Archive for the ‘Fritz Kater’ Category

„Sterne über Senftenberg“ und „Wir kommen“ – Theaterstücke über die Nachwende-Generation in Senftenberg und die Generation der Millennials in Dresden

Mittwoch, Mai 3rd, 2017

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Sterne über Senftenberg – Dominic Friedel inszeniert die Neuauflage eines alten Fritz-Kater-Stücks über ostspezifische Wendeprobleme an der Neuen Bühne Senftenberg

Sterne über Senftenberg von Fritz Kater – Foto (c) Neue Bühne Senftenberg

Bereits im September 2016 hat sich die Neue Bühne Senftenberg mit „Wir sind 70!“ ein Theaterfest zum Jubiläum ausgerichtet. Etwas verspätet kommt dazu nun auch noch ein separates Stück, das man beim Autor Fritz Kater [im sonstigen Leben Theaterregisseur und Intendant des Schauspiels Stuttgart mit Namen Armin Petras] bestellt hatte. Sterne über Senftenberg ist eine Art Fortschreibung des 2003 in Leipzig von Petras selbst uraufgeführten Stücks Sterne über Mansfeld. Darin sind diverse Wendeschicksale verschiedener, in der Region des ehemaligen Kupferbergbaus lebender Personen miteinander verwoben. Kater erzählte von Wünschen, neuen Zielen und Perspektiven im Umbruch sowie dem tragischen Scheitern von Träumen und Beziehungen.

Im neuen Stück, das der Ex-Regieassistent von Armin Petras am Berliner Gorki Theater und heute selbst vielbeschäftigte Regisseur Dominic Friedel in der Studiobühne des Senftenberger Theaters zur Uraufführung brachte, sind dieselben ProtagonistInnen eher lockerer ost-verortet in einer Region, die mit dem Wandel zur gestalteten Kulturlandschaft aber deutlich an die ehemaligen Gebiete des Braunkohletagebaus rund um Senftenberg und Cottbus erinnert. Und auch sonst kann man die Handlung ganz gut mit dem zum Theaterfest uraufgeführten Stück Birkenbiegen des in Cottbus geborenen Autors Oliver Bukowski vergleichen. Hiergebliebene treffen auf Rückkehrer und Zugezogene, die sich mit alten Wunden und neuen Problemen auseinandersetzen müssen.

Wie im Mansfeld ist Polizist Christian (Roland Kurzweg) auch in der Lausitz mit dem Fernrohr immer auf der Suche nach den Sternen, die er seiner Nichte Janica (Marianne Helene Jordan) auf dem Dach eines Bühnenkubus, der am Beginn noch mit Papier eingeschlagen ist, zeigen will. In jenem Kubus steht nach dem Abreißen der Papierbahnen Janicas Vater, der Ex-Rockmusiker Thomas (Robert Eder), der seine E-Gitarre immer wieder einstöpselt und den rauen Sound des Abends gibt. Thomas war vor dem Ende der DDR mal kurz ganz nah dran an einem Plattenvertrag, wie der Schlagzeuger von Rockhaus, einer bekannten Ostband, der nun in einer Stones-Revival-Band spielt. Früher hat Thomas etwas gewagt, wie seine Frau Betty (Eva Geiler) am Küchentisch erzählt – heute verkauft er Versicherungen, um die Schulden für das Haus abzubezahlen. Die Idee einer Go-Kart-Bahn scheitert nicht nur an den Banken, sondern auch an über 600 fehlenden alten Autoreifen.

 

Sterne über Senftenberg – Foto (c) Neue Bühne Senftenberg

 

Ein weiterer Wendeverlierer liegt schon zu Anfang im Straßengraben. Benjamin, ein Parteiarbeiter im Ruhestand (Sybille Böversen), hat versucht sich das Leben zu nehmen und wird vom zugereisten Pastor (Sebastian Volk) gefunden, der im Osten auf Missionarstour ist. Das rund um den drehbaren Kubus sitzende Publikum zieht der junge idealistische Pastor immer wieder mit ein. So fragt er z.B. nach einem Handy, dem fehlenden Glauben oder der Wahrheit. Finden wird er nur Isabell, eine junge Frau auf der Suche nach Liebe (Katrin Flüs), die von einem Jesus an der Fleischtheke im Supermarkt phantasiert, der mit christlichen Litaneien aber in diesem Leben nicht zu helfen ist.

So hat hier jeder sein Päckchen zu schultern, nur der junge Pastor versucht noch die Last des alten Parteigenossen, dessen Gott eine versteckte Stalinbüste ist, mit zu tragen. Unermüdlich fordert er den am Bein Versehrten zum Weiterlaufen auf, aber Benjamin sackt immer wieder in sich zusammen. Er hat den einzigen Schuss der Wendeunruhen abbekommen. Ein Betriebsunfall der Geschichte. Den Pastor bezeichnet Benjamin als Reaktionär, einen der das Rad der Geschichte zurück drehen will. Einziger Hoffnungsschimmer bleibt die junge Janica, die den Absprung vom Graffiti-Sprayen an die Londoner Kunsthochschule schafft, trotz eines fast tödlich ausgehenden Zugunglücks.

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Soweit ist die Senftenberger Story fast identisch mit der aus dem Mansfeld, und man fragt sich schon, ob dieser als Uraufführung angesetzte Abend nicht nur eine örtlich umgesetzte Mogelpackung ist. Auch die recht sprunghafte Inszenierung von Dominic Friedel sorgt da nicht wirklich für Klärung. Das Neue ist dann aber nicht etwa das Weglassen des Chors der älteren Damen, sondern die Einführung der neuen zukunftsweisenden Figur, des Jungen Jeremias, den die aus London zurückgekehrte Janica mit in die alte Heimat bringt. Ihren Sohn, den sie mit einem Jamaikaner zeugte, spielt der 13jährigen Dae Eun Choi, Kind einer Koreanischen Musikerin und eines Senftenberger Schauspielers.

Der knapp 100minütige Inszenierung wird nicht nur von vereinzelten Versen des DDR-Literaten Wolfgang Hilbig und der an Metaphern reichen Sprache Fritz Katers aufgewertet. Am Ende gibt es, nachdem der Bühnenkubus wieder mit Spanplatten verkleidet ist, auch noch einen Blick in die Zukunft des freiwilligen Nierenspenders Christian, der Altenpflegerin Betty sowie von Mutter Janica und Sohn Jeremias. Regisseur Friedel lässt sie um den Kubus rotieren und immer wieder gemeinsam ihre Texte ins Publikum sprechen. „Es gibt keine Wahrheit. Keine Lüge. Nur Aktion. Aber die muss man schon selber machen.“ sagt Jeremias. Oder etwa: „Wir müssen wieder magische Orte schaffen.“ Zumindest dieses vage Versprechen des Theaters kann hier in Teilen erfüllt werden.

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STERNE ÜBER SENFTENBERG (Studiobühne Senftenberg, 08.04.2017)
Von Fritz Kater
Regie: Dominic Friedel
Bühne und Kostüm: Peter Schickart
Dramaturgie: Maren Simoneit
Besetzung:
Thomas, früher mal Rockmusiker … Robert Eder
Christian, sein Bruder, Ex-Polizist, Frührentner, Tauchlehrer … Roland Kurzweg
Pastor, nicht von hier … Sebastian Volk
Benjamin, Parteiarbeiter i. R. … Sybille Böversen
Isabell, auf der Suche nach Liebe … Katrin Flüs
Betty, Frau von Thomas … Eva Geiler
Janica, ihre Tochter … Marianne Helene Jordan
Jeremias, Janicas Sohn … Dae Eun Choi
Uraufführung an der Neuen Bühne Senftenberg: 8. April 2017
Weitere Termine: 22., 23.05.2017

Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-senftenberg.de/

Zuerst erschienen am 10.04.2017 auf Kultura-Extra.

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Bleierne Traurigkeit – Im Kleinen Haus 3 am Staatsschauspiel Dresden bringt Tea Kolbe Ronja von Rönnes Debut-Roman Wir kommen auf die Bühne

Wir kommen (nach dem gleichnamigen Roman von Ronja von Rönne) am Staatsschauspiel Dresden – Foto (c) Matthias Horn

Wir kommen heißt der erste Roman der 1992 in Berlin geborenen und im oberbayerischen Markt Grassau aufgewachsenen Bloggerin und Journalistin Ronja von Rönne. Woher, wohin, ob zu früh oder zu spät, spielt dabei eher eine untergeordnete Rolle. Der Roman beschreibt nur das vage Gefühl es womöglich nicht zu wissen, sich das Recht zum Ausprobieren aber nicht nehmen lassen zu wollen. Beim Bloggen wie beim Schreiben für die Tageszeitung Die Welt (das Springerblatt für Intellektuelle) vertritt Ronja von Rönne aber auch gern mal „Radikalpositionen“. Eine solche zum Thema Warum mich der Feminismus anekelt brachte ihr 2015 nicht nur von Seiten radikaler Feministinnen einigen Ärger ein. Viel Lob gab es dann allerdings auch aus der eher konservativen Ecke.

Infolge dieses medialen Hypes und ihrer Teilnahme am Ingeborg-Bachmann-Peis-Lesen in Klagenfurt ging es bald nicht mehr nur um Inhalte und literarisches Können. Eine gewisse Frechheit kann man dem sogenannten „Rönne-Sound“ ihres Blogs Sudelheft allerdings nicht absprechen. Ronja von Rönne polarisiert und scheint selbst davon überrascht zu sein. Wie man lesen kann, bedauert sie heute ihre damals spontan dahingeworfene Wutrede. Einen Axel-Springer-Preis für ihren kontrovers aufgenommenen Text lehnte sie ab. Durchaus gespalten fiel auch die bundesdeutsche Literaturkritik zu von Rönnes Debutroman aus. Die Einschätzungen gehen von exzellent, raffiniert und witzig bis zu lustlos, wurstig oder gar verzichtbar.

Am 9. April hatte nun die erste Bühnenadaption von Wir kommen am Staatsschauspiel Dresden Premiere. In der Welt lieferte danach die anwesende Autorin unter dem Titel: So gruselig ist es, das eigene Theaterstück zu sehen höchst selbst einen Bericht davon ab. Nebenbei ein recht guter Beitrag zum Verständnis der Figuren, die, wie von Rönne meint, „viel jammern, in einem Beziehungsgeflecht miteinander feststecken und ansonsten wenig tun“. Das klingt nicht gerade nach großer dramatischer Spannung, und wie bei jeder Romanadaption für die Schauspielbühne braucht es dazu nicht nur einen triftigen Grund, sondern auch ein paar gute Ideen, um dem Ganzen eine Wirkung im Theater zu verleihen. Aber wie exzellent oder verzichtbar stellt sich die Geschichte auf der Bühne wirklich dar?

