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Ödipus der Tyrann – An der Berliner Schaubühne inszeniert Romeo Castellucci Friedrich Hölderlins Sophokles-Übersetzung als christlich-antikes Mysterienspiel.

Montag, März 9th, 2015

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Ödipus der Tyrann an der Schaubühne - Foto: St. B.

Ödipus der Tyrann an der Schaubühne – Foto: St. B.

Der umstrittene, italienische Extremtheatermacher Romeo Castellucci hat eine ganz besondere Affinität zu Friedrich Hölderlin. Und was ihn an dem deutschen Dichter zwischen Aufklärung, Klassik und Romantik wohl am meisten interessiert, ist wohl genau diese Zerrissenheit – einerseits für politische Umwälzung zu kämpfen und andererseits, wie die meisten deutschen Dichter seiner Zeit auch, die Schönheit der klassischen Antike zu verehren, ja sie sogar in seinen Werken zu verklären. Der Dramatiker Peter Weiss, der Hölderlin in einem Theaterstück in den Kontext von Zeit und den ihn umgebenden Persönlichkeiten stellte, sah in ihm sogar so gegensätzliche Pole der französischen Revolution wie den poetischen Visionärs de Sade und den tätigen Politiker Jean Paul Marat in einer Person vereint.

Diesem Zusammenhang der beiden Extreme von Radikalität und Schönheit in Hölderlins Werk ist Castellucci 2013 in seiner ersten Arbeit für die Berliner Schaubühne Hyperion. Briefe eines Terroristen nachgegangen. Das polarisierte Kritiker und Publikum gleichermaßen, wie nun auch die Zusammenlegung einer düster kontemplativen Klosterästhetik mit der antiken Tragödie des Ödipus von Sophokles in der ästhetisch ebenso ungewohnten Übersetzung von Friedrich Hölderlin zuerst einmal überrascht. Zumindest war man gespannt, ob man die neue Inszenierung von Romeo Castellucci Ödipus der Tyrann wohl unbehelligt durchsitzen können oder wieder rüde von einer Sondereinheit der Polizei nach einem Terroreinsatz auf halbdunkler Bühne kurzzeitig des Saales verwiesen werden würde.

Keine Bange, man kann beruhigt sitzenbleiben und etwa eine halbe Stunde lang den stummen Verrichtungen von schwarz und weiß gewandeten Nonnen beiwohnen, die im Halbdunkel in den sich immer wieder zu neuen Räumen verschiebenden Kulissen umherhuschen, sich zum Essen und Gebet zusammenfinden und wunderschöne geistliche Kantaten und Choräle in lateinischen Sprache singen. Die andächtige Stimmung stören nur dräuend knarrende Geräusche wie von Grufttüren und das Hüsteln kranker Nonnen, von denen dann auch eine stirbt. Es folgen Aufbahrung und Grabpflege im Klosterhof. Schwerer Weihrauchduft breitet sich aus. Nachdem sich der dunkle Gazevorhang hebt und Licht in eine der Zellen dringt, findet die Vorsängerin der Nonnen (Angela Winkler) unter dem Bett der Verstorbenen ein Buch mit dem Titel Ödipus der Tyrann und beginnt darin zu lesen.

Ödipus der Tyrann in der Schaubühne am Lehniner Platz - Foto (C) Arno Declair

Ödipus der Tyrann in der Schaubühne – Foto (C) Arno Declair

Die Bühne öffnet sich nun zu einem weiten, weißen tempelartigen Raum mit Altar und seitlichen in die Rückwand eingelassenen Treppen. Und um [vom Schreiber dieser Zeilen vielleicht etwas fahrlässig assoziiert] auf den Anfang zurückzukommen, switchen nun die scheinbar virusbefallenen Nonnen – ähnlich wie bei Peter Weiss, wo die Insassen eines Pariser Irrenhauses unter der Leitung des Marquise des Sade das Stück über die Ermordung des französischen Revolutionärs Marats proben – in die Rollen der antiken Tragödie des Sophokles und deklamieren mit ebensolcher Inbrunst, wie vorher schon beim Gesang, die sprachlich hoch verkünstelten Verse Hölderlins.

