Archive for the ‘Friederike Heller’ Category

Schwere Kost dann schließlich noch mit Fallada und Hauptmann zum Spielzeitstart am Maxim Gorki Theater und an der Schaubühne Berlin. (Teil 2)

Mittwoch, September 14th, 2011

Nachdem man viel über den platten Berliner Wahlkampf gelacht und etwas über Gott und die Welt nachgegrübelt hatte, schoben die Schaubühne und das Maxim Gorki Theater mit Gerhart Hauptmann und Hans Fallada auch gleich richtig schweren und ernsten Stoff nach. Friederike Heller versuchte in ihrer dritten Inszenierung für die Schaubühne die „Einsamen Menschen“ von Hauptmann ins moderne Berlin der intellektuellen Ego-Schooter zu transformieren und Jorinde Dröse, als frisch gebackene Hausregisseurin am Gorki, stieg dann sofort in das hauseigene Dramatisierungsteam von dicken Schwarten der Weltliteratur ein. Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ aus dem Berlin der Nazizeit stand diesmal auf dem Programm.

schaubuhne-sept-2011.JPG Foto: St. B. – Spielzeitstart an der Schaubühne am Lehniner Platz

Vergebliche Emanzipationsversuche über Flachwasser – Friederike Heller inszeniert Hauptmanns „Einsame Menschen“ an der Berliner Schaubühne ganz Mitte-tauglich

„Man kann ohne Liebe Holz hacken, man kann aber nicht ohne Liebe mit Menschen umgehen.“ Leo Tolstoi