Nora, die junge Protagonistin des Romans, leidet seit einiger Zeit an allmorgentlichen Panikattacken, die ihr die Luft zum Atmen nehmen. Nicht erst seit Thomas Melles Die Welt im Rücken sind Beschreibungen von Depressionen oder bipolaren Störungen ein Thema in der deutschsprachigen Literatur. Auch Ronja von Rönne weiß, wovon sie da schreibt. Allerdings ist das Ergebnis weit davon entfernt, die psychopathologische Analyse einer Krankheit zu sein. Die Autorin liefert eher ein düsteres Stimmungsbild einer Generation, die Meister der Aufarbeitung ist und darüber die Orientierung verloren hat, worum es im Leben überhaupt geht. Diffuse Vorstellungen von Glück, Liebe und beruflicher Karriere gehen mit einer ebenso undefinierbaren lähmenden Angst davor einher.

 

Wir kommen (nach dem gleichnamigen Roman von Ronja von Rönne) am Staatsschauspiel Dresden – Foto (c) Matthias Horn

 

Der besondere Clou der Inszenierung von Regisseurin Tea Kolbe im Kleinen Haus 3 ist es, die Schauspielerin Hannelore Koch als personifizierte Panik auftreten zu lassen. Wirklich angsteinflößend ist diese Figur jedoch nicht. Sie ist wie im Roman eher ein zur Gewohnheit gewordener Partner, der in Stunden der Einsamkeit behutsam mit Sätzen wie „Du verpasst nicht viel.“ das schlechte Gewissen, sich gehen zu lassen, wegreden will, aber auch beharrlich am Selbstbewusstsein nagt. Abhilfe soll der Besuch bei einem Psychotherapeuten schaffen. Als der mit seinem „perfekten Leben“ in den Urlaub fährt, empfiehlt er Nora in seiner Abwesenheit Tagebuch zu führen. Auch ein bewährtes Mittel zur Selbstreflexion. Und so bekritzelt Antje Trautmann als Nora schon zu Beginn mit Kreide den Boden eines runden, drehbaren Spiegelkabinetts.

Die Geschichte entspinnt sich nun zwischen ironischen Gegenwartsspiegelungen Noras und ihrer polyamourösen Beziehung zu Jonas, Karl und Leonie, Mutter der stummen fünfjährigen Tochter Emma-Lou, sowie Rückblenden in Noras Kindheit auf dem Land mit ihrer besten Freundin Maja, die sich gerade das Leben genommen hat. Auf der Rückseite der Spiegelpaneele lassen sich Namen, Alter und Strichsilhouetten zeichnen. Lucie Emons verkörpert dabei immer wieder Maja und zusammen mit Hannelore Koch die anderen Figuren des Romans. Auch Maja, ein früher recht lebensfrohes Mädchen mit ziemlich radikalen Zielen, scheint an einem unverarbeiteten Trauma gelitten zu haben. Der Wunsch, der Enge des Dorflebens zu entfliehen, wird beschrieben. Eine Mutprobe mit tödlichem Ausgang und der Weggang Noras haben die einstigen Freundinnen einander entfremdet.

Nora hadert mit dem Tod Majas, was jedoch nicht der einzige Grund für ihre Angststörungen ist. Auch damals gab es schon eine Vierergruppe, die allerdings nicht unbedingt auf Freiwilligkeit basierte. Nun versucht es Nora besser zu machen. Doch im komplizierten Beziehungsgeflecht der neuen Gruppe kriselt es ebenfalls mächtig. Verschiedene Auffassungen von Liebe und Lebensglück sowie Egotrips und Eifersüchteleien führen trotz einem gemeinsamen dreiwöchigen Urlaub am Meer schließlich zum Bruch. Die gleichen Codes oder eine finale Party liefern nicht den „sozialen Klebstoff“, an dem man schnüffelt, „um wieder abhängig voneinander zu sein“.

Die Dresdner Bühnenfassung versucht von Rönnes zuweilen etwas weitschweifigen Text aufs Wesentliche zu verdichten und die drei Schauspielerinnen schaffen es, die entsprechende Atmosphäre zwischen Hoffnung und bleierner Traurigkeit, von der immer wieder die Rede ist, ganz gut zu transportieren. Trotz einer gewissen, auch treffenden Kritik an typischen Mode-Macken und der im Selbstverwirklichungsstress hyperventilierenden Gesellschaft, die sich erst nach und nach ihrer Müdigkeit bewusst wird (im Programmheft wird mal wieder der Müdigkeits-Philosoph Byung-Chul Han zitiert), meiden Autorin wie Regisseurin die ganz großen Themen. Da ist „ein Tattoo der Bundesrepublik auf dem Rücken“ schon das Schlimmste. Aber eine gewisse Abneigung zur radikalen Gesellschaftskritik scheint der Social-Media-Generation der Millennials, zu der auch Ronja von Rönne gehört, eigen zu sein. Nicht nur, was die Einstellung zum Feminismus betrifft.

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Wir kommen (Kleines Haus 3, 15.04.2017)
Nach dem Roman von Ronja von Rönne
In einer Bearbeitung von Tea Kolbe und Julia Fahle
Regie: Tea Kolbe
Bühne: Anne-Alma Quastenberg
Kostüm: Steffi Rehberg
Licht: Andreas Rösler
Dramaturgie: Julia Fahle
Besetzung:
Nora: Antje Trautmann
Maja: Lucie Emons
Panik: Hannelore Koch
Uraufführung war am 09.04.2017 im Kleinen Haus 3 am Staatsschauspiel Dresden
Dauer der Aufführung: 1 Stunde, 20 Minuten, keine Pause

Termine: 07., 24.05.2017

Info: http://www.staatsschauspiel-dresden.de/

Zuerst erschienen am 19.04.2017 auf Kultura-Extra.

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Das Deutsche Theater Berlin startet mit einer Max-Frisch-Adaption von Thom Luz und einem Fritz-Kater-Stück in der Regie von Tilmann Köhler durchwachsen in die neue Spielzeit

Montag, Oktober 10th, 2016

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Der Mensch erscheint im Holozän – Thom Luz langweilt zum Spielzeitauftakt am Deutschen Theater mit einer späten Erzählung seines Landsmanns Max Frisch

Der Mensch erscheint im Holozän am Deutschen Theater Berlin - (c) Arno Declair

Der Mensch erscheint im Holozän am Deutschen Theater Berlin – (c) Arno Declair

„Herr Geiser hat Zeit.“ heißt es in der 1979 erschienen Erzählung Der Mensch erscheint im Holozän vom damals 68jährigen Max Frisch: Ihr Protagonist, der 73jährige ehemalige Firmeninhaber Herr Geiser aus Basel, zieht sich während eines langanhaltenden Unwetters in den Tessiner Alpen immer mehr in sein Ferienhaus zurück. Ein Erdrutsch droht, die Straße ins Tal ist gesperrt, und der Strom fällt hin und wieder aus. In der drohenden Naturkatastrophe spiegelt sich auch der eigene Verfall. Der alte Mann fühlt sich von der restlichen Welt abgeschnitten und beginnt zunächst aus Langeweile zu lesen. Mehr die im Überfluss vorhanden Sachbücher und Lexika, als Romane, die nur von Menschen und ihren Beziehungen handeln. Herr Geiser sammelt das Wissen der Welt, um es zu bewahren und somit der drohenden Auslöschung des eigenen Ichs zu begegnen.

Ein interessanter Stoff für Thom Luz (Regisseur und Landsmann von Max Frisch) mit Hang zum assoziativ Abseitigen, das sich einfachen, narrativen Erklärungsmustern entzieht. So sind auch seine ebenfalls schon in Berlin zu sehenden Inszenierungen Atlas der abgelegenen Inseln und LSD – Mein Sorgenkind aufgebaut. Luz ist Meister im Erzeugen und Widerspiegeln von Stimmungen. Gern nebelt dafür der Schweizer Regisseur die Bühne ein. Lesen im postdramatischen Kaffeesatz. Und passend auch für das wolkenverhangene Tessiner Tal, das hier auf der Bühne des Deutschen Theaters Berlin einer kleinen Schar Touristen im Vorübergehen von den Ensemblemitgliedern Judith Hofmann, Franziska Machens und Leonhard Dering gbeschrieben wird. Sie tragen Rollenbezeichnungen als verstorbene Frau, Tochter und Schwiegersohn des Herrn Geiser, während Ulrich Matthes als eigentlicher Hauptprotagonist zunächst noch stumm an der Bühnenrampe auf einem Stuhl sitzt.

Die Erzählung über den alten Geiser ist in der dritten Person gehalten und auch weiter auf alle Beteiligten inklusive zweier Klavierspieler Wolfgang Menardi (als deutscher Sonnenforscher) und Daniele Pintaudi (als Armand Schulthess) verteilt. Beides Figuren, die Frisch als Inspirationsquellen für seine Hauptperson dienten. Der Schweizer Industrielle Armand Schulthess als Erfinder eines enzyklopädischen Gartens in den Tessiner Bergen, einer „Enzyklopädie im Walde“ und gewaltigem Nachschlagewerk mitten in der Natur. Ähnlich dem Zettelkasten Geisers, der, um nichts zu vergessen, eine Vielzahl von Lexikoneintragungen ausschneidet und an die Wände seines Hauses pinnt.

 

Der Mensch erscheint im Holozän am Deutschen Theater Berlin - (c) Arno Declair

Der Mensch erscheint im Holozän am Deutschen Theater Berlin
(c) Arno Declair

 

Das ist hier nur mit zwei Tapetenwänden und einer Treppe als zweigeschossiges Gestell angedeutet, das von den SchauspielerInnen immer wieder mal bestiegen wird. Ansonsten ist die Bühne außer mehreren Klavieren und Scheinwerfern recht leer. Die Naturbeschreibungen wie die zahllosen Wissensfetzen des Alten, der sich erst nach und nach eine Stimme verschafft, die ihm aber durch die anderen immer wieder genommen wird, verhallen wie ungehört im Nebel. Eine eher vergebliche Selbstvergewisserung, die selbst durch den Besuch der Dorfspelunke oder die versuchte Flucht aus dem Tal den geistigen Verfall des Mannes nicht aufhalten kann. Wissen beruhigt zwar kurzzeitig, aber: „Was heißt Holozän! Die Natur braucht keinen Namen. Das weiß Herr Geiser. Die Gesteine brauchen sein Gedächtnis nicht.“ lautet der Schlüsselsatz der Erzählung.

Die Natur ist bei Luz allerdings ein rein abstraktes Gedankengebilde. Matthes zählt mit monotoner Stimme die vielen Arten des Donners auf. Er scheint dabei ganz in sich selbst versunken. Auch die Anderen sind eher sprechende Schatten, die ansonsten in dem von Luz durch Wechsel von Licht, Dunkelheit und chorischem Liedersingen zu dezenter, klassischer Klaviermusik erzeugten Stimmungsraum huschen. Sie geben Radiomeldungen wieder, imitieren dabei das Verstellen der Sender mit einer Stahlplatte auf den Saiten eines Klaviers oder lesen im Linienlicht der Punktscheinwerfer Frischs Text. Viel mehr fällt Thom Luz zu diesem existentiellen Drama eines Mannes, dessen Gedächtnis sich trotz des unaufhörlichen Ordnungsdrangs langsam aufzulösen beginnt und im Chaos der Natur aufgeht, nicht ein. Der stille und dennoch hochphilosophische Text dient letztendlich nur für eine der typischen Fingerübungen des Regisseurs mit sparsamer Musikbegleitung, die sich irgendwann hinter sich schließenden Gazevorhängen totläuft.