Ödipus der Tyrann von einer streng strukturierten Gemeinschaft von lauter Nonnen spielen zu lassen, wirkt, wie schon gesagt, zunächst etwas abstrus. Dieser religiös geordnete Frauenstaat im Staate beschäftigt sich mit der bekannten Tragödie von Schicksal, Mord, Inzest und natürlich auch der Frage nach Schuld und Sühne: Der in Theben regierende König Ödipus wurde als Kind von seinen Eltern ausgesetzt, aus Angst, er könne gemäß eines Orakels den Vater töten und die Mutter heiraten. Nach seiner Rettung am Hofe Korinths aufgewachsen, verlässt Ödipus, nachdem er selbst von dem Orakelspruch erfahren hat, seine vermeintlichen Eltern und gerät so in genau den prophezeiten Schlamassel, der heute noch Stoff für die Theaterbühne wie auch die Freud’sche Psychoanalyse ist.

Ödipus der Tyrann in der Schaubühne am Lehniner Platz - Foto (C) Arno Declair

Ödipus der Tyrann in der Schaubühne – Foto (C) Arno Declair

Einen neuen Blick auf das „Muster der Tragödie und das Urbild familiärer und sexueller Traumata und Tabus“ will Castellucci laut Webseite der Schaubühne erlangen. Was man letztendlich sieht, ist ein hochartifizielles Spiel inmitten immer wieder wechselnder Tableau vivants des Nonnenchores und seiner Führerin, das christliche Symbole mit denen antiker Mythologie kombiniert. König Ödipus, verkörpert von der Schauspielerin Ursina Lardi, steht hier im antiken Gewand wie eine leuchtende Jesusgestalt und gleichzeitig Pontius Pilatus über dem Altar. Bei der Ergründung allen Übels, das mit der Pest über Theben hereingebrochen ist, fungiert er gleichzeitig als Aufklärer und Angeklagter in einer Person. Sein eigentlicher Widersacher Kreon, der ihn erneut mit dem Orakelspruch und den Weissagungen des blinden Sehers Teresias konfrontiert, wirkt bei Jule Böwe mit Wallegewand und Schlüssel wie Petrus. Bernardo Arias Porras als Teresias und einziger Mann im Ensemble sieht im Fellschurz aus wie eine Mischung aus Pan und Johannes dem Täufer. Er hält auch passend dazu Kreuzstab und Lamm in Händen. Als religiöser Eiferer gerät der Seher regelrecht in Rage, dass die ganze Bühne erzittert. Die wie Maria leidende Iris Becher als Ödipus‘ Frau Iokaste und Rosabel Huguet als guter Hirte vereinen mit weißer Calla und Palmwedel christliche und antike Auferstehungssymbolik. Ist ja auch bald wieder Ostern.

Die Selbstblendung des Ödipus inszeniert Castellucci als Videoaktion, in der er sich höchst persönlich Pfefferspray in die Augen sprühen lässt. Das Martyrium des sich selbst als Übeltäter Erkennenden kommt so zumindest recht anschaulich rüber. Außer der Tatsache, dass Castellucci hier die Urkräfte der Mythologie mit anderen religiösen Kräften in einen Zwiespalt bringt, was das Gefüge der Macht erschüttert und neu ordnet, kann man allerdings nicht sehr viel mehr Erhellendes aus dieser Kombination herleiten. Es sei denn, man ist gewillt, der etwas provokant angelegten Auffassung des Regisseurs zum Verhältnis von Schuld, Aufklärung und Textexegese zu folgen. Zu all dem lässt sich dann das Programmheft lang und breit aus. Ansonsten kann man sich zwei Stunden lang entspannt zurücklehnen und den Text auf sich wirken lassen, dessen Darbietung erwartungsgemäß von Angela Winkler und Ursina Lardi am besten beherrscht wird. Die Bilder haben nichts wirklich Verstörendes. Die politische Dimension des Stücks lässt Castellucci zu Gunsten der künstlerischen Darbietung außer Acht und huldigt passend zum Frauentag ganz der ewigen Macht weiblicher Schönheit.