Die quadratische Bühne kreist über trübem Wasser, das sich erst später als recht flach erweisen wird. Vier Drehstühle, darauf sitzen die jungen Vockerats (Eva Meckbach und Tilman Strauß), die Mutter (Ernst Stötzner in Rock und Herrenhemd) und der Maler Braun, Freund der Familie (Christoph Gawenda). Die Studentin Anna Mahr (Jule Böwe) tritt unvermittelt in die Mitte dieser Kernfamilie und wird sie, wie Hauptmann es in seinem Stück von 1891 beschreibt, buchstäblich auseinander sprengen. Da ist also immer eine(r) zu viel aber auch von Vielem zu wenig. Johannes Vockerat ist mit Frau und Familiennachwuchs an den Berliner Müggelsee gezogen, das banale Familienleben ödet ihn an, er fühlt sich in seiner wissenschaftlichen Arbeit unverstanden. Sein ebenso unentschlossener wie zielloser Freund Braun ist ihm keine wirkliche Hilfe, die Frau Käthe in seinen Augen keine Unterstützung.
Käthe geht ganz in der Kindererziehung und Hausarbeit auf und ist bei Hauptmann ein farbloses Dummchen. Hier ändert Friederike Heller die Vorzeichen und gibt der sichtlich überforderten, von ihrem Mann in den Alltagsgeschäften allein gelassenen Frau eine Stimme, die sie auch vehement erhebt. In Anna Mahr sieht Johannes die erhoffte, ebenbürtige Figur, die Schwester im Geiste. Die Mutter, bei Stötzner mit viel Ironie versehen, steht zwischen den allgemeinen Emanzipationsversuchen und zeigt die Kraft der religiös bestimmten Familientradition. Sie will den Fremdkörper Anna mit Macht heraustrennen. In Person des Vaters bricht Stötzner dann auch, mit einem direkten Zungenkuss bei der Mahr, den letzten Willen seinen Sohnes.
Es wird nicht ganz klar, warum Friederike Heller Hauptmanns sehr persönliche Familienaufstellung so gegen den Strich und doch auch sehr traditionell inszeniert hat. Da man das nur sehr schwer ergründen kann, beginnt man sich zwangsläufig etwas zu langweilen. Die Figuren haben keine Tiefe mehr, außer der von Käthe, die an Kontur gewinnt, wo sie bei Hauptmann nur in Tränen zerfließt. Allerdings kann sich Heller auch nicht aus dem Korsett des Stücks endgültig befreien und so sitzt man in der Schaubühne wieder vor einer weiteren Bestandsaufnahme der bürgerlichen Seelenlandschaft, nur dass diese hier wie aus einer anderen Welt zu sein scheint. Nicht dass es diese Menschen nicht heute genauso gäbe, aber in Zeiten der Patchworkfamilien wird niemand, und vor allem kein Mann, wegen Orientierungslosigkeit ins Wasser gehen. Der Mann hat schon lange seine Stellung als Familienoberhaupt eingebüßt und sucht nach neuen Bewährungsfeldern.
Intellektuelle Defizite beim potentiellen Partner sind heute ja eher ein Grund erst gar keine Beziehung oder sogar eine Ehe einzugehen. Bleibt das Familienproblem mit Kindern und Haushalt. Das stellt Heller ja auch interessanter Weise in den Vordergrund. Nur kommt es einem trotzdem vor, als würde sie hier von Ihren Eltern erzählen, wie Jorinde Dröse das am Maxim Gorki Theater mit Ibsens „Nora“ gemacht hat. Heute würde die Konstellation von Hauptmann spätestens nach dem 4. Akt auseinander fliegen und man würde sich im Rest des Stückes mit den jeweiligen Anwälten um das Sorgerecht streiten. Bleibt noch ein Punkt, der vielleicht von Interesse wäre, gibt es eine platonische, rein freundschaftliche Beziehung zwischen Mann und Frau? Auch nicht gerade ein neues Thema. Liebe scheint es ja nicht zu sein, was Johannes und Anna zusammen treibt, sondern eher die gemeinsamen Interessen und mangelnde andere Möglichkeiten.
Der verhinderte Schöngeist Johannes kann mit irdischen Problemen nichts anfangen und klammert sich an diese, ihm einzig ersterbenswerte Möglichkeit, dem Alltag zu entrinnen. Welche Motive Anna hat, bleibt völlig unklar. Es scheint, als ob sich das Inszenierungsteam nicht einig war, welche Themen hier eigentlich bearbeitet werden sollten. Der Verweis auf den Russischen Realisten Wsewolod M. Garschin, einem Vorbild von Gorki und Tschechow, mit der Erzählung „Künstler“ im Programmheft, läßt das vermuten. Hauptmann kannte die Russischen Schriftsteller und Dramatiker auch. Er war wiederum ein Vorbild für Anton Tschechow. Es wirkt wie ein Fehlgriff im Bücherregal, anstatt Tschechow zieht man Hauptmann heraus und versucht das krampfhaft zu kaschieren. Die Leichtigkeit der letzten Inszenierungen von Friedrike Heller an der Schaubühne geht ihr bei diesem schwierigen Thema völlig verloren. Viel Gerede und Getue und am Ende ist einer tot. Dazu klimpert es noch ein wenig von Michael Mühlhaus´ Flügel her. Das Ganze ist wie Planschen im nebulösen Flachwasser, allerdings auf schauspielerisch recht hohem Niveau.
Das Stück entpuppt sich schließlich als sehr resistent gegen Hellers Tranformationsversuche ins Heute. Es zeigte auch ursprünglich die Unfähigkeit der Emanzipation von Mann und Frau in der Übergangszeit der Jahrhundertwende. Johannes ist noch nicht fähig sich den tradierten Rollenvorgaben seiner Eltern zu entziehen. Er sucht einen Partner im Geiste und da er ihn nicht in seiner Frau zu finden vermag und in Anna nicht finden darf, geht er zu Grunde. Hauptmann war außerdem kein Verfechter der Frauenemanzipation wie vielleicht Ibsen. Die einzige Emanzipation die er seinen Frauenfiguren und übrigens auch seinen eigenen Frauen zugestand, war die Verwirklichung an der Seite ihres Mannes. Käthe soll sich für die Arbeit ihres Mannes interessieren, um so ihren Horizont zu erweitern. Anna Mahr ist hier auch kein Idealbild einer emanzipierten Frau, sondern eher ambivalent. Einerseits selbständig und frei, anderseits sucht sie eine emotionale Bindung und glaubt, diese in der Familie Vockerat gefunden zu haben. Das sind Widersprüche wie sie gerade auch jetzt wieder in der anonymen Großstadt auftreten. Vielleicht will Friederike Heller ja gerade das zeigen. Die Unfähigkeit des modernen Menschen auf die Befindlichkeiten des anderen einzugehen. Alles einsame Egos eben, immer fehlt irgendetwas zur eigenen Selbstverwirklichung.

„Heil Hitler! Herr Nachbar.“ Jorinde Dröse karikiert Hans Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ am Maxim Gorki Theater