Dahinter kann Herr Geiser noch etwas über Gott, das Ende der Welt und das Zeitalter der Dinosaurier philosophieren, bis seine Konturen langsam verschwimmen und die Stimme erstirbt. Der Mensch hat dem Lauf der Natur und dem Tod nichts entgegenzusetzen. Ulrich Matthes könnte so auch die Zeit oder die Seitenzahlen ansagen. Es würde nicht viel am Verlauf des 90minütigen Abends ändern. Es macht sich Schläfrigkeit breit. So starben dann wohl auch die Dinosaurier. Aus lauter Langweile.

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Der Mensch erscheint im Holozän
nach der gleichnamigen Erzählung von Max Frisch
in einer Fassung von Thom Luz und David Heiligers
Premiere war am 23.09.2016 Deutsches Theater
Regie: Thom Luz
Musikalische Leitung: Mathias Weibel
Bühne: Wolfgang Menardi, Thom Luz
Kostüme: Sophie Leypold
Dramaturgie: David Heiligers
Licht: Matthias Vogel
Mit:
Ulrich Matthes…Herr Geiser
Judith Hofmann…Elsbeth, seine verstorbene Frau
Franziska Machens…Corinne, seine abwesende Tochter
Leonhard Dering…Der Schwiegersohn aus Basel, der immer alles besser weiß
Wolfgang Menardi…Ein deutscher Sonnenforscher
Daniele Pintaudi…Armand Schulthess
als Besucher: Margitta Azadian, Mohammed Azadian, Martin Heise, Till-Jan Meinen, Sarah Maria Neugebauer, Valentin Olbrich, Nina Philipp, Thomas Reimann
Koproduktion mit dem Theater Basel
Premiere war am 2309.2016 im Deutschen Theater Berlin
Termine: 13., 22.10. / 01., 09., 18.11.2016

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 24.09.2016 auf Kultura-Extra.

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BUCH. Berlin (5 ingredientes de la vida) – Tilman Köhler inszeniert an den DT-Kammerspielen Fritz Katers Stück als szenisches Panorama des modernen Menschen

Um fünf Ingredienzien des Lebens soll es im Stück BUCH. Berlin gehen. Dazu gehören nach der Szenenabfolge des Autors Fritz Kater Utopie, Phantasie, Liebe und Tod, Instinkt und Sorge. „wie leben wir und warum?“ – ein Panorama des modernen Menschen in fünf Bildern, das von den 60er Jahren bis in die Gegenwart reicht und sich um Geburt, Kindheit, Erwachsenendasein und Tod dreht.

 

Keine Angst vor niemand - Spielzeitmotto am Deutschen Theater Berlin - Foto: St. B.

Keine Angst vor niemand – Spielzeitmotto am Deutschen Theater Berlin – Foto: St. B.

 

An den Münchner Kammerspielen hat es der Regisseur Armin Petras (dessen schreibendes Alter-Ego Fritz Kater ist) im April letzten Jahres selbst uraufgeführt. Damals noch nur BUCH genannt, bringt es der ehemalige Hausregisseur des Dresdner Staatsschauspiels, Tilmann Köhler, nun als Berliner Fassung auf die Bühne der Kammerspiele im Deutschen Theater. Buch bedeutet hier nämlich nicht nur das literarische Werk (Kater nimmt immer wieder Bezug auf Die Suche nach der verlorenen Zeit von Marcel Proust, auf Jorge Luis Borges oder Samuel Beckett) sondern auch das Krankenhaus Berlin-Buch, in dem 1984 ein 50-jähriger, alkoholkranker Wissenschaftler über sein vergangenes Leben und insbesondere die Jugendzeit sinniert. Ähnlich wie Becketts Krapp spricht er seine Erinnerungen auf Tonband, erlebt nochmal die Jugend in den Sachen des Sohnes, im Wissen selbst gescheitert zu sein. „wo war der, der ich hatte werden wollen? und wer war das? ich hatte ihn lange nicht gesehen.“

Von Hoffnung bis Ernüchterung, Frust bis hin zu Wut, großer Melancholie und Angst gibt es hier alle Zutaten, die echtes Leben ausmachen. Es beginnt 1966 mit einem Futurologen-Kongress in Arizona oder München (Kater gibt für seine Spielorte immer auch globale Alternativen an). Eine Gruppe von Wissenschaftlern spricht über die Zukunft und malt diese in den fortschrittlichsten Utopien aus. Schon hier lässt Autor Kater die philosophischen und technischen Höhenflüge durch mit Maschinenpistolen bewaffnete Bunny-Girls zerstören. Tilman Köhler lässt die Stimmen aus dem Off einspielen, während Jörg Pose als stummer Conférencier im Glitzerfrack mit Zylinder über die Bühnenschräge tänzelt. Die MPi-Bunnys sind gestrichen, dafür gibt‘s andere Häschen und grüne Marsmännchen.

 

BUCH. Berlin (5 ingredientes de la vida) - Foto: Arno Declair

BUCH. Berlin (5 ingredientes de la vida) – Foto: Arno Declair

 

Humor spielt auch in der zweiten Szene, die mit phantasie überschrieben ist, eine große Rolle. In einem weißen Styroporbühnenbild aus den russischen Großbuchstaben ЗИМA (SIMA) für Winter turnen Christoph Franken, Benjamin Lillie, Wiebke Mollenhauer und Linn Reusse als Berliner Gören herum und warten auf die S-Bahn nach Buch, wo sie den Vater im Krankenhaus besuchen wollen, während die Mutter vermutlich nach dem Westen abgehauen ist. Die Welt der Erwachsenen in den Reflexionen und Worten der lieben Kleinen. Bis auf die Tatsache, dass Köhler hier die Kinderzahl des Originals verdoppelt, bleibt die Erkenntnis – bis auf die, des Beckett‘schen Wartens auf etwas, das nicht kommt – in dieser Spielszene allerdings relativ gering.

Etwas größer sind die Kinder und die Erkenntnisse dann in der dritten Szene, die wie eingangs erwähnt in den 1980er Jahren beim Alkoholiker-Vater in Buch spielt, sowie die Jugendlichen bei der ersten Liebe, in der Disco und am sommerlichen See zeigen. Benjamin Lillie, Wiebke Mollenhauer, Jörg Pose und Linn Reusse spielen das als Live-Konzert. Eine emotionale Achterbahnfahrt zwischen Liebe und Tod, Rock und Blues mit Songs wie „House of the rising Sun“ von The Animals, „She’s lost Control“ von Joy Division und „Hard to Concentrate“ von den Red Hot Chili Peppers. Ein Zugriff, der sich über den Text ziemlich gut erschließt. Jörg Pose glänzt dann noch als emotionales Wrack und gescheiterter Wissenschaftler, der einst die Lebensformel schon in Händen hielt und nun nur noch als verwischtes Action-Painting an die Wand pinselt, während die Jugend ihm gelangweilt ins Wort fällt.

Nach der Pause wird dann wieder relativ konventionelles Theater gegeben. In jeweils zwei Paarkonstellationen lässt Köhler die restlichen beiden Szenen spielen. In instinkt berichtet eine junge, schwangere Elfentenkuh (Linn Reusse) von den Massakern der Menschen und sucht zusammen mit einem jungen Bullen nach einem sogenannten „stillen land“. Utopie und Ideologie in einer Tierparabel, die hier etwas hilflos auf der Bühne zerstampft wird. Hochemotional wird es dann noch mal in der letzten Szene sorge, in der Wiebke Mollenhauer im weißen Brautkleid und Schauspielgast Matthias Reichwald aus Dresden ein Paar im Heute geben, das über der Sorge um ihr krankes Kind und den verschiedenen Ansichten zur persönlichen Lebensplanung und Künstlerkarriere zerbricht.

Man muss hier nachträglich eine kleine Lanze für das von den Kritikern nach der Premiere arg zu Unrecht gescholtene Stück brechen. Kater schließt hier fast nahtlos an seine in ebenso losen Szenefolgen gehaltenen Utopie- und Geschichtsdramen we are blood (2010) und demenz depression und revolution (2013) an. Selbst die besonders im ersten Teil etwas zu naiv bunt bebildernde Inszenierung von Tilmann Köhler ist so schlecht nicht. Auch wenn man sich vielleicht gewünscht hätte, dass der Regisseur hier und da doch noch stärker zupackend mit dem Stoff umgegangen wäre. Ein Abend, der sich aber trotz einiger kleiner Schwächen dennoch durchaus zu sehen lohnt.

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BUCH. Berlin (5 ingredientes de la vida) – DT-Kammerspiele, 06.10.2016
von Fritz Kater
Regie: Tilmann Köhler
Bühne: Nicole Timm
Kostüme: Susanne Uhl
Musik: Jörg-Martin Wagner
Licht: Thomas Langguth
Dramaturgie: Sonja Anders
Mit: Christoph Franken, Benjamin Lillie, Wiebke Mollenhauer, Jörg Pose, Matthias Reichwald, Linn Reusse
Premiere war am 24.09.2016 in den DT-Kammerspielen
Termine: 12., 21.10. / 09., 22.11.2016

Infos: https://www.deutschestheater.de/

Zuerst erschienen am 08.10.2016 auf Kultura-Extra.

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Episches und Meditatives aus Stuttgart und Basel bei den AUTORENTHEATERTAGEN 2016 im Deutschen Theater Berlin

Sonntag, Juni 19th, 2016

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I’m searching for I:N:R:I (eine kriegsfuge) von Fritz Kater – Ein Gastspiel des Schauspiels Stuttgart

In seinem neuen Stück I’m searching for I:N:R:I (eine kriegsfuge) erzählt Fritz Kater, das Dramatiker-Alter-Ego des Regisseurs und Schauspielintendanten des Staatstheaters Stuttgart Armin Petras, deutsche Geschichte mal nicht wie in zeit zu lieben zeit zu sterben oder heaven (zu Tristan) aus der reinen Ost-Perspektive. Der Autor spannt einen Bogen in 13 Szenen von 1941 im Kriegs-Berlin über die bundesdeutsche Wirtschaftswunderzeit der 1950er Jahre bis zum Sommer 1989 in West-Berlin kurz vor dem Mauerfall. Vielleicht ist das Stück auch so etwas wie ein westdeutsches Pendant zu Christa Wolfs Roman Der Geteilte Himmel, den Armin Petras 2015 an der Berliner Schaubühne mit viel ostdeutschem Zeitkolorit inszeniert hat.