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Ödipus der Tyrann
nach Sophokles / Friedrich Hölderlin
Premiere am 6. März 2015 in der Schaubühne am Lehniner Platz
Regie, Bühne und Kostüme: Romeo Castellucci, Künstlerische Mitarbeit: Silvia Costa, Mitarbeit Bühne: Mechthild Feuerstein, Musik: Scott Gibbons, Video: Jake Witlen, Dramaturgie: Piersandra Di Matteo, Florian Borchmeyer, Licht: Erich Schneider, Korrepetition: Timo Kreuser, Dolmetscherin: Nora Hertlein, Skulpturen auf der Bühne: Giovanna Amoroso, Istvan Zimmermann – Plastikart Studio
Mit: Bernardo Arias Porras, Iris Becher, Jule Böwe, Rosabel Huguet, Ursina Lardi, Angela Winkler. Chor: Malene Ahlert, Amelie Baier, Ursula Cezanne, Sophia Fabian, Eléna Fichtner, Margot Fricke, Eva Günther, Rachel Hamm, Andrea Hartmann, Annette Höpfner, Nadine Karbacher, Sara Keller, Pia Koch, Feline Lang, Marion Neumann, Monika Reineck, Vanessa Richter, Helga Rosenberg, Ria Schindler, Janine Schneider, Regina Törn, Christina Wintz. Solistinnen: Sirje Aleksandra Viise / Eva Zwedberg

Dauer: 2 Stunden, keine Pause

Termine: 09.03., 10.03., 26.03., 27.03., 30.03. und 31.03.2015

Infos: http://www.schaubuehne.de/de/produktionen/oedipusder-tyrann.html

Zuerst erschienen am 08.03.2015 auf Kultura-Extra.

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Über das Verstummen im Bannkreis von Terror und Intrigen – Schöner Scheitern mit Schiller am Berliner Ensemble und Hölderlin beim F.I.N.D. an der Schaubühne

Samstag, März 30th, 2013

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Da ihr noch die schöne Welt regiertet,
An der Freude leichtem Gängelband
Glücklichere Menschalter führtet,
Schöne Wesen aus dem Fabelland!
Ach! da euer Wonnedienst noch glänzte,
Wie ganz anders, anders war es da!
Da man deine Tempel noch bekränzte,
Venus Amathusia!

Da der Dichtkunst malerische Hülle
Sich noch lieblich um die Wahrheit wand! –
Durch die Schöpfung floß da Lebensfülle,
Und, was nie empfinden wird, empfand.
An der Liebe Busen sie zu drücken,
Gab man höhern Adel der Natur.
Alles wies den eingeweihten Blicken,
Alles eines Gottes Spur.

Schöne Welt, wo bist du? Kehre wieder,
Holdes Blütenalter der Natur!
Ach, nur in dem Feenland der Lieder
Lebt noch deine fabelhafte Spur.
Ausgestorben trauert das Gefilde,
Keine Gottheit zeigt sich meinem Blick,
Ach, von jenem lebenwarmen Bilde
Blieb der Schatten nur zurück.

Friedrich von Schiller aus: Die Götter Griechenlands

Attika, die Heldin, ist gefallen;
Wo die alten Göttersöhne ruhn,
Im Ruin der schönen Marmorhallen
Steht der Kranich einsam trauernd nun;
Lächelnd kehrt der holde Frühling nieder,
Doch er findet seine Brüder nie
In Ilissus heilgem Tale wieder –
Unter Schutt und Dornen schlummern sie.

Mich verlangt ins ferne Land hinüber
Nach Alcäus und Anakreon,
Und ich schlief‘ im engen Hause lieber,
Bei den Heiligen in Marathon;
Ach! es sei die letzte meiner Tränen,
Die dem lieben Griechenlande rann,
Laßt, o Parzen, laßt die Schere tönen,
Denn mein Herz gehört den Toten an!

Friedrich Hölderlin aus: Griechenland 

schillerdenkmal-dresden.jpg    friedrich-holderlin-pastell-von-franz-karl-hiemer_1792.jpg

Zweimal Friedrich. Schöngeist Schiller (Denkmal aus dem Jahr 1913 von Selmar Werner am Albertplatz in Dresden – Foto: St. B.) und in den Spuren seines Vorbilds der junge Hölderlin (Pastell von Franz Karl Hiemer, 1792)

Mit der Theokratie des Schönen gegen den Terror – Romeo Castellucci zelebriert Hölderlins Hyperion an der Schaubühne