Nachdem mit „Kleiner Mann – was nun?“, „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“, „Der Trinker“ und „Bauern, Bonzen und Bomben“ Falladas Werke schon mehrfach für das Theater adaptiert wurden, hat der vom Staatsschauspiel Dresden kommende Dramaturg Jens Groß eine neue Theaterfassung des Romans „Jeder stirbt für sich allein“ für das Maxim Gorki Theater geschaffen. Unter seiner Mitarbeit entstand schon gemeinsam mit Armin Petras eine Adaption des Dresden-Romans von Uwe Tellkamp „Der Turm“. Das Gorki wird sich in dieser Spielzeit wieder mit dem Erzählen von Geschichte beschäftigen und dabei vorrangig Geschichtsräume durchstreifen. Im Vordergrund steht hier der Stadtraum Berlin selbst und dessen Menschen. Der Hausherr Armin Petras wird sich noch im September mit Jonathan Littells Roman „Die Wohlgesinnten“ befassen.
Um zwischenmenschliche Defizite geht es auch in „Jeder stirbt für sich allein“, allerdings unter ganz anderen Vorzeichen als bei der Inszenierung „Einsame Menschen“ an der Schaubühne. Hans Fallada beschreibt in seinem Roman auf sehr drastische Weise, die Zustände unter den kleinen Leuten in der Zeit des Dritten Reiches in Berlin. Voll Unbehagen spricht er beim Schreiben von „… der völligen Trostlosigkeit des Stoffes … ein von vornherein aussichtsloser Kampf, Verbitterung, Hass, Gemeinheit, kein Hochschwung.“ Für diesen Schwung will nun Jorinde Dröse in ihrer neuen Regiearbeit am Gorki sorgen. Und genauso beginnt die Inszenierung auch, indem Julischka Eichel als Postbotin Eva Kluge auf der Stelle rennt und den Leuten im Haus des Ehepaars Quangel die Post bringt. Vom ständig „Heil Hitler!“ brüllenden Persicke mit passendem Bärtchen (Robert Kuchenbuch) bis zur alten und völlig verstörten Jüdin Rosenthal (Matti Krause) werden die Bewohner im Schnelldurchlauf vorgestellt.
Otto, der Sohn von Anna und Otto Quangel ist gefallen, diese Botschaft ereilt sie 1940 in der allgemeinen Euphorie des Frankreichfeldzugs. Selbst bisher bedenkenlose Mitläufer, reift nun bei ihnen, infolge der Trauer, der Wille etwas tun zu müssen. Sie schreiben Postkarten, in denen sie das menschenverachtende Hitlerregime anklagen. Ruth Reinecke und Andreas Leupold spielen die Beiden eher ruhig, ohne große Gesten, ganz im Gegensatz zu den andren Figuren, die schnell und schrill hinkarikiert werden. Sieben Schauspieler teilen sich die 22 Rollen. Das erinnert immer wieder an Jan Bosses Version von Günter Grass´ „Blechtrommel“, in der auch sieben Schauspieler eine Beziehung zur Hauptfigur des Romans suchten. Hier sind sie meist nur Chargen ohne greifbare Konturen. Einzig zwei Figuren haben längere Auftritte, um einen Charakter entwickeln zu können. Ottos Verlobte Trudel (Julischka Eichel) erst Mitglied in einer Kommunistischen Widerstandszelle, dann auf der Suche nach dem privaten Glück und der Zuhälter Enno Kluge (Albrecht A. Schuch), ein durchtriebener Schlawiner, der letztendlich aber auch Opfer eines Systems wird, dem er mit seiner Bauernschläue nicht gewachsen ist. Alle anderen toben immer wieder schreiend und wild gestikulierend an der Bühnenschräge auf und ab, oder fallen schließlich tot ins Aus.
Was Fallada auf 700 Seiten langsam entwickelt, handelt Jorinde Dröse in gut zwei Stunden ab. „Brot und Arbeit“ die Nazi-Parole der 30er Jahre steht über der Bühne auf Plastikvorhängen, die runtergerissen im Hintergrund den Blick auf die Fragmente des Wortes „Freiheit“ freigeben. Die Zusammenhänge dazwischen bleiben vage, in nur wenigen Szenen treten die Quangels gegen die Mitläufer, Denunzianten und Vertreter des Systems an. Michael Klammer gibt die Travestie einer blonden SS-Gattin und ihren Ehemann dazu und darf sich dann noch als sadistischer Obergruppenführer Prall austoben, der dem erfolglosen Kommissar Eschrich (Robert Kuchenbuch) ein Waterboarding verpasst und als besondere Foltermethode zum Schlagzeugsoli dessen Kopf in die Trommel legt. Fallada selbst war die Düsterkeit und Darstellung der Gewalt in seinem Buch unangenehm und er versuchte sich dafür zu entschuldigen, es wäre eben so gewesen. Das wie immer spielfreudige Gorki-Ensemble müht sich tapfer, diese Drastik darzustellen, kann aber so, außer der Bilder, keine wirkliche Haltung zum Roman finden.
Das Ende wirkt dagegen wieder eher unspektakulär, nach der Denunzierung werden die Quangels festgenommen, den Prozess und die Hinrichtung spart Jorinde Dröse aus. Die ambivalente Figur des Kammergerichtsrats Fromm, der Otto Quangel während des Prozesses eine Zyankalikapsel zuspielt, bleibt dadurch bei Robert Kuchenbuch eher blass. Es gibt dafür einen Ausblick auf ein Was wäre wenn. Julischka Eichel und Michael Klammer stehen als junges Paar Trudel und Karl an der Rampe und sinnieren darüber ob man nicht etwas tun müsse, es darf nur kein Risiko dabei sein. Die Frage des Gewissens neu aufgeworfen, nur dass der eigentliche Bezug dazu in dieser knalligen Inszenierung irgendwie verloren gegangen ist. Man kann zur Abwechslung auch Falladas Roman wieder lesen. Er ist in diesem Jahr in ungekürzter Fassung beim Aufbau Verlag neu erschienen.

Erschienen im Aufbau Verlag. fallada.jpg
Gebunden mit Schutzumschlag, 704 Seiten, 19,95 €.