 

I´m earching for I:N:R:I (eine kriegsfuge) - Foto (c) Thomas Aurin

Foto (c) Thomas Aurin

 

Im wahrsten Sinne des Wortes erzählt wird hier die Liebesgeschichte des Journalisten Maibom (André Jung) und seiner Freundin Rieke (Fritzi Haberlandt), einer Mitarbeiterin eines West-Berliner Immobilienbüros. Sie leben Anfang 1959 im siebenten Jahr zusammen und denken sogar an Heirat. Nach einer Auslandsreise Maiboms nach Havanna, wo er eine Reportage über den Sieg der kubanischen Revolution machen soll, holt die Beiden ein Jahr später ihre Vergangenheit wieder ein.

Katers Stücktext ist, wie schon erwähnt, sehr episch geraten. In längeren Monologpassagen erzählen die Figuren in Rückblenden Episoden aus ihrem Leben während des Kriegs. Rieke hieß 1941 noch Rosa, ein 15jähriges Mädchen, das nach einer Vergewaltigung in die Prostitution abrutschte und dann über den Nazi-Mann Hauser Auslandagentin in Rom wurde. Auch Maibom hatte damals noch einen anderen Namen und war jüdisch-polnischer Kampfpilot. Nach dem Krieg ging er nach Israel, wurde Agrarflieger, verlor sein Bein bei einem Absturz und ging schließlich wieder nach Deutschland, wo er nun als Journalist und gelegentlich als Nazijäger für den Mossad arbeitet.

 

Foto (c) Thomas Aurin

Foto (c) Thomas Aurin

 

Das klingt zunächst recht spannend und ist auch in Teilen ganz interessant anzuhören. Allein ein richtiges Stück will daraus nicht werden. Die weitestgehend statische Inszenierung des Stuttgarter Opern-Intendanten Jossi Wieler bremst den hochtrabend-langatmigen Text zusätzlich aus. Besonders die Israelpassage im Krankenhaus von Tel Aviv absolviert André Jung komplett im Liegen. Trotz guter Schauspieler wirkt das streckenweise wie eine szenische Lesung auf einem Haufen zersplitterter Gipszementplatten, auf denen die DarstellerInnen unsicher balancieren wie auf dünnem Eis.

Fritz Kater springt in der Zeit vor und zurück, bedient sich bei Stilelementen des Film Noir, des Agententhrillers oder bei Kriegs- und Reiseliteratur von Anna Seghers, Erich Maria Remarque, William Faulkner und Hunter S. Thomson. Das Filmische wird zusätzlich durch Schwarz-weiß-Videoeinblendungen und Jazzmusik betont. Die 40er und 50er Jahre sind auch in den Kostümen maßgebend. Miles Davis und Philip Marlow treffen hier auf Kommissar Blacky Fuchsberger.

Weitere Figuren werden in die Story eingewoben, wie die ominöse Milena (Manja Kuhl), die Maibom nach der Entführung von Rieke/Helene 1960 in einer Villa in Bonn-Bad Godesberg neben der Leiche eines italienischen Musiktheoretikers und Bach-Spezialisten trifft, oder einen aus der DDR nach West-Berlin geflohenen jungen Musiker (Matti Krause), der dort 1989 neben dem gealterten Maibom wohnt. Und auch der verdruckste Ossi hat eine schuldbeladene Fluchtgeschichte.

Neben der komplizierten Liebesbeziehung ist das vor allem aber auch ein Stück über vergebliche Vergangenheitsbewältigung und Heilung von Wunden, was laut Maibom nur durch das Vergessen geschehen kann. Allein er kann nicht vergessen, und er kann auch nicht sterben, weil ihn der Hass an den Nazi Hauser am Leben hält. Und natürlich klagen Maibom/Kater auch ein wenig über vergangene Revolutionen, nach deren erster Euphorie in ein paar Jahren schnell alles wieder beim Alten ist. Man befindet sich im permanenten Kriegszustand, bis einer gesiegt hat. Nach Schuld oder Wahrheit wird hier nicht gefragt. Was schmerzt, ist der Verlust über das, was man schon sicher zu haben glaubte. Etwa wie Orpheus seine Eurydike, deren Geschichte Kater als Sekundärdrama mit einflicht.

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I’M SEARCHING FOR I:N:R:I (EINE KRIEGSFUGE)

(DT-Kammerspiele, 14.06.2016)
Regie: Jossi Wieler
Bühne / Kostüme: Anja Rabes
Musik: Wolfgang Siuda
Video: Chris Kondek
Dramaturgie: Jan Hein
Licht: Felix Dreyer, Rainer Eisenbraun
Mit: André Jung (maibom), Fritzi Haberlandt (rosa, helene, rieke – ein und dieselbe person), Manja Kuhl (milena), Lucie Emons (julie) und Matti Krause (der junge mann)
Uraufführung am Schauspiel Stuttgart: 11. März 2106
Gastspiel des Schauspiels Stuttgart zu den Autorentheatertagen Berlin 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.schauspiel-stuttgart.de

Zuerst erschienen am 15.06.2016 auf Kultura-Extra.

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Mit LSD – Mein Sorgenkind – Thom Luz organisiert mit seiner Baseler Minimal-Inszenierung der Drogenradfahrt von Albert Hofmann einen eher unterdosierten Klang- und Bilderrausch

Von wegen LSD-Trip. Es sollen schon Radfahrer allein an der reinen Schweizer Bergluft einer Art Höhenrausch verfallen sein. Nun hat aber der Schweizer Chemiker Albert Hofmann die Wirkung der von ihm entdeckten Droge LSD, einem Derivat der aus dem Mutterkorn gewonnenen Lysergsäure, 1943 tatsächlich bei einer Velo-Fahrt von Basel in den Vorort Bottmingen an sich selbst getestet. Dieser halbwegs kontrollierte Trip, den Hofmann minutiös festhielt und seine Erfahrungen 1979 in dem Buch LSD – Mein Sorgenkind veröffentlichte, inspirierte den hochgelobten Theater-Experimentator Thom Luz zu einer theatralen Wiederholung. Dabei interessierte ihn allerdings weniger der eigentliche Drogenrausch als die Tatsache des im Buch beschrieben Phänomens, „in relativ kurzer Zeit in einen Bereiche vorzudringen, der sich in Worten nur schwer ausdrücken lässt.“

Nun gleichen die Beschreibungen von Albert Hofmann schon recht genau den Vorstellungen, die man gemeinhin mit solcher Art von Drogenerfahrungen verbindet. Psychedelische Zustände und visuelle Halluzinationen mit übersteigerten Klang- und Farbwahrnehmungen. Zitat: „Kaleidoskopartig sich verändernd drangen bunte phantastische Gebilde auf mich ein, in Kreisen und Spiralen sich öffnend und wieder schließend, in Farbfontänen zersprühend, sich neu ordnend und kreuzend, in ständigem Fluss.“ Besonders merkwürdig war Hofmann, „wie alle akustischen Wahrnehmungen (…) sich in optische Empfindungen verwandelten“. Und genau dahin zielt der Versuch des Bühnen-Tüftlers Luz.

 

LSD - Mein Sorgenkind am Theater Basel - Foto (c) Simon Hallström

LSD – Mein Sorgenkind am Theater Basel
Foto (c) Simon Hallström

 

Dabei ist das Instrumentarium, das der Regisseur hier auf großer Bühne auffährt, relativ sparsam. Thom Luz und Wolfgang Menardi haben einen Versuchsraum geschaffen, der einem Laboratorium wie in der Schweizer Sandoz AG in etwa nahe kommen könnte. Hohe weiße Wände, ein paar Pflanzen und Stühle, dazu ein Cembalo, Soundmixer, Klangstangen, Speichenräder, Monitore, auf denen eine Kamerafahrt durch das nächtliche Basel übertragen wird, eine Verkehrsampel und ein Vogelkäfig.

Es dauert etwas, bis sich das Schauspielensemble, das weiße Kittel und auch mal Atemmasken trägt, eingerichtet hat. Man spielt Minimalmusik und spricht Fragmente aus den Erinnerungen Albert Hofmanns. Etwa die einer „Verzauberung aus Kindertagen“ bei einem Waldspaziergang, bei dem ihm plötzlich alles wie in einem hellen Licht erschien. Ein „Glücksgefühl der Zugehörigkeit und der seligen Geborgenheit“. Dazu zwitschern die Vögel, am Mischpult entstehen immer wieder experimentelle Störgeräusche, und verzerrte Stimmen wie aus dem All gefunkt sind wahrnehmbar.

Vieles wird nur angestimmt, bleibt aber schnell wieder stecken. Ein gewisses ironisch entschleunigtes Marthaler-Feeling macht sich breit. Man singt im Chor Partien aus Haydns Oratorium Die Schöpfung, was sehr gut zum Schöpfungsakt des Wissenschaftlers und seiner späteren Aussage zum Bewusstsein als dem größten Geschenk des Schöpfers an die Menschen passt. Zu den Zustandsbeschreibungen auf der Fahrradfahrt Hofmanns, die genaue Orte, Straßen und Plätze benennen, werden immer mehr Klaviere aufgefahren, in die lange Papierrollen eingespannt sind. Die Dämpfer der Hämmer sind mit Farbe getränkt und hinterlassen beim Anschlag entsprechende Farbmuster auf den Rollen, die an Prospektstangen hochgezogen, schließlich einen ganzen Wald bilden. Die Farbklaviere erzeugen einen sehr schönen Effekt in Klang und Bild, der aber der einzige Farbtupfer auf dunkler Bühne bleibt.

„Der Mechanismus des LSD ist ganz einfach: die Tore der Wahrnehmung werden geöffnet und wir sehen plötzlich mehr – von der Wahrheit.“ Dabei hatte sich Hofmann bei der Erprobung tätige Mithilfe beim deutschen Schriftsteller Ernst Jünger geholt. „Es handelt sich ja eigentlich nicht nur um das Visuelle, sondern um die Schärfung der Sinnesorgane überhaupt. Ich möchte sagen, die Bandbreite wird nach beiden Seiten verlängert und überschritten.“ lässt sich der drogenerfahrene „Psychonaut“ in einem Gespräch mit Albert Hofmann in den 1970er Jahren vernehmen. Übrigens legte sich der kultivierte LSD-Genießer Ernst Jünger bei seinen äußerst kontrollierten Trips immer gern Mozart auf.

Bei Luz zerrt es akustisch mal ein wenig in die eine, mal in die andere Richtung. Zu wirklichen Grenzüberschreitungen kommt es aber nie. Als kleine Wahrnehmungsstörung funktioniert der Abend ganz gut, wenn man sich schon darüber wundert, dass einem die Beatles plötzlich spanisch vorkommen. Nun gilt ja Musik durchaus als spiritueller Rauscherzeuger. Besonderer Mittelchen zur kollektiven Verzückung braucht es da nicht unbedingt. Eine Explosion der Sinne oder wie auch immer geartete Bewusstseinserweiterung bleibt hier aber weitestgehend aus. Es wirkt eher wie der meditative Versuch einer spirituellen Kontemplation. Luz verabreicht sein „LSD“ in homöopathischen Dosen. Ein Vogel im Käfig eben. Auch Jünger bezeichnete die Modedroge der Hippies, nachdem er sie zu stark mit Wasser verdünnt hatte, als Hauskatze verglichen mit dem Königstiger Meskalin.