Ein „Gefühlsterrorist“ sei dieser Kleist gewesen, aber eben einer „im schönsten Sinne“. So Claus Peymann in einer Fernsehdokumentation zum Kleistjahr 2011 über den preußischen Dichter und Dramatiker, der „Rasende Gedichte“ schrieb und laut Peymann wie eine „Rakete“ in die Ordnungspolitik Goethes hinein „geknallt“ sei. Von einem deutschen Genie, das nur Millimeter vom Extremismus eines Dschihad-Kriegers entfernt gewesen sei, sprach der Intendant des Berliner Ensembles sogar. Und so scheint es auch gar nicht verwunderlich, dass ein anderer Theaterregisseur das stark emotionale Werk eines weiteren vom Geheimen Rat Goethe missverstandenen Dichters in die Nähe der Attentäter des 11. September rückte. Die Rede ist von Friedrich Hölderlin und seines in Briefform verfassten Romans „Hyperion – Oder der Eremit in Griechenland“. Für den italienischen Skandalregisseur Romeo Castellucci sind das nämlich „Briefe eines Terroristen“, wie seine Adaption von Hölderlins Versuch einer Reise auf der ihm bis dato fremden „terra incognita im Reiche der Poësie“, wie er es selbst bezeichnete, im Untertitel heißt.

FIND_Schaubühne2 Foto: St. B.

Hölderlin hat mit Kleist sicher die Sprachgewalt gemeinsam, eine Affinität zur Philosophie Kants und Fichtes, sowie die anfängliche Begeisterung für die Französische Revolution. Der späteren Resignation Hölderlins steht aber bei Kleist ein regelrechter Hass gegen die Napoleonische Besetzung Deutschland gegenüber. Während Kleist Stücke wie „Die Hermannsschlacht“ als verklausulierten Aufruf zum bewaffneten Kampf gegen Napoleon verfasste oder die Gewalt des Menschen in der Natur in blutigen, philosophisch reflektierten Novellen wie „Das Erdbeben von Chili“ beschrieb, ließ Hölderlin seinen griechischen Freiheitshelden „Hyperion“ nach gescheitertem Kampf zwar klagen, aber auch die Kunst als Kind der göttlichen Schönheit preisen. Und darin war Hölderlin wohl tatsächlich radikal gläubig, als ein Vertreter einer Religion der Liebe zur Schönheit, und, so scheint es zumindest Castellucci, den selbsternannten Märtyrern des islamischen Dschihad, mit ihrem unbedingten Glauben an die „ewigen Gärten“ des Paradieses (siehe Programmheft), nicht ganz unähnlich. Nur das eben Hölderlins Bombe im Geiste rein aus der Kraft der Sprache entspringt, die sich in ihrer Sehnsucht nach Größe über die seinem Ideal nicht entsprechende reale Welt hinaus erheben will.

Und dieses Ideal verlegte Hölderlin getreu seinem Vorbild Schiller, der ihm auch die Veröffentlichung der ersten Versuche am Hyperion ermöglichte, nach Griechenland, dem Sehnsuchtsort vieler deutscher Dichter jener Zeit. Jedoch bei Hölderlin ist es nicht nur das Land der klassischen Antike, das er mit der Seele suchen will, sondern das Griechenland der Befreiungskriege gegen die osmanische Vorherrschaft um 1770, was wohl auch nicht ganz zufällig mit Hölderlins Geburtsjahr zusammenfällt. Siebenundzwanzig Jahre und eine gescheiterte Französische Revolution später, schreibt Hölderlin seinen Hyperion als persönliche Reflexionen des Scheiterns aber auch der Hoffnung auf Versöhnung des Menschen mit dem Genius und der Natur, als ein utopisches Moment der Naturhaftigkeit des Subjekts. Adorno sah Hölderlins Text als eine Versöhnung von Subjekt und Objekt, wie er es in seinem Hölderlin-Essay „Parataxis“ beschreibt. Denn der Genius ist selber auch Natur und „Sein Tod (…) wäre das Erlöschen der Reflexionen und der Kunst mit ihr im Augenblick, da die Versöhnung aus dem Medium des bloß Geistigen übergeht in die Wirklichkeit.“ Und genau das ist auch das zeitgenössische Moment Hölderlins gegenüber der Weimarer Klassik, die kritisch philosophische Sicht des Aufklärers Rousseau, dem zweiten großen Vorbild und Halbgott für Hölderlin. Dessen Skepsis an der Fortschrittsgläubigkeit der Aufklärung zieht sich über Nietzsche schließlich weiter bis zu Adorno und Horkheimer, die in der „Dialektik der Aufklärung“ die Weltherrschaft über die Natur für das Ende von Subjekt und Objekt verantwortlich machen. „Naturbeherrschung zieht den Kreis, in den Kritik der reinen Vernunft das Denken bannte.“