Die Fallada-Zitate sind dem Nachwort von Almut Giesecke entnommen.

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Pimp my Car oder mit Sloterdijk auf dem Rücksitz – Das Jubiläums-F.I.N.D. an der Berliner Schaubühne

Samstag, März 19th, 2011

Das Festival Internationale Neue Dramatik ist im 10ten Jahr und Schaubühnen-Hausherr Thomas Ostermeier bot innerhalb von 10 Tagen alles auf, was zur Zeit international Rang und Namen hat. Neben Festivalgrößen der letzten Jahre wie Wajdi Mouawad mit seinem neusten Stück „Zeit“, Alvis Hermanis mit „Schukschins Erzählungen“ und Rodrigo Garcia mit einem Solostück für Lars Eidinger, sind Raritäten wie der israelische Autor Hanoch Levin in der Regie von Yael Ronen und Neuheiten von Autoren wie Paul Brodowsky und Marie NDiaye oder jungen Regisseuren wie Johannes von Matuschka und Kirill Serebrennikov am Start. Das alles findet diesmal fast ausnahmslos mit bereits fertigen Inszenierungen statt, szenische Lesungen wie in den letzten Jahren sind leider Mangelware. Dafür gibt es Workshops für junge Regisseure  und Stückeschreiber, deren Ergebnisse rund um das offizielle Programm zu sehen sind. Zwei der neuen Stücke sind Hausproduktionen und gehen dann auch in den Spielplan der Schaubühne über.

Im Stück des argentinischen Autors Rodrigo Garcia „Soll mir lieber Goya den Schlaf rauben als irgendein Arschloch“ hebt ein Vater all sein Geld (2.000,- €) von der Bank ab und bricht mit seinen zwei Söhnen, die eigentlich lieber ins Disneyland Paris wollen, zu einem Trip nach Madrid auf, um nachts in den Prado einzusteigen und sich die Gemälde von Goya anzusehen. Aber nicht einfach nur so, sie machen einen ganzen großen Kult daraus im Glitzer-Taxi, das auf der Bühne steht, mit Rotwein, Seranoschinken und Philosophie bis zum Abwinken. Denn es fährt noch der Großphilosoph Peter Sloterdijk auf dem Rücksitz mit, den man mit lukullischen und monetären Versprechungen nach Madrid gelockt hat. Ganz große Kunst also, nicht einfach nur Fußballstadion und Bier saufen, nein der kleine Mann geht stilvoll zu Grunde.
Eine Paraderolle für Lars Eidinger, im Bärenfellkostüm monologisiert er sich durch den schrägen Text von Garcia. Zu Anfang fallen ihm kiloweise Bücher aus dem Pelz, befreit von all der kulturellen Last, philosophiert er frei über den (Un)Sinn des Lebens und verfehlte Kindererziehung. Der Nachwuchs ist nicht besonders begeisterungsfähig und hält nicht viel von dem Plan in Madrid nur Bilder von Goya anzusehen, aber Papa hat für genügend Unterhaltung inklusive Drogen und geplantem Puff-Besuch gesorgt. Der vom Flieger abgeholte Sloterdijk steckt auf der Bühne in einem Sack und verheddert sich auf Band in seinen eigenen Kunst-Phrasen.
Eidinger geht in die Vollen, legt Technosound auf, der direkt in die Magengrube wummert, balanciert auf Büchertürmen und pflanzt die Bücher zum Schluss wie kleine Gräber auf den Kunstrasen, die er liebevoll gießt. Ein Abgesang auf „Sinn und Verstand“ unserer Gesellschaft, der Sturz ins 100%ige Chaos ohne irgendeine Absicherung. Rodrigo Garcia hat eine schöne kleine Satire über verlorene Werte und die Sehnsucht nach einem echtem Leben in einer medial zugemüllten Welt mit jeder Menge selbsternannter Heilsbringer und Propheten geschrieben.

