundene Weinstube Clara, einem Bordell, in der Franziska als Franz das Freudenmädchen Mausi betört und sich als Mann gegen deren Zuhälter erwehren muss, oder dem Scheitern der Ehe des angehenden Künstlers mit Sophie und dem Liebesverhältnis mit dem Manipulator Veit Kunz.

Es gibt sogar Theater im Theater. Auch hier folgt Wedekind ja Goethes Faust bis in die griechische Antike mit einem Mysterienspiel in Versen. Dabei werden Songs zum Klavier intoniert. Der Soundtrack aus dem Off geht von Chanson über Punk bis zum Wüstenfeeling mit Stoner Rock. Leonard Cohen röhrt I’m Your Man und die Jungs führen einen Veits-Tanz als Travestienummer im Kleid auf. Der Genderclash als Boxkampf und Salonduell. Das sich Wedekind mit der Emanzipation Franziskas in die Mutterrolle und Erzieherin des neu zu gestaltenden Mannes in Person ihres Sohnes Veitralf am Ende etwas verhoben hatte, sieht man hier nicht so eng. Zuweilen fällt es allerdings auch schwer dem wilden Treiben zu folgen. Der Spiel- und Einfallswut sind da keine Grenzen gesetzt. Die gibt es ja bekanntlich nur im Kopf und der wird hier mal gewaltig freigepustet.

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Health & Safety – In ihrer zweiten Inszenierung im Grünen Salon der Volksbühne fantasieren Calla Henkel & Max Pitegoff von einem Stadtschlossbrand mit musikalischer Karaokeuntermalung

Foto: St. B.

Health and Safety bedeutet ja so viel wie Arbeits- und Gesundheitsschutz. Mit beidem nimmt es die neue Volksbühne anscheinend nicht so genau. Man sollte sich daher zweimal überlegen, ob man den Gang in den Grünen Salon wagt. Dort hat seit Beginn der Intendanz von Chris Dercon das Künstlerduo Calla Henkel & Max Pitegoff ihr Work-in-Progress-Zelt aufgeschlagen. Als Markenzeichen auf der Homepage fungiert ein Fluchtwegpiktogramm. Also rette sich wer kann.

Bereits bei ihrer Antritts-Inszenierung News Crime Sports versammelten Henkel und Pitegoff eine illustre Schar von Berliner Partypeople in rumpliger Sofaatmosphäre. Zum Personal von Health & Safety gehören der abgehalfterte, englisch sprechende Architekturstudent Daniel (Lily McMenamy), der in einer fahruntüchtigen Autokarosse haust und die Szene-Künstlerin Celine (Mia von Matt), die Dercons Lieblingsspruch von der Kommerzialisierung der bildenden Kunst und der Krise der Malerei herbetet. Allerdings wurde die ja schon vor Jahrzehnten für tot erklärt und feiert doch immer wieder fröhliche Auferstehung. Als kleinen Insider-Gag persifliert Celine dann noch den Slogan der Ex-Volksbühnenbesetzer auf den Treppen vor dem Haus: „Over my dead body.“

Ein untoter Wiedergänger des preußischen Architekten Karl Friedrich Schinkel (Tobias Spichtig) geistert durch die Szenerie und will das wiedererbaute Berliner Stadtschloss als Akt des Widerstands gegen die Fakearchitektur abfackeln. „We don’t need a historical reenact.“ Stadtplanung mit dem Benzinkanister. Mehr Mut zur Leere also. Was der zugebauten Berliner Mitte ja durchaus gut zu Gesicht stünde. Allerdings lässt sich der angehende Jungarchitekt Daniel nur temporär für diese radikale Idee begeistern. Er hat mehr mit seinen Architekturmodellen aus Pizzakartons, dem Ordnungsamt-Abschnittsbevollmächtigten (Sir Henry als Running Gag), der sein Auto abschleppen lassen will, und seiner Eifersucht auf den angesagten Maler Clemens zu kämpfen. Nebenbei erzählt das Stück nämlich auch noch die unglückliche Liebesbeziehung zur seiner Verflossenen Celine.

 

Health & Safety im Grünen Salon der Volksbühne
Foto © Calla Henkel & Max Pitegoff

 

Boulevard to go, der musikalisch vom Volksbühnenurgestein Sir Henry und Special-Guest Jochen Arbeit von den Einstürzenden Neubauten an Gitarre und Keyboard minimal-elektronisch untermalt wird. Alle treffen sich immer wieder in einer Karaoke-Bar, wo sie sehnsuchtsvolle Lieder anstimmen. Der Barkeeper Wolf (Leon Kahane) ist ein Berliner Original ganz in Leder, hat ein dickes Fell und als Leichenwäscher schon so einige Hakenkreuz-Tattoos seiner Kundschaft gesehen. „Wehret den Anfängen.“ So, so. Sein Lieblingsplatz ist nicht nur hinter der Theke, sondern meist an einer original orangenen BSR-Kippenurne vor der Bar. Der Müllkübel fängt irgendwann selbst an zu qualmen, wohl als kleiner Vorgeschmack auf das versprochene Inferno am Stadtschloss, das sich dann allerdings doch nur als ein kleiner Kabelbrand entpuppt.