Foto: St. B. FIND_Hyperion_Schaubühne_Applaus

So ist denn auch das eigentlich Radikale an Hölderlins Hyperion nicht allein sein Kampf für die Freiheit, sondern die Kritik an den Gründen dessen Scheiterns, sein Kulturpessimismus gegenüber den Deutschen und die bedingungslose Beschwörung der Einheit von Genius und Natur. Was Castellucci nun in seiner Inszenierung an der Berliner Schaubühne daraus macht, ist freilich etwas ganz anderes. Er sieht die Zeitgenossenschaft Hölderlins frei nach dem italienischen Philosophen Giorgio Agamben, der ihm sicher näher sein dürfte als Adorno oder Horkheimer, nicht in einer aufgeklärten Aufklärung, sondern darin, in der verzögerten menschlichen Wahrnehmung von Licht, Zeit und Raum, „In der Dunkelheit der Gegenwart jenes Licht wahrzunehmen, das uns vergeblich zu erreichen versucht.” Darin bei aller pathetischen Schönheit das Licht der Aufklärung erblicken zu wollen, wäre allerdings angesichts der Versuchsanordnung Castelluccis eher etwas vermessen. Und so geht dann auch zu Beginn das Licht auf der Bühne aus und ein gut ausgerüstete Cop Squad zerstört akribisch im Schein von Taschenlampen eine gut bürgerliche Wohnlandschaft samt Sitzmöbeln, Bücherregalen und macht auch vor dem Parkettboden nicht halt. Das zieht sich so ca. 20 min. hin, und nachdem das Licht wieder angegangen ist, wird das Publikum mit einem barschen „Hier gibt es nichts zu sehen!” und „Verlassen Sie den Saal!” zum sofortigen Gehen aufgefordert. Der gerade erst seinen Sitzplatz erwartungsvoll eingenommene Bildungsbürger wird so abrupt aus dem Tempel der Kunst vertrieben und kann getrost alle Hoffnung fahren lassen. Vor allem auch der im Publikum weilende Claus Peymann hätte sich das sicher vorher nicht träumen lassen, in einer seiner früheren Wirkungsstätten wie der Schaubühne so schnell wieder hinauskomplimentiert zu werden, und dabei noch die Bühne von einer gewaltbereiten imaginären Staatsmacht besetzt zu sehen. Aber das Volk fügt sich und wird dann auch erwartungsgemäß nach einer halben Stunde Aufräumarbeit wieder in die heiligen Hallen eingelassen.

Nach der anfänglichen Demonstration roher Gewalt wird man nun im Folgenden aber mit wahrer Hochkultur beglückt. Auf leergeräumter Bühne liegt ein schwarzer Hund. Blind wie der weise Seher Teiresias und mit spitzen Ohren wie der ägyptische Gott Anubis. Ein wahrer Seelengeleiter, ein Psychopompos wie es bei Castellucci heißt, der uns gebannt lauschend anstarrt, bis er selbst von der Bühne geleitet wird. Gebannt lauschen muss nun auch der Zuschauer, da ein Kind die ersten Worte aus den Erziehungskapiteln des Hyperions flüstert. Es treten im Folgenden weitere Töchter der Schönheit auf. Rosabel Huguet, Eva Meckbach, Angela Winkler und Luise Wolfram führen durch die Lebensalter und Erfahrungsberichte Hyperions an seinen Brieffreund Bellarmin. Anfänglich ist noch die Rede vom Schwert und gerechten Krieg, dazu gibt es pathetische Bilder vom reinen Jüngling im weißen Hemd, dem der Freund Alabanda jenes Schwert darbringt, und Luise Wolfram zeigt sich geübt im Spiel damit. Da gilt noch: „sanft zu sein, zur Unzeit, das ist hässlich, denn es ist feig!“ Doch ins Erhabene mischen sich Zweifel, denn der erträumte Freistaat ist nicht zu erzwingen. Der Kunstterror nimmt seine Lauf und lässt auf grauer Plane aus Schmutz Himmel und Wolken entstehen. Aber auch eine Pistole streicht das Putzkommando der Eingreiftruppe auf die Bühne. Davor präsentiert dann Angela Winkler, wegen der wohl auch Claus Peymann vorrangig erschienen ist, die große „Scheltrede an die Deutschen“. Die „Barbaren von Alters her“, „tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark“. Ins Mark gehen einem hier auch erstmals die Worte Hölderlins. Im hohen Ton, wie er einst an der Schaubühne gepflegt und seit dem nur noch selten gehört wurde.