Man lese LSD. Albert Hofmann und Ernst Jünger. Der Briefwechsel 1947 bis 1997, der den intellektuellen Austausch Hofmanns mit dem experimentierfreudigen, nicht ganz unproblematischen Künstler und Lebensphilosophen Jünger dokumentiert. Der Literaturwissenschaftler Helmut Lethen und der Biologe Cord Riechelmann kommen in einem im Buch veröffentlichten Gespräch über Jüngers Drogenexperimente und dessen Essay Annäherungen. Drogen und Rausch zu der interessanten Feststellung: „Wozu habe ich einen Möglichkeitssinn, wenn er mir nicht den Blick auf die Wirklichkeit erweitert?“ Musils „Möglichkeitsmensch“ lässt grüßen. Außerdem klingt das dann schon fast wie eine ultimative Aufforderung für experimentierende Theatermacher.

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LSD – MEIN SORGENKIND (DT Berlin, 15.06.2016)
Inszenierung: Thom Luz
Bühne: Thom Luz, Wolfgang Menardi
Kostüme/Licht: Tina Bleuler
Musik: Mathias Weibel
Dramaturgie: Ewald Palmetshofer
Mit: Carina Braunschmidt, Mario Fuchs, Wolfgang Menardi, Daniele Pintaudi, Mathias Weibel und Leonie Merlin Young
Uraufführung am Theater Basel: 31.Oktober 2015
Gastspiel des Theaters Basel zu den Autorentheatertagen Berlin 2016

Weitere Infos siehe auch: http://www.theater-basel.ch/

Zuerst erschienen am 17.06.2016 auf Kultura-Extra.

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Ein Reigen Deutscher Geschichte von Heiner Müller bis Ton Steine Scherben – Manuel Soubeyrand eröffnet seine Intendanz an der Neuen Bühne Senftenberg mit einem Jahr100Spektakel.

Donnerstag, Oktober 2nd, 2014

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Angeblich soll man ihn für verrückt erklärt haben, als in Theaterkreisen bekannt wurde, dass Manuel Soubeyrand, aus Esslingen kommend, seine Intendanz an der Neuen Bühne Senftenberg mit Heiner Müller eröffnen wolle. Und dann auch noch mit GERMANIA 3 – Gespenster am toten Mann, Müllers 1996 von Leander Haußmann in Bochum uraufgeführter Abgesang nicht nur auf den deutschen Sozialismus, begraben in einem Mausoleum aus Stacheldraht. Es ist vor allem auch ein Text-Monument, das aus Fragmenten gesamtdeutscher Geschichte besteht. Soubeyrand stellt es in eigener Regie einem ganzen Jahr100Spektakel voran, bestehend aus fünf Stücken und einer abschließenden Live-Radio-Show. Eine Tradition, die der neue Intendant vom alten übernommen hat. Sewan Latchinian (der vor einer Woche an neuer Wirkungsstätte in Rostock seinen 1. Stapellauf mit immerhin drei Premieren hatte) lässt nach zehn Jahren das Feld gut bestellt zurück. Den Senftenbergern ist ihr Theater lieb geworden. Da müsste Soubeyrand schon einiges in den Lausitzer Sand setzen, um sich hier dauerhaft die Ernte zu vermiesen.

Neue Bühne Senftenberg - Foto: St. B.

Neue Bühne Senftenberg – Foto: St. B.

Heiner Müller ist entgegen Erwin Strittmatter, dem das benachbarte Staatstheater Cottbus vor kurzem noch zum Hundertsten gratulierte, beileibe nicht nur ein regionaler Ost-Dramatiker, wie Soubeyrand zur Einführung bemerkte. Der Regisseur vergleicht ihn sogar mit Friedrich Schiller, dem deutschen Nationaldichter und Verfechter einer „Universalgeschichte“, mit dem Müller nicht nur die letzten vier Buchstaben gemein habe. Strittmatter und Müller stehen aber beide auch in der Tradition von Bertolt Brecht. Von dem einem konnte man aus seinen Tagebüchern gerade neueste Anekdoten über den proletarischen Dichter lesen. Der andere verkündete „Brecht gebrauchen, ohne ihn zu kritisieren, ist Verrat“. Und auch das ist Thema dieses Mammut-Abends, an dem Brecht und Müller nicht nur einmal um die Ecke winken werden. Das klingt nach schwerer Kost. Aber an ein wenig Überforderung mit deutscher Geschichte ist noch keiner gestorben, eher am Totschweigen selbiger.

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Manuel Soubeyrand Foto: St. B.

Manuel Soubeyrand
Foto: St. B.

Zunächst lässt sich feststellen, dass das Team um Intendant und Regisseur Manuel Soubeyrand nicht in Schieflage von der Müller’schen Gegenschräge, auf der bekanntlich die Toten warten, gerutscht ist. Man hält sich bodenständig aufrecht, zunächst noch ganz in Schwarz im Zuschauerraum vor der Rampe. Das Ensemble berichtet hier chorisch vom babylonischen Turmbau. Der Text ist nicht von Heiner Müller, sondern aus der Erzählung Das Stadtwappen von Franz Kafka. Es ist einer der typischen Kafka-Texte, in denen man viel will, aber nichts wirklich gelingt. In diesem Fall wird sogar das Chaos von Generation zu Generation größer, lediglich durch Kriege unterbrochen, an deren Ende die Nachfolgenden auf den Ruinen der Alten viel schöner und moderner aufbauen wollen. Als Wappen wählen sich die Bürger der Stadt eine Faust, die Faust der Zerstörung. Soubeyrand benutzt Kafkas Parabel des Scheiterns als Gleichnis für den Verlauf der Geschichte im Allgemeinen.

Die Menschheit hat nichts aus der Geschichte gelernt. Und damit ist man dann schon mitten drin, in Heiner Müllers Historiendrama GERMANIA 3. Er gräbt die Schlächter und ihre bekannten und namenlosen Toten wieder aus. Ein Streifzug durch deutsche Geschichte von Preußen über Weimar nach Stalingrad und wieder zurück. Ein Exerzitium der Gespenster am toten Mann. Da stehen Teddy Thälmann und Walter Ulbricht an der Berliner Mauer auf Wacht, Stalin als wahnsinniger Macbeth sieht überall die Leichen seiner getöteten Gegner, und Hitler bläst im Führerbunker zur letzten Reise nach Walhall. Dazu erklingt Wagners Walkürenritt. Soubeyrand packt Müllers Texte in möglichst expressive Bilder, in denen die blutigen Führer des Volkes zwar erkennbar bleiben, aber wie überzeichnete Faschingsfiguren in Kostüm und Lametta chargieren.

Rosa Luxemburg hinkt vor ihren Mördern zum Klang von „Es blies eine Jäger wohl in sein Horn“ über die Bühne, deutsche Soldaten nagen geräuschvoll an den Knochen ihrer toten Kameraden, und russische Soldaten lesen Hölderlin aus dem Buch eines toten Deutschen, der ein Foto gehängter Partisanen bei sich trägt. Drei deutsche Offizierswitwen lassen sich von einem kroatischen SS-Mann mit der Axt umbringen, und russische Soldaten vergewaltigen die Frau eines KZ-Häftlings auf dem Tisch. Für die Rache des Heimkehrers gibt es Sibirien. „Willkommen in der Heimat Bolschewik“. Soubeyrand erspart dem Zuschauer nichts, wenn er Müllers in den Zeiten springendes Stück leicht gekürzt als Reigen makabrer ineinander übergehender Szenenfolgen inszeniert. Auf der Rückwand flimmern immer wieder Aufnahmen historischer Ereignisse, vom Band kommen bekannten Stimmen aus der Vergangenheit.

Das Jahr100Spektakel - GERMANIA 3 - Foto (C) Steffen Rasche

Das Jahr100Spektakel – GERMANIA 3 Foto (C) Steffen Rasche

Die Reise geht weiter von den Nibelungen über die DDR bis zum Mauerfall im Bühnenbild einer abgeranzt grün gekachelten Küche, in der Rächerin Kriemhild und Mörder Hagen, im Kettenhemd auf sein Schwert gestützt, stehen, die DDR-Nomenklatura Karneval feiert, und ein abtrünniger Sohn wird von seinem Funktionärsvater verraten. Soubeyrand bedient sich hier bei Müllers Wolokolamsker Chaussee. Er streicht dafür die drei Brechtwitwen und mit dem Rosa Riesen einen bekannten Nachwendemörder. Die Westerben übernehmen schließlich wieder den alten Besitz, ein Spukschloss mit dunkler Vergangenheit. „Dunkel Genossen ist der Weltraum sehr dunkel“ – mit dem Gagarin-Zitat schließt dann auch das Stück recht pessimistisch. Als Hoffnungsschimmer schiebt Soubeyrand das wieder chorisch an der Rampe vorgetragene Brechtgedicht An die Nachgeborenen hinterher. Die anwesende Brecht/Schall-Familie und Ziehvater Wolf Biermann wirds gefreut haben.

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Während Manuel Soubeyrand bei Müller das Theaterblut noch weitestgehend in der Tube lässt, kommt es im zweiten Teil des Abends umso häufiger zum Einsatz. „Ich rieche Menschenfleisch“, ein Märchenzitat aus Müllers GERMANIA 3 könnte gut auch aus WolfsWelt. Die Stunde der Kammerjäger von Werner Buhss stammen. Die einzige Uraufführung des Abends stand neben dem Fritz-Kater-Stück Vineta, Jan Neumanns Fundament und dem wortlosen Wunschkonzert von Franz Xaver Kroetz nach der ersten Pause zur Wahl. Neben Blut aus der Tube steht in WolfsWelt aber vor allem Menschenfleisch auf dem Speiseplan, gern auch mal roh durch den Wolf gedreht.

Autor und Übersetzer Werner Buhss, 1949 in Magdeburg geboren, veröffentlicht seit den 1980er Jahren regelmäßig Theaterstücke mit Bezug zur deutschen Geschichte der Vor- und Nachwendezeit. Als nach der Wende Heiner Müllers Wortquell weitestgehend versiegte, war Buhss einer seiner Nachfolger in Sachen Geschichtsaufarbeitung. Für Bevor wir Greise wurden, ein Volksstück nach Barlachscher Manier (1995 in Magdeburg uraufgeführt) erhielt er den Mühlheimer Dramatikerpreis. Auch da wabert Stalin (1953 gestorben) als untoter Geist durch die Fünfziger der jungen DDR. WolfsWelt ist dagegen ein Stück aus der Gegenwart, in die der Geist der Vergangenheit aber deutlich seine Spuren hineindrückt.