So wie die P14-Produktion den alten Wedekind aufmischt, soll das Ganze hier im Grünen Salon irgendwie soll lose an Molières Komödie Der Menschenfeind angelehnt sein. Ob Daniel etwas von einem Misanthropen hat, der ja bei Molière idealistisch gegen die Heuchelei zu Felde zieht, bleibt aber eher das Geheimnis der Stückeschreiberlinge. Irgendwann spricht man auch davon, raus ins ländliche Brandenburg zu wollen. Aber „There is no Exit“, heißt es am Ende, und Schinkels Geist fordert in einer abschließenden Séance dazu auf, die Augen zu schließen. Wir tun es müde abwinkend.

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WAFFENRUHE, 1987 (Projektion, 2018)
Fotografie: Michael Schmidt
Text: Einar Schleef
Kurator: Thomas Weski
Produktion: Volksbühne Berlin
Koproduktion: Stiftung für Fotografie und Medienkunst, Archiv Michael Schmidt
Termine: täglich bis 11.03.2018

P14
Betrunken am Highway (3. Stock, 06.02.2018)
Nach Franziska von Frank Wedekind
Regie: Charlotte Brandhorst
Videokonzeption: Luna Zscharnt
Musikkonzeption: Lilith Krause, Fee Aviv Marschall
Musik: Fee Aviv Marschall
Maske: Zelal Yesilyurt
Grundraum: Maike Krych, Konrad Walkow
Technische Leitung: Leander Hagen
P14-Leitung: Vanessa Unzalu Troya
Mit: Lail Braslawski, Tom Garus, Milan Herms, Lioba Kippe, Gesa Kreye, Noah Roos, Fee Aviv Marschall, Marike Voß, Tamara Welcher
Premiere war am 02.02.2018 im 3. Stock der Volksbühne Berlin
Termine: 21.02.18

Calla Henkel & Max Pitegoff
Health & Safety (UA)
Komposition: Jochen Arbeit und Sir Henry
Kostüme: Nhu Duong
Choreografie: Tarren Johnson
Mit: Jochen Arbeit, Leon Kahane, Lily McMenamy, Sir Henry, Mia von Matt und Tobias Spichtig
Die Premiere war am 08.02.2018 im Grünen Salaon der Volksbühne Berlin
Weitere Termine: 22., 23., 24.02. / 01., 02. und 03.03.2018

Infos: https://www.volksbuehne.berlin/de/

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LULU – Wedekinds Monstretragödie in der Regie von Nuran David Calis am Schauspiel Leipzig

Dienstag, Oktober 15th, 2013

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Die Buchstaben CENTRALTHEATER sind von den Schaufenstern des Theaterbaus an der Bosestraße verschwunden. In großen Leuchtlettern prangt über dem Eingangsportal wieder die alte Bezeichnung SCHAUSPIEL. Leipzig hat nach dem Weggang des von der regionalen Presse und Kulturpolitik ungeliebten Sebastian Hartmann eine neue Intendanz. Mit einem Premierenreigen wurde das in der letzten Woche gefeiert und fand seinen Widerhall auch über die Grenzen der Heldenstadt, die sich gerade zum 200. Jubiläum der Völkerschlacht rüstet. Wort-Schlachten gab und gibt es auch immer noch um das Leipziger Theater. Die Deutungshoheit über die künstlerische Ausrichtung des Schauspiels ist weiterhin heiß umkämpft.

Lulu von Frank Wedekind in der Regie von Nuran David Calis am Schauspiel Leipzig

Lulu von Frank Wedekind in der Regie von Nuran David Calis am Schauspiel Leipzig – Foto: St. B.