FIND_Hyperion_Schaubühne_Pistole Foto: St. B.

Der Philosoph Martin Heidegger, der selbst Hölderlingedichte eingesprochen hat, wusste von der Schwierigkeit den richtigen Ton zu treffen. „Durch das wiederholte Hören werden wir hörender. Aber auch achtsamer auf die Weise, wie das Gesagte des Dichters gesprochen sein möchte.“ Wirklich mißglückt ist das an diesem Abend sicher keiner der Darstellerinnen. Den Sinn hinter den Worten jenseits der stark verkünstelten Bilder hervor zu holen, ist allerdings nur Angela Winkler mit ihrer Scheltrede an die Deutschen gelungen. Daneben steht Castelluccis ästhetischen Bilderterror und eine Kunstanstrengung mit der die nackt und weiß getünchte Eva Meckbach zum Ende hin als Diotima noch einmal die Schönheit und Versöhnung von Genius und Natur anruft. Von den Außenansichten der Nackt-Tableaus ähnlich der Fotokunst eines Man Ray oder Robert Mapplethorpe mit Dildo und Gestöhn bis hin zu einem medizinisch psychologischen Blick mittels Spezialkamera ins Innere kann das alles nicht über die Realität hinweg täuschen, dass der Mensch ein zerrissenes Wesen bleiben wird, das nicht nur den Hang zum Schönen, sondern auch die Wurzeln der Zerstörung in sich trägt. Auf eine Videowand wird eine Aufzählung sämtlicher chemischer Spurenelemente des menschlichen Körpers projiziert. „Ich bin hier und ich bin bewaffnet.“ steht irgendwann an der Wand. Ist Kunst Waffe und der Künstler ein Kämpfer der Aufklärung? Der politische Dichter zwischen Ideal, Realität, Wahnsinn und Bewaffnung. Von Schiller und Goethe, Lenz und Hölderlin über Heinrich Heine, Georg Büchner bis hin zu Paul Celans Lyrik des Verstummens. Mit diesem „… ich kann kein Volk mir denken, das zerißner wäre, wie die Deutschen“, diesem Zwiespalt der deutschen Seele gilt es weiterhin zu kämpfen. Und wer, wenn nicht Claus Peymann wüsste davon ein Lied zu singen.

Das Ende des bürgerlichen Trauerspiels – Claus Peymann verjuxt Schillers „Kabale und Liebe“ am Berliner Ensemble

Nun müsste man eigentlich meinen, Claus Peymann wäre der Meister der konstruktiven Ironie und des ästhetischen Widerstands auf dem Theater. Ob er sich nun in Stuttgart für den Zahnersatz von Gudrun Ensslin einsetzte oder in Wien mit Thomas Bernhard gegen das Geschichtsvergessen der Österreicher eintrat. Seit jeher ist ihm das Erzeugen von politischem Furor unerlässliche Antriebskraft für seine Theaterarbeiten gewesen. Was schließlich zu Beginn seiner Zeit als Intendant des Berliner Ensembles in seinem hehren Anspruch, der „Reißzahn im Arsch der Mächtigen“ sein zu wollen, gipfelte. Allerdings findet Claus Peymann aus dem selbstgezogenen Bannkreis von eigenem Anspruch und tatsächlich erreichter künstlerischer Wirkung und Ästhetik nicht mehr heraus. Die von ihm ungeliebte Theaterkritik beachtet ihn kaum noch oder überschüttet ihn mit ihrer Häme. Selbst in der Flucht nach vorn, den verliehenen Titel eines Theatermuseumsdirektors ironisch übernehmend, kann Claus Peymann nicht darüber hinwegtäuschen, das Berliner Ensemble tatsächlich ästhetisch in eine theatrale Sackgasse manövriert zu haben. Und so ist denn der einstige große Mediendompteur und passionierte Leitartikler Peymann seit einiger Zeit auch einem gewissen Geschichtsdefätismus erlegen. Bereits 2011 eröffnete er dann auch der Berliner Morgenpost gescheitert zu sein und fügte hinzu: „Wir leben momentan in dieser geschichtslosen Zeit. (…) Niemand blickt zurück – oder weit nach vorn. Vielleicht bin ich ein Anachronist, aber ich habe diesen Traum, dass dem Theater erziehende, weltverbessernde Züge anhaften – frei nach Lessing und Schiller. Wir können einen Beitrag zur Erziehung des Menschengeschlechts leisten.“ Ein Jahr später wiederholte Peymann seine Selbsteinschätzung gegenüber der Rheinischen Post und schloss mit einem Aufruf an die jungen Dramatiker: „Wir würden gerne unsere Wut und unsere Verzweiflung über das Unrecht der Welt zeigen, aber wir haben die Stoffe nicht mehr. Dichter, wo seid ihr geblieben?“ Selbst diesen Nachwuchs zu fördern, ist ihm dabei aber nie in den Sinn gekommen.