Das Jahr100Spektakel - WolsWelt - Foto (C) Steffen Rasche

Das Jahr100Spektakel – WolfsWeltFoto (C) Steffen Rasche

Ort der Handlung ist eine Art versteinerter Wald, fast wie in einer Endzeitstimmung, die aber geistig an Tendenzen der Gewalt, des Fremdenhasses und humanistischen Werteverfalls unserer Zeit erinnern soll. Buhss packt das in die Form eines zynischen Märchens angelehnt an das Rotkäppchen der Gebrüdern Grimm. Der böse Wolf ist hier ein Vater, der seine beiden Söhne im Geiste des Paukbodens erzieht. Zucht durch Körperertüchtigung, Denksport und sonntägliches Spielen als Strategieübung. Ist der Alte bei Buhss noch klar als Burschenschaftler zu erkennen, lässt die junge Regisseurin Samia Chancrin die Schauspieler gleich als menschliches Wolfsrudel auftreten, denen Kostümbildnerin Jenny Schall Fellfetzen an die Anzüge geklebt hat. Reviermarkierung und -reinigung als Verteidigung der abendländischen Kultur mit Zähnen und Klauen. Für alle reicht es nicht.

Das moderne „Rotkäppchen mit den abgebissenen Fingernägeln“ heißt Hilde im roten Samtumhang. Ihre Geschichte der Befreiung aus dem Wolfsbauch wird zur chorisch durchchoreografierten Meisterleistung. Mit Hilde bricht der Trieb und die Eifersucht als neue Komponente in das Rudels ein, und somit die klare Hierarchie auf. Die Liebe überkommt erst den jungen Zweifler Götz, dann den älteren Bruder Hasso. „Die Liebe ist ein Verzehr des anderen.“ Die Saat des Zorns trägt bald ihre Früchte. Bevor die Brüder das Rotkäppchen zum Mord am verhassten Rudelführer bringen können, kommt der Brudermord. Als Anschauungsunterricht in kulinarischem Sexismus gibt es noch eine eingespielte TV-Kochshow.

WolfsWelt ist ein Stück wie aus Zitaten, Sprichwörtern und sozialdarwinistischem Vokabular zusammengeklebt. Nietzsche, Jünger, Hindenburg usw., Stahlgewitter, Verdun als Badekur – „Was mich nicht umbringt, macht uns stärker!“ Dazu müllert es an allen Ecken und Enden. „Der Boden muss mit Blut gedünkt werden.“ (siehe Stalin in GERMANIA 3) Man müsste das Stück aus dem strengen Korsett seiner abgegrenzten Spielszenen und pseudophilosophisch eingeschobenen Lyrik befreien, was Regisseurin Chancrin auch stellenweise gelingt. Sie findet immer wieder passende Bilder für den beschriebenen Gewaltkreislauf, in dem sich das Rudel schließlich in den eigenen Schwanz beißt. Ihn zu brechen, bedarf es sicherlich mehr als einer vegetarischen Diät. Mahlzeit. Buletten und Würstchen gabs in der Pause vom Barrikadengrill im Hof der Neuen Bühne.

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Brecht und Müller ziehen sich also wie ein roter Faden durch den Abend. Und auch im letzten Teil, der Live-Radio-Show zum Thema Politik, Widerstand und Hoffnung, wandelt Müllers Glückloser Engel mit weiten Schwingen über die Bühne und singt man Bertolt Brechts Legende vom toten Soldaten. In Form von Kalenderblättern erinnert das Ensemble an bedeutende Personen und Ereignisse sowie die beiden Weltkriege und Konflikte der letzten hundert Jahre wie in Irland, Vietnam oder Chile. Man gedenkt den Leitfiguren des Widerstands und der Hoffnung wie Georg Elser, Rosa Parks, Martin Luther King, Nelson Mandela, Salvador Allende und Víctor Jara. Dazu werden Songs über Revolte und Revolution von den Neville Brothers, The Cranberries, Tracy Chapman oder Ton Steine Scherben gesungen, aber auch das Lied der Moorsoldaten. Wie schon in GERMANIA 3 eine überzeugende Ensembleleistung.

Das Jahr100Spektakel - Keine Macht für Niemand Foto (C) Steffen Rasche

Das Jahr100Spektakel – Keine Macht für Niemand
Foto (C) Steffen Rasche

Die Eckleuchten, oder besser Grubenlampen an der Neuen Bühne Senftenberg, die sich einst noch Theater der Bergarbeiter nannte, sind somit gesetzt. Mögen sie ein Licht aus der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft hinübersenden. Dafür steht mit „Der Traum ist aus“ auch ein weiterer Ton-Steine-Scherben-Song in der Radio-Show. Der lange Weg der Hoffnung führt hier am Ende Schritt für Schritt ins Paradies. Allerdings dachten Sänger Rio Reiser und Band wohl eher nicht an jenes, aus dem der Sturm des Fortschritts Walter Benjamins Engel der Geschichte unaufhaltsam in die Zukunft treibt, die aufgeschichteten Trümmer unserer Katastrophen hinter sich im Blick.

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Heiner Müller
Germania 3. Gespenster am toten Mann
Regie – Manuel Soubeyrand
Bühne – Gundula Martin
Kostüme – Jenny Schall
Dramaturgie – Jörg Hückler
Mit: Roland Kurzweg, Friedrich Rößiger, Marianne Helene Jordan, Simon Elias, Jan Schönberg, Heinz Klevenow, Wolfgang Tegel, Robert Eder, Johannes May, Eva Kammigan, Eva Geiler, Sybille Böversen, Catharina Struwe

Werner Buhss
WolfsWelt. Die Stunde der Kammerjäger (UA)
Regie – Samia Chancrin
Bühne – Saskia Wunsch
Kostüme – Jenny Schall
Dramaturgie – Jörg Hückler
Mit:
Götz – Tom Bartels
Hasso – Friedrich Rößiger
Hilde, Wolfgang, Hausfrau – Marlene Hoffmann
Vater, Koch – Franz Sodann
Kind – Dae Enn Rößiger
Kinderstimme – Emilia Heimburger
Kinderstimme – Jessie Thieme
Kinderstimme – Lenie Thieme

Heiner Kondschak
Keine Macht für Niemand
Lieder über Politik, Widerstand und Hoffnung
Musikalische Leitung/Regie – Alexander Suckel
Bühne – Gundula Martin
Kostüme – Jenny Schall
Dramaturgie – Jörg Hückler
Mit: Tom Bartels, Alrun Herbing, Marlene Hoffmann, Marianne Helene Jordan, Roland Kurzweg, Hanka Mark, Friedrich Rößiger, Catharina Struwe, Wolfgang Tegel

Weitere Infos: http://www.theater-senftenberg.de/de/spielplan/premieren/das-jahr100spektakel.html

Zuerst erschienen am 01.10.2014 auf Kultura-Extra.

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demenz depression und revolution (studie zu 3 mythen der gegenwart) – Armin Petras wurschtelt sich am Maxim Gorki Theater zum Thema Kunst-, Gesellschafts- und Alltagsmythen performativ-assoziativ durch die teils diffuse Gedankenwelt seines Autorenegos Fritz Kater.

Freitag, Januar 11th, 2013

„“ziel und einzige methode der moderne ist der wandel einzige methode die permanente Kritik“ -“ Fritz Kater aus: „demenz depression und revolution

Unabhängigkeit der Kunst – für die Revolution!
Revolution – für die vollständige Befreiung der Kunst!

Diese hehren Ziele gaben der surrealistische Literat Andrè Breton und der bildende Künstler Diego Riviera in ihrem „Manifest für eine unabhängige revolutionäre Kunst“ 1938 in der amerikanischen Zeitschrift „Partisan Review“ aus. Gestützt auf die Thesen des jungen Karl Marx, für den die Freiheit des Schriftstellers und Journalisten darin bestand, „kein Gewerbe zu sein“, und unter Mitarbeit des kommunistischen Politikers und revolutionären Theoretikers Leo Trotzki sprachen sie sich vehement für die Unabhängigkeit jeglicher Art der Kunstausübung aus. Das avantgardistische dieser Schlagworte wurde besonders nach der Oktoberrevolution in Russland unter dem Einfluss von Stalin korrumpiert und missbraucht. Trotzki prangerte das ein Jahr später in einem Brief an eben jene Zeitschrift in New York an. In seinem „Kunst und Revolution“ (1) betitelten Artikel betonte er noch einmal: „Echtes geistiges Schaffen ist unvereinbar mit Lüge, Heuchelei und Konformismus. Die Kunst kann nur insoweit ein großer Bundesgenosse der Revolution sein, als sie sich selbst treu bleibt.“ Nun ist trotzdem jegliche künstlerische Betätigung oder Darstellung der gesellschaftlichen Verhältnisse gleichzeitig auch Broterwerb. Jeder Künstler ist versucht seit ehedem auch von seiner Kunst leben zu können.

Der tschechische Filmemacher Pavel Jurácek. pavel-juracek.jpg
Foto auf www.goeast.deutsches-filminstitut.de

Dieser Zwiespalt, in dem sich jeder politisch denkende Künstler befindet, ist dann auch eine der „3 Mythen der Gegenwart“ die Fritz Kater, das Dramatikerego des Noch-Gorki-Intendanten Armin Petras, zu einer Studie mit dem Titel: „demenz depression und revolution“ verdichtet hat. Der dritte Teil des Stücks, das am 05.01.13 am Maxim Gorki Theater Premiere hatte, endet mit dem Satz: „kunst ist revolution oder nichts“. Es ist der Musiker des Abends Miles Perkin, der diese Worte vor dem geschlossenen Eisernen Vorhang spricht. Ein Vorhang, der sich auch für den Protagonisten aus „tagebuch eines revolutionärs/versuch einer fälschung“ geschlossen hat. Der tschechische Filmemacher Pavel Juráček (1935-1989), den es tatsächlich gab, bewegt sich zwischen dem eigenen Anspruch an sein künstlerisches Ego und störenden familiären Problemen wie im Traum durch die anstehenden gesellschaftlichen Veränderungen (Prager Frühling 1968). Petras hat dessen Tagebucheintragungen, in denen der an einer Schreibblockade leidende Drehbuchautor über das Skript zu seinen geplanten Film nach Swifts „Gullivers Reisen“ sinniert und in ständigen Zweifeln und Geldproblemen steckt, zu einem ca. einstündigen Stück verarbeitet. Juráčeks surrealistischer Film über eine gegenwärtige Welt im Untergang (Prípad pro zacínajícího kata – A Case for a Rookie Hangman – Ein Fall für einen Henkerslehrling) verschwand 1969 im Giftschrank und beendete abrupt die Karriere des Regisseurs.