Eine weitere streitbare Inszenierung gab es nun als Zugabe sozusagen hinten drauf. Lulu von Frank Wedekind hatte am Freitag seine Leipzig-Premiere auf der Bühne des Schauspiels. Was einst veritabler Theaterskandal war, lässt heutzutage kaum noch jemanden wirklich erschauern. Der letzte Regisseur, dem annähernd so etwas wie ein kleines Rauschen im Blätterwald der Feuilletons gelang, war Volker Lösch, der echte Damen des horizontalen Gewerbes als Chor in seiner Inszenierung Lulu – Die Nutten-Republik an der Schaubühne Berlin auftreten ließ. Just jener Volker Lösch war es dann auch, der von einer Findungs-Kommission aus Theaterexperten für die neue Leipziger Intendanz empfohlen wurde. Die Leipziger Stadtoberen fürchteten aber wohl das erneute Experiment und bestellten den Chemnitzer Enrico Lübbe, der mit einem ausgewogenen Angebot ans Leipziger Publikum den Vorzug vor Lösch erhielt.

Aber nicht der neue Intendant Enrico Lübbe, sondern der deutsch-türkische Theater- und Filmregisseur Nuran David Calis stellt die Monstretragödie um die „Teufelsschönheit“ Lulu in einer Koproduktion mit den Theatern Chemnitz, wo die Inszenierung bereits im Juni Premiere hatte, nun auf die Leipziger Bühne. Calis, bekannt für seine jugendlich frischen, bild- und soundgewaltigen Theaterarbeiten, wird hier nun als Trumpf von Lübbe aus dem Ärmel gezogen, wie um zu zeigen, ja, es geht auch ganz unkonventionell. So wirkt denn auch Calis‘ Inszenierung sehr modern. Es gibt Livevideo, dräuende Elektrosounds (Musik: Vivan Bhatti) und Mikrofon-Stimmen aus dem Off. Die Bühne von Irina Schicketanz ist ein kaltes Betonloft, das man durch Fahrstuhltüren betritt und wieder verlässt. Zu Beginn steht dort Lulu im fleischfarbenen Latexanzug (Kostüme: Amelie von Bülow) in einer Art Vitrine, den Blicken der Männer ausgesetzt, die wie in der Peepshow durch kleine Fenster in der Rückwand zu sehen sind, in immer wieder eindeutigen Bewegungen. Eine klare Aussage und Setzung, die symptomatisch für die weitere Inszenierung ist.

Lulu am Schauspiel Leipzig - Foto: Rolf Arnold

Lulu am Schauspiel Leipzig – Foto: Rolf Arnold

Calis setzt hier auf einige gezielte Schockeffekte, die ihre Wirkung bei einem Teil des Publikums nicht verfehlen. Türenknallen am Stadttheater ist dafür schöner, immer wiederkehrender Beweis. So bekommt man dann auch eindeutige Kopulationsszenen neben Sadomasospielchen oder gar ein ganzes Pornodrehsetting zu sehen. An der linken Bühnenwand befinden sich mehrere Löcher, deren Funktion seit dem erfolgreichen britischen Kinofilm Irina Palm mit Marianne Faithfull jedermann und -frau bekannt sein dürfte. Doch das Abstimmen mit den Füßen hält sich in Grenzen, und wer bleibt kann doch auch eine bemerkenswert agierende Runa Pernoda Schaefer entdecken. Sie verkörpert Lulu, Nelli, Eva oder Mignon, je nachdem welche seiner Obsessionen ein Mann in ihrer Person verwirklicht sieht. Eine von Männern geschaffene Wunsch-Projektion, die Calis mittels Kamera an die Wand wirft. Maler Schwarz (Tilo Krügel) versucht verzweifelt dieses Idealbild seiner Fantasie in die Kunst zu übertragen. Wie Yves Klein drückt er seinen bemalten Körper an die Wand und ist der erste, der sogar für Lulu mordet. Wie ein Besessener würgt er seinen Auftraggeber Dr. Goll, routiniert gespielt vom alten Leipziger Mimen Matthias Hummitzsch, bis er seinen Tantalusqualen durch eigene Hand im Fahrstuhl ein Ende setzt.

Auf und ab geht es in dieser manischen Männerwelt, in der Lulu ihre eigenen Sehnsüchte nur wie nebenbei in wenigen Sätzen artikulieren darf. Bei ihr ist die Abwärtsspirale vorprogrammiert. Sie kann Macht über Männer nur kurzzeitig im sadistischen Sexspiel ausüben. Wie ein Hündchen führt sie Dr. Schön an der Leine und zwingt ihn einen Brief an seine Verlobte zu schreiben. Hartmut Neuber überzeugt als Erschaffer dieser Femme fatal, der ihr gleichzeitig doch auch hörig ist. Das findet in seinem Sohn Alva (ungelenk und tollpatschig Sebastian Tessenow) seine Fortsetzung. Die Vergangenheit holt Lulu schließlich in der Gestalt ihres Vaters Schigolch (Wenzel Banneyer) ein, der bei Calis ein typischer, sonnenbebrillter Lude ist und seiner Tochter junge Freier zuführt. Verzweifelt geht Lulu aus diesem Spiel an die Rampe und sucht im Publikum nach ihrem Helden, der sie rettet und lieben will, bis der Tod uns scheidet.