be_kabale-und-liebe_marz-2013.JPG Foto: St. B.

Nach nunmehr einem Jahr und mehreren Premierenverschiebungen und -absagen inszeniert er nun „Kabale und Liebe“ von Friedrich Schiller, einem Klassiker des Sturm und Drang. Nach Georg Büchners resignativem Revolutionsdrama „Dantons Tod“ im letzten Jahr nun also wieder ein Stück des klassischen Bildungskanons. Das BE mit dem Auftrag zur moralischen Anstalt. Die Wiederherstellung der höheren Ordnung der Welt, welche nach Schillers Diktum Gottes Gericht als letzte Instanz vor die weltlichen Justiz stellt, am Beispiel des bürgerlichen Trauerspiels. Im August 2012 hatte das BE noch eine Fahne mit dem Schillerzitat „Die Kunst ist die Tochter der Freiheit“ als Solidaritätsbekundung für die russische Punkband Pussy-Riot gehisst. Für jene drei jungen Frauen, die, nachdem sie den Aufstand gegen Wladimir Putin und die staatliche Verstrickung mit der orthodoxen Kirche in der Christ Erlöser Kirche in Moskau geprobt hatten, nach einer Art Schauprozess zu zwei Jahren Lagerhaft wegen Rowdytums und Schürens von religiösem Hass verurteilt wurden. Von Seiten des BE hieß es dazu, die Aktion zeige die Wirksamkeit der Kunst und verbinde den „Traum von der Erziehung des Menschengeschlechts unserer Klassiker mit der politischen Gegenwart.“ Frage wäre nun, was für politische und vor allem künstlerische Konsequenzen erwachsen eigentlich daraus einem subventionierten Stadttheater mit Bildungsauftrag.

Wozu inszeniert Claus Peymann noch und was kann und soll uns sein Wirken ist da natürlich auch der Knackpunkt seiner Schiller-Inszenierung. Ich habe ja eine der vielen Voraufführungen zu „Kabale und Liebe“ gesehen. Das hat durchaus seinen Reiz, gibt doch der Hausherr jeweils zu Beginn eine seiner unnachahmlichen Erklärungen ab. Man kann sich sozusagen als Testperson fühlen und wird darauf aufmerksam gemacht, dass man ruhig lachen kann, wenn es einem danach ist. Die Komik wäre da bei Schiller schon drin, aber eben bitte auch das Mitfühlen nicht ganz außer Acht lassen. Es geht also um die große Liebe und das Mitgefühl. Na um was geht es denn sonst seit über 2.000 Jahren am Theater? Große Gesten, Große Gefühle, alles ganz Groß. So hält es Claus Peymann ja auch seit Jahren. Allerdings schließt sich so langsam der Kreis, um das mit Kreide gemalte Zeichen auf der Bühne von Achim Freyer aufzunehmen, ohne dass sich mal wieder Gewolltes und Gekonntes darin annähernd treffen würden. Bezüglich seiner These des persönlich gescheitert zu sein, fällt dann in meinen Augen auch Peymanns „Kabale und Liebe“-Inszenierung tief resignativ aus. Das weinende und das lachende Auge treffen sich bei Peymann im Bannkreis von Schillers Trauerspiel der Intrigen.