Ein Bärenkostüm gibt es auch in der zweiten Schaubühnenproduktion „Regen in Neukölln“ des jungen Autors Paul Brodowsky in einer Inszenierung von Friederike Heller. Der Autor schickt 6 mehr oder minder verstörte Figuren und einen Stadtfuchs durch die Berliner Sommernacht, immer wieder zusammenprallend, den Staub der Pflastersteine schmeckend und sich schließlich im alles reinigenden Regen wieder findend.
Entfernt erinnert das an Schimmelpfennigs „Auf der Greifswalder Straße“. Hier nun das Gegenstück, das alten West-Berlin, in dem sich der schwerst berlinernde Taxifahrer Karl-Heinz (Ernst Stötzner) und ein Scherenschleifer (Sebastian Nakajew), dem ein Fuchs einst in den Trümmern Berlins den Finger abgebissen hat und der nun im besagten Eisbärenkostüm auf der ständigen Suche nach einem Stadtfuchs ist, schon lange nicht mehr zurecht finden. Dieser ganz kultivierte Fuchs (Niels Bormann) sitzt auf den als langen Laufsteg die Bühne ausfüllenden Berliner Gehwegplatten und lässt sich im Anzug die Reste der anderen mit Messer und Gabel schmecken.
Hanife (Eva Meckbach) ist ein selbstbewusste junge Araberin, die mit dem als Model verdienten Geld ihren Vater Ibrahim (Urs Jucker) aushalten muss, der natürlich als Mann darunter leidet und alle Leute mit zweifelhaften Geschichten um Geld anpumpt und ständig nach Hause telefonieren will. Franz Hartwig und Luise Wolfram sind ein junges Pärchen, das sich in der Disco kennen lernt und nicht richtig zueinander finden will. Marten, der Computer-Freak, verfällt dabei ständig in ein Art jandelndes Buchstabenwechsel-Kauderwelsch und das Disco-Girl Ella ist schon wieder auf dem nächsten Trip und landet schließlich vor Kallis Taxi und auf dem harten Bordstein. Überhaupt scheint Sprache hier das Problem und Kommunikation eher die Missverständnisse noch weiter zu befördern. Der Stoff (oder Stiff) ist leider oft etwas dünn, aber nicht uninteressant. Friederike Heller nimmt es locker und versucht Figuren und Stück in eine leicht übertriebene Komik zu retten.

Komik ist auch das Hauptelement im Stück „Morris Schimmel“ des leider früh verstorbenen israelischen Autors Hanoch Levin in der Regie von Yael Ronen, bekannt durch ihre Inszenierung „Die Dritte Generation“. Hier ist es die zweite, die sich noch nicht von den Eltern, den Überlebenden des Holocaust emanzipiert hat.
Der 40jährige Morris lebt noch bei seiner Mutter Tollebraine, die ihn liebevoll bevormundet und damit noch seine Antriebslosigkeit befördert. Mit seinen Kumpeln lebt er in den Tag hinein und hat große Pläne von einer Heirat mit seiner Nachbarin Choledonka oder einer Reise nach Schweden. Als sein Vater Gumperts stirbt bricht für die Mutter ein Welt zusammen und es wird noch einmal einige Zeit vergehen, bis Morris nach dem Tod der Mutter endlich Israel verlässt und nach Schweden aufbricht. Nach seiner Rückkehr ist alles wie zuvor, nur das alle älter sind und die junge Joggerin, der er immer nachgelaufen ist, deutlich mehr Pfunde auf den Hüften hat.
Ein absurder Reigen über verpasste Lebenschancen und das konsequente Ablehnen jeglicher Lösungsansätze. Der Weisheit letzter Schluss fällt aus dem Mund des sterbenden Vaters und heißt „Buchweizengrütze“. Der verkappte Heilsbringer namens Heine-Mareine Bitterfeld, der die Antwort auf alle Fragen bringen soll, gibt aber auch nichts weiter als seinen Namen preis. Das Stück ist mit jeder Menge herrlichem jüdischen Sprachwitz gespickt und hat auch wirklich tolle Schauspieler, leider nickt man trotzdem auf Dauer etwas weg.

Ein echtes Kontrastprogramm dann zur späten Stunde im „Sport“-Studio der Schaubühne. „Penthesilea, Außer Atem“ heißt das Stück, das der Regisseure Johannes von Matuschka mit Schülern des ersten Abschlussjahrgangs der Schauspielschule des Théâtre national de Bordeaux en Aquitaine einstudiert hat. Bei Kleist Penthesilea rennt man ja wohl traditionell an der Schaubühne im Kreis, hier hatte dieser Kreis als Kampfarena aber auch einen handfesten Sinn, nicht nur als Symbolik für das ewig andauernde sinnlose Anrennen gegen die eigene Natur und festgefahrene Rituale. Ein wenig erinnert das an „Penthesilea und Achill“ vom Gefängnistheater Aufbruch, da die Rollen der Hauptprotagonisten auch mal von allen übernommen werden, aber es wurde nicht der klassische Chor propagiert, sondern schon der Kampf des einzelnen Individuums in der Gruppe gezeigt. Klasse Aufführung, man war schlagartig wieder hell wach.
Das bekannte Thema der Amazonenkönigin Penthesilea und ihrer bedingungslosen Lieben zum Griechischen Kämpfer Achill wird hier zum auch innerhalb der Geschlechter herrschenden Kampf um Macht in einer klar hierarchischen Struktur mit Eifersucht und Unterwerfungszwang dargestellt. Ein klares Besitzstands- und Gruppendenken bis zur Selbstauslöschung. Eine wirkliche Befreiung von den Konventionen findet nach nicht statt, es gibt keine Sieger nur Unterlegene. Das Spiel der Darsteller/innen zeigt doch auch sehr viel Zweifel an den eingeübten Rollenbildern. In den männlichen Rollen, zeigt sich die ganze Bandbreite männlichen Verhaltens. Einerseits der Macho und Frauenverächter, dann der Anführertyp und Machtmensch und andererseits der nachdenkliche Vermittler, der genüssliche Beobachter, der Mitläufer und schließlich der schüchterne Stotterer, der von beiden Seiten hochgezogen wird und dann in seinem verletzten Stolz unbeholfen überreagiert. In Gebärszenen mit Äpfeln wird der Wahnsinn der Auslese der Amazonen dargestellt. Die guten (weiblich) ins Töpfchen die schlechten am Stiel (männlich), werden zu Fallobst. Selbstbewusst wirken die Amazonen, aber auch sie verkörpern deshalb noch keine wirkliche Einheit.
Bei all der Athletik bleiben die Protagonisten erstaunlich nahe am Kleistschen Text. Die Inszenierung findet immer wieder sehr treffende Bilder, schon am Anfang wenn alle nebeneinander stehen und durch die aufgesetzten Gasmasken versuchen Zärtlichkeiten auszutauschen. Erst wenn die Masken fallen, können die wahren Gefühle heraus, andererseits ist es aber oft auch besser die Maske auf zu behalten. Lieben und Verletzen liegen eben dicht beieinander, original Kleist: „Küsse, Bisse, das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, kann schon das eine für das andre greifen.“