Schauspiel Leipzig 2013 Lulu Frank Wedekind Bearbeitung: Nuran David Calis und  Esther Holland-Merten Eine Kooperation des Schauspiel Leipzig mit den Theatern Chemnitz LEITUNG Regie: Nuran David Calis Bühne: Irina Schicketanz Kostüme: Amelie von Bülow M

Tilo Krügel als Schwarz und Runa Pernoda Schaefer als Lulu am Schauspiel Leipzig – Foto: Rolf Arnold

Nach Schöns Tod gibt es einen Break und die Parisszenen laufen tatsächlich wie in einem schlechten Pornofilm ab. Hier folgt der Umschwung ins Heute. Das Kolportagehafte an Wedekinds Drama übersetzt Calis in grelle Bilder. Die Männergesellschaft, auch die Gräfin Geschwitz (Dirk Lange) ist hier ein Mann, erholt sich vom Zocken mit Jungfrau-Aktien beim Polonaisetanzen in der Vitrine, die sich langsam mit Wasser füllt und die Schwüle einer Männersauna ausstrahlt. Calis hat hier Anleihen bei den Bunga-Bunga-Partys von Silvio Berlusconi oder Sexvergnügen von hochrangigen Managern der Automobil- und Versicherungsbranche genommen. Am Ende ist man wieder beim starken Bild des Anfangs. Die Männer sprechen im Chor den Text des Rippers, während Lulu langsam ins Wasser gleitet.

Das ist darstellerisch einerseits gut, dann auch wieder recht konventionell inszeniert. Die Schauspieler füllen ihre Rollen aber zum großen Teil mit viel Können aus. Es wird überwiegend originaler Wedekind gesprochen, was dem Abend durchaus Kraft verleiht, auch jenseits der expliziten Szenen. Von Calis hätte man sprachlich auch wesentlich Spezielleres bekommen können. Ob es dieser Szenen bedarf, sei dahingestellt. Wie es um die bürgerliche Moral bestellt ist, weiß man sicher auch in der Messestadt Leipzig. Der dem dortigen Theater sehr verbundene Clemens Meyer hat es gerade in seinem im Leipziger-Rotlicht spielenden Roman Im Stein treffend beschrieben. Nun, der Skandal bleibt aus und es herrscht die Gewissheit, dass Leipzig auch damit in Zukunft den Weg auf ein breiteres Publikum einschlagen wird. Was ja nicht unbedingt Schlechtes bedeuten muss.

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Termine und Infos:
http://www.schauspiel-leipzig.de/buehnen/grosse-buehne/inszenierungen-az/lulu/

Zuerst am 13. Oktober 2013 auf Kultura-Extra erschienen.

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LULU SEIN ODER NICHTSEIN – Zweimal große Theater-Schmiere am Berliner Ensemble und Maxim Gorki Theater