Dekonstruktion von Alltagsmythen in drei Teilen

An einem Tag, an dem in der Berliner Zeitung ein Artikel über die Entlassung von Mitarbeitern des Maxim Gorki Theaters veröffentlicht wurde, erscheint dieser letzte Satz des Stückes über die revolutionäre Kraft der Kunst in dem Zusammenhang nicht nur ironisch, sondern sogar wie blanker Zynismus. Man kann nicht nur, man muss geradezu das Stück von diesem Ende her lesen. Auf jede gescheiterte Revolution folgen Depression und schließlich die geistige Demenz, oder wie es Ernst Bloch formulierte: „Was man nicht weiß, macht einen nicht heiß. So haben es die Lauen auch mit Marx gehalten, tun gern dumm, auch heute noch.“ („Marx, aufrechter Gang, konkrete Utopie“ in „Politische Messungen, Pestzeit, Vormärz“, 1968) Ganz so defätistisch will es Petras allerdings nicht sehen und hängt seine Intensionen dann auch entsprechend etwas niedriger. Er hangelt sich eher an den bekannten Krankheitssymptomen der modernen Gesellschaft entlang und beschreibt einerseits im ersten Teil die Gebrechen einer immer älter werdenden Bevölkerung, was sich immer öfter im Befund einer fortschreitenden Demenz niederschlägt, und andererseits den an Depressionen leidenden Leistungsmenschen im zweiten Teil. Ein Versuch der Dekonstruktion der Alltagsmythen nach Roland Barthes in drei Teilen. Die Kritik an einer Gesellschaft, die ihre Krankheiten als naturgegeben ansieht und sich mit dem Behandeln der Symptome begnügt. In der die nicht mehr Leistungswilligen oder -fähigen aussortiert und pathologisiert werden. Dagegen setzen Kater/Petras nun den dritten Mythos von der Kunst in revolutionären Zeiten.

Zwischen Kunst, Revolution und Privatem

Für den Protagonisten Pawel aus dem dritten Teil „tagebuch eines revolutionärs“ kommt die Revolution allerdings zur unpassenden Zeit. Er ist mit seinen eigen Problemen beschäftigt. Kunst, Revolution und Privates vermischen sich und lähmen ihn. Seine Frau hat ihn verlassen und nimmt ihm auch seine kleine Tochter weg. Von Kneipe zu Kneipe und von einem Mädchen zum anderen trinkt und schläft er sich durch die Nächte, schwankend zwischen Begeisterung und der Angst, dass alles nur ein Betrug ist, und lässt sich dabei von einer reichen italienischen Gräfin aushalten. Tagebucheintragungen von Ereignissen in Prag wechseln sich mit Gedanken zu seinem unvollendeten Drehbuch und Reflektionen zur Kunst ab. „kunst lebt letzten endes nur von der anerkennung …“ oder „weil es dinge gibt die mehr sind als nur sprechen gibt es die kunst“ sinniert Pawel. Entgegen Marx sind für ihn aber Revolutionen nicht die Lokomotiven, sondern eher die Lockenwickler der Geschichte. Man könnte auch sagen, sie geben der Geschichte erst ihre Form, oder den Sinn. Der Sinn liegt für den Künstler aber allein in seiner Kunst, die in seinen Augen revolutionär ist, oder eben nichts.

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Im Sog der Ereignisse. Prager Frühling 1968. Eine Menge von Demonstranten gegen einige sowjetische Panzer in den ersten Tagen des Einmarsches. Foto: Engramma.it auf Wikipedia

Dieser letzte Teil ist textlich der dichteste und stärkste von Katers Studie. Armin Petras inszeniert ihn mit drei Schauspielern (Cristin König, Thomas Lawinky und die junge Svenja Liesau) in ständig wechselnden Rollen. Das hat durchaus Drive und schreckt nicht vor Pathos, Klamauk und Travestie zurück. In einer Szene ziehen sich die drei Schauspieler rote Kleider an, stülpen sich farbige Wollmasken über die Gesichter und posieren im Stil des Punkgebets von Pussy Riot zu Gitarrenklängen des Musikers Miles Perkin. Petras setzt die Gedanken des Filmemachers zu Kunst und Revolution ganz assoziativ in performative Bilder um. Flower-Power, Pop-Art, reale Videobilder des Prager Frühlings und ein farbiges Kunsthappening bei dem sich Thomas Lawinky das Gesicht mit weißer Farbe beschmiert und Svenja Liesau ihm eine Clownsgesicht malt, das immer wieder verläuft. Petras bedient hier das romantische Klischee des frei schaffenden Künstlers, der aus den Zwängen der Gesellschaft ausbrechen will. Das einzig Revolutionäre bleibt für ihn der eigentliche Akt der Erschaffung von Kunst. Der Künstler als Schöpfer wird sein eigener Revolutionär. Kunst als Therapie für die Gesellschaft? Kann Kunst überhaupt gesellschaftliche Veränderungen bewirken? Eine Frage an der sich z.B. auch Sebastian Hartmann schon seit geraumer Zeit in Leipzig abarbeitet, dessen artifiziell halluzinogene Inszenierung „Der Trinker“ nach Hans Fallada bereits am Maxim Gorki Theater zu sehen war.

Poetische Schmetterlinge in der Demenzstation

Dagegen fallen die beiden ersten Teile des Abends allerdings sehr ab und auch recht unterschiedlich aus. Dem ersten Teil zur Demenz „im schmetterlingsgrund“ stellt Kater einige Sätze des Philosophen Platon aus dessen Dialog des Sokrates mit dem jungen Phaidros als Grundmotiv für dessen ambivalenten Umgang mit dem mythischen Erzählen voran. Kater fügt im Weiteren Gespräche zwischen Kranken, Pflegern und Angehörigen aus Recherchen, die er in Demenzstationen durchgeführt hat, und poetische Abschnitte zusammen, in denen es wie in einem Requiem um die Seelen von kranken und toten Menschen geht, die sich in Schmetterlingen wiederfinden. Pate standen hier wohl u.a. Das Schmetterlingstal der dänischen Lyrikerin Inger Christensen, die deutsche Romantik von Novalis bis Eichendorff und auch noch Kriegs- und Todesbeschreibungen von Wolfgang Borchert und Paul Celan. Damit überfrachtet Kater ein wenig den recht nüchternen reportagehaften Textteil. Regisseur Petras bürstet das wieder kräftig gegen den Strich, in dem er sehr ironisch die Protagonisten in Fatsuites und unmögliche Klamotten stecken lässt. Es wird getaumelt, gebrabbelt, gesungen und auch mal getanzt. Das wirkt zeitweise albern und ermüdet irgendwann. Eigentlich hatten Kater/Petras mit der Idee Platons, dass der Seele des Menschen, wenn sie etwas Schönes auf der Erde sieht, Flügel wachsen, ja schon ein sehr schönes poetisches Bild. Das Thema des alternden Menschen, der sich der Gesellschaft geistig immer mehr entzieht und schließlich nur noch in seiner inneren Welt lebt, entschwindet aber schließlich so wie die davon flatternden Schmetterlinge, die Thomas Lawinky zum Schluss von A wie abendfauenauge bis Z wie zwergbläuling schier endlos aufzählt, irgendwo im poetisch kitschigen Niemandsland.

Persönliches Schicksal versus Allgemeingültigkeit

Das Debakel schlechthin erlebt nun im Nachhinein der Autor Kater wie der Regisseur Petras mit dem zweiten Teil „schwarzer hund“. Die in vielen Punkten fast identisch an die Lebens- und Leidensgeschichte des Torhüters Robert Enke, der sich aufgrund einer Depression und erhöhtem Leistungsdruck 2009 das Leben nahm, angelegten Szenen geben seit Montag den Anlass für einen drohenden Rechtsstreit mit der Witwe Enkes, die sich in ihren Persönlichkeitsrechten verletzt fühlt. Es heißt da zu Anfang: „traurigkeit ist schwer zu ertragen aber jeder muss einmal ohne maske leben“. Was Kater/Petras eigentlich damit bezweckt hatte, dem Mythos vom „schwarzen Hund“ Depression, der dem Leidenden auf dem Rücken sitzt, die Maske herunterzureißen und ihn offen und allgemeingültig am „Archetypus“ eines depressiven Fußballtorwarts zu diskutieren („er war deutschlands nummer eins“), begreift Teresa Enke eher als einen eklatanten Eingriff in ihre Privatsphäre. Zu nah hat der Autor Kater die Story an die zugegebener Maßen allseits bekannten und medial ausgeschlachteten Lebensstationen Robert Enkes angelehnt. Von der Deutschen Bundesliga nach Lissabon, der Sprung nach Barcelona und der Absturz in Spaniens 2. Liga nach Teneriffa. Die Frau die ihr Studium für ihn aufgibt, sich mit Hunden umgibt, um nicht allein zu sein, ein Hochzeitsantrag mit Namen auf dem Trikot, erste Negativerlebnisse (Schießbude), Stasivorwürfe an den ehemaligen Ostler, und dann doch erster Kindersegen. Auch hier lässt Kater das Drama des herzkranken Kindes nicht aus.

Wie sich hier ein Wandel vom persönlichen Schicksal hin zum allgemeingültigen Krankheitsfall ergeben soll, bleibt ein Rätsel, das Armin Petras nun genötigt ist aufzuklären. Bleibt zu hoffen, dass er menschlich sensibilisiert und künstlerisch gestärkt aus dieser Auseinandersetzung herauskommen kann. Am engagierten Spiel von Michael Klammer und Aenne Schwarz, die diese im reinen Erzählton angelegte Geschichte verkörpern, kann es nicht liegen, dass die Rechnung letztendlich nicht aufgeht. Dazu kommen Zweifel, ob Katers Verlag nicht auch die Rechte zur Verwertung der biografischen Fakten aus dem Buch „Ein allzu kurzes Leben“ von Ronald Reng hätte einholen müssen. Diese liegen ebenfalls bei der Witwe Enkes, die sich nun insgesamt übergangen fühlt. Der Dank Katers galt lediglich dem Sportlerbiografen des Torhüters. Nun stehen Autor, Verlag und Gorki Theater vor den Scherben und müssen zu den anstehenden Katertagen am 19.01.13 wohl eine Rumpfversion des Stückes spielen. Man hat sich bis zur Klärung der strittigen Punkte bereit erklärt, den zweiten Teil nicht mehr zu spielen. Also Katerstimmung zu einem Stück mit drei diffusen Teilen, die sich nicht erst jetzt so recht nicht zu einem Ganzen fügen wollten.

Fehlende Sensorik?

Ansonsten ist dieser Abend tatsächlich mehr romantischer Revolutionskitsch, fröhliches Kunsthappening und doktert auch nur an den Symptomen der kranken Gesellschaft herum. Das Petras Schlagworte hernimmt, die vor ihm z.B. schon Trotzki, Barthes oder auch Wagner (Die Revolution) benutzt haben und sie dann zu einem relativ folgenlosen Performancereigen über die Krankheiten der Gesellschaft zusammenschraubt, ist nicht nur recht schluderig gearbeitet (wobei ich die Schauspieler ausdrücklich ausnehmen möchte), sondern erscheint sogar etwas denkfaul. Eine kleine Enttäuschung zum Jahresauftakt. Armin Petras kann es wesentlich besser, dass hat er bereits in zahlreichen gelungenen Inszenierungen seiner Katerstücke bewiesen. Ist er gedanklich etwa schon in Stuttgart? So kann man den Abschied auch forcieren. Letztendlich ist Petras die Revolution oder auch die revolutionäre Kraft der Kunst ebenso ein gesellschaftlicher Mythos, wie die Krankheiten der Gesellschaft an sich. Die Utopie des freien und selbstbestimmten Künstlers und Menschen, ein Mythos, der nun selbst auf ihn zurückschlägt. Die Sensorik der Antennen, die wir geneigt sind immer mehr abzuknicken, wie es Christoph Schlingensief in seiner Biografie „Ich weiß ich war`s“, aus der im Programmheft zitiert wird, beschreibt, scheint auch Armin Petras kurzzeitig abhanden gekommen zu sein.