Am letzten Wochenende wurden dann kleine Minidramen vor den Türen der Schaubühne in extra dafür aufgemotzten Autos und Crashcars gezeigt. „Confessions“ heißt das Projekt, in dem sieben junge Autoren unter der Regie von Jan-Christoph Gockel mit Schuldgeständnissen und Glaubensbekenntnissen experimentierten.
Das Studio ist am Abend fest in russischer Hand. In „Otmorozki“ (die Abgebrühten) von den Autoren Zakhar Prilepin und Kirill Serebrennikov begehren junge Russen gegen das System der korrupten Regierung mit ihrem Machtapparat auf. Geboren in den 80igern und aufgewachsen in den 90er Jahren voll Kriminalität und Gewalt, suchen sie ihren Platz in der neuen Gesellschaft. Der Protagonist Grischa ist zwischen der Möglichkeit mitzumachen oder für Gerechtigkeit zu kämpfen hin und hergerissen. Erfahrungen wie Freundschaft und erste Liebe einerseits sowie Verrat, Tod, die Unterdrückung und Repression der Polizei anderseits lassen ihn schließlich auf die Barrikaden gehen.
Ein sehr kraftvolle Inszenierung von Kirill Serebrennikov mit Schülern des Moskauer Künstlertheaters Mchat. Auf der Bühne werden Absperrgitter hin- und hergeschoben und die jungen Wilden skandieren vor den knüppelnden Omon-Leuten immer wieder „Revolutzia“. Als Grischa mit seinen Freunden schließlich zur Waffe greift und eine Polizeistation einnimmt eskaliert die Gewalt. Leider wird nicht ganz klar, was die Jungendlichen eigentlich außer Gerechtigkeit noch wollen. Es bleibt etwas im Dunkeln, genau wie die schlecht positionierten Übertitel im Gegenlicht der grellen Neonröhren an der Decke, die die Situation überstrahlen.
Da dürfte es im Haupthaus beim lettischen Regisseur Alvis Hermanis und „Schukschins Erzählungen“ etwas ruhiger zugegangen sein. Die Inszenierung, die schon 2009 bei den Wiener Festwochen gastierte, beschreibt in acht kurzen Szenen das russische Landleben in einem sowjetischen Kolchos. Vor naturalistischer Fototapete geben die Schauspieler des Moskauer Theaters der Nationen Liebe, Eifersucht, Klatsch und anderes Kurioses nicht ohne russische Klischees mit Tanz und Musik zum Besten. Das ist witzig gemacht und hat mit der bekannten Filmschauspielerin Chulpan Hamatowa auch ein charmantes Zugpferd.
Und auf ein weiteres Ereignis im Spielplan der nächsten Schaubühnensaison kann man sich schon freuen. Yael Ronen studiert gerade ein neues Projekt mit den Protagonisten der „Dritten Generation“ ein. Erste Ergebnisse des Stücks „The Day Before the Last Day” gab es auf dem F.I.N.D. schon mal vorab zu sehen. Es geht diesmal um die Zukunft, natürlich auch wieder um religiösen Fanatismus und die apokalyptischen Visionen aller großen Weltreligionen. Na wenn das nichts brennend Aktuelles ist?!