Donnerstag, April 21st, 2011

Dramen mit Damen sind in dieser Spielzeit nicht nur an den Berliner Theatern wieder in Mode. Da gibt es das Käthchen und die Penthesilea, da Kleist-Jahr ist, es gibt sogar ein Kameliendame und die Medea von einer filmpreisgekrönten Sophie Rois, eine Antigone, die gar keine echte Dame ist, es gibt ein Madame Bovary und nicht zu vergessen, es gibt eine Lulu als ganzen Volker-Lösch-Chor von Professionellen, der zum Teil von Nichtprofis oder umgekehrt durchsetzt ist. Es gibt nun auch eine Lulu am BE, die es aber, wie man heute hört, an der Wiener Burg nicht mehr geben wird, oder zumindest erst nach der „Karenzzeit“ von Birgit Minichmayer, die sie im schönen München bei Martin Kusej verbringen will. Vielleicht kann ja nun Sunnyi Melles die Rolle in Jan Bosses geplatzter Wiener Lulu-Inszenierung übernehmen, die im Gegenzug dafür nach Wien rotiert ist.
Womit wir thematisch wieder bei der Berliner Lulu von Theaterkünstler Robert Wilson sind, der mit der Besetzung der schon etwas älteren Theaterdame Angela Winkler als Lulu eine kleinen Coup landet. Auch der Rest der Besetzungsliste ist nicht ohne, mit Jürgen Holtz als alten ironischen Schigolch, Alexander Lang als nicht minder lakonischen Dr. Schöning, Anke Engelsmann als düstere Gräfin Geschwitz, Georgios Tsivanoglou als Goll und nach dem der hin ist als quirliger Artist Rodrigo Quast, Markus Gertken als launischer Alwa Schöning, Sabin Tambrea als gegelter Schönling Jack the Ripper und Ruth Glöss als, na als was eigentlich, Wilson nennt sie einfach mal Ruth und so wuselt sie als närrische Alte etwas verloren über die Szenerie und singt sich eins. Komplettiert wird die geile Männerriege von Marko Schmidt, Alexander Ebeert, Boris Jacoby, Jörg Thieme und Ulrich Brandhoff.
Die Musik, ohne die Wilson Theatermechanismus ungeölt vor sich hin quietschen und plingen würde, stammt diesmal von dem seit seinen Anfängen mit Velvet Underground trotz Glam-Rock- und Metalunterbrechungen immer sehr düster nachdenklichen Rock-Gitaristen Lou Reed. Im Orchestergraben sitzt eine Band um Stefan Rager und spielt zu „Lulus Death“ A bis E die schaurig schönen bis schrägen Songs und Balladen wie „Rooftop Garden“, „I Remember You“, „Mistress Dread“, „A Gift“, oder den tatsächlich pumpenden Beat des „Pumping Blood“, das melancholische „Sunday Morning“ der Velvet Underground, bei dem Anke Engelsmann als düstere Gouvernantenartige Geschwitz fast wie Nico klingt, ein rockiges „Brandenburg Gate“ und zum Schluss ein eiskaltes „Iced Honey“. Man könnte nur über diese Musik schreiben, wenn da nicht auch noch ein Theaterstück auf der Bühne liefe, für das diese Songs zwar nicht alle neu geschrieben wurden, aber die gut zur Thematik der kollektiven Männerfantasie Lulu und ihrer Einsamkeit und Behauptung in dieser feindlichen Welt passen.
Aber das interessiert Robert Wilson nicht an Lulu. Er lässt sie schon zu Beginn und immer wieder in kleinen Zwischenszenen sterben, und erzählt so eine Geschichte der Ausweglosigkeit vom Ende her, die zwangsläufig zum Ripper führen muss. Schöner Sterben mit Lulu A bis E könnte man das auch nennen. Es sind die üblichen Kostüme, Bühnenbilder und Wilson-Choreografien, die die Szenerie bestimmen. Tack, Tack, Tock, Tock und Pling, fertig ist die Wilson-Welt und das wie immer auf höchstem künstlerischen Niveau. Nur bei einigen Schauspielern der bestens geübten Wilson-Crew rührt sich diesmal so etwas wie eine kleine Aufruhr gegen das starre Korsett. Allen voran Jürgen Holtz, der als Lulus Vater Schigolch mit einer eiskalten Gleichgültigkeit und in stark ironischer Weise, das übliche Konzept Wilson unterläuft. Wie er so schnarrend das Bühnenbild durchstreift ist schon sehenswert, er stielt so der in ihrem aufgemotzen Staat feststeckenden, girrenden und in höchsten Tönen trällernden Angela Winkler fast die Show. Auch Alexander Lang gelingen einige solcher zweifelnden, ironischen Momente, es wirkt aber als wäre dies Wilson eher unbeabsichtigt passiert, nur ein Lapsus des Meisters, der mit den Jahren seinem perfektionierten Prinzip nicht mehr traut. Vielleicht ist da etwas Selbstironie am Werk, allerdings der Rest zappelt in gewohnter Manier wie an Fäden gezogen über die Bühne.
Der Zuschauer ist es zufrieden und gibt Szenenapplaus für eine surreale Zypressenallee, eine Lulu allein auf weiter Flur, wie in einem Bild von Rene Magritte gefangen. Das Bild ist tatsächlich sehenswert, aber das ist das Problem dieser Inszenierung, die wieder nur optische Reize aussendet und nicht wirklich in die Abgründe dieser zerrissenen Figur geht, die hier sogar im Zwiegespräch mit sich die Texte der Geschwitz gleich mit herunterhechelt. Ansätze des alten Regiegenies Wilson sind da, bleiben aber Skizze, gemalt in Öl. Einmal noch ist Alarm auf der Beleuchterbrücke, wenn Lulu mit ihrem restlichen Anhang im schmutzigen London angekommen ist. Die Szenerie ist dunkel und nur die Gesichter sind mit Spots ausgeleuchtet. Lulus Freier treten nach und nach aus dem Hintergrund und zählen der gebrochenen Kindfrau die Pennys in die Hand. Sabin Tambreas Jack als schräger Schönling mordet sie hinter der Bühne, ein letzter spitzer Schrei, der Rest ist zwar eiskalter aber schön gestylter Abgesang an der Rampe. Die Büchse der Pandora bleibt für diesmal geschlossen. Keine Monstretragödie ist zu sehen, nur die monströse weiße Schmiere in den Gesichtern der Schauspieler.