Foto: St. B. maxim-gorki-theater_juni-2012.jpg

Die nächsten Termine am Maxim Gorki Theater:

  • Sa. 19.01.2013, 19:30 Uhr  (18:45 Uhr Einführung)
  • Mi. 06.02.2013, 19:30 Uhr

(1) Das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft hatte 1939 Leo Trotzki in „Kunst und Revolution“ ganz treffend so beschrieben:

„Die Kunst, die den komplexesten, empfindlichsten und verwundbarsten Teil der Kultur darstellt, leidet ganz besonders unter dem Niedergang und Zerfall der bürgerlichen Gesellschaft.
Aus dieser Sackgasse mit den Mitteln der Kunst einen Ausweg zu finden, ist nicht möglich. Die ganze Kultur befindet sich in einer Krise, von der ökonomischen Basis bis zu den höchsten ideologischen Schichten. Die Kunst kann weder der Krise entkommen noch sich von ihr lossagen. Sie kann nicht nur sich selbst retten. Sie wird zwangsläufig verfallen – wie die griechische Kunst unter den Ruinen der Sklavenhalterkultur verfiel –, falls die gegenwärtige Gesellschaft sich nicht zu verändern vermag. Dieses Problem hat einen unbedingt revolutionären Charakter. Aus diesem Grund wird die Funktion der Kunst in unserer Epoche durch ihr Verhältnis zur Revolution bestimmt.“

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Über das Erinnern (1) – Drei Theaterstücke in Berlin beschäftigen sich mit der DDR-Vergangenheit

Mittwoch, März 14th, 2012

„Aber kein Mensch kann den Wirkungen entgehen oder sich von den Einflüssen trennen, die von seiner Kindheit und Jugend her in sein späteres Leben dringen – auch und gerade, wenn diese Kindheit unter Einflüssen stand und Verhaltensweisen in ihm erzeugt hat, die er am liebsten vergessen und leugnen möchte, zuerst vor sich selbst.“ Christa Wolf, Lesen und Schreiben. Neue Sammlung. Essays, Aufsätze, Reden

Die Erinnerung geht meist verschlungene Wege, ist keine geradlinige Straße in die Vergangenheit. Man muss diese Straße auf der Suche nach Spuren abschreiten, den Asphalt abklopfen auf Resonanz, die durch dessen doppelten Boden erzeugt wird. Für Walter Benjamin ist daher der Flaneur vor allem ein Sinnbild für das literarische Erinnern, das ihn aber immer auch in ein Labyrinth führt, wie in Marcel Prousts Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Erinnerung wird oft durch äußere Reize wie Geschmack, Düfte oder auch Klänge hervorgerufen oder verstärkt. Musik ist daher besonders gut geeignet Erinnerungen wach zu rufen und so besitzt jeder Mensch einen ganz besonderen Soundtrack seines Lebens. Das man in seiner Erinnerung oft zur Verklärung neigt, ist eine spezifische Eigenschaft persönlichen Erinnerns, das bestimmte Erlebnisse ausblendet und andere dafür um so deutlicher erscheinen lässt. Besonders negativ besetzte Ereignisse verschwimmen dabei zunehmend im großen Chor der kollektiven Erinnerung. Nostalgie nennt man z.B. eine dieser Erscheinungen, was die jüngere deutsche Geschichte betrifft. Daher ist es besonders begrüßenswert, dass sich in der letzten Woche wieder einmal Künstler an drei Berliner Theatern mit der ost- bzw. gesamtdeutschen Vergangenheit befasst haben und somit einen wichtigen Beitrag zur gemeinsamen Erinnerungsarbeit leisteten.

„Unser Gedächtnis gleicht den Geschäften, die im Schaufenster einmal die eine und einmal die andere Photographie der gleichen Person ausstellen. Gewöhnlich bleibt dann für einige Zeit nur die letzte im Blickfeld der Beachtung.“ Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Erinnerungsarbeit leicht gemacht – Antú Romero Nunes flaniert am Maxim Gorki Theater mit viel Musik durch Fritz Katers „zeit zu lieben zeit zu sterben“

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Fritz Kater widmete das Stück zeit zu lieben zeit zu sterben Jeams Dean. Foto: Wikimedia

„Musik ist natürlich ein zentraler Punkt. Mit dem Sprechen heute ist es nicht mehr so einfach. Der Sprachakt als solcher, der ist so vergiftet und zerstört, so verniedlicht und verkleinert; deshalb muss man immer wieder gucken, wo kann die Sprache Kraft herbekommen. Musik ist da ganz stark.“ Armin Petras in einem taz-Interview vom 14.05.2003

Schon in der Uraufführung, die Armin Petras 2002 am Thalia Theater Hamburg besorgte, gab es einen rockigen Soundtrack. Antú Romero Nunes, der damals 18jährige, hat in seiner Neuinszenierung des dreiteiligen in Mülheim preisgekrönten Stücks über eine Jugend in der DDR auch auf die Karte Musik gesetzt. Sie kommt aber nicht wie in Hamburg vom Band, sondern wird im Maxim Gorki Theater live auf der Bühne von der Band „marie & the redCat“ performt. Die Musiker stehen dabei auf einem Podest und untermalen die schnellen Texte des Schauspielerchors mit ihrem poppigen Sound. Sie spielen eigene Stücke und Coverversionen von Songs aus jener Zeit der 70er und 80er Jahre. Neil Youngs „Old man“ steht neben „Halt dich an deiner Liebe fest“ von Ton Steine Scherben und „El pueblo unido jamàs serà vencido”, einem Klassiker der chilenischen Band Inti-Illimani, Dauergäste des Ost-Berliner Festivals des politischen Liedes.

Im ersten Teil „Eine Jugend / Chor“ werden die Erlebnisse eines Heranwachsenden in einem ungebremsten Redefluss durch die acht Gorki-Schauspieler wechselseitig oder im Chor vorgetragen. Die Musik wirkt hierbei direkt auf die Körper und lässt das unreflektierte Erinnern des Ich-Erzählers in eine unmittelbare Gruppenbewegung übergehen. Witzige Erinnerungen an Feten, wilde Besäufnisse und erste sexuelle Kontakte, wechseln mit anekdotenhaften Berichten von Mai-Aufmärschen, vergeblichen Ausreiseanträgen und tragischen Getränkeunfällen. Der Spaß ist hier noch die vorherrschende Attitüde, die Sehnsucht nach Leben, Liebe und Sex. Der Protagonist schreckt aber immer wieder vor großen Entscheidungen zurück. Das Schlimme passiert immer den anderen, er verhält sich nicht dazu. Kater/Petras entwirft hier eine exemplarische Figur der persönlichen Erinnerung, die der Chor zu einer kollektiven macht. Nunes übersetzt diese Stimmung in ein vielstimmiges Konzert. Zum Schluss regnet es sogar Flitter auf die Bühne, bevor der Rausch verflogen ist und sich der Ich-Erzähler dem Ernst beim Dienst in der Grenztruppe stellen muss.

Im zweiten Teil „Alter Film / die Gruppe“ fährt die Band in den Hintergrund und auf der Drehbühne spult sich das Leben von Peter (Peter Jordan), der mit Mutter (Hilke Altefrohne) und Bruder Ralf (Johann Jürgens) ohne Vater aufwächst. Der ist in den Westen abgehauen und wird später durch den aus dem Gefängnis kommenden Onkel Breuer (Andreas Leupold) ersetzt. Der hat sich angepasst und rät auch Peter, sich in die Reihe zu stellen. Peter denkt aber lieber daran, wie er Adriana (Julischka Eichel) rumkriegen kann oder hat mit der betrunkenen Yvonne (Aenne Schwarz) ein Bad-Sex-Erlebnis. Erstmals dringen auch die unangenehmen Seiten des Heranwachsens in der DDR in sein Leben. Bruder Ralf bekommt keinen Studienplatz, selbst Onkel Breuer, der plötzlich Karriere macht, kann da nicht helfen und Peters Idol Dirk (Robert Kuchenbuch) geht in den Westen. In der Schule muss sich Peter nun mit Lehrerin Jolanta-Saukopf (Aenne Schwarz) oder dem scharfen Herrn Bühring-Uhle (Johann Jürgens) auseinandersetzen. Nunes spult das Geschehen tatsächlich in bunten Filmbildern auf der Drehbühne ab. Er greift hier Walter Benjamins Thema des Flaneurs auf (siehe Programmheft) und lässt Peter buchstäblich durch die Erinnerrungen seiner Jugend schlendern. Wie in einem Shortcut-Film jagen dabei die anderen in immer neuen Gruppenaufstellungen an ihm vorbei.

Die Sehnsucht nach der großen Liebe will sich für Peter aber nicht erfüllen. Die Zeit erstarrt und die Bühne steht schließlich still. Die Band stimmt Rio Reisers „Halt dich an deiner Liebe fest“ an und fordert zum Mitsingen auf. Es geht hier um die ganz spezielle Art der Erinnerung, die für jeden anders ist, sich aber immer auch an bestimmten gemeinsamen Eckpunkten festmachen lässt. Das ist das phänomenale an Katers Stück, dass in seinen drei Teilen verschiedene Erinnerungsebenen untersucht werden. Im ersten Teil der schnelle unreflektierte Erzählstrom, dann kommen dem Protagonisten die anderen Personen und Schicksale schon näher und er fängt an über sich und sein Leben nachzudenken. Schließlich erfolgt ein Cut. Robert Kuchenbuch erzählt auf leerer Bühne in „Eine Liebe / zwei Menschen“ von ein Mann, der nach der Wende seine Familie verlässt, um eine neue Arbeit zu beginnen. Er begegnet einer anderen Frau und spürt kurzzeitig die alte Sehnsucht nach der ganz großen Liebe. Aber er hat keine Kraft mehr sie zu halten. Man erlebt einen Gescheiterten, der sich an eine unmögliche Liebe klammert, auf der Suche nach einem Gefühl von früher. Doch der Vulkan ist erloschen. Der Chor steht derweil abseits im Saal. Trotz oder gerade wegen des nachdenklichen Endes ist Nunes kraftvolle Wiederbelebung des Stücks vollauf geglückt.

„Man denkt an das, was man verließ;
Was man gewohnt war, bleibt ein Paradies.“

Johann Wolfgang von Goethe, Faust II

wird fortgesetzt

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