Die Labdakiden im Familienkreis – Friederike Heller psychologisiert die „Antigone“ des Sophokles an der Berliner Schaubühne mit der Band Kante als Supervisor

Sonntag, Februar 6th, 2011

Man kann sich den ganzen theoretisierenden Kram des Programmhefts mit Heideggers durch Hölderlin inspirierten Antigonerezeption, Wurmsers Psychoanalyse der Scham und des Dramaturgen Stegemanns Abhandlungen über die Tragödie ruhig sparen. Werft es weg! Es geht im Großen und Ganzen um die letzten Sätze der Widerlegung der Antigone-Interpretation des Psychoanalytikers Jaques Lacan durch die Genderforscherin Judith Butler, in der Antigone schließlich die Stelle der toten Brüder einnimmt, um jenen „männlichen Exzeß, der die Wächter, den Chor und Kreon in Erstaunen versetzt: Wer ist hier der Mann?“ Diese Frage treibt die Regisseurin des Abends Friederike Heller an, weshalb sie auch auf die Idee verfallen ist, alle Rollen durch zwei Männer spielen zu lassen. So weit so gut, nehmt es an.
Die Tragödie des Ödipus und seiner Familie der Lapdakiden zu psychologisieren ist seit Freud nicht neu. Das beschränkt sich nicht nur auf Ödipus, es bezieht sich seit Lacans Ethik der Psychoanalyse auch auf seine Nachkommen und im speziellen auf seine Tochter-Schwester Antigone. Heller lässt dann zu Anfang auch die Lapdakiden zur traditionellen Familienaufstellung antreten. Die Band Kante und die beiden Schauspieler Christoph Gawenda und Tilman Strauß begeben sich erst widerwillig in den Kreis, der durch Supervisor Peter Thiessen, Sänger der Band Kante, aufgestellt wird, dann entwickelt sich aber langsam das gewünschte Stellvertreterphänomen, die Protagonisten nehmen ihre Rollen an und spielen die Tragödie von Ödipus bis zur Antigone, ganz nach dem Motto: „Was weh getan hat, wird erinnert“.
Ab hier hätte sich etwas Phantastisches ereignen können, aber es tut sich nichts, keine Verstrickungen werden deutlich, nichts Unheimliches regt sich. Das Problem liegt daran, das Heller diese Methode nur ironisierend benutzt, aber nichts weiter damit bezweckt. Hymnisch werden Hölderlintexte mit der Band Kante intoniert und zwei Schauspieler werfen sich mit viel Elan und Flitter in die Widersprüche zwischen göttlichem Gebot, weltlichem Gesetz und eigener Hybris. Irgendwann werden sie wieder auf das Parkett der Realität zurück gerufen und erfahren vom Psychoguru Thiessen, dass nicht nur die Akzeptanz jedes Familienmitglieds auf gleicher Stufe gilt, sondern auch die Rangordnung der Ahnen einzuhalten ist. Antigone tritt demnach in eine ihr nicht angestammte Position und erleidet somit den Tod, wie die Helden aller griechischen Tragödien. Das sich das widerspricht und somit die therapeutische Sitzung ad absurdum geführt ist, wird als große Erkenntnis gefeiert. König Kreon zittert auf den Knien Thiessens, sein Irrtum wird hier als eine blöde Psychopanne bagatellisiert. Man feiert das in einem dionysischem Rockexzeß.
Die Rezeption des Antigonestoffes auf der Bühne ist lang, er wurde bisher meist als Sieg des Humanismus über staatliche Willkür erklärt, das war vor allem nach dem 2. Weltkrieg so. Die Klassik sah noch die Auseinandersetzung mit dem Göttlichen in der Tragödie als Reibungspunkt, Hölderlin sah sie eher im Fehlen einer anders gearteten spirituellen Idee jenseits irgendeines Gottes. Im deutschen Herbst fand die Antigone (Schlöndorff, Böll) sogar den Einzug in die Auseinandersetzung mit dem RAF-Terrorismus. Das alles scheint Friederike Heller nicht zu interessieren. Das man heute nach einer neuen Rezeption der Antigone sucht, ist zeitgeschichtlich gesehen mehr als verständlich. Nur Friederike Hellers Inszenierung reibt sich an gar nichts mehr, sie vertändelt die Tragödie zu Gunsten einer unbestimmten psychologisierendem Gendertheorie und der alles nivilierenden Liebe, die jede politische Interpretation ablehnt. Die Schuld die sich Kreon selbst und nicht ein wüst Schicksal auf das Haupt gehäuft hat, wird so nicht sichtbar. Letztendlich tritt so zwar bei Kreon eine psychologische Katharsis ein, das Schaudern und Jammern soll aber niemanden im Publikum stören, der mahnende Schlusssatz des Chors ist gestrichen.
Den Schülern, die wahrscheinlich wieder reihenweise in diese Inszenierung geschickt werden, entgehen so ca. 200 Jahre Rezeptionsgeschichte, die hier nicht durch eine grundlegend neue ersetzt werden. Das Ärgerliche an der Sache ist, dass das nicht irgendwem passiert, sondern Friederike Heller, die gerade mit der Band Kante für die bisher vielleicht interessantesten Klassikeradaptionen der letzten Zeit gesorgt hat. Es steht die Frage im Raum, wo dabei überhaupt Antigone bleibt? Sie fehlt unentschuldigt, dafür gibt es ein Ungenügend und aus dem Yo wird eher ein No.

Der gute Mensch von Sezuan von Bertolt Brecht an der Schaubühne Berlin

Donnerstag, April 22nd, 2010

Eine Inszenierung von Friederike Heller unter musikalischer Begleitung der Band Kante.