Was wirklich große Theaterschmiere im besten Sinne bedeutet, zeigt zwei Tage später Ex-Volksbühnenschauspieler und Theaterregisseur Milan Peschel mit der Komödie „Sein oder Nichtsein“ am Maxim Gorki Theater. Er zelebriert hier die große Kunst der Klamotte, mit Lust und Mut zur Lächerlichkeit. Das Stück von Nick Whitby mit dem Titel des großen Hamlet-Monologs nach dem gleichnamigen Film von Ernst Lubitsch aus dem Jahre 1942, spielt 1939 in Warschau, wo an einem Theater polnische Schauspieler eine Nazi-Farce mit dem Namen „Gestapo“ proben. Das nutzen Star- wie Chargendarsteller gleichermaßen zur Profilierung, hier blühen gleich zu Beginn Theaterallüren vom Feinsten, der Boulevard lässt grüßen, „…und einen Lacher soll man nie verachten“ . Tür auf, Tür zu, das Hitlerbild hüpft dazu auf und ab, bis es am Boden liegt und der Hitler-Kleindarsteller Bronski (Horst Westphal) seine Chance zum ganz großen Auftritt wittert, endlich weg vom ewigen Spiesträger. Es reicht aber nur für ein falsches Autogramm. Solche Träume hat der Großschauspieler und Hamletdarsteller Josef Tura (Ronald Kukulies) nicht mehr nötig, er bekommt Käsebrot und Bier auf die Bühne und ist auch sonst voll von seiner Kunst überzeugt. Wenn da nicht diese Zweifel an jedem Abend wären, wenn sich immer wieder ein junger Mann aus der zweiten Reihe erhebt und vor Turas großem Hamletmonolog den Saal verlässt. Das ist zuviel für das Ego des eingebildeten Künstlers, der noch nicht weiß, dass der junge Fliegeroffizier Sobinsky (Hans Löw) in diesen Minuten zu der von ihm verehrten Schauspielerin und Frau des Josef Tura, in die Garderobe eilt, um ihr zu huldigen. Sabine Waibel gibt die Maria Tura als blonden Engel im langen Kleid, hin- und hergerissen zwischen ehelicher Pflicht und Sobinskys Schwärmereien. Diese und ähnliche Probleme bestimmen das Leben der Schauspieler kurz vor dem Einmarsch der deutschen Armee im September 1939. Doch die ersten Anzeichen des bevorstehenden Krieges zeichnen sich bereits ab und das Stück „Gestapo“ wird aus Angst vor diplomatischen Verwicklungen abgesetzt.
Lubitsch hatte hieraus eine aberwitzige Satire gemacht, die selbst vor Schenkelklopfern im Angesicht des Grauens nicht halt machte. Eine kleine Truppe Schauspieler, die in großer Gefahr, da durch einen Spion der Gestapo verraten, über sich hinauswachsen und ihre Rollen aus reinem Lebenserhaltungstrieb nun in der Wirklichkeit weiterspielen müssen. Peschel, der dieses Stück in einer Koproduktion mit dem Stary Teatr bereits mit polnischen Schauspielern in Krakau herausgebracht hat, adaptiert diese Inszenierung nun mit deutschen Darstellern fürs Gorki. Er arbeitet hier erstmals mit seiner Frau, der Bühnenbildnerin Magdalena Musial zusammen, die ebenfalls aus Polen stammt. Ihr Bühnebild in seiner provisorischen Sperrolzfragilität lässt sich prima und schnell in alle möglichen Räume umbauen und gibt dabei viel Platz für schnelle Auf- und Abtritte mit jeder Menge Türknallerei und Slapstick. Und das nutzen die begnadeten Schauspieler allen voran Ronald Kukulies auch weidlich aus. Sein Tura ist aber keine bloße Witzfigur, sondern er lässt in ihm die gesamte Bandbreite seines komödiantischen Talents aufblitzen, er grimassiert und windet sich, gibt die Verkleidungsposse ganz im Stile eines kleinen Schmieren-Schauspielers, der aus schierer Verzweifelung und Liebe zu seiner Frau zum Grand-Guignol aufläuft. Erst grandios als falscher Konzentrationslager-Erhardt und dann wieder grotesk als Silewski, nachdem Sobinsky den Spion Silewski (Wilhelm Eilers) erschießt, weil dieser die Posse Turas durchschaut hat. Das kulminiert in einem absurden Tanz, in dem Kukulies den toten Silewski rasiert und ihm seinen zweiten falschen Bart anklebt. Aus der Tragik seiner Figur zieht Kukulies diese grandiose Komik.
Die zweite Überraschung ist Holger Stockhaus als Gruppenführer Erhardt, der sich mit dem dauerheiser krächzenden Sturmführer Schulz (Martin Otting) herrliche Dialoge über Theater- und Filmkunst sowie Vorlieben für Philosophen wie Bälle zuspielt. Stockhaus knallt auch einige verrückte Tanzeinlagen auf die Bühne, ganz im Stile Charlie Chaplins, nur ohne Weltkugel und er kommt dabei auch deutlich spürbarer außer Atem. Es wird aus weiteren Filmen zitiert, ein Pianist erschossen und das alles so trocken und ungeniert, dass es einem schon mal das Lachen stocken lässt. Hans Löw hält dann als Silewski noch eine flammende Rede über hundert Naziskalps vor den verdatterten Schauspielern. Diese klare Ansage des Aldo Raine aus Tarantinos „Inglourious Basterds“ vermag aber die Schauspieler nicht zu weiteren Heldentaten zu motivieren. Die Frage des Sein oder Nichtsein wird hier nicht entgültig beantwortet, die Geschichte endet offen. Das Spiel im Spiel in Peschels genialer Inszenierung zeigt den Schauspieler als das was er ist, den Träger einer Rolle, nicht als den Helden selbst oder den Bösewicht, den er darstellen muss. Das geschieht aber in vollendeter Perfektion, ein großes Fest für alle Schauspieler des Gorki-Ensembles, das man spätestens jetzt nicht mehr leichtfertig unterschätzen kann. Peschel gelingt eine Liebeserklärung an den Schauspieler an sich und nebenbei noch eine wirklich gute Nazischmiere mit Biss.