Foto: St. B. be_kabale-und-liebe_marz-2013_buhne.JPG

Wirklich was zu Lachen hat hier aber kaum noch einer, auch wenn der höfische Popanz von Kalb (Thomas Wittmann) als Clown auftritt und Mottenpulver unter den Achseln zu haben scheint. Der Präsident (Joachim Nimtz) als Zirkusartist auf Stelzen, die ihm im Angesicht der Liebe und des ungestümen Drangs seines Sohnes Ferdinand wegzuknicken scheinen. Nun also nicht mehr Dompteur großer Polit-Tiere sondern biederer Zirkusdirektor. Bei Peymann wird der Hof zur Manege, und Politiker zu albernen Zauberkünstlern der Macht und Intrige. Norbert Stöß erreicht hier in seiner Darstellung des schwarzbefrackten Kabalenschmieds Wurm beinahe mephistophlische Ausmaße. Allerdings versagen seine Verführungskünste bei Luisen, die hier fast zum jungfräulichen Gretchen mutiert. Und mit den Ferdinands ist das auch so eine Sache. Wenn sie nicht die Wände hochgehen (DT, Inszenierung Stephan Kimmig) dann zerschlagen sie Geigen. Mit einem Schlagzeug wäre allerdings noch mehr Furor zu erzeugen, wie man von Jette Steckels Danton zu berichten weiß. Allerdings ist Stadtmusikant Miller (Martin Seifert) nun mal nicht bei der Steve Miller Band angestellt und Ferdinand (Sabin Tambrea) und Luise (Antonia Bill) weder Children of the Future noch of the Revolution. Der Musikus, halten zu Gnaden, übt lieber Bückling und überlässt seiner Tochter mit den großen Augen das Feld. Peymann inszeniert seine Frauen auch ganz groß. Sie heben sich schon in ihren Kostümen von der übrigen Personage ab und beherrschen die großen Gesten und die Gefühle nach Belieben. Katharina Susewinds Lady Milford in zartrosa auf eine Schaukel drappiert und Antonia Bills Luise ganz in unschuldigem Weiß. Abstufungen in den Farben verdeutlichen klar die moralische Position oder hierarchische Stufe, auf der die Figuren anzusiedeln sind. Eine Differenzierung ist aber weder Schillers noch Peymanns Ding. Die Hoffnung trägt dementsprechend immer helle Farben und die Söhne marschieren auch heute wieder ins Ausland.

Und es ist die gute bürgerliche Moral, die das feststellen muss, und um die es Peymann auch geht. Wenn schon nicht der Sieg der Liebe, dann doch der des Bildungsbürgertums. Wenn schon nicht Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, dann wenigstens Mitgefühl. Von Dantons Tod zum Limonadengift. Von der gescheiterten Revolution, die ihre Kinder frisst, zum bürgerlichen Trauerspiel. Der aufgeklärte Schillerianer Peymann hebt noch einmal den Zeigefinger und winkt uns damit zu. Das sich Schillers Ideal nicht erfüllt hat, weiß aber auch er, und so fällt die Schmacht- und Reuearie des Präsidenten aus. Das hätte ein großes, kluges, wenn auch resignatives Alterswerk sein können. Das Vermächtnis des Claus Peymann sozusagen, obwohl er uns den Lear noch schuldig ist. Da er aber weiter machen will, bleibt es nur eine unter vielen verjuxten Alterswerken am Theatermuseum BE. „Wir werden noch spielen, wenn aus dem Wiener Burgtheater eine Diskothek und aus dem Berliner Ensemble ein Supermarkt geworden ist. Theater ist ein Teil der menschlichen Psyche und wird darum nie untergehen.“ Vom Burgtheaterdirektor zum ewigen Filialleiter am BE. Vom Supermarkt der großen Gefühle zum allabendlichen Untergang in Kitsch und Tränen. Claus Peymann ist mit seinen Ideen aus der Stadttheatermottenkiste nicht mehr allzu weit davon entfernt.

be_kabale-und-liebe_marz-2013_beifall2.JPG Foto: St. B.

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Literaturhinweis:

Die Untüchtigen: Kunst, Spektakel, Revolution – Revolutionäre Poetik. Oder: Wie vom Schweigen sprechen? Zur Dichtung Hölderlins und Celans – Ein Vortrag von Nikolai E. Bersarin (Jahrgang 1964)

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