Um es vorweg zu nehmen, Juchhu es hat funktioniert, allerdings mit einem kleinen Aber. Wer heute den guten Menschen aufführt wird immer auch an die Grenzen stoßen, an die auch schon Bertolt Brecht selbst gelangt ist. Es hat viel Text, es passiert eine Unmenge, wie gestalte ich das, dass es seine Schwere verliert? Friederike Heller setzt dabei kongenial das um, was Patrick Wengenroth zum Epischen Theater ein paar Wochen vorher eingefallen ist. Verfremdungseffekt bis zur Travestie, sie bleibt dabei aber nah am Text. Brecht bleibt erkennbar, auch wenn es mitunter ins Alberne schwappt. Klasse die Einlagen von Ernst Stötzner als Wang, es hatte ja Sinn, das von Brecht diese Zwischenstücke eingefügt wurden. Da hätte man sogar noch mehr drauf aufbauen können. Die Musik von Dessau wird durch Kante frisch und rockig präsentiert, das hilft auf jeden Fall Schwächen in der Dramaturgie des Stückes zu überspielen. Kante haben Erfahrung mit Theatermusik, ich sah sie bereits in 2007 in Wien bei einer gelungenen Heller-Inszenierung von Peter Handkes Spuren der Verirrten im Akademietheater. Da standen Sie noch mehr am Rand, jetzt stehen sie im Zentrum des Geschehens und gestalten es offensiv mit.

Nun zum lustigen Hut auf Hut ab-Spielchen, das geht natürlich nur wenn der Zuschauer und ab und an auch der Schauspieler selbst nicht den Durchblick verliert. Die Anzahl der Mitwirkenden zu reduzieren, entsteht ja nicht aus dem Sparzwang heraus, sondern der besseren Verständlichkeit bei zu vielen Nebenfiguren. Es klappt nahezu reibungslos und hat am Anfang auch Tempo und Pep. Nur, und jetzt kommt das große Aber, es läuft sich mit der Zeit tot. Man kann solch ein Tempo nicht grenzenlos aufrecht erhalten, und da käme nun der Einsatz des Epischen Theaters für Unterbrechungen zu sorgen, um dem Zuschauer zu signalisieren, Achtung jetzt umschwenken und um einen Bruch auch in der Dramaturgie aufzuzeigen. Die Wang-Zwischenspiele sowie die ins Publikum gesprochenen Erklärungen könnten das bringen, hier geht aber Heller zu leicht drüber weg. Der Schluss wird im Schnelllauf absolviert und verpufft gänzlich. Nun ich verlange nicht, dass die Götter auf einer Wolke entschweben, aber ich könnte mir vorstellen, dass man doch noch mal zum Schluss auch meinetwegen nach dem Verbeugen zum Publikum spricht. So jetzt habe wir für euch 3 Stunden den Kasper gegeben und jetzt schert euch raus und denkt selber weiter. Der Schluss muss muss muss ja nicht unbedingt gut sein.

So und jetzt sehen Sie, dass ich ganz ohne Erwähnung Jule Böwes als Shin Te ausgekommen bin, woran mag das liegen, nicht das Sie nicht gut wäre oder nicht ausreichend präsent, nein sie fügt sich einfach wunderbar in eine klasse Ensembleleistung ein.

Im Guten Menschen von Sezuan wird der Widerspruch eines guten Lebens in einer schlechten Gesellschaft dargestellt. Es wird erzählt, nicht erklärt, zwei Lebensentwürfe werden nebeneinander gestellt und lediglich noch zusätzlich kommentiert um den Widerspruch zu verstärken. Die Parabelhaftigkeit aufzulösen, also die Erklärung zu bringen, würde bedeuten den Text daraufhin zu untersuchen, also zu dekonstruieren um seine Perspektiven zu finden. Friederike Heller tut dies auch nicht, im Gegensatz zu Sebastian Baumgarten mit seinem Danton am Gorki Theater. Wo ist also das Problem? Die Frage nach glaubwürdigen Figuren steht angeblich im Vordergrund. Wie will man die bei Brecht finden? Taugen heute Figuren wie Shin Te, Grusche, die Mutter, Johanna etc. noch zur Identifikation? Die Grundaussage des Widerspruchs den Brecht in seinen Stücken zeigt bleibt aber doch immer sichtbar, er ist allgegenwärtig und wird trotzdem auf dem Theater sicher nicht gelöst werden, ob ich nun dekonstruiere, das Stück so lasse wie es ist oder es lediglich etwas zeitgemäßer aufführe. Ich glaube man hat eher Angst, ästhetisch nicht dort abgeholt zu werden, wo man vor Jahren mal stehen geblieben ist? Das kann es doch wohl nicht sein.

Einen anderen Regiestil wird man sich demnächst am BE anschauen können, wenn Manfred Karge den Kreidekreis inszeniert. Ein Vergleich lohnt in jedem Fall.