Hier gehts zur Kritik von Prospero auf Stage and Screen

Lulu – Die Nuttenrepublik an der Schaubühne; Volker Lösch rahmt seinen Chor von Sexarbeiterinnen mit lauter Platzhirschen

Dienstag, Dezember 14th, 2010

Keine Inszenierung von Volker Lösch ist bereits im Vorfeld dermaßen kritisiert worden wie diese. Vermutlich waren die meisten Rezensionen bereits vorab fertig. Wasser auf die Mühlen gab es noch durch den Ausstieg einer enttäuschten Choristin, Lösch wäre der schlechteste Freier den sie je gehabt hat. Nun ja, mit käuflicher Liebe lässt sich eben mehr Geld verdienen als mit Kunst, welch große Erkenntnis. Nachdem das Ganze nun über die Bühne holpert, johlt die Masse und alle Unkenrufer sehen sich bestätigt. Warum eigentlich?
Das Lösch eine spezielle Ästhetik bevorzugt dürfte allen klar sein, Dirk Pilz hat das in einer Randspalte auf der Titelseite der Berliner Zeitung vor der Premiere noch mal treffend zusammengefasst, Fazit: „Immer holt er die gesellschaftlichen Widersprüche auf die Bühne, macht sich aber mit keiner Seite gemein. Agitprop betreibt er nicht, sondern radikale Aufklärung. Das Schlimmste, was seiner Lulu-Inszenierung jetzt passieren könnte, wäre Achselzucken der Zuschauer.“ In seiner Rezension des Abends war es dann aber leider nur nett: „Es ist zum Einschlafen, oder Davonlaufen.“ „War da was?“ Eingeschlafen ist beileibe keiner  in der Schaubühne, wie viele davongelaufen sind, kann ich nicht sagen, da ich mich mehr auf das Geschehen auf der Bühne konzentriert habe. Vielleicht hat ja Volker Lösch auch bewusst das Tempo angezogen, die Aufführung dauerte tatsächlich nur 1 h 40 min anstatt der 1:50, die im Programmheft angezeigt sind. Zehn Minuten weniger können das Einschlafpotential schon erheblich senken.
Aber erstmal zu dem sogenannten Laien-Chor der Professionellen. Auf ihrem Gebiet (S)Expertinnen und gekonnte Darstellerinnen nicht ihrer selbst, sondern diverser Männerfantasien, gehört mit Sicherheit eine Menge Mut dazu sich einem Publikum zu präsentieren, das aber genau das von ihnen erwartet, den Seelenstriptees nämlich. Eine Knastbiografie oder den Bezug von Hartz IV öffentlich zu erklären, sind sicher auch nicht gerade leicht, aber sich als Nutte auf einem Podium zu outen, dazu gehört sehr viel Selbstverständnis und normaler Umgang mit dem eigenen Beruf. Und das zeigen die Damen dann auch sehr selbstbewusst und mit großer Freude am Spiel. Dafür gilt ihnen Dank, nicht Hohn und Spott oder Anzweifelung ihrer sogenannten Authentizität. Es ist schon schwer genug für ungeübte Laien überhaupt schauspielerisch zu glänzen, dann aber noch in den sehr schwierigen Chorpassagen dieser Inszenierung den richtigen Einsatz zu finden, fast unmöglich. Dass hier 4 Schauspielstudentinnen aushelfen, wie wir nun wissen, scheint mir da mehr als angebracht, da sogar die echten Schauspieler Mühe hatten sich in diesem Chor zu behaupten. Das Lösch das nicht vorher genau aufgeklärt hat und man sich nun seitens der Schaubühne darauf zurückzieht, dass das schon in anderen Projekten so war, tut der eigentlichen Aussage keinen Abbruch. Inhaltlich mag das strittig sein, was da skandiert wird und für viele nicht mehr neu, in mehreren Reportagen des Privatfernsehens oder in Dokumentarfilmen ist das Thema schon oft behandelt worden, aber sicher nicht mit dieser Wucht, die letztlich sogar in ein wenn auch ironisiertes Manifest mündet.
Wenn man ein großer Fan von Wedekinds Monstretragödie Lulu ist, sollte man der Veranstaltung fern bleiben. Lösch hetzt durch den Text, das kaum Zeit zum Atemholen bleibt. Szenenwechsel werden mit kurzen knalligen Musikeinlagen von Peaches bis zum üblichen „Bück Dich“ der Gruppe Rammstein vollzogen. Alles was Esther Slevogt in ihrer Nachtkritik recht satirisch verkündet, kann man auch wirklich sehen. Ihre Sichtweise ist aber sehr eingeschränkt, sie nimmt nicht wahr, dass hier Lulu nicht nur dem geilen Manne sanft die Hand ans Gemächt legt, sondern Lösch den brünstigen eitlen Platzhirschen direkt bei den Eiern packen will. Laura Tratnik und ihre männlichen Mitstreiter geben hier bewusst nur Schablonen ab, auch wenn das einigen zu plakativ einseitig ist. Lulu ist die personifizierte Männerfantasie und die Männer drehen hier mal den inneren Sack nach außen. Als irgendwann Sebastian Nakajew als Schön irritiert einer Vielzahl von Lulus gegenübersteht, die Liebe einfordern, weiß er nicht mehr wie er sich verhalten soll, so fixiert ist er auf das eine Bild in seinem Kopf, das ihm glatt das Ficken vergeht. Übrigens auch die Geschwitz kommt hier nicht gut weg, auch wenn sie ganz quirlig um die Liebe der Lulu buhlt. Sie projiziert ihr Wünsche genauso wie die Männer auf das Objekt ihrer Begierde. Die lesbische Liebe als Alternative funktioniert hier nicht, da Lulu noch in ihrer Fixierung auf den Mann fest hängt und ihrerseits nun eine Machtstellung gegenüber der Geschwitz ausübt.
Da wird natürlich viel schwarz-weiß gemalt, das ist sicher ein Manko der Inszenierung, ohne Frage. Die Differenzierung erfolgt durch den Chor, der die verschiedenen Bilder des Verhältnisses Nutte-Freier oder die unterschiedlichen Sichtweisen der Frauen auf ihren Job darlegt. Theater hat auch das Recht Aussagen so zu transportieren, das es dem ästhetisch geschulten Auge weh tut. Lösch will hier nicht Lulu aufführen sondern das Stück als Hülle für die Geschichten der Damen nutzen, deshalb findet auch keine Vermischung statt, aber es gibt durchaus Parallelen von Stücktext und Chor. Er hätte uns sicher noch mehr zumuten können, so bleibt eben wie oft vieles nur im Ansatz. Theater erklärt ja auch nicht, es schnappt sich meist nur punktuell einige Facetten aus der Wirklichkeit und setzt sich mit ihnen künstlerisch auseinander. Dass das Künstlerische zu kurz kommt, stößt auch mir auf, aber ich kann das wegstecken, zu Gunsten einer Aussage, die bei Wedekind noch im Vagen lag, hier aber deutlich gefordert wird, das Recht auf eine selbstbestimmte und unverklemmte Sexualität. Noch kürzer und prägnanter hat das in ihrer Punk-Zeit Nina Hagen in 1:45 min ausgedrückt: „…spritz, spritz, das ist`n Witz äh“. Wie es scheint, trifft das noch immer zu, das zeigt nicht zuletzt auch dieses Forum. Aber vielleicht haben ja auch schon einige ihr Gehirn in Formalin eingelegt. Hier hilft rausgehen und auslüften, oder eben ins Theater selbstbewusste Nutten gucken.